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Der Hitlerjunge Quex.

Die Minderbedeutung von Individualität und die ambivalente Rolle der Frau im nationalsozialistischen Jugendroman ‚Der Hitlerjunge Quex‘

Seminararbeit 2013 26 Seiten

Geschichte - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Einführung in die Handlung des Romans „Der Hitlerjunge Quex
2.2 Die Minderbedeutung von Individualitä
2.2.1 Individuum und Volksgemeinschaf
2.2.2 Individuum und Rassenlehre
2.2.3 Individuum und Uniform
2.2.4 Individuum und Führerprinzip
2.2.5 Individuum und Kameradschaf
2.2.6 Zwischenfazi
2.3 Die ambivalente Rolle der Frau
2.3.1 Die Frau als Mutte
2.3.2 Die Frau und der BDM
2.3.3 Die Frau und die Liebe
2.3.4 Die kommunistische Frau
2.3.5 Zwischenfazi

3.3 Schluss

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Du bist nichts, dein Volk ist alles.“

Dieser programmatische Leitspruch von einem unbekannten Verfasser zierte die Heime der Hitlerjugend und drückt gleichzeitig den Kern des nationalsozialistischen Ideals der Volksgemeinschaft aus. Das Zitat beinhaltet die Aussage, dass dem Individuum innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie (NS-Ideologie) keine Bedeutung beigemessen wird und nur der Gesamtkörper des Volkes von Relevanz ist.

In der vorliegenden Arbeit stellt der Jugendroman „Der Hitlerjunge Quex“ von Aloys Schenzinger den zentralen Untersuchungsgegenstand dar. Die Originalquelle als Element nationalsozialistischer Jugendliteratur wird dabei als Propagandamittel für die NS-Ideologie aufgefasst und ihm wird die Funktion unterstellt, das Ideal des Aufwachsens im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie darzustellen und die Erziehungsinstitution Hitlerjugend zu glorifizieren. In einer offenen Vorgehensweise wird dabei die erzieherische Funktion des Romans in Bezug auf zwei vorab definierte Erkenntniswünsche herausgearbeitet. Ziel ist es im Zuge einer hermeneutischen Vorgehensweise die Quelle diskursanalytisch zu bearbeiten. Das zentrale Interesse liegt im Rahmen der Untersuchung auf den Motiven der Minderbedeutung des Individuums im nationalsozialistischen Ideal der Volksgemeinschaft und dem ambivalenten Rollenverständnis der Frau in der NS-Ideologie. Dieses Erkenntnisinteresse wird an ausgewählte Textpassagen der Originalquelle gerichtet. Die Textpassagen werden zunächst interpretiert. Die Erkenntnisse, welche auf der Grundlage der Textanalyse herausgearbeitet werden können, werden in einem weiteren Schritt ins Verhältnis mit einschlägiger Forschungsliteratur gesetzt. Dabei wird geprüft in welchem Spannungsverhältnis Originalquelle und Forschungsliteratur in Bezug auf die genannten Motive stehen, von der Forschungsmeinung abweichende Elemente identifiziert und Schlussfolgerungen auf der Grundlage der Textanalyse gezogen.

In einem ersten Schritt wird in die Handlung des „Hitlerjungen Quex“ eingeführt, der geschichtliche Hintergrund des Plots skizziert und somit eine Orientierungshilfe für die sich anschließende Textanalyse gewährt. Danach wird die Frage nach der vermittelten Minderbedeutung des Individuums an den Text gestellt. Dabei wird zum einen auf die Darstellung des nationalsozialistischen Ideals der Volksgemeinschaft geachtet und zum anderen intensiv danach gefragt, wie das Individuum von Schenzinger dargestellt wird. In einem weiteren Schritt wird das von Schenzinger gezeichnete Bild der Frau untersucht. Es werden die Leitfragen verfolgt, ob das Rollenmuster der Frau innerhalb des Romans divergiert und welche Rückschlüsse sich zum weiblichen Rollenverständnis in der NS-Ideologie ziehen lassen. Im Schlussteil werden die Erkenntnisse aus dem diskursanalytischen Vorgehen zusammengefasst und reflektiert.

