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Die Kathedrale von Reims - Ein historischer Überblick

Seminararbeit 2004 46 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reims als Krönungsstadt

3. Baugeschichte

4. Grundriss

5. Innenbereich

6. Außenbereich

7. Schlussbemerkung

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

10. Abbildungen

1. Einleitung

Das Thema meiner Hausarbeit ist die Kathedrale Notre Dame in Reims.

Die Provinzstadt Reims liegt nordwestlich von Paris, wobei die Kathedrale die Silhouette der Stadt bestimmt. (siehe Abb. 1 u. 2)

Erstmals wurde Reims in den Jahren 57-53 v. Chr., bei der Eroberung Galliens durch Cäsar, erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt trug sie noch den keltischen Namen Durocortorum. Im 2.Jh. v. Chr. ließen sich dort die Remer nieder, ein Stamm aus Germanien, so das zwischen 237 und 275 die Stadt den Namen Civitas Remorum, auf französisch Reims, bekam.[1]

Der Bau der Kathedrale fällt in die Zeit der Hochgotik. Sie wird oft mit Chartres und Amiens verglichen, da die Baubeginne sehr eng aneinander liegen. Chartres wurde 1194, Reims 1211 und Amiens 1220 begonnen.

Reims bildet also die Mitte und soll sich beim Bau im Grundlegenden an die Ideen der Baumeisters von Chartres gehalten haben.[2] Die Kathedrale „trägt den Titel einer Königin“ und ist „als Krönungskathedrale eng mit der Geschichte des französischen Königtums verwachsen“.[3]

Ziel meiner Ausarbeitung ist es, die Kathedrale Zusammenhang mit dem Krönungsprivileg der Stadt zu betrachten und bei der Erklärung des Aufbaus die gestalterischen Gemeinsamkeiten und auch Neuerungen mit Chartres zu vergleichen.

2. Reims als Krönungsstadt

Die Kathedrale von Reims war Krönungsort von sechsundzwanzig Königen Frankreichs. Die erste Krönung in der Kathedrale war von Heinrich I. im Jahre 1027.

Das Krönungsprivileg geht zurück auf die Legende des Heiligen Remigius und der Taufe Chlodwigs im 5.Jh.

Zur Amtszeit des Bischofs Remigius stand in Reims bereits eine Kathedrale an dem Ort der Heutigen. Im Jahre 481 setzte sich der Bischof Remigius mit dem angehenden, jungen König Chlodwig in Kontakt, um ihm Ratschläge für seine Regierungsweise zu geben. Dabei legte er ihm ans Herz, sich mit Christen zu umgeben. Remigius spielte dabei mit dem Gedanken, dass Chlodwig sich dem

katholischen Glauben zuwenden würde.[4] Nachdem Chlodwig, 493, eine katholische Prinzessin aus Burgund heiratete, entschied er sich, 498 an Weihnachten, in der Taufkapelle von Reims, durch Bischof Remigius taufen zu lassen. Diese Taufe sollte nun zu der Legende werden, die Reims zu einem Gedächtnisort machte.[5]

Bereits der Beginn dieser Zeremonie in der Taufkapelle des königlichen Palastes ließ die Taufe zu etwas Besonderem werden. Denn die Kapelle wurde plötzlich von einem himmlischen Licht erfüllt und eine Stimme sprach zu ihnen: „Friede sei mit euch; ich bin es; fürchtet euch nicht, verbleibt in meiner Liebe.“[6]

Nachdem das Licht verschwand, begab man sich zur Taufkapelle der Kathedrale. Kurz vor dem Vollzug der Taufe flog eine weiße Taube mit einem Fläschchen Salböl im Schnabel in die Bischofskirche, das sie Remigius übergab.[7]

Nach dieser fast „göttlichen Zeremonie“ wurde der Bischof heilig gesprochen. Das Geschlecht Chlodwigs musste von nun an die christliche Religion akzeptieren.[8]

Das Wunder jedoch verbreitete sich sehr langsam und war anfangs nur regional bekannt, bis es dann später zu einem nationalen Kult wurde. Der Heilige Remigius starb ca. 533 und wurde, nach seinem Wunsch hin, in der Saint – Christophe – Kapelle begraben. Nach der Vergrößerung der Kapelle wurden die Gebeine des Heiligen in das neue Gebäude überführt, das den Namen Saint-Remi bekam.

