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Das Verhältnis von Natur und Freiheit in Schillers "Wilhelm Tell"

Schillers Ausgestaltung der Freiheitsidee vor dem Hintergrund seiner geistigen Kontroverse mit Johann Wolfgang von Goethe

von Michael Kepling (Autor)

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Goethe und Schiller in der geistigen Kontroverse

3. Die Ausgestaltung der Freiheitsidee. Exemplarische Analysen
3.1 Freiheit und Unnatur in den Räubern
3.2 Freiheit in Wilhelm Tell
3.2.1 Der Rütlibund
3.2.2 Wilhelm Tell

4. Fazit

5. Bibliographie.

1. Einleitung

„Ein jeder konnte dem anderen etwas geben, was ihm fehlte, und etwas dafür empfangen.“[1]

Mit diesen Worten charakterisierte Friedrich Schiller seine ersten intensiveren Gespräche mit seinem Zeitgenossen Johann Wolfgang von Goethe – jene Gespräche also, die sich als Ausgangspunkt einer über ein Jahrzehnt andauernden intellektuellen Kontroverse erweisen sollten, einer Zusammenarbeit, letztlich einer Freundschaft.

Schillers Aussage verweist dabei implizit bereits auf die Verschiedenheit der beiden Dichter und damit auf die eigentliche Basis ihrer Freundschaft und Zusammenarbeit: eine fundamentale Spannung unterschiedlicher Denk- und Sehweisen. Goethe, der Dichter der Natur, und Schiller, der Freiheit und Vervollkommnung des Menschen durch die Kunst erstrebt, unterscheiden sich in nicht unwesentlichen Aspekten. Indem die beiden Dichter nun aber das von dem jeweils anderen empfangen, was ihnen selbst fehlt, machen sie Epoche. Die wechselseitige Einflussnahme zwischen Goethe und Schiller ist von entscheidender Bedeutung für jene Phase ihres Schaffens, die man später als „klassisch“ bezeichnen sollte.

So zeichnet sich der „klassische“ Schiller nicht zuletzt auch dadurch aus, dass er bei aller Freiheit mehr Natur gewährt. Schiller stellt die Freiheit als Thema in den Mittelpunkt seines Werks, sie ist das Grundmotiv seines Dichtens von den Räubern bis zum Demetrius, er versucht in seiner reifen Schaffensphase gleichzeitig aber auch die Natur stärker auszudrücken, natürlichere Vorgänge zu schildern, um den Menschen bei allem Freiheitsenthusiasmus – dies hatte er in seiner Selbstrezension über die Räuber noch kritisiert – nicht zu „überhüpfen“.[2]

Diese Arbeit versucht nun, den Einfluss Goethes, des Dichters der Natur, auf Schiller, den Dichter der Freiheit, mit Blick auf Schillers Entwicklung vom Stürmer und Dränger zum Klassiker, vom radikalen Freiheitsenthusiasten zum Dichter eines ausgewogeneren Verhältnisses zwischen Freiheit und Natur aufzuzeigen. Dazu sollen zunächst die unterschiedlichen Denk- und Sehweisen der beiden Dichter herausgearbeitet werden, bevor anhand der exemplarischen Analyse zweier Schillerscher Freiheitsdramen – den Räubern und dem Tell –, wobei der Schwerpunkt auf Schillers klassischem Werk, dem Wilhelm Tell, liegen soll, die besagte Entwicklung dargestellt werden kann. Diese Entwicklung im Allgemeinen und die Unterschiede in der Darstellung des Freiheitsmotivs im Konkreten sollen dabei nicht nur festgehalten werden. Vielmehr soll untersucht werden, inwieweit der über ein Jahrzehnt anhaltende Diskurs Schillers mit Goethe als grundlegend für eine Akzentverschiebung in der Ausgestaltung der Freiheitsidee in Schillers reifer Schaffensphase gelten kann.

