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Die innere Wandlung der Hauptprotagonisten David Lurie (Disgrace) und David Hohl (Hundert Tage)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

0. Einführung in die Thematik

„Genozid gilt als das <<Verbrechen aller Verbrechen>>“.1 Mit diesem Satz beginnt das Vorwort in Boris Barths Buch Genozid - Völkermord im 20. Jahrhundert. Ein Völkermord oder Genozid ist gekennzeichnet durch die spezielle Absicht, „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“.2

Der Völkermord in Ruanda aus dem Jahre 1994 gilt unbestritten als eines der grausamsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts und bildet den traurigen Höhepunkt des Konflikts zwischen den zwei in Ruanda lebenden Bevölkerungsgruppen, den Hutu und den Tutsi. Im vorkolonialen Ruanda war Tutsi die Bezeichnung für eine Person mit großem Viehbesitz, während ein Hutu überwiegend Landwirtschaft betrieb und einer mächtigen Person untergeben war. Mit der Politisierung dieser Begriffe erfolgte bald auch die Gleichsetzung der Tutsi mit der elitären Schicht, während die Hutu die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten. Für die Hutu bedeutete dies überwiegend den Ausschluss aus allen höheren Positionen und von höheren Bildungswegen. Durch das verstärkte Konkurrenzdenken entstand eine angespannte Situation, die sich in den Folgejahren immer wieder in Form von Gewaltaktionen entlud. Die Gewalt erreichte ihren Höhepunkt, als am 6. April 1994 das Flugzeug der ruandischen und burundischen Präsidenten abgeschossen wurde. Obwohl die Tat bis heute als nicht aufgeklärt gilt, wurden die Tutsi beschuldigt, diesen Anschlag begangen zu haben. Ab diesem Tag erlangte der Konflikt unvorstellbare Grausamkeit. In annähernd 100 Tagen wurden auf brutalste Art und Weise mindestens 800 000 Tutsi (manche Schätzungen gehen sogar von weit über 1 Million Toten aus) von radikalen Hutu getötet. Die Folgen dieses Völkermords halten bis heute an.3

Bedenkt man die Ausmaße dieses Konflikts, so ist es nicht verwunderlich, dass er mittlerweile Einzug in die Welt des Filmes und der Literatur gefunden hat. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Thematik leistet hier Lukas Bärfuss4 mit seinem 2008 erschienen Roman Hundert Tage.5

Hundert Tage ist das Romandebüt des Schweizer Schriftstellers, der zuvor als Dramaturg für verschiedene Schauspielhäuser in der Schweiz in Erscheinung getreten war.

Der Hauptprotagonist in Bärfuss´ komplett fiktionalisierten Geschichte ist David Hohl, der 1990, also vier Jahre vor dem großen Genozid, als Entwicklungshelfer nach Ruanda geht. Auf den ersten Seiten wird eine Rahmenhandlung eingeführt, nämlich die Zeit, als David wieder zurück in der Schweiz ist und zurückgezogen im Schweizer Jura lebt.6 Der Ich- Erzähler ist ein alter Schulfreund Davids, der mit ihm über das Erlebte spricht. Ab Seite 13 findet eine Ablösung des alten Schulfreundes durch David als Ich-Erzähler statt. Zwischen David und Agathe, einer Ruanderin, kommt es zu einer intimen Beziehung, die sich auf sexuelle Handlungen beschränkt.7 Als 1994 die Morde der Hutu an den Tutsi beginnen, fliehen alle Entwicklungshelfer aus dem Land - David entscheidet sich zu bleiben und versteckt sich in seinem Haus. Halb verdurstet finden ihn die Rebellen in seinem Haus vor und er schafft es, mit ihnen in den Kongo zu fliehen, wo er Agathe in einem Flüchtlingslager wieder findet.

Der zweite Roman, mit dem sich diese Hausarbeit auseinandersetzt, ist J. M. Coetzees Disgrace8 aus dem Jahre 1999. Er beschäftigt sich mit dem Südafrika in der Postapartheid-Ära. Diese begann bereits Anfang des 20. Jahrhunderts und war von der staatlich festgelegten und organisierten Trennung der unterschiedlichen Rassen in Südafrika geprägt. Diese Periode war durch die autoritäre, selbsterklärte Vorherrschaft der weißen, europäisch stämmigen Bevölkerungsgruppe über alle anderen gekennzeichnet und endete 1994 offiziell, als man sich auf einen demokratischen Regierungswechsel einigte, bei dem Nelson Mandela der erste dunkelhäutige Präsident des Landes wurde. Heute ist das politische Handeln mit solchen Bestrebungen unter Strafe gestellt.9

John Maxwell Coetzee10 ist ein südafrikanischer Schriftsteller, der zweimal mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde und 2003 den Literaturnobelpreis verliehen bekommen hat.

