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Linguistische Mittel zum Ausdruck von Gefühlen beim Gespräch

Diplomarbeit 2002 121 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Kapitel 1: Einführung in die Problematik
1.1. Die Funktionen der Sprache. Die emotive Funktion
1.2. Emotion vs. Gefühl. Klassifikationen
1.3. Das Gespräch. Die Gesprächsanalyse als linguistische Disziplin
1.4. Linguistische Mittel zum Ausdruck von Gefühlen
1.5. Zielsetzung der Diplomarbeit
1.6. Beschreibung des Analysekorpus
1.6.1. Begründung der Auswahl
1.6.2. Beschreibung
1.6.3. Analyseverfahren

Kapitel 2: Mittel zum Ausdruck von Gefühlen beim Gespräch
2. 1. Theoretische Überlegungen
2.1.1. Sprechakt- und kommunikationstheoretische Überlegungen
2.1.2. Probleme und Überlegungen bei der Analyse
2.2. Verbale Mittel
2.2.1. Auf der Ebene der Wortbildung
2.2.2. Syntaktische Ebene
2.2.2.1. Die unterschiedlichen Satzarten
2.2.2.1.1. Der Ausrufesatz
2.2.2.1.2. Der Fragesatz
2.2.2.1.3. Andere Erscheinungen auf der Satzebene
2.2.2.1.3.1. Die Ellipse
2.2.2.1.3.2. Das Satzäquivalent
2.2.2.1.3.3. Andere syntaktische Mittel – Parenthese, Ausklammerung, Inversion
2.2.3. Auf der Ebene der Morphologie
2.2.3.1. Die einzelnen Wortarten
2.2.3.1.1. Das Verb
2.2.3.1.2. Das Substantiv
2.2.3.1.3. Das Adjektiv
2.2.3.1.4. Das Pronomen (und der Artikel)
2.2.3.1.5. Das Adverb
2.2.3.1.6. Das Modalwort
2.2.3.1.7. Die Partikel
2.2.3.1.7.1. Die Abtönungspartikeln
2.2.3.1.7.2. Die Gesprächspartikeln
2.2.3.1.7.3. Die Steigerungspartikeln
2.2.3.1.7.4. Die Gradpartikeln
2.2.3.1.7.5. Die Interjektionen
2.2.3.1.8. Die Präposition und die Konjunktion
2.2.4. Auf der semantischen Ebene
2.2.5. Auf der Stilistischen Ebene
2.2.5.1. Tropen und Figuren
2.2.5.2. Wiederholungen, Verschleifungen
2.2.6. Andere Mittel – Sinchrolalie, Überlappungen, Sprechpausen
2.2.7. Ganze Äußerungen
2.3. Nichtverbale Mittel
2.3.1. Paralinguistische Mittel
2.3.2. Außerverbale Mittel

Kapitel 3: Zusammenfassung

Kapitel 4: Schlußfolgerungen

Kapitel 5: Literaturverzeichnis

6. Anhang
6.1. Liste der analysierten Gespräche
6.2. Liste der Gefühle

1. Einfuehrung in die Problematik:

Bevor wir an die konkrete Forschungsarbeit herangehen können, sollen wir einige theoretischen Überlegungen in Betracht nehmen. Die vorliegende Diplomarbeit hat drei Hauptakzente, die von gleichem Gewicht bei den Recherchen sein sollen: das Gespräch, die Gefühle und die linguistischen Mittel, durch die sie in der Kommunikation realisiert werden. Aus diesem Grunde soll in diesem einleitenden Teil versucht werden, einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung dieser Begriffe zu machen und allgemeine theoretische Voraussetzungen, die das optimale Verstehen ermöglichen, zu schaffen.

1.1. Die Funktionen der Sprache. Die emotive Funkion:

Diese drei grundlegenden Schwerpunkte lassen sich unter dem Begriff der sprachlichen Funktionen erfassen. Die Frage nach den Funktionen der Sprache ist noch von der Prager Schule des Strukturalismus aufgeworfen[1] und grundsätzlich untersucht worden. Sie hat auch in der darauffolgenden Zeit mehrere Versuche ausgelöst, eine passende Antwort zu finden. Die jeweils verschiedenen Ausgangspunkte (soziologische, logische, philosophische u.ä.) führen zu erheblichen Unterschiede bei der Bestimmung der sprachlichen Grundfunktionen. In der Sprachwissenschaft haben sich jedoch die Modelle von Karl Bühler und Roman Jakobson etabliert, die einen psychologischen Ansatz aufweisen und den Kommunikationscharakter der Sprache betonen.

Karl Bühler, der dem Prager Kreis nahe steht und ihn in einem gewissen Grade beeinflußt, geht von der Auffassung aus, daß die Sprache ein Werkzeug ist, mit dem die Menschen etwas über die Dinge mitteilen können[2] (sog. organon didaskaleion). In seinem Organon-Modell (griech. Werkzeug) entwickelt er ein Zeichenmodell, wo Sender, Empfänger und Gegenstände und Sachverhalte durch die Ausdrucks-, Appell- und Darstellungsfunktion der Sprache miteinander verbunden werden. Für die Ausdrucksfunktion wird noch die Bezeichnung Symptom verwendet; sie ist primär auf den Sender bezogen und widerspiegelt seinen inneren Zustand und seine Einstellungen. Die Appellfunktion (der Signal) ist auf den Empfänger gerichtet und soll ihn zu etwas auffordern oder bestimmte verhaltens-, einstellungs- oder gefühlsmäßige Reaktionen bei ihm bewirken. Die Darstellungsfunktion (das Symbol) hat eine dominante Ausrichtung auf den Gegenstand und stellt Sachverhalte dar oder berichtet über sie. Der Kontext steht im Vordergrund.

Bei seiner Auffassung geht Roman Jakobson von einer Übersicht über die konstitutiven Faktoren eines jeden Sprechaktes aus. Er erweitert das Organon-Modell um drei weitere Faktoren – Nachricht, Kontaktmedium und Code und verbindet mit ihnen drei neue Funktionen, wobei er für die Bühlerischen Funktionen unterschiedliche Bezeichnungen gibt: Die phatische Funktion ist auf das Kontaktmedium (den Kanal) ausgerichtet und besteht im bloßen Kontakthalten mittels Sprache, d.h. im Herstellen, Verlängeren oder Unterbrechen eines sprachlichen Kontakts. Die metasprachliche Funktion ist auf den Code gerichtet und bezeichnet die für die Äußerung verwendete Sprache selbst. Bei der poetischen (auch ästhetischen) Funktion steht die Nachricht im Mittelpunkt und sie findet ihren Ausdruck in der besonderen Auswahl der Lexik für eine Äußerung. Die Darstellungsfunktion von Bühler ist bei Jakobson kognitiv oder referentiell genannt, die Appellfunktion wird als konativ bezeichnet, und die Ausdrucksfunktion als expressiv (emotiv).

Für die vorliegende Untersuchung ist die Ausdrucksfunktion von Belang, da sie eben dazu dient, die Gefühle „die Innerlichkeit des Senders“ (Bühler 1934, zit. bei Bußmann 1990, 549) in der Kommunkikation (dem Gespräch) durch verschiedene (linguistische) Mittel zum Ausdruck zu bringen. Bei der emotiven Funktion wird die Sprache von dem Sprecher dazu gebraucht, daß er seine Emotionen, seine gefühlsmäßigen Einstellungen zu den augenblicklich relevanten Sachverhalten (Bublitz 1978, 4) ausdrücken könnte. Es werden dadurch seine Stimmung, seine innere Fassung, seine Haltung dem Gegenstand gegenüber formuliert. Es geht nicht mehr darum, was geäußert wird, sondern warum es getan wird, wie der Sprecher zu dem denotativen Inhalt des Gesagten steht, wie er seinen Wahrheitswert einschätzt, welche Annahmen er über ihn hegt. Jedoch scheint es uns wichtig zu erwähnen, daß in einer sprachlichen Äußerung nicht nur ausschließlich eine Funktion vorkommt, sondern mehrere zu erkennen sind und unter ihnen jedoch eine dominiert.

