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Die Seleukiden als Orientalen? Die seleukidischen Residenzstädte im Vergleich

von Michael Kepling (Autor)

Seminararbeit 2011 22 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Residenzstadt

3. Die Residenzstädte der Seleukiden
3.1 Babylon
3.2 Seleukia am Tigris
3.3 Ai Khanum

4. Zusammenfassung

5. Bibliographie

1. Einleitung

Nach dem Tod Alexanders des Großen bildete sich in den Kämpfen der Diadochen um das Erbe Alexanders das hellenistische Staatensystem heraus. Alexanders Reich wurde unter den siegreichen Diadochen aufgeteilt, so dass sich in der Folgezeit verschiedene Großreiche etablieren konnten. Seleukos I. Nikator, der sich 312 der Satrapie Babylon bemächtigen konnte, schuf dabei mit dem Seleukidenreich das flächenmäßig größte Reich hellenistischer Zeit,[1] das sich in seiner weitesten Ausdehnung vom europäischen Thrakien bis zum Industal erstreckte.[2] Die Seleukidenkönige standen damit einerseits in der Nachfolgeschaft Alexanders, mit dessen Herrschaft gleichsam auch die Epoche des Hellenismus und die Durchdringung des nicht-griechischen Volkes mit der griechischen Kultur ihren Anfang nahmen. Andererseits aber müssen sie auch als Erben der achaimenidischen Könige verstanden werden, die in den zwei Jahrhunderten vor Alexander in diesem Gebiet geherrscht hatten.

Damit stellt sich die grundsätzliche Frage, ob das Seleukidenreich, ein ethnisch äußerst heterogenes Gebilde, eher als Fortführung einer griechisch-makedonischen oder einer babylonischen, achaimenidischen Tradition zu verstehen ist. Kann mit Blick auf das Großreich der Seleukiden noch von einer Hellenisierung des Orients gesprochen werden? Oder stehen die seleukidischen Herrscher möglicherweise vielmehr im Zeichen einer Orientalisierung griechisch-makedonischer Tradition?

Die starre Antithetik der historischen Konzepte allerdings – Hellenisierung des Orients auf der einen, Orientalisierung makedonisch-griechischer Tradition auf der anderen Seite – kann die historische Realität in ihrer Differenziertheit sicher nicht ausreichend widerspiegeln und ist letztlich das konstrukthafte Ergebnis der Bemühung, die Seleukiden historisch richtig und möglichst konkret einordnen und bewerten zu können. Als gewichtiger Aspekt der althistorischen Forschung und Archäologie, der im Kontext jener Fragestellung sukzessive an Bedeutung gewinnen konnte, hat sich dabei die Untersuchung der seleukidischen Residenzstädte erwiesen. Insbesondere Winfried Held wagte in seiner Untersuchung „Die Residenzstädte der Seleukiden. Babylon, Seleukia am Tigris, Ai Khanum, Seleukia in Pieria, Antiocheia am Orontes“[3] eine Neubewertung der Seleukiden, deren Könige er zwar als Herrscher in einer hellenistisch überformten, letztlich aber orientalischen Tradition charakterisierte.[4] Die neugegründeten Residenzstädte im Seleukidenreich seien vornehmlich orientalischen Vorbildern, insbesondere Babylon, verpflichtet.[5]

Die vorliegende Arbeit will nun ebenfalls den Blick auf die seleukidischen Residenzstädte richten, um den aufgeworfenen Fragen nachzugehen. Zunächst soll dazu ganz grundsätzlich die Funktion und Stellung einer hellenistischen Residenzstadt skizziert werden, bevor ausgewählte Residenzstädte auf Grundlage einer vergleichenden Betrachtung untersucht werden können. Dabei sollen insbesondere mögliche Grundschemen und übereinstimmende Charakteristika der verschiedenen Städte herausgearbeitet und betont werden, die ganz konkret als Ergebnis einer griechisch-makedonischen oder aber einer orientalischen Tradition klassifiziert werden können. Dabei zeigt sich, dass vereinfachende Konzepte – ob nun Hellenisierung oder Orientalisierung – im Hinblick auf die historische Einordnung und Bewertung der Seleukiden nicht geeignet erscheinen; vielmehr soll eine Korrelation von griechischem und orientalischem Denken, von griechischer und orientalischer Tradition sichtbar gemacht werden.

