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Yoga für den Rücken

Examensarbeit 2001 96 Seiten

Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 YOGA
2.1 Was ist Yoga?
2.2 Geschichte des Yoga
2.3 Die acht Glieder des Yoga
2.4 Verschiedene Richtungen des Yoga
2.5 Hatha-Yoga
2.6 Wirbelsäule und Energiefluss
2.7 Yoga und Gesundheit - Wirkungsweisen der Asanas

3 ANATOMIE UND FUNKTION DER WIRBELSÄULE
3.1 Skelettelemente der Wirbelsäule
3.1.1 Die Wirbelsäule
3.1.2 Allgemeiner Bauplan eines Wirbels
3.1.3 Die Halswirbel
3.1.4 Die Brustwirbel
3.1.5 Die Lendenwirbel
3.1.6 Das Kreuzbein
3.1.7 Das Steißbein
3.2 Verbindungen der Wirbel
3.2.1 Die Bandscheiben
3.2.2 Die Bänder der Wirbelsäule
3.2.3 Die Wirbelgelenke
3.3 Form und Bewegungen der Wirbelsäule
3.3.1 Die Krümmungen der Wirbelsäule
3.3.2 Die Beweglichkeit der Wirbelsäule
3.4 Die Muskulatur
3.4.1 Die Rückenmuskulatur
3.4.2 Funktion der Rückenmuskulatur
3.4.3 Die Bauchmuskulatur
3.4.4 Funktion der Bauchmuskulatur
3.4.5 Die Hüftmuskulatur
3.4.6 Funktion der Hüftmuskulatur
3.4.7 Die Beckenbodenmuskulatur
3.4.8 Funktion der Beckenbodenmuskulatur

4 URSACHEN VON RÜCKENSCHMERZEN
4.1 Körperhaltung und Rückenschmerzen
4.1.1 Die Haltung
4.1.2 Normalstellung des Körpers
4.1.3 Körperhaltung und Gemütsverfassung
4.1.4 Haltungsfehler
4.1.4.1 Haltungsfehler im Bereich der Halswirbelsäule
4.1.4.2 Haltungsfehler im Bereich der Brustwirbelsäule
4.1.4.3 Haltungsfehler im Bereich der Lendenwirbelsäule
4.2 Skoliose
4.3 Degenerative Veränderungen der Wirbelsäule
4.3.1 Der natürliche Verschleißprozess
4.3.2 Der Bandscheibenvorfall
4.3.3 Der Hexenschuss
4.3.4 Das Facettensyndrom
4.4 Spondylolyse und Spondylolisthesis
4.5 Wirbelkanalstenose
4.6 Übergewicht und schlechte Ernährung
4.7 Psychologische Aspekte des Rückenschmerzes

5 YOGA FÜR DEN RÜCKEN IM ALLTAG
5.1 Die Yogapause
5.2 Gewohnte Alltagsbewegungen
5.3 Stehen und Gehen
5.4 Die richtige Sitzhaltung
5.5 Richtiges Liegen
5.6 Bücken, Heben und Tragen

6 YOGA-TECHNIKEN ZUR STRESSBEWÄLTIGUNG UND ENTSPANNUNG
6.1 Stress
6.2 Stressbewältigung durch Yoga
6.3 Entspannung
6.4 Atmung
6.4.1 Pranayama
6.4.2 Die drei Phasen der Yoga-Atmung
6.4.3 Die Bauch-, Brust- und Schlüsselbeinatmung
6.4.4 Atem- und Entspannungsübungen
6.4.4.1 Totenstellung (Savasana)
6.4.4.2 Einfache Tiefenatmung (Ujjayi)
6.4.4.3 Wellenatmung
6.4.4.4 Wechselseitige Nasenatmung (Nadi Sodhana)
6.4.4.5 Gaslösende Stellung (Vatayanasana) mit angewinkelten Beinen
6.4.4.6 Endentspannung

7 ALLGEMEINE ÜBERLEGUNGEN ZU DEN ÜBUNGEN
7.1 Bewusstes und aufmerksames Ausführen der Yogaübungen
7.2 Kann Yoga dem Rücken schaden?
7.3 Ratschläge für die Übungen
7.4 Übungsvorbereitung
7.5 Hinlegen und Aufstehen

8 PRAXISTEIL - DIE YOGAÜBUNGEN
8.1 Die Bergstellung (Tadasana)
8.2 Der Vollkommene Sitz (Siddhasana)
8.3 Die Totenstellung (Savasana)
8.4 Übungen für den Beckenboden
8.4.1 Den Beckenboden erspüren
8.4.2 Erspüren, wie der Beckenboden den unteren Rücken und das Becken bewegt
8.4.3 Aktivierung der Muskeln zwischen den Sitzbeinen
8.5 Die Stellung des Kindes (Pindasana)
8.6 Der Hund (Svanasana)
8.7 Die Katze (Marjari)
8.8 Die Variante des Helden
8.9 Das Gestreckte Dreieck (Utthita Trikonasana)
8.10 Die Variante des Adlers
8.11 Das Gegen die Wand drücken
8.12 Der Langsitz (Dandasana)
8.13 Die Kopf-Knie-Stellung (Paschimottanasana)
8.14 Die Halbe Kopf-Knie-Stellung (Janushirasana)
8.15 Der Halbe Drehsitz (Ardha Matsyendrasana)
8.16 Die Variante der Bootshaltung (Navasana)
8.17 Die Gaslösende Stellung (Vatayanasana)
8.18 Die Schulterbrücke (Ardha-Cakrasana)
8.19 Das Krokodil (Nakrasana)
8.20 Die Drehung in Rückenlage mit geschlossenen Beinen
8.21 Der Tisch
8.22 Der Schulterstand (Sarvangasana)
8.23 Die Kobra (Bhujangasana)
8.24 Die Heuschrecke (Salabhasana)
8.25 Die Halbe Heuschrecke (Salabhasana)
8.26 Der Halbe Seitstütz
8.27 Die Variante der Einbeinstreckung (Hasta Padangusthasana)
8.28 Stuhlübungen
8.28.1 Das rückenfreundliche Sitzen
8.28.2 Den Nacken entspannen
8.28.3 Sich strecken
8.28.4 Der Drehsitz auf dem Stuhl
8.28.5 Den Oberkörper vorbeugen
8.28.6 Die Katze im Sitzen

