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Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg - Entstehung und Zerstörung des Wehrmachtsmythos

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 34 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Wehrmacht
2.1 Struktur und Einsatz der Wehrmacht
2.2 Verbrechen der Wehrmacht im Osten
2.2.1 Verbrechen in anderen besetzten Gebieten
2.2.1.1 Die Wehrmacht in Serbien
2.2.1.2 Die Wehrmacht in Griechenland

3. Umgang mit der Wehrmacht, deren Angehörigen 13 und NS-Verbrechern nach
3.1 Gerichtsverhandlungen
3.1.1 Alliierte und ausländische Gerichte
3.1.2 Deutsche Gerichte
3.2 Prozess gegen Angehörige der Wehrmacht - 17 der „OKW-Prozess“
3.3 Die Stimmung innerhalb der Gesellschaft und der Umgang mit Schuld

4. Wehrmachtsmythos und Diskussion im Zuge 20 der Wehrmachtsausstellung

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Als die Ausstellung „Vernichtungskrieg, Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ 1995 durch das Hamburger Institut für Sozialforschung zusammengestellt wurde und auf Reise durch die Bundesrepublik ging, entbrannte eine hitzige Debatte in der Gesellschaft ob und auf welche Weise Angehörige der deutschen Wehrmacht an Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs beteiligt waren. Zum ersten Mal in der Geschichte der BRD gerieten einfache Angehörige der Wehrmacht – die „Landser“ – in den Verdacht, nicht nur an den verschiedenen Fronten gekämpft zu haben, sondern auch an Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung und sonstigen Gräueltaten beteiligt gewesen zu sein oder doch zumindest davon gewusst zu haben. Der Mythos vom tapferen deutschen Soldaten, der mit einer „weißen Weste“ aus dem Krieg nach Hause kam, war zerstört. Otto Schily bezeichnete die Wehrmacht in der 163. Sitzung des Bundestags während der Debatte über die Wehrmachtsausstellung daher als „eine Armee, die einen Ausrottungs- und Vernichtungskrieg führte, die die Massenmorde der berüchtigten Einsatzgruppen unterstützte oder diese jedenfalls gewähren ließ. (...) die sich zum Vollstrecker des Rassenwahns, der Unmenschlichkeit des Hitler-Regimes erniedrigt und damit ihre Ehre verloren hatte.“[1]

Dass diese Ausstellung solch emotionale Debatten in Politik und Gesellschaft auslöste, gar zu Demonstrationen in den einzelnen Ausstellungsstädten führte, verwundert aber nicht. Nicht die Schuld oder Unschuld einzelner NS-Größen, sondern die Schuldfrage von rund 20 Millionen Angehörigen der Wehrmacht, 99,7 Prozent gehörten allein dem Mannschafts-, Unteroffiziers- oder niedrigen Offiziersdienstgrad an,[2] wurde gestellt.

Über 50 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands stellte sich nun die Frage, welchen Anteil die Großvätergeneration an den verbrecherischen Taten, die im Namen Hitlers begannen wurden, hatte. Dieses Mal befanden sich nicht die Angehörigen der SS oder anderen NS-Organisationen auf der Anklagebank, sondern jene Großväter, die als Soldaten der Wehrmacht in den Krieg ziehen mussten. Auf diese Weise war so praktisch jede Familie von der Diskussion betroffen. Die Erzählungen des eigenen Vaters oder Großvaters wurden urplötzlich, nach so langer Zeit, in Frage gestellt.

