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Philosophieren mit Kindern

Bachelorarbeit 2012 46 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Geschichte der Didaktik der Philosophie.
2.1 Philosophen über Kindheit und Erziehung.
2.2 Erste Ansätze der Kinderphilosophie.
2.2.1 Der „Metaphysik-Ansatz“
2.2.2 Der „Führer-Ansatz“
2.2.3 Der „Methoden-Ansatz“
2.2.4 Der „Aufklärungs-Ansatz“

3. Philosophieren mit Kindern.
3.1 Begriffsabgrenzung.
3.2 Didaktische Ansätze.
3.2.1 „Philosophieren für Kinder“ – Ein logisch-argumentativer Ansatz.
3.2.2 „Philosophieren mit Kindern“ – Gleichberechtigte Dialoge.
3.2.3 „Nachdenken mit Kindern“ – Fächerübergreifendes Prinzip.
3.2.4 „Philosophieren mit Kindern“ - In Deutschland.

4. Wie sieht Philosophie in der Grundschule aus?.
4.1 Begründung für Philosophie als Grundschulfach..
4.2 Anforderungen an die Lehrkraft
4.3 Anforderungen an die Schüler und zu erwerbende Kompetenzen.

5. Philosophieunterricht in der Praxis.
5.1 Themenfindung.
5.2 Praktische Beispiele didaktischer Ansätze.
5.3 Methodische Aufarbeitung.

6. Fazit und Ausblick.

7. Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

„Children must be taught how to think, not what to think.“

Margaret Mead

In der vorliegenden Arbeit sollen die Ansätze für das „Philosophieren mit Kindern“ auch auf ihre Eignung als Grundschulfach diskutiert werden.

Oftmals kommt dabei die Frage auf, ob Kinder überhaupt dazu geeignet sind, zu Philosophieren, ob man das Philosophieren mit Kindern als Philosophie einstufen kann und/oder ob man Kinder mit Philosophieunterricht nicht ohnehin überfordern würde. Diese Fragen gründen auf divergenten Auffassungen von dem, was „Philosophie“ überhaupt ist oder zu sein hat. Geht man von der Philosophie im akademischen Sinne aus, dann sind Kinder damit fraglos überfordert und es wäre natürlich nicht sinnvoll, Kinder die Geschichte der Philosophie, Logik, Erkenntnistheorie, politische Philosophie, Sprachphilosophie oder philosophische Anthropologie zu lehren. Aber zu den genannten Disziplinen gehört natürlich auch die praktische Philosophie und genau hier ist das Philosophieren mit Kindern einzuordnen. Aber auch in die Didaktik der Philosophie muss das Philosophieren mit Kindern eingeordnet werden, da für diesen Bereich spezielle didaktische Prinzipien gelten.

Es wird zunächst notwendig sein, die existierenden fachlichen Ansätze und Methoden zu beleuchten, gegenüberzustellen und ihre Eignung als Grundschulfach zu bewerten. Dabei wird der Hauptaspekt vor allem auf Schleswig-Holstein gelegt. Hier „[…]wird der Philosophieunterricht in der Grundschule verbindlich als Ersatzfach für die Schülerinnen und Schüler eingeführt. Der Fachlehrplan Philosophie Grundschule wird mit dem Inkraftsetzungserlass zum 01. August 2011 gültig.“[1]

Bei der Betrachtung muss im Fokus behalten werden, dass Philosophie in der Grundschule als Ersatzfach für all die Kinder angeboten wird, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen können, sollen oder wollen, dass aber die Ausbildung der Lehrkräfte bislang noch nicht umstrukturiert wurde und es noch keine in Schleswig-Holstein ausgebildeten Grundschullehrer/-innen[2] für das Fach Philosophie gibt.

Philosophieren mit Kindern, also Philosophie in der Grundschule, ist wie eingangs erwähnt, natürlich kein Einblick in die Philosophiegeschichte. Und da von der analytischen Philosophie in Oberstufen oder Universitätsseminaren kaum etwas im Grundschulunterricht anwendbar zu sein scheint, stellt sich natürlich auch die Frage, welche Gestaltungsmöglichkeiten sich für den Unterricht anbieten, um die Kinder nicht zu überfordern und trotzdem den Ansprüchen an die Philosophie gerecht zu werden und zu bleiben.