Im 9.Jh. hatte Bischof Hincmar es geschafft, dass die Legende von Remigius nicht nur in Berichten erhalten blieb, sondern auch in liturgischen Texten und einem jährlichen Fest, so dass die Legende zu einem „liturgischen Gedächtnis“[9] wurde.

Hincmar nannte den Heiligen Remigius erstmals „Apostel der Franken“[10] und anschließend wurde die Taufe zu einer offiziellen Krönungszeremonie erkoren, obwohl es eine königliche Salbung noch gar nicht gab.[11]

Da Reims erst durch die Remigiuslegende zur Krönungsstadt wurde, ist sie auch an der Fassade der Kathedrale oftmals wieder aufgegriffen worden. Schon an der Westfassade bildet die Taufe Chlodwigs den Mittelpunkt der Königsgalerie. (siehe Abb. 7) Auch im Tympanon des Heiligenportals an der Nordfassade wird der Heilige Remigius zusammen mit dem Heiligen Nicasius geehrt. (siehe Abb. 3 - 5)

3. Baugeschichte

Vermutlich um 400 wurde in Reims die erste Kathedrale gebaut. Der Bischofssitz von Nicasius wurde in das Zentrum der Stadt verlegt. Dort ließ er aus den Überresten eines gallorömischen Gebäudes eine, der Jungfrau Maria geweihte, Kirche errichten. Vor dem Eingang dieses Gotteshauses wurde er, der Legende nach, von Vandalen enthauptet.[12] Er starb einen Märtyrertod und wurde heilig gesprochen.[13] Ca. 50 Jahre später stand dort bereits eine Basilika, welche bis zum 9. Jh. auch erhalten blieb. Wegen Baufälligkeit begann 820 ein Neubau, der von Erzbischof Hincmar weitergeführt wurde. Im folgenden Jahrhundert ließ der Erzbischof Adalberon an der Basilika Vergrößerungsarbeiten durchführen. Eine weitere Umgestaltung, sowie ein partiellen Neubau erfuhr sie unter Erzbischof Samson. Durch ihn erreichte sie fast die Ausmaße der heutigen Kathedrale. Jedoch fiel sie, und auch ein Teil der Stadt, am 6. Mai 1210 einem Brand zum Opfer.[14]

Ein Neubau war unausweichlich. Bereits 1211 wurde der Grundstein für die neue Kathedrale von dem Erzbischof Aubry de Humbert (1207-1218) gelegt.

Dieser Bau entstand insbesondere durch die Initiative des Bischofs und des Kapitels, denn die Bauern hatten daran eine sehr geringe Beteiligung.[15] Das Kapitel von Reims hatte Angst ohne Kathedrale das Krönungsprivileg zu verlieren. Die Krönung müsste in einer anderen Stadt vorgenommen werden und man stellte sich die Frage, ob Reims dann überhaupt wieder Krönungsstadt geworden wäre. Ihr Ziel war es einmal, eine Kathedrale zu bauen, die so groß sein sollte, dass sie der Zeremonie einer Krönung auch gerecht wird, und zum Zweiten, diesen Bau in so kurzer Zeit als möglich zu vollenden, so dass der nächst kommende König dort gekrönt werden könne.[16]

In der Reimser Kathedrale existierte bis 1779, wie auch in Chartres und Amiens, ein Labyrinth, wodurch es möglich ist die Baumeister der Kathedrale zu benennen. (siehe Abb. 8 u. 9) Es war im Langhaus zwischen dem 3. und 4. Joch des Mittelschiffes in die Bodenplatte eingelegt.[17]

Das Labyrinth war ein Gedenkstein, der ca. 1285 fertig gestellt wurde.[18] Verschiedene Funktionen lagen ihm zugrunde: Daedalus, der Erfinder des Labyrinthes von Knossos, wurde damit geehrt; es war ein Ersatzwallfahrtsort für reuige Sünder, die auf den Knien in das Zentrum rutschten und damit Begnadigung erhielten. Die Dritte, wahrscheinlich auch die grundlegende, Funktion war die Ehrung der Architekten im 13.Jh., sowie auch die Dokumentation der Baugeschichte. Der Gedenkstein ist somit ein Beweis, dass dieser Berufsstand vom 12.Jh. zum 13.Jh. immer mehr Anerkennung erhalten hatte.

