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Soziale Interaktionen misshandelter Kinder.

Hausarbeit 2004 18 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition
2.1 Misshandlung
2.2 Ablehnung und Vernachlässigung

3 Die Studie von George und Main zu sozialen Interaktionen und Empathiefähigkeit misshandelter Kinder
3.1 Fragestellungen und Hypothesen
3.2 Methodisches Vorgehen
3.2.1 Die Beobachtung und Beurteilung der Verhaltensweisen
3.2.1.1 Klassifikation der beobachteten Verhaltensweisen bezüglich empathischer Fähigkeiten
3.2.1.2 Verständnis der beobachteten Verhaltensweisen bezüglich sozialer Interaktionen

4 Ergebnisse
4.1 Die Ergebnisse zum empathischen Verhalten der Kinder
4.2 Die Ergebnisse zu den sozialen Interaktionen der Kinder
4.2.1 Annäherung
4.2.2 Vermeidendes Verhalten
4.2.3 Aggressives Verhalten

5 Diskussion

6 Schlussbetrachtung

Literatur

1 Einleitung

Wenn Kindesmisshandlung und Vernachlässigung als soziales und zwischenmenschliches Problem entstehen, hat dies dann Folgen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen – möglicherweise die psychische und physische Gesundheit betreffend? Oder beeinflussen solche Erfahrungen gar das Verhalten und die Fähigkeit junger Menschen, sich in andere hineinzufühlen und generell die Gestaltung sozialer Interaktionen der Heranwachsenden?

C. Howes und R. Eldredge vermuten, dass die Beziehungen gleichaltriger Kleinkinder auch für die spätere Entwicklung sozialer Kompetenzen von großer Bedeutung sind. (vgl.: Eldredge, R.; Howes, C. 1985 S. 261)

Doch wie sehen diese Beziehungen im Kleinkindalter aus? Gibt es erkennbare Unterschiede bezüglich sozialer Interaktionen und der Fähigkeit, Empathie zu zeigen, zwischen misshandelten und nicht misshandelten Kindern schon im Kleinkindalter?

Auf der Grundlage einer Studie von Mary Main und Carol George aus dem Jahre 1977 wird es Inhalt der vorliegenden Arbeit sein, diese Fragen näher zu beleuchten, Antworten und Zusammenhänge zu finden.

Es wird interessieren, ob Kleinkinder in der Lage sind, empathisch zu handeln, ob es diesbezüglich Unterschiede gibt zwischen misshandelten und nicht misshandelten oder stark vernachlässigten Kindern und inwieweit die Heranwachsenden über Fähigkeiten zu sozialen zwischenmenschlichen Beziehungen insbesondere in der Gruppe Gleichaltriger verfügen.

Ich werde zunächst das methodische Vorgehen unter Einbeziehung der räumlichen und personellen Voraussetzungen sowie das Vorgehen bei der Erfassung und Beurteilung der Verhaltensweisen erläutern und anschließend jeweils gemäß den schwerpunktmäßig gestellten Fragen nach sozialer Interaktion und empathischen Fähigkeiten die Ergebnisse darlegen.

Die Informationen basieren hierbei allein auf der Studie von M. Main und C. George und den zuzuordnenden Aufsätzen.

In einer anschließenden Diskussion werde ich die Ergebnisse unter Einbeziehung ähnlicher Forschungsergebnisse wie sie von R. Eldredge und C. Howes erfasst wurden, noch einmal zusammenhängend darstellen und diskutieren und dabei einige Fragen, die sich während der Auseinandersetzung mit den Aufsätzen stellten, noch einmal aufgreifen. Dabei wird interessieren, inwiefern das Verhalten der Kinder in verschiedenen Situationen in einem engen Zusammenhang mit dem Verhalten der Eltern und den im Elternhaus gemachten Erfahrungen steht.

Im Folgenden möchte ich kurz die Klärung der Begriffe der Misshandlung und Vernachlässigung voranstellen, um von einem gemeinsames Verständnis des in dieser Arbeit behandelten Problems der beobachteten Kinder ausgehen zu können.

2 Definition

Die zugrunde liegende Studie von Main und George befasst sich hauptsächlich mit dem Verhalten misshandelter. Einige der Kinder aus der Studie haben Vernachlässigung und Ablehnung erfahren.

