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Der Tempel als Kosmos. Sakralarchitektur am Beispiel des Luxor-Tempels

Wissenschaftlicher Aufsatz 2007 9 Seiten

Ägyptologie

Leseprobe

Vorwort

Bei meinen Kemet-Artikeln handelt es sich um Texte, in denen ich versuche auf wenigen Seiten viele Informationen zu liefern. Der inhaltliche Rahmen ergibt sich aus dem Titel-Thema der jeweiligen Kemet-Ausgabe. Alle Artikel in den Kemet-Magazinen sind bebildert; die Fotos ergänzen die Texte.

Mir war bei jedem einzelnen Artikel wichtig, nicht lediglich schon bekannte und überall nachzulesende Informationen zusammenzustellen und nachzuerzählen. Ich betrachte alle Themen aus einer über den Tellerrand der Ägyptologie hinausgehenden Perspektive und stelle oftmals Thesen in den Raum, die eine Diskussion anstoßen sollen. Es handelt sich dabei aber immer um begründete und nicht aus der Luft gegriffenen Überlegungen.

Für viele meiner Artikel bilden ethnologische, soziologische oder religionswissenschaftliche Ansätze den Rahmen, um alternative Sichtweisen zu ermöglichen. Dabei gehe ich durchaus – aus ägyptologischer Sicht – etwas provokativ an ein Thema heran. Aber immer nur mit dem Ziel, neue oder unbekanntere Aspekte darzustellen.

Um altbekannter Kritik von vornherein entgegenzutreten: Grundsätzlich ist ein über räumliche und zeitliche Grenzen hinwegreichender Kulturvergleich ebenso statthaft wie ein sich ausschließlich an die Originalquellen haltender Versuch, Erkenntnisse über die altägyptische Kultur zu gewinnen. Das Argument, es handle sich bei dem einen um eine anachronistische und bei dem anderen um die einzig akzeptable Vorgehensweise, greift nicht. Denn schließlich findet auch das sprachwissenschaftlich fundierte Interpretieren einer altägyptischen Originalquelle alles andere als zeitnah zu ihrer Entstehung statt. Und eine Quelle aus der ägyptischen Spätzeit ist immerhin auch schon zweitausend Jahre jünger als etwa eine aus der Pyramidenzeit, so dass die Interpretationsergebnisse der jüngeren Quelle als anachronistisch bewertet und zum Verständnis der älteren nicht herangezogen werden dürften, wollte man dieser Argumentation folgen.

Nicht nur der Kulturvergleich, sondern gerade auch der interdisziplinäre Ansatz erweitert unseren Verstehenshorizont. Dann finden sich Antworten auf Fragen, die sich aus ägyptologischer Sicht nie stellen würden und werfen Licht auf unbeachtete oder unbekannte kulturelle Phänomene. Auch scheinbar wissenschaftlich längst bearbeitete Bereiche müssen immer wieder auf den Prüfstand; allein, weil jedem Wissenschaftler und jeder Wissenschaftlerin eine subjektive Sichtweise zueigen ist und jeder Versuch, Subjektivität aus der Arbeit auszuschließen und reine Objektivität walten zu lassen, niemals gelingen kann.

Letztendlich kann es immer nur darum gehen, ein weiteres kleines Fenster zum Verständnis der altägyptischen Kultur aufzustoßen.

Der Tempel als Kosmos. Sakralarchitektur am Beispiel des Luxor-Tempels

Einführung

Ein Tempel ist ein komplexes symbolisches System - die architektonische Umsetzung einer Weltanschauung. Wir haben es im Alten Ägypten mit einer über Jahrhunderte und Jahrtausende gewachsene Weltsicht zu tun, die die sichtbare und die unsichtbare Welt, die diesseitige der Menschen und die jenseitige der Götter, umfasste. Und sie umfasste die Erkenntnis, dass das Weltgeschehen beeinflussbar ist – mittels magischer Handlungen, zu denen auch die Tempelrituale zählten.

