Lade Inhalt...

Die Lyrik Federico García Lorcas und ihre Rezeption im deutschen Sprachraum

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Federico García Lorca

3 Lorcas Lyrik, die „Generación de ´27“ und Góngora
3.1 Frühe Lyrik
3.2 „Primer romancero gitano“
3.3 „Poeta en Nueva York“ und späte Lyrik
3.4 Die „Generación de ’27“ und Góngora

4 Die Rezeption Lorcas im deutschen Sprachraum
4.1 Bis 1960 – Lorcas Lyrik im Nachkriegsdeutschland
4.2 Nach 1960 – Die Diskussion um die Beck’schen Übersetzungen

5 Schlussbetrachtung und Ausblick

6 Quellen

7 Bibliographie

1 Einleitung

Federico García Lorca, geboren 1898, gilt zweifellos als einer der grossen Dichter der Moderne. Er ist der im Ausland am meisten gelesene und aufgeführte spanische Autor des 20 Jahrhunderts, war Mitbegründer der legendären „Generación de ´27“ und enger Freund von Dalí und Buñuel. Er wurde 1936 bei Ausbruch des Bürgerkrieges von Falangisten ermordet. Seine Homosexualität war ein offenes Geheimnis und machte ihn schon zu Lebzeiten zu einer Ikone der Schwulenbewegung, wurde jedoch bis in die siebziger Jahre tabuisiert und wird von seinen Erben zum Teil noch heute bestritten. Die anhaltende Popularität seiner Werke, die Diskussion um sein Leben und die Umstände seines Todes sowie die Rezeptions- und Übersetzungsgeschichte im deutschsprachigen Raum sorgen dafür, dass er nicht in Vergessenheit gerät. Das Phänomen Lorca hat bis heute nichts von seiner Faszinationskraft verloren.

Lorcas Rezeptionsgeschichte in Spanien ist überschattet vom Franco-Regime, seine Bücher können zum Teil nur im spanischsprachigen Ausland veröffentlicht, die Umstände seines Todes erst nach Francos Tod geklärt werden.

Die Rezeptionsgeschichte im deutschsprachigen Raum nimmt durch das Nazi-Regime einen besonderen Verlauf. Vor 1945 ist Lorca in Deutschland kaum bekannt. Mit der Neuentdeckung der Moderne nach dem Krieg kommt in den späten vierziger und den fünfziger Jahren eine regelrechte Lorca-Welle auf, die durch zwei Personen entscheidend beeinflusst wird: Enrique Beck, welcher aufgrund eines Abkommens mit den Lorca-Erben bis vor kurzem der einzige berechtigte deutsche Übersetzer war und Jean Gebser, der mit seinem vieldiskutierten Buch „Lorca und das Reich der Mütter[1] 1949 – neben einigen gelungenen Gedichtinterpretationen – vor allem absurde Spekulationen und diverse falsche Fakten über Lorcas Leben in die Welt setzt. In den fünfziger Jahren erreicht die Mythisierung Lorcas in Deutschland einen Höhepunkt. Als neoromantischer Folklorist, als in der Tradition verhafteter andalusischer Zigeuner wurde er gelesen, aufgeführt und besprochen; sein wohl wichtigstes Werk, „Poeta en Nueva York“, erschien erst 1963 in deutscher Übersetzung. In den sechziger Jahren klärt sich das Bild um Lorca, und die Diskussion um die Beck’schen Übersetzungen beginnt – und hält fast vierzig Jahre an, bis zur Aufhebung des Monopols vor einigen Jahren.

Doch was macht nun die Lyrik Lorcas, was die der „Generación de ´27“ wirklich aus? Werden ihm die heute verwendeten Etiketten Neopopularist, Surrealist, moderner Dichter gerecht? Wie war sein Verhältnis zu Tradition und Folklore? Wie konnte es zu einer solchen Mythisierung kommen? Welchen Anteil daran hat das Übersetzungsmonopol Becks? Werden diese Übersetzungen zu Recht so stark angegriffen? Was hatte Gebsers Buch für einen Einfluss? Hatte Lorca einen Einfluss auf die deutsche Nachkriegslyrik? Wäre die Rezeptionsgeschichte anders verlaufen, wenn „Poeta en Nueva York“ früher übersetzt worden wäre?

Es ist mir bewusst, dass ich diese Fragen im Umfang der vorliegenden Seminararbeit noch nicht einmal annähernd beantworten kann, aber ich werde versuchen, mit Hilfe der aktuellen Lorca-Forschung – und natürlich mit Lorcas Werk selbst – das Forschungsfeld abzustecken, in welchem die Problematik durch ausführlichere Untersuchungen (zum Beispiel im Rahmen einer Lizentiatsarbeit) aufgearbeitet werden kann.

