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Währungsunion und Asymmetrische Schocks

Seminararbeit 2004 27 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Definition asymmetrischer Schocks
2.1. Schockabsorption: flexible vs. feste Wechselkurse
2.2. Ursachen und Indikatoren für das Auftreten asymmetrischer Schocks
2.2.1. Regionale Arbeitslosigkeit
2.2.2. Reale Wechselkurse
2.2.3. Gesamtwirtschaftliche Produktion

3. Marktbasierte Mechanismen zur Absorption asymmetrischer Schocks
3.1. Preisflexibilität
3.2. Lohnflexibilität
3.3. Mobilität von Arbeit
3.4. Mobilität von Kapital
3.5. Arbeitslosigkeit

4. Institutionelle Mechanismen zur Absorption asymmetrischer Schocks
4.1. Fiskalpolitik auf nationalstaatlicher Ebene
4.2. Fiskaltransfers
4.2.1. Transfers aus dem EU Budget
4.2.2. Intra-europäische Transfers

5. Fazit

1. Einleitung

Mit der am 1.Januar 1999 gestarteten europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) wurden die Wechselkurse der teilnehmenden 12 Staaten unwiderruflich fixiert.

Anhand dieser Arbeit soll nun gezeigt werden welche Auswirkungen die WWU, bezüglich der Anpassungsfähigkeit der Teilnehmerstaaten bei Auftreten von asymmetrischen Schocks hat.

Durch den Wegfall der flexiblen Wechselkurse in einer Währungsunion fehlt der zentrale Mechanismus, um asymmetrische Schocks zu absorbieren. Zudem verfügen die Teilnehmerstaaten nicht mehr über die Möglichkeit Geldpolitik zu betreiben und sind bei der Fiskalpolitik durch den Stabilitäts- und Wachstumspakt in ihrem Handeln eingeschränkt.

Die zentrale These dieser Arbeit ist, dass Fiskalpolitik und Fiskaltransfers auf europäischer Ebene, in Abwesenheit anderer Anpassungsmechanismen, eine zentrale Rolle in der WWU spielen müssen, damit die Absorption asymmetrischer Schocks gewährleistet werden kann.

Zuerst werden die asymmetrischen Schocks, ihre Entstehung, ihre Auswirkungen näher erläutert (2.). Dem soll eine kurze Gegenüberstellung flexibler versus fixer Wechselkurse folgen, um die Problematik des Wegfalls der Wechselkurse in einer Währungsunion zu erläutern (2.1). Anschließend wird die Relevanz asymmetrischer Schocks und einige Indikatoren für das Auftreten von asymmetrischen Schocks diskutiert (2.2). Im Hauptteil der Arbeit sollen nun die Mechanismen diskutiert werden, die in einer Währungsunion zur Anpassung an asymmetrische Schocks zur Verfügung stehen. Diese teilen sich in marktbasierte Mechanismen und institutionelle Mechanismen. Zuerst werden die marktbasierten Mechanismen (3.), die Preisflexibilität (3.1), die Lohnflexibilität (3.2) und die Mobilität von Arbeit (3.3) und Kapital (3.4), sowie die Anpassung durch Arbeitslosigkeit (3.5) besprochen und ihre Wirksamkeit in der WWU analysiert.

Anschließend wird das Thema der zentralen These, die institutionellen Mechanismen (4.) – Fiskalpolitik auf nationalstaatlicher Ebene (4.1) und Fiskaltransfers auf europäischer Ebene (4.2), aufgegriffen und ausführlich diskutiert.

In einem abschließenden Fazit (5.) werden die Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst.

2. Definition asymmetrischer Schocks

Der asymmetrische Schock stellt ein Ereignis dar, welches unterschiedliche Auswirkungen auf verschiedene Teilgebiete (staaten- , länder-, regionenspezifisch) der Euro-Währungszone hat. Der Ausdruck Schock wird in der Konjunkturtheorie in Zusammenhang mit exogenen (als gegeben hinzunehmende Variable, im Gegensatz zur endogenen Variable die mit Hilfe von ökonomischen Prinzipien erklärt werden soll) Variablen verwendet. Unter Schocks werden im allgemeinen relativ starke oder auch rasche Änderungen des Güterangebots oder der Güternachfrage verstanden, die für die Marktteilnehmer überraschend kommen und somit nicht antizipierbar sind. Beispiele wären neue Produktionstechnologien (Produktivitätsschocks), Änderungen der Verbraucherpräferenzen, Lieferengpässe bei wichtigen Rohstoffen (etwa durch Streiks), gravierende Verschiebungen der relativen Preise (Ölpreiskrisen), sowie Kurswechsel in der Wirtschafts- wie auch Lohnpolitik.[1]

