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Die Gestalttherapie als Weg in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen

Studienarbeit 2004 37 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Geistige Behinderung
2.1 Begriffsdefinition „ geistige Behinderung“
2.2 Die Behindertenpädagogik im Wandel
2.3 Wachsende Kritik am Begriff der geistigen Behinderung
2.4 Verhaltensauffälligkeiten
2.4.1 Veränderte Sichtweisen im Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten
2.4.2 Verstehende Diagnostik

3.Gestalttherapie
3.1 Verhältnis zwischen Pädagogik und Therapie
3.2 Geschichte der Gestalttherapie
3.3 Ziele der Gestalttherapie
3.3.1 Positiver Umgang mit Aggressionen
3.3.2 Kontakt
3.4 Diagnostische Möglichkeiten der Gestalttherapie

4.Gestalttherapie mit geistig behinderten Menschen
4.1 Gestalttherapeutische Prinzipien
4.1.1 Leib- Seele- Geist-Einheit
4.1.2 Hier und Jetzt
4.1.3 Figur- Grund- Prozess
4.1.4 Selbstheilungskräfte
4.1.5 Selbstverantwortung
4.1.6 Erfahrung und Bewusstsein
4.1.7 Kontakt
4.2 Gestalttherapie in der Praxis
4.3 Ziele der Gestalttherapie
4.4 Kritische Auseinandersetzung

5. Ausblick

1. Einleitung

Mit dem Thema „Gestalttherapie als Weg in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen“, habe ich mich in meiner Arbeit damit beschäftigt, eine therapeutische Möglichkeit aufzuzeigen, die die alltägliche pädagogische Arbeit sinnvoll unterstützten kann.

Zu Beginn habe ich die in den vergangenen Jahren veränderte Sichtweise, die sich innerhalb der Behindertenpädagogik entwickelt hat, erläutert. Welche Sichtweisen, Ansätze und Perspektiven sind in den letzten Jahren entstanden? Hierzu habe ich zunächst „geistige Behinderung“ definiert, um dann auf die derzeitige kritische Auseinandersetzung des Begriffs einzugehen. Die Entwicklungen und Veränderungen in der Behindertenpädagogik haben dazu beigetragen, dass auch der Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten kritisch hinterfragt wird. Nicht die geistige Behinderung wird als Ursache von Auffälligkeiten gesehen, sondern die lebensweltlichen Bedingungen unter denen behinderte Menschen leben. Wie lassen sich jedoch, die in der Theorie erzielten Fortschritte, auch in der Praxis umsetzen? Welche Möglichkeiten gibt es, einen positiven Einfluss für den notwendigen Prozess der Veränderung zu nehmen?

Bisher ist dies nur in wenigen Bereichen gelungen. Das Handlungsfeld in der Praxis ist für pädagogische Mitarbeiter im Bezug auf Verhaltensauffälligkeiten in einigen Bereichen noch immer von Hilflosigkeit und Erfolglosigkeit gekennzeichnet. Die pädagogische Alltagsbegleitung stößt an Grenzen und dies aufgrund von häufig unveränderbaren bestehenden Gegebenheiten. Einen kurzen Einblick gebe ich in die verstehende Diagnostik, um den Bezug zwischen Therapie und Pädagogik zu verdeutlichen.

Da ich selbst in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung tätig bin, erschien es mir als besonders wichtig eine Therapie vorzustellen, deren Umsetzung als gute Ergänzung gegenüber pädagogischen Maßnahmen gesehen werden kann. In meiner Arbeit setze ich mich mit den Möglichkeiten auseinander, die die Gestalttherapie im Umgang mit behinderten Menschen aufweist. Ist die Gestalttherapie eine sinnvolle Unterstützung gegenüber der alltäglichen Pädagogik? Kann auch ich als

Sozialpädagoge einen positiven Einfluss auf die Prozesse der Gestalttherapie nehmen?

Nach einer kritischen Auseinandersetzung, stelle ich am Ende einen Ausblick der Arbeit mit geistig behinderten Menschen vor.

