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Ehrenamt auf der Jugendfarm - Eine Untersuchung zum freiwilligen Engagement von Jugendlichen und Erwachsenen

Diplomarbeit 2004 107 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 EINLEITUNG

2 DAS EHRENAMT
2.1 Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit
2.2 Rückblick: Bürgerinitiativen, Selbsthilfe und die Jugendfarm
2.3 Ehrenamt früher und heute – wichtige Veränderungen
2.3.1 Beteiligte Personengruppen und Motivation
2.3.2 Strukturwandel des Ehrenamts, Individualisierung und Pluralisierung
2.3.3 Erwartungen Jugendlicher an ehrenamtliches Engagement
2.4 Exkurs: Diskussion im Stadtjugendring Esslingen zum Thema Ehrenamt
2.5 Internationale Erfahrungen, dargestellt von der Enquete Kommission
2.5.1 „Millennium Volunteers Programme“ in Großbritannien
2.5.2 „Service – Learning – Programme“ in den USA
2.6 Gesellschaftliche Aktivität Jugendlicher in Deutschland

3 UMGANG MIT EHRENAMTLICHEN
3.1 Richtlinien
3.2 Gewinnung Ehrenamtlicher – Engagementhemmnisse
3.3 Gewinnung von freiwillig Engagierten für ein Projekt
3.4 Grundsatz der Nachhaltigkeit – Erhalt von Ressourcen
3.5 Kompetenzanforderungen an Hauptamtliche

4 EHRENAMT AUF DER JUGENDFARM ESSLINGEN
4.1 Die Jugendfarm Esslingen und ihre derzeitige Situation
4.2 Umgang mit dem Thema Ehrenamt auf der Jugendfarm Esslingen
4.2.1 Emi – Programm (Jugendliche werden zu E hrenamtlichen Mi tarbeitern auf der Jugendfarm)
4.2.2 Reflexion des Emi-Programms (Interview R.. Krause)
4.2.3 Eltern – Aktiv – Tage (Interview J. Montoya)

5 AUFSTELLUNG VON HYPOTHESEN

6 UNTERSUCHUNG AUF DER JUGENDFARM ESSLINGEN
6.1 Auswahl der Untersuchungsgruppen
6.2 Auswahl und Konstruktion des Untersuchungsinstruments
6.3 Allgemeine Anforderungen an die Konstruktion eines Fragebogens
6.4 Der Fragebogen – Überprüfung in Bezug auf die Hypothesen
6.5 Pretest – Phase
6.6 Durchführung der Befragung
6.6.1 Befragung der Emis
6.6.2 Befragung der erwachsenen Ehrenamtlichen

7 AUSWERTUNG UND INTERPRETATION
7.1 Graphische Darstellung und Bewertung der Ergebnisse in Bezug auf die Hypothesen
7.1.1 Darstellung und Bewertung der Ergebnisse der Umfrage bei den erwachsenen Ehrenamtlichen
7.1.2 Darstellung und Bewertung der Ergebnisse der Umfrage bei den Emis
7.2 Konsequenzen für die sozialarbeiterische Praxis auf der Jugendfarm

8 SCHLUSSWORT

ANHANG

Vorwort

Die Berufsakademie für Sozialwesen in Stuttgart, an der ich studiere, schreibt im dritten Semester ein dreimonatiges Praktikum (Fremdpraktikum) in einer fremden Einrichtung vor. Ich verbrachte diese drei Monate auf der Jugendfarm Esslingen und hatte so die Gelegenheit, den Farmalltag mit all seinen Raffinessen und manchmal auch Tücken, sowie die Mitarbeiter, Farmbesucher (Kinder, Jugendliche, Erwachsene) und Ehrenamtliche kennen zu lernen.

Nach einiger Zeit wurde mir schnell klar, wie wichtig die Arbeit der ehrenamtlichen Mitarbeiter für die Farm ist, man kann sogar sagen, dass die Jugendfarm Esslingen ohne sie nur schwer oder gar nicht weiter bestehen könnte.

Da auch nach meinem dreimonatigen Praktikum mein Interesse für die Farm und die Menschen die mit ihr in Verbindung stehen weiterbestand und noch besteht, möchte ich mit dieser Arbeit einen Beitrag leisten, um die Arbeit mit freiwillig Engagierten zu optimieren.

Auf der Jugendfarm Esslingen wird bereits einiges in dieser Hinsicht getan (siehe.). Mein Anliegen ist es, die bisherige Arbeit mit Ehrenamtlichen auf der Jugendfarm schriftlich zu erfassen, darzustellen, und zu evaluieren.

Die Ergebnisse sollen Orientierung bieten im weiteren Umgang mit dem Thema ‚Ehrenamtliche auf der Jugendfarm’. Sie sollen nicht nur der Jugendfarm Esslingen von Nutzen sein, sondern auch anderen Jugendfarmen Erfahrungen und Ideen vermitteln, um freiwillige Helfer (auch längerfristig) zu integrieren.

Ich hoffe, dass mit einem guten Konzept oder Konzeptansatz zur Gewinnung von Ehrenamtlichen und die Arbeit mit ihnen das Bestehen der Jugendfarm(en) auch in Zukunft gesichert bleibt.

1 Einleitung

Immer wieder wird man auf verschiedensten Wegen mit der so genannten Krise des Sozialstaats konfrontiert. Immer wieder lesen wir von neuen Kürzungen im Bereich der Sozialleistungen, weniger Finanzmitteln in den Kommunen und Stellenabbau in sozialen Einrichtungen.

Davon betroffen ist auch die Jugendfarm Esslingen. Das offene Angebot musste teilweise (zum Beispiel in den Sommerferien ) schon reduziert werden, da für die saisonabhängigen hohen Besucherzahlen nicht genügend Personal zur Verfügung stand und eine weitere Vollzeitkraft nicht finanziert werden konnte.

So müssen sich soziale Einrichtungen heute verstärkt Gedanken über alternative Konzepte zur Kostenentlastung und Kostenverlagerung machen, wobei hier die sozialpolitische Bedeutung des Ehrenamts deutlich wird:

Ehrenamtliches Engagement kann als gesellschaftspolitische Ressource genutzt werden, die auch von Kürzungen der zur Verfügung stehenden Mittel nicht beeinflusst wird und die ausreichende Versorgung mit sozialen Dienstleistungen weiterhin gewährleistet.

Allerdings sollte die Intensivierung der ehrenamtlichen Arbeit nicht als Vorwand dienen, professionelle Stellen und Angebote zügig abzubauen, sie sollte vielmehr eine Bereicherung und ergänzende Hilfe für die Einrichtung bedeuten.[1]

Einrichtungen, die mit Ehrenamtlichen arbeiten, befinden sich hier allerdings auf einer Gratwanderung. Ehrenamtliche in die Einrichtung zu integrieren, ohne sie dabei zu „funktionalisierten Lückenbüßern“ werden zu lassen, erscheint äußerst problematisch.[2] Es gilt stets zu bedenken, dass Ehrenamtliche nicht „billiger Ersatz für berufliche Fachkräfte“[3] sein wollen.

Dennoch sollte die Arbeit mit Ehrenamtlichen meiner Meinung nach als Chance gesehen und die Herausforderung, eine möglichst gute Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen zu gestalten, angenommen werden.

Die Jugendfarm Esslingen hat dieses Potential erkannt und die Arbeit mit Ehrenamtlichen im letzten Jahr verstärkt in ihr Programm aufgenommen. Dabei ist eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit verschiedensten Fragen und Problemen unumgänglich, wenn die Arbeit mit ehrenamtlichen Mitarbeitern für alle Parteien bereichernd und zufriedenstellend ablaufen soll.

Wie kann die Einrichtung für potentiell Interessierte attraktiv bleiben und wie können diese dann auch auf längere Sicht gesehen motiviert werden, die Einrichtung zu unterstützen?

Wie kann außerdem die Zusammenarbeit und das Verständnis zwischen Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen verbessert werden und Unzufriedenheit vorgebeugt werden?

Diese Arbeit soll Grundlagen zum Thema Ehrenamt vermitteln, auf deren Basis diese und auch weitere Fragen und Probleme angegangen und beantwortet werden können.

