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Das Charisma der Führer bei Gustave Le Bon, Sigmund Freud und Max Weber

Studienarbeit 2013 37 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis.

1. Einleitung.

2. Charisma bei Gustave Le Bon.
2.1 Die Psychologie der Massen.
2.2 Der Führer und die Geführten bei Le Bon.
2.2. Das Prestige / Der Nimbus des Führers.

3. Charisma bei Sigmund Freud.
3.1 Konzeptionelle Grundlagen der Psychoanalyse.
3.2 Der Führer und die Geführten bei Freud.
3.3 Vergleich zwischen Le Bon und Freud.

4. Charisma bei Max Weber
4.1 Konzeptionelle Grundlagen der Herrschaftssoziologie nach Weber
4.2 Die charismatische Herrschaft bei Weber
4.3 Vergleich zwischen Le Bon und Weber

5. Schluss.

Literaturverzeichnis.

Abkürzungsverzeichnis

Abb. Abbildung

Kap. Kapitel

o. V. ohne Verfasser

ebd. ebenda

et al. et altera

vgl. vergleiche

z. B. zum Beispiel

o. Ä. oder Ähnliches

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1. Einleitung

Das Charisma – ein Begriffskonstrukt, welches nicht nur innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses eine große öffentliche Wirksamkeit erlangt hat. Das Konzept scheint in der Lage zu sein, ein wohl universales Herrschaftsphänomen zu beschreiben, welches eine faszinierende Wirkung auf die Menschen innehat. Die besondere Wirkung eines Menschen, eines Gegenstandes oder einer Idee auf eine Vielzahl von Individuen wird bereits im 19. Jahrhundert aus einer wissenschaftlichen Perspektive untersucht. Gustave Le Bons Werk „Die Psychologie der Massen“ thematisiert das Verhältnis zwischen einem charismatischen Führer und seinen Anhängern. Sowohl der Psychologe Sigmund Freud als auch der Soziologe Max Weber behandeln das Phänomen Charisma, nähern sich ihm aus unterschiedlichen Disziplinen an und konstruieren ihre eigenen Theorien. Dabei legen sie Le Bons Werk zugrunde, bedienen sich seiner Erkenntnisse, stellen sie in Frage und zeichnen Parallelen bzw. Dissonanzen.

Die vorliegende Arbeit untersucht jenes Verhältnis der drei genannten Autoren zum Konzept des Charismas und den Zusammenhang zwischen den Theorien. Es wird die Frage verfolgt, was Freud und Weber von Le Bon übernehmen und in welchen Punkten sich ihre theoretischen Abhandlungen von der seinen unterscheiden. Die Vorgehensweise wird dabei so gewählt, dass Freuds und Webers Zugänge ins Verhältnis zu Le Bon gesetzt werden, mit dem Ziel Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu identifizieren.

Beginnend mit einer Einführung in Gustave Le Bons „Die Psychologie der Massen“, dem zentralen Werk zum kollektiven Verhalten, werden dessen Erkenntnisse zum Verhältnis von Führer und Geführten rezipiert. Im Anschluss daran wird mit dem Nimbus bzw. dem Prestige, die von Le Bon identifizierte, besondere Führereigenschaft untersucht. Das dritte Kapitel behandelt die Erkenntnisse von Sigmund Freud in Bezug auf die gewählte Thematik. Hier werden zunächst zentrale Elemente der Freudschen Psychoanalyse erläutert, auf die sich seine Herrschaftstheorie schwerpunktmäßig bezieht. Danach werden die Eigenschaften von Führer und Geführten bei Freud und deren Bedeutung für die Wirkung von Charisma analysiert. Daraufhin werden auf der Grundlage der Untersuchungsergebnisse Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Le Bons Theorie erarbeitet. Im vierten Kapitel wird die soziologische Perspektive Max Webers eingenommen und in seine Herrschaftssoziologie eingeführt. Mithilfe einer Untersuchung der charismatischen Herrschaft werden dann die Theorien Le Bons und Webers ins Verhältnis gesetzt und abermals Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede ausfindig gemacht. Abschließend wird im Schlussteil die Leitfrage nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen den Erkenntnissen von Freud und Weber zu jenen von Le Bon nochmals aufgegriffen und geprüft, ob sie im Hauptteil beantwortet wurde. Zudem werden die Forschungsergebnisse zusammengefasst und eine Bewertung dieser vorgenommen.