2. Geistige Behinderung

Um mich dem Thema meiner Arbeit zu nähern, möchte ich zunächst eine Definition über den Begriff der geistigen Behinderung geben, um dann auf den begrifflichen Wandel, der sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat, eingehen zu können. Wie haben sich im Laufe der Zeit die Sichtweisen über geistige Behinderung verändert?

Für den Personenkreis, der Menschen mit geistiger oder seelischer Behinderung, gibt es gesellschaftspolitisch wenig Lobby. Wie kann und muss sich also die Lebenssituation und Perspektive von Menschen mit Behinderung verändern, um den in der Theorie bereits geleisteten Paradigmenwechsel, für die Praxis lebbar zu gestalten?

2.1 Begriffsdefinition „geistigen Behinderung“

Geistige Behinderung ist eine angeborene oder in früher Kindheit erworbene unterdurchschnittliche intellektuelle Leistungsfähigkeit. Sie äußert sich durch eine abnorme Entwicklung des Kindes und ist mit Schwierigkeiten des Lernens und der sozialen Anpassung verbunden. Etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung sind geistig behindert. In den meisten Fällen sind keine offensichtlichen körperlichen Symptome vorhanden. Schwer geistig behinderte Menschen entwickeln im Allgemeinen nur geringe Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten.

Vordringliches Behandlungsziel ist die bestmögliche Entwicklung der Stärken des geistig behinderten Menschen. Dabei werden die Interessen des Einzelnen, persönliche Erfahrungen und die verfügbaren Mittel berücksichtigt. Ein weiteres Hauptziel ist die Entwicklung sozialer

Anpassungsfähigkeit, um dem Patienten zu einer möglichst normalen Funktionsfähigkeit zu verhelfen. Besonders wichtig ist, dass geistig unterentwickelte Kinder eine Sondererziehung und -förderung erfahren, die im Idealfall schon im Säuglings- oder Kleinkindalter beginnt. Eine solche Erziehung erweist sich als äußerst hilfreich. Die Prognose für die Entwicklung geistig Behinderter hängt eher von Beginn und Intensität der Behandlung, der persönlichen Motivation, den Übungsmöglichkeiten und den dafür vorhandenen medizinischen und äußeren Bedingungen ab, als von der eigentlichen Behinderung selbst.[1]

Eine Definition wie diese, unterstützt den Wandel in der Behindertenpädagogik. Noch vor wenigen Jahren wurden andere Sichtweisen, gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung, vertreten.

2.2 Die Behindertenpädagogik im Wandel

Zu Beginn des 1800 Jahrhundert, dem Zeitalter der Moderne, begann eine bis heute andauernde Problemlösung für Menschen mit Behinderung. Ihre Unverwertbarkeit und Andersartigkeit ergab den Anlass, sie in eigens für sie geschaffene Einrichtungen unterzubringen, um die Produktivität der damaligen Zeit nicht zu stören. Erst Ende der 40er bzw. zu Beginn der 50er Jahre, stellte man diese Lösung erstmals weltweit in Frage. Man dachte über Formen der Integration, statt der systemischen Ausgrenzung nach. Verantwortlich für diesen Stimmungswandel waren sicherlich die Jahre des dritten Reiches aber auch der rasante Wandel in der Medizin. In einem Zeitalter von Perfektionismus und Technologisierung wurde der Einzelne schnell selbst zum Betroffenen. Während 150 Jahre zuvor, die Trennung zwischen Behinderung und Nichtbehinderung noch sehr klar und eindeutig verlief, entwickelte sich nun ein verändertes Bewusstsein.