Das Labyrinth hat eine achteckige Form, wobei sich an jeder Schrägseite nochmals

eine Art achteckige Vorlage befindet. Es erinnert so an den Grundriss eines

kantonierten Pfeilers. Im Zentrum steht eine Figur mit langem Gewand, die als Erzbischof Aubry de Humbert identifiziert wurde. In den Ecken stehen kleinere Figuren mit Attributen wie Bodenzirkel, Richtscheit und Handzirkel. Hierbei handelt es sich um die Architekten.[19]

Die Reihenfolge der Baumeister und ihre Arbeitszeit an dem Bau sind jedoch unklar, da die Literatur viele Ansichten preisgibt. Sicher sind jedoch ihre Namen: Gaucher de Reims, Jean Le Loup, Jean d`Orbais und Bernard de Soissons.[20]

Anfangs wurden die Pläne entworfen und die Proportionen der Kathedrale festgelegt. Es wurde geplant einen Vierungsturm zu bauen, der jedoch nicht realisiert wurde.[21]

Zu Beginn errichtete man, außer dem Fundament und der Anlage eines Stufensockels, die Außenmauern der westlichen Querhaus- und Langhausseitenschiffe.[22] Weiterhin fertigte man die Figurenportale des Nordquerhauses bis zur Höhe des Triforiums.[23] Im Jahr 1221 konnten der Chorumgang und die Kranzkapellen schon benutzt werden.[24] Die Weihung der Scheitelkapelle war im selben Jahr. In der unfertigen Kathedrale wurden Ludwig VIII. (1223) und Ludwig IX. (1226) geweiht, womit Reims so den Status der Krönungsstadt erhalten konnte.[25] 1233 wurde der Bau durch einen Bürgerkrieg unterbrochen.

Gründe dafür waren die Verfolgung von Geldgeschäften durch das Kapitel[26]

und der Kampf um die Senkung der Abgaben, die die Bürger dem Bischof für die Deckung der Krönungen zahlen mussten.[27] Die Bürger von Reims vertrieben den Bischof und das Kapitel aus der Stadt. Die Unruhen waren erst 1236 endgültig beendet. Die Arbeiten an der Kathedrale mussten von 1233 bis1235 unterbrochen werden.[28] 1241 konnten das Querhaus, die vier östlichen Langhausjoche und der Chor, der im selben Jahr geweiht wurde, benutzt werden. In den ersten 20 Jahren ging der Bau mit einer großen Geschwindigkeit voran, die in den folgenden Jahren dann abnahm.

Ab 1255 wurden dann die Westfassade und die vier westlichen Joche gebaut.[29]

Auch die Krönung von Phillipp III. dem Kühnen (1271) fand in der unvollendeten Kathedrale statt. Jedoch pünktlich zur Krönung von Phillipp IV. dem Schönen, (1286) war der Bau der Kathedrale weitestgehend beendet.[30]

1481 brannten der Vierungsturm und der Dachstuhl der Kathedrale ab. Der Wiederaufbau dauerte ungefähr zehn Jahre. Es sollten eigentlich sieben Türme gebaut werden, von denen einer 150 Meter hoch sein sollte. Im Zeitraum von 1494 bis 1512 wurden vier tragende Bögen über dem Kreuzgewölbe des Querschiffes angebracht, die diesen Turm tragen sollten. 1914 fiel die Kathedrale einem Brand und Granaten zum Opfer. Henri Deneux leitete die Arbeiten zum Wiederaufbau von 1915 bis 1938.[31]

4. Grundriss

Die Kathedrale ist dreischiffig und besteht aus Langhaus, Querhaus und einem Chor mit Kapellenkranz. (siehe Abb. 10)

Das Langhaus hat ein vierteiliges Gewölbe und ist zehnjochig, wodurch es sehr gestreckt wirkt. Das erste und das letzte Joch sind größer, da das Erste sich zwischen den Ansätzen der Türme befindet und das Zehnte den Querschiffsarmen entsprechen muss, da es sowohl zum Lang- als auch zum Querhaus gehört.[32]

Das Langhausmittelschiff ist doppelt so breit wie die Seitenschiffe. Das Querhaus hat dieselbe Gesamtbreite, aber ein schmaleres Mittelschiff, wodurch die Vierung unquadratisch ist. Auch dieses Gewölbe ist vierteilig. Weiterhin geht das Querhaus fast in den Chor hinein, so dass der Chor ziemlich kurz wirkt.

