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Adipositas und Sport. Prävention und Therapie von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen

Examensarbeit 2003 118 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

HAUPTTEIL
1. Sport und Gesundheit
1.1 Das Verhältnis von Sport zu Gesundheit
1.2 Gesundheitssport: Definition und Ziele
2. Gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen heute
2.1 Entwicklung und gegenwärtige Situation
2.2 Einflussfaktoren auf die gesundheitliche Situation
2.3 Die Ernährungssituation
2.4 Schwerpunkt Bewegung
3. Adipositas
3.1 Definition und Klassifikation von Adipositas
3.2 Eine historische Betrachtung
3.3 Die Fettzelle
3.4 Prävalenz von Adipositas
3.5 Bedingungsfaktoren von Adipositas
3.6 Folgen von Adipositas
3.6.1 Folgen für das Individuum
3.6.2 Folgen für die Gesellschaft
4. Adipositas im Kindes- und Jugendalter
4.1 Bestimmung und Diagnostik von Adipositas im Kindes- und Jugendalter
4.2 Prävalenz von Adipositas im Kindes- und Jugendalter
4.3 Ätiologie kindlicher und juveniler Adipositas
4.3.1 Genetische Faktoren
4.3.2 Ungünstiges Essverhalten
4.3.3 Bewegungsmangel
4.4 Folgen von Adipositas im Kindes- und Jugendalter
4.4.1 Physische Folgen
4.4.2 Psychische Folgen
5. Präventions- und Therapieansätze bei Adipositas im Kindes- und Jugendalter
5.1 Relevanz und Ziele von Prävention und Therapie bei Adipositas im Kindes- und Jugendalter
5.2 Behandlungsstrategie oder Therapiebausteine
5.2.1 Änderung des Ernährungsverhaltens
5.2.2 Verhaltensmodifikation
5.2.3 Bewegungstherapie
5.2.4 Prävention
5.2.5 Multimodale Ansätze
6. Vorhandene Konzepte zur Prävention und Therapie von Adipositas im Kindes- und Jugendalter
6.1 FITOC – Das Freiburger Behandlungsprogramm
6.2 Ergebnisse
6.3 Informationen zu weiteren Programmen

SCHLUSSBEMERKUNG

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Mögliche Wirkweisen der körperlichen Aktivität

Abbildung 2: Fettverteilungsmuster

Abbildung 3: BMI-Klassen im internationalen Vergleich

Abbildung 4: Perzentilen für den BMI von Jungen und Mädchen

Abbildung 5: Persistenz des BMI

Abbildung 6: Verhältnis von Entstehung und Aufrechterhaltung von Adipositas

EINLEITUNG

„Berechnen Sie Ihren Body-Mass-Index“

(http://www.stern.de/wissenschaft/gesundheit/index.html)

„Fettleibigkeit: Mc Donald’s ist aus dem Schneider“

(Spiegel, 09/03)

„Mein Kind isst nicht richtig“

(Stern, 09/03)

„Junge Schüler leiden psychisch mehr – Dicke Portionen in Amerika“

(Welt, 08/03)

„Die dicken Kinder von nebenan“

(Die Zeit 29.08.02)

Diese und ähnliche Schlagzeilen schmücken Titelseiten von aktuellen Zeitschriften und Internetpräsenzen.

Sie zeigen auf, dass Gesundheit in speziellen Facetten wie Ernährung und Bewegung in unserer Gesellschaft zu einem bedeutenden Thema geworden ist. Besonders das äußere Erscheinungsbild des Menschen, was für viele das Spiegelbild des gesundheitlichen Zustand darstellt, ist seit längerem ein aktuelles Thema.

Speziell die Problemfaktoren, die auf die Gesundheit der Menschen, besonders auf die der Kinder und Jugendlichen einwirken, beschäftigen viele Menschen – insbesondere die Familien – und sind ein Grund, um sich näher damit auseinander zu setzen.

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich deshalb auf ein aktuelles Problem der westlichen Gesellschaft, das Problem des Übergewichtes, das besonders bei Kindern und Jugendlichen zunehmend auftritt.

Übergewicht hat nicht nur physiologische Auswirkungen, die sich im Laufe der Zeit bemerkbar machen, sondern auch psychische Folgen. Sportlichkeit, Leistungsfähigkeit und eine schlanke Figur sind für viele Kinder, Jugendliche und erwachsene Menschen dominierende Wertvorstellungen und Lebensinhalte geworden. Übergewichtige ernten häufig den Spott ihres Umfeldes, wodurch das Leben oft zur „Hölle“ werden kann (vgl. Korsten-Reck, 2001).

Wo liegen die Ursachen für Übergewicht? Was kann dagegen unternommen werden?

Auf Grund der zunehmenden Bedeutung der Thematik ist es notwendig, die oben aufgeworfenen und andere Fragen, die sich im Zusammenhang ergeben, zu beantworten.

Ziel dieser Arbeit ist, die Ursachen sowie die Möglichkeiten zur Prävention und Therapie von Übergewicht – speziell von Adipositas im Kindes- und Jugendalter – herauszustellen. Des Weiteren wird der Zusammenhang zwischen Sport und Gesundheit kommentiert, denn dem Sport kommt in der Therapie und Prävention bei Adipositas eine besondere Bedeutung zu.

Deshalb lautet das Thema dieser Arbeit:

Adipositas und Sport – Möglichkeiten zur Prävention und Therapie von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen

Das erste Kapitel der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit der Definition der Begriffe Sport und Gesundheit sowie deren enger Verbindung miteinander. Dieser allgemeine Teil thematisiert die Motive, die Menschen unserer Gesellschaft zum Sporttreiben anregen und geht insbesondere auf den Zusammenhang zwischen Sporttreiben und dem Aufrechterhalten der Gesundheit ein.