9 SCHLUSSBETRACHTUNG

10 LITERATURVERZEICHNIS

11 ABBILDUNGSVERZEICHNIS

12 TABELLENVERZEICHNIS

1 Einleitung

Probleme mit dem Rücken - wer kennt sie nicht? Nahezu jeder Erwachsene kennt Verspannungen und Rückenschmerzen aus eigener Erfahrung. Rückenschmerzen sind zu einer Volkskrankheit geworden. Die steigende Anfälligkeit für Rückenbeschwerden zieht sich mittlerweile durch alle Altersstufen. Nicht nur Erwachsene und ältere Menschen sind betroffen, sondern bereits sehr viele Kinder und Jugendliche (vgl. FLEIß 1989, 15). Von den 8-18jährigen in der Bundesrepublik haben ca. 50-65 % Haltungsschwächen bzw. Haltungsschäden (vgl. DORDEL 1991, 143). Die Rückenproblematik besitzt eine enorme sozialmedizinische Relevanz, denn 50% der vorzeitig gestellten Rentenanträge und 20% aller Krankschreibungen in Deutschland werden mit bandscheibenbedingten Erkrankungen begründet, und verursachen damit einen hohen Anteil der Kosten im Gesundheitswesen (vgl. KRÄMER 1998, 262). Yoga für den Rücken stellt eine kostengünstige Methode dar, um den Rücken ohne ständige Arztbesuche, ohne den Einsatz von Medikamenten und ohne chirurgischen Eingriff wieder funktionstüchtig und schmerzfrei zu machen (vgl. PULLING SCHATZ 1994, 17). Des Weiteren dient er als Prophylaxe von Wirbelsäulenbeschwerden und Haltungsschwächen.

Yoga für den Rücken ist heute eine Kombination aus östlicher Geistes- und Körperschulung und westlichen Erkenntnissen, wie sie von der Sportmedizin und der Rückenschule verbreitet werden (vgl. TRÖKES 2000, 9). Ziel dieser wissenschaftlichen Hausarbeit ist es, dies zu durchleuchten und umzusetzen. Dabei bin ich folgendermaßen vorgegangen:

Das zweite Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, was Yoga überhaupt ist, d.h. der Begriff Yoga wird geklärt und die Entstehung und Geschichte sowie die Ziele des Yoga werden beschrieben.

Das folgende Kapitel befasst sich ausführlich mit der Anatomie und Funktion der Wirbelsäule. Dieses Wissen ist unerlässlich, um die Rückenproblematik besser zu verstehen und einzuordnen und damit effektiv etwas dagegen tun zu können. Die Kenntnis über die Anatomie und Funktion der Wirbelsäule ist wichtig, um zu begreifen, wie Alltagsverhalten zu Haltungsschwächen führen kann, wie diese sich auf die Wirbelsäule auswirken und weshalb dadurch Schmerzen ausgelöst werden. Wenn man weiß, wie der Rücken gebaut ist und welche Belastungen auf ihn wirken, kann man sich besser nach seinen Bedürfnissen richten (vgl. TRÖKES 2000, 5).

Im vierten Kapitel werden die Ursachen der Rückenschmerzen beschrieben. Die Ursachen sind sehr vielfältig, doch die Großzahl der Beschwerden liegt im Bereich zivilisationsbedingter Schäden. Zu viel Stress und Hektik in Alltag und Beruf verspannen unseren Körper und ermüden unseren Geist. Durch zu langes Sitzen, einseitige Belastung, falsche Körperhaltung, zu schwache Rumpfmuskulatur und v.a. durch mangelnde Bewegung kommt es zu Rückenproblemen. Wir schlittern geradezu hinein in eine muskuläre Dysbalance, bedingt durch den Bewegungsmangel und die einseitige, minimale muskuläre Beanspruchung. Mit den Methoden des modernen Yoga können viele Ursachen der Rückenbeschwerden langfristig behoben werden. Ziel des Yoga ist es nicht, nur Symptome zu kurieren, sondern Yoga will auch die Ursachen für diese Symptome beheben. Wenn man Yoga für den Rücken übt, wird man im Laufe der Zeit erkennen, welches Verhalten im alltäglichen Leben dazu geführt hat, dass Nacken, Schultern und Rücken mit Verspannung und Schmerzen reagieren. Yoga für den Rücken ist also immer Yoga für den ganzen Menschen, d.h. für seinen Körper, seinen Geist und seine Seele. Es geht weniger darum, eine reine Therapie für Muskelverspannungen oder Verschleißprozesse der Wirbelsäule anzubieten, sondern vielmehr darum, uns von innen her aufzurichten, in dem auch die Seele und der Geist von Spannung und Druck befreit werden (vgl. TRÖKES 2000, 8-9).

Das fünfte Kapitel beschreibt, wie man Yoga für den Rücken im Alltag umsetzen kann. Durch richtiges Stehen, Gehen, Sitzen, Liegen, Bücken, Heben und Tragen lassen sich Fehlbelastungen der Wirbelsäule und deren schmerzliche Folgen vermeiden.

Yoga-Techniken zur Stressbewältigung und Entspannung werden im sechsten Kapitel dieser Hausarbeit dargestellt. Stress, Leistungsdruck und Zeitmangel lassen uns immer weniger Freiräume für innere Einkehr und Entspannung. Bei der Stressbewältigung können die Entspannungs- und Atemtechniken des Yoga eine Hilfe sein. Durch die bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit auf die körperliche und geistige Entspannung, durch ruhige tiefe Atmung und langsame sanfte Muskeldehnung, wird ein Prozess in Gang gesetzt, der nahezu entgegengesetzt zur Stress-Reaktion erfolgt.

Im siebten Kapitel werden konkrete Ratschläge zu den Yogaübungen gegeben. Es wird beschrieben, wann, wie und wo man am Besten übt.

Das folgende Kapitel enthält schließlich den Praxisteil, in dem klassische Yogaübungen sowie weiterentwickelte Übungen auf dem Hintergrund der westlichen Rückenschule dargestellt werden.

Die Wirksamkeit der Yogaübungen habe ich selbst eindrucksvoll erfahren. Vor sechs Jahren belegte ich an der VHS in Giessen meinen ersten Yogakurs. Ich suchte Etwas, um zur Ruhe zu kommen, um abzuschalten und um etwas Ausgleichendes zu meinem oft kräftezehrenden Sportstudium zu finden. Und ich fand es. Mit dem positiven Nebeneffekt, dass meine häufig auftretenden Schmerzen in der unteren Lendenwirbelsäule und in den Kreuz-Darmbeingelenken nun viel seltener und weniger heftig auftraten als sonst.

Es gibt eine Vielzahl von Rückenschulprogrammen, um der steten Zunahme von Rückenschmerzen entgegenzuwirken. Die Auswahl an Literatur zu den Themen Rückenschule und Wirbelsäulengymnastik ist sehr umfangreich, ebenso wie die derzeit auf dem Markt vorhandene Yoga-Literatur. Dem Thema Yoga für den Rücken wurde bislang in der Literatur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Aufgrund dieser schlechten Literaturlage, meiner persönlichen Erfahrung und der Aktualität der Rückenproblematik, ist die Idee entstanden, mich in meiner Hausarbeit mit dem Thema Yoga für den Rücken auseinander zu setzen.