Die Apsis hat einen 5/10-Schluss. Um den Chor herum führen Seitenschiffe, deren Joche sich zu einer trapezförmigen Gestalt verändern. An diesen Chorumgang schließen sich insgesamt fünf Kranzkapellen auch mit je einem 5/10-Schluss an, wobei die Scheitelkapelle länger ist und aus zwei Jochen besteht. Das Gewölbe wird von kantonierten Pfeilern getragen mit je vier Diensten.

Die Pfeiler der Vierung sind, aufgrund des Vierungsturms, stärker gebaut. Genauso verhält es sich mit den beiden Mittelschiffpfeilern des ersten Joches im Langhaus, die ebenfalls je einen Turm stützen.

Die Westseite zeigt, dass Reims drei Portale hat: ein großes Mittelportal und zwei kleinere Seitenportale, welche trichterförmig zurückgesetzt sind. Die Außenwand der Kathedrale scheint zurückzuspringen und macht somit Platz für einen Laufgang, der um das ganze Bauwerk führt. So entstehen im Wandbereich zwei Schalen, mit dem Laufgang in der Mitte.

Wie schon in der Einleitung erwähnt, soll sich die Reimser Kathedrale in ihren Grundzügen an den Bau von Chartres gehalten haben. Doch vergleicht man die Grundrisse von Reims, St.-Remi und Chartres miteinander, so erkennt man mehr Ähnlichkeit mit der Abteikirche Saint-Remi, welche in der zweiten Hälfte des 12.Jh. fertig gestellt wurde. (siehe Abb. 11 - 13)

Saint-Remi ist ebenfalls dreischiffig und besitzt ein gestrecktes Langhaus. An den Chor grenzen auch, wie in der Kathedrale, fünf Kranzkapellen mit einer längeren Scheitelkapelle. Die Apsis hat ebenfalls einen 5/10-Schluss.

Für eine Erklärung dieser Ähnlichkeit berufe ich mich auf die Ausarbeitungen von Richard Hamann Mac Lean und Ise Schüssler. Sie meinen, dass der erste Baumeister der Kathedrale Gaucher de Reims war. Er soll an dem Bau von 1211 bis 1218 gearbeitet und auch die Pläne entworfen haben. Da er nur acht Jahre daran arbeitete, gehen sie davon aus, dass er schon ein Baumeister mit reichlich Erfahrung war. Außerdem war er Reimser und soll vermutlich der Erbauer des Chores von Saint-Remi gewesen sein. Sein Entwurf der Kathedrale knüpft an die Tradition der Stadt an, wobei er aber auch Elemente von Chartres und Saint-Remi mit einfließen ließ.[33] Ferner sollte nicht vergessen werden, dass Saint-Remi Grablege des heiligen

Bischofs Remigius und vor allem Aufbewahrungsort der Heiligen Ampulle ist, deren Funktion bei der Krönung im 12. und 13.Jh. immer bedeutsamer wurde.[34]

Demzufolge liegt es nicht fern, dass man sich beim Bau der Kathedrale an so einem historischen Ort orientiert hatte, der eine Reliquie beherbergt, die Reims erst zur Krönungsstadt machte.

Der Grundriss von Chartres zeigt zwar auch eine Dreischiffigkeit, doch das Langhaus scheint hier viel gedrückter. Der Chor dehnt sich mit seinen fünf Schiffen mehr aus als in Reims. Die Apsis hat einen 7/12-Schluß, so dass das Chorhaupt in sieben gleiche Teile geteilt wird, wobei jeder Bereich mit einer Kranzkapelle abgeschlossen wird. Der Kranz besteht aus drei größeren Kapellen, die je zwischen zwei Kleineren eingebettet sind.

Was aber in jeden Fall von Chartres übernommen wurde, sind die kantonierten Pfeiler, die Rundpfeiler im Chor und der dreiteilige Aufriss der Kathedrale[35], worauf ich bei der Betrachtung des Innenraums noch zurückkommen werde.

5. Der Innenraum

Die Kathedrale hat einen dreiteiligen Aufriss bestehend aus: Arkadenzone, Triforium und Obergaden. Das Emporengeschoß ist unter dem Einfluss von Chartres verschwunden. (siehe Abb. 14 u. 15) Das Gewölbe ist, wie in Chartres und Saint-Remi, vierteilig.