Im ersten Teil wird das nötige Hintergrundwissen zum Thema Ehrenamt bereitgestellt und die Entwicklung und Veränderung der letzten Jahre und deren Bedeutung für das Ehrenamt heute aufgezeigt.

Blicke nach Großbritannien und die USA sollen weitere Möglichkeiten und Konzepte, ehrenamtliches Engagement zu fördern, vorstellen.

Im Folgenden werden dann die bisherigen Programme, Vorgehensweisen und Aktionen zum Thema Ehrenamt auf der Jugendfarm erläutert.

Der zweite Teil dieser Diplomarbeit befasst sich dann mit der praktischen Untersuchung, in diesem Fall der Befragung, (wissenschaftliche Methode ist der Fragebogen), zweier verschiedener Gruppen Ehrenamtlicher auf der Jugendfarm Esslingen und der Auswertung und Interpretation der Untersuchungsergebnisse.

Abschließend werden daraus resultierende Konsequenzen für die sozialarbeiterische Praxis auf der Jugendfarm aufgeführt.

2 Das Ehrenamt

2.1 Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit

Zuallererst scheint sich der Begriff des Ehrenamts kaum in wenigen Sätzen erklären zu lassen. Eine sehr allgemeine Definition des Ehrenamts findet sich im Fachlexikon der sozialen Arbeit:

„Ehrenamtlich bzw. freiwillig Engagierte sind Personen jeglichen Alters, die, ohne durch verwandtschaftliche bzw. nachbarschaftliche Beziehungen oder durch ein Amt dazu verpflichtet zu sein, unentgeltlich oder gegen eine geringfügige, weit unterhalb einer tariflichen Vergütung liegenden Entschädigung sich für soziale Aufgaben zur Verfügung stellen.“[4]

Obwohl sich Bock hier ausschließlich auf das freiwillige Engagement in der sozialen Arbeit bezieht, gibt es natürlich auch ehrenamtliche Engagementformen außerhalb des sozialen Bereichs, beispielsweise in der Politik, der Justiz, im religiösen oder ökologischen Bereich etc.

Im Rahmen dieser Arbeit beziehe ich mich jedoch ausschließlich auf das ehrenamtliche Engagement in der sozialen Arbeit und hier speziell auf jenes der Jugendfarm Esslingen.

Wenn man einmal von dieser sehr allgemeinen Definition (s.o.) absieht, sind präzise Bestimmungen, was denn Ehrenamtlichkeit genau nun eigentlich ist, äußerst schwierig zu formulieren, da es in der Praxis zu unterschiedlichsten Formen des Engagements kommt. Einigkeit besteht gerade noch soweit, dass Freiwilligkeit, Unbezahltheit und Gemeinnützigkeit als die drei essentiellen Merkmale der Ehrenamtlichkeit gesehen werden. Dabei gilt eine Aufwandsentschädigung oder Fahrtkostenerstattung nicht als Entgelt.[5]

Problematisch erscheint auch die Zusammensetzung des Wortes ‚Ehrenamt’ aus ‚Ehre’ und ‚Amt’, das ursprünglich aus dem Mittelalter stammt und die Ausübung ständischer Pflichten bezeichnete.[6] Von Ehrenamt in diesem Sinne kann aber heute keinesfalls mehr die Rede sein.

Es stellt sich die Frage, ob die Begrifflichkeit des ‚Ehrenamtlichen’ in der heutigen Zeit überhaupt noch angemessen ist, existieren nebeneinander doch unzählige Alternativen zu diesem Begriff wie freiwillig Engagierte, Volunteers[7], Laienhelfer, bürgerschaftlich Engagierte, freiwillige / unbezahlte Mitarbeiter, usw.

Ich stimme an dieser Stelle mit der Aussage von Heinze u. a. überein, dass ehrenamtliche Tätigkeit nicht immer mit Laienarbeit gleichzusetzen ist, da bestehende Qualifikationen genutzt werden und gezielt Vorbereitungs-, Einarbeitungs- und Qualifizierungsmaßnahmen stattfinden.[8]

Interessant ist hier auch, wie freiwillig Engagierte ihre Tätigkeit selbst bezeichnen. Neuere Untersuchungen fanden hier folgendes heraus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2000, Seite 132

Es zeigt sich, dass bei jüngeren Engagierten der Begriff des „Ehrenamts“ weniger Bedeutung hat, als der der Freiwilligenarbeit. Dennoch wurde er noch häufiger genannt als andere Begriffe wie Bürgerengagement (6%) oder Initiativen- und Projektarbeit (7%).[9]

Ich vermute, dass sich Bezeichnungen wie Freiwilligenarbeit oder freiwilliges Engagement in Zukunft immer mehr durchsetzen werden und den bisher noch gebräuchlichen Begriff des Ehrenamts ablösen werden.

Diese und viele andere Bezeichnungen finden sicher in den unterschiedlichsten Gebieten ihren Einsatz und ihre Berechtigung. Ich werde in dieser Arbeit jedoch hauptsächlich (trotz Widersprüchlichkeiten was die Zusammensetzung des Wortes selbst angeht ) die Begriffe ‚Ehrenamtliche’ bzw. ‚ehrenamtlich Engagierte’ und ‚ehrenamtliche Mitarbeiter’ gebrauchen, da diese auch auf der Jugendfarm Esslingen (und auch bei vielen anderen Jugendfarmen) alltäglich sind und das ‚Ehrenamt auf der Jugendfarm’ schließlich Gegenstand dieser Arbeit ist.

Dabei muss vorweggenommen werden, dass der Terminus ‚ehrenamtlicher Mitarbeiter’ auf der Jugendfarm Esslingen fast ausschließlich die ehrenamtlich engagierten Jugendlichen bis 16 Jahre (siehe auch Punkt 4.2.1 Emi-Programm) meint. Alle anderen fallen unter den Begriff der ‚Ehrenamtlichen’.

Es erscheint mir in Anlehnung an Sauter zudem wichtig, ehrenamtliche Tätigkeit gegenüber der Tätigkeit hauptamtlich Beschäftigter abzugrenzen.[10]

Häufig sind die Übergänge hierbei jedoch fließend, folglich zeichnet sich Ehrenamtlichkeit im Gegensatz zu Hauptamtlichkeit grundsätzlich nur dadurch aus, dass sie nicht zur Existenzsicherung dient. Sehrwohl können Ehrenamtliche gleich gut qualifiziert sein wie Hauptamtliche, manchmal je nach Bereich sogar mehr Erfahrung haben. Obwohl Ehrenamtliche keine Bezahlung im materiellen Sinn erhalten, kann die ehrenamtliche Arbeit einen persönlichen Gewinn für sie bedeuten[11] (s.a. Punkt 2.2.1).

Abschließend möchte ich nun die Definition der Jugendfarm für Ehrenamtlichkeit kurz aufzeigen:

- Ehrenamtliche auf der Jugendfarm sind Menschen, die sich für die Jugendfarm engagieren und keine marktübliche oder gar keine Bezahlung erhalten.
- Auf der Farm können Menschen in das Ehrenamt hineinwachsen, es besteht ein spezielles Angebot für Kinder (Emi-Programm s.a. Punkt 4.2.1).
- Das ehrenamtliche Engagement muss für die Farm sachdienlich sein, d.h. es muss sich an den Rahmenbestimmungen und Zielen der Jugendfarm orientieren und soll helfen, die Konzeption der Farm umzusetzen.[12]

2.2 Rückblick: Bürgerinitiativen, Selbsthilfe und die Jugendfarm

Als Vorreiter für die Gründung der Selbsthilfebewegungen können die Studenten-, Frauen, Alternativ-, Friedens- und Ökologiebewegungen der 60er Jahre genannt werden.

Kritische Haltungen der Bürger gegenüber den bestehenden bürokratisierten und bedürfnisfeindlichen Versorgungsstrukturen im Gesundheits- und Sozialsystem führten dann in den 70er Jahren zur Entwicklung und Ausdehnung neuer Selbsthilfebewegungen.[13]

Auch aufgrund gestiegenem Interesse an Selbstentfaltung und dem immer höher werdenden Leidensdruck der Betroffenen sind diese Engagementformen entstanden die, auch gemeinsam mit Gleichbetroffenen, Lösungen für soziale und gesundheitliche Probleme suchten.