Da sich aber die Philosophie nicht an einem konkreten Gegenstand bewegt, beziehungsweise keine letzten und faktisch richtigen Antworten hervorbringt, sind die didaktischen Ansätze in diesem Bereich recht vielfältig und kaum durch empirische Datenerhebungen, beispielsweise durch Vergleichsarbeiten, verifizierbar. Und das ist auch nicht notwendig, wenn den Kindern durch Philosophieren eine gewisse Qualität des Nachdenkens beigebracht werden soll. Und die Frage, weshalb gerade Kinder dazu besonders geeignet sein sollen, lässt sich im Prinzip mit einem Wort beantworten: Staunen. Kinder sind generell durch ihre Unbefangenheit und dadurch, dass sie die Welt in der sie leben erst noch erkunden und kennen lernen müssen, zu einer anderen Form des Staunens in der Lage, als es Erwachsene sind. Die großen Fragen der Philosophie (an dieser Stelle sei auf die vier Kernfragen von Immanuel Kant verwiesen: Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was kann ich wissen? Was ist der Mensch?) haben den Menschen, seine Stellung in der Welt, seine Auffassung von der Welt und seine Wünsche, Hoffnungen und Möglichkeiten zum Gegenstand. Auch Kinder stellen sich bereits Fragen wie diese und sind nicht selten enttäuscht, wenn sie dann in ihrer Neugierde gebremst, nicht ernstgenommen oder mit einer Einwort-Antwort „abgefertigt“ werden. Selbst eine endgültige Antwort auf philosophische Fragen kann für Kinder sehr enttäuschend sein. Philosophie ist auch durch die Freude an nicht endgültig zu beantwortenden Fragen gekennzeichnet.

2. Geschichte der Didaktik der Philosophie

2.1 Philosophen über Kindheit und Erziehung

Um nachvollziehen zu können, weshalb die Didaktik der Philosophie beziehungsweise das Philosophieren mit Kindern durchaus aktuell ist, obwohl die ersten philosophiebezogenen Didaktikansätze schon vor fast einem Jahrhundert erdacht und publiziert wurden, muss selbstverständlich ein klärender Exkurs in die Vergangenheit gemacht werden.

Um den Rahmen nicht zu überreizen und nicht allzu weit vom eigentlichen Thema abzurücken, wird in diesem Kapitel nicht auf die Geschichte der allgemeinen Pädagogik eingegangen, sondern die Auffassungen zur Erziehung aus Sicht von ausgewählten Philosophen aufgezeigt.

Aber nicht nur die Auffassung der Möglichkeit oder Unmöglichkeit mit Kindern zu philosophieren hat sich gewandelt, sondert auch der Begriff und die Wahrnehmung der Kindheit als eine eigene Entwicklungsphase hat sich stark gewandelt und unsere moderne Auffassung von „Kindheit“ war zu keiner Zeit selbstverständlich.

In der „Geschichte der Kindheit“ skizziert der französische Historiker Philippe Ariès in dem Kapitel „Die Entdeckung der Kindheit“ sehr treffend, wie sich beispielsweise in den bildenden Künsten die Darstellung von Kindern gewandelt hat. Diese Skizzierung bietet sich vor allem deshalb an, weil sie unabhängig von Fragestellung und Hintergrundwissen von jedem betrachtet werden kann:

„Bis zum 17. Jahrhundert kannte die mittelalterliche Kunst die Kindheit entweder nicht oder unternahm doch jedenfalls keinen Versuch, sie darzustellen.“[3]

Ariès beschreibt anhand ausgewählter Beispiele seine Auffassung, in den bildlichen Darstellungen biblischer Geschichten (hierbei zentral die Darstellung des Jesuskindes) seien Kinder lediglich „[…]hinsichtlich der Größe reduzierte Erwachsene; ihr Ausdruck sowie die übrigen Merkmale unterscheiden sich in nichts von denen Erwachsener.“[4]