1.2. Emotion vs. Gefuehl. Klassifikationen:

In der Alltagssprache verwenden wir die Wörter Emotion und Gefühl als absolute Synonyme, ohne einen Unterschied dazwischen zu machen. Für die Zwecke unserer Forschung wäre es aber von Belang den Versuch anzustellen, die beiden Begriffe näher zu definieren und zu klassifizieren: Das Wort Emotion wird ganz allgemein in der Bedeutung von Gefühl, Gemütsbewegung oder seelische Erregung verwendet und bis ins 19 Jh. kommt es auch im Sinne von Volksbewegung, Empörung vor. Es ist eine Entlehnung von dem gleichbedeutenden französischen Wort émotion, und dem dazugehörenden Verb émouvoir ( bewegen, erregen) und führt auf das lateinische Verb emovere (herausbewegen, erschüttern, entfernen, harauswegschaffen) und sein Partizip zwei emotum zurück. Das Wort Gefühl gebraucht man als Tastsinn und seelische Stimmung. Es verweist auf das mittelhochdeutsche Verb vüelen, das althochdeutsche fuolen, das niederländische voelen, das englische to feel, das deutsche fühlen und ist unbekannter Herkunft mit ursprünglicher Bedeutung tasten. Erst später wurde diese Bedeutung zuerst auf körperliche und dann auch auf seelische Empfindungen übertragen.

Die Emotionen sind ein Oberbegriff für alle gefühlshaften Prozesse. Laabs bestimmt sie als „psychische Qualitäten, deren spezifische Getöntheit und Gestimmtheit die Beziehungen widerspiegelt, in denen die Gegenstände oder Erscheinungen der objektiven Realität, einschließlich des eigenen Organismus und der eigenen Persönlichkeit zu den Bedürfnissen, Einstellungen und Motiven stehen“ (Laabs 1989, 97). Nach ihrer Intensität lassen sie sich formal einteilen in 1) eigentliche, intentionale Gefühle, die auf Objekte, Personen oder Sachverhalte gerichtet sind, 2) Stimmungen, die durch ungerichtete Zuständlichkeit gekennzeichnet sind und das gesamte Erleben durchdringen, 3) Affekte, die sehr intensiv verlaufen und gelegentlich verhaltensdesorientierende Wirkung haben. Die Emotionen sind nicht mit den kognitiven Prozessen im Gehirn verbunden und können nur durch ihren Bezug zu der konkreten Situation verstanden werden. Nach Rubinstein (zit. bei Clauß 1976, 131) sind sie durch die gesellschaftlichen Beziehungen des Menschen, durch Sitten und Gewohnheiten des jeweiligen gesellschaftlichen Milieus und seine Ideologie bedingt. Sie können entweder einen hemmenden oder einen fördernden Einfluß auf die menschliche Tätigkeit haben und sind in einem engen Zusammenhang mit den psychophysiologischen Veränderungen im Organismus. Deshalb sind bei ihrem Verlauf eine Reihe von Abweichungen beobachtbar: der Blutdruck, die Puls- und Atemfrequenz, der Hautwiderstand u.ä.. Manche Psychologen (Wassilkowski 1989, 118) weisen darauf hin, daß die Emotionen sowohl für die Menschen als auch für die Tiere typisch sind, während die Gefühle eher eine spezifische Eigenschaft der Menschen sind.

In der modernen Psychologie gibt es eine Richtung, die Emotionspsychologie heißt und zur Aufgabe die Erforschung und die Klassifikation von Emotionen hat. Sie ist vetreten durch W. Wundt, C. Burt, M. Meyer, R. Plutchik, Ewert, Schlosberg u.v.a.. Ganz allgemein wird zwischen Zustands- und Eigenschaftsemotionen unterschieden oder man spricht auch von kollektiven und individuellen, positiven und negativen, starken und schwachen Emotionen. Eine genauere Untersuchung läßt sie aber gruppieren in somatische (Antriebe, Stimmungsgrund, Schreck, Angst); situative (Freude, Zorn, Besorgnis, Überraschung); soziale (Liebe, Selbstlosigkeit, Antipathie, Aggression); kognitive (Interesse, Hoffnung, ästhetische und religiöse Gefühle); meditative Emotionen (Scham, Selbstwertgefühle, Schuldgefühle, moralische Gefühle) und Gefühlsstörungen (parathyme (abweichende Gefühle), neurotische, soziopathische Störungen, Depressivität).

Unter einem Gefühl versteht man ganz allgemein die Beziehung, die Stellungnahme des tätigen Subjekts zur Umwelt. Laabs (1989, 144) bestimmt die Gefühle als „eine Klasse von Emotionen, die unmittelbar auf objektiv-reale Sachverhalte, Personen, Situationen, auf die eigene Person gerichtet sind“. Sie sind immer subjektiv und sind weder kognitive, noch willentliche Reaktionen des Individuums auf die Inhalte seines Erlebens. Sie sind universal, d.h. nicht an bestimmte Sinnesorgane gebunden. In gewissen Grenzen lassen sie sich beeinflussen (z. B. unterdrücken, zerstreuen). Sie zeichnen sich durch eine kleinere Dauer im Vergleich zu den Stimmungen und durch eine niedrigere Intensität im Vergleich zu den Affekten aus. Eine interessante Äußerung zum Thema Gefühl hat der berühmte Philosoph Karl Jaspers (1994, 67) gemacht, dessen Bewertung es als einen solchen Begriff bestimmt, der gar keinen positiven, sondern nur einen negativen Inhalt hat: „Alles, was nicht Empfindung oder logische Form ist, nennt man Gefühl“.

Es gibt ein- und mehrdimensionale Gefühlstheorien.[3] Zu den eindimensionalen Ansätzen zählen die Lust-Unlust-Theorien, die schon bei Aristoteles, später bei Brentano und Stumpf auffindbar sind. Von den mehrdimensionalen Gefühlstheorien sind diese von Wundt, von Traxel und von James und Lange zu erwähnen. Wundt unterscheidet: Lust-Unlust ( die qualitative Seite psychischer Vorgänge); Erregung-Beruhigung (die Intensität) und Spannung-Lösung (der zeitliche Aspekt). Traxel hebt die folgenden drei Faktoren auf: angenehm-unangenehm, Unterwerfung-Überhebung und Motivationsgrad. Und James und Lange weisen Ende des 19 Jh. auf die physiologischen Prozesse hin; für sie sind die Gefühle das Ergebnis viszentraler Empfindungen[4]. Ihre Theorie ist stark kritisiert worden, (z. B. von Cannon) und die physiologischen Veränderungen wurden in der neueren Zeit als Begleitphänomene der Gefühle wahrgenommen.

Es sind zahlreiche Versuche unternommen, was die Klassifikation von Gefühlen anbetrifft, jedoch bleibt das immer noch ein Problem. Ganz allgemein werden sie in positive und negative Gefühle geteilt, oder in hohe und niedrige, in dauerhafte und solche von kurzer Dauer… In formaler Hinsicht unterscheidet man: sensorische Gefühlstöne (angenehm, bitter), Anmutungen (heitere Landschaft), Körper-Gefühle (Frische, Müdigkeit), Gefühle im engeren Sinne (Liebe), Stimmungen (Traurigkeit), Affekte (Wut). Nach der Art und Modi werden sinnliche, seelische, geistige Gefühle und Affekte, Leidenschaften, Stimmungen unterschieden. Ein weiterer Klassifizierungsversuch ergibt sich durch die Einbeziehung von gemeinsamen Situationsbedingungen für verschiedene Emotionstypen. Dann wird unterschieden zwischen Primärgefühle, auf zielgerichtete Tätigkeit bezogen wie Zorn, Furcht, Freude; Vitalgefühle auf Körperwahrnehmungen bezogen wie Ekel oder Schmerz, Gefühle des Selbstkonzepts bezüglich erstrebter oder erreichter Leistungen wie Erfolg, Mißerfolg, Scham, Schuld und Gefühle, die die Umwelt betreffen wie Haß, Liebe oder Patriotismus. Wenn man von den gesellschaftlichen Normen ausgeht, lassen sich religiöse, logische, ethische, geistige, ästhetische, intellektuelle, praktische u.ä. Gefühle unterscheiden. Und im Alltag wird von Glück, Erstaunen, Furcht, Traurigkeit, Wut, Ekel, Verachtung, Interesse, Angst, Mitleid, Liebe, Haß u.v.a. gesprochen.