Die gesundheitliche Situation der heutigen Kinder und Jugendlichen wird im zweiten Kapitel bearbeitet. Hier wird insbesondere auf die verschiedenen Einflüsse der kindlichen und juvenilen Gesundheit sowie einige mögliche Folgen dieser Gesundheitseinflüsse eingegangen.

Eine vermehrt auftretende Folge ist das Übergewicht.

Die Bezeichnung „Adipositas“ steht für extremes Übergewicht. Im dritten Kapitel wird ein Basiswissen über die Adipositas vermittelt, das wichtig für das Verständnis der folgenden Kapitel ist.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der Betrachtung der Adipositas im Kindes- und Jugendalter mit den Ursachen und Folgen, die in Kapitel vier ausführlich thematisiert werden.

Dabei sind die therapeutischen Maßnahmen für kindliche und juvenile Adipositas, in Verbindung mit ihrer Relevanz und ihren Zielen besonders wichtig, was Thema des fünften Kapitels ist. Es wird speziell auf bewegungstherapeutische Maßnahmen, aber auch auf Ernährung und Verhalten eingegangen.

Nach dieser Betrachtung möglicher therapeutischer Maßnahmen wird im sechsten Kapitel ein Konzept zur Therapie von Adipositas im Kindes- und Jugendalter vorgestellt.

Die vorliegende Ausarbeitung soll ein Beitrag dazu sein, das Ausmaß und die Folgen von Adipositas im Kindes- und Jugendalter bewusst zu machen. Es soll besonders auf die Bedeutung von Sport und Bewegung für Kinder und Jugendliche, in Zusammenhang mit dieser immer häufiger auftretenden Zivilisationskrankheit aufmerksam gemacht werden.

HAUPTTEIL

1. Sport und Gesundheit

1.1 Das Verhältnis von Sport zu Gesundheit

Begriffe wie Gesundheit, Wellness, Erleben, Fitness und Sportlichkeit sind in aller Munde und werden häufig in den Medien thematisiert. Der Begriff „Wellness“, der soviel wie „Gesundheit und Fitness durch wohltuende körperliche Betätigung und gesunde Lebensführung“ (Wahrig, 1999, S. 999) bedeutet, nimmt dabei mittlerweile eine dominante Rolle in unserer Gesellschaft ein.

In dieser Definition von Wellness taucht der Begriff „Gesundheit“ mehrfach auf. Er wird in der Medizin als das „[...] normale Verhalten, Aussehen und Befinden; d. h. das subjektive Fehlen körperlicher und seelischer Störungen bzw. die Nichtnachweisbarkeit entsprechender krankhafter Veränderungen“ (Roche, 1984) definiert. Gesundheit ist also in gewisser Hinsicht über nicht krank sein definiert und mit subjektivem Wohlbefinden assoziiert. In der Medizin muss die Gesundheit eines Menschen nachgewiesen werden, indem man den Nachweis einer nicht vorhandenen Krankheit erbringt.

Die Pathogenese ist ein gesundheitsdefinitorischer Ansatz, der die Entwicklung und die Ursache von Krankheit untersucht. Der Begriff steht für die Abwendung von Risikofaktoren und Krankheitsfaktoren, die in epidemiologischen Studien aufgedeckt werden. Risikofaktoren zeigen die erhöhte Wahrscheinlichkeit einer späteren Folgeerkrankung an, können jedoch keinen kausalen Zusammenhang festlegen, da nur kein wissenschaftlicher Beleg dafür existiert.

Die Konzentration der Gesundheitserziehung auf die Verringerung von Risikofaktoren erfolgt also über den wahrscheinlichen Zusammenhang eines Risikofaktors und einer möglichen Erkrankung als dessen Folge. Dieser wahrscheinliche Zusammenhang reicht aber als Grund für Gesundheitserziehung nicht aus. Er kann eher zu emotionalen Blockaden, Aggressionen sowie Desinteresse und Abstumpfung gegenüber beabsichtigten Maßnahmen der Gesundheitserziehung führen.

Der Begriff „Gesundheit“ wird in unserer Gesellschaft vielschichtig eingesetzt und aufgefasst. Die unten aufgeführten Zitate zeigen, wie unterschiedlich der Begriff Gesundheit verstanden wird:

[...] Gesundheit ist ein Zustand, in dem sich Lebewesen befinden, wenn all ihre Organe ungestört tätig sind und optimal leistungsfähig funktionieren, im Sinne einer effektiven Erfüllung ihrer Aufgaben. (vgl. Parsons, 1967, in: Troschke, in: Hurrelmann & Laaser (Hrsg.), 1993, S. 156)

[...] Im Namen der Gesundheit essen Kinder Spinat, benutzen Erwachsene Kondome und verübten Angehörige von „Gesundheitsberufen“ im Unrechtsstaat des Dritten Reichs die größten Verbrechen. (Alexa Franke, zit. nach Schiffer, 2001, S. 36)

[...] Gesundheit bedeutet – lieben und arbeiten zu können. (Sigmund Freud)

Unter dem Begriff „Gesundheit“ wird heutzutage jedoch nicht mehr nur die Abwesenheit von Krankheit verstanden.

Antonovsky[1] bezog sich 1979 in seinen Forschungen auf die folgende Sichtweise von Gesundheit: „[...] Gesundheit ist der Zustand völligen physisch- psychisch- sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen“ (WHO[2], 1946, in: Paletta, 2001, S. 47). Der gesundheitliche Zustand eines Individuums wird, laut diesem Verständnis von Gesundheit, über das subjektive Wohlbefinden definiert, das wie eine Art Richtschnur funktioniert.

Die wesentlichen Ansatzpunkte dieses Gesundheitsverständnisses sind nicht Fragen wie: „Wie kann ich eine Entwicklung der Krankheit verhindern?“, sondern: „Wie bleiben Menschen gesund, bzw. wie können gesunderhaltende Faktoren verstärkt werden?“

Dieses neue Gesundheitsverständnis tendiert also nicht nur, wie bei der Pathogenese zur Abwendung von Risiko und Krankheit. Es weist darüber hinaus im Sinne einer Schutzfunktion auf eine Weiterentwicklung und Verbesserung einer nie ganz vollkommenen Gesundheit.