In Disgrace ist David Lurie, ein 52-jähriger Literaturprofessor aus Kapstadt Hauptfigur. Er ist zweimal geschieden und hat eine Tochter namens Lucy. Lurie hat ein Verhältnis mit seiner Studentin Melanie, das irgendwann auffliegt und eine Klage wegen sexueller Belästigung nach sich zieht. David Lurie flieht zu seiner homosexuellen Tochter Lucy auf´s Land, die in der Provinz Ostkap eine Farm betreibt und vertreibt sich die Zeit damit, einer Freundin in ihrer Tierklinik zu helfen. Als die Farm von drei dunkelhäutigen Männern überfallen und Lucy vergewaltigt wird, ist er machtlos und kann ihr nicht helfen. Lucy, durch die Vergewaltigung schwanger geworden, entscheidet sich dafür, das Kind zu behalten, ihren Nachbarn zu heiraten und ihm die Farm zu überschreiben, obwohl Anhaltspunkte dafür existieren, dass er von der Vergewaltigung wusste und die Täter persönlich kennt. Nach einigen Wochen kehrt David nach Kapstadt zurück und findet seine Wohnung aufgebrochen und geplündert vor.

Diese Hausarbeit hat sich zum Ziel gesetzt, die Beweggründe für die innere Wandlung der Hauptprotagonisten David Lurie (Disgrace) und David Hohl (Hundert Tage) in den beiden Romanen genauer unter die Lupe zu nehmen.

1. David Hohl in Hundert Tage

Gleich zu Beginn des Romans wird David Hohl als ein durch und durch besonnenes Kind beschrieben, was kein draufgängerisches Verhalten zeigt und Ärger wenn möglich aus dem Weg geht (S.6). Diese Charaktereigenschaften prägen ihn auch in den Jahren nach der Schule. Mit der Einstellung, für die gerechte Sache einzustehen, macht er sich als 24- jähriger Entwicklungshelfer Ende Juni 1990 auf den Weg nach Kigali, um dort seinen Posten bei der Direktion anzutreten. Auf Seite 7 erklärt er:

„Ich habe an das Gute geglaubt, ich wollte den Menschen helfen wie alle von der Direktion, und nicht nur, um einen Einzelnen aus der Misere zu ziehen, sondern um die Menschheit weiterzubringen“.11

Seine erste Begegnung mit einer Afrikanerin erfolgt am Brüsseler Flughafen. An der belgischen Passkontrolle stehend, beobachtet er „eine afrikanische Frau in europäischer Garderobe, Caprihosen, die ihre schlanken Fesseln sehen ließen, offene Schuhe, rot lackierte Zehennägel, etwas, das (er) noch nicht allzu oft gesehen hatte“.12 Von ihrer Schönheit fasziniert, sieht er, wie die belgischen Zollbeamten sie nicht passieren lassen wollen. Laut Davids Aussage geschah dies nur aufgrund ihrer Hautfarbe.

[...]


1 Vgl. Boris Barth: Genozid. Völkermord im 20. Jahrhundert. Geschichte. Theorien. Kontroversen. München: C.H. Beck oHG, 2006. Vorwort.

2 Vgl. Art. 264 StGB. (http://www.admin.ch/ch/d/sr/311_0/a264.html).

3 Vgl. Alison Des Forges: Kein Zeuge darf überleben. Der Genozid in Ruanda. Hamburger Edition des HIS Verlages. 2002. S. 60 ff.

4 Vgl. Mark Behrens: Lukas Bärfuss. 95. Nlg. / Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur - KLG - 6/10. S. 1.

5 Lukas Bärfuss: Hundert Tage. Göttingen: Wallstein Verlag, März 2010.

6 Vgl. Bärfuss: Hundert Tage. S. 5 ff.

7 Vgl. Hundert Tage. S. 15: „Ich weiß nicht, ob ich Agathe je geliebt habe“.

8 J. M. Coetzee: Disgrace. London: Vintage Books, 1999.

9 Vgl. Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin, New York: Walter de Gruyter. 2002, S. 52 (Einträge: apart, Apartheid).

10 Vgl. Coetzee: Disgrace. Vorwort.

11 Vgl. Hundert Tage. S. 7.

12 Vgl. Hundert Tage. S. 15.

Details

Seiten
11
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656512059
ISBN (Buch)
9783656511755
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262533
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Schlagworte
wandlung hauptprotagonisten david lurie disgrace hohl hundert tage

Autor

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Titel: Die innere Wandlung der Hauptprotagonisten David Lurie (Disgrace) und David Hohl (Hundert Tage)