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WALTHER VON DER VOGELWEIDE - Ein politischer Dichter zwischen Propaganda und künstlerischem Selbstverständnis

Hausarbeit 2003 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Der erste `politische Dichter`

2. Walther von der Vogelweide und seine Zeit
2.1 Leben und Werk
2.2 Literarische und gesellschaftliche Bedingungen

3. Walthers politische Spruchdichtung
3.1 Im Umfeld Philipps von Schwaben
3.2 Im Dienste Ottos IV. und seinen Anhängern
3.3 Im Dienste Friedrichs II

4. Ausblick: Walthers Dichtung als Versinnlichung seiner Selbst

5. Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Literatur
5.3 Bildquellennachweis

1. Der erste `politische Dichter`

`Er brauchte die Poesie nicht zu Liebesklagen allein, er lobte, er tadelte, er lehrete. Er lobte erhaben, er tadelte fein und er lehrete moralisch.` [1]

Mit Walther von der Vogelweide beginnt die politische Dichtung in deutscher Sprache. Walthers Spruchdichtung stellt eine erstmalige Nutzung von Literatur zur gezielten Vermittlung politischer Informationen dar. Er begründete die höfische Form der Spruchdichtung, indem er seine Sprüche an den Minnesang anglich und damit erstmalig adelige und bürgerliche Lyrik vereinigte. Walther hob die Spruchdichtung auf das künstlerisch beachtliche Niveau des Minnesangs und erweiterte dadurch den Themenbereich von der Ethik und der Lehre, so dass seine Versdichtung auch zeitgenössische politische Probleme erörterte.

Jedoch liegt die Bedeutung von Walthers Spruchdichtung nicht in der geistigen Selbständigkeit der politischen Gedanken, sondern in der Art, wie Politik in Dichtung umgesetzt wird, wie mit poetischen Instrumenten politische Wirkung erzielt wird. Dieser unmöglich erscheinende Spagat zwischen propagandistischer Auftragsdichtung und einem stark ausgeprägtem künstlerischem Selbstbewußtsein bildet die thematische Grundlage dieser Arbeit.

Walther von der Vogelweide gehört neben Goethe und Schiller zu den bekanntesten deutschsprachigen Dichtern. 500 Strophen - davon 140 Sprüche - sind von Walther in mehr als 25 Handschriften überliefert. Walthers Werk ist 800 Jahre alt und seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts sind Walthers Lieder und Sprüche Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Heute ist die Rubrik `Walther von der Vogelweide` eine der umfangreichsten im Mittelalterteil der Bibliographien. Dennoch steht eine große wissenschaftliche Gesamtdarstellung, welche die Walther-Forschung der vergangenen 200 Jahre zusammenfaßt, noch aus. Einen Durchbruch in der Walther-Forschung stellte die erste Walther-Abhandlung von den Schweizern Bodmer und Breitinger[2] Mitte des 18. Jahrhunderts dar. Das erste anspruchsvolle Porträt Walthers veröffentlichte Ludwig Uhland[3] 1822 und die erste grundlegende historisch-kritische Ausgabe wurde 1827 von Karl Lachmann[4] publiziert. Als gute zeitgenössischen wissenschaftlichen Abhandlungen sind die Monographien von Kurt Herbert Halbach[5] (1983), Gerhard Hahn[6] (1989) und von Thomas Bein[7] (1997) zu nennen. Speziell zur Problematik der politischen Spruchdichtung Walthers sind vornehmlich die Untersuchungen von Matthias Nix[8] (1993) und Ulrich Müller[9] (1996) zu erwähnen.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei grundlegende Teile. Im ersten Teil wird Leben und Werk Walthers dargestellt. Ferner sollen in diesem Teil der Arbeit die historischen und gesellschaftlichen Bedingungen dargelegt werden, unter denen politische Dichtung im Mittelalter erst möglich war. Der mittelalterliche Literaturbegriff, der sich grundlegend von unserem heutigen unterscheidet, soll geklärt werden. Außerdem soll untersucht werden, wo Walther von der Vogelweide als fahrender Dichter im Gefüge der Gesellschaft um 1200 stand.

Der zweite Teil bildet den Hauptteil dieser Arbeit. Dort soll detailliert auf die politische Sangspruchdichtung Walthers eingegangen werden. Eine Wegskizze des fahrenden Dichters durch die europäischen Fürsten-, Königs- und Kaiserhöfe soll nachgezeichnet werden. Die Sprüche unter Philipp II., Otto IV. und unter Friedrich II. und die damit verbundenen Forschungsprobleme bilden hier die Schwerpunkte. Folgende Fragen sollen hier erörtert werden: Wie sind bestimmte Strophen zu datieren? Welche Personen sind gemeint? Bei welchen Anlässen und vor welchem historischem Kontext sind diese Texte zu verstehen? Wann und aus welchen Gründen wechselt Walther von staufischer zu welfischer Seite? Wie gelingt es ihm, sich für seine Sprüche politischen Inhalts zu legitimieren, zu einer Zeit, in der von einem `Recht auf Meinungsäußerung` nicht die Rede sein kann?