In der Arbeit werde ich mich auf die Lyrik Lorcas beschränken, da sie wesentlich ist für die „Generación de ´27“, für die Rückbesinnung auf Góngora, Parallelen zur deutschen Moderne gezogen werden können und sich in ihr der Einfluss auf die deutsche Nachkriegslyrik am stärksten manifestiert. Mit dieser Einschränkung stelle ich die – bis heute anhaltende – Wirkung von Lorcas Dramen im deutschen Sprachraum, die mit den (glücklicherweise heute so gut wie gar nicht mehr aufgeführten) Opern „Die Bluthochzeit“ (1957) und „In seinem Garten liebt Don Perlimplín Belisa“ (1962) von Wolfgang Fortner einen Höhepunkt erreicht, keineswegs in Frage.

Auch eine befriedigende Definition des Begriffes „Moderne“, resp. „moderne Lyrik“, „moderner Dichter“ kann im Rahmen dieser Arbeit nicht gegeben werden – die Diskussion in der Forschung hält an und ein Ende ist nicht absehbar. Um es mit Enzensberger zu sagen: „Wie weit trägt der Begriff der Modernität? Er taugt nicht viel. Seine Geschichte ist ein Thema für Habilitationsschriften; nur einen Unsinnigen könnte es danach verlangen, ihn zu definieren. Seit seiner Prägung stiftet er Bewegung und Verwirrung; die Willkür, die ihm anhaftet, ist nicht von ihm zu trennen.“[2] Als weiterführende Literatur zu diesem Thema sind „Die Dialektik der modernen Lyrik“ von Hamburger[3], „Die Struktur der modernen Lyrik“ von Friedrich[4], „Die moderne Lyrik in Spanien“ von Siebenmann[5] sowie insbesondere „Einführung in den Tod. García Lorcas New Yorker Dichtung und die Trauer der modernen Lyrik“ von Koppenfels[6] zu empfehlen.

Der aktuelle Forschungsstand zu Federico García Lorca ist aufgrund der schier unermesslichen Zahl von Veröffentlichungen – schon allein im deutschen Sprachraum – nur schwer zu erfassen. Aufschluss geben vor allem „García Lorca. Erträge der Forschung“ von Rogmann[7] (bis etwa 1981) sowie „The Reception of Federico García Lorca in Germany“ von Gorman[8] (bis etwa 1973). Vor allem letztgenanntes bietet eine umfangreiche Auflistung und teilweise auch Besprechung der zu Lorca in Deutschland erschienenen Publikationen, ein Textapparat fehlt jedoch und mit Zitaten geht der Autor eher sparsam um. Da die Originaltexte oft nur sehr schwer zugänglich sind, muss ich mich hier meist auf die Richtigkeit der Aussagen Gormans verlassen. Weitere Publikationen (zu Lorcas Leben, Werk, Rezeption, Übersetzung) werde ich in der Arbeit an passender Stelle eingehender besprechen.

Im Folgenden werde ich zuerst kurz auf Lorcas Biographie und dann in einem ersten Hauptteil ausführlicher auf seine Lyrik, die „Generación de ´27“ und die damit verbundene Góngora-Rezeption eingehen. Im zweiten Hauptteil stehen die Rezeption der Lyrik Lorcas im deutschen Sprachraum und die Übersetzungsproblematik im Zentrum. In der Schlussbetrachtung werden noch einmal die Ergebnisse zusammengefasst und es wird ein Ausblick gegeben, welche Richtung eine vertiefte Arbeit einschlagen könnte.

2 Federico García Lorca

„En Federico, que pasaba mágicamente por la vida, al parecer sin apoyarse; que iba y venía ante la vista de sus amigos con algo de genio alado que dispensa gracias, hace feliz un momento y escapa en seguida como la luz, que él se llevaba efectivamente; en Federico se veía sobre todo al poderoso encantador, disipador de tristezas, hechicero de la alegría, conjurador del gozo de la vida, dueño de las sombras, a las que él desterraba con su presencia. […]

Su corazón no era ciertamente alegre. Era capaz de toda la alegría del Universo; pero su sima profunda, como la de todo gran poeta, no era la de la alegría. Quienes le vieron pasar por la vida como un ave llena de colorido, no le conocieron. Su corazón era como pocos apasionado, y una capacidad de amor y de sufrimiento ennoblecía cada día más aquella noble frente. Amó mucho, cualidad que algunos superficiales le negaron. Y sufrió por amor, lo que probablemente nadie supo.”[9]

