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Die Turmbau-Erzählung: Eine umfassende Auslegung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 20 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Abgrenzung der Perikope

III. Die Perikope in ihrem Kontext

IV. Literarkritik
1. Logische Kohärenzstörungen
2. Syntaktische Beobachtungen
3. Stilistische Besonderheiten

V. Gattungsbestimmung

VI. Redaktionskritik – Doppelungen
1. Stadtbaurezension
2. Turmbaurezension
3. Ergebnis

VII. Überlieferungsgeschichte
1. Zerstreuung
2. Turmbau
3. Sprachverwirrung
4. Verhalten der beiden Motive zum Motiv des Stadt- bzw. Turmbaus
5. Überlieferungsgeschichtlicher Ansatz nach K. Seybold
6. Rekonstruierter Grundtext
7. Grundtext um Babel-Ätiologie erweitert

VIII. Textaufbau – Beobachtungen zur Makrostruktur
1. Parallelismus
2. Symmetrisch-konzentrisch
3. Interlineare Übersetzung

IX. Verständnisschwierigkeiten aus heutiger Sicht
1. Das Herabsteigen Gottes
2. Die göttliche Selbstberatung

X. Historischer Ort

XI. Schlussfolgerungen

LITERATURVERZEICHNIS

I) Einleitung

Die Erzählung vom Turmbau zu Babel dürfte wohl heute zu den bekanntesten Erzählungen des Alten Testaments gehören. Der tatsächliche Gehalt dieser Perikope geht jedoch weit über das hinaus, was die heutige Populärkultur über dieses Thema zu wissen meint. Hierzu gelangt man allerdings erst, wenn man sich der Erzählung mit den Methoden alttestamentlicher Exegese nähert. Das ist vor allem auch in Hinblick auf die Motive und Schichten, die die Erzählung letztlich bilden, erforderlich. Dabei treten Erkenntnisse zutage, die man so nicht vermutet hätte und die einen tief in die Geschichte und die Kultur des Alten Orients hineinnehmen.

II) Die Abgrenzung der Perikope

Im Hebräischen werden neue Erzählungen bzw. Erzähleinheiten oftmals mit wajjehī ויהי („und es geschah“) eingeleitet. Auch am Anfang von Gen 11 kommt ein solches ויהי vor. Es ist vergleichbar mit der Einleitung von Märchen, die meist mit „Es war einmal...“ beginnen.[1] Das zeigt, dass hier ein neuer Sinnabschnitt, eine neue Perikope, beginnt. Dass gerade mit Gen 11,1 eine neue Erzähleinheit in ihren Anfang hat, zeigt auch der unmittelbar vorherstehende Absatz. Voran geht nämlich die Erzählung von der Völkertafel, die die Nachkommen des Noach auflistet, aus denen die Völker der damals bekannten Welt hervorgegangen sein sollen. Man merkt sehr deutlich, dass hier eine völlig andere Thematik vorherrschend ist, zumal in Kapitel 11 auch ein neues Subjekt auftritt. Ebenso eindeutig wie die Abgrenzung zum Vorangehenden der Perikope ist auch deren Abschluss, denn Gen 11,9 endet mit der Zerstreuung der Menschen über die Erde, wohingegen Gen 11,10 bereits mit der Aufzählung der Nachfahren Sems beginnt, die bis zu Abraham führen. Die Perikope über den Turmbau ist somit eine komplett eigenständige und abgeschlossene Einheit.

