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Wohltätigkeit im viktorianischen England, am Beispiel ausgewählter Figuren des Romans "Bleak House" von Ch. Dickens

Seminararbeit 1998 15 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Warum soziale Aktivitäten in Bleak House ?

Viktorianische Bewertung der Wohltätigkeit

Who did a little and made a great deal of noise — Mrs. Jellyby

Who did a great deal and made no noise — Mr. Woodcourt

Who had an opinion but no solution — Mr. Charles Dickens

Literaturnachweis

Einführung

Die vorliegende Arbeit will untersuchen, wie sich Charles Dickens zu sozialem und karitativem Engagement stellt. Anhand zweier Figuren aus dem Roman „Bleak House“ - des Arztes Mr. Woodcourt und Mrs. Jellyby - werden unterschiedliche Antriebe und Formen karitativen Handelns aufgezeigt; aus der Art ihrer Darstellung wird versucht, den Standpunkt Dickens’ zu entwickeln.

Warum soziale Aktivitäten in Bleak House ?

Der Roman „Bleak House“ zeichnet sich durch eine Fülle sozialer Aktivitäten aus, worunter hier wie in der gesamten vorliegenden Arbeit Einsatz und Hilfe für gesellschaftlich Schlechtergestellte - mit einem modernen Ausdruck: sozial Schwache - zu verstehen sind. Dieses Engagement nimmt naturgemäß je nach Figur ganz verschiedene Züge an und ist auch von sehr unterschiedlichem Erfolg gekrönt. Von der uneigennützigen Hilfe, die die von der Armut der Ziegler erschütterte Esther Summerson leistet, über das Geld, das der Schreibwarenhändler Snagsby dem sterbenden Jo gibt, weil ihm Geld als eine Art Allheilmittel erscheint, bis hin zur Perversion des karitativen Gedankens in der Gestalt des Schmarotzers Skimpole, der mildtätige Gaben einfordert, durchläuft der Roman alle Facetten sozialen Engagements.

Karitativer Einsatz ist jedoch nicht nur eine Hintergrundfarbe, sondern übt eine wichtige Funktion im Roman aus, indem sie es einer Figur ermöglicht, im damals akzeptierten Rahmen unter ihren gesellschaftlichen Rang herabzusteigen und Kontakt zur unteren Gesellschaftsschicht aufzunehmen. Esther Summerson beispielsweise wäre wohl kaum in engeren Kontakt mit den Zieglern gekommen, wenn nicht im Gefolge des gutgemeinten Erbauungsbesuches der Mrs. Pardiggle.

Nun muß betrachtet werden, warum soziales Engagement so häufig nicht nur in Bleak House, sondern auch in den meisten anderen Dickensschen Romanen auftritt und sich auch bemerkenswert harmonisch in den Handlungsablauf einfügt. Dies ist eng verknüpft mit der Frage nach der Identität des in den Romanen beschriebenen England mit dem viktorianischen England. Im Allgemeinen sind die Verhältnisse einander so ähnlich, daß man die Welt der Dickensschen Romane mit dem viktorianischen England gleichsetzen darf, allerdings nur unter Berücksichtigung der Möglichkeit, daß Dickens die realen Zustände für seine Romane verdichtet und zugespitzt haben kann, was für einen Schriftsteller ein durchaus legitimes Mittel ist. Um aber zu verstehen, warum soziales Engagement in einen Roman, dessen Handlung im viktorianischen England abläuft, gut hineinpaßt, ist die Kenntnis der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vonnöten. Im Ausgang des 18. Jahrhunderts verändern sich die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen und schaffen die Basis für die Industrialisierung, die England mit seiner kapitalistischen Gesinnung zur führenden Wirtschaftsmacht Europas macht. Gleichzeitig verschärfen sich aber innere Mißstände: Nicht nur die (Straf-)Justiz, sondern auch das Bildungswesen und die Armenpflege sind veraltet und heruntergekommen. Der durch die Kriege gegen Napoleon stark verschuldete Staat kämpft zudem mit Preisstürzen und Massenarbeitslosigkeit aufgrund von Überproduktion. Obwohl trotz Flurbereinigung und neuer Anbaumethoden die Erträge der Landwirtschaft steigen, kommt es durch starke Bevölkerungszunahme und Landflucht in den Städten zu Nahrungsmittelengpässen. Auf die zunehmende Verarmung reagiert die Regierung mit restriktiven Armengesetzen, die unter anderem Arbeitszwang in Armenhäusern beinhalten. In den 30er und 40er Jahren propagieren verschiedene politische Gruppierungen Sozialreformen, scheitern aber an der Laissez-faire-Politik der Majorität.

Angesichts des Nichthandelns der Politik engagieren Einzelne sich für die Besserung sozialer Mißstände; vielerorts bilden sich auch Wohltätigkeitsvereine, die allerdings oft Projekte in den britischen Kolonien verfolgen statt sich um Bedürftige ihrer Nachbarschaft zu kümmern. Diese Vereine setzten sich vor allem aus Frauen des gehobenen Bürgertums zusammen und wurden, in Anbetracht der untergeordneten Stellung der damaligen Frauen, eher als Beschäftigungstherapie denn als Bewegungen mit ernstzunehmenden Zielen angesehen, obwohl sie durch Spenden, die teils aus Kirchenkollekten, teils aus eigenen Mitteln stammten, beträchtliche Summen Geldes sammelten.

Diese gesellschaftlichen Probleme der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts finden sich sämtlich reflektiert in Dickens’ Romanen und damit auch in Bleak House wieder. Sie erfahren dort allerdings eine literarische Umformung und Zuspitzung, deren Zweck im folgenden herausgearbeitet werden wird.