An dem großen Abstand zwischen Krieg und Thematisierung der Schuldfrage lässt sich erst erkennen, wie schwer es dem Menschen fällt, mit eigener Schuld, egal auf welche Weise diese erfolgt sein mag, umzugehen. Wie aber geht eine Gesellschaft direkt nach dem Krieg mit der eigenen Vergangenheit um? Die Gesellschaft der 50er Jahre, von Michael Schornstheimer mit „Bombenstimmung und Katzenjammer“[3] bezeichnet, mit dem Blick fest nach Westen und in der Erwartung des Wirtschaftswunders, hat eine eigene Art der Vergangenheitsbewältigung gewählt. Allgemein bestand oft nur der Wunsch die Geschichte hinter sich zu lassen, nicht nach eigener Schuld zu fragen und in einer neuen heilen Welt Wohlstand und privates Glück zu erreichen. Oftmals gingen Karieren von Beamten, Industriellen und Politikern des 3. Reiches nahtlos in der BRD weiter. Beispiele finden sich hierfür viele, etwa die Karriere des CDU-Politiker Hans Karl Filbinger, der trotz seiner nachgesagten NS-Vergangenheit von 1966 bis 1978 Ministerpräsident von Baden-Württemberg war oder die Karriere eines Hans Martin Schleyers, der es zum jemals mächtigsten Industriellen im Nachkriegsdeutschland brachte. Die Frage ob Angehörige der Wehrmacht Anteil an Verbrechen gehabt haben, stellte sich erst gar nicht.

Sicherlich ist diese Verhaltensweise in gewissem Umfang auch verständlich. Nach 12 Jahren Nazi-Herrschaft und 6 Jahren Krieg bestand der Wunsch nach einem Neuanfang. Die Männer wurden gebraucht, von den Deutschen ebenso wie von den alliierten Besatzern. Die Halbherzigkeit der Entnazifizierungsprogramme der westlichen Alliierten bestärkte diese Entwicklung des schnelle Vergessens in nicht unerheblicher Weise. Der aufkommende Kalte Krieg lenkte den Blick des Westens ab von der Vergangenheit, hin zu einem neuen Krisenherd, den es unter gemeinsamer Kraftanstrengung zu bewältigen galt. Die großen Kriegsverbrecherprozesse waren abgeschlossen und so verschwand das Thema aus dem Blickwinkel der Gesellschaft bis es die 68er Generation neu aufgriff.

Mit der Wehrachtsaustellung wurde die deutsche Gesellschaft wieder neu mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert und richtiggehend aufgerüttelt. Selbst wenn es der Wunsch vieler ist, so bleibt doch festzuhalten, dass die Geschichte nicht revidierbar ist und aufgearbeitet werden muss, egal welche Zeitspanne zwischen Geschichte und Thematisierung liegt. Die Ausstellung hat dabei den letzten Mythos des 3. Reiches zerstört – unwiderruflich. Nun gilt es, die Verbrechen der Wehrmacht im Detail aufzudecken und zu differenzieren.

2. Die Wehrmacht

2.1. Struktur und Einsatz der Wehrmacht

Die deutsche Wehrmacht, die am 16. März 1935 durch das Gesetz über den Aufbau der deutschen Wehrmacht entstand und als die modernste Armee ihrer Zeit gesehen wurde, unterstand nach der Entlassung des „Reichkriegsministers und Oberbefehlshaber der Wehrmacht“ Werner von Blomberg am 04. Februar 1938 unmittelbar dem Reichskanzler und Führer Adolf Hitler, da er keinen Nachfolger für dieses Amt mehr bestellte. Die oberste Befehlsführung lag zunächst beim Oberkommando der Wehrmacht (OKW), aufgeteilt zwischen dem „Chef des Stabes des OKW“ Keitel und „Chef des Wehrmachtsführungsstabes“ Jodl. Die drei Waffengattungen, Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine, besaßen jeweils ein eigenes Oberkommando. Ab Herbst 1942 wurde die Führungsstruktur umgegliedert. Hitler übernahm nun die Funktion: „Oberster Befehlshaber der Wehrmacht und Oberbefehlshaber des Heeres“. Der Wehrmachtsführungsstab mit Keitel und Jodl blieb zwar mit Hitlers Hauptquartier verbunden, büßte aber zugunsten Hitlers an Kompetenz ein.[4] Das Heer wuchs von zunächst 10 Reichswehrdivisionen bis 1939 auf 46 Infanterie-, 3 Gebirgs-, 5 Panzer- und 4 leichte Divisionen an. Zusätzlich existierte eine Kavalleriebrigade.[5] Diese Vergrößerung gelang aber nur durch die gegen den Versailler Vertrag verstoßende, 1935 wiedereingeführte Wehrpflicht, denn nach Berechnungen verfügte die Wehrmacht gerade einmal über ein bis zwei Millionen freiwilligen Soldaten.[6] Insgesamt verzeichnete die Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs eine Stärke von rund 20 Millionen Soldaten.

