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Sprachstörungen und Lernbehinderung

Hausarbeit 2004 23 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition von Lernbehinderung

3. Theorien der Lernbehinderung
3.1 Lernbehinderung als individueller Defekt
3.2 Lernbehinderung und soziale Randständigkeit
3.3 Lernbehinderung aus systemisch-konstruktivistischer Sicht

4. Sprachentwicklungsstörungen und Lernstörungen
4.1 Störungen der Lern- und Verarbeitungsprozesse
4.2 Informationsverarbeitung unter dem Gesichtspunkt der Intelligenz
4.3 Das Erkennen von Regularitäten und mögliche Störungen

5. Die Sprachstruktur Lernbehinderter
5.1 Lernbehinderung und Sprachstörung als Persönlichkeitsmerkmal
5.2 Lernbehinderung und Sprachstörungen unter soziolinguistischer Perspektive
5.3 Mehrdimensionale Ansätze bei der Betrachtung von Lernbehinderung und Sprachstörung

6.Die Betrachtung des Zusammenhangs von Sprache und Lernen im Unterricht Lernbehinderter

7.Die Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Lernbehinderung und Sprache bei Migrantenkindern
7.1 Die Interdependenzhypothese
7.2 Die Schwellenniveauhypothese
7.3 Der Relevanz der Muttersprache in Bezug auf den affektiven Bereich
7.4 Die Bedeutung exogener Variablen für die Zweisprachigkeit bei Kindern mit Migrationshintergrund

8. Abschlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lernbehinderung ist ein äußerst umstrittener und schwer zu fassender Begriff. Auffällig ist, dass bei allen anerkannten Definitionen dieses Phänomens die Sprache als ein Kriterium der Differenzierung bzw. Abgrenzung genannt wird.

Aus diesem Grund ist es unerlässlich für Lehrer der Schule für Lernbehinderte, sich mit dem Zusammenhang zwischen Lernbehinderung und Sprachbeeinträchtigung bzw. Sprache im Allgemeinen zu beschäftigen. Der Umgang mit dieser Problematik wird später ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts in dieser Schulform sein. Gerade in den Eingangsklassen spielt dieser Aspekt eine besonders große Rolle.

Zunächst möchte ich eine mögliche Definition von Lernbehinderung vorstellen, um im Anschluss verschiedene Theorien der Lernbehinderung darzulegen. Diese verdeutlichen die Sichtweisen des Lehrers auf die Schwierigkeiten und haben unmittelbare Auswirkungen auf seinen Umgang mit der umfassenden Problematik und seiner Behandlung der betroffenen Kinder.

Das Zusammenspiels von Lernbehinderung und Sprachbehinderung, sowie die Faktoren, die bei einer solchen gestörten Entwicklung ineinander spielen, soll im folgenden Verlauf der Arbeit erörtert werden. Weiterhin möchte ich einige empirische Arbeiten erwähnen, die diese Verbindung bestätigen und auf die Problematik im Unterricht der Schule für Lernbehinderte unter diesem Gesichtspunkt eingehen.

Zum Abschluss der Arbeit werde ich kurz auf eine besondere Problematik der Lernbehindertenschule im Zusammenhang mit Sprache eingehen. Diese Schulform wird unverkennbar überproportional häufig von Kindern mit Migrationshintergrund besucht, so dass Phänomene wie Bilingualismus oder Semilingualismus und die damit verbundenen Schwierigkeiten der Kinder beim Lernen bekannt sein sollten.

Durch diese Darstellung soll deutlich werden, dass der Ursachenkatalog für Lernbehinderung umfassend ist und dass auch Zweisprachigkeit und deren Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung als ein mögliches Kriterium immer berücksichtigt werden sollte.

2. Definition von Lernbehinderung

Lernbehinderung ist ein schwer zu fassender Begriff. Zunächst müsste an dieser Stelle geklärt werden, was konkret unter Lernen zu verstehen ist. Darauf möchte ich an dieser Stelle aufgrund des Schwerpunkts der Arbeit verzichten.

Festzuhalten bleibt lediglich, dass es keine einheitliche Lernfähigkeit des Menschen gibt[1]. Kanter formuliert demzufolge „Es gibt keine globale Lernfähigkeit des Menschen und damit umgekehrt keinen globalen Mangel an Lernfähigkeit im Sinne einer generellen Lernbehinderung. Vielmehr ist vorwiegend von aufgabenspezifischen Schwierigkeiten auszugehen, die sich in bestimmten Bereichen allerdings häufen können.“[2]

In der Verordnung zur Sonderpädagogischen Förderung in NRW von 1995 wird analog zu den KMK-Empfehlungen definiert: „ Lernbehinderung liegt vor, wenn die Lern- und Leistungsausfälle schwerwiegender, umfänglicher und langdauernder Art sind und durch Rückstand der kognitiven Funktion oder der sprachlichen Entwicklung oder des Sozialverhaltens verstärkt werden“[3]. Zu beachten ist bei dieser Definition, dass die bislang vorherrschende Überbetonung der Intelligenzminderung relativiert worden ist. Trotzdem muss auch diese durchaus kritisch gesehen und weiter hinterfragt werden.

Eine eindeutige Definition gibt es jedoch bis heute nicht. Vielmehr handelt es sich um einen Sammelbegriff für Schulversagen, dem sich durch unterschiedliche theoretische Zugänge genähert werden kann[4].