Diese Ansicht zur Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden, die von Antonovski entwickelt wurde, nennt man Salutogenese.

Gesundheit wird in diesem salutogenetischen Ansatz von Antonovski als Balancezustand des körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens verstanden. Dieser Balancezustand wird durch bestimmte Ressourcen, salutogene Faktoren, ermöglicht. Mit solchen Faktoren sind Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit gemeint, die von Antonovski als Kohärenzsinn[3] bezeichnet wurden.

Es vollzog sich also ein Perspektivenwechsel von Pathogenese zu Salutogenese. Als einem positiv bestimmten Gesundheitsbegriff sollten nicht mehr die Erscheinungsbilder und Ursachen von Krankheit im Fokus stehen, sondern die Erscheinungsbilder und Ursachen von Gesundheit.

Durch die Charta der WHO in Ottawa 1986 wurde dieses positive Verständnis von Gesundheit in den Vordergrund gestellt: „Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie dadurch zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen“ (WHO, 1986).

Dadurch wurde ein Anstoß zur Verlagerung von einem gesundheitsproblemorientierten medizinischen Ansatz hin zu einem Ansatz der Gesundheitsförderung gegeben. Es erfolgte gleichzeitig ein Wandel von einem selbstbezogenen zu einem situationsbezogenen Gesundheitsverständnis, d. h. von einem statischen zu einem dynamischen Gesundheitsverständnis (vgl. Paletta, 2001).

Dieses dynamische Gesundheitsverständnis steht für die Balance zwischen Körper und Selbst bzw. zwischen sozialer Lebenswelt und Umwelt.

Ein stabiles Selbstwertgefühl, ein positives Verhältnis zum eigenen Körper, Freundschaft, soziale Beziehungen und eine intakte Umwelt zählen zu den Bestandteilen dieses neuen Gesundheitsverständnisses. Die Gesundheit soll immer im Lebenskontext und zusammenhängend mit den Lebensumständen der jeweiligen Person betrachtet werden. Man zielt also in Richtung eines umfassenden subjektiven Wohlbefindens sowie auf Verhalten und Verhältnisse, die zu diesem Wohlbefinden beitragen. Der individuelle Gesundheitszustand sollte entsprechend diesen Gesundheitsverständnisses immer zu fördern versucht werden.

Von Bös und Brehm werden diese Ziele der Gesundheitsförderung in drei Begriffen zusammengefasst:

- Die Gesundheitswirkungen stehen für die systematische Stärkung der Gesundheitsressourcen, der Minderung von Risikofaktoren und einer effektiven Bewältigung von Beschwerden.
- Das Gesundheitsverhalten steht für die zu entwickelnde Fähigkeit, selbst Kontrolle über die Gesundheit auszuüben.
- Als Drittes nennen Bös und Brehm das Schaffen gesunder Verhältnisse, womit die Optimierung der Umweltbedingungen gemeint ist (vgl. Bös, Brehm, Opper & Saam, 2002).

In den bisherigen Ausführungen wurde Gesundheit immer unter der Frage „Was ist Gesundheit?“ als definierbare Leistungsfähigkeit oder auch als persönlich variables Wohlbefinden verstanden.

Prohl versteht Gesundheit nicht nur als anzusteuerndes Handlungsziel, sondern als eine Perspektive mit einem „[...] Potential zur Bewältigung von Umweltanforderungen“ (Prohl, 1999, S. 170). Gesundheitsförderung soll demnach Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Lebensumstände ermöglichen und sie befähigen, ihre Gesundheitsressourcen zu stärken.

Mit Gesundheitsressourcen bezeichnet man solche Faktoren, die Menschen in die Lage versetzen, auf bestimmte, gesundheitliche Anforderungen mit einer hohen Leistungs- und Widerstandsfähigkeit zu reagieren. Außerdem soll dem Individuum ermöglicht werden, durch diese Faktoren soziale Einbindung sowie das subjektive Befinden selbst zu regulieren. Dabei gilt es, gesunde Verhältnisse wie ein intaktes soziales Umfeld sowie Verhaltensweisen wie ausreichende Hygiene, Bewegung und Ernährung für die Stärkung der physischen, psychischen und sozialen Ressourcen zu schaffen. Vereinfacht ausgedrückt sind damit Faktoren gemeint, die den Menschen befähigen, sich gesund zu erhalten (vgl. Brehm, Pahmeier & Tiemann, 2001).

Auch die Gesundheitspsychologie billigt dem Sport durch die Stärkung der Gesundheitsressourcen eine solche gesundheitlich „protektive“ Wirkung zu (vgl. Harris, 1980; Schwarzer, 1992).

Die WHO fordert in Punkt 13 ihrer Leitsätze, zur Gesundheitsförderung in der europäischen Region positives Gesundheitsverhalten zu stärken, was wie folgt beschrieben ist:

[...] „ausgewogene Essgewohnheiten, Nichtrauchen, geeignete körperliche Betätigung und positive Stressbewältigung“ (WHO, 1987, S. 92).

Bereits in den 70er Jahren fand eine öffentliche Diskussion um den Zusammenhang von Sport und Gesundheit statt, die Sport- und Bewegungshandeln mit gesundheitsgeleitendem Handeln, wie der Stärkung der Gesundheitsressourcen, assoziiert. Um einen Zusammenhang von Sport und Gesundheit herzustellen, muss jedoch erst die Bedeutung von Sport genauer erklärt werden.

Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs „Sport“ „[...] erschließt sich vor allem aus seinem Gebrauch“ (Digel, 1990, S. 89) und wird kontext-spezifisch verwendet, was eine allgemeine Definition erschwert. Sport hat eine Vielzahl von traditionellen Funktionen wie Leistung, Wettkampf und Vereinsbindung, die über Sportarten, für die sich eindeutige Leistungsziele definieren lassen, in Erscheinung treten. Sport im Sinne dieser traditionellen Funktionen wird als das enge Verständnis von Sport bezeichnet.

Dieses enge Verständnis ist in den letzten Jahren von einem weiteren Verständnis des Sports abgelöst worden, das für neue Orientierungen wie Wohlbefinden, Vergnügen, Spaß, Ausgleich, Erlebnis sowie Gesundheit steht und in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat (vgl. Wopp, 1995).

Dem Sport werden außerdem weitere Funktionen zugesprochen:

Er wirkt aus politischer Sicht völkerverbindend und überwindet politische Grenzen indem die spezielle Leistung eines oder mehrerer Athleten einer ganzen Nation zugeschrieben wird. Er bietet durch die Ausweitung der Sportkultur und die Vielfalt von Funktionen eine Basis für die Trägerschaft von gesellschaftlichen Normen und Werten.

Die sozialisierende Funktion des Sports lehrt Werte und Normen wie Fairness, Gleichberechtigung, Anpassungsfähigkeit, Solidarität, Teamwork, Kommunikation etc., die besonders durch Mannschaftssportarten vermittelt werden.

Durch Sport können außerdem Aggressionen abgebaut, oder deren Entstehen verhindert werden (vgl. Heinemann, 1980).

Sport trägt auf der pädagogischen Ebene zur Entwicklung der Persönlichkeit, der Identität und des Selbstwertgefühls bei, denn der Mensch kann sich durch Sport in einer Körper- und Bewegungskultur entfalten.

Paletta (2001) nennt drei Trends aus der aktuellen Diskussion im Zusammenhang Sport und Gesundheit, die gesundheitsgeleitete Maßnahmen durch Sport und Bewegung beinhalten:

1. Im ersten Ansatz wird Gesundheit als objektiv bestimmbarer bio- medizinischer Status interpretiert. Das Hauptaugenmerk wird hier darauf gelegt, quantitativ messbare Leistungen zu bestimmen, die als Signalgeber für Gesundheit gewertet werden können. Die dementsprechend verfolgten „Trainingskonzepte“ zielen auf Herz-Kreislaufschulung, körperliche Kräftigung, Koordinationsschulung und Flexibilitätsschulung ab.
2. Der zweite Ansatz interpretiert Gesundheit als Prozessgeschehen zur Selbstverwirklichung, wobei das „subjektive Wohlbefinden“ der Indikator für Gesundheit ist. Zielsetzungen sind hier die Schulung von Rhythmuserfahrung, Sensibilität, Körpererleben und Entspannungsfähigkeit.
3. Der dritte Trend der gesundheitsgeleiteten Maßnahmen durch Sport interpretiert Gesundheit als Potential und Ergebnis optimaler Interaktion mit der Umwelt. Die Ziele sind hier in Bewegungsaufforderungen, Selbsterfahrungs- und Selbstorganisationsprozessen, im Erweitern der Interaktionskompetenzen und der Vermittlung von Bewegungserfahrungen gesetzt (vgl. Paletta, 2001).

Diese gesundheitsgeleiteten Maßnahmen durch Sport und Bewegung beinhalten demnach biologische, psychologische und soziale Prozesse.

Zweifel an der gesundheitlichen Potenz sportlicher Betätigung werden mit sporttraumatologischen sowie internistischen Argumenten begründet. Sportverletzungen hatten Mitte der 80er Jahre immerhin einen Anteil von bis zu 20 % an den Unfallstatistiken der Versicherungsträger.

Andere sportbezogene Risiken betreffen den Stoffwechsel, Infektionen, Allergien und Entzündungen sowie die Funktionsfähigkeit des Herzens (vgl. Fuchs, 2003; Schlicht, 1994).

Trotzdem ist es wissenschaftlich erwiesen, dass regelmäßige sportliche Aktivität die Kondition, Kraft, Koordination und Dehnfähigkeit des menschlichen Körpers erhöht. Des Weiteren ist medizinisch belegt, dass durch regelmäßige, individuell zugeschnittene sportlichen Tätigkeiten mehr Kalorien verbrannt werden und so spezielle Gesundheitseffekte eintreten können, wie z. B. die Reduzierung von Herz-Kreislauf-Risiken (vgl. Fuchs, 2003).

Gegenwärtig schreibt das Gesundheitsbewusstsein dem Sport eine gesundheitsfördernde und -erhaltende Wirkung zu. In Folge dessen soll die Funktionalität, Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit des Organismus gegenüber physischen, psychischen und sozialen Einflüssen durch den Sport erhalten und verbessert werden. Der Sport leistet quasi ein Gesundheitsversprechen (vgl. Gmünder Ersatzkasse, 1999).

Entscheidend für Gesundheit und Wohlbefinden ist jedoch nicht nur die erzielte positive Wirkung, sondern auch das positive Gefühl der Zufriedenheit des Sporttreibenden mit der eigenen Gesundheit.

Viele Literaten haben sich mit sportlicher Betätigung als eine Verhaltensweise befasst, die das Leben verlängert und Gesundheit fördert.

In dem Sinn wird Sport heute vielfach eingesetzt, zum Beispiel als Gegenpol zum stressigen Alltag, zur Entspannung, um Geselligkeit zu erleben und etwas für die Gesundheit zu tun. Jemand ist also gestresst, wenn er körperlich und geistig stark beansprucht wird und aufgrund dessen erschöpft ist (vgl. Wahrig, 1999).