2.1 Misshandlung

Kindesmisshandlung gehört neben Vernachlässigung und Kindesmissbrauch „[...] zu den häufigen psychosozialen Belastungsbedingungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, mit ca. 1/3 Inanspruchnahmepopulation.“ (Dt. Ges. f. Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie u.a. (Hrsg.) 2003, S. 5)

Als Misshandlung wird die direkte Gewalteinwirkung auf ein Kind bezeichnet, beispielsweise durch Schlagen, Schütteln, Verbrennen oder Verätzen. Körperlich sichtbare Symptome sind beispielsweise häufig Verletzungen an Rücken, Gesäß oder den Innenflächen der Oberschenkel. Auffällige Verletzungsmuster hierbei sind Zigarettennarben, Verbrühungen, Handabdrücke oder Abschnürungen. (vgl.: George, C.; Main, M. 1979; S. 306 sowie Kinderschutzzentrum Berlin (Hg.) 2000; S. 27 ff.)

Misshandlung ist die aktive und beabsichtigte, körperliche und/ oder seelische Schädigung des jungen Menschen. (vgl.: BMFSFJ 2002, S. 224)

Begrifflich abzugrenzen ist Misshandlung von sexuellem Missbrauch, der sich auf sexuelle Handlungen am Kind mit oder ohne körperlichen Kontakt bezieht.

2.2 Ablehnung und Vernachlässigung

Ablehnung an bemerkenswerten Aspekten mütterlichen Verhaltens definiert, meint die Vermeidung, bzw. Ablehnung des körperlichen Kontakts der Bezugsperson oder auch „böse“ erscheinendes Verhalten deutlich in Haltung, Gesichtsausdruck und Stimmlage.

Unter Vernachlässigung sind etwa Mängel in Ernährung, Versorgung und Pflege sowie Unzulänglichkeiten bezüglich Aufmerksamkeit und Zuwendung ergo Offenheit und Verständnis den Bedürfnissen und Situationen der Kinder und Jugendlichen gegenüber zu verstehen. (vgl.: BMFSFJ 2002, S. 224)

3 Die Studie von George und Main zu sozialen Interaktionen und Empathiefähigkeit misshandelter Kinder

Die zugrundeliegende Studie nach Mary Main und Carol George ist die erste kontrollierte Untersuchung sozialer Interaktionen körperlich misshandelter Kinder im Alter von 1-3 Jahren. Weitere Ergebnisse dieser Studie stellen die Fähigkeit empathischen Verhaltens misshandelter Kinder dar.

Mehr als bisher andere Studien wurde diese durch eine Untersuchung zu normalen Mutter-Kind-Beziehungen angeregt, statt durch jene, die sich auch mit misshandlungsbelasteten Beziehungen beschäftigten. (vgl.: George, C.; Main, M. 1979; S. 307)

3.1 Fragestellungen und Hypothesen

Die Literatur beschäftigt sich mit verschiedenen Ergebnissen und Fragestellungen der Studie.

Eine von Mary Main der Studie vorangestellte Hypothese bezüglich sozialer Interaktionen misshandelter Kinder war, dass sich der Mutter annähernde, ihr zugetane Kinder einen unlösbaren Konflikt durchmachen müssten, wenn sie von dieser zurückgewiesen werden und sie diese somit nicht als dem Kind zugeneigte Mutter erleben. Sind Kinder diesem Konflikt kontinuierlich ausgesetzt, beeinflusse dies, so George, maßgeblich das Verhalten des Kindes in seinen sozialen Interaktionen.

Weiter vermutet sie, dass das vermeidende Verhalten der Mutter dem Kind gegenüber mit verschiedenen zu beobachtenden Verhaltensweisen des Heranwachsenden korreliert. (vgl.: George, C.; Main, M. 1979; S. 307)

Die Untersuchungen hinsichtlich der Empathiefähigkeit junger Kinder legten die Forschenden drei Fragen zu Grunde: Es sollte herausgestellt werden, ob benachteiligte unterprivilegierte Kinder auf Kummer oder Schmerz anderer Gleichaltriger betroffen oder gar mitfühlend reagieren.