Zum Forschungsstand kann gesagt werden, dass mit Methoden der wissenschaftlichen klinischen Medizin der Therapieeffekt durch Yoga, z.B. bei der essentiellen Hypertonie1, beim Asthma bronchiale2 und bei der Angina pectoris3, um nur einige Beispiele zu nennen, bereits gut untersucht und abgesichert ist. Hierzu gibt es seit den siebziger Jahren eine Reihe von Publikationen mit zum Teil beträchtlichen und statistisch gesicherten Therapieerfolgen (siehe u.a. VIGH 1970, MOSES 1972, DHANARAJ 1974, FUNDERBURK 1977, MUKERJI/ SPIEGELHOFF 1980, EBERT 1986, EBERT/ LIEFRING 1989). Erkrankungen des Bewegungsapparates, wie z.B. der Bandscheibenvorfall, der Hexenschuss, das Facettensyndrom, die Skoliose, die Spondylolyse, die Arthrithis und der Rheumatismus wurden oft erfolgreich durch Yoga behandelt, aber leider gibt es dazu noch keine systematischen klinischen Studien. (vgl. BDY 1994, 283-284).

2 Yoga

2.1 Was ist Yoga?

Es ist sehr schwierig Yoga treffend in den Begrenzungen der traditionellen westlichen Schlagwörter zu definieren. Yoga ist eine Philosophie, aber genauso eine Religion, eine Art zu leben und ebenso ein Zustand des Seins. (vgl. PRABHAVANANDA/ ISHERWOOD 1998, 7).

Yoga steht zunächst für ‚Vereinigung, Verbindung’. Das aus dem Sanskrit4 stammende Wort ‚yuj’ enthält den gemeinsamen indogermanischen Stamm, der auch im deutschen Wort ‚Joch’ (Anschirrung) und im englischen Wort ‚yoke’ (anjochen, verbinden) erscheint. (vgl. PRABHAVANANDA/ ISHERWOOD 1998, 16).

2.2 Geschichte des Yoga

Yoga wird in Indien seit einigen tausend Jahren praktiziert. Das Wissen des Yoga wurde stets vom Lehrer an den Schüler weitergegeben. Erste bildliche Darstellungen, die Figuren in Yogapositionen zeigen (Abb.1), finden sich in der Hochkultur des Industals, ca. 3000 v.Chr.. Die ersten schriftlichen Hinweise auf Yoga tauchen in den Upanishaden5 auf. Sie gehören zu den Veden, den ältesten heiligen Schriften Indiens. Die Veden sind ca. 1200 Jahre v.Chr. entstanden, bestehen aus vier Hymnensammlungen, getrennten poetischen Abschnitten und zeremoniellen Formeln und sind in Vedisch geschrieben, einer frühen Form des Sanskrits. (vgl. STEWART 1995, 10). Aus diesem Gedankengut entwickelten sich im Laufe der Zeit sechs große klassische Systeme der indischen Philosophie: Mimamsa, Vedanta, Samkhya, Nyaya, Vaisheshika und Yoga (vgl. BDY 1994, 14).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Altes Siegel aus dem Industal, das eine Figur in einer Yogaposition zeigt (modifiziert nach STEWART 1995, 10)

2.3 Die acht Glieder des Yoga

Etwa um die Zeitenwende entstanden die Yoga-Sutras6 des Patanjali. Im zweiten und dritten Kapitel dieser Yoga-Sutras beschreibt Patanjali den sogenannten achtgliedrigen Yoga-Pfad, der bis heute als Kernstück des ‚klassischen Yoga’ angesehen wird. Zu diesem Pfad rechnet Patanjali die folgenden acht Glieder: „die verschiedenen Formen der Enthaltung von bösem Tun (Yama), die verschiedenen Vorschriften (Niyama), Körperhaltung (Asana), Kontrolle des Prana7 (Pranayama), Zurückziehen des Geistes von den Sinnesobjekten (Pratyahara), Konzentration (Dharana), Meditation (Dhyana) und die Versenkung in den Atman8 (Samadhi) “ (PRABHAVANANDA/ ISHERWOOD 1998, 114).

Das Ziel des Yoga-Pfades ist der Zustand der tiefsten Versenkung (Samadhi). Ihn erreicht man durch die Vereinigung des individuellen Selbst (Atman) mit dem unpersönlichen Absoluten oder reinen Bewusstsein (Brahman). Das Erreichen dieses Zustands befreit das eigene Selbst von den Täuschungen der Sinne und den Widersprüchlichkeiten der Vernunft. Es ist der Gedanke, der den Gedanken überwunden und sein Ziel durch die eigene Verneinung erreicht hat, das Ziel der inneren Erleuchtung, der ekstatischen, wahren Erkenntnis der Wirklichkeit. (vgl. PRABHAVANANDA/ ISHERWOOD 1998, 186).

2.4 Verschiedene Richtungen des Yoga

Je nach der Art, der zur Erreichung von Yoga angewandten Verfahren, unterscheidet man verschiedene Yogadisziplinen. Alle Yoga-Arten dienen letztendlich dazu, die Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen zu lassen, sein Selbst zu finden und sich mit dem Göttlichen zu vereinen (vgl. PRABHAVANANDA/ ISHERWOOD 1998, 16-19): mittels der Entsagung im Tapa-Yoga, mittels der Hingabe im Bhakti-Yoga, mittels der Andacht im Mantra-Yoga, mittels des Verlangens im Tantra-Yoga, mittels des Wirkens im Karma-Yoga, mittels des Wissens im Jnana-Yoga, mittels der Meditation im Raja-Yoga und mittels der Körperbeherrschung im Hatha-Yoga.

2.5 Hatha-Yoga

Die für den Praxisteil dieser Arbeit ausgewählten Yogaübungen basieren auf der Grundlage des Hatha-Yoga und aus diesem Grund möchte ich diese Yoga-Art kurz erläutern.

„Der Hatha9 -Yoga ist außerhalb Indiens sicher der bekannteste Yoga-Weg“ (BDY 1994, 97). Er ist ab etwa 800 n. Chr. entstanden. Die meisten Asanas entstammen diesem Yoga-Weg, in dem Körpertraining eine wichtige Rolle spielt. Im Hatha-Yoga wird der Körper als Ausgangspunkt jeder Erkenntnis und Erfahrung betrachtet. Die verschiedenen Körperhaltungen, Bewegungsabläufe, Entspannungs- und Atemübungen des Hatha-Yoga haben das Ziel, die Lebensenergie erfahrbar zu machen, sie zu bündeln und zu lenken. Da die Wirbelsäule als Hauptleitbahn der Energie angesehen wird, muss sie, genauso wie der Körper, dafür durchlässig sein. Der Körper ist überall dort durchlässig, wo die Muskulatur weder zu viel noch zu wenig Spannung aufweist. Dort, wo er verspannt ist oder die Spannkraft fehlt, stockt und staut sich die Energie. (vgl. TRÖKES 2000, 9-10).