Noch im Jahre 1975 lebten ca. 20% Erwachsene mit einer geistigen Behinderung in psychiatrischen Krankenhäusern. Die Menschen lebten hier

unter menschenunwürdigen Bedingungen, meist ohne jegliche pädagogische Betreuung in völliger Isolation zur Außenwelt.[2]

Erst Ende der 70er Jahre kam es zu einer völligen fachlichen Neuorientierung im Umgang mit geistig behinderten Menschen. Neues Ziel ist die Integration der Menschen mit geistiger Behinderung. Unabhängig von der Schwere der Behinderung, hat jeder Mensch das Recht auf Anerkennung, Bildung und Arbeit. Sicher ist auch das angehende Zeitalter der Moderne und der Beginn der Postmoderne, ein wesentlicher Hinweis, auf die bis heute andauernde Entwicklung und Veränderung innerhalb der Behindertenpädagogik.

2.3 Wachsende Kritik am Begriff der geistigen Behinderung

Die Weiterentwicklung und die daraus entstandenen veränderten Sichtweisen ergeben den Anlass, dass darüber nachgedacht wird, ob der Begriff der geistigen Behinderung als angemessen betrachtet werden kann. Damit steht der Begriff der geistigen Behinderung immer wieder im Mittelpunkt zahlreicher Diskussionen. Hierbei spielt die Frage, was mit dem Begriff „geistig behindert sein“, eigentlich ausgedrückt wird und was im alltäglichen Sprachgebrauch mit dieser Beschreibung assoziiert wird, eine wichtige Rolle. Eine adäquate Ablösung des Begriffs gibt es bis heute allerdings nicht. Die Auffassungen verschiedener Disziplinen und deren jeweilige eigenen Theorien sind nur schwer zu vereinbaren. Bisher wurden verschiedene Definitionen, Theorien und Ansätze als komplexes Thema unter dem Begriff geistige Behinderung behandelt. Die aktuelle Geistigbehindertenpädagogik strebt jedoch eine Weiterentwicklung des Begriffs an.

Mit Missverständnissen, Ungereimtheiten und stigmatisierenden Effekten soll sich auseinandergesetzt werden, um in Zukunft auf jegliche Etikettierungen verzichten zu können. Ziel ist ein wegweisendes Verständnis, wobei der Schwerpunkt in dem Bemühen liegt,

Zusammenhänge, Widersprüche, einseitige Begriffsauslegungen und deren

Konsequenzen aufzuzeigen, um neue Perspektiven und Betrachtungen zu eröffnen.[3]

In der Tradition der Geistigbehindertenpädagogik ist die Verobjektivierung des Menschen mit einer Behinderung allgemein üblich gewesen. In Anlehnung an das medizinische Modell der Psychiatrie entstanden die Sichtweisen von Bildungsunfähigkeit, Unerziehbarkeit und Unverständlichkeit, bezogen auf Menschen mit Behinderung. Des Weiteren ergab sich aus dem Prozess der Verobjektivierung die Sichtweise, das Behinderung als Ergebnis eines individuellen Schadens zu sehen ist, den es aufzuheben galt. Abweichungen von den gesellschaftlichen Normen wurden ausschließlich am Individuum festgemacht und mit einer entsprechenden Diagnose belegt. Behinderung führte meist zu Besonderung und Aussonderungsprozessen, die durchaus auch heute noch üblich sind. Die von der Pädagogik als besonders behindertenspezifisch erachteten Bedingungen, unter denen entsprechende Maßnahmen zur Anwendung kamen, waren und sind jedoch oft ursächlich für die Schaffung von Behinderung und psychischer Krankheit bzw. sie manifestieren die eingetretenen Beeinträchtigungen und Persönlichkeitsentwicklungen. Eine ausschließlich aus psychiatrischen Diagnosen beruhende Pädagogik, die lediglich Verhaltensweisen untersucht und behandelt, nicht aber die gesellschaftlichen Zusammenhänge beachtet, trägt so dazu bei, die realen Verhältnisse zu verschleiern. Der Mensch mit Behinderung wird dadurch zum Objekt von Behandlungen, es wird nicht mit ihm „gehandelt“, sondern er wird „behandelt“.

Der Wandel hat dazu beigetragen, dass auch Verhaltensauffälligkeiten aus einer anderen Perspektive gesehen werden. Im Folgenden gehe ich auf die veränderten Sichtweisen ein, um die Komplexität und die damit verbundene Problematik zu verdeutlichen.