Aus Komplexitätsgründen ist es im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht möglich, auf jeden Spruch, den Walther im Dienste oder im Umfeld Philipps, Ottos und Friedrichs verfaßt hat, einzugehen.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, ein Bild des politischen Walthers von der Vogelweide nachzuzeichnen, das ein angemessenes historisches Verständnis seiner Lyrik ermöglicht. Diese Arbeit soll verdeutlichen, dass die romantische Vorstellung - die Sorge um das Wohl des Reiches nach dem Tod Kaiser Heinrichs VI. und der Doppelwahl des Jahres 1198 habe Walther zum politischen Dichter gemacht - die historischen Verhältnisse verkennt.

Doch eines steht fest: Walther von der Vogelweide gibt wie kein anderer mittelalterlicher Dichter in seinem Werk Aufschluß über sich und über die geistigen und politischen Strömungen im Zeitraum von 1198 bis 1220. Er ist ein literarischer Zeitzeuge.

„Das Leben hat ihn erzogen, er hat gelernt, was er mit Augen sah; das Treiben der Menschen, die Ereignisse der Zeit waren seine Wissenschaft.“ [10]

2. Walther von der Vogelweide und seine Zeit

Für Walther von der Vogelweide hat es zahlreiche Bemühungen einer biographischen Werkdeutung gegeben. Zu leichtfertig und zu voreilig wurden Leben und Werk des Künstlers in ein simples Ursache - Wirkung - Verhältnis gesetzt. Diese Gefahr wächst, je weniger Quellen über das Leben eines Menschen vorliegen. Über Walther von der Vogelweide existiert nur ein einziges außerliterarisches Lebenszeugnis, bei dem es sich noch nicht einmal um ein Urkunde, sondern um eine private Aufzeichnung handelt (vgl. 2.1). Hier werfen sich folgende Fragen auf: Inwieweit besitzen die literarische Quellen Aussagekraft über Walthers Biographie? Wer ist das `Ich` in Walthers Gedichten? Handelt es sich bei den Äußerungen in seinen Gedichten um individuelle Aussage? Sagen die Texte etwas über das Leben des Verfassers aus? Besteht überhaupt eine wissenschaftliche Grundlage für eine biographische Werkdeutung?

Kein literarischer Text steht für sich allein. Die Umrisse der Welt, in der das Werk entstanden ist und auf die das Werk sich bezieht, müssen stets berücksichtigt werden. Walthers Spruchdichtung kann nur verstanden werden, wenn man die politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten dieser Zeit kennt und sich bewußt ist, was Literatur um 1200 bedeutete.

2.1 Leben und Werk

Wann Walther geboren wurde und starb, wissen wir nicht. Nur anhand seines literarischen Werks können wir versuchen, seinen Lebensweg nachzuzeichnen. All diese Zeugnisse sind mit Vorsicht zu deuten, aber sie sind auch keineswegs nur bloße Fiktion.

In seiner politischen Lyrik nennt er eine Reihe von historisch bekannten Personen. Darunter sind u.a. König Philipp von Schwaben (1177-1208), König und Kaiser Otto IV. (1175/76-1218) und Kaiser Friedrich II. (1194-1250). Damit bewegen wir uns in einem Zeitraum, der vom letzten Drittel des 12. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts reicht.

Wol vierzic jâr hân ich gesungen unde mê

von minnen und alse iemen sol. [11]

In seinem Alterston von 1230 blickt Walther auf seinen eigenen Minnesang zurück. Er sagt von sich selbst, er habe 40 Jahre gedichtet. Dies würde ergeben, dass er um 1190 mit dem Minnesang begonnen habe. Die Forschung nimmt an, das Walther als etwa Zwanzigjähriger den Minnesang für sich entdeckte. So würde man sein Geburtsdatum um 1170 und sein Sterbedatum um 1230 setzen.[12]

Seine Kindheit und Jugend scheint er im österreichischen Raum verbracht zu haben. Im Unmutston von 1213 heißt es: Zze Œsterrîch lernde ich singen unde sagen.“[13] Walther hat sich scheinbar bis zum Tod Heinrich VI. 1197 in Wien aufgehalten. Nach dessen Tod entbrennt in Deutschland ein Thronstreit. 1198 werden unabhängig voneinander der Staufer Philipp von Schwaben und der Welfe Otto von Braunschweig zum König gewählt. Die politische Lage stabilisiert sich, da sich Philipp zunächst durchsetzen kann. Zwischen 1198 und 1202 befindet sich Walther im Dienste Philipps.[14] Nach der Ermordung Philipps wechselt er 1212/1213 auf die Seite des Welfen Otto IV.[15] Doch 1213/1214 schon befindet sich Walther wieder auf staufischer Seite, in der Umgebung des jungen Friedrich II.[16]