Der Hatha-Yoga legt großen Wert auf die Erhaltung einer gesunden Wirbelsäule. Die Yoga-Meister wussten, dass die Vernachlässigung oder der Missbrauch der Wirbelsäule die Gesundheit des ganzen Körpers in Mitleidenschaft ziehen kann. Sie waren der Ansicht, dass man einen kräftigen und gesunden Körper braucht, um den Anforderungen des täglichen Lebens gut standzuhalten und um höhere und spirituelle Fähigkeiten zu entwickeln. (vgl. VOLIN/ PHELAN 1980, 11-12).

Hatha-Yoga ist eine hervorragende Möglichkeit, den Körper zu stärken, ein neues Körperbewusstsein zu erlangen, Stress „abzuschütteln“ und die Beweglichkeit zu erhöhen. Inwieweit man tiefer in die Philosophie und Religion, die dahinter steckt, eintaucht, sollte jeder für sich entscheiden.

2.6 Wirbelsäule und Energiefluss

Um die traditionelle Erklärung mancher Yoga-Wirkung zu verstehen, muss man die altindische Vorstellung der im Körper vorliegenden Bau- und Funktionsprinzipien kennen (vgl. EBERT 1986, 16).

Der Körper wird von einem System von etwa siebzigtausend Nadis10 durchzogen. Nadis sind Kanäle, in denen die Lebensenergie (Prana) fließt. Zu den bedeutendsten Kanälen gehören Ida, Pingala und Sushumna (Abb.2). Ida und Pingala verlaufen links und rechts entlang der Wirbelsäule und Sushumna verläuft zwischen den beiden Nadis in der Wirbelsäule. (vgl. EBERT 1986, 16). An der Basis von Sushumna im Wurzel-Chakra11 ruht Kundalini. Kundalini ist eine schlafende oder ruhende Energie, die oft als zusammengerollte Schlange dargestellt wird. Durch Yoga wird die Kundalini erweckt und bewegt sich an Sushumna, und damit durch die sieben Chakras, nach oben. Chakras sind die Energiezentren des Körpers. Sechs befinden sich auf Sushumna und das siebte Chakra auf dem Scheitel des Kopfes, dem sogenannten Scheitel-Chakra. Die Chakras werden mit einer be- stimmten Anzahl von Blättern dargestellt, die der Zahl der dort entspringenden Nadis entspricht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Traditionelles altindisches Schema vom Körper mit den sieben Chakras und den drei Hauptnadis (Ida: schwarz; Pingala: weiß; Sushumna: grau) (modifiziert nach EBERT 1986, 17)

(vgl. SIVANANDA YOGA ZENTRUM 2000, 68-69). Durch die Yogaübungen (Asanas) und die Yoga-Atmung (Pranayama) werden die Nadis gereinigt, so dass die Energie (Prana) ungehindert fließen kann (vgl. LARKS 2000, 156). Die alten Yogis12 beobachteten, dass Abweichungen der Wirbelsäule, wie z.B. das Hohlkreuz, der Rundrücken oder die Skoliose, diesen Energiefluss blockieren und damit die Vitalität des Menschen mindern (vgl. TRÖKES 2000, 9). Aktiviert werden die Chakras, indem man die Aufmerksamkeit auf sie richtet, d.h. durch konzentrative Meditation. Das Aufsteigen der Kundalini soll unterschiedliche Bewusstseinszustände bewirken und stufenweise zur geistigen Vervollkommnung führen. Wenn Kundalini im Scheitel-Chakra angelangt ist, ist der Zustand des Samadhi (siehe Kapitel 2.3) erreicht. (vgl. EBERT 1986, 16-17).

2.7 Yoga und Gesundheit - Wirkungsweisen der Asanas

Im Yoga sollen Körper und Geist in Harmonie vereinigt werden. „Damit werde der Mensch unempfindlicher gegen alle möglichen Störungen, die zu Krankheit oder Unwohlsein führen können“ (EBERT 1986, 132).

Viele Yogaübungen bzw. Körperhaltungen (Asanas) sind sehr gut geeignet, um die Skelettmuskulatur, und hier ganz besonders die rumpfaufrichtende Muskulatur, zu stärken. Dadurch wird die Wirbelsäule entlastet, und der Mensch kann lange und mühelos in einer aufrechten Haltung verweilen. Neben der Stärkung der Muskulatur wird auch ihre Lockerung angestrebt. Dies bewirkt, dass Blockierungen, die ein Strömen der Lebensenergie, aber auch des Blutes und der Lymphe verhindern, gelöst werden. (vgl. BDY 1994, 115).

Zahlreiche Asanas strecken und dehnen die Wirbelsäule. Dadurch werden die Bänder, Sehnen und Bandscheiben elastischer und die Wirbelsäule insgesamt beweglicher.

Andere Yogaübungen ‚regen das Verdauungsfeuer an’, wie es in vielen alten Yoga-Texten heißt. Das bedeutet, sie aktivieren die Darmtätigkeit und fördern die Verdauung. Außerdem werden die Blutzirkulation und der Stoffwechsel angeregt (vgl. MAHESHWARANANDA 1998, 94).

Die Mehrzahl der Asanas ist geeignet, um die unterschiedlichen Atemräume (siehe hierzu Kapitel 6.4.3) bewusst wahrzunehmen, um die Lunge intensiv zu belüften und um einen ruhigen Atemrhythmus zu etablieren (vgl. BDY 1994, 115).

Durch das Praktizieren von Yoga bekommt der Mensch ein Körperbewusstsein. Er bekommt ein Gespür dafür, ob etwas mit ihm und seiner Umgebung nicht stimmt, und er kann auf diese Signale reagieren, während normalerweise diese Reaktionen erst einsetzen, wenn es schon zu spät ist, d.h. wenn z.B. der Rücken bereits schmerzt. Durch Yoga lernt der Mensch seine Grenzen, Reaktionsmuster und Verhaltensweisen immer besser kennen, und wird zunehmend in die Lage versetzt, zu reagieren und zu agieren. (vgl. BDY 1994, 115). Wer sich auf Yoga einlässt wird, durch seine Erfahrungen mit dem Yoga und durch Verwandlungsprozesse, die im Yoga eingeleitet werden, u.a. eine neue Einstellung zum Rhythmus von Arbeit und Freizeit gewinnen, sich gesund ernähren und ungesunde Gewohnheiten und Abhängigkeiten aufgeben. Er wird sich leichter dafür entscheiden, was ihm ganzheitlich gut tut, was seiner Leistungsfähigkeit und seinem Wohlbefinden dient. (vgl. BDY 1994, 239).

Ein weiteres wesentliches Ziel der Yogaübungen besteht darin, die Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen, den Zustand der Zerstreuung zu überwinden, der oft der Ursprung der Probleme und Schwierigkeiten im alltäglichen Leben ist. (vgl. BDY 1994, 240). „Wenn der Geist befriedigt ist, so sagt das Yoga-Sutra des Patanjali, tritt der Zustand des Yoga ein“ (BDY 1994, 240).