Darüber hinaus war es von Interesse, ob sich misshandelte Kinder angesichts bekümmerter Gleichaltriger weniger mitfühlend verhalten als andere vergleichbare nicht misshandelte Kinder. Und schließlich wurde auch nach der Korrelation kindlichen Verhaltens zu dem der Eltern gefragt, nämlich inwiefern das empathische Verhalten der Heranwachsenden Ähnlichkeit hat mit dem der Eltern. (vgl.: Main, M.; George, C. 1985; S. 407)

3.2 Methodisches Vorgehen

Die Beobachtungen fanden in vier großstädtischen Kindertageseinrichtungen statt. Zwei dieser Einrichtungen waren Kinder-Schutz-Einrichtungen, spezialisiert auf den Schutz misshandelter Kinder, welche durch kommunale Schutzmaßnahmen in diese Centers gelangten. Bei wenigen der Kinder, die misshandelt wurden, waren die Peinigungen deutlich sichtbar. Die erlebten Ausmaße der Misshandlung reichten von strengen, heftigen Strafen über gebrochene Körperteile und Verbrennungen bis hin zu Schädelfrakturen.

Die anderen beiden Tagesstätten waren ausgerichtet auf die Betreuung von Kindern stressbelasteter Familien, wobei Stress in diesem Zusammenhang definiert wird als das Auftreten sozialer und emotionaler Faktoren, die es für die Familie oder ein bestimmtes Elternteil unmöglich machen, für das Kind zu sorgen. In solchen Zusammenhängen kann es zwar zu Drohungen gegenüber den Kindern kommen aber in der Regel nicht zu Misshandlungen. (vgl.: George, C.; Main, M.; 1979, S. 309)

Die erste Kindertagesstätte und die ihr zugeordnete Kontrolleinrichtung haben jeweils einen Kind - Betreuerschlüssel von 3:1. Dabei sind die Betreuer für die ganze Gruppe zuständig. Aus den beiden Einrichtungen werden sieben misshandelte und sechs vergleichbare nicht misshandelte Kinder beobachtet.

Die zweite Tagesstätte für misshandelte Kinder hatte um die Hälfte (15 Kinder) kleinere Gruppen als die zugeordnete Kontrolleinrichtung (30 Kinder), wobei die große Gruppe der letztgenannten noch einmal nach dem Alter in kleinere Gruppen unterteilt wurde. Der Kind-Betreuerschlüssel lag in diesen Institutionen bei 3:1, bzw. 4:1. Drei Kinder, die Misshandlungsopfer waren und vier Kontrollkinder wurden hier beobachtet. (vgl.: George, C.; Main, M.; 1979, S. 309)

Insgesamt wurden zwanzig Kinder in die Studie einbezogen, davon zehn Kinder misshandelte und zehn ohne Misshandlungserfahrungen. Es handelte sich jeweils um vier Mädchen und sechs Jungen im Alter von 1-3 Jahren.

Bei der Zusammenstellung der Gruppen wurde darauf geachtet, dass die Kinder nicht nur bezüglich des Alters, sondern auch in Geschlecht, Abstammung, elterlichem Status sowie Ausbildung und Beschäftigung der Eltern so ähnlich wie möglich waren.

Alle beteiligten Kinder stammten aus stressbelasteten unterprivilegierten Familien, die mit wirtschaftlichen Faktoren ebenso wie diversen anderen Stressbelastungen zu kämpfen hatten. Nur in der Hälfte der Familien lebte noch ein Vater und insgesamt 14 der Mütter waren auf Unterstützung durch die Wohlfahrt angewiesen; nur eine hatte einen Hochschulabschluss. (vgl.: Main, M.; George, C. ; 1985; S. 408)

3.2.1 Die Beobachtung und Beurteilung der Verhaltensweisen

Die der Studie zu Grunde liegenden Aufzeichnungen über das Verhalten der Kinder hinsichtlich sozialer Interaktionen und Empathiefähigkeit entstanden über den Zeitraum eines Jahres durch direkte Beobachtung der Kinder in den Räumen der Kindertagesstätten.

Um die Beobachtung überhaupt durchführen zu können, mussten zunächst schriftliche Genehmigungen von den Eltern oder gesetzlichen Vertretern und Vormündern der involvierten Kinder eingeholt werden.