Über Herkunft und Stand Walthers kann nur spekuliert werden. Es gibt keinen Beweis, dass er aus einem Ministerialengeschlecht stammt. Für Walthers Lehensfähigkeit würde höchstens die Tatsache sprechen, dass Friedrich II. ihm am Ende seiner Laufbahn ein Lehen übertrug. Dies könnte aber auch ein Ausnahmefall sein. „Spielmannsleben mit einem Anflug von `Ritter-Existenz`- diese Prägung Bertaus für den jüngeren Zeitgenossen Neidhart kann auch den Befund für Walther zusammenfassen.“ [17]

1874 entdeckte man das einzige außerliterarische historische Dokument, dass uns Walthers Existenz als Sänger beweist. In einer Reiserechnung des Bischofs von Passau Wolfger von Erla findet sich folgende Notiz: „Sequenti apud Zei [zemurum] Walthero cantori de Vogelweide pro pellicio.v.sol.longos.“ [18]

Die Biographie Walthers weist viele Probleme auf. Wir haben neben der Reiserechnung des Passauer Bischofs nur seine Lyrik als Zeugnis seiner Existenz. Er teilt uns nie etwas in unmittelbarer Form über sich mit. Walther vermittelt es über literarische Rollen. An manchen Stellen glaubt man ihn als Person sprechen zu hören. Aber einen Beweis, dass in seinem Alterston von 1230 nicht ein zwanzigjähriger Sänger die Rolle eines Menschen spielt, der am Ende seines Lebens steht, gib es nicht. Es ist nur schwer vorstellbar.

„Wir müssen sie [die literarischen Zeugnisse] als historische Dokumente eigener Art begreifen: als Vixierbilder zwischen interessen- und formgebundener Sprachkunst und literarisierter lebenspraktischer Erfahrung.“ [19]

[...]


[1] Johann Jacob Bodmer: Proben der alten schwäbischen Poesie des Dreizehnten Jahrhunderts aus der Maneßschen Sammlung, Zürich 1748. Zitiert nach Hans-Uwe Rump: Walther von der Vogelweide. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg 1974, S. 125.

[2] Johann Jacob Bodmer/ Johann Jacob Breitinger: Sammlung von Minnesingern aus dem schwäbischen Zeitpuncte. CXL Dichter erhaltend, Zürich 1758/59.

[3] Ludwig Uhland: Ein altdeutscher Dichter, Tübingen 1822.

[4] Christoph Cormeau (Hg.): Walther von der Vogelweide. Leich, Lieder, Sangsprüche. 14. völlig neu bearb. Auflage der Ausgabe Karl Lachmanns mit Beiträgen von Thomas Bein und Horst Brunner, Berlin 1996.

[5] Kurt Herbert Halbach: Walther von der Vogelweide, Stuttgart 1965. 4. durchges. und erg. Aufl. bearb. von Manfred Günther Scholz, Stuttgart 1983

[6] Gerhard Hahn: Walther von der Vogelweide. Eine Einführung, München/Zürich 21989.

[7] Thomas Bein: Walther von der Vogelweide, Stuttgart 1997.

[8] Matthias Nix: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide, Göppingen 1993.

[9] Ulrich Müller: Walthers Sangspruchdichtung, in: Horst Brunner/Gerhard Hahn (Hrsg.): Walter von der Vogelweide. Epoche-Werk-Wirkung, München 1996, S. 135-191.

[10] Ludwig Uhland: Ein altdeutscher Dichter.

[11] L.66,27 f. (Wohl vierzig Jahre habe ich gesungen oder mehr/ von Liebe und wie jemand soll) Die mittelhochdeutschen Fassungen der Gedichte Walthers werden zitiert nach `Cormeau, Christoph (Hg.): Leich, Lieder, Sangsprüche`. Die Übertragung ins Neuhochdeutsche entstammen `Friedrich Maurer: Walther von der Vogelweide. Sämtliche Lieder, München 1972.`

[12] Vgl. Kurt Herbert Halbach : Walther von der Vogelweide S. 29.

[13] L.32,14 (in Österreich erlernte ich die Sangeskunst)

[14] Vgl. `Reichston` (L.8,4) und `Der Erste Philippston` (L.18, 29)

[15] Vgl. `Ottenton`(L.11,6)

[16] Vgl. `König-Friedrich-Ton` (L.26,3) und `Kaiser-Friedrichs-Ton` (L.84,14)

[17] Gerhard Hahn: Walther von der Vogelweide, S. 24.

[18] Hedwig Heger: Das Lebenszeugnis Walthers von der Vogelweide. Die Reiserechnungen des Passauer Bischofs Wolfger von Erla, Wien 1970, S. 208. ( Am folgenden Tag [der Tag nach St. Martin, der 12. November 1203] bei Zeiselmauer [an der Donau, kurz vor Wien] an den Sänger Walther von der Vogelweide 5 Schillinge für einen Pelzrock) Übersetzung nach `Gerhard Hahn: Walther von der Vogelweide, S.21.`

[19] Thomas Bein: Walther von der Vogelweide, S. 39.

Details

Seiten
17
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638279772
Dateigröße
679 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25307
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Seminar für Mittelalterliche Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
WALTHER VOGELWEIDE Dichter Propaganda Selbstverständnis

Autor

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