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Erzählstrategien bei Hermann Hesse am Beispiel "Der Lateinschüler"

Seminararbeit 2002 6 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Der folgende Aufsatz beschäftigt sich mit den Erzählstrategien Hermann Hesses in dessen Prosatexten. Hierzu werde ich die 1905 erschienene Erzählung Der Lateinschüler[1] näher betrachten. Neben den Besonderheiten in der Erzählweise möchte ich außerdem auf den Aspekt des Außenseitertums interpretatorisch eingehen. Dabei spielt insbesondere der Zeitraum von 1890 bis 1892 in Hermann Hesses Leben eine wichtige Rolle. In diesen Jahren kommt es zu seiner ersten großen persönlichen Krise. Diese prägt Hesses literarisches Schaffen nachhaltig. So kehren in den frühen Romanen Peter Camenzind (1904) und Unterm Rad (1906) unter anderem die Motive der unliebsamen Schule sowie der verschmähten Liebe zu einem jungen Mädchen immer wieder. Im Lateinschüler ist diese autobiographische Tendenz ebenfalls deutlich zu sehen. Auch hier verschmelzen die Erlebnisse von Göppingen, Maulbronn und Bad Boll[2] in einer Erzählung.

Zunächst möchte ich auf die Zeit- und Raumdarstellung der Erzählung eingehen. Die erzählte Zeit umfaßt in etwa ein Jahr. Die Zeitraffungen bzw. -sprünge nimmt Hesse vor, indem zum einem die Monate oder Jahreszeiten erwähnt werden. So war z.B. der Januar kalt und klar[3] oder der Frühling rückte näher[4]. Zum anderen wird das Wetter beschrieben: Es wurde allmählich wärmer und blauer[5]. Ein Autor läßt immer dann erzählte Zeit aus, wenn in dieser kein Ereignis stattfindet, welches für den Fortgang der Handlung notwendig ist[6]. Im Lateinschüler steht die Beziehung zwischen Karl und Tine sowie die Jungferngesellschaft im Mittelpunkt. Daher erfährt der Leser eher wenig, was Karl Bauer im schulischen Alltag widerfährt. Auch die Szenen, in denen Karl Tine nur drei- oder viermal[7] begegnet und nicht mit ihr spricht, werden zeitlich verkürzt.

Die Darstellung des Raumes erfolgt vorwiegend aperspektivisch[8]. Dies bedeutet, daß nicht ein bloßes Zeigen der Räume im Vordergrund steht, sondern vielmehr bereits ein Kommentar oder eine Wertung einfließt. Dies geschieht durch den auktorialen Erzähler. So ist z.B. die Schule nicht fünfzehn Meter hoch, sondern ein phantastisch großes Haus[9]. Auch die Hauptschauplätze, wie Karls Kammer oder der Hinterhof werden auf diese Art und Weise beschrieben.

Als zweiten Punkt möchte ich mich der auktorialen Erzählweise im Lateinschüler widmen. Schon in den ersten Szenen wird deutlich, daß der Erzähler nicht neutral über Karl Bauer berichtet. Vielmehr greift er kommentierend ein. So z.B. als er Karls Diebstähle versucht zu rechtfertigen, da er diese ja nicht aus Habsucht[10], sondern aus der Not eines Hungernden[11] heraus begeht.

Des weiteren weiß der Erzähler genau über Karls innere Gefühlswelt Bescheid. Eine Szene, die dies sehr deutlich zeigt, ist das erste Zusammentreffen von Karl und Tine. Ein personaler Erzähler würde wie folgt berichten: Karl stand einem hübschen Mädchen gegenüber. Doch hier ist die Rede davon, daß sie ihm sehr schön und lieb[12] erschien. Das

zeigt eindeutig den Ausdruck von Karls subjektiver Empfindung. Doch die Verbindung zwischen Karl Bauer und dem Erzähler wird im Laufe des Textes noch intensiver. Ihren Höhepunkt erreicht sie kurz nachdem Tine Karl gestanden hat, daß sie einen anderen Mann heiraten wird. Die Enttäuschung äußert sich in dem Ausruf O Tine![13] Dieser Ausruf stammt jedoch nicht von Karl, sondern vom Erzähler. Der Berichterstatter beschreibt also nicht mehr nur die Gefühle Karls, sondern er leidet mit ihm. Damit wird die Distanz zwischen Erzähler und Hauptfigur komplett aufgehoben.

[...]


[1] Hesse, Hermann: Der Lateinschüler. In: Hermann Hesse. Erzählungen. Band 1, 2. Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1979, S. 105-142

[2] Vgl. Böttger, Fritz (Hrsg.): Hermann Hesse. Leben. Werk. Zeit, 4. Auflage, Berlin: Verlag der Nation 1980, S. 33-49; Zeller, Bernd: Hermann Hesse, 32. Auflage, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1997, S. 20-28

[3] Hesse, Hermann: Der Lateinschüler. In: Hermann Hesse. Erzählungen. Band 1, 2. Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1979, S. 117

[4] ebd., S. 133

[5] ebd., S. 124

[6] Vgl.: Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie, 7., neubearbeitete und erweiterte Auflage, Opladen: Westdeutscher Verlag 1990, S. 105

[7] Hesse, Hermann: Der Lateinschüler. In: Hermann Hesse. Erzählungen. Band 1, 2. Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1979, S. 125

[8] Vgl.: Stanzel, Franz: Theorie des Erzählens, 6., unveränderte Auflage, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1995, S. 155-164

[9] Hesse, Hermann: Der Lateinschüler. In: Hermann Hesse. Erzählungen. Band 1, 2. Auflage, Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1979, S. 107

[10] ebd., S. 108

[11] ebd., S. 108

[12] ebd., S. 119

[13] ebd., S. 138

Details

Seiten
6
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638281386
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25553
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Erzählstrategien Hermann Hesse Beispiel Lateinschüler Seminar Einführung Literaturwissenschaft

Autor

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Titel: Erzählstrategien bei Hermann Hesse am Beispiel "Der Lateinschüler"