Dadurch soll gleichsam die Entwicklung des jungen Schillers, des Dichters der Räuber, zum reifen Schiller, dem Dichter des Tells, leichter begreifbar gemacht werden.

2. Goethe und Schiller in der geistigen Kontroverse

Jene langjährige geistige Auseinandersetzung der beiden Dichter soll im Folgenden nun in ihren elementaren Grundzügen skizziert werden, insbesondere mit Blick auf die bereits erwähnte fundamentale Spannung ihrer unterschiedlichen Denk- und Sehweisen. Denn erst von diesen Unterschieden ausgehend kann untersucht werden, inwieweit bei der dichterischen Umsetzung der genuin Schillerschen Freiheitsidee im Tell möglicherweise auch typisch Goethesche Vorstellungen zum Tragen kamen.

Am 20. Juli 1794 kam es nach einem Vortrag über Botanik in Jena schließlich zu dem, was Goethe später als „glückliches Ereignis“ bezeichnen sollte: einem ersten längeren Gespräch zwischen den beiden Dichtern.[3] In einer Plauderei beginnend kreist die Diskussion zu dem, was Goethe das Wichtigste ist: die Natur. Man spricht über die Metamorphose der Pflanzen, über die Vorstellung Goethes, dass sich aus einem Urtyp von Pflanze die Vielfalt aller Pflanzen entwickelt hat.[4] Goethe, der diese Urpflanze in Italien gesehen zu haben glaubt, „ließ (…) eine symbolische Pflanze vor seinen [Schillers] Augen entstehen“. Schiller aber „schüttelte den Kopf und sagte: das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee“. Goethe selbst schlussfolgert in seinen Erinnerungen: „der Punkt der uns trennte, war damit aufs strengste bezeichnet“.[5]

Denn in der Tat diskutieren Goethe und Schiller hier über etwas, das immer ein stehendes Motiv ihrer geistigen Auseinandersetzung sein wird: Schiller „kommt“ vom Gedanken her, vom Bewusstsein und Konzept, Goethe hingegen von der Erfahrung. Goethe ist die Natur heilig, er schätzt das langsam und „natürlich“ Entstehende, Schiller aber lebt im Gefühl der Selbstbestimmung, des freien, mitunter auch abrupten „Machens“. Die Kraft des Entscheidens gehört für ihn zur Freiheit, die ihm so viel bedeutet wie Goethe die Natur.[6]

Mit „Natur“ meint Goethe einerseits das objektiv Existierende, das sich Entwickelnde, den großen Gang der Entwicklung von der unbelebten Natur bis hin zum Menschen, und andererseits einen Zustand ursprünglicher, vollkommener Harmonie – des Menschen und der Gesellschaft.[7] In seiner Auseinandersetzung mit den großen Themen, ob Weisheit, Liebe oder Tod, fungiert die Natur als sein Lehrmeister. Immer versucht er das ursprüngliche Prinzip des Lebens, das Urphänomen, das Urbild zu erkennen. So denkt Goethe, der eben – wie er in Dichtung und Wahrheit festhält – selbst aus seiner inneren Natur heraus schafft und dadurch auch die Wahrheit der äußeren Natur zu treffen versucht: „Ich war dazu gelangt, das mir inwohnende dichterische Talent ganz als Natur zu betrachten, um so mehr, als ich darauf angewiesen war, die äußere Natur als den Gegenstand desselben anzusehen.“[8]