1.3. Das Gespraech. Die Gespraechsanalyse als linguistische Disziplin:

Das Wort Gespräch stammt aus dem mittelhochdeutschen Wort gespraeche und dem althochdeutschen gisprachi und hat die allgemeine Bedeutung von Sprechen, Sprechvermögen, Rede, Beredsamkeit, Unterredung, Beratung. Es weist eine „kollektive Wortbildung“ zum Verb sprechen (< ahd. sprehhan < germ. sprekan < idg. (s)p(h)er- „rufen, widerhallen“) auf, das ursprünglich ein lautmalendes Wort im Sinne von knistern, prasseln war. Das Gespräch ist die Grundeinheit menschlicher Rede, es ist die natürlichste und die meist verbreitete Form der menschlichen Kommunikation (neben der Schrift, dem Zeichen, dem Bild, dem Ausdruck und der Handlung). Damit ein Gespräch glücken kann, werden ganz allgemein Sender, Empfänger, Kanal und Code vorausgesetzt. Noch das kollektivierende Präfix ge- bei der Wortbildung weist auf die Gemeinsamkeit der Gesprächspartner hin.

Das Gespräch als Forschungsgegenstand haben viele wissenschaftlichen Disziplinen wie z.B. Rhetorik, Philosophie, Pädagogik, Psychoanalyse, Ethnomethodologie u.ä., die es unter jeweils unterschiedlichem Gesichtspunkt betrachten, bewerten und analysieren. Abgesehen von dieser interdisziplinären Forschung, beschäftigen wir uns mit dem Gespräch auf der Ebene der Gesprächsanalyse: eine relativ junge linguistische Teildisziplin, die Mitte der 70er Jahre entstanden und dann weiterentwickelt und erforscht wird. Ihr Gegenstandsbereich ist ausschließlich die mündlich realisierte Sprache, die für die Zwecke der Forschung auf jegliche Art und Weise konserviert wird – Verschriftung (Transkription), Videoaufnahme etc. Es werden dabei vorwiegend die organisatorischen und strukturellen Aspekte des Miteinander-Sprechens berücksichtigt, ohne dabei die thematisch-inhaltlichen Prozesse außer acht gelassen zu werden.

Im Rahmen der Gesprächsanalyse gibt es zahlreiche Versuche das Gespräch näher zu definieren. Indem sie sich mit den schon etablierten Auffassungen auseinandersetzt und sie einer scharfen Kritik unterzieht, schlägt Bärbel Techtmeier (vgl. dazu Techtmeier 1984, 47f.) die folgende Definition vor, die wir auch für die Zwecke unserer Forschung anwenden werden: Das Gespräch ist das grundlegende Kommunikationsereignis der direkten Kommunikation, durch das die Partner verbal, mir Hilfe des Sprecherrollenwechsels, unter konkreten sozial-historischen Bedingungen, bestsimmte Tätigkeitsziele realisieren.

Bei unserer Untersuchung stützen wir uns weiterhin auf die Klassifikation und die Termini von Henne/Rehbock [5]. Sie führen die “für eine Gesprächsanalyse relevanten Analysekategorien“ (S.20) ein und unterscheiden zwischen Makroebene, mittlere Ebene und Mikroebene, auf denen ein Gespräch realisiert wird. Unter Makroebene sollen wir die unterschiedlichen Gesprächsphasen verstehen. Die Gesprächseröffnung und -beendigung sind in der Gesprächsanalyse vielmals untersucht und beschrieben worden. Sie dienen zur Ausgrenzung der Interaktionseinheit Gespräch und stellen eigenartige Rituale dar. Die Gesprächs-„Mitte“ ist durch Themenabfolgen und Themenwechsel gekennzeichnet, die durch den jeweiligen Gesprächspartner zu steuern sind. Von ihm hängen auch die vielfältigen Nebenthemen, Abschweifungen und Einschübe ab, die mitten im Gespräch vorkommen und als Gesprächs-„Ränder“ bezeichnet werden.

Die mittlere Ebene umfaßt kleinere Organisationseinheiten. Sie untersucht die Regeln des Sprecherwechsels, die Abfolge einzelner Redebeiträge und ihre Verknüpfung, die Gliederungssignale, das Hörerverhalten. Als Gesprächsschritt (engl. „turn“) bezeichnet Goffmann (1974, 201, zit. bei Henne/Rehbock 1979, 22) „das, was ein Individuum tut und sagt, während es jeweils an der Reihe ist“. Ein Gesprächsschrittwechsel oder Sprecherwechsel (engl. „turn-taking“) haben wir, wenn ein ehemaliger Hörer zum Sprecher wird, wobei gleichzeitig der ehemalige Sprecher die Hörerrolle übernimmt (Linke 1994, 264). Der Sprecherwechsel kann auf drei Wege geschehen: entweder durch Selbstselektion, d.h. wenn man sich selbst an Stellen möglicher Redeübergabe zum Wort meldet; oder durch Fremdwahl – wenn der gegenwärtige Gesprächspartner den nächsten wählt (durch Nennung, Kopfnicken, Blick, Geste); oder wenn der Gesprächsleiter den folgenden Redner wählt (bei institutionalisierten Gespräche). Unter Gesprächssequenz werden „diejenigen Gesprächsschritte mehrerer Gesprächspartner zu funktionellen Einheiten zusammengefaßt, für die die Eigenschaft der „bedingten Erwartbarkeit“ („conditional relevance“) gelten soll“ (Henne/Rehbock 1979, 24). Als Sprechakte werden die kleinsten kommunikativen Handlungseinheiten bezeichnet. Sie können die Modalität der Gesprächskommunikation bestimmen und sind Teile der Gesprächsschritte oder fallen mit ihnen zusammen. Dem Sprechakt entspricht der Hörverstehensakt, der das aktualisierte Verstehensvermögen des Hörers zum Ausdruck bringt. Die Menge der Mittel, durch die die Kommunikation im Sinne des Sprechers gesteuert wird, wird als Gliederungssignale bezeichnet, sie können auch den Inhalt verstärken oder den Sprecherwechsel vorbereiten. Das sind u.a. „die bestätigungsheischende und informationsverstärkende Partikeln“ wie ne, nich, gell, ja, woll (Henne/Rehbock 1979, 26). Das Back-Channel-Behavior (sog. Hörer-feed-back oder Rückmeldungspartikeln) sind Mittel des jeweiligen Hörers, „das Gespräch zu stabilisieren und in seinem Sinne zu akzentuieren“ (Henne/Rehbock 1979, 27).

Die Mikroebene interessiert sich für die sprechaktinternen Elemente. Auf dieser Ebene werden die ersten Beobachtungen der gesprochenen Sprache angestellt. Dabei wird die syntaktische, lexikalische, phonologische und prosodische Struktur untersucht und dadurch sind die meisten Unterschiede in der Grammatik der geschriebenen und gesprochenen Sprache ermittelt worden. (Die Prosodie ist die Gesamtheit sprachlicher Eigenschaften wie Akzent, Intonation, Quantität, Sprechpausen. Sie beziehen sich im allgemeinen auf Einheiten, die größer sind als ein einzelnes Phonem. Dazu zählt auch die Untersuchung von Sprechgeschwindigkeit, Rhythmus und Sprechpausen. (vgl. dazu Bußmann 1990, 618).

Auf diesen drei Ebenen werden die unterschiedlichen Gefühle, die beim Sprechen zum Ausdruck kommen, zu analysieren sein. Dabei werden aber auch die mannigfaltigen Mittel zu ihrer Realisierung berücksichtigt und erforscht.