2.4 Verhaltensauffälligkeiten

Gibt es überhaupt nachvollziehbare Begründungen, die Ansatzpunkte für ein pädagogisches und therapeutisches Handeln gegenüber Verhaltensauffälligkeiten bieten? Es gibt viele verschiedene Ansätze, die sich mit Ursachen und Erscheinungsformen auffälligen Verhaltens auseinandersetzen. In meinen folgenden Ausführungen möchte ich kurz auf veränderte Sichtweisen im Bezug auf Verhaltensauffälligkeiten eingehen und dann die verstehende Diagnostik als Richtlinie vorstellen.

2.4.1 Veränderte Sichtweisen im Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten

Bis vor kurzem war es in der pädagogischen und therapeutischen Arbeit mit geistig behinderten Menschen üblich, sich ausschließlich an Defiziten, Entwicklungsstörungen, Krankheitsbildern, Mängeln, Schwächen oder Auffälligkeiten zu orientieren. Hierfür bediente sich die Behindertenpädagogik jahrzehntelang der wissenschaftlich, legimitierten Methode eines rein medizinisch orientierten Systems. Es wird nicht länger von Defizitorientierung gesprochen, sondern im Mittelpunkt von Überlegungen und Handlungen steht der Mensch. Die heutige Pädagogik geht von systemischen Grundlagen aus und weiß, dass kein Mensch nur das Resultat von äußeren Einflüssen ist. Es haben sich ganzheitliche Ansätze und Sichtweisen durchgesetzt, die das Individuum immer im gesamten Spektrum der eigenen Entwicklung sehen.

Problematisch ist die Definition auffälligen Verhaltens. Oftmals sind es die subjektiven Eindrücke und die von der Gesellschaft als normabweichend oder sozial unerwünschten, erlebt und eingestuften Verhaltensweisen, die als Auffälligkeiten wahrgenommen werden.

Auch hier gibt es unterschiedliche Sichtweisen und Bezugstheorien, die es erschweren, eine Übersicht darüber zu schaffen, welche typischen Erscheinungsformen auftreten.

Die Ursachen für auffälliges Verhalten haben eine große Spannbreite und eigentlich ist es nicht möglich konkrete Ursachen zu finden und zu benennen. Nicht selten kommt es vor, dass ein Symptom gleich mehrere verschiedene Ursachen hat, die sich meist gegenseitig beeinflussen. Viele Hypothesen gibt es zu dem Verständnis von aggressivem und autoaggressivem Verhalten, an anderer Stelle werde ich darauf genauer eingehen.

Es wird davon ausgegangen, dass 10 bis 40% geistig behinderter Menschen eine Form von psychischer Störung aufweisen. Besonders gefährdet sind geistig behinderte Menschen, die in Institutionen leben. Verhaltensauffälligkeiten wie selbst- und fremdaggressives Verhalten, Hyperaktivität, Stereotypien, Zwangshandlungen und einige mehr, sind keine Seltenheit. Verhaltensauffälligkeiten stehen immer wieder im Mittelpunkt von unterschiedlichen therapeutischen und pädagogischen Maßnahmen. Unzählige Erklärungen geben Anhaltspunkte auffälliges Verhalten zu verstehen.

Um einen Bezug zur aktuellen Pädagogik und dem Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten herzustellen, werde ich mich in meinen folgenden Ausführungen schwerpunktmäßig auf Sichtweisen von Georg Theunissen konzentrieren. Der Bezug zur aktuellen Pädagogik erscheint mir als wichtig, um in meinen späteren Ausführungen eine Verknüpfung zur Gestalttherapie herstellen zu können.