III) Die Perikope in ihrem Kontext

Die Erzählung vom Turmbau ist eine von vielen Schuld-und-Strafe-Erzählungen in der jahwistischen Urgeschichte und bildet deren Abschluss. Sie folgt unmittelbar auf die Fluterzählung und steht in Spannung mit der ihr vorausgehenden Völkertafel, die von der Verzweigung der Völker aus der Nachkommenschaft Noachs über die Erde berichtet.[2] Während die Völkertafel nämlich von einer natürlichen Zerstreuung der Menschen durch „Zeugung, Vermehrung und Teilung“ (Benno Jacob) berichtet, erfolgt die Zerstreuung der Menschen in der Turmbauerzählung durch einen gewaltsamen göttlichen Eingriff.[3] Doch auf den zweiten Blick besteht zwischen den Kapiteln 10 und 11 ein wesentlich engerer Zusammenhang, sie sollen sogar einander ergänzen. Während in Gen 10,32 zwar erklärt wird, dass sich aus den Nachkommen der drei Söhne Noachs die Völker der Erde abzweigen, wird dort nicht erklärt, wie das geschah. Denn das bloße Vermehren von Generation zu Generation erklärt weder die Zerstreuung in die verschiedenen Länder, noch den Pluralismus an Sprachen und Völkern. Eben diese Erklärung liefert Gen 11, sodass die drei Söhne Noachs also den zentralen persönlichen Ausgangspunkt bilden, Babel hingegen den lokalen.[4] Besonders Gen 10,10 aber nimmt Bezug auf die Turmbauerzählung, denn hier werden sowohl das Land Schinar, als auch die Stadt Babel bereits genannt. Von der Zerstreuung der Menschen ist also in Gen 10 deswegen nicht die Rede, weil dies in Gen 11 geschehen soll. Voraussetzung sowohl der Völkertafel als auch der Turmbauerzählung ist die Fluterzählung. In Gen 9,1 sprach Gott zu Noach: Seid fruchtbar, vermehrt euch und bevölkert die Erde. Die Vermehrung des Menschen beschreibt Gen 10, Bevölkerung der Erde hingegen Gen 11.

Der Turmbauerzählung unmittelbar nachgestellt ist die Genealogie von Sem bis Abraham, mit der der Pentateuchredaktor folgerichtig von der Menschheits- zur Partikulargeschichte überleitet[5], denn sie gehört bereits zur sogenannten Vätergeschichte, die mit der Berufung Abrahams durch Gott beginnt, nachdem dessen Vorfahren aufgezählt sind. Die Vätergeschichte ist nur mit Blick auf die Urgeschichte in ihrer Gänze verständlich, in der der Jahwist die Geschichte des Menschen vom Anfang an erzählt. Diese Geschichte ist allerdings von einem heftigen Anwachsen der Sünde geprägt. Beginnend mit dem Sündenfall, weiterführend mit dem Brudermord durch Kain an Abel bis hin zum Turmbau zu Babel. In dieser Urgeschichte wächst, durch die Sünde, die Kluft zwischen Gott und den Menschen immer mehr, sodass dessen strafendes Eingreifen immer stärker ausfällt. Zuletzt mit Hilfe einer Sintflut, als deren Folge die Zerstreuung der Menschen aus dem Geschlecht Noachs resultierte. Ist in diesem Kontext die Turmbauerzählung schon Höhepunkt oder nur eine weitere Wegmarke hin zum Untergang des Menschen? Nein! Trotz der Verfehlungen der Menschen zeigte sich Gott immer fürsorglich-bewahrend gegenüber seinen Geschöpfen: obwohl Gott dem Menschen mit dem Tode drohte, falls er die Früchte vom Baum der Erkenntnis essen würde[6], blieb diesen ihr Leben erhalten, ja Gott gab ihnen sogar noch Kleidung[7]. So kommt es, dass die Turmbauerzählung den Höhepunkt einer immer sündhafter werdenden Menschheit bildet. Denn schon ab Gen 11,10 beginnt das Heilswirken Gottes durch die Berufung des Abraham, mit dem ein Bund zwischen Gott und den Menschen geschlossen wird. „Denn wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden.“[8]

IV) Literarkritik

1) Logische Kohärenzstörungen

Die Erzählung weist einige interne Kohärenzstörungen auf. Eine auffallende logische ist die, als in V. 7 sich Gott entschließt, die Sprachen der Menschen zu verwirren und im Begriff ist, auf die Erde herabzusteigen, im folgenden V. 8 jedoch nicht die Sprachverwirrung wieder aufgegriffen wird, die Gott bewirkt haben soll, was wiederum nicht ausdrücklich gesagt wird.[9] Als ob es dem Leser als selbstverständlich vorkommen sollte, hören die Menschen in V. 8b zu bauen auf, nachdem sie zuvor zerstreut wurden. Logisch wäre es gewesen, wenn sie zuerst mit dem Bauen aufgehört und sich dann in alle Richtungen zerstreut hätten.