Und ebenso wird die Teilhabe von Kindern am mittelalterlichen Alltag von Aries beschrieben: Kinder nehmen am alltäglichen Geschehen teil, als wären sie kleine Erwachsene. Ihnen werden keine speziellen Bedürfnisse zugeschrieben und es wird auf sie nicht gesondert eingegangen; es gibt keine Erziehung im heutigen Sinne. Sobald sie in der Lage sind, sich einigermaßen selbstständig zu verpflegen, müssen sie sich der Ordnung der Erwachsenen anpassen und nehmen an der „Welt der Erwachsenen“ teil. Auch an öffentlicher Folter nahmen Kinder selbstverständlich teil.[5]

Erstaunlich ist der mittelalterliche Umgang mit Kindern, wie ihn Ariès beschreibt, vor allem deshalb, weil es einige hundert Jahre zuvor in Griechenland bereits die ersten „Vorschläge“ zur Kindererziehung und zum lehrenden Umgang mit Kindern gab.

Im Griechenland der Antike war der Umgang mit Kindern und die Frage der Erziehung aber durchaus zwiespältig. Zum einen war es verbreitet, dass (wohlhabende) Personen mit Bürgerrechten ihre Kinder von einer Amme und/oder einem Sklaven pflegen und erziehen zu lassen, anderseits war es nicht ungewöhnlich, unerwünschte Kinder auszusetzen.[6]

Da das antike Griechenland mit seinen Philosophen und Denkstilen prägend für die gesamte Kultur der Philosophie Europas gewesen ist, finden sich hier bereits erste Positionierungen zum Lehren der Philosophie. Besonders gut verdeutlichen kann man diese anhand von Platons Schriften.

Platon lebte circa 427 bis 347 vor Christus[7] und war einer der einflussreichsten Philosophen der griechischen Antike. Er war Schüler von Sokrates und einer der wenigen Philosophen, die Sokrates und dessen Lehren in ihren Aufzeichnungen beschrieben haben; von Sokrates selbst gibt es keinerlei Aufzeichnungen und alle Informationen über ihn sind aufgrund dessen subjektiv vom jeweiligen Verfasser „eingefärbt“.

Nun hat Platon sich zwar nicht explizit mit einer Didaktik der Philosophie beschäftigt, jedoch kann man seine Haltung zur Erziehung und zum Lehren der Philosophie aus seinen niedergeschriebenen Dialogen herauslesen. Zunächst muss dazu in groben Zügen erläutert werden, welches Weltbild das Denken Platons beeinflusste. Platon war der Auffassung, es gäbe eine Welt der Ideen, die unveränderlich und ewig ist; aus ihr gehen die unsterblichen Seelen hervor und hierhin gelangen sie nach dem Tod des Körpers wieder. Erfahrungen und Wissen des Lebens werden von der Seele mit in diese Ideenwelt genommen, jedoch beim erneuten Hervorgehen der Seele in die sinnliche Welt vergessen. An Erfahrungen und Erkenntnisse, beziehungsweise die der veränderbaren, sinnlichen Welt um uns herum zugrunde liegenden Ideen muss sich die Seele erst wieder erinnern. Platon nennt diesen Vorgang des Erinnerns ἀνάμνησις [8] (Anamnesis).

Aber dieses Erinnern und auch das Erlangen von Erkenntnis und Wissen passiert nach Platon keineswegs zufällig, sondern wird unter Anleitung eines Philosophiekundigen erlangt. Methodisch bedient sich Platon des „Sokratischen Gesprächs“ beziehungsweise des „Sokratischen Dialoges“, indem er (Sokrates) einen Dialog führt, mithilfe dessen er seinen Gesprächspartner dazu bringt, selbst zu einer Erkenntnis zu gelangen. Das geschieht in Form von Gedankenkonstrukten, die Sokrates seinen Dialogpartner „nachdenken“ lässt und Fragen, die er seinem Dialogpartner stellt und mit denen er seine Gesprächspartner dazu bringt, ihre Überzeugungen zu hinterfragen und über deren Ursprung zu reflektieren. Das Wissen, beziehungsweise die Erkenntnis wird also nach dieser Methode nicht vom Gelehrten oktroyiert, sondern wird vom Lernenden selbst erlangt. Auf diese Weise unterrichtete Platon auch die Schüler seiner Akademie.

