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Führt das Modell des Arbeitskraftunternehmers zu einer Reproletarisierung?

Hausarbeit 2010 19 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept des Arbeitskraftunternehmers (nach Voß/Pongratz)
2.1 Definition
2.2 Merkmale des Typus „Arbeitskraftunternehmer“
2.2.1 Selbstkontrolle
2.2.2 Selbstökonomisierung
2.2.3 Selbstrationalisierung

3. Darstellung der historischen Entwicklung
3.1 Der proletarische Lohnarbeiter
3.2 Der verberuflichte Arbeitnehmer
3.3 Der Arbeitskraftunternehmer

4. Vergleich des Arbeitskraftunternehmers mit dem Proletarier
4.1 Gemeinsamkeiten
4.2 Unterschiede
4.3 Auswertung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thema dieser Hausarbeit ist der momentane Strukturwandel in der Arbeitswelt. Aufgrund der stark verschärften Wettbewerbsbedingungen sehen sich viele Unternehmen zunehmend dazu gezwungen, die Kosten zu reduzieren und die Produktivität zu steigern. Diese betrieblichen Reorganisationsprozesse verlangen einerseits eine Veränderung in der Einstellung des Arbeitnehmers, andererseits in der betrieblichen Organisation. Diese zeichnen sich hauptsächlich in Lockerungen der betrieblichen Strukturvorgaben ab (vgl. Voß 1998, S. 474).

1998 wurde von den Soziologen Hans J. Pongratz und G. Günter Voß ein Konzept entwickelt, das die Zukunft in der Selbstorganisation der Arbeitskraft sieht. Diesen veränderten Typus von Arbeitskraft nannten sie „Arbeitskraftunternehmer“. Im Rahmen dieses Wandels soll der Arbeitnehmer selbstständiger werden und zunehmend als „Unternehmer seiner selbst“ agieren. Ihm werden große Freiräume im Bezug auf die Arbeitsgestaltung eingeräumt (vgl. Voß/Pongratz 1998, S. 133). Durch diese gestiegene Eigenverantwortung wird der Kontrollaufwand reduziert wodurch auch Kosten eingespart werden. Dazu soll der Fokus der Lebensplanung wieder hauptsächlich auf die Erwerbstätigkeit ausgerichtet sein (vgl. ebd., S. 133). Flexibilität wird dabei zu einem wichtigen Kriterium für den beruflichen Erfolg des Einzelnen. In diesem Zusammenhang wird auch von einer Entgrenzung von Arbeit und Leben gesprochen. Damit ist gemeint, dass diese beiden Bereiche nicht mehr voneinander zu trennen sind, sonder miteinander verschmelzen.

Die folgende Bearbeitung des Themas wird hauptsächlich aus der Perspektive des Arbeitnehmers erfolgen, wobei die betriebliche Perspektive nicht außer Acht bleibt. Es handelt es sich um eine Prognose, die aber kaum auf empirischen Untersuchungen basiert. Deshalb kann nur schwer vorausgesagt werden wie weit der Strukturwandel bereits fortgeschritten ist.

Doch stellt das Modell des Arbeitskraftunternehmers wirklich eine fortschrittliche Weiterentwicklung zum verberuflichten Arbeitnehmer dar oder findet vielmehr ein Rückschritt in Richtung Proletarier statt? Dieser Frage wird im Rahmen dieser Hausarbeit nachgegangen und es wird untersucht, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Arbeitskraftmodelle liegen und welche Chancen und Gefahren sich dahinter verbergen.

Im zweiten Abschnitt geht es um die Vorstellung des Konzepts des Arbeitskraftunternehmers nach Voß und Pongratz.

Der dritte Abschnitt handelt von der historischen Entwicklung der Arbeitskraft. Dabei wird unterschieden zwischen dem proletarischen Lohnarbeiter, dem verberuftlichten Arbeitnehmer und zuletzt dem Arbeitskraftunternehmer.

Im vierten Teil wird das Problem analysiert und das Konzept des Arbeitskraftunternehmers mit dem des Proletariers verglichen und untersucht in wiefern man den Arbeitskraftunternehmer als fortschrittlich in einer modernen Gesellschaft bezeichnen kann. Zum Schluss werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammenfassend dargestellt.

