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Die Vertreibung der Sudetendeutschen 1945 aus ihrer Heimat.

Hintergründe, Fakten und Zusammenhänge

Wissenschaftlicher Aufsatz 2004 35 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Begriffsklärungen

Kurzer Überblick bis 1918

Die Vertreibung der Sudetendeutschen aus ihrer Heimat
Die Folgen der Kapitulation 1918
Der Anschluß an das Deutsche Reich
Der Anfang vom Ende
Das Vorspiel zur Vertreibung
Alliierte Vorstellungen einer Umsiedlung
Erste Austreibungen und Inhaftierungen Deutscher
Vollzug der Potsdamer Beschlüsse

Quellen

Vorwort

Die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches am Ende des Zweiten Weltkriegs, bei der etwa vierzehn Millionen zumeist unschuldige Menschen von den Siegermächten ihres ganzen Besitzes beraubt und aus ihrer seit Jahrhunderten von ihren deutschsprachigen Vorfahren besiedelten Heimat vertrieben wurden, ist eines der größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Außer dem Leid, das der Verlust der Heimat und des Besitzes über diese Menschen brachte, wurden viele von ihnen auch geschändet, ermordet, oder in eigens dafür eingerichteten Konzentrationslagern gefoltert.

Die vorliegende Arbeit befaßt sich mit Hintergründen, Fakten und Zusammenhängen der Vertreibung der etwa drei Millionen Deutschen aus dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, deren politische Vertreter durch die Aufrechterhaltung der Benesch-Dekrete, welche Enteignung, Vertreibung und Völkermord für Recht erklären, das damals geschehene Unrecht offensichtlich auch heute noch nicht als solches begreifen wollen.[1] Dies erhält durch den Beitritt Tschechiens zur EU am 1. Mai 2004 eine neue Qualität, da hierdurch deutlich geworden ist, daß der europäische Wertekanon nun einem Wandel unterworfen wurde. Dadurch ist die Problematik der Vertreibungen von 1945 gerade jetzt wieder politisch aktuell.

Anders als in großen Teilen der deutschen Medienlandschaft, welche die Vertreibung der Sudetendeutschen jahrzehntelang verschwieg, dann zumeist als Folge der „Heimkehr ins Reich“ durch den Anschluß des Sudetenlandes an das Deutsche Reich im Oktober 1938 verkürzt, muß eine wissenschaftlich seriöse Arbeit weit früher ansetzten. Spätestens seit der Entstehung des überhöhten Nationalismus im neunzehnten Jahrhundert war die Absicht, einen tschechischen Nationalstaat zu gründen, keine Minderheitenidee mehr. Die ganze Wurzel des Vertreibungsübels wurde schließlich mit dessen Gründung nach dem Ersten Weltkrieg unter Zustimmung der damaligen Siegermächte manifestiert, indem in diesen neuen Staat entgegen dem Selbstbestimmungsrecht der Völker auch die etwa drei Millionen Deutschen unter Aberkennung elementarer Rechte gezwungen wurden.

Begriffsklärungen

Die Sudeten sind ein Gebirgsland zwischen Schlesien und Böhmen, welches sich von der Zittauer Bucht rund 310 Kilometer weit nach Südosten bis zur Mährischen Pforte erstreckt und eine Breite zwischen 30 und 50 Kilometer hat. Teile der Sudeten sind Iser-, Riesen-, Bober-, Katzbachgebirge, Waldenburger Bergland, Eulen-, Heuschener-, Adler-, Havelschwerdter, Glatzer Schnee-, Reichensteiner-, Altvatergebirge und Mährische Gesenke.[2]