Die Analyse der seleukidischen Städte fußt dabei in ganz erheblichem Maße auf der Rekonstruktion der jeweiligen Stadtpläne, nicht zuletzt auf archäologischen Funden also. Im Mittelpunkt der Analyse steht also, wie geschildert, die Darlegung und Akzentuierung möglicher Gemeinsamkeiten der Städte, die, eingedenk dessen, dass Schriftquellen in diesem Kontext mitunter von mangelnder Genauigkeit und Anschaulichkeit gekennzeichnet sind, nicht immer auf dem Boden historischer Quellen ermittelt werden können, wo möglich aber auf Grundlage desselbigen ermittelt werden sollen. Das Grundmaterial, das zur Analyse herangezogen wird, stellen jedoch die rekonstruierten Pläne und Umrisse der jeweils zu untersuchenden Städte dar.

2. Die hellenistische Residenzstadt

Die Gründung zahlreicher Städte kann als ein Charakteristikum der Seleukidenherrschaft betrachtet werden. Dabei erweist sich allerdings keinesfalls jede Stadt auch als Residenzstadt. Die typischen Merkmale und die Funktionen einer Residenzstadt sollen im Folgenden nun überblicksartig aufgeführt werden.

Schon der Begriff „Residenzstadt“ vergegenwärtigt implizit die Bedeutung und Funktion jener Städte, leitet er sich doch vom mittellateinischen residentia „Wohnsitz“ und dem Verb residere „sitzen“ ab.[6] Im modernen Sprachgebrauch bezeichnet er einen „Sitz bzw. Wohnsitz eines Staatsoberhauptes bzw. Fürsten“.[7] Die königliche Residenz ist also das entscheidende Charakteristikum einer Residenzstadt, wobei es für die Seleukiden nicht unüblich war, mehrere Residenzstädte zu besitzen.

Als kompliziert erweist sich die Abgrenzung der Residenzstadt von der Hauptstadt, da hier im modernen Sprachgebrauch nur bedingt unterschieden wird. Wolfgang Braunfels stellt dazu folgende Überlegung an: „Zu den Hauptstädten, wie sie im Folgenden getrennt von den Residenzstädten aufgeführt werden sollen, gehören drei ihr Wesen bestimmende Eigenschaften: 1. die Massen als politische Macht und als politische Aufgabe; 2. sie Sonderstellung einer solchen Stadt nach Volkszahl, Wirtschaftskraft und geistiger Produktion und 3. ihr Gegensatz zu der Provinz oder den Provinzen. Echte Hauptstädte sind die größten Städte ihres Landes.“[8]

Die primäre Funktion der Residenzstadt im Allgemeinen hingegen liegt in politischen und administrativen, vor allem aber repräsentativen Funktionen. Die ökonomische Grundlage der Residenzstadt bildet der Palastbezirk, an den zahlreiche „Beamte“ und Bedienstete des Palastes gebunden sind.[9] Die Residenzstadt ist somit weder das geistig-kulturelle noch das wirtschaftliche Zentrum des Staates. Gelingt es ihr aber zu einem Zentrum des Staates zu werden, an Wirtschaftsstärke zu gewinnen, die vom Palast unabhängig ist, ist eine Transformation zu einer Hauptstadt recht schnell schon möglich.[10] Die hellenistischen Residenzstädte im Konkreten hatten ganz verschiedene Funktionen, abhängig auch von ihrer geographischen Lage und den topografischen Besonderheiten. Die wesentlichen Funktionen nach Gregor Weber sind im Folgenden kurz aufgelistet: die Residenzstadt als politischer Mittelpunkt und – damit einhergehend – als Zentrum der Administration; die Residenzstadt als Wirtschaftsmittelpunkt; als Ort der königlichen Repräsentation; als Zentrum der intellektuellen Elite (Bibliotheken, Bildungs- und Forschungseinrichtungen) und als Ort einer beidseitigen Kommunikation zwischen Herrscher und Stadt –, nutzt der König diese zur gezielten Selbstinszenierung ist sich auf der anderen Seite das Stadtvolk seiner besonderen Stellung bewusst und weiß diese auch zu nutzen.[11]

Mehr als andere Städte repräsentiert die Residenzstadt das herrschende System und die Ideologie und Legitimationsweise des jeweiligen Herrschers. So kann schon die Gründung einer Residenzstadt Ausdruck eines ideologischen Konzepts und der Macht des Herrschers sein.[12]