Transitorische Schocks führen lediglich zu zeitweiligen Abweichungen von einem langfristigen Trend, ohne diesen zu verändern. Permanente Schocks dagegen führen zu dauerhaften Abweichungen, die Anpassung vollzieht sich auf ein neues Niveau, so dass sich letztlich auch der Trend ändert. Schocks der ersteren Art, können durch gegenzyklische steuer- und/oder geldpolitische Maßnahmen abgefedert werden, sowie durch Kreditaufnahme. Schocks der letzteren Art kann jedoch lediglich durch eine Senkung der relativen Realeinkommen und Preise, durch die Abwanderung von Arbeitskräften oder durch umfassende, langfristige Umstrukturierungen begegnet werden.

Allerdings muss erwähnt werden, dass in der Praxis beide Elemente in einem Schock vereint sein können, also sowohl transitorische als auch permanente Auswirkungen vorhanden sind2. Schocks können sowohl symmetrisch sein, das heisst eine Gruppe von Ländern gleichermaßen betreffen, ein klassisches Beispiel hierfür ist die Ölpreiskrise der 70er Jahre, als auch asymmetrisch sein, also länderspezifische/regionenspezifische Auswirkungen haben. Die Grenzen zwischen asymmetrischen und symmetrischen Schocks können mitunter fließend sein, da auch asymmetrische Schocks über spill-over Effekte Auswirkungen auf andere Länder haben können. Dies ist abhängig von der Stärke und Art des jeweiligen Schocks3. Ein Schock ist in diesem Falle nicht ein eindeutig identifizierbares Phänomen, sondern ist immer abhängig von den Interpretationen der Makroökonomen. Schocks sind zumeist nur modellbezogen interpretierbar, deshalb ist ihre Identifizierung und Interpretation von dem jeweiligen Modell abhängig.4

2.1. Schockabsorption: flexible vs. feste Wechselkurse

Die bahnbrechende Arbeit von Mundell, die Theorie der Optimalen Währungsräume, untersuchte verschiedene mögliche Anpassungsmechanismen, wenn Länder bzw. Regionen von exogenen, idiosynkratischen Schocks betroffen sind. Anhand eines vereinfachten Beispiels dieser Theorie werden hier die Unterschiede zwischen flexiblen und fixen Wechselkursen dargestellt.

Zwei Regionen – A und B – produzieren ein Gut. Es findet eine Nachfrageverschiebung zu Gunsten des Produktes aus der Region B statt, welche eine geringere Nachfrage, folglich eine höhere Arbeitslosigkeit für die Region A bedingt. In B hingegen findet eine Preissteigerung (Inflation) statt. Eine gemeinsame Geldpolitik kann beide Probleme von A und B nicht zur selben Zeit lösen. Eine restriktive Geldpolitik würde die Inflation in B bekämpfen, aber die Arbeitslosigkeit in A verschlimmern. Eine expansive Geldpolitik würde dagegen die Arbeitslosigkeit in A abschwächen, aber die Inflation in B verstärken. Um das Ungleichgewicht zwischen A und B zu bekämpfen ist eine Veränderung der relativen Preise notwendig, Wenn beide Regionen über unterschiedliche Währungen verfügen, kann dies durch Veränderung der Wechselkurse bewirkt werden. In diesem Falle, durch eine Abwertung der Währung des Region A gegenüber B. So könnte es der Region A, durch niedrigere reale Löhne und Preise (obwohl nominale Löhne und Preis konstant bleiben), gelingen seine Wettbewerbsposition wiederzuerlangen. Die Nachfrage in A würde wieder ansteigen und die Arbeitslosigkeit absinken.

Im Falle fixer Wechselkurse fällt nun eben genannter Anpassungsmechanismus, die Ab- oder Aufwertung des Wechselkurses, weg. Deshalb muss dieser Anpassungsmechanismus durch andere Instrumente kompensiert werden. Mundell nennt, in seinem Modell der Optimalen Währungsräume, hierfür drei Möglichkeiten: Senkung der nominalen Löhne und Preise, Arbeitskräftemigration und expansive Fiskalpolitik. Wobei der Abwertungsmechanismus durch die erstgenannte Möglichkeit, die Senkung der nominalen Löhne und Preise in Region A, ersetzt werden könnte. Das Resultat wäre dem der Abwertung gleich, allerdings mit dem signifikanten Unterschied, dass die Geldillusion wegfiele.