Die Arkadenzone ist fast genauso hoch wie Triforium und Obergaden zusammen, womit der Aufriss sehr an Chartres erinnert. Die Arkadenbögen laufen spitzbogig in die Höhe und berühren mit ihrem Scheitel fast die Fußlinie des Triforiums. Damit wirkt der Aufstieg der Arkaden jedoch viel steiler als in Chartres.[36]

Ihre Höhe ist so angepasst, dass durch sie die Seitenschifffenster in ihrer vollen Größe zu sehen sind. Das Mittelschiff wird so auch im unteren Bereich mit Licht durchflutet. (siehe Abb. 16)

Kantonierte Pfeiler bilden die Arkadenstütze, bei denen Chartres als Vorbild diente.

Die Pfeiler in Reims haben einen zylindrischen Kern und sind von zylindrischen Diensten umgeben, wodurch die Arkadenstütze sehr plastisch wirkt.[37] Sie fassen alle auf dem Kapitell aufliegenden Dienste zu einem einzigen

Raumgefüge zusammen.[38] Gekrönt werden die Pfeiler durch ein filigranes Blattkapitell, wobei der gesamte Pfeiler, einschließlich der Dienste, von dem Kapitell umschlossen wird. (siehe Abb. 17)

Die Pfeiler des ersten Joches und der Vierung weichen von den übrigen Langhauspfeilern in ihrer Gestaltung ab. Bei ihnen verschwindet das Kapitell und alle Rippen werden bis auf den Boden herabgezogen, womit sie eine viel kräftigere Erscheinung haben. (siehe Abb. 18)

Das Triforium besteht aus einer Arkadenreihe, wobei jedes Joch des Mittelschiffs vier Arkadenbögen besitzt. (siehe Abb. 19) Die mittlere Säule ist in dieser Viererreihe immer etwas stärker ausgebildet.[39] Eine Ausnahme bildet hier ebenfalls das erste Joch mit sechs Bögen, da es größer ist. Das Triforium erschafft somit ein horizontales, in der Mitte durchlaufendes Band, wodurch der horizontale Charakter dem Vertikalen harmonisch gegenübersteht. Im Gegensatz zu Chartres wirkt in Reims die Arkatur des Triforiums viel schlanker.[40] (siehe Abb. 14 u. 15)

Die interessanteste Neuerung an der Kathedrale von Reims sind aber die Fenster. Jean D`Orbais war der Architekt der Maßwerkfenster. Er fand eine Ornamentform, mit der die Gotik identifiziert wurde und die als „gotisches Fenster“[41] in Europa ihren Triumphzug erhielt.[42]

Das Obergadenfenster nimmt die gesamte Breite zwischen den Gewölbediensten ein und lässt so die Mauerfläche zwischen den Gewölbeträgern komplett verschwinden. Die Statik musste somit also nach außen verlegt werden.[43] Das Mauerwerk im Bereich des Obergadens verschwindet und macht Platz für ein Fenster aus selbstständig gemauerten Pfosten und Stegen, dem Maßwerk.[44] (siehe Abb. 14 u. 16)

Im unteren Teil ist es durch eine Mittelstrebe in zwei symmetrische Lanzettfenster geteilt. Gekrönt werden diese von einer Sechspassrose in einem Oculus. Dieses Obergadenmotiv wurde in gleicher Form für die Seitenschiffwände genutzt. Die Wiederholung einzelner Motive gibt der Kathedrale einen einheitlichen Charakter und verbindet so Arkaden- und Obergadenzone optisch miteinander.[45] Blickt man nun zurück nach Chartres, so sieht man, dass hier die Fenster in

Mauerdurchbrüche eingesetzt wurden. Auch die Wiederholung des Fenstermotivs in den Seitenschiffwänden ist in Chartres nicht zu finden, denn dort wurde ein einfaches Lanzettfenster eingesetzt. (siehe Abb. 15)

Die Wand der Seitenschiffe hat einen zweischaligen Aufbau. Dazwischen befindet sich ein Laufgang über dem Sockel und vor den Fenstern, der durch die ganze Kathedrale führt. (siehe Abb. 20) Die Fenster liegen in der äußeren Schale und scheinen so in einzelne Nischen eingebettet zu sein. Die innere Wand wird durch vorgelegte Dienstbündel gegliedert, bestehend aus sechs gleichen und einem mittleren, stärkerem Dienst. Sie stehen auf Stufen die entlang der Sockelzone verlaufen. (siehe Abb. 21) Die Gestaltung der Seitenschiffwände ist daher sehr plastisch und bekommt den Charakter eines Wandreliefs.[46]

Eine Dienstvorlage der Seitenschiffwand besteht aus sieben Diensten, den sechs äußeren, wobei je drei zu einem Bündel zusammengefasst werden, sowie dem Mitteldienst. Zwei dieser Vorlagen nehmen ein Gewölbejoch auf.