Stress entsteht, wenn „interne oder externe Anforderungen die zur Verfügung stehenden adaptiven Ressourcen des Individuums voll in Anspruch nehmen oder sogar übersteigen“ (Lazarus & Folkmann, 1987). Vereinfacht ausgedrückt entsteht Stress also dann, wenn jemand gewisse Anforderungen an seine Person nicht allein bewältigen kann. Falls ein solcher Zustand länger anhält, steigt die Wahrscheinlichkeit gesundheitlicher Beeinträchtigungen (vgl. Taylor, 1995).

Fuchs, Hahn und Schwarzer (1994) unterscheiden 5 potentielle Wirkweisen der körperlichen Aktivität in der Stress - Gesundheitsbeziehung, wie man in der folgenden Abbildung sehen kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Mögliche Wirkweisen der körperlichen Aktivität (nach Fuchs et al.,

1994, S. 67).

- Die Beeinflussung von körperlicher Aktivität auf die körperliche, seelische und soziale Gesundheit, unabhängig von der Situation, nennt Fuchs den direkten Effekt.
- Die protektive Wirkung setzt ein, wenn Sport schädliche Auswirkungen von Stress auf die Gesundheit verringert.
- Die präventive und
- ressourcenstärkende Wirkung setzen schon in der Phase der Entstehung von Stress ein. Sporttreiben führt hier zu einer Stärkung des „Selbstwertgefühls“, was die Gesundheit an sich stärkt und in Stresssituationen weniger Stress aufkommen lässt (vgl. Alfermann & Stoll, 2000).
- Die ressourcenschützende Wirkung soll das personale Überzeugungssystem vor negativen Stresseinwirkungen bewahren.

Neben den fünf genannten Wirkungsweisen wird von Brinkhoff (2000) noch eine sechste genannt, die antizipative Wirkung. Diese soll dem Individuum Informationen über den eigenen leistungs- und gesundheitsbezogenen körperlichen Zustand liefern und damit zu einer verstärkten Gesundheitsvorsorge führen. Denn nur wer sich gesund und zufrieden fühlt, kann eine positive Einstellung zum eigenen Körper entwickeln.

Dieser positive Einfluss rückt nicht erst in unserer heutigen Zeit in unser Bewusstsein, denn bereits Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) würdigte die „Gymnastik“ als allgemein körperlich wohltuend.

Der römische Satiriker Juvenal (etwa 50 bis 140 n. Chr.) wünschte den Eltern, dass bei den Sprösslingen seiner Zeit ein gesunder Geist in einem gesunden Körper sei. Das häufig fehlerhaft übersetzte Originalzitat lautet: „Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano“ (Juvenal, Satire 10, S. 356, in: Schlicht, 1994, S. 1).

Vor ca. 200 Jahren haben die Philanthropen den Nutzen von körperlicher Ertüchtigung und Leibesübungen im Festigen von Sehnen und Muskelfasern, der Erhöhung der Biegsamkeit der Gelenke und der Verschönerung der Körperformen gesehen. Außerdem sollen Leibesübungen den „guten Anstand“ fördern und der „Seele eine muntere Stimmung geben“ (vgl. Vieth, 1794).

Auch in jüngeren Arbeiten zum Gesundheitsverhalten wird sportliche Aktivität vorrangig mit Gesundheit und Leistungsfähigkeit assoziiert.

Bei Haag (1971) wird dargelegt, dass sich die Ziele der Leibeserziehung nicht nur auf körperliche Gesundheit beschränken, sondern „Mental health“ und „social health“ ebenfalls davon profitieren (vgl. Schlicht, 1994).

Die körperliche Aktivität soll sich also auch auf das seelische Wohlbefinden positiv auswirken.

Abele und Brehm haben sich im Kontext des Zusammenhanges zwischen Sport und körperlichem sowie seelischen Wohlbefinden genauer mit dem so bezeichneten Sich-Wohlfühl-Phänomen auseinandergesetzt. Sie fanden auf Grund einer Umfrage heraus, „[...] dass „Sich-Wohlfühlen“ durch den Sport ein relativ stabiles Phänomen ist, das bei etwa 75 % aller Sporttreibenden auftritt. Es betrifft sowohl die Spannungs- und Entspannungs- als auch die Bewertungsdimension der Befindlichkeit: Sport bewirkt Energetisierung und Aktivierung, gleichzeitig Gelöstheit und gute Laune“ (Abele & Brehm, in: Brettschneider, Baur & Bräutigam, 1989, S. 118).

Demnach kann Sport die körperliche wie auch seelische Verfassung und so das Wohlbefinden des Sporttreibenden verbessern. Nicht nur physisch messbare Werte wie Kraft, Ausdauer und Kreislauf werden trainiert, denn: „[...] eine gute Kondition kann zu Selbstbewusstsein und dem Gefühl von Stärke, Freiheit und Unabhängigkeit beitragen“ (Posch, 1999, S. 158).

Ein gesunder Körper, auch im äußerlichen Erscheinungsbild, stellt also die Basis für ein Gefühl des Wohlbefindens und der Zufriedenheit dar.

Viele Sporttreibende fühlen sich nach längerer körperlicher Aktivität besonders gut, was anhand des „Runner’s High Syndrom’s“ medizinisch belegt werden kann. Durch sportliches Training kommt es zu einer vermehrten Sauerstoffaufnahme und einer besseren Durchblutung der Organe. Außerdem wird bei sportlicher Aktivität das körpereigene Hormon Endorphin ausgeschüttet, das an der Steuerung motivationaler und emotionaler Prozesse beteiligt ist und zusätzlich schmerzlindernd wirkt. Wird also der Endorphinspiegel im Blut erhöht, setzt ein Glücksgefühl ein, das über einige Stunden andauern kann (vgl. Abele & Brehm, in: Brettschneider, Baur & Bräutigam, 1989).