3 Anatomie und Funktion der Wirbelsäule

3.1 Skelettelemente der Wirbelsäule

3.1.1 Die Wirbelsäule

Die Wirbelsäule (Columna vertebralis) bildet das Achsenskelett des Rumpfes und besteht aus einzelnen Wirbeln, die durch Bandscheiben und Bänder miteinander in Verbindung stehen. Bei etwa 50% der Menschen besteht die Wirbelsäule aus 33 Wirbeln (Vertebrae), seltener aus 32 oder 34 Wirbeln.

Die Wirbel werden aufgeteilt in:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Kreuzwirbel und die Steißwirbel verschmelzen mit den entsprechenden Bandscheibenanteilen zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr zum Kreuzbein (Os sacrum) und zum Steißbein (Os coccygis). Die Wirbelsäule trägt den Kopf, den Rumpf und die oberen Gliedmaßen und ermöglicht es in ihrer Gesamtheit, den Rumpf in verschiedene Richtungen (um die Frontal-, Sagittal- und Longitudinalachse) zu bewegen. (vgl. PSCHYREMBEL et al. 1990, 1818-1819). Innerhalb der Wirbelsäule liegt der Wirbelkanal (Canalis vertebralis), der vom Hinterhauptloch des Schädels bis zum Ende des Kreuzbeines reicht. Im Wirbelkanal liegen das Rückenmark (Medulla spinalis), die Spinalnervenwurzeln und die Rückenmarkshäute, ebenso wie Fett- und Bindegewebe sowie zahlreiche Gefäße. (vgl. FRICK 1992, 480).

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Abbildung 3: Die Wirbelsäule. A: Ansicht von hinten; B: Ansicht von vorne; C: Ansicht von der Seite (aus SPECKMANN/ WITTKOWSKI 1998, 171)

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Abbildung 4: Lage des Rückenmarks, der Spinalnervenwurzeln und der Rückenmarkshäute im Wirbelkanal (modifiziert nach LIPPERT 2000, 118)

3.1.2 Allgemeiner Bauplan eines Wirbels

Die Form der 33 Wirbel hängt von dem jeweiligen Bereich ab, in dem der Wirbel eingebaut ist. Entsprechend der nach unten hin zunehmenden Belastung kann allgemein gesagt werden, dass die Größe der Wirbelkörper vom Hals zum Kreuzbein hin zunimmt.

Jeder Wirbel besteht aus 2 Hauptteilen, dem Wirbelkörper und dem Wirbelbogen. Vom Wirbelbogen gehen 7 Fortsätze ab (1 Dornfortsatz, 2 Querfortsätze, 2 Paar Gelenkfortsätze).

Der Wirbelkörper (Corpus vertebrae) ist das eigentliche Stütz- bzw. Trage- Element der Wirbelsäule. Die Endflächen benachbarter Wirbelkörper sind durch Bandscheiben (Disci intervertebrales) miteinander verbunden. An den Wirbelkörper schließt sich der Wirbelbogen (Arcus vertebrae) an. Er umgibt zusammen mit der Rückfläche des Wirbelkörpers das Wirbelloch (Foramen vertebrale), über die gesamte Wirbelsäule betrachtet den Wirbelkanal (Canalis vertebralis), in dem sich das Rückenmark befindet. Unmittelbar hinter dem Wirbelkörper weist der Wirbelbogen an beiden Seiten je einen flachen oberen und tiefen unteren Einschnitt auf, der mit dem Wirbelbogen des darunter liegenden Wirbels das Zwischenwirbelloch (Foramen intervertebrale) bildet. Durch diese treten die Rückenmarksnerven aus dem Wirbelkanal aus. (vgl. TITTEL 2000, 74-75).

Der Wirbelbogen trägt 7 Fortsätze, die unterschiedliche Funktionen haben. Drei Fortsätze dienen den Muskeln als Ursprung und Ansatz. Diese sind seitlich die paarig angelegten Querfortsätze (Processus transversi) und der nach hinten gerichtete unpaare Dornfortsatz (Processus spinosus). Sie dienen als Hebel für die Muskeln, die die Wirbelsäule bewegen. Hierzu kommen noch je zwei obere und untere Gelenkfortsätze (Processus articulares), die eine überknorpelte Gelenkfläche besitzen. Der untere Gelenkfortsatz bildet mit dem oberen Gelenkfortsatz des nachfolgenden Wirbels das sogenannte Wirbelgelenk (siehe auch Kapitel 3.2.3). (vgl. SCHIEBLER et al. 1999, 223).

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Abbildung 5: Die Wirbelsäule in Seitenansicht mit physiologischen Krümmungen (A) und einzelnen Wirbeln aus typischen Abschnitten der Wirbelsäule (B-E) in Aufsicht. B: Halswirbel; C: Brustwirbel; D: Lendenwirbel; E: Kreuzbein (aus SPECKMANN/ WITTKOWSKI 1998, 171)

3.1.3 Die Halswirbel

Die Wirbelkörper sind annähernd viereckig und nicht so robust wie die restlichen Wirbel. Man kann die Halswirbel an zwei Löchern erkennen, die auf beiden Seiten vom Wirbelkörper liegen. Dieses Loch wird Foramen transversarium genannt. Die Löcher des 1.-7. Halswirbels bilden zusammen den Querfortsatzkanal, durch den Arterien und Venen verlaufen. (vgl. FRICK 1992, 458-459).

Die ersten beiden Halswirbel besitzen einen Eigennamen, weil sie sich deutlich von den übrigen Halswirbeln unterscheiden. Der erste Halswirbel wird Atlas genannt. Der Atlas besitzt keinen Wirbelkörper, sondern besteht aus einem knöchernen Ring mit zwei kräftigen Seitenflächen (Massae laterales), die Gelenkpartien zur Verbindung mit dem Schädel und mit dem zweiten Halswirbel tragen. Der Dornfortsatz ist zu einem kleinen Höckerchen (Tuberculum posterius) zurückgebildet. Der zweite Halswirbel wird Axis genannt und besteht aus einem Wirbelkörper, einem Wirbelbogen und einem zapfenartigen Fortsatz (Dens axis). Dieser Fortsatz ragt in das Wirbelloch des Atlas hinein. Damit wird eine Drehbewegung des Kopfes, bzw. des Atlas um den Axis, ermöglicht. (vgl. PLATZER 1979, 36-38).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: A: 1. Halswirbel, Atlas von unten; B: 2. Halswirbel, Axis von schräg hinten (modifiziert nach DRENCKHAHN/ ZENKER 1994, 251)

Beim 3. bis 6. Halswirbel ist der Dornfortsatz meist gabelförmig gespalten. Der 7. Halswirbel ist nicht gegabelt, er besitzt jedoch einen besonders weit vorspringenden Dornfortsatz (Vertebra prominens), der unter der Haut deutlich sicht- und tastbar ist. (vgl. PLATZER 1979, 36-38).