2.4.2 Verstehende Diagnostik

Professor Dr. Georg Theunissen stellt in seinem Buch „ Pädagogik bei geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten“, geistige Behinderung als komplexes soziales Phänomen dar, mit sich wechselseitig bedingenden und verstärkenden Faktoren. Um Probleme und Auffälligkeiten zu verstehen und zu erfassen, stellt Theunissen das Konzept der verstehenden Diagnostik vor. Vier zentrale Faktoren werden hierbei in den Vordergrund gestellt.

eine individuelle Schädigung, welche die biologischen, physiologischen,

somatofunktionelle Faktoren beinhaltet. Hierbei wird sich auf

medizinische Ursachen und Aspekte bezogen.

(klinische Syndrome, Organdefekt usw.)

- ein weiterer Faktor ist der des Lern- und Entwicklungsbereichs auf

kognitiver, sensorischer, motorischer und aktionaler Ebene. Im weitesten

Sinne geht es um Beeinträchtigung der Lernfähigkeit,

Entwicklungsverzögerung und Wahrnehmungsstörungen. Besonders

betonend wird in diesem Bereich erwähnt, das individuelle Stärken, sowie

positive Botschaften und individuelle Ressourcen nicht außer Acht

gelassen werden dürfen. Grundsätzlich soll der Lern- und

Entwicklungsbereich nie isoliert gesehen werden, sondern stets mit der

individuellen Lebensgeschichte und der konkreten Sozialisation in

Verbindung gebracht werden.

- als dritter Faktor wird die gesellschaftliche Benachteiligung aufgeführt.

Zu diesem Bereich wird u.a. Institutionalisierung, Hospitalisierung,

Ausgrenzung, Vorurteile gesellschaftlicher Barrieren und einiges mehr

aufgeführt.

- Als vierter Faktor wird die Subjektperspektive aufgeführt,

unter der die Selbst- und Fremdwahrnehmung, Selbstbild, Selbsterfahrung

und emotionale Befindlichkeit fällt. Es geht um die persönliche Identität

eines jeden Individuums, sowie um die soziale Identität, die durch

Rollenzuschreibungen und Erwartungen an das Individuum geknüpft

sind. Die soziale Anpassung und die persönliche Identität müssen in

Balance gehalten werden, um ein innerpsychisches Wohlbefinden zu

erlangen.

Geistig behinderte Menschen sind häufig in ihrem, um einige Beispiele zu nennen, Selbstwertgefühl, in ihrer realistischen Selbsteinschätzung und

Frustrationstoleranz eingeschränkt oder verfügen nur schwach über solche Fähigkeiten, die lediglich in Form von Bewältigungsstrategien auftreten.[4]

Durch die aufgeführten Punkte wird deutlich, dass geistige Behinderung eine Komplexität aus vielen verschiedenen Faktoren beinhaltet, die sich stets in einem Wechselspiel ergänzen und beeinflussen. Erst die Verknüpfung dieser Faktoren ermöglicht es, in menschliche Entwicklungsprozesse einzudringen. Eine einseitige Betrachtungsweise wird damit stark kritisiert. Kognitive Beeinträchtigungen werden unter Berücksichtigung der gesamten menschlichen Entwicklung gesehen, die wiederum von biologischen und sozialen Faktoren beeinflusst und mitbestimmt wird.

Wie bereits erwähnt gibt es unterschiedliche Diskussionen über Ursachen und Entstehungsbedingungen für Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit einer geistigen Behinderung.

In der Pädagogik ist man sich in der heutigen Zeit darüber einig, den behinderten Menschen nicht nur mit seinem Problemverhalten zu assoziieren, sondern genauso wichtig ist eine Verhaltensbeobachtung und Aufbereitung von Stärken und positiven Botschaften, da dies in der Praxis viel zu oft vernachlässigt wird. Eine verstehende Diagnostik soll es vereinfachen, einen sinnvollen pädagogischen und therapeutischen Weg zu wählen um eine positive Veränderung herbeizuführen.

3. Gestalttherapie

In dem Hauptteil meiner Arbeit stelle ich die Gestalttherapie vor, als eine therapeutische Möglichkeit in der Arbeit mit behinderten Menschen. Hierzu gehe ich kurz auf die Geschichte ein und beschreibe die allgemeinen Prinzipien der Therapie, um dann die Gestalttherapie mit behinderten Menschen genauer zu beschreiben.