3. Theorien der Lernbehinderung

In der Literatur werden verschiedene Verursachungsmomente für Lernbehinderung aufgezeigt, die von individuellen bzw. organischen über sozio-kulturelle Faktoren bis hin zu Umweltbedingungen reichen. Ich möchte nun drei ausgewählte Theorien vorstellen.

3.1 Lernbehinderung als individueller Defekt

Dieser theoretische Ansatz ist auf das medizinische Modell zurückzuführen. Es geht davon aus, dass den Schülern, die bestimmte Leistungen nicht erbringen, individuelle Fähigkeiten oder Voraussetzungen fehlen, da andere Schüler offensichtlich den geforderten Ansprüchen gerecht werden können. Suhrweiher nennt einige mögliche organische Ursachen wie prä- peri- oder postnatal entstandene Störungen der Hirnwindungen. Er ergänzt jedoch sofort, „dass nur bei einem Teil der lernbehinderten Kinder Schädigungen im Potential biologischer Lernvoraussetzungen nachweisbar sind“[5].

Historisch betrachtet ist in diesem Zusammenhang das Konzept der Intelligenz bedeutsamer. Heutzutage gibt es eine ganze Reihe von Intelligenztheorien, die Intelligenz als eine Vielzahl von kognitiven Aktivitäten auffassen und zum Lösen von Problemen und Herausforderungen notwendig sind[6].

Zu beachten ist jedoch bei der Arbeit mit dem Begriff der Intelligenz, dass er zur Vorhersage von Lernversagen in der Schule unbedingt kritisch gesehen werden muss. Ursache dafür ist zum einen, dass der Wertbereich, der Lernbehinderung umfassen soll nicht eindeutig definiert ist. Er schwankt zwischen der unteren Grenze von 50 bis zur oberen Grenze von 85. Zum anderen hat sich bei einem Vergleich der IQ-Werte in Sonderschulen und Grund/Hauptschulen gezeigt, dass es große Überschneidungsbereiche gibt[7].

Weiterhin ist anzuführen, dass auch die Erwartungshaltung Auswirkungen auf den IQ-Wert hat. Rosenthal und Jacobson haben 1971 diesen Zusammenhang in einer Untersuchung nachgewiesen. Indem die Untersucher Bedeutungszuschreibungen vornahmen, schaffen sie Strukturen, die diese Erwartungen scheinbar fördern. Diese Erscheinung wird self-fulfilling-prophecy genannt und kann auch auf die Entstehung einer Lernbehinderung übertragen werden. Wenn ein Schüler immer als dumm, unbegabt und wenig intelligent behandelt wird, stabilisiert das seine eigene Annahme und kann letztendlich zur Beeinträchtigung des Lernens führen.

Außerdem ist durch Untersuchungen von Duyme/Dumret/Tomkiewicz nachgewiesen, dass Intelligenz eng mit sozialen Interaktionsprozessen verbunden ist[8]. In diesem Zusammenhang ist auch das so genannte Boringsche Diktum zu sehen, das besagt, dass Intelligenz letztendlich das ist, was der Intelligenztest misst[9].

Betrachtet man abschließend den Begriff der Intelligenz und seinen Zusammenhang mit Schulerfolg, so wird deutlich, dass es andere Beziehungen gibt, die eine stärkere Verbindung aufweisen. So stellt Suhrweier[10] fest, dass der Sprachentwicklungsstand und die Schulleistung stark korrelieren. Auf diesen Zusammenhang werde ich im weiteren Verlauf der Arbeit verstärkt eingehen.

[...]


[1] Rolf Werning, Lernen und Behinderung des Lernens, Seite 132, In Eberwein, H. Handbuch Lernen und Lernbehinderung. Weinheim/Basel

[2] Kanter/Speck, Pädagogik der Lernbehinderten. Handbuch der Sonderpädagogik, Bd. 4, Seite 47

[3] Das pädagogische Gutachten Sonderpädagogischer Förderbedarf und schulischer Förderort, Material Handreichung, Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW, Ritterbach Verlag, Frechen, 5/2002

[4] Vgl. Rolf Werning, Lernen und Behinderung des Lernens, Seite 134f, In Werning, Balgo, Sassenroth: Sonderpädagogik. Lernen, Verhalten, Sprache, Bewegung und Wahrnehmung. München/Wien, 2002

[5] Suhrweier, H, Lernbehinderte Kinder und Jugendliche - Kennzeichnung der Population, Seite 37, In Siepmann, G. (Hrsg.) Lernbehinderung, Berlin 1993

[6] Vgl. Zimbardo/Gerrig, Psychologie, Seite 565ff ,7. Auflage, Springer Verlag Berlin, 1996

[7] Vgl. Suhrweier, H, Lernbehinderte Kinder und Jugendliche - Kennzeichnung der Population, Seite 38ff, In Siepmann, G. (Hrsg.) Lernbehinderung, Berlin 1993

[8] Vgl. Werning, Lütje-Klose, Einführung in die Lernbehindertenpädagogik, Seite 46, Reihnardt Verlag, München, 2003

[9] zit. nach Herrnstein, IQ in the Meritocracy, 1973

[10] Suhrweier, H, Lernbehinderte Kinder und Jugendliche - Kennzeichnung der Population. In Siepmann, G. (Hrsg.)Lernbehinderung, Seite 41, Berlin 1993

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638281652
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25593
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Heilpädagogische Fakultät
Note
Leistungsnachweis
Schlagworte
Sprachstörungen Lernbehinderung Sprache Kognition

Autor

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Titel: Sprachstörungen und Lernbehinderung