Vor allem das mit dem Wertewandel zusammenhängende Interesse an selbstbestimmten Lebensformen hat sich auf die Engagementbereitschaft ausgewirkt und zu neuen Engagementformen geführt.[14]

Menschen, von gleichen Problemen und Bedürfnisdefiziten betroffen, fanden sich also zusammen, um diese Probleme aus eigener Kraft, in gemeinsamer Anstrengung anzugehen und zu überwinden.

Auch der Ursprung der Jugendfarmen und Aktivspielplätze findet sich in dieser Zeit der Selbsthilfebewegungen. Um der schnellen Abnahme des kindgerechten Lebensraums entgegenzuwirken, schlossen Eltern und andere Interessierte sich zusammen und gründeten – nach Betrachtung der Bedürfnis- und Interessenlagen von Kindern – die Jugendfarmen oder Aktivspielplätze. Die so aus einer Elterninitiative entstandenen Vereine wurden zu Anfang hauptsächlich durch ehrenamtliches Engagement der Eltern getragen. Hier wird der historisch begründete Zusammenhang von Jugendfarm und Ehrenamt deutlich.

Auch wenn heute die Arbeit auf Jugendfarmen hauptsächlich von bezahlten Professionellen erbracht wird, ist ehrenamtliches Engagement noch immer ein wichtiges Standbein der Jugendfarmen.

2.3 Ehrenamt früher und heute – wichtige Veränderungen?

2.3.1 Beteiligte Personengruppen und Motivation

In der Vergangenheit war die Motivation für Bürger, sich ehrenamtlich zu engagieren, zu großen Teilen anders beschaffen als heute. Vor allem Menschen aus höheren gesellschaftlichen Schichten fühlten sich verpflichtet, ihre Zeit und Mittel einzusetzen, um benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu helfen und zu unterstützen. Dieses uneigennützige Handeln im Dienste der Gesellschaft wurde unter anderem auch als eine Frage der Ehre betrachtet.

Heute spielen Motive wie Pflicht oder Ehre kaum noch eine Rolle. Die Menschen der mittleren und jüngeren Generation sind weniger an bestehende Traditionen und gesellschaftliche Schichten gebunden, sie kommen aus unterschiedlichsten Berufs- Bevölkerungs- und Altersgruppen und haben verschiedenste, neue Beweggründe , sich ehrenamtlich oder freiwillig zu engagieren. Wenn früher materieller Reichtum ein Grund war, sich für die Gesellschaft zu engagieren, so besteht dieser Reichtum heute in verfügbarer Zeit, Nähe, Zuwendung, Kreativität, und der Bereitschaft dies für andere zu investieren.[15]

Auch das Verhältnis der Menschen zum Ehrenamt hat sich gewandelt. Motive haben sich geändert, und Bedürfnisse, Interessen und Umgang mit dem Ehrenamt sind konkreter geworden. Menschen engagieren sich heute für andere und wollen gleichzeitig etwas für sich selbst tun. Sie suchen Anerkennung, Spaß, Teilhabe am öffentlichen Leben, wollen dabei sich selbst verwirklichen und das Gefühl haben, etwas Nützliches, Wichtiges oder anderen eine Freude bereitet zu haben. Zudem möchten sie ein Stück Verantwortung übernehmen und dabei vielleicht gleichzeitig mit Freunden Zeit verbringen.[16]

Motive für freiwilliges Engagement lassen sich nach Anheier/Toepler dabei in vier verschiedene Bereiche einteilen:

„Altruistische Motive:

- Solidaritätsgefühl für Arme und Notleidende
- Mitgefühl oder Mitleid
- Identifikation mit Menschen in Not
- Benachteiligten Menschen Hoffnung zu schenken
- Der Menschenwürde gerade von Armen und Benachteiligten Achtung zu verleihen

Instrumentelle Motive:

- Neue Erfahrungen und Fähigkeiten zu erlangen
- Sinnvolle Nutzung der Freizeit
- Andere Menschen zu treffen, Kontakte zu knüpfen
- Persönliche Zufriedenheit zu finden
- Sinnvolle Beschäftigung, Einsatz

Moralisch-obligatorische Motive:

- Moralische oder religiöse Pflichten
- Humanitärer Beitrag für die Gemeinschaft
- Buße zu leisten
- Politische Verpflichtungen und Wertekonzeptionen

Gestaltungsorientierte Motive:

- Aktive Partizipation und Mitbestimmung
- Kommunikation und soziale Integration
- Veränderung gesellschaftlicher Missstände.“[17]

Für die Jugendfarm Esslingen sind hiervon hauptsächlich die sogenannten instrumentellen und gestaltungsorientierten Motive von Bedeutung, genauer herausfinden will ich dies allerdings in der praktischen Untersuchung unter Punkt 6 – Untersuchung auf der Jugendfarm Esslingen.

Ein weiterer Motivaspekt auf der Jugendfarm könnte außerdem die persönliche Bindung, die Kinder und Jugendliche als Besucher zur Farm aufgebaut haben und damit persönliches Interesse, sein. Einige der ehrenamtlichen Mitarbeiter waren schon als Kind und/oder Jugendliche(r) als Besucher auf der Jugendfarm und sind so ins Ehrenamt ‚hineingewachsen’. Dieses Motiv trifft teilweise auch auf die Eltern der Besucher zu.

Immer wichtiger werden auch Motive, die eher auf die (berufliche) Zukunft abzielen, wie zum Beispiel unterschiedlichste Fähigkeiten ausbilden um diese eventuell für die spätere Karriere zu nutzen. Dabei kann das Ehrenamt sowohl als Vorbereitung für den späteren Beruf, als auch zur beruflichen Orientierung dienen.[18]

Gerade dieser Aspekt könnte in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen, da es für Berufseinsteiger immer schwieriger wird, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden. Durch bereits gesammelte, für den späteren Beruf relevante Erfahrungen in einer ehrenamtlichen Tätigkeit könnten so die Einstiegschancen verbessert werden.

Fraglich hierbei ist, ob dies den jüngeren oder potentiell zukünftigen Ehrenamtlichen bewusst ist, oder ob in dieser Richtung noch viel Aufklärungs- und Entwicklungsarbeit nötig ist.

Als erster Schritt könnte hier eine von der Einrichtung bei Bedarf erstellte Bescheinigung über ehrenamtliche Tätigkeiten für vor allem jüngere, freiwillig Engagierte, hilfreich sein.

In den letzten Jahren wurde deutlich, dass sich bei den Motiven für ehrenamtliches Engagement grundlegende Veränderungen vollzogen haben.

Zuallererst fällt der Wandel von pflichtbezogenen Motiven hin zu eher selbstbezogenen Motiven für das ehrenamtliche Engagement auf.

Altruistische und pflichtbezogene Orientierungen machen dabei Platz für Motive, die stärker als zuvor die Bereicherung der persönlichen Lebenserfahrung und den Ausbau eigener Kompetenzen sowie den Wunsch nach Mitgestaltung des Lebensumfeldes betreffen. Der Wunsch nach Mitgestaltung reicht aber noch weiter, wie am Beispiel von sozialen Bewegungen, politischem, ökologischem und zivilgesellschaftlichem Engagement unschwer zu erkennen ist.[19]

So muss Unzufriedenheit mit der Politik nicht unbedingt zu Politikverdrossenheit führen, sondern kann auf örtlicher Ebene zu Eigeninitiative, zu aktivem Bürgerengagement führen. Eine andere äußerst bedeutende Motivationslage, die bisher noch nicht erwähnt wurde, ist die Freiheit oder Freiwilligkeit beim ehrenamtlichen Engagement. Entscheidend ist hier das frei sein von Zwängen, wie sie jeder in Beruf, Familie oder Partnerschaft ständig erlebt. Bevormundung ist dabei völlig fehl am Platze. Beim freiwilligen Engagement werden so auch neue Rollen eingenommen, häufig als Ausgleich und Ergänzung zu Beruf, Familie oder Partnerschaft.