Dem gegenüber steht Schiller, der Dichter der Freiheit, der die Freiheit eben nicht nur als Thema in den Mittelpunkt seines Werks stellt, sondern der sich diese auch selbst immer wieder erkämpfen muss. Als Mensch, der vor der Aufsicht des württembergischen Herzogs Karl Eugen aus Stuttgart entflieht und gegen den eigenen ständig kränkelnden Körper ankämpft, oder als Dichter, der sich der reinen Natur nicht aussetzen will und erst „ihr durch den Verstand reflektiertes und durch die Regel zurecht gelegtes Bild“ ertragen und ausdrücken kann. Schiller ist mehr vom Bewusstsein des freien Machens erfüllt ist als vom Geschehenlassen des Natürlichen.[9] Später findet er dafür die Unterscheidung zwischen dem sentimentalischen Dichter, der vorzüglich von Ideen ausgeht und diese mittels Reflexion und Konstruktion in ein die Sinne ansprechendes Bild verwandeln will, und dem naiven Dichter, der die Natur aus sich selbst heraus ausdrückt.[10]

Nach diesem ersten Ideenwechsel entwirft Schiller in seinem Brief vom 23. August 1794 ein prägnantes geistiges Portrait von Goethe und streicht dabei vor allem auch die Unterschiede zu ihm heraus. Goethe, so Schiller, geht von sinnlichen Eindrücken, von Erfahrungen aus, er dichtet intuitiv. Sein Blick ruht „still und rein auf den Dingen“[11], auf der Natur also, und davon ausgehend erschließt sich ihm der Reichtum der erscheinenden Welt. Goethe gehe also den Weg vom Besonderen zum Allgemeinen, ganz im Gegensatz zu Schiller, der vom Allgemeinen, den Begriffen und Ideen, zum Besonderen gelange. Von dieser Unterscheidung ausgehend gelangt Schiller nun aber zu folgender These: „Sucht aber der erste mit keuschem und treuem Sinn die Erfahrung, und sucht der letzte in selbsttätiger freier Denkkraft das Gesetz, so kann es gar nicht fehlen, dass nicht beide einander auf halbem Wege begegnen.“[12] Auf halbem Wege begegnen – das heißt voneinander lernen. Schiller kann Goethe dabei helfen, „Gefühle durch Gesetze zu berichtigen“, während Goethe Schiller vor zu viel Abstraktion bewahren und ihm zu mehr Natur „verhelfen“[13] kann.

In seinem folgenden Brief konkretisiert Schiller diese Unterscheidungen nochmals:

Sie bestreben sich, Ihre große Ideenwelt zu simplifizieren, ich suche Varietät für meine kleinen Be-

sitzungen. Sie haben ein Königreich zu regieren, ich nur eine etwas zahlreiche Familie von Begrif-

fen, die ich herzlich gern zu einer kleinen Welt erweitern möchte.[14]

Goethe regiert das „Königreich“ der Erfahrung, wobei er versuchen muss, seine „Empfindung gesetzgebend zu machen“. Schiller hingegen besitzt zwar nur eine „Familie von Begriffen“ – sein bedeutendster heißt „Freiheit“ –, Begriffe sind dafür bereits gesetzgebend.

Interessant liest sich in diesem Kontext auch Schillers Brief vom 2. Juli 1796. Er berichtet hier vom Ursprung seiner Zuneigung zu Goethe: „Wie lebhaft habe ich bei dieser Gelegenheit erfahren, daß es dem Vortrefflichen gegenüber keine Freiheit gibt als die Liebe“.[15] Trotz des mittlerweile fast innigen Verhältnisses der beiden Dichter verlässt Schiller nie ganz der Soupçon, dass Goethe ein „Günstling der Götter“, ein „Liebling der Natur“ sei,[16] der es wesentlich einfacher hatte als er selbst. Freiheit heißt hier Unabhängigkeit vor den „fesselnden Kräften“ negativer Affekte und Gefühle, vor Neid, Missgunst und Ressentiment.[17] Man könnte auch sagen: Schiller entscheidet sich bewusst für die Freundschaft mit Goethe, um frei von lähmenden Gefühlen zu bleiben. Dieses bewusste Entscheiden um der Freiheit willen – als Mensch wie als Dichter –, genau dies charakterisiert Schiller.