1.4. Linguistische Mittel :

Es kann sich um verbale oder um nichtverbale Mittel handeln. Die verbalen Mittel sollen wir dann auf den unterschiedlichen Sprachebenen untersuchen. Der Hauptakzent muß darin liegen, ausfindig zu machen, ob sie syntaktsischer (Satzarten, Wortstellung) oder morphologischer Art (Interjektionen, Adverbien, Partikeln) sind oder ob sie sich als Wortbildungsmittel (verschiedene Suffixe), als semantische (Wortwahl, Phraseologismen, Abweichungen von der Norm) oder als stilistische Mittel (Tropen und Figuren) realisieren.

Die nonverbalen Emotionsindifikatoren müssen dabei nicht außer acht gelassen werden, da diese paralinguistischen Begleitphänomene eine entscheidende Rolle für die Erschließung und das richtige Decodieren der Emotionen spielen. Es handelt sich um begleitende Geste, Gesichtsausdruck, Blickkontakt, Körpermimik, Körperhaltung, Modulationen des Stimmklangs, taktile Elemente u.ä., die einen wesentlichen Beitrag zur Bereicherung und Verfeinerung eines Dialogs haben. Wunderlich (1970, 15, zit. bei Bußmann 1996, 299) unterscheidet in dieser Hinsicht zwischen paralinguistischen und außerverbalen Mittel. Er bezeichnet die paralinguistischen Mittel als Bestandteile der lautlichen Form und betont ihre Eigenschaft als solche etwa auf einen Tonband festgehalten werden zu können. Das sind die Intonation, die Tonhöhen und der Lautstärkenverlauf, der Sprechrythmus, die Pausengliederung und die Akzentuierung. Als außerverbal werden die begleitenden Gesten, die Gesichts- und Körpermimik, die Körperhaltung, die Tränen u.ä. dargestellt. Die Bedeutung dieser Mittel ist in der Ausdruckspsychlogie und in der Personenwahrnehmungsforschung der Sozialpsychologie gründlich untersucht worden, in der Gesprächsanalyse aber bleibt das noch ein weißes Feld.

1.5. Zielsetzung der Diplomarbeit:

Mit unserer Untersuchung setzen wir uns die folgenden Ziele:

- Das Schaffen von allgemeinen theoretischen Voraussetzungen, die das Verstehen der vorliegenden Arbeit erleichtern und zugleich auch Einführung und Erläuterung der Begriffe, die von besonderer Wichtigkeit für die vorliegende Untersuchung sind.
- Auswahl eines passenden Analysekorpus, der sich für die Zwecke der beabsichtigten Forschung besonders gut eignet und den Anforderungen der Analyse völlig entspricht.
- Die Ermittlung von den linguistischen Gefühlsindifikatoren in deutschsprachigen Gesprächen, die zu Unterrichtszwecken aufgenommen worden sind und eine möglichst niedrige dialektale Färbung aufweisen.
- Die Erforschung dieser Gefühlsindifikatoren auf den unterschiedlichen sprachlichen Ebenen – Wortbildung, Syntax, Morphologie, Semantik, Stilistik – wobei der funktionelle Aspekt und der gesprächsanalytische Ansatz besonders stark berücksichtigt werden.
- Die Ermittlung von den dadurch explizierten Gefühle.
- Die Ermittlung von den nonverbalen Gefühlsindifikatoren.
- Klassifikation der ermittelten verbalen Mittel auf Grund ihrer Realisierung auf den unterschiedlichen sprachlichen Ebenen. Zusammenfassung der Ergebnisse und Schlußfolgerungen von der Untersuchung.

1.6. Analysekorpus und Analyseverfahren:

1.6.1. Begruendung der Auswahl:

Für die Zwecke unserer Forschung würden sich am besten echte Alltagsgespräche eignen, die unter bekannten Gesprächspartnern stattfinden. Da diese Dialoge im Prinzip keinen Grad an Vorbereitetheit aufweisen, können sie ein hervorragendes Klima für das Entstehen und Verbalisieren von Gefühlen schaffen. Denn die Gemütszustände sind weder willentlich, noch kognitiv und sind primär durch den Faktor Spontaneität bedingt. Außerdem führt die Vertrautheit zwischen den Sprechenden zu mehreren emotionellen Reaktionen. Die zu behandelnden Themen und Probleme, die vom Belang für die sich schon kennenden Konversierenden sind, wecken Ihr Interesse. Auf diese Weise können sie von sich auch eine Mehrzahl von Gefühlsausbrüchen geben, die an und für sich auf mannigfaltige sprachliche Mittel zurückzuführen sind und daher für uns ein breites Feld zur Analyse und Erforschung darstellen. Zu unserem Bedauern sind wir aber nicht imstande, solche Konversationen zu sammeln und zu den Zwecken unserer Untersuchung anzuwenden und deshalb haben sich uns zwei andere Möglichkeiten zur Verfügung gestellt: Dramentexte oder für die Zwecke des Unterrichts aufgenommene Gespräche.

Die Dramentexte sind in der Regel aufgrund dialogischer Rede gebaut und in diesem Sinne spricht man auch von einer „Kommunikationsstruktur des Dramas“ (Eicher/Wiemann 1997, 129). Wir sollen aber vor allem in Betracht ziehen, daß diese Dialoge eigentlich einen schriftlich fixierten Text darstellen. Sie lassen sich ebenso als simuliert und inszeniert bestimmen, wobei der Gesichtspunkt des Autors, der die eigenen Vorstellungen in seinem Werk encodiert, maßgebend ist. Auf diese Weise werden auch die in den entstandenen Gesprächen explizierten Gefühle stark subjektiv gefärbt und ausschließlich durch das Prisma des Dichters wiedergegeben. Er hat auch die Möglichkeit, über das sprachliche Mittel zu bestimmen, durch das ein bestimmter Gemütszustand verbalisiert wird, indem er sein persönliches Weltwissen anwendet. Außerdem sollen wir bei unserer Betrachtung der Dramengespräche vor Auge halten, daß sie eine Adressatenorientiertheit aufweisen (eine Mehrzahl an potentiellen Rezipienten voraussetzen) und zum Zwecke einer Inszenierung und daher auch einer Interpretierung geschaffen sind. Bei diesen Dialogen werden häufig auch die Konversationsmaximen von Grice verletzt. Alle oben aufgeführten Besonderheiten der Dramengespräche lassen uns einen krassen Unterschied im Vergleich zu der Alltagsrede erkennen und zu der Schlußfolgerung kommen, daß sie sich nicht ganz gut für unsere Untersuchung eignen.

Die andere (und letzte) Möglichkeit für uns ist, als Analysekorpus solche Gespräche zu verwenden, die zu Unterrichtszwecken aufgenommen worden sind. Diese Konversationen weisen eine Reihe von Ähnlichkeiten mit der echten dialogischen Rede auf: Zwar ist bei einem Gesprächspartner ein gewisser Grad an Vorbereitetheit vorausgesetzt, das betrifft aber nur die Themenauswahl (Themenfixiertheit), da sein eigentliches Ziel ist es, den anderen Gesprächspartner in einen alltäglichen Dialog zu verwickeln und auf diese Weise eine möglichst echte Unterhaltung zu schaffen. Als Hauptproblem erweist sich dabei die Tatsache, daß die beiden Konversierenden im Prinzip unbekannt sind. Das hat zur Folge, daß die Vertrautheit zwischen ihnen nur durch die konkrete Situation – ein unverbindliches Gespräch auf der Straße – entsteht. Deshalb verlassen manchmal auch diese Konversationen nicht die Sphäre der ursprünglichen Teilnahme und Engagiertheit und weisen nicht die inneren Regungen auf, die den privaten Gesprächen eigen sind. Jedoch zeichnen sich aber diese für die Zwecke des Unterrichts aufgenommene Dialoge durch mannigfaltige Gefühlsausbrüche und durch eine Mehrzahl spontanen emotionellen Reaktionen aus, und deshalb haben wir uns für sie entschieden und in der vorliegenden Arbeit sie ausführlich zu analysieren versucht.