(siehe Abb. 22 u. 23) Von einem der äußeren Bündel wird je der mittlere Dienst zu einer Diagonalrippe (in der Abbildung blau markiert), welche anschließend auf das Kapitell des Mittelschiffpfeilers auftrifft. Der äußerste Rundstab (violett gekennzeichnet), der das Maßwerkfenster rahmt, wird zu einem Schildbogen und läuft auf der benachbarten Vorlage wieder hinunter. Der gegenüberliegende Bogen, dient eher der Harmonie im Gewölbe, da ihm ein dominanterer (rot markiert) folgt, der die Arkadenstützen miteinander verbindet und von je einer Pfeilervorlage des Mittelschiffs aufgenommen wird. Der innere Stab des äußeren Bündels (grün gefärbt) bildet einen Gurtbogen und verbindet die Seitenschiffwand mit dem Mittelschiffpfeiler, für eine klare Gewölbeunterteilung ist er jedoch zu schmal. Vielmehr kündigt er einen kräftigeren Gurtbogen (hellblau gekennzeichnet) an, der diese Aufgabe übernimmt. Dieser Bogen wird einerseits von dem kräftigeren Mitteldienst der Seitenschiffvorlage, andererseits von einem Dienst des kantonierten Pfeilers, mit gleicher Stärke aufgenommen.

Demnach werden die dominanten Bögen des Gewölbes von je einem der Rundstäbe der Arkadenstütze aufgenommen, alle schmalen Rippen hingegen vom Pfeilerkern.

Im Bereich des Mittelschiffes ist die Dienstaufteilung ähnlich. (siehe Abb. 24 u. 25) Hier führt vom Pfeilerkapitell jedoch nur ein Bündel von fünf Diensten zum

Gewölbe. Wie schon im Seitenhaus, nimmt auch in diesem Bereich der stärkere Mitteldienst (hellblau markiert) den Gurtbogen auf. Gerahmt wird er von zwei Stäben (blau eingefärbt), welche die Diagonalrippen aufnehmen. Die äußersten Rundstäbe (violett koloriert) übernehmen die Schildbogenfunktion und rahmen das Obergadenfenster.

Der Schlussstein in dem Gewölbe des Langhauses hat eine Höhe von 38 Meter.

Dieser Höheneindruck wird verstärkt durch das enge Langhaus, das hohe Arkadengeschoss und durch das vierteilige Gewölbe. Durch die Betonung der Höhe und der Leichtigkeit in dem Bauwerk versuchte man das Himmelsgewölbe zu symbolisieren.[47]

Eine besonders kunstvolle Komposition bewirkt die Mauer, die das Langhaus im Westen abschließt. (siehe Abb. 26 u. 27) Im Ganzen bildet sie eine riesige Lanzette. Der dreiteilige Aufriss wurde auch hier weitergeführt. Im Bereich des Obergadens wurde eine große Rose eingebaut, wodurch er komplett durchbrochen wird. Sie wird von drei Seiten durch einen Dreipass in einem Oculus begrenzt. Am Fuß der Rose befindet sich eine filigran gearbeitete Galerie mit Arkadenbögen.

Im Triforium wird die Arkadenreihe fortgesetzt, ist aber dahinter mit Fenstern durchbrochen. In der darunter liegenden Arkade befindet sich der Eingang des Westportals. Im Tympanon wurde eine zweite, kleinere Rose eingebaut, die wieder von drei Seiten durch Dreipässe begrenzt wird. Das Rosenmotiv aus dem oberen Wandbereich wurde somit im Tympanon in kleinerer Form wiederholt. Seitlich der Arkade wurden Nischen eingearbeitet, in denen Figuren stehen.[48]

In der Abbildung 27 kann man sehr gut den Anschluss zur Mittelwand sehen, also das erste Joch. Wie schon erwähnt, ist dieses Joch größer, was man auch an der Anzahl der Arkadenbögen im Triforium sehen kann. Insgesamt sind es sechs Arkaden, die in der Mitte durch eine kräftigere Säule in eine Zweiergruppe geteilt werden.

Auch im Querhaus sind die Motive des Langhauses wieder zu finden.

