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Gedichtinterpretation - Goethes "Mir schlug das Herz; geschwind zu Pferde"

Seminararbeit 2003 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Goethes frühe Lyrik im Sturm und Drang

2 Interpretation „Mir schlug das Herz; geschwind zu Pferde“
2.1 Zu Entstehungsgeschichte und Inhalt
2.2 Erlebnislyrik oder Rollenlyrik ?
2.3 Formal-ästhetische Analyse
2.3.1 Versmaß, Rhythmus und Reimstruktur
2.3.2 Satzbau und Wortwahl
2.4 Inhaltliche Analyse
2.4.1 Das lyrische Ich und die Natur in den Strophen eins und zwei
2.4.2 Das lyrische Ich und das lyrische Du in den Strophen drei und vier
2.4.3 Das lyrische Ich zwischen Sprachlosigkeit und Rede

3 Zusammenfassung

4 Literaturverzeichnis

1 Goethes frühe Lyrik im Sturm und Drang

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fasst eine neue, Epoche machende Strömung in der deutschen Literatur Fuß, initiiert von Literaturtheoretikern, wie Johann Georg Hamann und Johann Gottfried Herder, und zur Blüte geführt von einer Schar junger Literaten: der Sturm und Drang.

Auch der 21-jährige Goethe ließ sich, als er sich im Rahmen seines Iura-Studiums in den Jahren 1770 und 1771 in Straßburg aufhielt, von Herder und dessen Ideen faszinieren und „infizieren“. Unmittelbar daraus hervorgegangen ist eine Reihe von Gedichten, die Sesenheimer Lieder, die Goethe während seiner Straßburger Zeit unter dem Einfluss seiner leidenschaftlichen Liebe zur Pfarrerstochter Friederike Brion aus Sesenheim verfasst hatte.[1] In ihnen tritt ein lyrisches Ich auf, das sich ungehemmt und unreflektiert ganz der Emotion des Moments hingibt und in ihm aufzugehen scheint.

Aus dem Kanon dieser Gedichte wird im Folgenden exemplarisch „Mir schlug das Herz; geschwind zu Pferde“ ausgewählt, um an diesem das für den Sturm und Drang typische Bekenntnis zum Subjektiven und Emotionalen und die enge Verbindung von Natur und Individuum aufzuzeigen.

2 Interpretation „Mir schlug das Herz; geschwind zu Pferde“

2.1 Zu Entstehungsgeschichte und Inhalt

Dieses Gedicht verfasste Goethe im Jahre 1771, wobei es damals „nicht für Mit- und Nachwelt bestimmt“[2] war. Erst 1775 wurde es in dieser Fassung erstmals veröffentlicht, und zwar in der Zeitschrift Iris, allerdings ohne Titel[3]:

Mir schlug das Herz; geschwind zu Pferde,
Und fort, wild, wie ein Held zur Schlacht!
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hieng die Nacht;
Schon stund im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgethürmter Riese, da,
Wo Finsterniß aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von seinem Wolkenhügel,
Schien kläglich aus dem Duft hervor;
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer –
Doch tausendfacher war mein Muth;
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloß in Gluth.

Ich sah dich, und die milde Freude
Floß aus dem süßen Blick auch mich.
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und ieder Athemzug für dich.
Ein rosenfarbes Frühlings Wetter
Lag auf dem lieblichen Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich, ihr Götter!
Ich hofft’ es, ich verdient’ es nicht.

Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Aus deinen Blicken sprach dein Herz.
In deinen Küssen, welche Liebe,
O welche Wonne, welcher Schmerz!
Du giengst, ich stund, und sah zur Erden,
Und sah dir nach mit naßem Blick;
Und doch, welch Glück! geliebt zu werden,
Und lieben, Götter, welch ein Glück![4]

Das Gedicht zeigt klar einen zweiteiligen Aufbau. In den Strophen eins und zwei steht das zutiefst beunruhigte und aufgeregte lyrische Ich und dessen nächtlicher Ritt durch eine dämonisch und bedrohlich wirkende Landschaft im Zentrum. Die Strophen drei und vier offenbaren dann das Ziel dieser Unternehmung, die Geliebte. Momente des größten Glücks und der tiefsten Erfüllung, die lyrisches Ich und Du im ersehnten Zusammensein durchleben, enden schließlich in einer traurigen Trennung, aber auch in Dankbarkeit für das Gefühl des Liebens und Geliebt-Werdens.

2.2 Erlebnislyrik oder Rollenlyrik ?

Bei der Interpretation dieses Gedichtes war lange Zeit der autobiographische Ansatz der favorisierte. Es handele sich also um „Erlebnislyrik reinster Prägung“[5], wie Rothmann allgemein in Bezug auf Goethes frühe Lyrik ab 1770 formuliert. Diese Herangehensweise freilich bleibt nicht ohne Kritik und so sieht z.B. Weimar „keinen prinzipiellen Grund […], der mich daran hindern könnte, jedes Gedicht als Monolog […] anzusehen und also seinen Rollencharakter zu berücksichtigen.“[6]

Dennoch scheint es offensichtlich, dass Goethe beim Verfassen dieses Gedichts stark von seiner eigenen Liebe zu F. Brion beeinflusst und inspiriert war. Sie wohnte im einige Kilometer von Straßburg entfernten Sesenheim und um sie besuchen zu können, musste Goethe sicherlich des Öfteren zu ihr reiten. Somit ist es sicherlich gerechtfertigt und auch angebracht von Erlebnislyrik zu sprechen und daher von einem Gedicht auszugehen, das generell der Erlebens-Welt Goethes entspringt, aber dennoch nicht als wahre Begebenheit angesehen werden muss oder darf.