2. Charisma bei Gustave Le Bon

Um einen ersten Zugang zu dem Konstrukt Charisma zu erhalten, wird zunächst Gustave Le Bons Werk „Die Psychologie der Massen“ auf das Verhältnis zwischen Masse und Führer untersucht. Dabei wird der Kontext der Überlegungen Le Bons kurz skizziert und seine zentralen Thesen zum Massenphänomen vorgestellt, um daran anknüpfend das Verhältnis von Masse und Führer sowie den Nimbus als besondere Eigenschaft des Führers zu untersuchen. Dabei wird sich grundlegend auf die Originalliteratur von Le Bon gestützt, diese rezipiert und die Psychologie der Massen als Ausgangssituation genutzt, woraufhin die Theorien von Freud und Weber jeweils ins Verhältnis zur Grundlage von Le Bon gesetzt werden.

2.1 Die Psychologie der Massen

Das Werk „Die Psychologie der Massen“ des französischen Mediziners und Anthropologen Gustave Le Bon wurde im Jahr 1895 veröffentlicht. Der Kontext der Entstehungszeit dieses Buches ist geprägt von sozialen Entwicklungen, wie der Auflösung sozialer Bindungen, der Geschwindigkeit von Nachrichtenverbreitung, der Vermischung verschiedener Bevölkerungen und eines beschleunigten Lebensrhythmus in den Städten (vgl. Moscovici 1984, S. 13). [1]

Vor diesem Hintergrund analysiert Le Bon die Entwicklungen, welche innerhalb der bürgerlichen Bevölkerungsschicht „das Gefühl einer Bedrohung der traditionalen Ordnung“ (Bussemer 2008, S. 67) auslösten. Die Bedrohung ist für ihn gekennzeichnet durch ein Verhalten, nach dem sich Menschen nicht länger durch Rationalität und einer vorgegebenen Moral bzw. Wirklichkeit steuern lassen, sondern vielmehr durch irrationale, unbewusste und emotionale Prozesse geleitet werden. Le Bon sieht die „Rassenseele“ [2] (Schultz 2011, S. 98 zit. n. Le Bon 1894), als das von ihm postulierte Ideal eines Gesellschaftsbildes, durch egoistische Tendenzen gefährdet [3].

Ihr steht eine emotionalisierte, manipulierte und falsch moralisierte bzw. unmoralische Menschenmenge entgegen, bei der die herkömmlichen Mittel der Kontrolle versagen. Die öffentliche Meinung dieser Menschenmenge stellt dabei ein „bedrohliches Fluidum“ (Schultz 2011, S. 45) dar, welches die feste soziale Ordnung der Rassenseele mit ihren etablierten Bindungen und Ideologien zu zersetzen droht. (Vgl. Schultz 2011, S. 94f.) Die Menschenmenge wird von Le Bon als „blinde Macht“ (Le Bon 1953, S. 5) charakterisiert und mit dem Terminus Masse belegt. Die Masse kann unter Berücksichtigung der Ambivalenz dieses Begriffs und mangels einer eindeutigen Abgrenzung im wissenschaftlichen Diskurs als „ein transitorisches Ensemble von gleichrangigen, anonymen und ähnlichen Individuen, innerhalb dessen die Ideen und Emotionen eines jeden dazu neigen sich spontan auszudrücken“ definiert werden (Moscovici 1984, S. 13). Sie stellt sich für Le Bon vor allem in Form der zunehmend organisierten Arbeiter als Synonym für kommunistische und sozialistische Strömungen dar. Er unterstellt dieser Masse Herrschsucht und attestiert ihr eine neugewonnene politische Macht, welche Gemeinschaft, Einheit und Moral der Rasse durch egoistische Tendenzen zerstört und somit für den Zerfall von Zivilisation und Kultur verantwortlich sei.

Die einsetzende Umbruchsituation führt Le Bon auf den schwindenden Einfluss von Kirche bzw. der Aristokratie und dem damit verbundenen Verlust der moralischen Kräfte zurück, die fortan nicht länger normative Kontrolle auf die sich im Umbruch befindende Gesellschaft ausüben. Nach Le Bons Theorie der Massenpsychologie entfaltet die „ Massenseele“ (Le Bon 1953, S. 10), einem einfachen Reiz-Reaktions-Modell folgend, eine hypnotisierende Wirkung auf das einzelne Individuum und schaltet dessen moralischen Willen aus (vgl. ebd., S. 18). (Vgl. Schultz 2011, S. 98f.)