Allerdings ging Platon davon aus, dass nicht jeder für die Philosophie geeignet ist und sie nur philosophisch Veranlagten unter Anleitung zugänglich sei:

„Der wahre Philosoph aber >>spannt […] alle Kräfte an, seine eigenen und die seines Führers auf diesem Wege, und läßt nicht los, bis er in allem ans Ziel gekommen ist oder sich wenigstens die Fähigkeit erworben hat, um ohne Führer sich selber den Weg weisen zu können. In solchen, nur in solchen Gedanken lebt der philosophisch Veranlagte.<<“ [9]

Demnach bestünde also die Gefahr, dass das Philosophieren mit nicht philosophisch Veranlagten der Philosophie insofern schaden könne, als dass sie haltlos wäre. Eine Auffassung, die man heutzutage bei einigen Skeptikern der Philosophie mit Kindern wiederfindet.

Niewiem beschreibt in „Über die Möglichkeiten des ‚Philosophierens mit Kindern und Jugendlichen’“ den entscheidenden Wandel, der sich seit Platon in Bezug auf das Denken Heranwachsender vollzogen hat:

„Alle drei Philosophen (gemeint sind Rousseau, Montaigne und Locke – Anm. der Verf.) heben die Vernunftbegabung der Kinder hervor und nehmen sie zum Ausgangspunkt ihrer Darstellungen. Die Vernunftbegabung ist aber der wesentliche Faktor, welcher den Gedanken an die Möglichkeit des >>Philosophieren mit Kindern<< im Grunde erst überlegenswert macht. Die antiken Philosophen hingegen verneinen die Vernunftfähigkeit der Jugend[…]“[10]

Besonders Jean-Jacques Rousseaus 1762 erschienener pädagogischer Roman „Émile oder über die Erziehung“ bleibt hervorzuheben, da hier erstmals die Eigenheit der Psyche und Entwicklung des Kindes akzeptiert wird und das Kind in seiner Erziehung nicht nur als „Mängelwesen“ mit autoritären Mitteln gelenkt wird, sondern ihm so viele Freiheiten als nur möglich eingeräumt werden. Er hilft dem Kind, sich selbst zu helfen.

Kindern wird nun auch eine Vernunftbegabung zugeschrieben und das nicht nur von den drei im Zitat gemeinten Philosophen Rousseau, Montaigne und Locke, sondern beispielsweise auch von Kant. Der von Platon geprägte Ansatz, Individuen zum selbstständigen Denken anzuregen, wird im Laufe der Geschichte um die Betrachtung und Einbeziehung der Erziehung und Aufklärung erweitert.

„Aufklärung in einzelnen Subjekten durch Erziehung zu gründen, ist also gar leicht; man muß nur früh genug anfangen, die jungen Köpfe zu dieser Reflexion zu gewöhnen.“ [11]

Diese kurzen Beispiele verdeutlichen durchaus, was das Ziel der Erziehung und nicht zuletzt der Philosophie sein soll: Eine Befähigung zu selbstständigem Denken und Hinterfragen von Tatsachen und auch Begriffen, die als selbstverständlich hingenommen werden.

Besonders ausschlaggebend ist jedoch die „neuerliche“ Auffassung, dass Verstehen wichtiger als auswendig gelerntes Wissen sei. Das geht mit einer Differenzierung von Wissen und Verstehen einher.

2.2 Erste Ansätze der Kinderphilosophie

In Deutschland trifft man auf die ersten Ansätze der Kinderphilosophie in den 1920er Jahren. Da die Kinderphilosophie selbstverständlich nicht in das nationalsozialistische Weltbild der Hitler-Diktatur passte, wurden die Werke der Philosophen später in Deutschland verboten.