Bei Befragungen von sportlich Aktiven wird „Gesundheit“ in den meisten Fällen als Hauptmotiv für sportliche Aktivität benannt. Beispielsweise ergab eine repräsentative Bevölkerungsumfrage in NRW, dass Sporttreiben mit 63 % das am häufigsten praktizierteste Gesundheitsverhalten ist. Der Begriff „Gesundheit“ stellt außerdem die zentrale Begründung für die gesellschaftliche Förderung von sportlicher Aktivität, im Schul- oder Vereinssport dar (vgl. Fuchs, 2003).

Zwischen den Komponenten „Sport“ und „Gesundheit“ hat sich in den letzten Jahren im Alltagsverständnis der Menschen eine enge Wechselbeziehung herausgebildet. Sporttreiben beinhaltet für sie nicht nur eine tatsächlich positive, sichtbare Wirkung. Er führt auch zu einer positiven Reflexion der an den Sport geknüpften Erwartungen und bildet so einen motivationalen Impuls für weitere Aktivität.

Durch Sport wird das subjektive Wohlbefinden gesteigert, wobei durch das spürbare Ergebnis ein Motivationsschub für weitere sportliche Aktivität des Sporttreibenden entsteht (vgl. Fuchs, 2003).

1.2 Gesundheitssport: Definition und Ziele

Der Begriff „Gesundheitssport“ kann als Element der vorherig erläuterten Gesundheitsförderung verstanden werden und wird vom deutschen Sport- und Ärztebund wie folgt interpretiert: „Gesundheitssport ist eine aktive, regelmäßige und systematische körperliche Belastung mit der Absicht, Gesundheit in all ihren Aspekten, d. h. somatisch wie psychosozial, zu fördern, zu erhalten, oder wiederherzustellen“ (Kindermann et al., 1993).

Mellerowicz nennt eine ähnliche Auffassung von Gesundheitssport, die eine Stärkung der Gesundheitsressourcen als Ziel formuliert:

„[...] Gesundheitssport dient der Erhaltung, Förderung und Wieder-herstellung menschlicher Leistungsfähigkeit und Gesundheit“ (Mellerowicz, in: Boning, Braumann & Busse (Hrsg.), 1989, S. 33).

Der Begriff „Gesundheitssport“ hat sich in den letzten Jahren in unserem allgemeinen Sprachgebrauch etabliert. Die Zielsetzungen des Gesundheitssports konzentrieren sich also auf die Stärkung oder Verbesserung der Gesundheit in allen Aspekten mit den notwendigen Ressourcen. Fuchs nennt 3 Interpretationsmöglichkeiten der Zielsetzungen, die mit Gesundheitssport verknüpft sind:

1. Jemand hat ein bestimmtes Motiv um Gesundheitssport zu betreiben, beispielsweise das Infarktrisiko zu vermindern. Ausschlaggebend ist bei dieser subjektiven Motivinterpretation nur das Motiv, nicht der erreichte Effekt.
2. Die Effektinterpretation resultiert aus einer objektiven Sichtweise, denn nach diesem Verständnis qualifiziert nur die Wirkung der betriebenen sportlichen Aktivität zum Gesundheitssport, gleichgültig ob diese dem Individuum bewusst ist.
3. In einer Kombination von subjektiver und objektiver Natur wird Sport erst zum Gesundheitssport, wenn sowohl ein bewusst formuliertes Gesundheitsziel, also ein Motiv, als auch die Auswahl eines entsprechenden Sportangebots, dass den Effekt sicher stellt, zugrunde liegt. Dieses Resultat von individueller Zielentscheidung kombiniert mit der Zweckdienlichkeit einer betreffenden Sporthandlung bezeichnet Fuchs als „Zwitterphänomen“ des Gesundheitssport.

Diese Motiv- und Effektbedeutung des Begriffs fallen in der Sportpraxis in der Regel zusammen, denn man betreibt Sport um der Gesundheit willen und hofft, dass auch etwas dadurch erreicht wird (vgl. Fuchs, 2003).

Der Begriff Gesundheitssport an sich steht jedoch bei Fachleuten in der Kritik, denn von einigen Experten wird suggeriert, dass dieser Ausdruck den Sport spaltet, da die Bezeichnung „Gesundheitssport“ die Frage nach einem ungesunden Sport aufwirft. Unter diesen Fachleuten wird diskutiert, ob man, zumindest im wissenschaftlichen Kontext, nicht völlig auf den Begriff Gesundheitssport verzichten könnte.

Im Freizeitsport hingegen existieren unterschiedliche Motive, wie z. B. Geselligkeit, Naturerleben, Leistung, während die Motivlage im Gesundheitssport grundsätzlich stärker fokussiert ist, denn es geht primär um das Erzielen von positiven gesundheitlichen Effekten. Anbieter aus diesem Bereich müssen also darauf achten, allgemeinen Gesundheitserwartungen entsprechen zu können, aber auch spezifische, individuelle Bedürfnisse, wie z. B. die Prävention vor Rückenschmerzen zu erfüllen (vgl. Fuchs, 2003).

Gesundheitsförderung steht für Prävention von bestimmten Krankheiten sowie von deren Auslöser. Sie zielt auf umfassendes Wohlbefinden sowie auf die Verhaltensweisen und Verhältnisse, die zu diesem beitragen. Bös und Brehm haben im Kontext dieser so verstandenen Gesundheitsförderung fünf Kernziele und Gestaltungshinweise für Gesundheitssport und dessen Programme formuliert, die nun aufgeführt werden:

Eines dieser angestrebten Ziele ist die Stärkung physischer Gesundheitsressourcen durch sportliche Aktivierung, denn eine systematische Aktivierung des Muskelsystems löst immer funktionsbezogene Anpassungsprozesse des Organismus aus, die dazu beitragen, diesen gesund und widerstandsfähig zu halten. Personen, die sich eine solche körperliche Aktivität praktizieren, werden von Ärzten im Durchschnitt als gesünder eingestuft, das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen wird reduziert und es werden weniger körperliche Beschwerden festgestellt (vgl. Banzer & Neumann, 1998; Badtke & Bittmann, 1998). Die Hinweise zu dieser Belastungsgestaltung werden unter 5 spezifischen Perspektiven der grundlegenden muskulären Aktivierung, bei denen sich viele Autoren einig sind, weiter ausgeführt. (vgl. Bös & Brehm, 1998; Boeckh-Behrens & Buskies, 2000; Bouchard & Shepard, 1994; Wydra, 1996) Diese fünf Perspektiven sind Ausdauerfähigkeit, Kraftfähigkeit, Dehnfähigkeit und Koordinationsfähigkeit (die man auch unter Beweglichkeit zusammenfasst), sowie Entspannungsfähigkeit.