2. Das Konzept des Arbeitskraftunternehmers (nach Voß/Pongratz)

2.1 Definition

Der Begriff des Arbeitskraftunternehmers wurde erstmals 1998 von den Soziologen G. Günter Voß und Hans J. Pongratz verwendet. Beide gehen davon aus, dass das Modell des Arbeitskraftunternehmers den verberuflichten Arbeitnehmer ablösen wird (vgl. Voß/Pongratz 1998, S. 148/149). Beim verberuflichten Arbeitnehmer war das Verhältnis von Betrieb zu Arbeitnehmer klar geregelt, denn für die passive Erfüllung von oben gesetzter Vorgaben mit starker Kontrolle bekam der Arbeiter einen Lohn. Heute sieht dieser Prozess weitgehend anders aus, denn es werden zunehmend aktive Steuerungsprozesse des Arbeitnehmers vorausgesetzt. Dieser neue Typus von Arbeitskraft, der seine Arbeit zunehmend selbst organisieren muss, soll mit seinem Vermögen zu arbeiten, wie ein Unternehmer umgehen, es gezielt und strategisch einsetzten und auf eine wirtschaftliche Nutzung zielen (vgl. ebd., S. 142). Ihm werden dabei drei zentrale Merkmale zugeschrieben, nämlich verstärkte Selbstkontrolle, Selbstökonomisierung und Selbstrationalisierung (vgl. Voß/Pongratz 2001, S. 4). Das verändert das Verhältnis von Arbeitnehmer zum Betrieb grundlegend, da aus einem festen Beschäftigungsverhältnis zunehmend temporäre Auftragsbeziehungen werden (vgl. Voß/Pongratz 1998, S. 139).

2.2 Merkmale des Typus „Arbeitskraftunternehmer“

2.2.1 Selbstkontrolle

Das erste Merkmal wodurch sich der Arbeitskraftunternehmer auszeichnet, ist seine verstärkte Selbstkontrolle. Um Kosten zu reduzieren wird die Kontrolle, die vorher mittleren Managern zugeteilt war, zunehmend den Arbeitnehmern selbst zugeschrieben. Sie können und müssen ihre Arbeit selbst steuern und haben kaum Handlungsvorgaben. Aus einer direkten Kontrolle ist eine indirekte Kontrolle entstanden, die nur noch eine Überprüfung der Rahmenbedingungen zulässt. So werden beispielsweise nur die Kosten, die Produktivität und die Qualität kontrolliert, aber nicht mehr der Arbeitsablauf (vgl. Voß/Pongratz 1998, S. 139). Die Devise lautet: „Wie Sie die Arbeit machen ist uns egal- Hauptsache das Ergebnis stimmt!“.[1] Zum einen spart das natürlich Kosten durch die Reduzierung von Personal, das vorher die Kontrolle übernommen hatte und zum anderen können dadurch neue Leistungspotentiale von den Arbeitnehmern selbst erschlossen werden. Diese Kontrollreduzierung bedeutet eine höhere Autonomie für den Einzelnen. Oftmals ist damit auch eine erhebliche Erhöhung des Leistungsdrucks und die Gefahr der Überlastung impliziert (vgl. ebd., S. 134).