Die Erfolge, welche die Wehrmacht zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Polen, Skandinavien und den westlichen Gebieten in Folge der sogenannten „Blitzkriege“ verzeichnete, waren aber nicht nur das Ergebnis einer überlegenen Ausrüstung, sondern auch einer risikoreichen Taktik. Die Generäle fügten ihre einzelnen Panzerdivisionen zu „schlagkräftigen Angriffskeile[n]“[7] zusammen. Im Gegensatz zu den westlichen Alliierten, die ihre Panzerverbände an der Front verteilten, war es der Wehrmacht nun möglich in kurzer Zeit bis tief in das Hinterland des Feindes vorzudringen. Ganz bewusst ging man das Risiko ein, dass die vorrückenden Panzer durch eine Art Ausweichtaktik der westlichen Alliierten von den eigenen Nachschublinien und den nachrückenden Infanterieverbänden abgeschnitten werden. Die Wehrmacht setzte in dieser frühen Phase des Kriegs aber auf den Vorteil besser vorbereitet und zahlenmäßig mindestens ebenso stark wie der Gegner zu sein, beziehungsweise dem Gegner technisch weit überlegen zu sein, wie dies in Polen der Fall war, wo deutsche Panzereinheiten gegen polnische Kavallerie kämpften. Unterstützt wurden die Panzerverbände zudem durch die Luftwaffe, die ihre Kräfte ebenfalls bündelte und zu einer Art „fliegenden Artillerie“[8] wurde, welche die Angriffsmaschinerie zu einer kampfstarken Truppe machte.

Setzten Großbritannien, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion auf eine schnelle Modernisierung und Aufrüstung der Streitkräfte, was einen enormen finanziellen Kraftakt bedeutete, so versuchte die deutsche Wirtschaft Krieg zu führen, ohne dafür sämtliche Ressourcen aufzuwenden. Erst nach den ersten Niederlagen 1941/42 begann Deutschland damit, seine Wirtschaft total auf den Krieg auszulegen und seine Produktion zu steigern. Die Phase von 1939 bis 1942, in der eine begrenzte Rüstung betrieben wurde führte langsam zur „Entmodernisierung“[9] der Wehrmacht. Die begrenzten Ressourcen in Deutschland und die späte Umstellung der deutschen Industrie führte dazu, dass die Wehrmacht zwar zu Beginn des „Unternehmen Barbarossa“ 500 000 Soldaten mehr als die Rote Armee aufweisen konnte, doch wesentlich schlechter ausgerüstet war als dies noch bei den Blitzkriegen im Westen der Fall war. Die Blitzkriegtaktik eignete sich nicht für den Russlandfeldzug – sie scheiterte schon nach wenigen Monaten. Im Gegensatz zu dem flächenmäßig relativ kleinen Gebiet, das die Wehrmacht im Westen einzunehmen hatte, stand nun die weitläufige Sowjetunion. Die an der Westfront so erfolgreichen Panzerverbände mussten nun in drei Heeresgruppen, Heeresgruppe Nord, Heeresgruppe Mitte und Heeresgruppe Süd, aufgeteilt werden. Materielle und menschliche Ressourcen standen in keinem Vergleich zur UdSSR und die weite Verteilung der deutschen Truppen im Osten, vom Finnischen Meerbusen bis hin zum Kaukasus ermöglichte keine ausreichende flächendeckende Versorgung mit modernem Kriegsgerät und dass obwohl die industrielle Produktion 1942 voll auf Krieg eingestellt war. Aber auch die schlechte Infrastruktur der besetzten Ostgebiete erschwerte den Nachschub. Unzureichend motorisierte Einheiten waren auf Pferdefuhrwerke angewiesen, Ersatzteile für defekte Fahrzeuge fehlten.