3.1.4 Die Brustwirbel

Die Brustwirbel sind mit den Rippen verbunden. An den Wirbelkörpern und den Querfortsätzen befinden sich die Gelenkflächen für die Rippen (Fovea costalis superior, Fovea costalis inferior, Fovea costalis transversalis). Das Wirbelloch ist annähernd rund. Die kräftigen und langen Dornfortsätze überdecken sich dachziegelartig, so dass die Spitze eines Dornfortsatzes die Mitte des darunter liegenden Wirbels überragt. (vgl. FRICK 1992, 461-462).

3.1.5 Die Lendenwirbel

Die Lendenwirbelkörper sind deutlich größer als die der Brustwirbel und in der Aufsicht sind sie nierenförmig. Das Wirbelloch ist annähernd dreieckig. Am Wirbelbogen entspringen lange, abgeplattete Rippenfortsätze (Processus costarii), die als Überreste der ursprünglich vorhanden gewesenen Lendenrippen anzusehen sind. Von den eigentlichen Querfortsätzen bleiben nur noch kleine Knochenvorsprünge (Processus accessorii) übrig. (vgl. TITTEL 2000, 78). Der Processus mamillaris, ein Höckerchen an der Außenfläche der oberen Gelenkfortsätze, stellt einen rudimentären Fortsatz dar, an dem einige kleine Rückenmuskeln ansetzen. Die kräftigen, beidseitig abgeplatteten Dornfortsätze sind fast horizontal nach hinten gerichtet und der Abstand zwischen ihnen ist relativ groß. (vgl. FRICK 1992, 462).

3.1.6 Das Kreuzbein

Das Kreuzbein besteht aus 5 Kreuzbeinwirbeln, die zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr miteinander verschmelzen, wobei die Bandscheiben verknöchern. Vom oberen Ende des Kreuzbeins (Basis ossis sacri) gehen zwei Gelenkfortsätze aus. Der in den Beckenraum vorspringende Vorderrand des 1. Kreuzbein-wirbelkörpers wird Promontorium genannt. (vgl. BERTOLINI et al. 1995, 25). Das Kreuzbein besitzt auf der dem Becken zugekehrten Vorderseite 4 knöcherne Querleisten (Lineae transversae), die die Begrenzungen der ursprünglichen Wirbelkörper zeigen. In gleicher Höhe dieser Verschmelzungslinien liegen 4 Öffnungspaare (Foramina sacralia pelvina), die den Zwischenwirbellöchern entsprechen und dem Durchtritt von großen Nervensträngen und Blutgefäßen dienen. Das Kreuzbein enthält als Fortsetzung des Wirbelkanals den Kreuzbeinkanal (Canalis sacralis), der durch die Verknöcherung der Wirbellöcher entsteht. An den seitlichen Begrenzungen des Kreuzbeines (Partes laterales) befindet sich jeweils eine etwas größere ohrmuschelförmige, plane Gelenkfläche (Facies auricularis) zur Verbindung mit dem Darmbein (= Kreuz-Darmbeingelenk: Articulatio sacro-iliaca). (vgl. TITTEL 2000, 79).

Das Kreuzbein des Mannes ist länger, schmäler und stärker gekrümmt als das der Frau (vgl. BERTOLINI et al. 1995, 25).

3.1.7 Das Steißbein

Das Steißbein entsteht aus 4, manchmal aus 3 oder 5 Wirbelrudimenten, die zum Steißbein verschmolzen sind. Nur der 1. Steißbeinwirbel besitzt noch einen Körper und einen Querfortsatz. Die anderen Wirbel sind nur erbsengroße, rundliche bis würfelförmige Knochenstückchen, die gelenkig oder knöchern miteinander verbunden sind. (vgl. TITTEL 2000, 80).

3.2 Verbindungen der Wirbel

3.2.1 Die Bandscheiben

Zwischen den einzelnen Wirbelkörpern liegen die Bandscheiben (= Zwischenwirbelscheiben: Disci intervertebrales), die der Form der Wirbelkörperendflächen weitgehend angepasst sind. Umfang und Höhe der Bandscheiben nehmen in Richtung Kreuzbein zu. Beim Erwachsenen entspricht die Höhe der 23 Bandscheiben etwa einem Viertel der Gesamtlänge der Wirbelsäule. Die Bandscheiben haben ein keilförmiges Aussehen, wobei sie im Hals- und Lendenbereich bauchwärts und im Brustbereich rückenwärts höher sind. Sie tragen so zur Ausbildung der physiologischen Krümmung der Wirbelsäule bei. (vgl. TITTEL 2000, 81).

Die Bandscheiben bestehen aus einem äußeren Faserring (Anulus fibrosus), der aus Faserknorpel und konzentrisch geschichteten Bindegewebslamellen aufgebaut ist, sowie einem innerhalb des Faserring liegenden flüssigkeitsreichen Gallertkern (Nucleus pulposus). Der inkompressible, aber verformbare Nucleus pulposus trägt wesentlich zu den Federungseigenschaften der Wirbelsäule bei, da er wie ein Wasserkissen Druck- und Stoßbelastungen dämpft. Bei Bewegungen verschiebt er sich geringfügig und weicht zu dem Ort geringerer Belastung aus. Diese Bewegungen sowie der Wechsel von Be- und Entlastung führen zu einem Flüssigkeitsaustausch innerhalb der Bandscheiben. Da die Bandscheiben blutgefäßlos sind, erfolgt die Ernährung durch Diffusion (vgl. LASER 1988, 4). „Die ernährenden Grundstoffe werden bei der Entlastung in die Bandscheibe eingesogen, bei der Belastung ausgepresst“ (REINHARDT 1991, 29-30). Der Faserring bildet eine zugfeste Hülle um den Gallertkern, welche die Verbindung der Wirbelkörper sichert und gegen Zug und Rotation Widerstand leistet. Die Kollagenfasern sind in den Abschlussplatten der Wirbelkörper, die aus hyalinem Knorpel bestehen, verankert. (vgl. FRICK 1992, 468-469).

Durch die Druckbeanspruchung während des Tages verlieren die Bandscheiben Wasser und platten ab, so dass gegen Abend eine kleinere Körpergröße (1-2 cm Unterschied) gemessen wird. Während des Schlafes quellen die Gallertkerne wieder auf, wodurch die Bandscheiben höher werden. (vgl. BERTOLINI et al. 1995, 27).

Im Alter nimmt der kolloidosmotische Druck des Gallertkerns ab, damit sinkt der Flüssigkeitsgehalt der Bandscheiben und sie werden flacher, weniger verformbar und elastisch. Der Faserring verliert dadurch seine Spannung und kann leichter einreißen. (vgl. FRICK 1992, 469).