Die beobachtete gesellschaftliche Veränderung deutet Le Bon als einen Verlust von Steuerungsfähigkeit. Aufgrund dieser Erkenntnis kommt er zu der Schlussfolgerung, dass nur mithilfe einer Remoralisierung der Masse und starker Führer eine Steuerbarkeit der Gesellschaft möglich wird. Um die angesprochene Steuerungsfähigkeit zurückzuerlangen bzw. den einsetzenden Handlungsverlust der Führenden zu begrenzen, fokussiert Le Bon die Eigenschaften der Führenden. Dazu verfolgt er die Vorstellung eines moralischen Führers, der einer Gemeinschaftsidee selbst am stärksten verpflichtet ist und seine Eigeninteressen zugunsten des übergeordneten Ziels zurückstellt. (Vgl. Schultz 2011, S. 100) Le Bons Analyse der Eigenschaften eines Führers und der Bedeutung dieser für das Verhältnis zwischen Masse und Führer stellt im folgenden Abschnitt den Fokus der Betrachtung dar.

2.2 Der Führer und die Geführten bei Le Bon

In diesem Abschnitt werden zunächst Eigenschaften von Masse und Führer skizziert, um so deren Verhältnis zu beleuchten und damit einen Zugang zu dieser Thematik im Sinne der Massenpsychologie nach Le Bon zu erhalten.

Die Masse lässt sich in den Kategorien Material und Form identifizieren. Ihr Material setzt sich aus Individuen zusammen, die beeinflussbar, formbar und wechselhaft den Unisicherheiten ihrer Umgebung ausgesetzt sind. Die Masse ist zudem Trägerin von festen Anschauungen, die formgebend wirken, dem Wesen nach obstinat, aber auch utopisch sind und Ähnlichkeiten mit Religion aufweisen. Auf die Frage, wie jene Anschauungen bzw. Form der Masse auf das Material wirkt, wird eine dritte Komponente herangezogen. Es bedarf folglich eines Handwerkers, welcher in Bildern gesprochen als Tischler aus einem Stück Holz einen Tisch zu formen vermag. (Vgl. Moscovici 1984, S. 159)

Die Rolle des Tischlers kommt in Bezug auf die Masse dem Führer zu. Dabei unterstellt Le Bon, dass sobald „eine gewisse Anzahl lebender Wesen vereinigt ist […] , sie sich unwillkürlich einem Oberhaupt, d. h. einem Führer“ unterstellen (Le Bon 1953, S. 97), der Mensch in allen sozialen Schichten „leicht unter die Herrschaft eines Führers [gerät], sobald er nicht mehr alleinsteht“ (ebd., S. 100) und der „Drang, zu gehorchen […] so groß [ist], daß [sic!] sie sich jedem, der sich zu ihrem Herrn erklärt, instinktiv unterordnen“ (ebd., S. 100f.). Dem Führer obliegt es, die Masse durch einen gemeinsamen Glauben zu vereinen und sie in eine kollektive Bewegung zu verwandeln, welche auf ein kollektives Ziel hin wirkt. Die besondere Leistung des Führers liegt darin, die kollektive Idee und die Masse zu vereinen. Zentral für die Machtausübung des Führers ist in diesem Zusammenhang nicht die Organisation von Gewalt, sondern vielmehr die von Anschauungen. Bezogen auf den Tischler, zerstört dieser das Holz eben nicht bei der Bearbeitung mit einem Hobel, sondern formt es zu etwas Höherwertigem, einem Tisch. (Vgl. Moscovici 1984, S. 159f.)