Der Begriff Sudetenland bezeichnet daher die ehemals von Deutschen besiedelten Gebiete Nordböhmens, Nordmährens und des österreichischen Schlesiens.[3] Seine Gesamtfläche war mit insgesamt über 26 000 Quadratkilometern größer als manche heutige Staaten und größer als alle Bundesländer Deutschlands außer Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Franz Jesser prägte 1902 die Bezeichnung Sudetendeutsche für die deutsche Bevölkerung in ganz Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien, um die sprachlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten dieser Menschen zu beschreiben. Vorher sprach man von Deutschböhmen, Deutschmähren oder Schlesiern. Nach der Einbeziehung der Sudetendeutschen in den 1918 neu gegründeten Staat der Tschechoslowakei wurde aus der Sprach- und Kulturgemeinschaft eine Schicksalsgemeinschaft, wie noch zu sehen sein wird.[4]

Kurzer Überblick bis 1918

Die Geschichte der Sudetendeutschen war geprägt von einem dauernden Wechsel zwischen „Auf und Ab“[5] und erreichte in der Katastrophe der Vertreibung nach dem Ende des zweiten Weltkriegs ihren absoluten Tiefpunkt.[6]

Böhmen, das heutige Kernland Tschechiens zwischen Böhmerwald, Erzgebirge, Elbesandsteingebirge, Lausitzer Gebirge, Sudeten, und Böhmisch-Mährischer Höhe, wird von den beiden Hauptflüssen Moldau und Elbe entwässert. Das tschechische Volk, das im Laufe der geschichtlichen Entwicklung mit großem Geschick und politischer Anpassungsfähigkeit seine Volkssubstanz inmitten des sie im Norden, Westen und Süden umgebenden deutschen Volkes erhalten konnte, ragt von allen westslawischen Völkern am weitesten nach Mitteleuropa hinein.

Wie verschiedene Funde beweisen, war Böhmen seit dem dritten Jahrtausend v. Chr. von dem keltischen Volk der Bojer besiedelt, die seine und ebenso die Namensgeber Bayerns waren. Ihnen folgten seit der Zeitenwende verschiedene Germanenstämme, besonders die Markomannen, bis nach deren Abzug etwa um 550 bis 600 n. Chr. slawische Stämme Mähren und Böhmen in Besitz nahmen. Anfang des neunten Jahrhunderts machten die Franken die Böhmen tributpflichtig, womit auch die von ihnen betriebene Christianisierung einherging, die schließlich 845 zur Taufe von 14 Stammesführern in Regensburg und zu weiterer Abhängigkeit Böhmens vom Frankenreich führte. Dadurch fanden die Böhmen den Anschluß an den damaligen westlichen Religions- und Zivilisationsbereich und konnten die lebendige Verbindung zwischen Böhmen-Mähren und dem westlichen deutschen Nachbarn immer mehr festigen. Im neunten Jahrhundert gehörte Böhmen dem Großmährischen Reich an, das die Ungarn 908 zerstörten, bevor sie schließlich 955 in der Schlacht am Lechfeld vor den Toren Augsburgs gemeinsam von den Böhmen und dem Heer Kaiser Ottos des Großen besiegt wurden. In der folgenden Zeit konnte der später von der katholischen Kirche heiliggesprochene tschechische Herzog Wenzel die staatsrechtliche Bindung an Deutschland durch seine persönlichen Beziehungen verbessern.[7]

Bereits 973 wurde in Prag ein Bistum errichtet und dem Mainzer Metropolitanverband angegliedert. Nachdem seit der Jahrtausendwende Böhmen als Reichslehen angesehen wurde, erlangten in den folgenden Jahrhunderten die böhmischen Herzöge die deutsche Kurwürde und aus den Händen des deutschen Kaisers schließlich sogar die Königskrone. Nachdem 1198 Ottokar I. für Böhmen das Erbkönigtum erhalten hatte, erwarb Ottokar II. Ober- und Niederösterreich sowie die Steiermark und gründete während eines Kreuzzuges gegen die Pruzzen Königsberg. Wenzel I. (1228 - 1253) förderte die deutsche Siedlung im Lande, die sich bisher hauptsächlich auf Kaufleute in den Städten, besonders Prag, beschränkt hatte, in großem Stil. 1348 gründete Karl IV die Prager Universität als erste deutsche Universität im Römischen Reich Deutscher Nation und erhob Prag zur Reichshauptstadt.