3.2.2 Die Bänder der Wirbelsäule

Die Bänder sind verantwortlich für die Stabilität und das Bewegungsausmaß der Wirbelsäule. Sie verlaufen zwischen den Wirbelkörpern, den Wirbelbögen und zwischen den Quer- und Dornfortsätzen (Abb.7). Die Wirbelkörper werden durch ein vorderes Längsband (Ligamentum longitudinale anterius) und ein hinteres Längsband (Ligamentum longitudinale posterius) verbunden. Das vordere Längs- band verbindet die Vorderfläche der Wirbelkörper miteinander. Es zieht sich als breites Band vom Hinterhauptbein und dem Atlas bis zum 1. Kreuzbeinwirbel. Das hintere Längsband ist mit der oberen und unteren Kante der Wirbelkörper, aber vor allem mit den Bandscheiben fest verwachsen. Es liegt an der vorderen Wand des Wirbelkanals. (vgl. SCHIEBLER et al. 1999, 230). Beide Bänder werden durch den Quellungsdruck der Bandscheiben in Spannung gehalten und sie verbinden die Bandscheiben und Wirbelkörper nicht nur miteinander, sondern unterstützen auch die Rückenstreckmuskulatur (Musculus erector spinae) bei der Erhaltung der Eigenform der Wirbelsäule (vgl. TITTEL 2000, 83).

Zwischen den Wirbelbögen spannen sich die Zwischenbogenbänder (Ligamenta flava). Sie bestehen aus elastischen Fasern und sind in jeder Stellung der Wirbelsäule gespannt. Bei einer Beugung erhöht sich die Spannung, wodurch das Aufrichten aus der Beugung unterstützt wird. (vgl. SCHIEBLER et al. 1999, 230).

Zwischen den Quer- und Dornfortsätzen befinden sich die Zwischenquerfortsatzbänder (Ligamenta intertransversaria), die Zwischendorn- fortsatzbänder (Ligamenta interspinalia) und die Dornspitzenbänder (Ligamenta supraspinale). Sie wirken einer Beugung des Rumpfes nach vorne entgegen und unterstützen somit die Rückenstreckmuskulatur. Das Dornspitzband zieht vom 7. Halswirbel über die Spitzen der Dornfortsätze hinweg zum Kreuzbein. Im Halswirbelsäulenbereich findet das Dornspitzband seine Fortsetzung in das elastische Nackenband (Ligamentum nuchae). (vgl. TITTEL 2000, 84).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Schematische Darstellung der Bänder der Brust-wirbelsäule (modifiziert nach SCHIEBLER et al. 1999, 231)

3.2.3 Die Wirbelgelenke

Wie in Kapitel 3.2.1 bereits erwähnt, besitzen die Wirbel 2 obere und 2 untere Gelenkfortsätze. Der untere Gelenkfortsatz des oberen Wirbels bildet mit dem oberen Gelenkfortsatz des nachfolgenden Wirbels ein Wirbelgelenk (Articulatio zygapophysialis). Die so gebildeten 23 paarigen Wirbelgelenke werden auch als „Facettengelenke“ bezeichnet. Form und Stellung der Wirbelgelenkflächen sind in den einzelnen Regionen der Wirbelsäule verschieden, was eine unterschiedliche Beweglichkeit der Wirbelsäulenabschnitte zur Folge hat. Den beweglichsten Teil bildet die Halswirbelsäule. Die Gelenkflächen der Halswirbel sind um 45° gegen die Horizontalebene geneigt, verlaufen somit von vorn oben nach hinten unten. Die Wirbelgelenkflächen der Brustwirbel stehen nahezu frontal13 und die der Lendenwirbel fast sagittal14. Die Beweglichkeit zwischen zwei benachbarten Wirbeln ist nicht sehr groß, aber durch die Summation der Einzelbewegungen in den 23 Wirbelgelenk-Paaren kann ein beachtliches Bewegungsausmaß erreicht werden. (vgl. TITTEL 2000, 85).

3.3 Form und Bewegungen der Wirbelsäule

3.3.1 Die Krümmungen der Wirbelsäule

Die gesunde Wirbelsäule ist doppelt S-förmig gekrümmt (Abb.5). Diese Krümmungen sind im Bereich der Hals- und Lendenwirbel nach hinten konkav gekrümmt und werden Lordose genannt. Im Bereich der Brust- und Kreuzwirbel sind sie nach hinten konvex und werden Kyphose genannt. Demnach unterscheidet man die Halslordose (1.bis 6. Halswirbel), die Brustkyphose (6. Hals- bis 9. Brustwirbel), die Lendenlordose (9. Brust- bis 5. Lendenwirbel) und die Sakralkyphose (Kreuz- und Steißbeinbereich). Die physiologischen Krümmungen führen zusammen mit der Verformbarkeit der Bandscheiben dazu, dass die Wirbelsäule bei Erschütterungen wie ein gebogener Federstab eine federnd-dämpfende Wirkung hat. Während bei Neugeborenen die Wirbelsäule noch kaum gekrümmt ist, entwickelt sich im Laufe der ersten Lebensjahre durch Beanspruchung ihre charakteristische Form. (vgl. FRICK 1992, 475-477).

3.3.2 Die Beweglichkeit der Wirbelsäule

In Kapitel 3.2.3 wurde bereits dargestellt, dass die Bewegungsmöglichkeiten zwischen zwei benachbarten Wirbeln relativ gering sind, dass aber die Wirbelsäule in ihrer Gesamtheit durch die Summation der Bewegungen der einzelnen Bewegungssegmente15 eine beachtliche Biegsamkeit erhält (Abb.8).

Eine Vor- und Rückwärtsbeugung erfolgt vorwiegend im Hals- und Lendenwirbelsäulenbereich. Zwischen den unteren Halswirbeln, dem 11. Brust- und 2. Lendenwirbel und zwischen den unteren Lendenwirbeln ist die Rückwärtsbeugung besonders gut möglich (vgl. PLATZER 1979, 62). Dagegen ist die Rückwärtsbeugung im Brustwirbelbereich auf Grund der langen, sich dachziegelartig überlagernden Dornfortsätze kaum möglich. (vgl. TITTEL 2000, 89-90).

Die Drehung der Wirbelsäule um ihre Längsachse erfolgt hauptsächlich im Halsund Brustbereich. Im Lendenwirbelbereich ist nur eine geringe Drehung möglich, weil die annähernd sagittale Stellung der Wirbelgelenkflächen größeren Drehungen entgegenwirkt. (vgl. TITTEL 2000, 89).