1.6.2. Beschreibung:

Die von uns erforschten Gespräche sind Filmsequenzen mit versteckter Kamera, die im Hinblick auf eine möglichst niedrigere dialektale Färbung in Norddeutschland aufgenommen worden sind. Dieses Projekt ist mit Hilfe eines Akteurs realisiert worden, der zufällige Fußgänger zu einem „echten“ Gespräch in arrangierten Situationen zu verleiten versucht. Es hat sich dabei als „schwierig und z. T. als heikel erwiesen, Passanten zu sprachlichen Reaktionen provozieren zu wollen, die über das lineare Antwortgeben hinausgehen und in subjektiv-emotionale Bereiche (etwa Ausdruck von Freude, Zorn, Überraschung usw.) vordringen.“ (Begleitheft zu „Direkt angesprochen 2“ - Müller 1984, 14). Jedoch wird uns dadurch eine breite Palette von Emotionen in typischen Alltagssituationen offenbart.

Diese Gespräche kennzeichnen sich auch dadurch, daß sie den Anspruch auf einen möglichst höheren Grad an Echtheit erheben. Dem Schema von Henne/Rehbock (1979, 32f.) folgend, kann man sie als natürliche arrangierte Gespräche bestimmen, die aber als spontan zu interpretieren sind. Ihr situationeller Kontext ist eine direkte face-to-face Kommunikation, die sich durch zeitliche Simultaneität und räumliche Nähe kennzeichnet. In der Regel handelt es sich um ein interpersonales dyadisches[6] Gespräch, wo der Öffentlichkeitsgrad der Gesprächspartner von privat bis nicht öffentlich variiert. Das soziale Verhältnis zwischen ihnen ist symmetrisch[7] und wenn nicht, dann haben wir es mit einem asymmetrischen gesprächsstrukturell bedingten Verhältnis zu tun (z. B. bei einer Befragung oder einem Interview wie in der Sequenz 5). Die Sprechenden sind unbekannt bis flüchtig bekannt und im Allgemeinen nicht auf das Thema vorbereitet (mit Ausnahme von dem Akteur, der aber eben die Rolle eines zufälligen Passanten spielt). Die zu analysierenden Gespräche haben eine diskursive[8] Handlungsdimension, die einen alltäglichen Charakter aufweist. Es geht dabei um themabereichfixierte Gespräche. Das Verhältnis von Kommunikation und nichtsprachlichen Handlungen ist apraktisch, d.h. nicht in außersprachlichen Handlungen verflochten und daher ihren Sinn beziehend.

Die Dialoge selbst sind mit einer Videokamera aufgenommen und zu den Zwecken des Unterrichts in einem Begleitheft auch transkribiert worden. Sie sind in verschiedenen Sequenzen aufgeteilt. Die von uns untersuchten Konversationen sind sieben an der Zahl. Sie sind aus unterschiedlichen Reihen entnommen, im Hinblick darauf, daß sie nicht ein und dasselbe Gesprächsgegenstand haben und auf diese Weise gleiche oder ähnliche Gefühle verbalisieren. Die Selektion ist nach unserer subjektiven Meinung eingetreten, wobei das Hauptkriterium war es, eine möglichst vielfältige Emotionsskala zu erforschen, die durch abwechslungsreiche linguistische Mittel versprachlicht wird. Die von der Analyse erfaßten Gespräche sind: „So ein armer Hund“, „Vorsicht Linsen“, „Fragen kostet nichts“, „Verkehrte Welt“, „Kein schlechter Fund“ und zwei Dialoge aus der Sequenz „Immer diese Raucher“, da sie in einem hohen Grade echte emotionelle Reaktionen bei den Befragten erkennen lassen.

1.6.3. Analyseverfahren:

Erster Schritt: Unser Analyseverfahren besteht darin, daß wir in den Äußerungen der Gesprächspartner die konkreten linguistischen Mittel ausfindig zu machen versuchen, die Indikatoren für die Gemütszustände der Sprechenden sind. Beim Vollzug dieses Schrittes sind wir der natürlichen Reihenfolge der Gesprächsbeiträge nachgegangen, damit wir den Faktor außersprachlichen und innensprachlichen situationellen Kontext, der maßgebend bei einer Konversationsanalyse ist, am besten berücksichtigen können.

Zweiter Schritt: Von dem funktionalen Aspekt ausgehend, werden die gegebenen Einheiten zu den unterschiedlichen Ebenen der deutschen Grammatik (morphologische, semantische, syntaktische, etc.) gezählt und mit den Methoden der jeweiligen linguistischen Disziplin erforscht. Hierbei wird auch der gesprächsanalytische Standpunkt in Betracht gezogen, damit die kommunikative Funktion ebenfalls ermittelt wird.

Dritter Schritt: Hier sind wir auf die explizierten Gefühle näher eingegangen, wobei wir aber keine ausführliche Erklärung vorgenommen haben, warum wir gerade der Meinung sind, daß eben dieser oder jener Gemütszustand versprachlicht wird. (Sonst würde eine Verschiebung des Hauptakzents geschehen und die vorliegende Arbeit würde eine allzu psychologische Färbung bekommen.)

Vierter Schritt: Danach sind wir auf die nonverbalen Gefühlsindifikatoren kurz eingegangen, damit wir ihre wichtige Rolle bei der Explikation von Emotionen im Verlauf des Dialogs veranschaulichen können. Dabei haben wir näher die Intonation, die Körperhaltung und den Gesichtsausdruck in Betracht genommen. Eine vollständige Analyse der nonverbalen Begleitphänomene ist nicht vorgenommen, da sie zu umfassend wäre und dem Zweck der vorliegenden Arbeit, nämlich der Ermittlung der linguistischen Gefühlsindifikatoren, nicht entsprechen würde.

Fünfter Schritt: Nach dieser Bestimmung, primären Einordnung und Analyse haben wir eine globale Klassifikation vorgenommen, ausgehend davon, auf welcher sprachlichen Ebene das konkrete linguistische Mittel realisiert ist. Dabei ist auch auf den konkreten Dialog verwiesen, der im Anhang zu lesen ist.

Hiermit bieten wir ein Beispiel an, damit wir unser Analyseverfahren veranschaulichen können:

1A: Von wo denn? Die Modalpartikel denn hat in den Fragesätzen eine stark mildernde Funktion und dient als ein Mittel, wodurch die Gesprächsmaxime der Höflichkeit nicht verletzt wird (vgl. dazu Bublitz 1978, 61). In dieser Ergänzungsfrage kommt die Partikel denn betont vor und nimmt Bezug auf das Vorausgehende. Der Hörer braucht eine befriedigende Antwort, eine Information, die er bisher nicht erhalten hat. Der Gebrauch von denn als Abtönungspartikel ist konversationsbezogen und rückwärtskonnektierend, d.h. reaktiv. Außerdem hat er einen wesentlichen Beitrag zur natürlichen und freundlichen Gestaltung der Frage (Helbig 1988, 107f.).

Denn läßt uns Rückschlüsse auf die Gemütsverfassung der Konversierenden ziehen. Aus der außersprachlichen Situation läßt sich eine Neugier erschließen. Zugleich werden auch die Hilfsbereitschaft und die Engagiertheit seitens des Hörers verbalisiert, wobei sich auch seine Aufmerksamkeit zu spüren gibt.

2. Mittel zum Ausdruck von Gefuelen beim Gespraech:

2.1. Theoretische Ueberlegungen:

2.1.1. Sprechakt- und kommunikationstheoretische Ueberlegungen:

Die Sprechakttheorie, die vor allem von den Sprachphilosophen Austin und Searl vertreten und aufgearbeitet wird, vermittelt ein Wissen über das Verhältnis von Form und Funktion eines Satzes. Es werden die syntaktischen Satztypen (Aussage-, Frage- und Aufforderungssatz) mit ihrer wörtlichen und linguistischen Bedeutung und ihre illokutionäre Rolle voneinander abgehoben. Indikatoren für die Illokution sind vorwiegend die performativen Verben[9], aber sie kann auch durch die Wortstellung, die Intonation und den sprachlichen und nicht sprachlichen Kontext signalisiert werden.