3.1 Verhältnis zwischen Pädagogik und Therapie

Es wird zwischen speziellen pädagogischen Hilfen und psychotherapeutischen Maßnahmen unterschieden. Nur ein positives Zusammenwirken von einem behindertenpädagogischen Konzept und einer rehabilitativen medizinischen Begleitung, kann langfristig eine positive Auswirkung erzielen. Eine sinnvolle überschaubare, lebensweltorientierte Angebotsstruktur ist das angestrebte Ziel. Unter speziellen pädagogischen Hilfen werden heil- und rehabilitationspädagogische Angebote verstanden, die als allgemeine Aktivierung und Entwicklungsförderung des Individuums beitragen. Außerdem sollen diese zu dem Abbau oder zur Beseitigung von Verhaltensauffälligkeiten und von Entwicklungsrückständen beitragen.[5]

3.2 Geschichte der Gestalttherapie

Die Gestalttherapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das um 1930 von Fritz Perls entwickelt wurde. Hierbei bezog sich Perls vor allem auf die Ganzheit des Menschen und betonte insbesondere die Ausdrucksfähigkeit der Gefühle. Bis dahin hatten in der Psychotherapie kognitive Aspekte deutlich im Vordergrund gestanden. Perls wollte dagegen Menschen erfahren lassen, wie sie nicht über Gefühle reden, sondern wie sie diese erleben und ausdrücken können. Gestalttherapie ist daher auch ein erlebnisaktivierendes Verhalten.

Mit der Ansicht, dass intellektuelle Einsicht keinen Menschen verändern könne, entfernte sich Perls von der psychoanalytischen Tradition. Er entwickelte Übungen, die das Bewusstsein eines Klienten sowohl für seine Emotionen, seinen körperlichen Zustand und seine unterdrückten Bedürfnisse als auch für die physischen und psychischen Reize der Umwelt schärfen sollten.[6]

3.3.Ziele der Gestalttherapie

Übersetzt bedeutet das Wort Therapie Heilung. Die Heilung durch eine Therapie beruft sich auf eine „psychische Norm“, der möglichst alle Menschen entsprechen sollten. Alle Abweichungen oder Störungen der Psyche sollen dann in einer Therapie „wegtherapiert“ werden.

Die Gestalttherapie möchte von diesem genannten Ziel abweichen. Sie beruft sich nicht darauf Störungen der Psyche oder Abweichungen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, so zu beeinflussen, dass sie unterlassen oder unterdrückt werden.

Die Gestalttherapie fragt nicht danach, wie die einzelne Person vom Durchschnitt abweicht, sondern sie fragt danach, ob sich der betroffene Mensch wohlfühlt.

„ Das Kriterium für Heilung in der Gestalttherapie ist kein äußerer Maßstab, sondern die innere Gestalt: Fügt sich alles, was sie sind, zu einem guten Ganzen? Oder gibt es Brüche und Widersprüche, Ungereimtheiten und Selbstbehinderungen, die ihnen das Leben unnötig schwer machen?“[7]

[...]


[1] Vgl. Enzyklopädie: Stichwort „geistige Behinderung“ ,in: Computerlexikon, Microsoft

Encarta

[2] Vgl. Georg Theunissen, Pädagogik bei geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten, S.45

[3] Vgl. Theunissen, Pädagogik bei geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten,

S. 15

[4] Vgl. Theunissen, Pädagogik bei geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten, S.30-33

[5] Theunissen, Pädagogik bei geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten,

S105-106

[6] Vgl. Enzyklopädie:Stichwort“Gestalttherapie“,in:Computerlexikon,Microsoft Encarta 2003

[7] Doubrava/Blankertz, Einladung zur Gestalttherapie, S.12.

Details

Seiten
37
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638282772
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25741
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
2,7
Schlagworte
Gestalttherapie Arbeit Menschen

Autor

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