Kosmos meint die harmonische Weltordnung und ist der Gegensatz zum ungeordneten Chaos. Vor der Schöpfung – der Einrichtung des geordneten Weltzustandes (m3ct) durch den Schöpfer- und Sonnengott - herrschte ausschließlich das Chaos (jsft). Alles war ungeteilt und ungeordnet. Die Unordnung wurde durch die geschaffene Weltordnung zwar zurück gedrängt, bedrohte aber von Anbeginn an von allen Seiten und von allen Sphären diesen Kosmos mit seiner fragilen Harmonie. Ein altägyptischer Tempel – seine Größe, sein Prunk und seine Dauerhaftigkeit spielten dabei keine Rolle - war nicht nur ein Symbol für die göttliche Weltordnung, er war auch ein Bollwerk gegen das ununterbrochen an dem geordneten Weltzustand nagende Chaos. Er war der Ort, an dem der Kosmos aufrechterhalten wurde.

Tempelgründungsmythen sind Weltschöpfungsmythen

Im herrschenden König manifestierte sich zu allen Zeiten der Sonnen- und Schöpfergott. Aus diesem Grund hatten alle Entscheidungen des Königs einen tieferen, mythologisch begründeten Sinn und jede seiner Handlungen einen symbolischen Wert. Der folgenschweren Entscheidung einen Tempel zu bauen oder zu erweitern, folgten die magischen Handlungen in Form von Ritualen der Gründungszeremonie, wie dem Ausheben einer Baugrube, die bis zum Urgewässer Nun hinunter reichte, oder dem Aufschütten von Sand zum Urhügel. Denn die Gründung eines Tempels wurde als eine Wiederholung der Schöpfung betrachtet.[1]

Im Horus-Tempel von Edfu finden sich Inschriften, die vom Ursprung des Tempels, der mit dem Ursprung der Welt identisch ist, erzählen. Diese Gründungsmythen beschreiben die Erschaffung der Welt und damit zugleich des ersten Tempels durch den aus sich selbst heraus entstandenen falkengestaltigen Gott Horus. Die Welt als Tempel erhob sich mit dem Urhügel aus dem Urgewässer. In den Worten von Dieter Kurth schildern die Inschriften folgende Vorkommnisse: „Innerhalb einer Beschreibung der Stätten des Schöpfungsvorganges erfahren wir, daß das offenbar anfangs wilde Urwasser zur Mittagszeit in einem bestimmten Bereich ruhig wird. Schilf und Falke finden zueinander; das Schilf kommt aus der Tiefe des Urwassers, der Falke, der über der Flut kreiste, läßt sich auf dem Schilf nieder. Der Falke ist der zukünftige Himmel, und ihn trägt das Schilf; um das erste Schilf herum bildet sich das feste Land der Erde, und zwar nach dem Willen des Horus.“ In einer dieser Edfu-Inschriften ist Folgendes zu lesen: „Horus ist der Himmel, und fest ist das Nebit-Schilf, das den Horus trägt. Djeba-Schilf und Nebit-Schilf ist der Ka-Name von Djeba (Edfu) als Thronsitz-des-Horus. Es entsteht ‚Djeba’, und es entsteht ‚Thronsitz-des-Horus’ als Namen dieser Stadt. ‚Groß werde das Uferland in der Umgebung des Landstückes beim Schilf’, sagte Horus, ‚indem es fest bleibt in Ewigkeit als das, was den Füßen Halt gibt“.[2]

[...]


[1] S. Erik Hornung, Geist der Pharaonenzeit, 1989, 118

[2] Dieter Kurth, Treffpunkt der Götter, 1998, 183

Details

Seiten
9
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656505181
ISBN (Buch)
9783656505723
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262181
Note
Schlagworte
Ägyptologie Ägypten Luxor Luxor-Tempel Amun Tempel Sakralarchitektur Königtum Architektur

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Titel: Der Tempel als Kosmos. Sakralarchitektur am Beispiel des Luxor-Tempels