Auf der anderen Seite ermöglicht freiwilliges Engagement ein Gefühl der Zugehörigkeit, des Eingebundenseins und Erwünschtseins, wenn feste soziale Netzwerke wie Familie, Partnerschaft etc. sich heute immer mehr auflösen.[20]

Die individuelle Bedeutung des Engagements für den freiwillig Engagierten nimmt zum ersten Mal auch in der Öffentlichkeit als Begründung für diese Tätigkeiten einen größeren Stellenwert ein.[21]

Gründe hierfür werden in einem umfassenden gesellschaftlichen Wertewandel gesehen, bei dem Pflicht- und Akzeptanzwerte immer unbedeutsamer und Selbstentfaltungswerte immer bedeutsamer werden.[22]

Dabei schließen Gemeinwohlorientierung und Selbstentfaltungsinteressen sich nicht unbedingt gegenseitig aus, sie werden von engagierten Bürgern in Beziehung zueinander gestellt und spielen beidseitig bei der Motivation für Engagement eine Rolle.

So lassen sich Engagementbereite zwanglos motivieren, wenn sie den Eindruck haben, dass sie nicht nur anderen mit ihrem Engagement helfen, sondern gleichzeitig etwas für sich selbst, für ihre eigenen Interessen und ihr persönliches Wohlergehen tun.[23]

Für Einrichtungen, die auf ehrenamtliches Engagement angewiesen sind, ist es wichtig, diesen Zusammenhang zu begreifen und aus ihm Schlüsse für die Motivationsarbeit mit ihren Ehrenamtlichen zu ziehen.

2.3.2 Strukturwandel des Ehrenamts: Pluralisierung und Individualisierung

Ein wichtiges Merkmal, das den Strukturwandel des Ehrenamts begleitet, ist die sogenannte Pluralisierung des Ehrenamts. Engagierte Bürger sind nicht mehr nur in Vereinen und Verbänden ehrenamtlich tätig, sie haben sich eigene Strukturen und informelle Formen geschaffen, um ihr Engagement zu organisieren.[24]

Anfänge für diese Entwicklung liegen in den Sozialen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre: die Ökologie-, Friedens-, Frauen-, Selbsthilfe-, und Jugendhausbewegungen. Mit ihnen entstanden neue Organisationsstrukturen und Aktionsformen wie Initiativen, Projekte und Kampagnen, die völlig neuartige Beteiligungsformen mit sich brachten.[25]

Heute finden sich neue Formen des freiwilligen Engagements häufig in selbstinitiierten Projekten und Initiativen mit zweck- oder zeitgebundener Perspektive. Die geringere Verbindlichkeit der Teilnahme ist dabei ein wichtiger, neuartiger Aspekt, der vor allem Jugendlichen, aber auch engagementbereiten Erwachsenen entgegenzukommen scheint. Freiwilliges Engagement muss sich heute anpassen lassen an eigene Bedürfnisse und individuelle Lebensplanung.[26]

In der Shell-Jugendstudie 97 wird dies durch folgende Ergebnisse untermauert:

Nach dem Spaß am Engagement steht die Möglichkeit, jederzeit wieder aussteigen zu können gleich an zweiter Stelle als wichtige Bedingung für die Übernahme einer ehrenamtlichen /freiwilligen Tätigkeit.[27]

Aber auch in den Vereinen und Verbänden haben sich neue Formen der ehrenamtlichen Tätigkeit ausgebildet und werden sich auch in Zukunft noch weiter entwickeln. Dies kommt der Tatsache entgegen, dass heute viele Menschen bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren, ohne allerdings gleichzeitig Mitglied in einer Organisation zu sein oder bestimmte Ämter zu übernehmen. Sie wollen sich engagieren, ohne sich langfristig fest zu binden.

Diese Entwicklung wird heute oft mit Individualisierung des bürgerschaftlichen Engagements bezeichnet.

Es ist damit die im Vergleich zu früher erhöhte Unabhängigkeit des Einzelnen von traditionellen Bindungen gemeint, soziale und regionale Herkunft sowie geschlechterspezifische und familiäre Rolle haben an Bedeutung für die Lebensgestaltung verloren.

Hierzu muss man anmerken, dass soziale Herkunft, beruflicher Hintergrund oder Geschlecht bei der Wahl des Engagements durchaus noch von Bedeutung sind, sie legen die Personen jedoch weniger fest und binden sie nicht mehr dauerhaft eine bestimmte Engagementform. An ehrenamtlichem Engagement Interessierte haben heute eine große Auswahl an den verschiedensten Engagementformen, es bestehen kaum noch formale Zugangshürden.

Allerdings muss man bedenken, dass durch die Loslösung von Traditionen und festen Rollen auch die Weitergabe des ehrenamtlichen Engagements von zum Beispiel Eltern an ihre Kinder nicht mehr selbstverständlich ist, es muss erst wieder neu gelernt werden. Dabei müssen nicht-familiäre Institutionen wie Schule, Firmen und Einrichtungen aktiver werden, um vor allem jungen Menschen ehrenamtliches Engagement nahe zu bringen.[28] Denn:

„Ein geglücktes Engagement bei Jugendlichen kann den Grundstein für weiteres Engagement im Erwachsenenleben legen.“[29]

Vor dem Hintergrund der Individualisierung kann positiv jedoch auch bemerkt werden, dass die Auflösung alter Sozialformen und Bindungen an Traditionen bei vielen Menschen auch das Bedürfnis nach neuen, sinnstiftenden Beziehungen auslöst. Hierauf können z.B. Volunteers – Netzwerke aufbauen und so sowohl den Bedürfnissen dieser Menschen, als auch denen der betreffenden Organisation gerecht werden.[30]

Außerdem sollte klar sein, dass Individualisierung und Pluralisierung in engem Zusammenhang stehen. Weil die Menschen heute die freie Wahl haben, wo, wie und wie lange sie sich freiwillig engagieren, müssen die Einrichtungen sich über neue Formen des Engagements Gedanken machen, weg von langfristig bindenden Engagementformen, hin zu mehr Flexibilität und weiten individuellen Handlungsspielräumen.[31]

„Wenn sich Menschen heute engagieren, dann wollen sie ihr Arbeitsfeld selbst gestalten, ausgeprägte Hierarchien und eine hohe Regelungsdichte lehnen sie ab. Viele wollen sich nicht mehr für ein langandauerndes Engagement verpflichten, sondern suchen nach projektbezogenen Engagementformen, die ihnen thematisch entgegenkommen.“[32]

Keupp äußerte sich zudem folgendermaßen: „Dem traditionellen Ehrenamt gehen die gesellschaftlichen Passungen verloren“[33]

Auf der einen Seite wird oft von einer Abnahme des freiwilligen sozialen Engagements gesprochen, wofür meist wachsender Individualismus oder Egoismus der Menschen verantwortlich gemacht wird. Auf der anderen Seite hört man von zunehmender Engagementbereitschaft und unausgeschöpftem Potential, das bisher nur zu wenige Einsatzmöglichkeiten gefunden hätte.

Schon früher mussten biographische Situationen zu den ehrenamtlichen Aufgaben passen, doch heute wird diese Passungsfrage für das freiwillige Engagement immer zentraler:

Motiv, Anlass und Gelegenheit zum Engagement müssen, damit freiwilliges Engagement entstehen kann und realisierbar wird, in einer bestimmten biografischen Phase zusammentreffen.[34]

Für all das ist natürlich eine hohe Flexibilität der Einrichtung notwendig, sie kann sich so kaum auf bekannte Personen verlassen, sondern muss sich immer auf neue Interessierte einlassen, diese mit der Einrichtung und ihrer Arbeit vertraut machen und sich auf die wechselnden Bedürfnisse einstellen.

Außerdem ist verstärkt Öffentlichkeitsarbeit und auch Werbung notwendig, um bevorstehende Projekte bekannt und attraktiv für Interessierte zu machen. Hierfür muss auch ein erhöhter Arbeitsaufwand miteingeplant und in Kauf genommen werden.

Bleibt die Frage, ob die Einrichtung die notwendigen Kapazitäten in genügendem Ausmaß zur Verfügung stellen kann.