Federico García Lorca wird 1898 als erstes von vier Kindern in Fuente Vaqueros (Provinz Granada) in eine wohlhabende Familie geboren. Seine Eltern besitzen ausgedehnte Ländereien und unterstützen ihren Sohn bis zu seiner finanziellen Unabhängigkeit gegen Ende der 20er Jahre grosszügig. Seine Mutter ist Lehrerin und mit grosser Leidenschaft und Begabung für Musik und Literatur ausgestattet. „Yo le debo todo lo que soy y seré“, schreibt Lorca 1932 in einem Brief an einen Freund.[10] 1919 zieht er zum Studium (welches er nie abschliesst) nach Madrid, wo er in der Residencia de Estudiantes lebt und unter anderem Rafael Alberti und Luis Buñuel kennenlernt. Schon früh beginnt er zu dichten und Theaterstücke zu schreiben, der Durchbruch gelingt ihm jedoch erst mit der Veröffentlichung des Romancero Gitano (1928). 1929/30 verbringt er in New York und Cuba, wo auch der Gedichtzyklus Poeta en Nueva York entsteht, der jedoch erst Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wird. Die folgenden Jahre stellen den eigentlichen Höhepunkt seines Schaffens dar: es entstehen die meisten seiner Dramen und er gründet auch eine eigene Theatergruppe, mit welcher er spanische Bühnenklassiker (Cervantes, Lope de Vega, Calderón) bis in die Provinzen bringt. Als er 1936 bei Ausbruch des Bürgerkrieges nach Granada zurückkehrt, wird er von Falangisten verhaftet und nur drei Tage später erschossen. Zu gross waren seine offenkundigen Sympathien zu den Republikanern, zu Zigeunern und anderen Ausgegrenzten – und als Homosexueller stand er sowieso auf der Abschussliste der spanischen Faschisten.

Lorca war vielseitig begabt. Als Dichter, Dramatiker, Sprecher, Gitarrist, Pianist, Komponist und Zeichner hatte er sich in Künstlerkreisen einen Namen gemacht und war auch durch literaturtheoretische Aufsätze und Vorträge in die Öffentlichkeit getreten.

Aufschluss über sein Leben und über die genauen Umstände seines Todes geben die sehr gute und ausführliche Biographie von Gibson[11] – die bisher vollständigste Arbeit über Lorca – und Johnstons Buch Ein Leben hinter Masken[12], welches sich in erster Linie mit Lorcas Homosexualität und der damit verbundenen Kontroverse beschäftigt.

[...]


[1] Gebser, Jean, Lorca und das Reich der Mütter, Schaffhausen 1978

[2] Enzensberger, Hans Magnus, Museum der modernen Poesie, Frankfurt am Main 1960, S.765 (Seitenangabe aus der überarbeiteten Ausgabe von 2002)

[3] Hamburger, Michael, Die Dialektik der modernen Lyrik, München 1972

[4] Friedrich, Hugo, Die Struktur der modernen Lyrik. Von der Mitte des neunzehnten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, Hamburg 1956

[5] Siebenmann, Gustav, Die moderne Lyrik in Spanien, Stuttgart 1965

[6] von Koppenfels, Martin, Einführung in den Tod. García Lorcas New Yorker Dichtung und die Trauer der modernen Lyrik, Würzburg 1998

[7] Rogmann, Horst, García Lorca. Erträge der Forschung, Darmstadt 1981

[8] Gorman, John, The Reception of Federico García Lorca in Germany, Göppingen 1973

[9] Vicente Aleixandre 1937 über seinen verstorbenen Freund. Das Zitat stammt aus dem Prolog von Lorcas Obras Completas (Madrid 1987, Tomo II, S.Xf). Die deutsche Übersetzung lautet: „In Federico, der auf magische Weise durchs Leben ging, anscheinend ohne innezuhalten, der vor den Augen seiner Freunde kam und ging und etwas von einem geflügelten Genius hatte, der seinen Charme versprüht, einen Augenblick mit Glück erfüllt und sich gleich wieder davonmacht wie das Licht, das er dann auch wieder mit sich nahm, in Federico sahen alle hauptsächlich den grossen Magier, der die Traurigkeit vertrieb, die Heiterkeit herbeizauberte, die Lebensfreude beschwor, die Schatten beherrschte und sie mit seiner blossen Gegenwart verbannte. [...] Sein Herz war sicher nicht froh. Er war aller Freude der Welt fähig; doch in seinem tiefsten Inneren war wie bei allen grossen Dichtern keine Freude. Die ihn wie einen Paradiesvogel durchs Leben ziehen sahen, kannten ihn nicht wirklich. Sein Herz war so leidenschaftlich wie nur irgendeines, und seine Liebes- und Leidensfähigkeit veredelte sein Wesen jeden Tag mehr. Er liebte sehr, was einige oberflächliche Menschen ihm absprachen. Und er litt aus Liebe – was vermutlich niemand erfuhr.“ Johnston, David, Federico García Lorca. Ein Leben hinter Masken, Düsseldorf 2003

[10] García Lorca, Federico, Obras, Tomo III, S.1020. Die deutsche Übersetzung lautet: „Ihr verdanke ich alles , was ich bin und was ich sein werde“, Gibson, Ian, Federico García Lorca, Frankfurt am Main 1999, S.34

[11] Gibson, Lorca

[12] Johnston, Masken

Details

Seiten
30
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638285582
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v26133
Institution / Hochschule
Universität Bern – Institut für Germanistik
Note
sehr gut
Schlagworte
Lyrik Federico García Lorcas Rezeption Sprachraum Neuentdeckung Moderne Deutschland Weltkrieg

Autor

Zurück

Titel: Die Lyrik Federico García Lorcas und ihre Rezeption im deutschen Sprachraum