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Isis, die Hexe aus dem Delta

Wissenschaftlicher Aufsatz 2006 12 Seiten

Ägyptologie

Leseprobe

Vorwort

Bei meinen Kemet-Artikeln handelt es sich um Texte, in denen ich versuche auf wenigen Seiten viele Informationen zu liefern. Der inhaltliche Rahmen ergibt sich aus dem Titel-Thema der jeweiligen Kemet-Ausgabe. Alle Artikel in den Kemet-Magazinen sind bebildert; die Fotos ergänzen die Texte.

Mir war bei jedem einzelnen Artikel wichtig, nicht lediglich schon bekannte und überall nachzulesende Informationen zusammenzustellen und nachzuerzählen. Ich betrachte alle Themen aus einer über den Tellerrand der Ägyptologie hinausgehenden Perspektive und stelle oftmals Thesen in den Raum, die eine Diskussion anstoßen sollen. Es handelt sich dabei aber immer um begründete und nicht aus der Luft gegriffenen Überlegungen.

Für viele meiner Artikel bilden ethnologische, soziologische oder religionswissenschaftliche Ansätze den Rahmen, um alternative Sichtweisen zu ermöglichen. Dabei gehe ich durchaus – aus ägyptologischer Sicht – etwas provokativ an ein Thema heran. Aber immer nur mit dem Ziel, neue oder unbekanntere Aspekte darzustellen.

Um altbekannter Kritik von vornherein entgegenzutreten: Grundsätzlich ist ein über räumliche und zeitliche Grenzen hinwegreichender Kulturvergleich ebenso statthaft wie ein sich ausschließlich an die Originalquellen haltender Versuch, Erkenntnisse über die altägyptische Kultur zu gewinnen. Das Argument, es handle sich bei dem einen um eine anachronistische und bei dem anderen um die einzig akzeptable Vorgehensweise, greift nicht. Denn schließlich findet auch das sprachwissenschaftlich fundierte Interpretieren einer altägyptischen Originalquelle alles andere als zeitnah zu ihrer Entstehung statt. Und eine Quelle aus der ägyptischen Spätzeit ist immerhin auch schon zweitausend Jahre jünger als etwa eine aus der Pyramidenzeit, so dass die Interpretationsergebnisse der jüngeren Quelle als anachronistisch bewertet und zum Verständnis der älteren nicht herangezogen werden dürften, wollte man dieser Argumentation folgen.

Nicht nur der Kulturvergleich, sondern gerade auch der interdisziplinäre Ansatz erweitert unseren Verstehenshorizont. Dann finden sich Antworten auf Fragen, die sich aus ägyptologischer Sicht nie stellen würden und werfen Licht auf unbeachtete oder unbekannte kulturelle Phänomene. Auch scheinbar wissenschaftlich längst bearbeitete Bereiche müssen immer wieder auf den Prüfstand; allein, weil jedem Wissenschaftler und jeder Wissenschaftlerin eine subjektive Sichtweise zueigen ist und jeder Versuch, Subjektivität aus der Arbeit auszuschließen und reine Objektivität walten zu lassen, niemals gelingen kann.

Letztendlich kann es immer nur darum gehen, ein weiteres kleines Fenster zum Verständnis der altägyptischen Kultur aufzustoßen.

Isis, die Hexe aus dem Delta

Es war einmal...

Wer kennt sie nicht, die Märchen von den im Wald lebenden Hexen? Ähnliche Geschichten sind auch aus dem Alten Ägypten überliefert. Es sind Geschichten von der Göttin Isis. Sie war die Schwester und Ehefrau des Osiris, die diesen, nachdem er von dem gemeinsamen Bruder Seth ermordet worden war, mit ihrer Zauberkraft wieder zum Leben erweckte, so dass er von da an als König im Jenseits herrschen konnte. Und mehr noch, sie empfing von ihm postum ihren Sohn Horus, der an Stelle seines Vaters im Diesseits über die Menschen herrschen sollte. Von dem Tag seiner Geburt an war er in Lebensgefahr. Denn Seth war nicht bereit, den seiner Meinung nach ihm zustehenden Herrschaftsanspruch freiwillig an jemanden anderen abzutreten. Osiris war von ihm aus dem Weg geschafft worden. Und so sollte auch Horus beseitigt werden. Ort all dieser Ereignisse war das Delta.

Das Delta

Nördlich von Memphis verzweigte sich der Nil in mehrere Arme, die in ihrer Gesamtheit das über zwanzigtausend Quadratkilometer große Nildelta bildeten. Bevor der Nil ins Mittelmeer mündete, konnte er sich in der nördlichen Ebene ausbreiten, was automatisch einen Rückgang der Strömung zur Folge hatte. Die bei Hochwasser mitgeführten Sedimente setzten sich auf Grund der nachlassenden Strömung größtenteils schon bald nach dem Eintritt ins Delta im Flussbett ab. Während sich zwischen den Flussarmen im Laufe der Jahrtausende v.a. im südlichen und östlichen Delta aus den älteren Sedimenten Sandinseln mit einer nur geringen Schlammdecke bildeten, entstanden im nördlichen Teil des Deltas Dauersümpfe und Seen. Die Sandinseln waren fester Boden, der sich zum Besiedeln eignete, so dass die Siedlungsverhältnisse im Süd- und Ostdelta insgesamt bedeutend günstiger waren als im übrigen Delta.

Während der gesamten altägyptischen Geschichte hindurch war die durchschnittliche Bevölkerungsdichte im Delta etwa um die Hälfte niedriger als im Niltal. Um 4000 v. Chr. lebten im Delta etwa 10 Menschen auf einem Quadratkilometer, tausend Jahre später waren es etwa 30. Im Laufe des Alten Reiches verdoppelte sich diese Zahl. Während des Mittleren Reiches kamen etwa 75 Menschen auf einen Quadratkilometer; bis zum Ende des Neuen Reiches waren es etwa 90. Und während der Ptolemäerzeit war die Zahl auf etwa 135 Menschen pro Quadratkilometer angestiegen.[1] Dabei muss man sich aber vor Augen führen, dass weite Teile des Deltas sehr dünn oder überhaupt nicht besiedelt waren, während in der Nähe von „Zentralorten“, den großen Dörfern, den kleinen und großen Zentren und besonders bei der Stadt Memphis, die Bevölkerungsdichte dagegen sehr hoch war.

[...]


[1] S. Jürgen Kraus, Die Demographie des Alten Ägypten. Eine Phänomenologie anhand altägyptischer Quelle, 2004, 21. Zum Vergleich: Heute gehört das Fruchtland Ägyptens zu den am dichtest bevölkerten Gebieten der Erde. Durchschnittlich leben weit mehr als 1000 Menschen auf einem Quadratkilometer Fruchtland (Deutschland: etwa 240 Menschen/qkm).

Details

Seiten
12
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656505150
ISBN (Buch)
9783656507390
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262196
Note
Schlagworte
Ägyptologie Ägypten Isis Horus Göttin Märchen Hexen Hexe Delta Mythologie

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Titel: Isis, die Hexe aus dem Delta