2) Syntaktische Beobachtungen

Bei Zuhilfenahme des hebräischen Textes ist zu erkennen, dass die Verse 4b, 8a und 9b eine terminologische Stereotypie aufweisen:

V. 4b פן־נפוץ על־פני כל־הארץ

V. 8aויפץ יהוה אותם משׁם פן־נפוץ על־פני כל־הארץ

V.9b על־פני כל־הארץ יהוה ומשׁם הפיצם[10]

Dieses mehrmalige Einfügen von Stereotypen setzt voraus, dass es einen schriftlich fixierten Text als Vorlage gab. Wenn man nun diese drei Halbverse aus der Perikope entfernt, wird diese wesentlich logischer: Gott verwirrt die Sprachen der Menschen; dass die Menschen aufhörten zu bauen, impliziert dieses Handeln Gottes und die Babel-Ätiologie kann sich problemloser darauf beziehen, als vorher, wo V. 8b sozusagen im Weg stand.

Es scheint, dass V. 8a vom Ergänzenden deshalb eingefügt wurde, um ein logisches Problem der Vorlage zu beseitigen, das die implizierte Intervention Gottes betrifft.

Zudem fällt auf, dass die in V. 3 gemachten ausführlichen Informationen nicht so recht zu den anderen ansonsten recht konzisen Formulierungen passen.

3) Stilistische Beobachtungen

Als eine herausragende stilistische Besonderheit haben wir die zweifache Verwendung einer „figura etymologica“. Bei einer „figura etymologica“ handelt es sich um eine Redefigur, bei der sich ein intransitives Verb mit einem Substantiv gleichen Stammes oder verwandter Bedeutung als Objekt verbindet. Diese Redefigur taucht einmal mit „lasst und Ziegel ziegeln“ (נלבנה לבנים) und einmal mit „und brennen wir zu Brand“ () auf.

V) Gattungsbestimmung

Die Erzählung vom Turmbau ist eine ätiologische Sage. Diese will erklären, warum ein Ort oder ein Name ist.[11] Die vorausgesetzten Verhältnisse, die diese Warum-Frage provozieren, „sind historisch, die Art aber, wie sie erklärt werden, ist poetisch“ (H. Gunkel Gen XI). Meist werden solche Erzählungen abschließend mit Floskeln versehen, wie „bis auf diesen Tag“ oder „darum nennt man…“. Dies ist sehr schön an Vers 9a zu erkennen: „Darum nennt man sie Babel (Wirrsal)“. Es gibt aber auch für die Turmbauerzählung eine realhistorische Gegebenheit, die im ausgehenden 8. Jahrhundert vor Christi Geburt ihren Ausgangspunkt genommen haben könnte. Als nämlich der damalige König Sargon von Assyrien starb, hinterließ er die unter ihm gegründete neue Hauptstadt „Sargonfestung“ unvollendet, woraufhin sie dann auch aufgegeben wurde. Die Turmbauerzählung wäre demnach eine ätiologische Sage, die erklären will, woher diese gigantische Ruinenstadt kommt und warum sie verlassen wurde. Hierzu später aber ausführlicher.

[...]


[1] Vgl. Claus Westermann: Genesis, 1974, S. 722.

[2] Vgl. Lothar Ruppert: Genesis, 1992, S. 485.

[3] Vgl. Benno Jacob: Das Buch Genesis, 2000, S. 303.

[4] Vgl. Benno Jacob: Das Buch Genesis, 2000, S. 303.

[5] Vgl. Christoph Uehlinger: Art. Turmbau zu Babel, 2001, Sp. 937.

[6] Gen 2,17.

[7] Gen 3,21.

[8] Röm 5,20.

[9] Vgl. Christoph Uehlinger: Weltreich und „eine Rede“, 1990, S. 308.

[10] Biblia Hebraica Stuttgartensia von 1986.

[11] Werner H. Schmidt: Einführung in das Alte Testament, 1985, S. 65.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656512066
ISBN (Buch)
9783656511847
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262448
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Katholisch-Theologische Fakultät / Lehrstuhl für Alttestamentliche Wissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
turmbau-erzählung eine auslegung

Autor

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