Fünf Studenten wurden zu Beobachtern geschult, wobei sie genaueste Instruktionen bekamen, jede kleinste Bewegung des Kindes aufzuzeichnen, möglichst unaufdringlich zu sein und sämtliche Interaktionsversuche der Kinder ihnen gegenüber zu ignorieren. (vgl.: George, C.; Main, M. 1979, S. 309)

Innerhalb eines Monats, jedoch nicht mehr als ein mal pro Woche, erfassten sie das Verhalten der an der Studie teilnehmenden Kinder viermal hinsichtlich ihrer sozialen Interaktionen eine halbe Stunde lang. Vier der fünf Beobachter hatten dabei keine Kenntnis von den spezifischen Hypothesen und Fragestellungen, die eingangs der Studie aufgestellt worden waren.

Die Aufzeichnungen zum Verhalten der Kinder bezüglich ihrer empathischen Fähigkeiten fanden über einen Zeitraum von drei Monaten statt. Vier mal wurden die Kinder jeweils eine halbe Stunde beobachtet. Auch hier hatten die Beobachtenden Anweisung, auf das Verhalten der Kinder so wenig wie möglich zu reagieren. Jedoch gab es zum Zeitpunkt der Datenerfassung noch keine genauen Planungen bezüglich der Auswertung und für die Beobachter keine expliziten Anweisungen betreffs die Reaktionen anderer weinender Kinder. (vgl.: Main, M.; George, C. 1985, S. 408)

3.2.1.1 Klassifikation der beobachteten Verhaltensweisen bezüglich empathischer Fähigkeiten

Nach den Beobachtungen wurden die aufgezeichneten Reaktionen auf den Kummer anderer Kinder durch zwei Beurteiler in die nachstehende Klassifikation eingegliedert. Hinsichtlich der empathischen Fähigkeiten der Kinder wurden zwei Gruppen zur Klassifikation festgelegt, die folgende Reaktionen beinhalteten:

Gruppe1:

a) Ansehen und beobachten des Kummers eines anderen Kindes, jedoch ohne Interesse zu zeigen
b) Interesse und Neugier bezüglich des anderen Kummer belasteten Kindes.
c) Mechanisches Trösten durch Berühren, jedoch ohne Mitgefühl zu zeigen
d) Kind zeigt Mitgefühl; trauriger, betroffener Gesichtsausdruck

Gruppe 2:

a) Zeigen von Angst und Kummer
b) Verbale Drohungen oder drohender Gesichtsausdruck
c) Körperliche Attackierung durch Treten, Schlagen oder ähnliches, somit Verschlimmerung der Situation des anderen Kindes
d) Verwirrung und diffuse Wut

(vgl.: Main, M.; George, C. 1985, S. 408)

Einer der Beurteilenden hatte bei der Kategorisierung der beobachteten Reaktionen keinerlei Kenntnis von dem Ziel der Studie und der Teilnahme misshandelter Kinder, beziehungsweise wusste er nicht, welche der Kinder Misshandlungsopfer waren. Der zweite der Urteilenden wusste zwar um die Intention der Studie aber auch nicht, welche erfassten Reaktionen von misshandelten Kindern stammten. Als endgültiges Ergebnis wurde die vom ersten Beurteilenden vorgenommene systemische Kategorisierung angenommen. (vgl.: Main, M.; George, C. 1985, S. 409)

Zur Auswertung der Ergebnisse wurde für jedes Kind die Anzahl der Situationen, in denen sie mit dem Kummer eines anderen konfrontiert wurden, zusammengezählt. Die Anzahl und Ausmaße der Reaktionen je nach Kategorie wurden dann beiden Gruppen, also misshandelten Kindern und nicht misshandelten Kindern zugeordnet.

3.2.1.2 Verständnis der beobachteten Verhaltensweisen bezüglich sozialer Interaktionen

Die Ergebnisse der Untersuchung ließen drei hauptsächlich beobachtete Verhaltensweisen in den Vordergrund treten: Annäherung, Vermeidung und aggressives Verhalten gegenüber anderen Bezugspersonen.

Annäherndes Verhalten wurde erstens beschrieben als das Hinwenden von Kopf oder Oberkörper zu der anderen Person und zweitens als die Bewegung auf die andere Person zu. Hierbei wurde noch einmal unterschieden, ob es sich um ein direktes absichtliches Zu- oder Hinterhergehen handelte, wobei das Kind ein anderes Kind oder einen Betreuer auch mit den Augen anvisierte oder ob das Kind sich von hinten oder von der Seite indirekt näherte, möglicherweise auch von vorne, ohne das Bewusstsein der Annäherung.