„The thesis of those who favor flexible exchange rates is that the community in question is not willing to accept variations in its real income through adjustments in its money wage rate or price level, but that it is willing to accept virtually the same changes in its real income through variations in the rate of exchange.”5

Mundell’s Theorie der optimalen Währungsräume kommt zu dem Schluss, dass wenn der Einfluss von Schocks auf bestimmte Länder bzw. Regionen symmetrisch ist, eine Währungsunion für diese Gruppe von Ländern/Regionen geeignet erscheint. Im Falle asymmetrischer Schocks sind jedoch eine hohe Arbeitskräftemobilität und Lohnflexibilität Voraussetzung.6

2.2. Ursachen und Indikatoren für das Auftreten Asymmetrischer Schocks

Nun stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß die WWU von asymmetrischen Schocks betroffen sein wird, und denzufolge inwiefern die Europäische WWU einen optimalen Währungsraum darstellt oder nicht.

Die Identifizierung von Schocks ist aufgrund der Heterogenität im Auftreten sehr schwierig. Deshalb existieren zahlreiche Studien, die aus der Veränderung ökonomisch relevanter Zeitreihen das Vorhandensein von Schocks ex post identifizieren. Es werden hierbei die Spuren gemessen, die der Schock in der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hinterlassen hat.7 Anhand drei unterschiedlicher Indikatoren, der regionalen Arbeitslosigkeit, der realen Wechselkurse und der gesamtwirtschaftlichen Produktion, sollen die Ursachen für das Auftreten von asymmetrischen Schocks näher betrachtet werden.

2.2.1 Regionale Arbeitslosigkeit

Obstfeld/Peri untersuchten die regionalen Unterschiede der Arbeitslosigkeitsraten in 11 verschiedenen Ländern (alle Unterzeichnerstaaten des Maastricht Vertrags außer Luxemburg) der EU, um zum einen das Vorkommen asymmetrischer Schocks aufzuzeigen, sowie auch die Anpassungsgeschwindigkeit an diese zu überprüfen.8 Das Ergebnis der Untersuchung zeigte, dass regionale Unterschiede in der Arbeitslosigkeit sehr beständig sind. Das bedeutet, dass selbst innerhalb von Staaten keine Migration der Arbeitskräfte stattfindet (Bsp: Nord- Süditalien (mezzogiorno) oder Ost-Westdeutschland). Folglich haben permanente Schocks eine größere Auswirkung, da Arbeitskräfte bei höherer Arbeitslosigkeit als Folge eines asymmetrischen Schocks nicht bereit sind in Regionen mit niedrigerer Arbeitslosigkeit zu migrieren. Nach Obstfeld/Peri sind die großen regionalen Unterschiede der Arbeitslosigkeit ein Beweis asymmetrisch lokalisierter Schocks, der Druck auf die Arbeitskräfte ausüben sollte, mobil zu werden.9

2.2.2. Reale Wechselkurse

Veränderungen der Nachfrage sowie auch des Angebots finden ihren Niederschlag in den relativen Preisen. Folglich müsste die Entwicklung der realen Wechselkurse zwischen den einzelnen europäischen Ländern Hinweis auf das Vorhandensein von asymmetrischen Schocks in der Vergangenheit geben (starke Schwankungen sprechen für asymmetrische Schocks, nur leichte für symmetrische Schocks).10 Entsprechende Untersuchungen wurden von Eichengreen in dem Zeitraum 1973-1996 vorgenommen. Er verglich bei dieser Studie die realen Wechselkurse der USA mit denen der EU Länder. Dabei ergaben sich deutlich größere Schwankungen bei den EU Staaten als bei den USA, was wiederum dafür spricht das erhebliche asymmetrische Schocks auftraten. Allerdings war ein Kern-Peripherie Gefälle erkennbar, das heisst die Länder im Kern des damaligen EWS um Deutschland herum wiesen eine relativ einheitliche Geldpolitik auf, daher waren in dem Kern nur kleine Schwankungen (asymmetrische Schocks) identifizierbar.

Ein Grund hierfür liegt darin, dass die Geldpolitik der „Kern-Länder“ darauf ausgerichtet war, den Kurs der einheimischen Währung gegenüber der D-Mark zu stabilisieren. Außerdem ging aus Eichengreens Studie hervor, dass sich die Schwankungsintensität in den 90er Jahren im Vergleich zum vorangegangenen Jahrzehnt spürbar verringert hat.11