Bis es dazu kam, beschäftigten sich die ersten Philosophen und Pädagogen ganz explizit mit der Frage, wie und unter welcher Zielsetzung Philosophie vermittelt werden kann und auch, in welchem Alter man den Kindern (oder Schülern)[12] welche philosophischen Themen zumuten könnte. Es ist davon auszugehen, dass die Autoren die Ansätze der jeweils anderen entweder nicht besonders achteten oder auch gar nicht kannten, da sie nicht aufeinander Bezug nehmen.

Es bildeten sich, bis zum Verbot durch das NS-Regime, vier besonders interessante Ansätze heraus, die folgend dargelegt werden, da jedem Ansatz interessante Denkweisen für die moderne Kinderphilosophie zu entnehmen sind beziehungsweise entnommen wurden.

2.2.1 Der „Metaphysik-Ansatz“

Zur Einstufung der kognitiven Fähigkeiten von Kindern hat zunächst Herman Nohl ein, wenn auch stark vereinfacht dargestelltes, aber sehr praktisches 3-Phasen-Modell entwickelt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[13]

Dieses 1922 entwickelte 3-Phasen-Modell und Nohls didaktischer Ansatz sind insofern hervorzuheben, als dass hieraus seine Auffassung hervorgeht, dass Kinder viel stärker metaphysisch denken, als Erwachsene und von daher besonders gut für das Philosophieren, auch schon in jungen Jahren, geeignet sind. Damit verbunden ist natürlich, aufgrund der Fähigkeit zur „phantastischen Synthese“ (s. Abbildung), dass Kinder im Grundschulalter noch oft dazu neigen, Fantasie und Realität zu verwechseln. Deshalb war es Nohls Forderung gerade in der Grundschule keinen nach Fächern strukturierten, sondern eine Art „Gesamtunterricht“ anzubieten, in dem die Kinder immer wieder die Zeit und die Möglichkeit bekommen sollten, über die Gegenstände des Unterrichtes zu staunen und ausreichend zu reflektieren. Nach dieser Auffassung solle Philosophie bzw. das Philosophieren Bestandteil des von Nohl für die Grundschule geforderten „Gesamtunterrichts“[14] sein. Sein Ansatz wird als „Metaphysik-Ansatz“ beschrieben.

Nohl wird aber, unter anderem von Ekkehard Martens, häufig dafür kritisiert, was seiner Meinung nach Ziel dieses Unterrichts sein sollte:

„Kritisierbar aber ist auf jeden Fall Nohls Zielvorstellung eines >>höheren Lebens<< aus der verengten Sicht eines bürgerlichen Männlichkeitsideals.“ [15]

Diese Kritik bezieht sich darauf, dass Herman Nohl als zu verfolgendes Ziel des Philosophieunterrichts die Erziehung zu Tugend und Tapferkeit fordert.

2.2.2 Der „Führer-Ansatz“

Allerdings scheint es eine ähnlich geartete Zielvorstellung auch bei Arthur Liebert gegeben zu haben, dem der „Führer-Ansatz“ zugeschrieben wird. Damit ist gemeint, dass Liebert der Auffassung war, dass die philosophische Begabung nur wenigen gegeben sei. In etwa wie eine Gnade, sowie auch große Künstler oder Mathematiker „begnadet“ seien.[16]

„Alle aber brauchen die Philosophie in der Form einer festen, systematisch aufgebauten Weltanschauung“ [17]

An dieser Forderung Lieberts nach der Philosophie im Sinne einer Weltanschauung sieht man die gedankliche Fortsetzung der Forderung von Wilhelm Dilthey an die Philosophie. Er forderte ebenfalls, dass Philosophie eine Deutung der Welt und damit des Ganzen zu sein hat. [18]

Für die moderne Kinderphilosophie wird aus Lieberts Ansatz vor allem die „Forderung“ entnommen, dass alle Philosophie brauchen. Auch, wenn er die Gabe des Philosophierens nicht jedem zutraut, so müsse doch jedem gezeigt werden, wie Philosophie, genauso wie Mathematik oder Kunst, zu sein habe.