Die Seitwärtsneigung ist in allen drei Bereichen, d.h. im Hals-, Brust- und Lendenwirbelbereich, relativ gut möglich. Bei starker Seitwärtsneigung des Rumpfes erfolgt eine Bewegungseinschränkung, denn der untere Brustkorbrand stößt an den Darmbeinkamm (vgl. TITTEL 2000, 89).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Brustwirbelsäule zwar die meisten Bewegungssegmente aufweist, aber die Gesamtbeweglichkeit dort am geringsten ist. In der statisch am wenigsten belasteten Halswirbelsäule besteht die größte Beweglichkeit. (vgl. NIETHARD/ PFEIL 1997, 326).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Die Gesamtbeweglichkeit der Wirbelsäule (modifiziert nach NIETHARD/ PFEIL 1997, 326)

Durch regelmäßige Yogaübungen kommt es zu einer wiederholten Dehnung der Gelenk- und Bandapparate, was zu einer gesteigerten Beweglichkeit führt. Die Tab.1 zeigt die Zunahme der Gelenkbeweglichkeit nach einem 10-wöchigen täglichen Hatha-Yoga-Programm. (vgl. EBERT 1986, 122).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Zunahme der Gelenkbeweglichkeit nach 10 Wochen täglichem Hatha-Yoga- Programm. Mittelwert von 27 Versuchspersonen (modifiziert nach EBERT 1996, 122)

3.4 Die Muskulatur

3.4.1 Die Rückenmuskulatur

Die Muskulatur des Rückens besteht aus zwei Gruppen von Muskeln, einer oberflächlichen Muskelgruppe und einer tiefen Muskelgruppe, die sich in ihrer Funktion ergänzen.

Die tiefe Rückenmuskulatur bildet in ihrer Gesamtheit zwei dicke Stränge, die rechts und links neben den Dornfortsätzen eingebettet liegen und als Musculus erector spinae bezeichnet werden. Diese Muskulatur bestimmt maßgeblich die Beweglichkeit der Wirbelsäule und ist wichtig für eine aufrechte Körperhaltung. Innerviert wird sie von den Spinalnerven. Der Musculus erector spinae besteht aus einem lateralen oberflächlichen und einem medialen tiefen Trakt. Der laterale Trakt (Abb.9) zieht vom Becken bis zum Schädel und besteht vorwiegend aus langen Muskelzügen. Er wird aufgeteilt in Muskeln, die vom Kreuzbein und Darmbein

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Musculus erector spinae, lateraler Trakt. Die Zwischenquer- fortsatzmuskeln (Musculi intertrans- versarii) und die Rippenheber (Musculi levatores costarum) liegen verdeckt und sind somit nicht eingezeichnet (modifiziert nach PLATZER 1979, 73)

zu den Rippen und zum Kopf aufsteigen (= sakrospinales System), die sich zwischen den Querfortsätzen ausspannen (= intertransversales System), die alle tiefer gelegenen Anteile des Musculus erector spinae fest umhüllen (= spinotransversales System), und schließlich in Muskeln, die nur im Brustbereich auftreten (Musculi levatores costarum). Der mediale Trakt (Abb.10) fügt sich in die Rinne zwischen den Dornfortsätzen und den Querfortsätzen ein. Seine Fasern verlaufen entweder von Dornfortsatz zu Dornfortsatz (= spinales System) oder schräg aufsteigend von

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 10: Musculus erector spinae, medialer Trakt (modifiziert nach PLATZER 1979, 75)

Die oberflächliche Muskel- gruppe (Abb.11) wird auch „Gliedmaßen- und Rippen- muskulatur“ genannt (vgl.

TITTEL 2000, 105). Sie gliedert sich in Muskeln, die sich zwischen Wirbelsäule und Rippen ausspannen (= spino- kostale Muskeln), und solche, die die Wirbelsäule mit den Knochen des Schultergürtels bzw. mit dem Oberarm

Querfortsatz zu Dornfortsatz

(= transversospinales System). (vgl. DRENCKHAHN/ ZENKER 1994, 286- 289).

verbinden (= spinohumerale

Muskeln) (vgl. DRENCKHAHN/ ZENKER 1994, 286-287).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 11: oberflächliche Rückenmuskulatur (modifiziert nach SPECKMANN/ WITTKOWSKI 1998, 176)

[...]


1 Bluthochdruck mit unbekannter Ursache (vgl. PSCHYREMBEL et al. 1990, 744).

2 Plötzlich einsetzende, heftige Atemnotanfälle infolge einer Atemwegsverengung (vgl. PSCHYREMBEL et al. 1990, 142).

3 Akute Koronarinsuffizienz mit plötzlich einsetzenden Schmerzen im Brustkorb, die ausstrahlen können (vgl. PSCHYREMBEL et al. 1990, 80).

4 Sanskrit (von Sanskrit samskrta: geregelt, genormt), die klassische Literatur- und Gelehrtensprache Indiens und die heilige Sprache der Brahmanen.

5 Upanishaden (von Sanskrit upanisad: das Sich-in-der-Nähe-Niedersetzen, zu Füßen eines Lehrers), esoterische und mystische Schriften des Brahmanismus.

6 Das Yoga-Sutra ist eine ‚Textsammlung’, die aus 195 kurzen und prägnanten Merksätzen besteht. Es stammt aus der Zeit von 200 v. Chr. bis 400 n. Chr. Die genaue Entstehungszeit ist nicht bekannt. (vgl. WEIß 1986, 65).

7 Prana steht für kosmische Energie, Lebenskraft, Hauch (Atem) (vgl. EBERT 1986, 141).

8 Gott-in-der-Kreatur ist in der Sanskrit-Sprache als der Atman, das wirkliche, individuelle, reine Selbst, bekannt (vgl. PRABHAVANANDA/ ISHERWOOD 1998, 17).

9 Das Wort hatha bedeutet eigentlich ‚Kraft, Stärke, Impuls’. Später wurde der Ausdruck mystisch umgedeutet als ha = Sonne und tha = Mond. (vgl. BDY 1994, 15).

10 Einige Nadis sind vergleichbar mit den Meridianen der Akupunktur (vgl. VAN LYSEBETH 1985, 169).

11 Chakra heißt wörtlich übersetzt ‚Rad’ oder ‚Wirbel’.

12 Ein Yogi ist jemand der Yoga ausübt.

13 frontal bzw. Frontalebene bedeutet: eine zur Stirn parallel liegende, den Körper in eine vordere und hintere Hälfte trennende Ebene.

14 sagittal bzw. Sagittalebene bedeutet: eine senkrecht zur Körperoberfläche verlaufende Ebene, die den Körper in Längsschnitte teilt.

15 Ein Bewegungssegment besteht aus zwei benachbarten Wirbeln mit ihren Bandscheiben und Wirbelgelenken sowie den dazugehörigen Bändern. Es bildet eine funktionelle Einheit. (vgl. DEBRUNNER 1994, 574).

Details

Seiten
96
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638286558
ISBN (Buch)
9783638702409
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v26258
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Sportmedizinisches Institut Gießen
Note
1
Schlagworte
Yoga Rücken

Autor

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Titel: Yoga für den Rücken