Auf der Jugendfarm Esslingen gab und gibt es bereits Ansatzpunkte, die dieser Richtung entgegen kommen. So werden größere Unternehmungen, die mehr Helfer erfordern als der Farm normalerweise zur Verfügung stehen, als Projekte (siehe auch ...) vorgestellt und angegangen. So können sich Interessierte beteiligen ohne gleich dauerhaft in das Geschehen der Farm einzusteigen. Natürlich hat die Jugendfarm darüber hinaus die Hoffnung, diese Menschen auch für weitere Aktionen auf der Farm gewinnen zu können.

Auf Möglichkeiten und Richtlinien hierzu werde ich später noch eingehen (siehe...)

Auch wenn Einrichtungen wie die Jugendfarm schon neue Wege gehen, um freiwillig Engagierte für ihre Sache zu gewinnen, ist es meiner Meinung nach auch wichtig, Großprojekte, die zu einer allgemeinen Einstellungsänderung gegenüber dem bürgerschaftlichen Engagement führen können, von staatlicher Seite her finanziell zu unterstützen und mit zu organisieren. Denn wenn sich die Bevölkerung häufiger bürgerschaftlich engagieren soll, muss auch von staatlicher Seite etwas getan werden, um diese Betätigungsform bekannter und attraktiver werden zu lassen.

Zwei Beispiele, wie auch der Staat ehrenamtliches Engagement auf breiter Ebene fördern und unterstützen kann, und wie er bei jungen Menschen zur Bewusstseinsbildung für ehrenamtliches Engagement beitragen kann, möchte ich im folgenden Kapitel am Beispiel Großbritanniens und den USA darstellen.

Auch wenn es ungewiss ist, ob Großprojekte dieser Art in naher Zukunft auch in Deutschland durchgeführt werden, können aus diesen Beispielen durchaus Anregungen für die Arbeit mit freiwillig Engagierten auf Ebene der einzelnen Einrichtungen gewonnen werden.

2.2.3 Erwartungen Jugendlicher an ehrenamtliches Engagement

Im Freiwilligensurvey 1999 werden hierzu u.a. folgende Ergebnisse zu Erwartungen an das eigene Engagement hinsichtlich der Wichtigkeit dargestellt:

- Tätigkeit macht Spaß: 93% (freiwillig Engagierte gesamt: 87%)
- Mit sympathischen Menschen zusammenkommen: 83% (gesamt: 77%)
- Eigene Kenntnisse und Erfahrungen erweitern: 74% (gesamt: 67%)
- Anderen Menschen helfen: 70% (gesamt: 75%)
- Etwas für das Gemeinwohl tun: 68% (gesamt: 75%)
- Verantwortung und Entscheidungsmöglichkeit: 60% (gesamt: 53%)
- Anerkennung für Tätigkeit: 52% (gesamt: 46%)
- Berechtigte eigene Interessen vertreten: 38% (gesamt: 30%)[35]

Es wird deutlich, dass Jugendliche in Bereichen, die vor allem die eigene Person betreffen, höhere Erwartungen haben als die ältere Generation. Die Wichtigkeit von eher altruistischen Bereichen wie anderen helfen oder etwas für das Gemeinwohl tun hat hingegen abgenommen. Auch Anerkennung oder Entscheidungsmöglichkeiten haben an Bedeutung gegenüber älteren Engagierten gewonnen.

All das passt zur strukturellen Veränderung des Ehrenamts, wie es unter Punkt 2.2.1 und 2.2.2 schon dargestellt wurde.

Dass bestimmte, hauptsächlich auf die eigene Person bezogenen, Erwartungen bei Jugendlichen heute noch deutlicher hervortreten als bei Erwachsenen lässt vermuten, dass in Zukunft diese Dinge bei ehrenamtlichen Tätigkeiten noch an Wichtigkeit zunehmen werden.

Einrichtungen und alle Personen, die mit ehrenamtlich Engagierten in Berührung stehen, sollten diese immer wichtiger werdenden Punkte berücksichtigen, wenn sie an auch in der Zukunft bestehendem Ehrenamt interessiert sind.

2.4 Exkurs: Diskussion im Stadtjugendring Esslingen zum Thema Ehrenamt

Bei der Diskussion im Stadtjugendring zum Thema Ehrenamt waren hauptsächlich Vertreter und Ehrenamtliche verschiedenster Einrichtungen aber auch Oberbürgermeister von Esslingen Dr. Zieger und Vertreter der Landes- und Bundespolitik anwesend.

Essentielle Ergebnisse der Diskussion waren folgende:

- Ehrenamt kann nicht ohne Hauptamtlichkeit bestehen und umgekehrt. Sie unterstützen sich gegenseitig, Ehrenamt braucht vor allem hauptamtliche Begleitung. Die Komponente des persönlichen Austauschs muss auf jeden Fall erhalten bleiben.
- Grundprinzipien der Ehrenamtlichkeit sind Freiwilligkeit, Selbstbestimmtheit und Selbstorganisiertheit. Ehrenamt wird dann missbraucht, wenn diese Prinzipien nicht mehr bestehen und z.B. Einsparungen durch Ehrenamt gerechtfertigt werden.
- Mehr Anerkennung und positive Wahrnehmung des Ehrenamts in der Gesellschaft ist notwendig, um ehrenamtliches Engagement weiter zu motivieren.
- Ehrenamtliches Engagement birgt viele Möglichkeiten soziale Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit und emotionale Intelligenz auszubauen und kann auch aufgrund dessen durchaus von Vorteil bei Bewerbungen oder im Beruf sein. Obwohl klar ist, dass ehrenamtliches Engagement vorteilhaft für den Erwerb und Ausbau verschiedenster Kompetenzen ist, müssen viele Ehrenamtliche ihre Tätigkeit bei Bewerbungen verschweigen, da sonst von Seiten der Arbeitgeber schnell fehlende Zeit für die angestrebte Arbeitsstelle vermutet wird. Gerade hier liegt noch großer Änderungsbedarf vor. Es sollte so doch eher angenommen werden, dass sich Bewerber, die sich schon außerhalb ihres Berufs freiwillig engagieren, auch im Beruf überdurchschnittlich einsetzen.
- Ehrenamtliche Tätigkeiten sollten als Wartezeit fürs Studium angerechnet werden.
- In allen (Berufs-)Schulen sollte es einen Ansprechpartner für ehrenamtliches Engagement geben, so könnten die Chancen wachsen, Jugendliche in ehrenamtliche Arbeit mit einzubinden. Zudem sollte es eine einheitliche Regelung geben, wann Schüler zu Gunsten ehrenamtlicher Tätigkeiten vom Unterricht freigestellt werden können.

Auch die Jugendarbeit muss zur Förderung ehrenamtlichen Engagements an den Schulen ansetzen, da hier die Mehrzahl der Jugendlichen erreicht werden kann. Dazu müssen allerdings auch die Schulen demgegenüber aufgeschlossener werden. Um dies zu finanzieren wäre natürlich Hilfe von außen notwendig, wobei hier die Politik bisher leider keine Lösungsmöglichkeiten sieht. Sie strebt langfristig eine Änderung der allgemeinen Haltung zum Thema Ehrenamt an, um solchen Problemen zu begegnen.

- Von den Kommunen sollte in Zukunft mehr Geld für die Unterstützung der ehrenamtlichen Arbeit bereitgestellt werden. Allerdings meinten die politischen Vertreter hierzu, dass in den nächsten 5-10 Jahren auf keinen Fall neue Gesetzesrichtlinien zur vermehrten finanziellen Unterstützung des ehrenamtlichen Engagements geschaffen werden könnten. Statt zusätzlicher Förderung würden sogar eher neue Geldkürzungen auf uns zu kommen.

Allerdings seien in dem Bereich der Versicherung Ehrenamtlicher Fortschritte zu erwarten, eine Haftpflichtversicherung für alle Ehrenamtlichen werde angestrebt.

Diskutiert wurde außerdem über die Jugendleitercard (JULEICA), mit der ehrenamtlich engagierte Jugendliche und junge Erwachsene Vergünstigungen bei bestimmten öffentlichen Einrichtungen erhalten.