(siehe Abb. 28) Das Arkadengeschoß wird weitergeführt und auch die Gestaltung des Triforiums bleibt bestehen. Die ersten Joche des Nord- und Südquerhauses sind wieder größer, so dass sich im Triforium abermals sechs Arkadenbögen befinden.

[...]


[1] Jaques Le Goff, Reims, Krönungsstadt. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs, Kleine kulturwissenschaftliche Bibliothek, Band 58, Berlin: Wagenbach 1997, Seite 7.

[2] Jantzen, Hans, Kunst der Gotik, Klassische Kathedralen Frankreichs. Chartres, Reims, Amiens, Hamburg: Rowolth 1957 (Rowohlts deutsche Enzyklopädie; 48: Sachgebiet Kunstgeschichte), Neuausgabe, Berlin: H.-J. Kunst 1987, Seite 11.

[3] zitiert nach Jantzen 1987, Seite 11.

[4] Le Goff 1997, Seite 14.

[5] Le Goff 1997, Seite 15.

[6] zitiert nach Flodoard, Geschichte der Kirche von Reims, 948 in: Le Goff 1997, Seite 16.

[7] Flodoard in Le Goff 1997, Seite 15-17.

[8] Le Goff 1997, Seite 17.

[9] zitiert nach

[10] zitiert nach

[11] Le Goff 1997, Seite 18-20.

[12] Eschapasse, Maurice , Die Kathedrale von Reims. Übersetzung von Noémi Ripka, Mulhouse: Caisse nationale des monuments historiques et des sites 1980, Seite 9.

[13] Der Heilige Nicasius wird auch heute noch an der Fassade der Kathedrale geehrt. Seine Enthauptung wird im Tympanon des Heiligenportals an der Nordfassade gezeigt. Auch am linken Portal der Westfassade ist er mit verstümmeltem Schädel zu sehen. (siehe Abb. 3, 4 u. 6)

[14] Eschapasse 1980, Seite 9.

[15] Kimpel Dieter u. Suckale Robert, Die gotische Architektur in Frankreich 1130-1270, München: Hirmer 1985, Seite 277.

[16] Kimpel 1985, Seite 289.

[17] Kimpel 1985, Seite 291.

[18] Hamann-Mac Lean, Richard u. Schüssler Ise, Die Kathedrale von Reims, Teil1 Architektur Bd. 1, Stuttgart: Steiner 1993, Seite 348.

[19] Kimpel 1985, Seite 291.

[20] Hamann-Mac Lean 1993, Seite 348.

[21] Le Goff 1997, Seite 42.

[22] Hamann-Mac Lean 1993, Seite 349.

[23] Kimpel 1985, Seite 288.

[24] Kimpel 1985, Seite 532.

[25] Hamann-Mac Lean 1993, Seite 348.

[26] Kimpel 1985, Seite 277.

[27] Le Goff 1997, Seite 52.

[28] Hamann-Mac Lean 1993, Seite 348.

[29] Kimpel 1985, Seite 533.

[30] Hamann-Mac Lean 1993, Seite 348.

[31] Lucien, Mary, Die Kathedrale von Reims/ [Übers.: Carola Heisig], Reims: Mary 1984, Seite 2.

[32] Eschapasse 1980, Seite 15.

[33] Hamann-Mac Lean 1993, Seite 349.

[34] Le Goff 1997, Seite 48.

[35] Jantzen 1987, Seite 51-57.

[36] Jantzen 1987, Seite 44.

[37] Jantzen 1987, Seite 44.

[38] Eschapasse 1980, Seite 18.

[39] Jantzen 1987, Seite 46.

[40] Jantzen 1987, Seite 44.

[41] zitiert nach Jantzen 1987, Seite 44.

[42] Kimpel 1985, Seite 292.

[43] Eschapasse 1980, Seite 22.

[44] Jantzen 1987, Seite 44-45.

[45] Jantzen 1987, Seite 45.

[46] Jantzen 1987, Seite 46.

[47] Eschapasse 1980, Seite 22.

[48] Eschapasse 1980, Seite 22-24.

Details

Seiten
46
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638283762
ISBN (Buch)
9783638714679
Dateigröße
6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25868
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Kunsthistorisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Kathedrale Reims Einführung Architektur Frankreichs Gotik Kirche Frankreich
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Titel: Die Kathedrale von Reims - Ein historischer Überblick