2. Hauptteil

2.1 Einführung in die Handlung des Romans „Der Hitlerjunge Quex“

Ehe das in der Einleitung definierte Erkenntnisinteresse per hermeneutischer Vorgehensweise im Rahmen der Textanalyse an den Jugendroman „Der Hitlerjunge Quex“ gerichtet wird, stellt der folgende Abschnitt eine Einführung in die Thematik bzw. Handlung des untersuchten Werkes dar. Um die analysierten Textpassagen besser einordnen zu können, wird unter Vernachlässigung eines umfassenden historischen Abrisses über die NS-Geschichte, auf den geschichtlichen Kontext der Handlung eingegangen und im Anschluss der Inhalt des Romans kurz wiedergegeben.

Die Handlung spielt im Deutschland des Jahres 1932 in der Endphase der Weimarer Republik, während des Kampfes der Nationalsozialisten um die politische Vormachtstellung. Diese Zeit ist geprägt von Straßen- und Saalschlachten der Nationalsozialisten mit den politischen Lagern der Kommunisten und Sozialdemokraten. In dieser instabilen Phase häufen sich Provokationen und gegenseitige Angriffe, die in letzter Konsequenz zu Schwerverletzten und Todesfällen führen. So verzeichnet die Hitlerjugend 21 Todesfälle in Folge dieser Auseinandersetzungen bis zur Machtergreifung im Jahre 1933. Zu den 21 getöteten Hitlerjungen zählt auch Herbert Norkus, der am 24. Januar 1932 in Berlin-Moabit während des Verteilens von Flugblättern von Vertretern des jungkommunistischen Lagers getötet wird. Noch im selben Jahr nutzt der Autor Karl Schenzinger das Leben von Herbert Norkus als Vorlage für seinen Roman „Der Hitlerjunge Quex“. Norkus‘ Tod wird in der Folge durch die NS-Propaganda als Mythos für den aufopferungsvollen Kampf der Hitlerjugend im Zuge des Machtkampfes in Deutschland genutzt und Herbert Norkus als Märtyrer der NS-Bewegung stilisiert. (Vgl. Koch 1987, S. 130 f.)

Der Roman handelt von dem fünfzehnjährigen Tischlerlehrling Heini Völker, der mit seinen Eltern in dem Berliner Arbeiterviertel Beußelkietz wohnt. Zu Beginn der Erzählung werden die sozialen Lebensumstände innerhalb des Arbeitermilieus anhand der Beschreibung der verwahrlosten Häuser und der ärmlichen Einrichtung von Heinis Wohnung verdeutlicht. Heinis Vater ist ein arbeitsloses, überzeugtes Mitglied der kommunistischen Partei. Er wird als übermäßig Alkohol konsumierend dargestellt und übt häusliche Gewalt an Frau und Kind aus. Die Mutter sorgt für die Hausarbeit und den Lebensunterhalt der Familie. Sie lebt in Angst vor der Gewalttätigkeit des Vaters, entzieht sich dessen Ausbrüchen nicht, versucht aber ihren Sohn davor zu beschützen und geht in der Liebe zu ihm auf.

Heini macht die Bekanntschaft mit dem Kommunisten Stoppel, einem großgewachsenen jungen Mann, der Anführer einer gewalttätigen kommunistischen Vereinigung im Beußelkietz ist und offensichtlich keiner Erwerbsarbeit nachgeht. Er übt von Beginn an Druck auf Heini aus, lässt sich von ihm Zugang zum Keller der Werkstatt von Heinis Lehrmeister verschaffen und nimmt ihn mit zu einem Zeltlager des Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands. Zu Beginn der Fahrt in dieses Zeltlager tritt Heini das erste Mal mit der Hitlerjugend (HJ) in Kontakt. Er sieht die angetretene Formation, die nicht auf die Provokationen der vorbeilaufenden Kommunisten eingeht und diszipliniert in ihrer Ordnung verharrt. Während des Zeltlagers wird Heini mit Faustkämpfen, sich anbiedernden Mädchen, Diebstahl und Alkoholkonsum konfrontiert, nimmt aber gleichzeitig das Lager der HJ mit Lagerfeuer, patriotischen Liedern, Fahnen und Wimpeln wahr.

Nach einer Flugblattaktion der HJ vor seiner Schule, folgt Heini dem Hitlerjungen Fritz Dörries, wird von ihm zu sich nach Hause eingeladen. Dort erzählt Dörries von seiner politischen Einstellung und erläutert Heini die Motive der nationalsozialistischen Bewegung. In der Folge wird Heini zu einem Kameradschaftsabend der HJ eingeladen. Noch ehe Heini der Veranstaltung beiwohnen kann, ereignet sich ein Angriff von Stoppels Bande auf den Austragungsort. Heini wird festgenommen, verhört und gerät unter Verdacht ein Verräter zu sein, da er den Kommunisten von besagtem Kameradschaftsabend erzählt haben könnte. Um diesen Verdacht auszuräumen, bäumt sich Heini gegen Stoppel auf und vereitelt einen weiteren Angriff auf ein Verkehrslokal der HJ durch die Kommunisten, indem er die Sympathie Stoppels für ihn ausnutzt.