Die anwesenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen äußerten jedoch, dass die JULEICA zwar ein positiver Schritt auf dem Weg der Anerkennung ehrenamtlichen Engagements sei und auch zur Öffentlichkeitsarbeit beitrüge, dass sich jedoch kaum ein Jugendlicher nur wegen der JULEICA für ehrenamtliches Engagement interessieren würde.

Es herrsche zudem noch große Notwendigkeit über die JULEICA zu informieren, da sie bisher einen viel zu geringen Bekanntheitsgrad besitze.

Außerdem kam der Gedanke auf, dass eine schriftliche Bestätigung der ehrenamtlichen Arbeit für z. B. Bewerbungen vorgeschrieben werden und zum Standard gehören sollte.

Erstaunen wurde sogar bei den anwesenden Politikern deutlich, als erwähnt wurde, dass z.B. Arbeitslose aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen nur 15 Stunden ehrenamtliche Arbeit pro Woche leisten dürfen, da ihnen sonst das Arbeitslosengeld gekürzt oder gar gestrichen wird. Ist es nicht sogar von Vorteil, wenn Arbeitslose sich, vielleicht sogar in ihrem Berufsfeld, ehrenamtlich betätigen und so ihre Qualifikation erhalten und für den Arbeitsmarkt konkurrenzfähig bleiben?! Natürlich darf das Ehrenamt nicht die Aufnahme einer neuen Arbeitsstelle verhindern, doch hier würde wohl jeder Arbeitslose, der sich ehrenamtlich engagiert und eine Wiederbeschäftigung anstrebt, der neuen Arbeitsstelle Vorrang geben.

Insgesamt verstärkte sich der Eindruck, dass die gegenwärtige Politik ehrenamtliches Engagement eher bestraft als unterstützt und fördert.

Weiter wurde festgestellt, dass die Stadt Esslingen ohne ehrenamtliches Engagement nicht in der Lage wäre, die bisherige Qualität und Vielfalt der sozialen, kulturellen und anderen Angebote aufrecht zu erhalten, sie würden ersatzlos wegfallen. Deshalb muss Ehrenamt gefordert (durch Information und Werbung) und gefördert (durch Hilfe und Unterstützung und Vermeidung zusätzlicher Belastungen) werden.

Schließlich wurde an die anwesenden Politiker die Frage gestellt, was sie nun konkret anstreben werden, um ehrenamtliches Engagement, wie zuvor schon genannt, zu unterstützen und zu fördern. An Antworten wurde Folgendes genannt:

- Kürzungen, das Ehrenamt betreffend, müssen abgewehrt werden
- Strukturen, die Ehrenamt unterstützen und fördern müssen gestärkt werden. Dazu gehören z.B. das Schaffen von Anlaufstellen für am Ehrenamt Engagierte oder schon Beteiligte, der Aufbau einer Anerkennungskultur und der Erhalt und Ausbau bestehender Netzwerke des Ehrenamts.
- Auch von Seiten der Politik muss mehr Dank und Anerkennung ausgesprochen werden und evtl. Vorteile für ehrenamtlich Engagierte geschaffen werden.
- Sonntagsreden nutzen wenig, es müssen Aufwandsentschädigungen ermöglicht, Fortbildungskosten erstattet, also insgesamt ein finanzieller Ausgleich geschaffen werden.

Die sehr gut vorbereitete Diskussion vermittelte allen Anwesenden neue Informationen und beleuchtete das Thema Ehrenamt aus verschiedenen Blickwinkeln. Von Seiten der Politiker wurden konkrete Handlungsschritte für die Zukunft formuliert.

Fraglich bleibt jedoch, ob trotz aller guten Absichten die mangelnden finanziellen Mittel vielen Vorschlägen nicht einen Strich durch die Rechnung machen.

2.5 Internationale Erfahrungen, dargestellt von der Enquete Kommission

Die Programme, die in Großbritannien und den U.S.A. entwickelt und durchgeführt werden, haben zum Ziel, junge Menschen bzw. Jugendliche an ehrenamtliches Engagement heranzuführen. Sie beziehen sich also ausschließlich auf die jüngere Generation der 14- bis 24- Jährigen.

Es gibt bisher noch nicht sehr viele fundierte Beispiele oder Konzeptionen wie, im Bezug auf ehrenamtliches Engagement, mit Jugendlichen umgegangen werden soll, wie man ehrenamtliches Engagement in dieser Altersgruppe sinnvoll fördern und begleiten kann. Sollen aber

„langfristig Grundlagen und Voraussetzungen für die Entwicklung und Gestaltung der Bürgergesellschaft geschaffen werden, stehen und fallen diese Bemühungen mit der Gewinnung und Integration der kommenden Generationen.“[36]

Vielen Menschen fehlt heute der Bezug oder Zugang zu ehrenamtlichem Engagement, da sie oft keine Chance oder Gelegenheit hatten, es zu erfahren oder kennen zu lernen. Von besonderer Bedeutung ist es deshalb, dass bereits Kinder und Jugendliche damit in Berührung kommen.[37]

Also ist es für die Entwicklung des ehrenamtlichen Engagements äußerst wichtig, junge Menschen mit einzubeziehen und angemessene Strategien zu ihrer Begleitung und Unterstützung zu entwickeln und anzuwenden.

Aus diesem Grund möchte ich die beiden Programme an dieser Stelle vorstellen und wichtige Elemente im Umgang mit jungen Ehrenamtlichen verdeutlichen.

2.5.1 „Millennium Volunteers Programme“ in Großbritannien

Die Initiative „Millennium Volunteers“ wurde von der britischen Regierung gegründet und hat sich die „Förderung und Würdigung eines nachhaltigen freiwilligen Engagements junger Menschen im Alter von 16 – 24 Jahren“[38] zum Ziel gesetzt. Die britische Regierung ermöglichte dafür einen Etat von 48 Millionen Pfund für einen Zeitraum von drei Jahren.

Mit diesem Projekt sollte dem Trend[39], dass sich immer weniger junge Menschen ehrenamtlich engagieren entgegengewirkt werden.

„Ziele des Programms sind:

- die Erhöhung der Anzahl Jugendlicher, die sich freiwillig engagieren;
- Erweiterung der Anzahl und des Spektrums von Angeboten und Möglichkeiten für freiwilliges Engagement;
- die nationale Anerkennung für jugendliche Freiwilligenarbeit;
- die Entwicklung von Möglichkeiten zur Qualifizierung und Persönlichkeitsentwicklung durch Freiwilligenarbeit sowie nicht zuletzt
- die stärkere Integration Jugendlicher in die Gesellschaft.“[40]

So liefen im Juni 1998 neun Projekte an, um die obigen Ziele zu verwirklichen. Sie wurden bewusst flexibel gehalten und reichten von individueller Beschäftigung bis hin zu großen Projekten, die von mehreren Jugendlichen gemeinsam durchgeführt werden konnten. Die Jungen Menschen sollten dadurch ermutigt werden, ein eigenes Projekt zu planen und umzusetzen.

Außerdem wurde eine Vielzahl an Praktikumsplätzen angeboten und ein zweistufiges Zertifizierungssystem entwickelt, das sich an der Anzahl der freiwilligen Arbeitsstunden (100 / 200 Stunden) orientiert.

An diesem Punkt angelangt stellt sich nun die Frage, warum sich Jugendliche im Programm engagieren.

Zum einen wollen sie Kompetenzen und Erfahrungen erwerben, die sich positiv auf ihre berufliche Zukunft auswirken könnten. Genauso wichtig ist aber auch das Zusammengehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe, die erlebte Gemeinschaft und nicht zuletzt der Spaß an der freiwilligen Tätigkeit.

Ein weiterer positiver Effekt ist die Stärkung des Selbstwertgefühls und die Erfahrung, immer mehr Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen zu besitzen.

Junge Menschen haben jedoch durchaus auch altruistische Motive, sich am Programm zu beteiligen, zum Beispiel anderen Menschen zu helfen.

Ein wichtiges Anliegen des Programms ist es zudem auch, jungen Menschen die Möglichkeit zur Mitbestimmung zu geben. Dies war, den Ergebnissen der Untersuchung zufolge, bisher nur teilweise erfolgreich:

„Nur wenigen Projekten gelang es, Jugendliche für die Koordination und Umsetzung des Gesamtprojekts zu gewinnen. Die Jugendlichen fühlten sich in den Einzelpraktika der Freiwilligenarbeit häufig kontrolliert.