In den sprechakttheoretischen Auffassungen wird der Sprechakt als die kleinste Redeeinheit bestimmt, die syntaktisch, semantisch und intonatorisch wohlgeformt ist. Ein jeder Sprechakt wird als einen Handlungsakt angesehen. Indem wir sprechen, handeln wir. Dieses sprachliche Handeln ist in einer konkreten Situation eingebettet und hat einen bestimmten Zweck, der eine eigene Rolle in der Kommunikation hat. Deshalb lassen sich die sprachlichen Äußerungen von ihrem situationellen Kontext isoliert schwer ausdeuten und analysieren. Von Belang für ihr richtiges Verstehen und Decodieren sind die sog. Präsuppositionen[10]. Interessant in dieser Hinsicht ist die Auffassung von Ducrot (zit. bei Bublitz 1978, 16), der in einer sprachlichen Äußerung Vor- und Nachgeschichte voneinander abhebt. Zum ersten Begriff zählt er die Präsuppositionen, die Sprecherannahmen und -erwartungen, und zum zweiten das Mitverstandene (‚sous-entendus‘) und die suggerierten Schlußfolgerungen (‚invited inferences‘).

Unsere Recherchen, wie schon angeführt, vollziehen sich im Bereich der Konversationsanalyse. Die zu unseren Zwecken erforschten Gespräche stellen „die Grundeinheit sprachlicher Kommunikation“ dar (Henne/Rehbock 1979, 18). Ganz allgemein können wir die Gespräche als eine Erscheinungsform der Kommunikation bestimmen[11] und deshalb möchten wir auch auf den letzten Begriff aufmerksam machen und kurz darauf eingehen. Das Wort stammt aus dem lateinischen communicare, was die Bedeutung von gemeinsam machen, vereinigen, mitteilen hat. Diese ursprüngliche Bedeutung weist auf den Gemeinschaftscharakter dieses Phänomens hin. Denn die Kommunikation setzt Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunizierenden voraus, die sich auf „gemeinsames Wissen und partiell gemeinsame Überzeugungen“ beziehen. (Wunderlich zit. bei Bublitz 1978, 96). Diese Haupteigenschaft der Kommunikation wird mit dem Begriff Kommunikationsdreieck in Zusammenhang gesetzt, das ihre Grundstruktur verdeutlicht und aus Kommunikator[12], Kommunikant[13] und Botschaft[14] besteht. Als wichtigste Kommunikationsmittel sind die Sprache, die Schrift, das Zeichen, das Bild, der Ausdruck und die Handlung zu erwähnen. Ganz allgemein unterscheiden wir verbale und nonverbale Kommunikation. Bei unseren Forschungen richten wir unsere Aufmerksamkeit vorwiegend auf die sprachliche, lassen aber dabei auch die nichtsprachliche nicht ganz außer acht. Die Eigenschaften der sprachlichen Kommunikation faßt Linke (vgl. dazu Linke 1994, 173f.) folgendermaßen auf: sie soll eine symbolische Interaktion sein, die ein partnerorientiertes Handeln darstellt, das ein intentionales Verhalten in sich ist. Die Kommunikation kennzeichnet sich durch eine bunte Palette von Auswirkungen, die von Nichtachtung bis zur Manipulation reichen (vgl. dazu Benesch 1992, 209).

Interessant in diesem Zusammenhang ist die berühmte Äußerung von P. Watzlawick (zit. bei Linke, Benesch, Stempel), daß man „nicht nicht kommunizieren kann“. Er bezeichnet als kommunikativ auch das nicht intentionale und nicht interaktive Verhalten, da es sich interpretieren läßt (z. B. wenn das Schweigen als Antwort angenommen wird) und deckt auf diese Weise eine neue Dimension in der Kommunikationstheorie auf. Watzlawick legt mehr wert auf solche Elemente des menschlichen Benehmens wie Glaubwürdigkeit, Ernsthaftigkeit, Charakter der Gesprächspartner, als auf die sprachlichen Formulierungen. Seine Auffassung ist viel besprochen, von manchen Sprachwissenschaftlern auch mit Zweifel empfunden, jedoch aber „nicht bestreitbar“ (Stempel 1984, 154).

1975 formuliert Grice das sog. Kooperationsprinzip, dessen Grundidee ist es, daß die Kommunikation ein kooperatives Handeln, eine Interaktion ist. Somit wurde ein weiterer Faktor zu den bisher als grundlegend für die Interpretation einer Äußerung aufgefaßten zwei Faktoren – Satzbedeutung und sprachlicher und nichtsprachlicher Kontext - hinzugefügt. Diesem Prinzip wurde aber Abstraktheit vorgeworfen und deshalb leitet Grice vier Konversationsmaximen ab, die als „vernünftig akzeptierten Anforderungen an effektive Kommunikation“ (Bußmann 1990, 422) gelten sollen. Ihr Nicht-Akzeptieren könnte zu einem Bruch in der Kommunikation führen. Die Maxime der Quantität verlangt von dem Sprechenden, daß nicht mehr gesagt wird, als nötig. Die Maxime der Qualität erfordert dazu auch einen hohen Grad an Wahrheit bei der Aussage. Die Maxime der Relation lautet, daß man nur Themarelevantes sprechen soll und die Maxime der Modalität setzt Klarheit und keine Dunkelheit und Mehrdeutigkeit im Ausdruck voraus. Die vier Maximen werden als die Grundlage für einen „maximal effizienz- und rationalitätsorientierten Informationsaustausch“ (Stempel, 1984, 163) angesehen.

Die mündliche Kommunikation wird normalerweise als ein Gespräch verstanden, wo die beteiligten Personen ständig wechseln und zwischen denen zeitliche und räumliche Simultaneität besteht. Bei dieser face-to-face Interaktion haben sie die Möglichkeit zu Rückfragen und können mit Hilfe von nonverbalen Mitteln auf etwas hinweisen oder sogar Bezug zum Thema nehmen. Man braucht nicht unbedingt alles in Sprache zu fassen und deshalb haben wir oft bei den Alltagsgesprächen karge Aussagen und kurze, unvollständige Sätze. „Sprachliches Handeln im Rahmen der Alltagskommunikation verläuft gewöhnlich zwanglos und ist weniger geplant als zum Beispiel ein institutionelles Gespräch“ (Ramge, zit. bei Lüger, 1993, 6). Deshalb ist auch der genaue sprachliche Ausdruck nicht so wichtig. Als Anlaß für solche Dialoge bestimmt Stempel (1984, 152) den „Wunsch oder das Bedürfnis, sich mit einem oder mehreren Gesprächspartnern auszutauschen“. Diese Gespräche verlaufen meistens spontan und die Kommunizierenden sind in einem höheren Grade entspannt und sollen und können viel improvisieren. Sie verhalten sich offen und natürlich und haben die Möglichkeit zur Äußerung eines Werturteils.

2.1.2. Probleme und Ueberlegungen bei der Analyse:

Der Faktor Situationalität spielt eine wichtige Rolle nicht nur bei der Ermittlung der sprachlichen Äußerungen, sondern auch bei der Bestimmung der dabei explizierten Gefühle, da sie nur durch ihren Bezug zu der konkreten Situation verstanden werden können. Demzufolge sollen wir bei unseren Forschungen immer von dem situationellen Kontext ausgehen und erst dann die linguistische und psychologische Bedeutung der Phänomene ausfindig zu machen versuchen.

Bei der Interpretation sollen wir auch die Tatsache beachten, daß wir als Interpreten zeitlich und räumlich von den Sprechenden getrennt sind. Dabei geht uns eine wichtige Seite von der face-to-face Interaktion verloren, und nämlich die nonverbale Kommunikation. Darunter verstehen wir die paralinguistischen und außerverbalen Begleitphänomene, die eine entscheidende Rolle für die Erschließung und das richtige Entschlüsseln der Emotionen spielen und das Gespräch in einem hohen Grade bereichern und verfeinern. Es handelt sich dabei einerseits um Intonation, Tonhöhen und Lautstärkenverlauf, Sprechrythmus, Pausengliederung und Akzentuierung, und andererseits um begleitende Geste, Gesichtsausdruck, Blickkontakt, Körpermimik, Körperhaltung, taktile Elemente u.ä..