3. Die Residenzstädte der Seleukiden

Im Folgenden sollen nun die Residenzstädte der Seleukiden einer vergleichenden Analyse unterzogen werden. Das Ziel liegt darin, gewisse „phänotypische Grundtendenzen“ der seleukidischen Residenzstädte sichtbar zu machen. Davon ausgehend – allein von einem Vergleich und einer Untersuchung der Residenzstädte – kann die These, die Seleukiden stünden vielmehr in der Tradition der (alt-)orientalischen Herrscher als in jener der griechisch-makedonischen, weder endgültig verifiziert noch falsifiziert werden. Die Untersuchung der Residenzstädte kann allerdings zumindest klare Hinweise auf die Richtigkeit einer möglichen Neubewertung der Seleukiden geben, indem sich im Bau und in der Anlage der Residenzstädte – wie geschildert – zugleich immer auch ideologische und legitimatorische Konzepte des herrschenden Systems widerspiegeln.

Bevor die neugegründeten Residenzstädte im Seleukidenreich untersucht werden können, soll zunächst mit Babylon eine orientalische Residenzstadt, die von den Seleukiden jedoch als solche übernommen wurde, in den Blick genommen werden, so dass die Ergebnisse, die sich aus dem Vergleich der neugegründeten seleukidischen Residenzstädte ergeben, immer auch in Relation zu dem Grundschema einer orientalischen Residenzstadt gesetzt werden können.

3.1 Babylon

Als Alexander der Große 323 v. Chr. in Babylon verstarb, hielt er sich in der dortigen Königsburg auf, in der schon neubabylonische und persische Könige residiert hatten.[13] Auch Seleukos Nikator, Alexanders Nachfolger, eignete sich den Palast als Herrschaftssitz an. Damit stellte er sich, wie Held ausführt, in die „uralte, ungebrochene und noch immer lebendige Tradition der babylonischen Könige“. [14] Denn durch die Übernahme eben jener Tradition des Königtums gelang es Seleukos, seine Herrschaft zu festigen und endgültig zu manifestieren.[15]

[...]


[1] Vgl. Schmitt, Hatto/Vogt, Ernst (Hg.): Seleukiden(reich), in: Kleines Lexikon des Hellenismus, Wiesbaden 1993, S. 711.

[2] Vgl. Sherwin-White, Susan/ Kuhrt, Amelie, From Samarkhand to Sardis: a new Approach to the Seleucid Empire, London 1993, S. 7; Leidering, Walter (Hg.), Das Weltreich Alexanders des Großen bis 323 v. Chr. – Diadochenreich um 301 und 200 v. Chr., in: Putzger Historischer Weltatlas, Berlin 1992, S. 14-15.

[3] Vgl. Held, Winfried, Die Residenzstädte der Seleukiden. Babylon, Seleukia am Tigris, Ai Khanum, Seleukia in Pieria, Antiocheia am Orontes, Jahrbuch des deutschen archäologischen Instituts (JDAI) 117, 2002, S. 217-249.

[4] Vgl. ebd., S. 247.

[5] Vgl. ebd., S. 248.

[6] Vgl. Novak, Mirko: Herrschaftsform und Stadtbaukunst. Programmatik im mesopotamischen Residenzstadtbau von Agade bis Surra-man-raa, Saarbrücken 1999, Saarbrücken 1999, S. 56.

[7] Vgl. ebd., S. 56.

[8] Braunfels, Wolfgang, Abendländische Stadtbaukunst. Herrschaftsform und Baugestalt, Köln 1977, S. 155.

[9] Vgl. Novak, Herrschaftsform, S. 57.

[10] Vgl. ebd., S. 57.

[11] Vgl. Weber, Gregor, Die neuen Zentralen. Hauptstädte, Residenzen, Paläste und Höfe, in: Weber, Gregor

(Hg.), Kulturgeschichte des Hellenismus. Von Alexander dem Großen bis Kleopatra (Stuttgart 2007), S. 99-118, hier: 110 f.

[12] Vgl. ebd., S. 57.

[13] Vgl. Schermeyr, Fritz, Alexander in Babylon und die Reichsordnung nach seinem Tode, Wien 1970, S. 63.

[14] Vgl. Held, Winfried: Königsstädte in babylonischer Tradition. Die Residenzstädte der Seleukiden, in: Antike Welt (AW) 35/2, 2004, S. 23-26, hier: 23.

[15] Vgl. Cohen, Getzel, The Seleucid Colonies, Wiesbaden 1978, S. 14.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656506171
ISBN (Buch)
9783656507802
Dateigröße
3.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262454
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
seleukiden orientalen residenzstädte vergleich

Autor

  • Michael Kepling (Autor)

    4 Titel veröffentlicht

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