Freiwilligenarbeit aber ist ein Lebensbereich Jugendlicher, in dem autonom handeln wollen: sie möchten selbst entscheiden, wann und wie sie Freiwilligenarbeit leisten.“[41]

Dies knüpft an die allgemeinen Interessen junger engagierter Menschen an.

Welches sind nun aber Erfolgsfaktoren des Konzepts? Hier nennt die Enquete Studie folgende Punkte, an denen die Förderung und Unterstützung jungen Engagements festgemacht werden kann:

- Die Mitarbeiter setzen sich gezielt für die Gewinnung Jugendlicher für ein Engagement ein. Dabei zählen offene Gespräche in Jugendgruppen und Schulen zu den geeignetsten Strategien. Wichtig und effektiv bei Jugendlichen ist auch eine gute Mund – zu – Mund – Propaganda.
- Jugendliche werden bei der Entwicklung eigener Ideen unterstützt. Es werden ihnen nicht nur Arbeitsfelder angeboten, sondern sie werden bei der Verwirklichung eigener Möglichkeiten unterstützt, so dass sie sich als Mitgestalter und Mitbestimmer sehen können.
- Projekte werden gefördert, die Jugendlichen breite Engagementmöglichkeiten bieten. Dabei ist die Arbeit mit Kindern, Sport, Bildung und Gleichaltrigen am beliebtesten.
- Die Qualität des Engagements muss gesichert sein. Nur wenn die Rahmenbedingungen stimmen, sind für Jugendliche positive Erfahrungen durch das Engagement möglich. Dabei ist enge Zusammenarbeit zwischen den Koordinatoren des Programms und den Einrichtungen nötig, auch um Vorbehalte gegenüber Jugendlichen abzubauen.

Darüber hinaus können Fahrtkosten erstattet werden oder Aufwandsentschädigungen sowie Kinderbetreuung während des Engagements angeboten werden.

Viele der befragten Jugendlichen äußerten zusätzlich, dass ihnen die Begleitung und Unterstützung durch eine vertrauensvolle Person wichtig ist.

Nachdem der Inhalt des Programms klar ist, stellt sich schließlich die Frage, welche Erfolge tatsächlich mit dem Millennium Volunteers Programme bisher erzielt worden sind.

So waren zum Zeitpunkt des Abschlusses der Enquete Studie folgende Ergebnisse bekannt:

Durch das Millennium Volunteers Programme ist es laut Maton/Smith gelungen, eine das Engagement junger Menschen stützende und fördernde Infrastruktur aufzubauen.[42]

Weiterhin konnte eine große Zufriedenheit der teilnehmenden Jugendlichen mit dem Programm festgestellt werden, auch wenn die meisten von ihnen eher an dem persönlichen oder beruflichen Nutzen des Engagements für sie orientiert waren. Gemeinwohlorientierte Motive waren eher von nachrangiger Bedeutung.

Jugendliche aus Randgruppen äußerten zudem, dass sich ihre Einstellung und ihr Verhalten gegenüber sich selbst und der Gesellschaft positiv verändert hat. Auch würden sie nun von der Gesellschaft stärker wahrgenommen.

Insgesamt konnten nach Ablauf des ersten Jahres 8000 junge Menschen durch das Programm an ein freiwilliges Engagement herangeführt werden.

Aus diesen Fakten geht allerdings nicht hervor, ob sich die Jungendlichen auch ohne das Programm engagiert hätten. Doch an den Ergebnissen von 22 Fallstudien kann man sehen, dass sich viele der teilnehmenden Jugendlichen ohne das Programme nicht engagiert hätten.

Um zu erkennen, ob die Zahl der Engagierten überhaupt neue Freiwillige enthält, oder ob die meisten schon vor dem Projekt engagiert waren, wurden die Projektmitarbeiter befragt. 88% gaben immerhin an, dass über die Hälfte der freiwilligen Jugendlichen bisher nicht engagiert gewesen seien.

Initiativen wie das Millennium Volunteers Programme können einen großen Teil zur Stärkung des Bewusstseins der Gesellschaft und der Jugendlichen selbst für freiwilliges Engagement beitragen.

In Großbritannien gibt es zudem seit dem Jahr 2002 das „Citizenship Education Program. Dabei wird es in den weiterführenden Schulen zusätzlich zum staatlichen Lehrplan einen bürgerschaftlichen Lehrplan geben, der den Schülern bürgerschaftliche Kompetenzen vermitteln und sie für Freiwilligenarbeit sensibilisieren soll. So kann gesellschaftliche Integration gefördert werden und das Engagement der Jugendlichen für ihr Umfeld unterstützt werden.[43]

Insgesamt kann das Projekt durchaus als erfolgreich bewertet werden, bietet es doch neue Möglichkeiten für engagierte Jugendliche und setzt Maßstäbe was die Unterstützung und Begleitung derselben angeht.

All das konnte jedoch nicht ohne erhebliche finanzielle Unterstützung geschehen. Man kann daraus den Schluss ziehen, dass der Staat sich in Zukunft – und dies auch als Beispiel für Deutschland – mit einbringen muss wenn es um die Förderung und Mobilisierung von ehrenamtlichem Engagement geht. Er kann die Verantwortung dafür übernehmen, dass die Rahmenbedingungen und die Infrastruktur für freiwilliges Engagement stimmen.

Dabei auch in den Schulen anzusetzen, wo die meisten der Jugendlichen einen Großteil ihrer Zeit verbringen, halte ich für äußerst sinnvoll.

Auch in Deutschland könnte so ehrenamtliches Engagement bei Jugendlichen auf breiter Ebene gefördert werden.

Wie es momentan im Hinblick auf gesellschaftliches Engagement der jüngeren Generation in Deutschland aussieht, möchte ich im übernächsten Kapitel anhand der Shell Jugendstudie kurz darstellen. Zuvor will ich den Blick jedoch noch auf ein weiteres Projekt in den U.S.A. richten.

2.5.2 „Service – Learning Programme“ in den U.S.A.

In vielen Schulen der U.S.A.[44] ist bürgerschaftliches Engagement schon seit längerem ein wichtiger Bestandteil des staatlichen Lehrplans. Dabei nutzen Schüler kommunale Angebote, die von Schulen gefördert und von kommunalen Partnern unterstützt werden. Diese alternativen Lehrformen nahmen in den letzten zwei Jahrezehnten immer weiter an Bedeutung zu und wurden unter dem Begriff des ‚Service-Learning’ bekannt.

Zunächst nun gekürzt eine 1993 überarbeitete Definition für ‚Service-Learning’[45] des NCSA[46]:

- „S.L. ist eine Methode, bei der Schüler durch ihre Teilnahme an sorgfältig organisierten Aktivitäten im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements in ihren Gemeinden Kompetenzen erwerben können.
- Diese Aktivitäten werden durch allgemeinbildende und weiterführende Schulen sowie durch die Kommunen koordiniert.
- S.L. fördert das bürgerschaftliche Bewusstsein. [...]
- S.L. bietet Schülern und anderen Teilnehmern die Möglichkeit, Erfahrungen in der Freiwilligenarbeit zu sammeln und über diese Erfahrungen zu reflektieren.“

Ein wichtiges Prinzip dabei ist, dass das S.L.[47] nicht nur der Gemeinschaft, sondern auch der persönlichen, akademischen und bürgerschaftlichen Entwicklung der Teilnehmer von Nutzen ist. Diese werden auf freiwilliges Engagement vorbereitet und durch ein geeignetes Umfeld zur Reflexion unterstützt.

Das Vertrauen der Schüler in den Nutzen von Freiwilligenarbeit nimmt zudem zu, wenn diese sinnvoll mit dem Lehrplan verbunden wird.

Insgesamt erfordert ein erfolgreiches Programm eine gute Ausbildung, Supervision, Unterstützungsleistungen, Anerkennung, Raum zur Bedürfnisbefriedigung und Evaluation.