Vermeidendes Verhalten wurde verstanden als das einfache Weggucken eines Kindes, das Abwenden des Gesichts oder Körpers auf der einen und körperliche Vermeidung durch Weggehen oder -rennen auf der anderen Seite.

Aggressives Verhalten wurde begriffen als körperliche Attacken auf andere etwa durch Schlagen, Treten, Kneifen, Spucken oder unsanftes Anfassen anderer oder als die Androhung der benannten körperlichen Angriffe.

(vgl.: George, C.; Main, M. 1979, S. 309 f.)

4 Ergebnisse

4.1 Die Ergebnisse zum empathischen Verhalten der Kinder

Insgesamt wurden neun misshandelte Kinder insgesamt 27 mal mit Kummer eines anderen Kindes konfrontiert. Insgesamt 23 mal waren neun der Kinder der Kontrollgruppe in der Nähe. Da aus jeder Gruppe nur neun Kinder den Kummer eines anderen mitbekamen, werden bei der Auswertung auch nur achtzehn Kinder angegeben.

Dabei stimmten sie zu 95% überein bei der Eingliederung der Verhaltensweisen in die vorgängig beschriebene Klassifikation und zu 88% bezüglich der Diagnose von Unruhe stiftendem , störerischem Verhalten.

Betroffene Reaktionen auf den Kummer anderer Kinder zeigten 33 %, also fünf von neun der nicht misshandelten Kinder, wobei eine solche Reaktion bei keinem der misshandelten Kinder beobachtet wurde. Die Kinder der Kontrollgruppe reagierten darüber hinaus auch mit Mitgefühl und Traurigkeit.

Acht der neun misshandelten Kinder und nur eins der Kinder der anderen Gruppe reagierten auf das Weinen eines anderen Gleichaltrigen mit Drohungen, diffuser Wut oder gar körperlichen Angriffen.

Drei Kinder von misshandelnden Eltern, dagegen keines der Kinder der Kontrollgruppe zeigten angesichts von Kummer und Schmerz auch selbst angsterfüllte Besorgnis und Kummer. Dabei streckte eins der Kinder sogar den Arm mit gespreizten Fingern aus, so als wolle es das Weinen des anderen Kindes so abwehren.

In jeder Gruppe wurde jeweils einmal die Reaktion drohenden Verhaltens aufgezeichnet, darüber hinaus zeigten drei der gepeinigten Kinder Verwirrung und diffuse Wut und eben so viele entgegneten dem Kummer anderer mit Aggression und körperlicher Gewalt, was keines der Kontrollkinder tat.

(vgl.: Main, M.; George, C. 1985, S. 409)

Ein Blick auf die prozentuale Verteilung der kindlichen Reaktionen zeigt einen deutlichen sehr bezeichnenden Unterschied. Die in der Klassifikation in die Gruppe 2 eingeordneten Verhaltensweisen sind zu 5,6 % den unterprivilegierten Kindern der Kontrollgruppe zuzuordnen, den misshandelten Kindern aber zu 55,4 %.

Bei der Beobachtung der Verhaltensweisen misshandelter Kinder wurden sogar verwirrte und wütende Reaktionen verzeichnet, wenn das weinende andere Kind sich in einiger räumlicher Distanz befand.

Neun von fünfzig verzeichneten Verhaltensweisen sind im Anschluss an die Beobachtungen als beunruhigend und Unruhe stiftend beurteilt, wobei nur die Kinder mit Misshandlungserfahrungen auf diese Weise reagierten. In vier der als am meisten von Störung Unruhestiftung geprägten beurteilten Situationen wechselten sogar tröstendes und aggressives, handgreifliches Verhalten. Ein Kind wurde beispielsweise beobachtet, dass ein anderes so lange quälte bis es deutliche Anzeichen von Schmerz und Kummer zeigte und sich am nächsten Tag sogar mechanisch tröstend diesem Kind zuwendete. (vgl.: Main, M.; George, C. 1985, S. 408 f.)