2.2.3 Der „Methoden-Ansatz“

Der deutsche Philosoph Leonard Nelson begründete den Methoden-Ansatz. Das tat er nicht in erster Linie, um mit Kindern zu philosophieren, denn sein Interesse galt vor allem der (Aus-) Bildung von Erwachsenen.

Zu diesem Zweck eröffnete Nelson 1924 in Kassel das Landerziehungsheim „Walkemühle“, welches an sich aus zwei Schulen bestand. Hauptsächlich sollten in der Schule Mitglieder des „Internationalen Sozialistischen Kampfbundes“ zu politischen Führungskräften ausgebildet werden. In der zweiten Schule wurden Heranwachsende zu selbstständigem Denken und Selbstbestimmung mit erzogen, wozu sich Nelson der „sokratischen Methode“ bediente. In seiner Auffassung von der philosophischen Fähigkeit unterschiedet er sich, wie auch die Begründer der anderen Methoden, grundsätzlich von Liebert. Nelson ist der Ansicht, dass das Philosophieren lehrbar sei, so denn man einen lernwilligen Schüler vor sich habe.[19] Die Lernwilligkeit zeigt sich nach Nelsons Ansicht vor allem dadurch, dass die Schüler dazu bereit sein müssen, von eigenen Vorurteilen und von der Selbstverständlichkeit von Begriffen und Dingen abzurücken und diese zu hinterfragen. Genau dafür eignet sich die „sokratische Methode“, in der durch gezieltes Fragen ergründet werden soll, woher Wissen und Erkenntnis stammen und vorher man sich beispielsweise des Ursprungs und der Bedeutung von Worten, die im normalen Sprachgebrauch verwendet werden, sicher sein kann. Auf diese Weise werden die Schüler von Nelson dazu angeregt sich selbst Urteile zu bilden:

[...]


[1] vgl. http://lehrplan.lernnetz.de/index.php?wahl=96 (Zugriff vom 02. Juli 2012, 13:58 Uhr)

[2] Ist im Folgenden von Lehrern oder Schülern die Rede, dann sind damit Lehrer und Lehrerinnen, sowie

Schüler und Schülerinnen gemeint

[3] Ariès, 1981, S. 92

[4] Ebd.

[5] Ebd., S. 209

[6] Anmerkung: Das wohl berühmteste Beispiel für die Aussetzung eines Kindes im antiken Griechenland ist

der Mythos des Ödipus, der von seinen Eltern ausgesetzt wurde, nachdem das Orakel von Delphi

vorhersagte, das Kind würde als junger Erwachsener seinen Vater töten und seine Mutter heiraten.

[7] Law, 2007, S. 244

[8] Platon1, Menon, 81c-e

[9] Platon2, Der siebente Brief

[10] Niewiem, 2001, S. 34

[11] Kant, A330 in: Martens, 1999, S. 54

[12] Nicht alle lassen sich der „Kinderphilosophie“ zuordnen, jedoch entspringen jedem Ansatz Erkenntnisse,

die auch für die moderne Kinderphilosophie von Bedeutung sind und für die Zeit, in der sie verfasst

wurden, völlig neuartig waren.

[13] Niewiem, 2001, S. 63

[14] ebd., S. 64 ff.

[15] Martens, 1999, S. 18 f.

[16] Martens, 1999, S. 20

[17] Liebert, 1927, S. 78

[18] Anmerkung: Arthur Liebert war ein Bewunderer Diltheys und veröffentlichte ihm zu Ehren 1933 das Werk

„Wilhelm Dilthey : Zum hundersten Geburtstage des Philosophen“

[19] Vgl. Niewiem, 2001, S. 70

Details

Seiten
46
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656521570
ISBN (Buch)
9783656527749
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262321
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,3
Schlagworte
Philosophie-Didaktik Philosophie Grundschule Philosophie Grundschule Unterricht Ekkehard Martens Barbara Brüning

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Titel: Philosophieren mit Kindern