Durch den Verrat an der kommunistischen Bande muss Heini von zu Hause flüchten und verabschiedet sich bei seiner Mutter. In der letzten Nacht, die Heini im elterlichen Haus verbringt, versucht die Mutter sich und Heini mit Hilfe von Gas umzubringen. Heini überlebt diesen Mordversuch und erhält im Krankenhaus die Nachricht vom Tod seiner Mutter. Nachdem er noch im Krankenhaus von Fritz Dörries, seiner Schwester Ulla und weiteren Hitlerjungen seine eigene Uniform überreicht bekommt und der Kameradschaftsführer Kaß ihn ermahnt seine Trauer zu überwinden, wird Heini Mitglied der HJ. Er wird der Obhut des Bannführers unterstellt, der für ihn Sorge trägt und ihm Aufträge zuteilt. Während dieser Zeit macht sich Heini aufgrund seiner Tugendhaftigkeit einen Ruf als guter Hitlerjunge, zeichnet sich auf einer Manöverübung der HJ aus und erhält aufgrund seiner Schnelligkeit den Spitznamen Quex. Er leistet sich eine Prügelei mit seinem untreuen Stubenkameraden Wisnewski, der in der Folge abtrünnig wird. Nachdem Heini von Kaß zum Führer der Kameradschaft Beußelkietz ernannt wird und gemeinsam mit seinen Kameraden ein Theaterstück zur Nachwuchswerbung einstudieren möchte, wird er von Kommunisten auf offener Straße erschossen.

2.2 Die Minderbedeutung von Individualität

Im Verlauf der Geschichte um den Berliner Jungen Heini Völker wird als ein Hauptmotiv das Verhältnis von Individuum und Kollektiv thematisiert. Im Folgenden wird anhand verschiedener Textstellen dieses Verhältnis näher untersucht und herausgearbeitet, welche Rolle dem Individuum vom Autor zugeschrieben wird. Dabei wird versucht das vermittelte Bild des nationalsozialistischen Ideals der Volksgemeinschaft nachzuzeichnen und Textstellen interpretiert, die darstellen, welche Bedeutung dem Individuum innerhalb dieser Ideologie beigemessen wird. Erkenntnisse, die auf der Grundlage dieser Analyse gezogen werden können, werden unter Einbezug einschlägiger Forschungswerke reflektiert und geprüft, ob sie divergieren.