4.2 Die Ergebnisse zu den sozialen Interaktionen der Kinder

4.2.1 Annäherung

Es ist zunächst festgestellt worden, dass es bezüglich der Kontakte zu den Kindern von den Betreuern ausgehend kaum Unterschiede zwischen misshandelten und nicht misshandelten Kindern gab. In der Gruppe der misshandelten Kinder lag die Anzahl dieses Kontaktes bei 29,13, in der Kontrollgruppe bei 32, 55 innerhalb von zwei Stunden.

Ebenso gering zeigte sich der Unterschied bezüglich der Kontakte anderer Kinder zu den beobachteten. Hier gab es gegenüber den Heranwachsenden, die Opfer von Misshandlungen waren, 20,08 Kontakte, zu denen der Kontrollgruppe 21,19.

Deutlichere Unterschiede weist die Studie jedoch auf in der Beobachtung der Kontakte, die von den misshandelten Kindern ausgingen:

In diesem Zusammenhang gab es nur halb so viele Kontakte zu den betreuenden Personen wie in der Kontrollgruppe.

Interessanterweise gab es jedoch nur wenige Differenzen im Vergleich mit der Kontrollgruppe den Kontakt zu anderen Kindern betreffend.

Bemerkenswert scheint auch, dass es kaum Unterschiede gab in der spontanen Annäherung der Kinder.

Bei freundlichem Bemühen der Betreuer war im Gegensatz zu den Kindern der Kontrollgruppe auch eine verstärkte indirekte Annäherung zu diesen zu beobachten etwa von hinten oder von der Seite.

(vgl.: George, C.; Main, M. 1979, S. 311)

4.2.2 Vermeidendes Verhalten

Die Ergebnisse zu vermeidendem Verhalten misshandelter Kinder beweisen, dass diese ein solches Verhalten viermalöfter zeigten als die Kinder ihrer Kontrollgruppe. Auch bei freundlicher Annäherung reagierten 11% dieser Kinder, in dem sie sich weg bewegten. Dies taten nur 2,6% der vergleichbaren Kinder der anderen Gruppe.

Betreuer wurden dreimalöfter gemieden als in der Kontrollgruppe.

Annähernd - vermeidendes Verhalten wurde in der Studie lediglich bei vier misshandelten Kindern gegenüber dem Betreuer beobachtet.

Reagierten diese Kinder zehnmal mit einem solchen Verhalten auf andere Kinder, taten es bei der Kontrollgruppe keine. Gegenüber dem Betreuer reagierten ein vergleichbares Kind und sieben der misshandelten mit annäherndem – abweisenden Verhalten.

(vgl.: George, C.; Main, M. 1979, S. 311)

4.2.3 Aggressives Verhalten

Die Studie ergab, dass misshandelte Kinder doppelt so häufig wie nicht misshandelte Heranwachsende sich körperlich anderen Kindern gegenüber aggressiv verhielten.

Von den misshandelten reagierten fünf Kinder gegenüber der Betreuungsperson mit Aggressionen oder Drohungen. Dies tat keins in der Kontrollgruppe. (vgl.: George, C.; Main, M. 1979, S. 311)

5 Diskussion

Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich, welche Unterschiede es im Verhalten misshandelter und nicht misshandelter Kinder gibt.

Im Hinblick auf die sozialen Interaktionen misshandelter und nicht misshandelter Kinder konnten entscheidende Differenzen gerade gegenüber den Betreuern der Kindertagesstätte festgestellt werden.

Der besonders aggressive und vermeidende Umgang betreuenden Personen gegenüber kann vor dem Hintergrund der Misshandlungserfahrung möglicherweise so gedeutet werden, dass Kinder mit eben solchen Erfahrungen, die erwachsenden Betreuer gefährlicher einschätzen als ihre gleichaltrigen Gruppenmitglieder. (vgl.: George, C.; Main, M. 1979, S. 313)

Vor dem Hintergrund, dass Betreuer in der Kindertageseinrichtung erwachsene Bezugspersonen darstellen wie zu Hause die Eltern können Verhaltensweisen wie Vermeidung oder Aggression möglicherweise Abwehrleistungen bedeuten, die vor traumatischen Belastungen schützen sollen und gezeigte Angst stellt womöglich einen Grund für das vermeidende Verhalten gegenüber Betreuern dar.