Bei der Bestimmung der in dem konkreten Gespräch explizierten Gefühle können wir auch dem Faktor der Subjektivität nicht ausweichen. Darunter wird unsere persönliche Einschätzung, Auswertung und Bestimmung der Gefühle gemeint. Bei einer geglückten Kommunikation bewerten sowohl der Sender, als auch der Empfänger die Nachricht (bei uns die Gefühle) auf die gleiche oder ähnliche Weise. Wir gehen davon aus, daß wir - als an dem kommunikativen Prozeß nicht direkt Beteiligten - in den meisten Fällen imstande sind, die emotionelle Seite wie die potentiellen Adressaten zu interpretieren. Es soll aber nicht ausgeschlossen werden, daß wir manchmal die emotionalen Indikatoren auf eine unterschiedliche Weise wahrnehmen und ausdeuten, als ursprünglich intendiert und decodiert war. Die Ursache dafür ist darin zu suchen, daß uns der situationelle Kontext und die allgemeinen Wissensbestände der Gesprächspartner nicht immer vertraut sind. Deshalb bekommt der Bekanntheitsgrad der Sprechenden, die in unseren Gesprächen meistens unbekannt bis flüchtig bekannt sind, eine besondere Wichtigkeit.

Es entsteht zwar ein gewisser Grad an Vertrautheit zwischen ihnen, der sich aber nur durch die unmittelbare außersprachliche Situation – ein Gespräch auf der Straße – ergibt. Immerhin bleiben die Sprechenden unbekannt und das führt mit sich keine besonderen Gefühlsausbrüche. Außerdem kennzeichnen sich auch die meisten zu behandelnden Gesprächsthemen keinesfalls durch den Faktor Privatheit. Und bei einem öffentlichen Problem bleibt die Engagiertheit der sprechenden Personen eher auf der Oberfläche, als wenn es sich um private Angelegenheiten handelt. Deshalb verlassen auch die analysierten Gemütszustände nicht die Sphäre der ursprünglichen Teilnahme und Engagiertheit, charakterisieren sich jedoch keinesfalls durch die tiefe Emotionalität, die der privaten Gespräche unter bekannten Gesprächspartnern eigen ist.

Ein anderes Problem ergibt sich, wenn wir versuchen, die explizierten Gefühle mit Hilfe der Sprache zu bezeichnen, da ein und dasselbe linguistische Mittel Indikator für mehrere emotionelle Zustände sein kann. Ohnehin ist die Grenze zwischen ihnen nicht so streng zu ziehen und manchmal fällt es sogar dem Empfänger schwer, das vom Sender intendierte Gefühl richtig zu bestimmen. Außerdem kommt beim Sprechen nicht explizit ein einziges Gefühl zum Ausdruck, sondern ein Bündel von Gefühlen, die einen gleichen oder ähnlichen psychologischen Wert haben. Zum Beispiel Aggressivität, Unruhe, Empörung, Zorn, Ärger, Ungeduld u.ä. können zugleich ausgedrückt und durch ein und dasselbe linguistische Mittel versprachlicht werden. Eine strenge Grenze ist zwischen diesen Gefühlen ohnehin nicht zu ziehen, man nimmt aber im großen und ganzen an, daß eines von ihnen eine dominierende Rolle hat und die anderen ihm untergeordnet sind.

In diesem Zusammenhang sollen wir auch die Tatsache beachten, daß die mündliche Sprache eine wesentliche Armut an Lexemeinheiten aufweist im Vergleich zu der Schriftsprache. Denn in der alltäglichen Rede wird nur eine ganz begrenzte Anzahl von Wörtern verwendet, der größte Teil des Wortschatzes bleibt als passives Wissen im Hinterkopf des Sprechenden. Diese Tatsache würde aber keinesfalls eine solche Aussage berechtigen, wo es behauptet wird, daß die mündliche Sprache einen niedrigeren Grad an Emotionalität aufweist. Nur ist die Fülle der Mittel, wodurch die Gemütszustände verbalisiert werden, nicht so groß.

Es ist doch wunderlich, wie viele und mannigfaltige Gefühle ein einziges linguistisches Mittel zum Ausdruck bringen kann. Zu dieser Schlußfolgerung kommen wir keinesfalls nur aus der isolierten Betrachtung eines linguistischen Mittels, sondern auch aus der Erschließung der Gesamtbedeutung der ganzen Äußerung. Es gibt sogar Fälle, wo wir von keinem isolierten Lexem sprechen können, das die Emotionalität des Sprechenden verbalisiert, sondern der gefühlshafte Charakter der Äußerung wird eben vom Zusammenspiel aller Bestandteile und der daraus entstandenen Gesamtbedeutung getragen. Manchmal kann der Sinn der ganzen Äußerung eben durch den widersprüchlichen Charakter entstehen, den die einzelnen Satzglieder aufweisen.

Die eigenartige Auswahl der Lexemeinheiten (poetische Funktion der Sprache) und das Zusammenspiel zwischen dem situationellen und außersprachlichen Kontext und der Intention verleihen dem konkreten Mittel eine besonders starke emotionelle Färbung und nuancieren es reich. Die Ausdruckskraft einer Äußerung aber wird in der Regel von dem ganzen Gesprächsschritt oder zumindest von dem jeweiligen Sprechakt getragen. Da unser tatsächlicher Zweck aber die Ermittlung von den mannigfaltigen linguistischen Mitteln ist, die zum Ausdruck von Gefühlen einen wesentlichen Beitrag leisten, ziehen wir in Betracht nicht die komplexe Äußerung, sondern nur bestimmte Teile von ihr. Wir unternehmen deshalb eine eigenartige „Zergliederung“ und richten unsere Aufmerksamkeit ausschließlich auf die in der Rede realisierten syntaktischen, morphologischen, stilistischen etc. Mittel, die uns wichtig und relativ emotionell beladen erscheinen. Unsere Analyse geschieht aber immer unter Berücksichtigung der schon oben angeführten Faktoren.

Da es sich in einem konkreten Dialog in der Regel um einen Sachverhalt handelt (die Gesprächsmitte kennzeichnet sich durch ein Hauptthema und innerhalb dieses Themas werden auch andere Subthemen angesprochen und gewechselt), ist auch die Vielfalt der ausgedrückten Gefühle primär in einer bestimmten Richtung. Das heißt, es werden mannigfaltige Mittel von den Gesprächspartnern verwendet, um ein und denselben Bereich von Emotionen zu verbalisieren. Deshalb ist es nicht sehr angebracht, Synonym- oder Konkurrenzformen einer grammatischen Erscheinung im Rahmen eines konkreten Gesprächs bei der Analyse mehrmals unter die Lupe zu nehmen wie z.B. die Reihung von Gliederungssignale wie ne, nich, nicht, ja, gell u.ä. oder die ganze Fülle von Modalwörtern wie offenbar, offensichtlich, sicher, vielleicht, wahrscheinlich usw., die in einem Gespräch vorkommen.

Auf eine Argumentation, warum der Sprechende eben die angeführten Gefühle empfindet, haben wir aus dem Grunde verzichtet, da dies der vorliegenden Arbeit einen allzu psychologischen Ansatz verleihen würde und unsere ursprünglichen linguistischen Fragestellungen beiseite schieben würde.

Interessant im Kontext unserer Forschung erscheint uns das folgende Phänomen: wenn man über seine Empfindungen redet, dann kann man schwer die treffenden sprachlichen Mittel finden und gerät normalerweise in Schwierigkeit und Verlegenheit, man wird nervös, man spricht nicht deutlich und das Gesagte nimmt man im großen und ganzen nicht als klar und eindeutig wahr. (Vgl. dazu die Filmsequenz drei, wo die Passanten über ihre Empfindungen über das Glück sprechen sollen). Und einen ganz unterschiedlichen Fall haben wir, wenn man miteinander ganz ungezwungen spricht: dann bringt man eine bunte Palette von Gefühlen zum Ausdruck. Das hängt mit der Eigenschaft der Gefühle zusammen, daß sie ihrem Wesen nach keine kognitiven Prozesse darstellen. Wenn man sie zu analysieren versucht, muß man unbedingt den Faktor Spontaneität beachten, da sie immer spontan und in Zusammenhang mit einer konkreten Situation entstehen und erst dann durch verbale und nonverbale Mittel expliziert werden. Deshalb fällt es dem Redenden leichter, die entstandenen Gefühle impulsiv zu versprachlichen, als seine Empfindungen durch den Kopf gehen zu lassen, sie zu bedenken und erst dann zu versuchen, sie zu verbalisieren.