1. Die Ausdauerfähigkeit fordert vor allem das Herz-Kreislaufsystem und alle nachfolgenden Systeme, wie innere Organe oder Nervensystem. Sie zielt auf die länger andauernde Belastung großer Muskelgruppen.
2. Die Kraftfähigkeit fordert hingegen das gesamte Stütz- und Bewegungssystem, besonders die Rumpfmuskulatur. Sie zielt auf das möglichst ausdauernde Überwinden und Halten von Widerständen, denn es soll eine ausgewogene Ganzkörperkräftigung und eine ausreichende Kraftausdauer durch optimale Muskelkraft hergestellt werden.
3. Dehnfähigkeit zielt auf eine gute Elastizität der Muskulatur, Sehnen und Bänder, denn eine verminderte Dehnfähigkeit schränkt die allgemeine Beweglichkeit der Gelenke ein und ist Auslöser für körperliche Beschwerden und Probleme.
4. Koordinationsfähigkeit zielt auf eine möglichst präzise Ausführung rhythmischer und komplexer Bewegungsabläufe von körperlichen Aktivitäten, was entscheidend zum Wohlbefinden eines Individuums beiträgt. Koordinationstraining vermittelt also Spaß an der Bewegung, was einen zusätzlichen Effekt auf das Wohlbefinden bedeutet.
5. Treten physische Verspannungen oder psychische Anspannungen einer Person durch alltägliche Belastungen auf, können diese durch Entspannungsfähigkeit gelöst werden.

Bös und Brehm empfehlen, diese Fähigkeitsbereiche nicht unabhängig voneinander zu trainieren, sondern kontextuell in einer Übungseinheit zusammen zu fassen, um gegenseitige Verstärkungen und Ergänzungen nutzen zu können. Die Fähigkeiten können schon durch subjektiv leichte bis mittlere Anstrengung effektiv entwickelt werden (vgl. Brehm & Bös, 2002).

Bewegungsmangel kann durch die daraus folgende negative Anpassung des Körpers an Unterforderungen zum Risikofaktor für die Gesundheit werden. In diesem Kontext wurde das Ziel der Verminderung von Risikofaktoren sowie die Bewältigung von Beschwerden formuliert. Bei einer systematisch ausgerichteten Stärkung von Gesundheitsressourcen durch eine körperliche Beanspruchung, die sich auf diese Probleme der Unterforderung konzentriert, kann eine Verminderung von Gesundheitsproblemen und Beschwerden erzielt werden (vgl. u.a. Banzer, Bös & Knoll, 1998; Bouchard, Shepard & Stephens, 1994; Sygusch et al., 2001).

Des Weiteren helfen psychosoziale Gesundheitsressourcen, das subjektive Gefühl des Wohlbefindens entstehen zu lassen oder es zu verstärken sowie verschiedene Anforderungen zu bewältigen. Aufgrund dessen ist die Stärkung von psychosozialen Gesundheitsressourcen ein weiteres Kernziel des Gesundheitssports und der Programme, die in diesem Kontext angeboten werden.

Laut einiger Studien (vgl. Abele, Brehm & Pahmeier, 1997; Alfermann & Stoll 1996, 1997; Brehm 1998; Schlicht, 1995; Wabel, 1999) beeinflussen verschiedene sportliche Aktivitäten das emotionale Befinden, speziell die Stimmung einer Person durch das Management von alltäglichen Gefühlen wie Laune, Ruhe, Erregtheit, Deprimiertheit und Ärger positiv. Wahrnehmungen und Bewertungen des eigenen Körpers beeinflussen in jedem Alter das Selbstwertgefühl und damit das Wohlbefinden sowie die Gesundheit. Dieser Effekt kann ebenso durch kompetente Aufnahme, Durchführung, Bedeutung und Zielsetzung von gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen durch die Person selber hergestellt werden.

Die „Drop-Out-Raten“ bei Gesundheitsförderungsprogrammen liegen allerdings besonders hoch. Das führt dazu, dass die nächste Kernzielsetzung, den Aufbau von Bindung an gesundheitssportliche Aktivität durch regelmäßiges und langfristiges Realisieren eines gesunden Verhaltens, notwendig ist. Dies soll durch die Einbeziehung individueller Voraussetzungen in der Gruppenbildung, die Meidung von zeitlicher und körperlicher Überforderung sowie kontinuierliche Stärkung von emotionalen, motivationalen, kognitiven und sozialen Gesundheitsressourcen erfolgen.

Die Forderungen nach einer effektiven, bewegungszentrierten Gesundheitsförderung durch eine Verbesserung der Lebens- und Bewegungsbedingungen der Bevölkerung steigen seit Beginn der 90er Jahre (vgl. Kolb, 1995; Rütten, 1998).

Bös und Brehm nennen im Kontext dazu die Verbesserung der Bewegungsverhältnisse als das letzte Kernziel von Gesundheitssport und Gesundheitssportprogrammen. Dies soll sowohl mit Hilfe von qualifizierten Leitern und Leiterinnen, adäquaten Räumlichkeiten und Geräten, kommunaler und regionaler Vernetzung sowie Kooperation, Qualitätssicherung und wissenschaftlicher Evaluation als auch profilierten Gesundheitsprogrammen realisierbar sein.