Nachdem das S.L. in vielen Schulen der USA seit längerer Zeit zum Alltag gehört, liegen nun schon Ergebnisse zu den Auswirkungen des Programms vor. Man fand heraus, dass die Beteiligung der Schüler am S.L. ihre persönliche und soziale Entwicklung sowie ihr soziales Verhalten äußerst positiv beeinflusst.

Des weiteren kam es zu einer Verringerung der Schulabbrecherquote von Schülern, die am Programm beteiligt sind, von 12% auf 1%.

Auch auf die Leistungsfähigkeit der Schüler hat S.L. positive Auswirkungen. So verbesserte sich der Zensurendurchschnitt der teilnehmenden Schüler an mehr als 80% der Schulen mit S.L. Programmen, der Anteil der Schüler mit einem Punktedurchschnitt von 3,0 oder besser stieg von 12% auf 40%.

Insgesamt kann man sagen, dass S.L. die Bildungschancen verbessert.[48]

Aus dem Bericht der Enquete Kommission geht leider nicht hervor, ob Engagement in einem bestimmten Bereich für Schüler an Schulen mit S.L. Programmen als ein schulisches Muss gilt, oder ob den Schülern die freie Entscheidung, ob sie überhaupt teilnehmen, bleibt. Auf der „Service-Learning-Website“ ist von Mindestwochenstunden, die in den Lehrplan integriert sind, die Rede.[49]

Es stellt sich hier natürlich die Frage, ob man bei Engagement-Pflichtstunden überhaupt noch von freiwilligem Engagement sprechen kann oder ob dies nicht besser als erzwungenes Engagement bezeichnet werden sollte.

Die Äußerung eines Schülers, der an einem S.L. – Programm[50] teilgenommen hat, macht die Paradoxie der Freiwilligkeit deutlich: Er meinte, dass er freiwillig nie an dem Programm teilgenommen hätte, es jetzt aber wieder machen würde.[51]

[...]


[1] vgl. Pankoke, E. und Pankoke-Schenk, M. in: Deutscher Caritasverband (Hrsg.), Freiburg im Breisgau 1986, Seite 44

[2] vgl. Auerbach / Wiedemann, Pfaffenweiler 1997, Seite 64

[3] Pankoke, E. und Pankoke-Schenk, M. in: Deutscher Caritasverband (Hrsg.), Freiburg im Breisgau 1986, Seite 50

[4] Rauschenbach in: Deutscher Verein (Hrsg.), Frankfurt am Main 2002, Seite 240 f

[5] vgl. Auerbach / Wiedemann, Pfaffenweiler 1997, Seite 7

[6] vgl. Heinze u.a. in: Müller (Hrsg.) Weinheim und Basel 1993

[7] der Begriff ‚Volunteers’ wird vor allem verwendet bei verschiedenen Projekten in Großbritannien, aber auch in Deutschland, z. Bsp. Beim ‚Volunteer Projekt Esslingen’.

[8] vgl. Heinze u.a. in: Müller (Hrsg.) Weinheim und Basel 1993

[9] vgl. Picot in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2000, Seite 132 f

[10] vgl. Sauter, München 1986, Seite 349

[11] vgl. Auerbach / Wiedemann, Pfaffenweiler 1997, Seite 10

[12] diese Definition wurde in der Hauptklausur im Januar 2003 vom Team der Jugendfarm Esslingen erstmals ausformuliert und am pädagogischen Tag zum Thema Ehrenamtliche im Februar 2003 nochmals überprüft und zu ihrer jetzigen Form modifiziert.

[13] vgl. Heinze/Strünck in: Heinze/Olk (Hrsg.), Opladen 2001, Seite 273 f

[14] vgl. Braun/Röhrig, Frankfurt am Main 1987, Seite 21 ff

[15] vgl. Pankoke, E. und Pankoke-Schenk, M. in: Deutscher Caritasverband (Hrsg.), Freiburg im Breisgau 1986, Seite 49

[16] vgl.Beher u.a., Weinheim und München 2000 Seite 7

[17] Anheier, H./ Toepler, S., zitiert nach: Enquette Kommission Schriftenreihe Band 4, Opladen 2002, Seite 114

[18] vgl. Auerbach / Wiedemann, Pfaffenweiler 1997, Seite 45f

[19] vgl. Beher / Liebig / Rauschenbach, Weinheim / München 2000

[20] vgl. Link in: Möller (Hrsg.), Opladen 2002, Seite 159-161

[21] vgl. Auerbach / Wiedemann, Pfaffenweiler 1997, Seite 18

[22] vgl. Gensicke / Klages in: Meulemann (Hrsg.), Opladen 1998 Seite 180- 192

[23] vgl. Klages, zitiert nach: Enquette Kommission Schriftenreihe Band 4, Opladen 2002, Seite115

[24] vgl. Enquette Kommission Schriftenreihe Band 4, Opladen 2002, Seite 109-111

[25] vgl. Schumacher, U., Leske+Budrich, Opladen 2003, Seite 72

[26] vgl. Picot in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2000, Seite 120 f

[27] vgl. Jugend ’97 Seite 325

[28] Enquete Kommission Schriftenreihe Band 4, Opladen 2002, Seite110f

[29] Enquete Kommission Schriftenreihe Band 4, Opladen 2002, Seite 113

[30] vgl. Heinze/Strünck in: Alemann/Heinze/Wehrhöfer (Hrsg.), Opladen 1999, Seite 171 f

[31] vgl. Enquete Kommission Schriftenreihe Band 4, Opladen 2002, Seite 109-111

[32] Enquete Kommission Schriftenreihe Band 4, Opladen 2002, Seite 111

[33] vgl. Keupp in: Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e.V. München Seite 17

[34] vgl. Keupp in: Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e.V. München Seite 18, 51

[35] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2000, Seite 157

[36] Enquete Kommission Schriftenreihe Band 4, Opladen 2002, Seite 202

[37] vgl. Koch (Hrsg.) München 1998, Seite 13

[38] Steven Howlett in: Enquete Kommission Schriftenreihe Band 3, Opladen 2002, Seite 34

[39] Ergebnisse des National Survey of Volunteering: Der Anteil der Engagierten in der Altersgruppe der 18-24 Jähreigen sank von 1991 bis 1997 von 55% auf 43%. Ebenso sank der Durchschnitt der wöchentlich freiwillig investierten Arbeitsstunden von 2,7 auf 0,7. vgl. Smith, zitiert nach: Enquete Kommission Schriftenreihe Band 3, Opladen 2002, Seite 30

[40] Steven Howlett in: Enquete Kommission Schriftenreihe Band 3, Opladen 2002, Seite 34 f

[41] Steven Howlett in: Enquete Kommission Schriftenreihe Band 3, Opladen 2002, Seite 37

[42] vgl. Maton / Smith zitiert nach: Enquete Kommission Schriftenreihe Band 3, Opladen 2002, Seite 35

[43] vgl. Steven Howlett in: Enquete Kommission Schriftenreihe Band 3, Opladen 2002, Seite 27-40

[44] 32% aller staatl. Schulen haben bisher das S.L. Programm in den Lehrplan aufgenommen. vgl. Enquete Kommission Schriftenreihe Band 3, Opladen 2002, Seite 274 (nach Skinner/Chapman 1999)

[45] im Folgenden werde ich Service Learning der Einfachheit wegen mit S.L. abkürzen.

[46] NCSA=National Community Service Act, zitiert nach: Enquete Kommission Schriftenreihe Band 3, Opladen 2002, Seite 273 f

[47] S.L. = Service – Learning

[48] vgl. Enquete Kommission Schriftenreihe Band 3, Opladen 2002, Seite 273-278

[49] vgl. http://www.jugendserver.de/wai1/showcontent.asp?ThemaID=1746

[51] vgl. http://www.mitarbeit.de/mitarbeiten/2003/mit_03_2.html

Details

Seiten
107
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638280013
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25346
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart – Fachbereich Sozialwesen
Note
gut
Schlagworte
Ehrenamt Jugendfarm Eine Untersuchung Engagement Jugendlichen Erwachsenen

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Titel: Ehrenamt auf der Jugendfarm - Eine Untersuchung zum freiwilligen Engagement von Jugendlichen und Erwachsenen