Die enge politische Bindung an den deutschen Nachbarn brachte den Tschechen neben dem religiös-kirchlichen auch den kulturellen und wirtschaftlichen Anschluß an das damalige Europa, wofür die Funktion der Deutschen in Böhmen und Mähren sehr bedeutsam war, da sie nicht nur in eigens von ihnen besiedelten Randgebieten, sondern mit Ausnahme der Hussitengründung Tabor auch im inneren Böhmens Städte gebaut hatten. Hierzu kultivierten sie das Land und legten Bergwerke an, brachten nicht nur die Ordnung des Nürnberger und Magdeburger Rechts ins Land, sondern konnten auch auf dem Gebiet der Künste Großes schaffen. Daher wurden die besonderen Rechte der Deutschen in Böhmen schon frühzeitig bestätigt, wie aus dem Freibrief hervorgeht, den Herzog Sobieslaus II. (1173-1178) den Prager Deutschen ausstellte.[8] Beide Völker lebten mit Ausnahme weniger Unterbrechungen viele Jahrhunderte lang im böhmisch-mährisch-schlesischen Raume gemeinsam in fruchtbarer Zusammenarbeit, die wirtschaftliche und kulturelle Blüte mit sich brachte, bevor die Verfassungs- und Religionskämpfe des 14. und 15. Jahrhunderts das politische und kulturelle Ansehen Böhmens vorläufig geschwächt hatten.[9]

Durch die Wahl Ferdinands I. kamen schließlich 1526 die Habsburger in Böhmen endgültig an die Macht.[10] Mit dem Ende des (ersten) dreißigjährigen Krieges[11] durch den Westfälischen Frieden 1648, nachdem dieser mit dem zweiten Prager Fenstersturz 1618 begonnen hatte,[12] zerfiel das erste Deutsche Reich in Kleinstaaten. Mähren und Böhmen gehörten seither zu Österreich, das in den folgenden Jahrzehnten zur europäischen Großmacht wurde.[13] Der elf Kernvölker umfassende Nationalitätenstaat ist unter den Angriffen der Türken seit 1663 geschaffen worden.

Bereits in der Entstehungsgeschichte des österreichischen Vielvölkerstaates zeigten sich „Grundmotive einer Problematik, die dann im 19. Jahrhundert im Zeichen des Nationalismus wiederaufgegriffen“[14] wurden. Während der Auseinandersetzung Österreichs mit dem Frankreich Napoleons proklamierte Kaiser Franz II. 1804 die Annahme der österreichischen Kaiserkrone für alle Königreiche und Länder des Vielvölkerstaates, wobei der Umfang des Kaisertitels in der Folgezeit dennoch unklar blieb.[15]

Seit dem Wiener Kongreß 1815 zur Wiederherstellung des europäischen Staatensystems nach den napoleonischen Kriegen befanden sich Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien im Deutschen Bund, bis es nach dem preußisch-österreichischen Krieg 1866 aus diesem ausschied.[16]

Durch den 1867 beschlossenen Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn, wodurch Österreich in die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn umgewandelt wurde,[17] fühlten sich die Slawen benachteiligt, weshalb die Böhmische Deklaration 1868 zwar die Bindung Böhmens an das Haus Habsburg betonte, aber die Forderung nach staatsrechtlicher Autonomie zum politischen und gesamtnationalen Programm der Tschechen erhob. Diese wurde wiederum von der deutschen Mehrheit im böhmischen Landtag aus Furcht vor einer übermäßigen Stärkung der mit dem russischen Panslawismus verbundenen Tschechen abgelehnt.[18] Durch das Anwachsen des tschechischen Bürgertums vor allem in den Städten wurde schließlich 1880 die tschechische neben der deutschen Sprache amtlich zugelassen, 1882 die tschechische Universität Prag gegründet und 1883 erstmals eine tschechische Mehrheit im böhmischen Landtag verzeichnet.[19] In den Gesetzen des Mährischen Ausgleichs, der Vorbild für ähnliche Regelungen in der Bukowina und Galizien wurde, gelang 1905 eine Lösung des Nationalitätenkampfes, die sich allerdings in Böhmen nicht durchführen ließ.[20]

So wuchs die Problematik des übersteigerten Nationalismus weiter an, bis sie sich schließlich in der schrecklichsten Eruption menschlicher Haßtiraden entlud und ganz Europa in den Abgrund riß.