2.2.3. Gesamtwirtschaftliche Produktion

Schwankungen der realen Wechselkurse können für das Vorkommen und die relative Häufigkeit von Schocks aussagekräftig sein. Sie sagen aber nur wenig über die Relevanz von Schocks auf die konjunkturelle Entwicklung aus. Deshalb wählt Wohlers die Veränderungen der gesamtwirtschaftlichen Produktion zwischen 1960 und 1996, als Ansatzpunkt zur Identifikation von Schocks. Stärkere Abweichungen im Wachstum des realen Bruttoinlandsproduktes (BIP) deuten auf eine Dominanz Asymmetrischer Schocks hin. Ähnlichkeiten in der Entwicklung dagegen sprechen für vorwiegend symmetrische Schocks. Auch hier war ein gewisses Kern-Peripherie Gefälle erkennbar. Eine enge Korrelation der Wachstumsraten bestand zwischen Deutschland, Österreich, Benelux-Staaten, Frankreich und Dänemark, wohingegen der Zusammenhang zwischen der Entwicklung Deutschlands und den südlichen EU Ländern (Spanien Portugal und Italien), Großbritanniens, Irlands sowie den skandinavischen Ländern weniger eng war.12

Abschließend gilt es festzustellen, dass die WWU, was die Asymmetrie der Schocks betreffend, in der aktuellen Form keinen optimalen Währungsraum darstellt, da anhand der Indikatoren aufgezeigt wurde, dass auch in der Zukunft asymmetrische Schocks durchaus relevant bleiben werden. Im Falle einer kleineren WWU, die nur aus den genannten Kernländern bestünde, wäre das Risiko, von asymmetrischen Schocks betroffen zu werden, theoretisch geringer. Dem kann gegenüber gestellt werden, dass sich die Wirtschaftspolitiken der Teilnehmerstaaten der WWU während der ersten beiden Stufen der WWU, bedingt durch die Konvergenzkriterien, zusehends angenähert haben. Eine weitergehende Konvergenz durch eine vollständigere Integration des Binnenmarktes ist zu erwarten. Hier knüpft auch die „Lucas-Kritik“ an. Nach Lucas gehen die asymmetrischen Auswirkungen von Schocks im Rahmen der WWU merklich zurück, da die WWU selbst eine Verhaltensänderung der Akteure bewirkt.13 Allerdings könnte die fortschreitende wirtschaftliche Integration entgegengesetzte Effekte zeigen. So wäre es möglich, dass asymmetrische Schocks eines Landes, durch die wirtschaftliche Verflechtung über spill-over Effekte auf die anderen Teilnehmerstaaten übergreifen.

In den nächsten beiden Abschnitten (3 und 4) werden nun die Instrumente erläutert, die in einer Währungsunion zur Anpassung an asymmetrische Schocks zur Verfügung stehen.

[...]


[1] vgl. Wohlers: Relevanz von Schocks in der Europäischen Union - empirischer Befund in Mayer/Scharrer (Hg.), 1997, Schocks und Schockverarbeitung in der Europäischen Währungsunion, S.79f

2 vgl. Patterson/Amati, 1998, Adjustment to Asymmetric Shocks, European Parliament Working Paper, ECON 104, S.13

3 vgl. Wohlers, a.a.O., S.80

4 vgl. Landmann in Mayer/Scharrer (Hg.), 1997, Schocks und Schockverarbeitung in der Europäischen Währungsunion, S.118

5 zitiert nach: Mundell, 1961, A Theory of Optimum Currency Areas, American Economic Review 51, S.663

6 vgl. bezogen auf gesamten Abschnitt 2.1., Mundell, 1961, a.a.O., S.657-665

7 vgl. Wohlers, a.a.O., S.82f

8 vgl. Obstfeld/Peri, 1998, in Begg u.a.(Hg.), Regional Non-adjustment and Fiscal Policy, S.211-217

9 vgl. Obstfeld/Peri, a.a.O., S.223

10 vgl. Wohlers, a.a.O., S.83

11 vgl. Eichengreen,

12 vgl. Wohlers, a.a.O., S.86f

13 von dem amerikanischen Ökonom Lucas geäußerte Kritik an der bis dahin üblichen Abschätzung der Auswirkung von wirtschaftspolitischen Maßnahmen mit Hilfe traditioneller ökonometrischer Großmodelle. Die Lucas-Kritik besagt, dass dieses Vorgehen zu falschen Schlussfolgerungen führt, weil wirtschaftspolitische Maßnahmen zu Erwartungsänderungen führen, die ihrerseits die strukturellen Parameter des ökonometrische Modells beeinflussen. Dies wird bei der ursprünglichen Schätzung aber nicht berücksichtigt.

Details

Seiten
27
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638279802
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25310
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Sozialwissenschaftliche Europastudien
Note
1,0
Schlagworte
Währungsunion Asymmetrische Schocks Währungs-und Finanzmarktintegration Europa

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Titel: Währungsunion und Asymmetrische Schocks