Da selbst bei freundlicher Zugewandtheit des Betreuenden dem misshandelten Kind gegenüber sich dieses sehr oft nur indirekt, also von der Seite oder von hinten annähert, kann spekuliert werden ob die Angst vor einer bedrohlichen Situation, wie sie Misshandlung darstellt, tatsächlich eine Erklärung für dieses Verhalten sein könnte und somit die vorsichtige Annäherung ebenso wie vermeidendes Verhalten für das Kind vielleicht Sicherheit durch Abstand bedeutet. Denn so wäre aufgrund räumlicher Distanz noch Gelegenheit, auf Aktionen der erwachsenen Bezugspersonen zu reagieren.

Flucht und Vermeidung können in diesem Sinne als Möglichkeit für das misshandelte Kind gesehen werden, die angstbringende Situation zu umgehen.

Flucht und vermeidende Annäherung, Drohungen und verbale und körperliche Aggressionen dienen also eventuell einer Reduzierung von unangenehmen Gefühlen wie sie in verwirrenden Situationen für ein Kind zwischen Misshandlungserfahrung und erlebter Zuwendung entstehen können.

Mary Main geht auch davon aus, dass das Verhalten der Eltern hinsichtlich der sozialen Interaktionen ihrer Kinder sehr wohl eine bedeutende Rolle spielt.

So bringt sie das ablehnende Verhalten der Mutter in Verknüpfung damit, dass Kinder beispielsweise unvermögend sind, sich anderen Eltern zu nähern, die versuchen mit ihnen zu interagieren. Eine weitere Parallele zieht Main zur sichtbaren körperlichen Vermeidung dieser Personen. Und einen Zusammenhang gäbe es auch, wenn betroffene Kinder selbst ihre Mütter schlagen, ihnen drohen oder sehr deutlich sichtbar Ungehorsam zeigen.

Bezüglich der Reaktionen auf den Kummer andere Kinder stellte sich heraus, dass misshandelte Kinder kaum in der Lage sind, sich in andere hineinzufühlen und dementsprechend sozial zu reagieren. Die Studie von M. Main und C. George zeigt, dass diese viel mehr als andere Kinder aggressiv, ablehnend, verwirrt oder wütend reagieren. Auch R. Eldredge und C. Howes stellten gravierende Unterschiede in diesem Bereich fest.

Begründet sehen sie das Verhalten der misshandelten Kinder in der Beziehung zu den Eltern, basierend auf der Erkenntnis, dass auch misshandelnde Eltern auf das Weinen eines Kindes häufig aggressiv reagieren. (vgl.: Eldredge, R.; Howes, C. 1985 S. 268 u. Main, M.; George, C. 1979, S. 408)

R. Eldredge und C. Howes legen über die Bedeutung der Eltern-Kindbeziehung als weiteren beeinflussenden Faktor dar, dass misshandelnde Eltern oftmals isoliert leben, dass heißt, sie sind wenig in soziale Netzwerke eingebunden. (vgl.: Eldredge, R.; Howes, C. 1985 S. 267) Vermutlich sind Kinder misshandelnder Eltern nicht nur aufgrund der unsicheren Bindung zu den Eltern, sondern auch aufgrund deren Isolation unvermögend, Bindungen aufzubauen und freundschaftliche Beziehungen zu pflegen und zu erhalten.

Sieht man Persönlichkeitsstruktur und soziale Handlungskompetenzen im Zusammenhang mit dem sozialen Status der Eltern, kann man die Wechselwirkungen zwischen dem vorgelebten Verhalten der Eltern und der sich dadurch beeinflussten Persönlichkeitsentwicklung auch noch einmal vor dem Hintergrund der Aussagen des elften Kinder- und Jugendberichts beleuchten. Demzufolge treten Misshandlungen und Vernachlässigung häufig in Situationen materieller oder sozialer Problemlagen sowie im Kontext psychosozialer Belastungen auf. In beiden Kontexten spielt die Persönlichkeitsstruktur der Eltern eine entscheidende Rolle, beispielsweise hinsichtlich der Konfliktfähigkeit und dem Verfügen über konstruktive Handlungskompetenzen schwierige Alltagssituationen zu bewältgen. (vgl.: BMFSFJ 2002, S. 223)

Die Wirkung elterlichen Verhaltens auf die Entwicklung sozialer Fähigkeiten der Kinder lässt noch einen weiteren Ausblick zu. Nicht misshandelte Kinder reagieren laut der Studien bedeutend freundlicher, weniger aggressiv, ablehnend oder verwirrt und zeigen angesichts des Kummers eines anderen Kindes fürsorgliches und mitfühlendes Verhalten.