[...]


[1] vgl. hierzu etwa Augsburger Allgemeine vom 10.06.2003 und 16.06.2003

[2] Der Brockhaus in zwei Bänden 1977 Band II, 511

[3] Weltgeschichte von A bis Z 1968, 1105

[4] Schon in den Redeunterlagen des Frankfurter Parlaments von 1848/49 erscheint das Wort sudetisch. (Kraft 1986, 43)

[5] Schmidmayer 1938, 316

[6] ebd.

[7] Taddey (Hrsg.) 1977, 1279

[8] Es heißt dort u. a.: „Ich nehme die Deutschen, die im Burgflecken Prag leben, in meine Huld und meinen Schutz auf und ich will, daß sie, wie sie als Volk verschieden sind von den Tschechen, so auch in ihren Rechten und Gewohnheiten von den Tschechen geschieden seien. Ich gewähre daher den Deutschen, nach dem Gesetz und Recht der Deutschen zu leben (vivere secundum legem et justitiam Theutonicorum), das sie seit den Zeiten meines Großvaters, des Königs Vratislaw (1071-1092) inne haben." Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung sudetendeutscher Interessen (Hrsg.) 1951, IX

[9] ders. 137f

[10] Taddey (Hrsg.) 1977, 138

[11] Von Charles de Gaulle inspiriert prägte Raymond Aron den Begriff des zweiten Dreißigjährigen Krieges als Deutung der Epoche der beiden Weltkriege des zwanzigsten Jahrhunderts. (Wehler 2004)

[12] Obwohl in Böhmen und Mähren den Protestanten das Recht der freien Religionsausübung bislang gewährt war, zwang Ferdinand II, nachdem er den Habsburger Thron bestiegen hatte, alle Untertanen den katholischen Glauben anzunehmen und ließ zu, daß protestantische Kirchen geschlossen und zerstört wurden. Daraufhin drangen böhmische Adelige ins Prager Schloß ein und stürzten die beiden kaiserlichen Statthalter Martinitz und Slawata aus der Kanzlei aus dem Fenster in den Schloßgraben, um die Stände zum offenen Aufruhr zu treiben. Dieser Fenstersturz gab das Signal zum Religionskrieg. (Taddey 1979, 956f)

[13] Kinder / Hilgemann 1980 (II), 262ff

[14] Paschke 1988 (II), 479

[15] Taddey 1979, 896

[16] ders. 138, 657, 761, 1298 und Kinder / Hilgemann 1980 (II), 46. Infolge des Österreichischen Erbfolgekrieges ging 1745 der größte Teil Schlesiens an Preußen verloren. (Taddey 1979, 899)

[17] ders. 900

[18] ders. 139, Kinder / Hilgemann 1980 (II), 79. Der Pansalawismus im 19. und 20. Jahrhundert diente der Nationswerdung der zerstreuten slawischen Völker im germanisch-romanischen und magyarischen Herrschaftsbereich unter extrem nationalistischen Vorzeichen. (Taddey 1979, 916) Die damit verbundenen Ziele waren also die Entstehung eines tschechischen Staates, innerhalb dessen die darin lebenden Deutschen von den Slawen regiert worden wären, wie es schließlich mit dem Ende des ersten Weltkrieges 1918 Wirklichkeit wurde. (Vgl. dazu die folgenden Ausführungen)

[19] Kinder / Hilgemann 1980 (II), 79

[20] Taddey 1979, 761

Details

Seiten
35
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638279567
ISBN (Buch)
9783638648653
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25282
Note
Schlagworte
Vertreibung Sudetendeutschen Heimat Hintergründe Fakten Zusammenhänge

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Titel: Die Vertreibung der Sudetendeutschen 1945 aus ihrer Heimat.