Ein weiteres Problem bei unseren Recherchen ergibt sich daraus, daß die Pragmalinguistik, die Gesprächsanalyse und die Psychologie, auf deren Gebiet wir zu forschen versuchen, humanitäre Wissenschaften sind und nicht mit Postulaten und genauen Maßstäben operieren. Das kann als Folge haben, daß die Ausdruckskraft ein und desselben linguistischen Mittels auf unterschiedliche Weise wahrgenommen und interpretiert werden kann, wobei alle Interpretationen einen wahrhaftigen Charakter aufweisen und einen hohen Anspruch auf Richtigkeit erheben können.

Die in einem Redebeitrag geäußerten Gemütszustände sind nicht immer logisch erschließbar. Manchmal kommen dabei sogar als Gegensätze empfundene Gefühle zum Ausdruck, wie z. B. Ergebenheit und Unversöhnlichkeit. Das sollen wir aber keinesfalls als eine Art Unfolgsamkeit und Zerstreutheit beim Redner annehmen und daher negativ bewerten, sondern vielmehr als eine Folge der spontanen und ungezwungenen Situation der Alltagsrede interpretieren, wo die Redebeiträge nicht vorbereitet und im voraus überlegt sind, sondern impulsiv entstehen und manchmal auch völlig unbedacht (und deshalb später auch bezweifelt werden).

Als heikel hat sich in den meisten Fällen auch die Frage nach den homonymen Formen einer grammatischen Erscheinung erwiesen. Uns als Interpreten, und nicht als unmittelbare Teilnehmer an den analysierten Gesprächen fällt es manchmal schwer die gebrauchten Homonymformen voneinander abzuheben (wie z.B. die Abtönungs- oder Antwortpartikel also und das Kausaladverb also). Als Sprachforscher können wir aber auf diese Weise vieles über den Reichtum der Sprache und deren Ausdrucksform schlußfolgern.

Die vorliegende Arbeit erhebt keinesfalls einen Anspruch auf Vollständigkeit der angeführten und analysierten linguistischen Mittel, da die Analyse aufgrund der konkreten Alltagsgespräche erfolgt und der dort verbalisierten Gefühlsindifikatoren unter die Lupe zieht. Daher erweisen sich in manchen Bereichen (wie z. B. Wortbildung) zu wenig realisierte Sprachmittel, die auf Emotionalität hinweisen. Eine Vervollständigung der Reihen wird aber nicht vorgenommen, da ausschließlich die aufgezählten Dialoge Gegenstand der Untersuchung sind.

2.2. Verbale Mittel:

2.2.1. Auf der Wortbildungsebene:

Im Bereich der Wortbildung sind für die Zwecke unserer Forschung – die Ermittlung der linguistischen Gefühlsindifikatoren – von besonderem Interesse die Modelle der Suffigierung und Präfigierung, da eine Mehrzahl von Suffixen und Präfixen eine einschätzende Nuance enthält und auf diese Weise auf die emotionale Einstellung des Sprechenden hinweist. Solche sind z. B. ent-, los-, un-, miß-, ab-, -freudig, -fähig, etc.. In den analysierten Gesprächen sind wir auf die folgenden Beispiele gestoßen:

1A: Das Substantiv Entschuldigung wird durch Präfigierung gebildet, wo dem Wurzelmorphem Schuld das Präfix ent - angefügt wird. In diesem Fall bezeichnet ent- die Beseitigung oder Entfernung der im Grundwort genannten Dinge (die Schuld).

Die Sprechhandlung Entschuldigung hat hier eine gesprächseröffnende Funktion. Die Entschuldigung kann man auch in einem gewissen Sinne zu den Gefühlen zählen: Wir entschuldigen uns immer, wenn wir etwas Schlechtes getan und die Normen auf irgendeine Weise verletzt haben und es dann bereuen, oder auch wenn wir jemanden bei seiner Beschäftigung stören. Wenn man sich entschuldigt, empfindet man Schuld, die durch das Verbalisieren dieser Sprachhandlung abgenommen werden soll. Auch Bedrängnis, Reue, Verlegenheit und Furcht (besonders bei einem ausgeprägt asymmetrischen[15] Verhältnis) kennzeichnen diesen Prozeß. Der Sich-Entschuldigende soll sich seiner Schuld bewußt werden und der Empfänger (der Entschuldigende) soll dazu bereit sein, die Entschuldigung anzunehmen und eventuell zu vergeben (und auf diese Weise die Schuld zu beseitigen).

Es gibt zahlreiche linguistische Mittel, durch die das Sich-Entschuldigen versprachlicht wird: Nominalphrase (Entschuldigung), Verbalphrase (entschuldigen Sie, bitte), höfliche Bitte oder Frage (Darf ich Sie bitte um Entschuldigung bitten) u.v.a.

[...]


[1] Die Prager nennen sich „Funktionalisten“ und begreifen die Sprache als „systeme fonctionnel“ (System mit Funktionen) im Unterschied zu den anderen strukturalistischen Schulen, die die Sprache nur als System auffassen.

[2] Noch Platon betont den Werkzeugcharakter der Sprache in seinem Krathylos-Dialog (zit. bei Bünting 1981, 47).

[3] Der Unterschied zwischen ihnen besteht in dem Festlegen der Ausgangskriterien – ob es sich um homogene Kriterien handelt oder eher heterogene in Betracht kommen

[4] z. B. „Angst haben“ bedeutet das Pochen des eigenen Herzens fühlen; „Scham empfinden“: das Erröten des Gesichts infolge Gefäßerweiterung und erhöhter Durchblutung spüren (vgl. dazu Clauß 1976, 195)

[5] Henne, H./Rehbock, H.: Einführung in die Gesprächsanalyse. Walter de Griuyter. Berlin, New York 1979.

[6] Das Wort dyadisch bedeutet aus zwei Einheiten bestehend.

[7] Der Begriff symmetrisch beruht auf soziale, soziokulturelle, gesprächsstrukturelle u.ä. Gleichheit der Kommunikationspartner

[8] Als diskursiv wird ein Gespräch bezeichnet, bei dem Geltungen und Normen problematisiert werden.

[9] Die performativen Verben sprechen einen vorgegebenen Sachverhalt nicht aus, sondern konstituieren den Sachverhalt, auf den sie sich beziehen, erst durch das Aussprechen. (vgl. dazu Pannenberg 1984, 66)

[10] Bußmann betrachtet sie als „selbstverständliche (implizite) Sinnvoraussetzungen sprachlicher […] Äußerungen“ (1990, 600). In der Regel wird zwischen logisch-semantischen und pragmatischen Präsuppositionen unterschieden.

[11] Hoberg (1988, 14) bemerkt, daß „mündliche Kommunikation in der Regel ein Gespräch“ ist.

[12] Der Kommunikator wird auch Expedient, Produzent, Urheber, Sender, Suggestor genannt (vgl. dazu Benesch 1992, 209f.)

[13] Den Kommunikanten nennt man auch Empfänger, Rezipient, Perzipient, Betroffener, Wahrnehmender, Interpretant, Konsument, Zielperson (ebd.)

[14] Die Botschaft bezeichnet man noch als message, Parole, Mitteilung, Intention, Gehalt, Aussage, Bedeutung, Anliegen, nonverbales Verhalten (ebd.)

[15] Unterschiedlichkeiten bei den Sprechenden, die anthropologisch, soziokulturell, fachlich, sachlich oder gesprächsstrukturell bedingt sein können bezeichnet man als asymmetrisch. (vgl. dazu Henne/Rehbock 1979, 33)

Details

Seiten
121
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638115520
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v2571
Institution / Hochschule
St.Cyril and St. Methodius University of Veliko Tarnovo – Institut für Germanistik
Note
ausgezeichnet
Schlagworte
Gespräch Emotionen Gefühle linguistische Mittel

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Titel: Linguistische Mittel zum Ausdruck von Gefühlen beim Gespräch