Goethe zitiert diese Formel später leicht abgewandelt in den Wahlverwandtschaften : „Gegen große Vorzüge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe.“[18] Goethe geht es nicht so sehr um Freiheit, sondern um die Übereinstimmung mit seiner Natur. Liebe aber ist für ihn Natur, ihr kann man sich „anvertrauen“, eben deshalb ist sie ein „Rettungsmittel“.[19]

Man kann also zusammenfassend festhalten, dass Schiller Goethe als Menschen charakterisiert, der in seinen Empfindungen und Anschauungen ruht, der von seinen Erfahrungen, von der Natur ausgeht und durch Intuition zum Dichter wird, dem es gelingt, seine Empfindung gesetzgebend zu machen und „bei dem die Macht kein Machen ist“.[20] Schiller allerdings ist der Dichter des „Machens“, er geht vom Bewusstsein, von seinem Verstand aus. „Die stille Entwicklung aus dem Inneren“, so sagt es Goethe nach Schillers Tod, lag ihm nicht, sein Talent sei „mehr desultorisch“[21] angelegt gewesen. In diesem bewussten und desultorischen „Machen“ liegt aber auch mehr Selbstbestimmung als im Goetheschen „entstehen lassen“. Und Selbstbestimmung heißt für Schiller Freiheit – und die Idee der Freiheit stellt er ins Zentrum seines Werks. Die Frage stellt sich nun, wie er das tut, in welcher Intensität, welcher Radikalität. Die Frage stellt sich, in welchem

(Miss-)Verhältnis sich Freiheit und Natur gegenüber stehen.

[...]


[1] Körner, Christian Gottfried; Schiller, Friedrich: Briefwechsel zwischen Schiller und Körner. München: Winkler, 1973, S. 224.

[2] Safranski, Rüdiger: Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft. München: Carl Hanser, 2009, S. 33.

[3] Darsow, Götz-Lothar: Friedrich Schiller. Stuttgart; Weimar: Metzler, 2000, S. 171.

[4] Ebd., S. 107.

[5] Goethe, Johann Wolfgang von: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe (21 in 33 Bänden). Band 12. Hg. von Karl Richter. München, Wien: Hanser, 1985-1998, S. 88f.

[6] Vgl. Safranski: Goethe, S. 88f.

[7] Vgl. Golz, Jochen: Rede des Präsidenten der Goethe-Gesellschaft zur Eröffnung der 80. Hauptversammlung. In: Goethe Jahrbuch 2007. Bd. 124. Hg. von Werner Frick u.a. Göttingen: Wallstein, 2007, S. 17-22.

[8] Goethe, Johann Wolfgang von: Dichtung und Wahrheit. In: Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Bd. 10. Hg. von Erich Trunz. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2000, S. 80.

[9] Vgl. Safranski: Goethe, S. 34.

[10] Vgl. Berghahn, Klaus L.: Schiller. Ansichten eines Idealisten. Frankfurt am Main: Athenäum, 1986, S. 163.

[11] Goethe, Johann Wolfgang von; Schiller, Friedrich: Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller. Hg. von Emil Staiger. Frankfurt am Main, Leipzig: Insel, 2005, S.

[12] Ebd., S.

[13] Ebd., S.

[14] Ebd., S.

[15] Ebd., S.

[16] Vgl. Safranski, Goethe, 131.

[17] Safranski, Rüdiger: Friedrich Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus. München: Carl Hanser, 2009, S.

[18] Goethe, Sämtliche Werke, S. 439 (MA 9).

[19] Safranski, Friedrich Schiller, S. 132.

[20] Safranski: Goethe, S. 112.

[21] Goethe, Sämtliche Werke, S. 130 (MA 19).

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656513575
ISBN (Buch)
9783656513216
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262456
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Smeinar
Note
1,3
Schlagworte
verhältnis natur freiheit schillers wilhelm tell ausgestaltung freiheitsidee hintergrund kontroverse johann wolfgang goethe

Autor

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    Michael Kepling (Autor)

    4 Titel veröffentlicht

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