Die Organisation von Anschauungen äußert sich dabei für Le Bon primär in der Erzeugung von Glauben, wobei er keinen Unterschied macht zwischen religiösen, politischen bzw. sozialen Glauben oder dem Glauben an eine Person oder eine Idee. Er misst dem Glauben die höchste Priorität bei: „Von allen Kräften, die der Menschheit zur Verfügung stehen, war der Glaube stets eine der bedeutendsten, und mit Recht schreibt ihm das Evangelium die Macht zu, Berge zu versetzen. Dem Menschen einen Glauben schenken, heißt seine Kraft verzehnfachen.“ (Le Bon 1953, S. 99) Für Le Bon hat derjenige, welcher die Anschauung besitzt gleichzeitig die Macht „einen Haufen von skeptischen Individuen in eine Masse von Überzeugten zu verwandeln, die leicht zu mobilisieren und noch leichter zu lenken sind“ (Moscovici 1984, S. 160). In Bezug auf die Masse ist für Le Bon der Glaube die stärkste aber auch gefährlichste Kraft, über die ein Mensch verfügen kann.

Le Bon differenziert die „Klasse der Führer“ (Le Bon 1953, S. 101) in zwei verschiedene Typen. Auf der einen Seite beschreibt er energische, willensstarke, tapfere und kühne Führer. Diese zeichnen sich durch eine gewaltige Energie aus und sind in der Lage „die Massen trotz der Gefahr mitzureißen“ (ebd.). Diesem Führertyp mangelt es jedoch an einem ausdauernden Willen, weshalb seine Energie nur vorrübergehend wirkt und er den von ihm erzeugten Aufschwung kaum überdauert. Er kann seine Aufgabe nur dann erfüllen, wenn er „ stets einen Menschen oder eine Idee über sich [fühlt] und genauen Verhaltensregeln “ (ebd.) folgt. Diesem ersten Typen stellt Le Bon die Art der Führer mit einem ausdauernden Willen gegenüber. Der zweite Typ kann dabei weniger glänzend auftreten, übt aber einen viel bedeutenderen Einfluss aus. Sein Alleinstellungsmerkmal stellt der „beharrliche Wille“ (ebd., S. 102) dar, welcher als seltene und mächtigste Eigenschaft überragt. Diese Art von Führern beschreibt nur einen kleinen Personenkreis im Verlauf der Geschichte. „Das Buch, in dem das Leben all dieser großen Führer zu schildern wäre, würde nicht viele Namen enthalten, aber diese Namen standen an der Spitze der wichtigsten Ereignisse der Kultur und Geschichte.“ (Ebd.)

Le Bon ergänzt seine Charakterisierung der Führer um weitere Eigenschaften. Für ihn sind Führer Ausnahmeerscheinungen, welche sich aus „Nervenkranken, diesen Überregten, diesen Halbirren, die die Grenzen des Wahnsinns streifen [rekrutieren]. So absurd die Idee, die sie verteidigen, oder das Ziel, das sie verfolgen, auch sein mögen, alle Überlegung prallt an ihrer Überzeugung ab. Hohn oder Verfolgung stacheln sie nur noch mehr an. Ob persönliches Interesse oder Familie, alles wird geopfert. Sogar der Selbsterhaltungstrieb ist bei ihnen so weit neutralisiert, daß [sic!] die einzige Belohnung, die sie fordern, oft das Martyrium ist.“ (Moscovici 1984, S. 160 zit. n. Le Bon 1910, S. 242) Die Führer stellen sich als „ein Kondensat der Masse“ (Moscovici 1984, S. 161) dar, unterscheiden sich von selbiger jedoch als „Geister von großer Zähigkeit, die immer wieder die gleichen Dinge mit den gleichen Worten sagen und bereit sind, ihre persönlichen Interessen und ihr Leben für den Triumph des Ideals, von dem sie besessen sind, zu opfern“ (Moscovici 1984, S. 160 zit. n. Le Bon 1910, S. 361). Die Persönlichkeit des Führers wird nicht durch Unsicherheit oder Distanz beeinflusst. Das „Gemäßigte“, welches für Le Bon die Tugend des normalen Lebens darstellt, wird für den Führer zur „tödliche[n] Schwäche“ (Moscovici 1984, S. 161). Entscheidend für den Ehrgeiz eines Führers ist die Idee. Sie stellt die Überzeugung dar, welche dem Führer „vom Gebot der Geschichte oder durch Gottes Weisung“ (ebd.) auferlegt wurde. Jegliches Handeln eines Führers ist darauf ausgerichtet, der Idee von einer Religion, einer Doktrin oder einer Nation um jeden Preis zum Triumph zu verhelfen. Der Ehrgeiz die Masse zu führen und diese Idee durchzusetzen, lässt sich dabei auf das Gefühl berufen zu sein, zurückführen. (Vgl. Moscovici 1984, S. 160ff; Le Bon 1953, S. 101f.)