Viktorianische Bewertung der Wohltätigkeit

Wohltätigkeit wird in der viktorianischen Zeit mit gemischten Gefühlen betrachtet. Zum einen ist sie zwar wünschenswert, denn sie ist gottgefällig - ein wichtiger Aspekt in einer stark calvinistisch geprägten Zeit - und damit für den Gebenden von erhebendem Wert, auf der anderen Seite blickt man auf den Empfänger milder Gaben herab. Dies liegt in zwei Ursachen begründet. Durch den Calvinismus versteht man Wohlstand als Zeichen von Gottgefälligkeit. Je mehr Geld jemand mit seiner Arbeit verdient, in desto höherem Ansehen steht er bei Gott1. Umgekehrt ist dann aus jemandes Armut auf ein sündiges Leben zu schließen, so daß Bedürftige moralisch abgewertet werden. Karitative Dienste verfolgen daher auch weniger die Linderung materieller Not als die Besserung des Charakters des Empfängers2. Bettelei wiederum stellt eine Selbstentehrung dar - Calvin führt dazu den Apostel Paulus an: „So jemand nicht will arbeiten, soll er auch nicht essen“3. Vor diesem calvinistischen Hintergrund ist auch der vielfache Unwille zur Armenhilfe zu verstehen:

By the end of Dickens’ lifetime the popular impression was that charity had failed to do anyone, except charitable persons themselves, any good. [...] Charity was actually thought to worsen conditions of the poor, by undermining their character and increasing their numbers.4

Der Umstand, daß es im viktorianischen England meistens Frauen sind, die die Not der Armen in ihrer Umgebung mildern wollen, führt bei ihren männlichen Zeitgenossen, die wohlgemerkt auch das Schulwesen kontrollieren, zu dem perfiden Vorwurf, daß eine mangelhafte Bildung ihnen die negativen Folgen einer Armenpflege verberge5.

Armenpflege und karitative Tätigkeit werden zu Dickens’ Zeit in gleichem Maße als erbauliche Werke geschätzt wie ihre Empfänger durch ihre Annahme moralisch abgewertet werden. Milderung der Nöte Bedürftiger gilt als schädlich für Staat und Gesellschaft. In der Folge wenden sich viele Wohltätigkeitsvereine Projekten in den britischen Kolonien zu; allerdings auch hier mit vorwiegend moralisch-religiösen Zielen.

Who did a little and made a great deal of noise — Mrs. Jellyby Eine Vertreterin dieser Gesellschaften ist Mrs. Jellyby. In die Romanhandlung eingeführt wird sie durch Mr. Kenge, den Anwalt von Mr. Jarndyce; Esther, Ada und Richard sollen in ihrem Haus die Nacht verbringen, bevor sie zu ihrem Vormund Jarndyce kommen. Von Kenge erfahren sie und der Leser nur wenig, aber einiges Aufschlußreiche. Sie ist offenbar in London recht bekannt und möglicherweise darüber hinaus, denn Kenge unterstellt, daß ihr Name den jungen Leuten geläufig ist. Er schreibt Mrs. Jellyby sehr positive Eigenschaften zu, nennt sie willensstark und charakterfest, und weiß zu berichten, daß sie ihre ganze Energie auf öffentliche Projekte verwendet. All diese Wesenszüge werden aber stark relativiert, ihr nachgerade sofort wieder genommen: sie gibt sich zwar ganz und gar einer afrikanischen Sache hin, aber nur vorübergehend, bis etwas ihre Konzentration ablenkt, ihre Ergebenheit sich verflüchtigt und auf andere Projekte verlegt. Auch was sie beschäftigt, deutet an, daß ihr Engagement sprunghaft und unstetig ist: „[...] the general cultivation of the coffee berry — and the natives —and the happy settlement [...]“6. Der Eindruck, den der Leser so von Mrs. Jellyby bekommt, wird verstärkt durch das Bild, das der Autor vom Sprechenden, dem Anwalt Kenge, zeichnet: Er wirkt durch den gesamten Roman hindurch als einen eher verschlossenen Mann, der sich vorsichtig zu äußern pflegt.

Es ist eine Eigenart des Autors Charles Dickens, Figuren vor ihrem eigentlichen Auftreten durch Zeichen und Spuren von ihnen zu charakterisieren. Nach den Eindrücken, die Mr. Kenge von ihr hat, wird jetzt der Haushalt der Jellybys dargestellt. Das Haus ist verwahrlost, und macht, obwohl eher gutbürgerlich, einen ärmlichen Eindruck. Die Kinder toben wild umher, was für strenge viktorianische Eltern undenkbar wäre.

Angesichts des ersten Auftretens von Mrs. Jellyby7 wird Kenges Charakterisierung nahezu wiederholt;

[...]


1 Diese Vorstellung wird später ihre religiöse Komponente verlieren und sich so zum Kapitalismus entwickeln.

2 Diesen Effekt bezeichnet Welsh (1971) als „dubious at best“.

3 2.Thess. 3,10

4 Welsh (1971), S. 87.

5 Mill (1869), S.163.

6 BH, Kap. 4, S.49. Zur verwendeten Ausgabe siehe Bibliographie.

7 BH, Kap. 4, S.52

Details

Seiten
15
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638281119
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25507
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Englische Philologie
Note
1
Schlagworte
Wohltätigkeit England Beispiel Figuren Romans Bleak House Dickens Literaturwissenschaftliches Seminar Charles

Autor

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Titel: Wohltätigkeit im viktorianischen England, am Beispiel ausgewählter Figuren des Romans "Bleak House" von Ch. Dickens