Denn „Dichtung ist Distanzierung vom Thema, je mehr es sich um Erlebtes handelt“[7], wie Ernst Jandl speziell in Bezug auf dieses Gedicht anzumerken weiß, und so wäre es unvertretbar, das Gedicht auf seinen autobiographischen Gehalt zu reduzieren und daraus womöglich Schlüsse auf Goethes Charakter oder Beziehung zu Frauen zu ziehen. Daher soll im Folgenden ein allgemeiner Ansatz gewählt werden, um „im Besonderen das Allgemeine“[8] zu finden, wie Goethe selbst in Maximen und Reflexionen propagierte, und dadurch die Intention des Gedichts aufzuzeigen, nämlich die Darstellung einerseits der Verbundenheit von Mensch und Natur und andererseits der Kraft der Gefühle, die den Menschen leiten und beeinflussen.

2.3 Formal-ästhetische Analyse

2.3.1 Aufbau, Versmaß, Rhythmus und Reimstruktur

Das Gedicht besteht aus vier Strophen zu je acht vierhebigen Versen, die größtenteils streng jambisch gehalten sind. Wo das lyrische Ich allerdings von seinen Gefühlen übermannt befreiend ausruft, wird diese Regelmäßigkeit durchbrochen. So weist Vers zwei eine Tonbeugung auf, es folgen also unmittelbar hintereinander zwei Hebungen: x X X x x X x X. Hiermit wird der Zustand des lyrischen Ichs charakterisiert, es ist „wild“ (V.2) vor Liebe, von einem Gefühl gepackt, das sich nicht mehr rational und reflektiert bestimmen und „zähmen“ lässt.

Auch Vers 28 zeigt eine solche Abweichung vom Metrum. Dieser Vers nämlich beginnt ohne Auftakt: X x x X x X x X. Im Zwiespalt zwischen Liebe und Leid, zwischen „Herz“ (V.26) und „Schmerz“ (V. 28) ruft das lyrische Ich aus tiefstem Herzen aus und bekennt sich klar zu seinen Emotionen.

Des Weiteren stehen die Verse im Kreuzreim, unterstützt durch einen analogen Wechsel der Kadenzen. Auffällig hierbei ist die relativ große Zahl unreiner Reime. Fünfmal lässt sich diese Besonderheit finden, so z.B. „Eiche“ (V. 5) und „Gesträuche“ (V. 7) sowie „trübe“ (V. 25) und „Liebe“ (V. 27).

Goethe also verwendet zwar ein in der damaligen deutschen Lyriktradition äußerst beliebtes Versmaß, den gekreuzt gereimten vierhebigen Jambus, aber vorsichtig versucht er auch sich davon zu lösen, indem er sowohl das strenge Metrum als auch den exakten Reim freier handhabt und sich somit in Ansätzen freie Rhythmen erkennen lassen.

[...]


[1] siehe dazu 2.2

[2] Rothmann: Kleine Geschichte der deutschen Literatur. 17. Auflage. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2001, S. 96.

[3] In einer von Goethe veränderten, zweiten Fassung wurde es schließlich 1789 erstmals mit dem heute allbekannten Titel „Willkomm und Abschied“ gedruckt.

[4] Goethe, Johann Wolfgang von: Mir schlug das Herz; geschwind zu Pferde. In: Gedichte von Johann Wolfgang Goethe. Hg. von Bernd Witte. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1998 (= Universal-Bibliothek Nr. 17504: Literaturstudium – Interpretationen), S. 11. Dieser Text ist Grundlage aller verwendeten Originalzitate, deren Fundstellen im Folgenden durch Hinweis auf die entsprechenden Verse ausgewiesen werden.

[5] Rothmann: Kleine Geschichte, S. 96.

[6] Weimar, Klaus: Goethes Gedichte 1769 – 1775. Interpretationen zu einem Anfang. Paderborn: Schöningh 1982 (= Modellanalysen: Literatur Bd. 9), S. 21.

[7] Jandl, Ernst: Das schicklich verlassene Mädchen. In: Verweile doch. 111 Gedichte mit Interpretationen. Hg. von Marcel Reich-Ranicki. Frankfurt (Main): Insel 1992, S. 36.

[8] Goethe, Johann Wolfgang: Maximen und Reflexionen. Neu geordnet, eingeleitet und erl. von Günther Müller. Stuttgart: Kröner 1943 (= Kröners Taschenausgabe Bd. 186), S. 105. Goethe erläutert in der Passage [635] den Unterschied von Allegorie und Symbol und erhebt es zur „Natur der Poesie“, etwas Besonderes auszudrücken, in dem der Leser, wenn er es „lebendig fasst“, das Allgemeine „erhält“. In Übertragung bedeutet dies, dass Goethe seine Beziehung zu F. Brion im Besonderen mit dem vorliegenden Gedicht in Literatur fasst, aber eben hierin auch etwas Allgemeines für die Liebe des Menschen festhält.

Details

Seiten
14
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638279581
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25284
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Germanistik- Neure Deutsche Literaturwissenschaft
Note
1-2
Schlagworte
Gedichtinterpretation Goethes Herz Pferde Einführungsseminar Lyrikanalyse

Autor

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