Neben dem Selbstverständnis, der Überzeugtheit und dem Gefühl der Berufung nennt Le Bon als weitere Eigenschaft die Vorherrschaft des Mutes über die Intelligenz. So gibt es eine Vielzahl an solchen Menschen, die eine Situation analysieren, über ein Problem nachdenken und ein solches auch lösen können. Diese können exzellente Berater, unanfechtbare Experten und gnadenlose Vollstrecker sein, die sich dadurch auszeichnen Fragen auf den Grund zu gehen oder die Konsequenzen einer Entscheidung vorherzusehen. Dennoch muss die richtige Theorie bzw. die Überlegung von jemandem transportiert werden, der den Willen hat, die Menschen zu beeinflussen, sie mitzureißen und sich an ihre Spitze zu setzen. Demjenigen bedarf es an Mut. Einer Eigenschaft, die eine Möglichkeit in Realität und eine Überlegung in eine Aktion verwandelt. (Vgl. Moscovici 1984, S. 163f.) Für Le Bon siegt der Mut in den entscheidenden Momenten über die Intelligenz. „Zuweilen gibt es einen intelligenten und gebildeten Führer, doch das schadet ihm in der Regel mehr, als es ihm nützt. Die Intelligenz, die die Verbundenheit aller Dinge erkennt, die Verstehen und Erklären ermöglicht, macht nachgiebig und vermindert die Kraft und die Gewalt der Überzeugungen erheblich […]. Die großen Führer aller Zeiten […] waren sehr beschränkt und haben deshalb den größten Einfluss ausgeübt.“ (Le Bon 1953, S. 169)

Die bis hier hin erarbeiteten Führereigenschaften sind für Le Bon insofern unvollständig, als dass es noch an einem zentralen Element mangelt. Er beschäftigt sich mit dem Nimbus, einer weiteren besonderen Eigenschaft des Führers, welche im nachfolgenden Abschnitt vertiefend untersucht wird.

2.2. Das Prestige / Der Nimbus des Führers

Die wirklich großen Führer weisen nach Le Bon eine übergeordnete Eigenschaft auf, die er als Prestige bzw. Nimbus [4] bezeichnet. Dieses Phänomen beobachtet er unter anderem in der Machtausübung von Führungspersönlichkeiten, wie Maximilian de Robbespierre oder Napoleon Bonaparte. Im Folgenden wird diese Eigenschaft eingehend untersucht und als Grundlage für die Auseinandersetzung mit der Charisma-Thematik herausgearbeitet.

Den Unterstellungen Le Bons zu den Charakteristika der Masse folgend, akzeptiert diese nur ein einziges Individuum an der Spitze. Die Existenz von Parteien oder sozialen Bewegungen sind demzufolge durch dieses Individuum initiiert, dessen „behexender Persönlichkeit“ (Moscovici 1984, S. 167) sich die Masse unterwirft. Die Frage, welche Le Bon in Bezug auf diese Persönlichkeiten umtreibt, ist die nach einer besonderen Eigenschaft, welche Führer von gewöhnlichen Menschen unterscheidet. Er identifiziert dabei ein besonderes Zeichen der Auserwähltheit, welches Komponenten, wie die Gabe des Wortes, physische Stärke, Intelligenz, Schönheit oder Jugend überragt. Ohne dieses besondere Stigma in Gänze definieren zu können, beschreibt es Le Bon als „eine Art Zauber, den eine Persönlichkeit, ein Werk oder eine Idee auf uns ausübt. Diese Bezauberung lähmt alle unsere kritischen Fähigkeiten und erfüllt unsere Seelen mit Staunen und Ehrfurcht.“ (Le Bon 1953, S. 169). Der Nimbus vertrage sich dabei sehr wohl mit Gefühlen, wie der Bewunderung oder der Furcht und beruhe sogar auf ihnen. Allerdings könne er auch ohne diese Gefühle bestehen. (Vgl. Moscovici 1984, S. 167f.)