2.2 Verbrechen der Wehrmacht im Osten

Zur Zeit der Weimarer Republik bestand zwischen der damaligen Reichswehr und der Roten Armee eine Art Zusammenarbeit. In Folge der Versailler Verträge war es der Republik nicht möglich auf deutschen Boden Material zu testen und Ausbildung an den Waffen durchzuführen. Dies fand nun auf sowjetischen Boden statt. Die Zusammenarbeit prägte das Russlandbild vor allem von Reichswehroffizieren keineswegs nur negativ.[10] Umso erstaunlicher ist dies, wenn man an die innenpolitische Stimmung in der Republik denkt. Scheinbar war es also für die Militärs möglich, innenpolitisch gegen Sozialdemokraten und vor allem gegen Kommunisten zu sein, außenpolitisch aber nicht unbedingt in der Sowjetunion den größte Feind zu sehen. Vielmehr galten Frankreich und Polen als die zukünftigen Hauptfeinde. Nicht einmal 20 Jahre später leiteten aber die gleichen Offiziere den Russlandfeldzug und damit auch die Verbrechen die an Zivilbevölkerung und Gefangenen begannen wurde. Wie ist dieser Wandel zu erklären? Sicherlich bewegten mehrere Gründe die Offiziere von ihrem gewonnenen Russlandbild abzurücken. Nach dem Abbruch der Beziehungen zur Roten Armee 1933 kamen keine neuen Informationen über die sowjetischen Streitkräfte und das Land im allgemeinen, zu den bisher bei den Aufenthalten in der UdSSR gewonnen Eindrücke hinzu. Anstelle eigener Erfahrungen und gesicherter Informationen, traten immer mehr alte Klischees, die man seit Jahrzehnten immer wieder über Russland pflegte. Das Bild des „Koloss auf tönernen Füßen“, der schnell zusammenbrechen würde, wenn man von außen nur einmal kräftig daran rütteln würde, wurde wieder aktuell. Im Gegensatz zu der militärischen Führung der Roten Armee, der man Geringschätzung entgegenbrachte, sprach man „dem einfachen russischen Soldaten Zähigkeit und Ausdauer“[11] zu. Ein Grund für die geringe Wertschätzung der Sowjetoffiziere mag darin liegen, dass es sich zum Großteil nicht mehr um die Offiziere handelte, mit denen die Reichswehr noch zufriedenstellend zusammenarbeitete, denn diese Offiziere fielen schon in den Jahren 1937 und 1938 den Säuberungsaktionen von Stalin zum Opfer. Natürlich wurde die Fähigkeit der deutschen Wehrmacht nach den Anfangserfolgen auch erheblich überschätzt. So plante die Wehrmacht, den Krieg gegen die UdSSR innerhalb von acht bis zehn Wochen gewinnen zu können. All diese Punkte reichen aber natürlich noch nicht aus diesen Sinneswandel zu erklären. Vielmehr setzte sich auch nach und nach Hitler mit seinen Vorstellungen eines „rassenideologischen Vernichtungskrieges“[12] bei den Wehrmachtsführungsstäben durch. Unterstützung fand er dabei bei jenen Militärs, die von Anfang an in der bolschewistischen Sowjetunion einen Feind sahen, der vernichtet werden müsse. Walter von Reichenau, Oberbefehlshaber der 6. Armee im Zweiten Weltkrieg, versicherte noch 1933 gegenüber der sowjetischen Botschaft in Berlin, dass „ganz wie früher (...) die Entwicklung und Vertiefung der deutsch-sowjetischen Freundschaft“[13] vorangetrieben werde.. Nicht einmal 10 Jahre später trat Reichenau als einer der eifrigsten Verfechter im Vernichtungskrieg gegen Russland auf. Die Einstellung hatte sich also grundlegend geändert. Kommissarbefehl und Kriegsgerichtsbarkeitserlass bildeten die Grundlage des Vorgehens im Osten. Natürlich gab es einzelne Truppenteile, die sich den Befehlen widersetzten[14], doch wurden die Befehle die vom Führer und vom Oberkommando kamen weitestgehend umgesetzt. Einen erheblichen Anteil an dieser Tatsache hatte sicher auch die gut funktionierende Propagandamaschinerie, wobei die „ideologische Mobilisierung“[15] der einfachen Soldaten durch die eigenen Generäle erfolgte.