Also scheint sich das Verhalten dieser Eltern auf ihre Kinder auch positiv auszuwirken. Darüber hinaus wird deutlich, dass auch sehr junge Kinder bereits in der Lage sind, soziale Fähigkeiten wie konstruktive Handlungskompetenzen, Konfliktlösungsstrategien und Empathie zu entwickeln.

6 Schlussbetrachtung

Die Ergebnisse der Studien zeigen deutlich, dass es Unterschiede zwischen dem Verhalten misshandelter Kinder und dem ihrer nicht misshandelten Altersgenossen gibt.

Die Ergebnisse von Main und George sowie die Ausführungen von Howes und Eldredge lassen folglich den Schluss zu, dass die Kompetenz, Beziehungen und Bindungen einzugehen, sehr wohl auch beeinflusst wird durch die Beziehung zu den Eltern und die Integration der Familien in das soziale Umfeld.

Auch die eingangs erwähnte Hypothese Mains, der Konflikt zwischen Mutter und Kind beeinflusse maßgeblich das Verhalten des Kindes bei seinen sozialen Interaktionen, kann auf Grundlage der dargelegten Ergebnisse Bestätigung finden.

Misshandlung hat für die betroffenen Heranwachsenden also nicht nur und erst in Bezug auf die spätere Entwicklung etwa im Jugend- und Erwachsenenalter, sondern auch schon im sehr frühen Kindesalter eine Störung des Bindungs- und Beziehungsverhaltens zur Folge.

So wirken elterliche Verhaltensmuster und soziale Handlungskompetenzen schon bei Kleinkindern auf deren Beziehungen zu anderen Personen und diese wiederum in hohem Maße auf die Entwicklung sozialer Fähigkeiten, die auch im späteren Leben genutzt und weiter entwickelt werden.

Misshandlungserfahrungen wirken demnach weit über das Kindheitsalter hinaus und prägen die Persönlichkeitsstruktur möglicherweise bis ins Erwachsenenalter.

Folglich werden im sehr frühen Kleinkindalter bereits die Grundsteine gelegt für die Entwicklung von sozialen und konstruktiven Handlungskompetenzen, die im Erwachsenenalter für die Alltagsbewältigung und erheblich bei der Gestaltung von Beziehungen handlungsweisend sind.

Literatur

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendjilfe in Deutschland. Elfter Kinder- und Jugendbericht. Berlin 2002

Kinderschutzzentrum Berlin (Hg.): Kindesmisshandlung. Erkennen und Helfen. 8. Aufl.; BMSFSJ, Berlin 2000

Deutscher Verein füröffentliche und private Fürsorge (Hg.): Fachlexikon der sozialen Arbeit. 4. vollst. überarb. Aufl.; Stuttgart, Berlin, Köln, Kohlhammer 1997

Dt.Ges.f. Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie u.a. (Hrsg.): Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. 2. überarb. Aufl.; Deutscher Ärzte Verlag, 2003

Eldredge, Robert; Howes, Carollee:Responses of Abused, Neglected and Non-Maltreated Children to the Behaviors of Their Peers. In: Journal of Applied Developmental Psychology, Bd.6, 1985, S 261 – 270

George, Carol; Main Mary: Responses of abused and disadvataged toddlers to distress in agemates: A study in the daycare setting. In: Developmenal Psychology, Bd. 21, Heft3 1985, S. 407 - 412

George, Carol; Main, Mary: Social interactions of young abused Children: Approach, avoidance and aggression. In: Child Development, Bd. 50; 1979; S. 306-318

Gerrig, Richard J.; Zimbardo, Philip G.: Psychologie. 7.Aufl.; Springer Verlag, Berlin, Heidelberg 2003

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Seiten
18
Jahr
2004
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v26090
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Sozialwissenschaften
Note
1
Schlagworte
Soziale Interaktionen Kinder

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