Für Le Bon existieren in Bezug auf den Nimbus zwei Grundformen. Der erworbene, künstliche Nimbus oder auch das „Prestige der Funktion“ (Moscovici 1984, S. 170) kann vom Namen, Reichtum oder Ansehen des Trägers ausgehen. Angehörige bestimmter Familien, Klassen, Menschen, die eine gewisse Prüfung abgelegt haben oder jene, die gewisse Titel, wie Professor oder Baron tragen, erhalten etwas von dem Nimbus, welchen die Tradition ihnen, auch ohne eigenen Wert oder Talent, verleiht. Das Prestige der Funktion dominiert in Gesellschaften, die durch Ränge, Titel etc. aus der Vergangenheit stark hierarchisiert sind. Diese Gesellschaften beugen sich vor einem Adelstitel, einem militärischen Rang oder kirchlichem Amt. Der erworbene, künstliche Nimbus geht auch von Anschauungen, Werken, Literatur oder Kunst aus und beruht auf den bereits angesprochenen angehäuften Wiederholungen. An gewissen Namen oder Dingen wagt niemand mehr zu rühren, da die Eigentümlichkeit ihres Nimbus verhindert die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Als Beispiel für den erworbenen, künstlichen Nimbus führt Le Bon die Ruine des Parthenon an, die äußerlich sehr uninteressant erscheine, an deren Nimbus jedoch niemand zweifele, da dieser mit einem Anhang historischer Erinnerungen verknüpft sei. (Vgl. Le Bon 1953, S. 110f.; Moscovici 1984, S. 170f.).

Der persönliche Nimbus dagegen kann zwar mit Ruhm, Ansehen und Reichtum zusammenbestehen oder durch sie verstärkt werden, ist aber rein individuell und kann daher auch unabhängig von besagten Attributen vorhanden sein. Diese Form „ist der mächtige Quell aller Herrschaft. Götter, Könige und Frauen hätten ohne ihn niemals herrschen können“ (Le Bon 1953, S. 110). Vom Träger des persönlichen Nimbus geht ein unwiderstehlicher Einfluss auf seine Umgebung aus, die dabei auch sehr wohl aus sozial Gleichgestellten bestehen kann. Die Träger dieses Nimbus haben diese natürliche Macht schon bevor sie berühmt werden inne. (Vgl. ebd., S. 109ff) Diese Gabe sorgt für den entscheidenden Vorteil eine Macht auf Menschen ausüben zu können, die als dämonisch erscheinen kann. Wie bereits herausgearbeitet wurde, bedarf es den Trägern von Nimbus weder an physischer Gewalt noch an Vernunft oder Intelligenz. Vielmehr haben sie eine hypnotische Macht die Masse zu beeinflussen, ihren Willen zu diktieren und eine fixe Idee zu übertragen. In dem durch Gesellschaften mit permanentem Ungleichgewicht und ständiger Entwicklung gekennzeichneten Zeitalter der Massen stellt der persönliche Nimbus für Le Bon die einzige Möglichkeit dar, um auf die Massen einzuwirken. In der Massengesellschaft sei dieses Phänomen „fast der einzige Trumpf der Macht“ (Moscovici 1984, S. 171).

[...]


[1] Le Bons Überlegungen, auf die seine Theorie zur Psychologie der Massen aufbaut, sind geprägt von den historischen Ereignissen und sozialen Entwicklungen im Frankreich des späten 18. und 19. Jahrhunderts. Im Rahmen dieser Arbeit wird aufgrund der Wahl des Fokus auf die Beziehung zwischen Führer und Masse auf eine Abhandlung des historischen Kontextes verzichtet.

[2] Originalzitate aus den Primärquellen der drei untersuchten Autoren werden kursiv gedruckt.

[3] Auf Le Bons ideologische Auseinandersetzungen mit dem Rassebegriff wird im Rahmen dieser Arbeit nicht näher eingegangen. Für eine vertiefende Auseinandersetzung mit der Rassenideologie Le Bons: Le Bon 1922, S. 66ff, 139-142; Fuchs 2003, S. 112ff; Graf 192, S. 233-248)

[4] Im weiteren Verlauf der Arbeit wird Prestige und Nimbus synonym verwendet

Details

Seiten
37
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656508489
ISBN (Buch)
9783656509004
Dateigröße
668 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262509
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Le Bon Freud Weber Charisma Führer Herrschaft Psychologie der Massen Psychoanalyse Herrschaftssoziologie Nimbus Libido Vergleich Ödipus Ich Es Über-Ich Sublimierung

Autor

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