Ein wichtiger Prozess, der den Arbeitnehmern zugeteilt wird, ist der Transformationsprozess. Dies bedeutet, dass das Unternehmen nur potentielle Arbeitskraft einkauft und keinerlei Garantie auf eine gute Arbeitsleistung hat (vgl. ebd., S. 137). Die Umwandlung des Potentials in die konkret angeforderte Leistung zu überwachen war bis in die 90er Jahre die Aufgabe der Vorgesetzten des Unternehmens. Man stellte jedoch fest, dass mit einer solch starken Überwachung der Arbeitskräfte keine Produktivitätssteigerung möglich war. Denn der Kontrollaufwand war sehr hoch, die Leistungsfähigkeit der Individuen konnte nicht völlig ausgeschöpft werden und es gab keinerlei Raum für Kreativität und eigene Ideen. Um diese starren Strukturen abzuschaffen versuchte man einem neuen Leitprinzip nachzugehen. Es ging darum neue Freiräume für die Beschäftigten zu schaffen, die Selbstorganisation herauszufordern und ganz allgemein die betriebliche Steuerung durch eine individuelle Steuerung zu ersetzen. Daraus resultiert, dass die Arbeiternehmer selbst betriebliche Funktionen wie die Überwachung des Transformationsprozess übernehmen. Diese Externalisierung betrieblicher Aufgaben setzt eine hohe Selbstdisziplin voraus (vgl. ebd., S. 138). Für das Unternehmen hat diese Entwicklung einen entscheidenden Vorteil. Die Arbeitskraft wird ohne Eingreifen des Betriebes zu einem Halbfertigprodukt, was eine erhebliche Kostenreduzierung bedeutet (vgl. Voß 1998, S. 478). Für den Arbeitnehmer bedeutet dies, dass er durch individuelle Neubegrenzungen sich selbstständig Strukturen schaffen muss (vlg. Voß 1998, S. 479).

2.2.2 Selbstökonomisierung

Im Rahmen der Selbstökonomisierung entwickelt der Arbeitnehmer eine individuelle Produktionsökonomie. Er vermarktet sich auf betrieblichen und überbetrieblichen Märkten aktiv selbst und verhält sich im Bezug auf sein „Kapital“ (das Arbeitsvermögen) wie ein Unternehmer (vgl. Voß/Pongratz 1998, S. 142). Er befindet sich nicht mehr in einem sicheren Arbeitsverhältnis, sondern wirtschaftet innerhalb ständig wechselnden Auftragsbeziehungen (vlg. ebd., S. 139). Das Motto des Unternehmens lautet: „Sie bleiben nur so lange, wie Sie nachweisen und sicherstellen, dass Sie gebraucht werden und Profit erwirtschaften!“.[2] Deshalb muss er immer wieder von neuem sein Können unter Beweis stellen. Dabei muss er auch ständig für seine eigene Leistung Nachfrager finden (vlg. ebd., S. 142). Die Arbeitskraft wird zu einer Art Produkt, einer Ware, die er gezielt nutzen will um im Endeffekt materielle Substanz zu erwirtschaften (vgl. ebd., S.145). Deshalb muss er sich ständig weiterentwickeln und die Qualität seiner Arbeitskraft durch Weiterbildungsmaßnahmen verbessern.

2.2.3 Selbstrationalisierung

Unter Selbstrationalisierung verstehen Voß und Pongratz eine Verbetrieblichung der Lebensführung. Das bedeutet zum einen, dass die beiden Bereiche Arbeit und Freizeit nicht mehr exakt voneinander zu trennen sind, sondern ineinander übergehen. Das gesamte Leben muss systematisch organisiert werden und auf den Erwerb ausgerichtet sein. Das Unternehmen braucht die Person als Ganze, das heißt auch der private Bereich muss in die Erwerbstätigkeit mit einfließen. So werden beispielsweise alle Ressourcen einer Person, wie zum Beispiel das Geldvermögen, das soziale Netzwerk, Alltagstechniken und auch die Arbeitsleistung weiterer Personen im persönlichen Umfeld, zu wichtigen Kriterien für Erfolg in der Erwerbtätigkeit (vgl. ebd., S. 143). Dabei wird es immer wichtiger flexibel einsetzbar zu sein und das nicht nur in einer einzigen Erwerbstätigkeit, sondern man muss mehrere Tätigkeiten miteinander zu verknüpfen und so ein individuelles Portfolio erstellen (vgl. ebd., S. 144).

Die Devise lautet: „Wir brauchen Sie voll und ganz und zu jeder Zeit – und dazu müssen Sie ihr Leben im Griff haben!“.[3]

[...]


[1] http://www.die-bonn.de/zeitschrift/12001/positionen3.htm (Stand 19.05.2010)

[2] http://www.die-bonn.de/zeitschrift/12001/positionen3.htm (Stand 19.05.2010)

[3] http://www.die-bonn.de/zeitschrift/12001/positionen3.htm (Stand 19.05.2010)

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656509431
ISBN (Buch)
9783656509646
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262108
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
führt modell arbeitskraftunternehmers reproletarisierung

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