Bleibt die Frage in welchem Maße sich die propagierten Feindbilder in den Köpfen der „einfachen Soldaten“ festsetzten und mit eigenen Erfahrungen in Russland und mit Russen deckten: Sicher nicht repräsentativ, doch als ein gutes Beispiel für das Denkverhalten der Soldaten kann hierfür ein Brief eines Oberbootsmaats vom 31. Januar 1943, einen Tag nach Görings „vorgezogener Leichenrede“ für die 6. Armee in Stalingrad, angesehen werden: „Die gestrige Rede unseres Reichsmarschalls hat uns wohl allen in ergreifenden Worten dargelegt, daß wir alles, was uns Deutschen das Leben lebenswert macht, verlieren, wenn der Bolschewismus siegen würde. (...) Ich selbst habe diese entmenschten Horden ja kennen gelernt und kann mir ausdenken, wie es unserer schönen Heimat erging, wenn der Bolschewist diese heiligen Fluren überschwemmen würde.“[16] Gepaart mit der NS-Propaganda und angestachelt durch die Wehrmachtsführung, wie etwa Generaloberst Erich Hoepner, Befehlshaber der Panzergruppe 4 sieben Wochen vor Beginn des Russlandfeldzugs: „Es ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum , die Verteidigung europäischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische Überschwemmung, die Abwehr des jüdischen Bolschewismus. (...) Jede Kampfhandlung muß in Anlage und Durchführung von dem eisernen Willen zur erbarmungslosen, völligen Vernichtung des Feindes geleitet sein.“[17], entstand nach und nach die Überzeugung einen Vernichtungskrieg zu führen, der in dieser Form und Härte absolut notwendig ist. Nur so ist zu erklären, dass sich Angehörige der deutschen Wehrmacht an Erschießungskommandos, Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung und Vernichtungen von ganzen Dörfern beteiligten.

Die lettische Hafenstadt Libau soll dabei als Beispiel deutscher Vorgehensweise dienen. Ende Juni 1941 rückte die 291. Infanterie-Division Richtung Riga vor, um dann über Reval nach Leningrad zu kommen. Libau wurde wegen seinem Hafen als strategisch wichtig angesehen, die Einnahme der Stadt sollte schnell und ohne Probleme erfolgen. Dabei stießen die deutschen Truppen allerdings auf heftigen Wiederstand aus einer Mischung von Rotarmisten, sowjetische Marinesoldaten und leicht bewaffneten Arbeitern. Dieser unerwartet große Wiederstand stoppte den Vormarsch der gesamten Division und die Verluste bis zur endgültigen Einnahme der Stadt am 29. Juni 1941, vier Tage später als geplant, waren höher als erwartet. Die Wehrmacht meldete die Beteiligung von Zivilisten an den Kämpfen den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und dem Sicherheitsdienst (SD). Die Zusammenarbeit zwischen Wehrmacht und SD war dabei eher Alltag, als ein aufsehenerregendes Ereignis. Das 505. Grenadier-Regiment bildete nach Einnahme der Stadt die Ortskommandantur, parallel beanspruchte auch die Marine die Kommandantur, da es sich um Küstengebiet handelte. Die ankommenden Kräften des SD und die Polizeieinheiten, die ersten erreichten am 30. Juni die Stadt, erhielten von der Kommandantur den Befehl die Stadt zu befrieden. Die Art der Befriedung hatte das Reichssicherheitshauptamt schon vorherbestimmt: „Rücksichtsloseste[s] Vorgehen“[18].