2.2.1 Individuum und Volksgemeinschaft

Die erste zentrale Textstelle, in der Schenzinger das Verhältnis von Individuum und Kollektiv thematisiert, ist das Gespräch des Protagonisten Heini Völker mit dem Hitlerjungen Fritz Dörries. Nach der von Heini ausgehenden Kontaktaufnahme, lädt ihn Fritz in sein Elternhaus ein. Fritz Dörries entstammt einer Advokatenfamilie, besucht das Gymnasium und ist Mitglied der Hitlerjugend (vgl. Schenzinger 1932, S. 27, 62). Dörries beklagt im Gespräch mit Heini die in Deutschland vorherrschende Tendenz Menschen nach ihrer Bildung und ihrem Berufsstand zu klassifizieren. Das dafür utilisierte Symbol ist „die große Stanze“[1] (ebd.), gegen die sich Dörries sträubt. In der Passage „Da ist der Mensch mit der Volksschulbildung, mit der Sekundarreife, mit dem Abitur. Da ist der Amtsrichter, der Werkmeister, der Steuersekretär. Frau Steuersekretär hat die Frau Amtsrichter zuerst zu grüßen. Die Frau Werksmeister sehen sie beide nicht.“ (ebd., S. 27, 62) will Schenzinger den Beweis für das deutsche Klassendenken liefern, indem er auf in der Gesellschaft beobachtbare soziale Situationen verweist. Die Abschaffung des Klassendenkens ist Teil des nationalsozialistischen Motivs der Volksgemeinschaft. Die Nationalsozialisten bedienen sich dabei einem in Deutschland bereits seit 1900 verbreiteten Begriff, welcher eine harmonische, konfliktfreie Gesellschaft beschreibt und laden ihn mit einer nationalistisch-rassistischen Bedeutung auf. Sie benutzen dazu unter anderem den Mythos des gemeinsamen Fronterlebnisses von Reichswehrsoldaten, die im Ersten Weltkrieg eine ideale kameradschaftliche Gemeinschaft ohne Klassengegensätze und somit eine soldatische Volksgemeinschaft erlebt haben. (Vgl. Bauer 2008, S. 55) Das Motiv der Volksgemeinschaft dient zudem den Unterschied zwischen Kapital und Arbeit aufzuheben. Der Arbeiterbegriff wird in der NS-Ideologie auf alle „schaffenden Deutschen der Stirn und der Faust“ (Bauer 2008, S. 11) ausgedehnt. Anstelle des Klassenkampfes zwischen Kapital und Proletariat wird der Rassenkampf zwischen Ariern und Juden gesetzt. Eine Gesellschaft ohne Klassen unterteilt sich in Schenzingers Argumentation in „solche, die etwas leisten und Schmarotzer“ (Schenzinger 1932, S. 64). Da letzteren in dieser Gesellschaft kein Platz eingeräumt werden soll, besteht sie nur aus solchen Menschen, die einen Beitrag leisten. Dieser Beitrag schlägt sich nieder in den Attributen „guter Kamerad“, „treue Haut“ und „anständiger Kerl“ (ebd.) nieder. Eine Spezifizierung der Form des Beitrags für die Gesellschaft bleibt aus. Vielmehr zeigt sich die Ergebenheit gegenüber dem System bzw. des Kollektivs in diesen Zuschreibungen. Kameradschaft und Treue kann als Ideal nur in einem Kollektiv Anwendung finden, wohingegen Individualität keine Rolle spielt. Dies wird in der Aussage „Ob du nebenher Nachtschränkchen machst oder Gerichtsakten büffelst, ist ganz egal.“ (ebd.) verstärkt. Der Beruf als individuelle Identifikationsmöglichkeit und persönliches Merkmal verschwindet und wird nur noch in seinem Wert für das Gemeinwohl geschätzt.

Einer Gesellschaft, in der „Akademiker oder Kofmich[2] (ebd., S. 63) eine exponierte Stellung innehaben, werden die antiken Staatsbilder Roms und Spartas entgegengesetzt. Die römische bzw. spartanische Gesellschaft weist bei Schenzinger keinerlei Selektion auf. Vielmehr stellen sie ein Idealbild dar, weil ihre Mitglieder gleich sind und sich über ihre Zugehörigkeit zu der Stadt bzw. zu dem Staat definieren „Was war man in Rom? Römische Bürger! In Sparta? Spartaner!“ (ebd. S. 62 f.). Der Vergleich mit den antiken Staaten rührt aus der NS-Ideologie, welche die antiken Völker und Staaten als Vorbild für das nationalsozialistische Deutschland ansieht und dieses Verhältnis mit der rassischen Verwandtschaft legitimiert. „Die unsterblichen Leistungen der alten Völker würden immer wieder ihre anziehende Wirkung auf die Germanen ausüben, weil sie mit Griechen und Römern ein und derselben arisch-nordischen Grundrasse angehörten.“ (Hitler 1933 zit. n. Sünderhauf 2004, S. 296) Doch gerade die antiken Staaten sind Beispiele für Gesellschaften mit Selektionsmechanismen, wie Geburtsstand, Gesundheit oder Geschlecht (vgl. Klemperer 2010, S. 193). Beispielsweise waren in Sparta nur die Vollbürger sogenannte Spartiaten, Nachbarn mit beschränkten Rechten dagegen wurden Periöken und Staatssklaven Heloten genannt (vgl. Schmitz 2000, S. 88).

[...]


[1] Zitate aus dem Originalwerk werden im weiteren Verlauf kursiv markiert.

[2] Kaufmann, Materialist, Mensch mit konsumistisch-hedonistischer Lebenseinstellung (oberstes Prinzip ein übersteigertes Konsumverhalten und der Lebensgenuss ) (vgl. uni-hannover.de/index.php?id=1826&no_cache=1&L=0; Stand 2010, letzter Zugriff: 28.12.2012, 14.15 Uhr).

Details

Seiten
26
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656508144
ISBN (Buch)
9783656508106
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262513
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
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Autor

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