Lettische Kollaborateure wurde zu Hilfspolizisten ernannt, Ende Juli verfügten die Deutschen über insgesamt 3485[19] im gesamten Kreis Libau. Dabei handelte es sich nicht etwa um Personen aus den Unterschichten, sondern um die durch die Sowjets enteignete Oberschicht. Für die Arbeiter war die Besetzung des Baltikums durch die Russen Hoffnung, der Gefahr eines Krieges zu entgehen, da man sich nun im Schutz der mächtigen Roten Armee wähnte, doch für die Oberschicht blieb oftmals nur der Weg in den Wiederstand. Die Hilfspolizisten unterstanden direkt der Ortskommandantur. Diese besaßen eine verhältnismäßig freie Hand, denn das Küstengebiet Westlettlands galt noch bis Oktober als militärisches Operationsgebiet, weswegen die Verwaltungsvollmachten erst nach und nach (~ September 1941) an den Gebietskommissar übergeben wurden. Die Verachtung der Juden durch die lettischen Kollaborateure war den deutschen Besatzern bekannt, den für die nationalistischen Letten galten die Juden „als Träger des sowjetischen Systems“.[20] Anstatt aber gegen diese Haltung einzuschreiten, unternahmen die Kommandanten aber nichts dergleichen. Stattdessen wurden Verordnungen erlassen, die obersten Befehlen sogar vorweg griffen. Am 5. Juli wurde vom Ortskommandanten die Kennzeichnungspflicht für Juden erlassen, zwei Wochen bevor die Kennzeichnungspflicht durch die Behörden angeordnet wurde. Erschießungen von politischen Gefangenen konnten zwar durch den Kommissarbefehl gedeckt werden, wie mit jüdischen Gefangenen umzugehen sie, darüber gab es Ende Juni 1941 „noch keine von oben autorisierten Verhaltensregeln“[21]. Trotz alledem gibt es Berichte von Erschießungen, Plünderungen und Festnahmen, die sich vom 29. Juni bis Oktober 1941 erstreckten. Obwohl am 29. Juni ausschließlich Wehrmachtsangehörige in der Stadt waren, wird von ersten Erschießungen der Zivilbevölkerung berichtet. Immer werden angebliche Übergriffe auf deutsche Posten dazu benutzt Massenerschießungen durchzuführen, wobei dies ab dem 4. Juli systematisch geschah. Ein Matrose schildert die Situation am 15. Juli folgendermaßen: „Wir sind auf dem Platz angelangt, auf dem allabendlich so und soviel Heckenschützen erschossen werden. [...] Ringsum stehen Soldaten, ich schätze rund 600 – 800 stehen hier um ihre grausame Neugier zu befriedigen.“[22].

[...]


[1] Thiele, Hans-Günther (Hg.), 1997: Die Wehrmachtsausstellung. Dokumentation einer Kontroverse. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung: S. 7.

[2] Wette, Wolfram, 2002: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt am Main: Fischer: S.176 f.

[3] Schornstheimer, Michael 1989: Bombenstimmung und Katzenjammer. Vergangenheitsbewältigung: Quik und Stern in den 50erJahren. Köln: Pahl-Rugenstein

[4] Warlimont, Walter, 1964: Im Hauptquartier der deutschen Wehrmacht 1939-1945. Grundlagen – Formen – Gestalten. Frankfurt am Main / Bonn: Athenäum: S. 275.

[5] Messerschmidt, Manfred, 1969: Die Wehrmacht im NS-Staat. Zeit der Indoktrination. Hamburg: R. v. Decker’s: S.141.

[6] Wette, 2002, S.158.

[7] Bartov, Omer, 1995: Hitlers Wehrmacht. Soldaten, Fanatismus und die Brutalisierung des Krieges. Reinbek: Rowohlt: S. 28.

[8] Ebenda: S. 28.

[9] Ebenda: S. 27.

[10] Wette, 2002, S.28.

[11] Ebenda: S.32.

[12] Ebenda: S.32.

[13] Ebenda: S.31.

[14] Benz, Wolfgang / Graml, Hermann / Weiß, Hermann (Hg.), 1997: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München: dtv: S. 547.

[15] Wette, 2002, S. 33.

[16] Ebenda: S. 172.

[17] Klee, Ernst / Dressen, Willi (Hg.), 1989: „Gott mit uns“. Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten 1939-1945. Frankfurt am Main: Fischer: S. 7.

[18] Vestermanis, Margers, 1995:Ortskommandantur Libau. Zwei Monate deutscher Besatzung im Sommer 1941. In: Heer, Hannes / Naumann, Klaus (Hg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944. Hamburg: Hamburger Edition: S. 242.

[19] Ebenda: S. 247

[20] Ebenda: S. 246

[21] Ebenda: S. 244.

[22] Ebenda: S. 253.

Details

Seiten
34
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638280945
ISBN (Buch)
9783638691642
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25485
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten – Institut für Geschichte
Note
2
Schlagworte
Verbrechen Wehrmacht Zweiten Weltkrieg Entstehung Zerstörung Wehrmachtsmythos

Autor

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Titel: Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg - Entstehung und Zerstörung des Wehrmachtsmythos