Gesundheitssportprogramme sind demnach erprobte und schriftlich fixierte Vorgaben, die der Ansteuerung von Kernzielen des Gesundheitssports dienen. Sie sind auf die Voraussetzungen der Teilnehmer (Zielgruppen) bezogen, durch Ausrichtung auf Institutionen und deren Vernetzung abgesichert und auf Durchführbarkeit und Wirksamkeit hin überprüft.

Der DSB sagt hierzu: „[...] Dieses Konzept von Gesundheitssport sowie von Gesundheitssportprogrammen wurde u. a. in den DSB-Leitlinien „Gesundheitsprogramme im Sportverein“ (DSB, 1998) aufgegriffen sowie einer Qualitätssicherung der Angebote der Verbände und Vereine des DSB zugrunde gelegt. Nicht zuletzt ging das Konzept auch in das Qualitätssiegel „Sport pro Gesundheit“ des DSB ein“ (vgl. DSB, 2000; in: Brehm & Bös, 2002).

Die Sicherung der Qualität von Gesundheitssportprogrammen hängt grundsätzlich von einer systematischen Ansteuerung der Kernziele ab. Hierbei soll immer die Abhängigkeit von angewandten Methoden und Inhalten bezüglich der Zielgruppe sowie der räumlichen und sachlichen Ausstattung berücksichtigt werden.

Gesundheit und Wohlbefinden sind nicht nur wichtige Motive des Sporttreibens, denn auch das Selbstverständnis von Sport und körperlicher Erziehung stützt sich darauf, dass körperliche Aktivität in diesem Rahmen der Gesundheit und dem Wohlbefinden dient.

In der Regel wird Sport der Spaß macht eher durchgehalten, als Sport der keinen Spaß macht, aber einen gesundheitlich sinnvollen Zweck erfüllt.

Entscheidend beim Sporttreiben aus gesundheitlichen Gründen ist also, dass diese körperliche Aktivität nicht nur tatsächliche positive Wirkungen entfaltet, sondern dass dieser Sachverhalt vom Individuum auch in Form sportbezogener Konsequenzerwartungen kognitiv repräsentiert wird.

2. Gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen heute

2.1 Entwicklung und gegenwärtige Situation

Entwicklung beschreibt einen lebenslangen Prozess, unter dem man eine Reihe von Veränderungen versteht, die Reifung und Lernen in gleicher Weise umfassen. Die menschliche Entwicklung wird meist in Phasen, Perioden oder Stufen gegliedert, welche dann den entsprechenden Altersstufen zugeordnet werden. Die Bereiche gehen fließend ineinander über. Zudem müssen die einzelnen Entwicklungsstufen nacheinander durchlaufen werden. Es ist nicht möglich einzelne Stufen zu überspringen. Trotz alledem kann kein genereller Zeitpunkt zum Erreichen bestimmter Stufen festgelegt werden, da sich diese von Mensch zu Mensch individuell unterschiedlich vollziehen (vgl. Baacke, 1998).

Kinder und Jugendliche haben sich vielen Entwicklungsaufgaben zu stellen. Sie müssen die Veränderung des eigenen Körpers und des Aussehens durch die Pubertät annehmen, einen Freundeskreis und intime Beziehungen aufbauen sowie ein positives Selbstbild entwickeln. Individualität und Vielfalt bestimmen dabei das Leben eines Kindes. Es ist unmöglich, dass zwei, geschweige denn mehrere Menschen sich völlig gleich entwickelt haben oder absolut identische Merkmale aufweisen. Jedes Individuum hat eigene Eigenschaften und Fähigkeiten, die unterschiedlich angelegt und ausgebildet werden und somit eine einzigartige, individuelle Entwicklung ermöglichen (vgl. Largo, 2000).

Dabei sieht sich die Jugend heute mit dem Privileg der Optionsvielfalt konfrontiert, die durch die Möglichkeit zu eigenen Regie der Lebensgestaltung gekennzeichnet ist. Sie steht aber auch einer Orientierungslosigkeit und daraus resultierendem Problemverhalten gegenüber.

Gesundheit scheint für Jugendliche kein Problem darzustellen, denn rund zwei Drittel aller Jugendlichen schätzen ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut ein (vgl. Sygusch, in: Sportunterricht, 2000).

Die Säuglings- und Kindersterblichkeit fiel in den letzten 50 Jahren um einen Faktor von 40 bzw. 65. Diese Werte stehen in engem Zusammenhang mit dem Rückgang von infektösen „klassischen“ Kinderkrankheiten, Mangelkrankheiten und akut behandlungsbedürftigen Störungen. Grund dafür ist eine verbesserte medizinische Versorgung und verbesserte Standards im Bereich Hygiene, Pränataldiagnostik und -versorgung sowie Krankheitsfrüherkennung bei Kindern.

Jugendliche sind zwar selten krank, doch sie leiden häufig unter gesundheitlichen Beschwerden. 15 % aller 10 - 18-jährigen sehen ihren Gesundheitszustand als problematisch oder schwankend an (vgl. Brettschneider & Schierz (Hrsg.), 1993).

Der Landesgesundheitsbericht des nordrhein-westfälischen Gesundheits-ministeriums (2002) „Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in NRW“ zeigt auf, dass Kinder und Jugendliche heute häufiger als früher Störungen aufweisen. Diese entsprechen nicht dem Bild behandlungsbedürftiger Krankheiten, beeinflussen jedoch Schulerfolg und Sozialverhalten so, dass hinsichtlich der Teilnahme am Leben in der Gesellschaft eine Beeinträchtigung zu erwarten ist.

Statistisch gesehen waren noch nie so viele Kinder dick, so häufig krank und psychisch beeinträchtigt wie heute. Für diese Situation existieren viele Gründe, auf die im Folgenden genauer eingegangen wird.

In den Industrieländern hat eine Verschiebung der Gesundheitssituation auch bei Kindern und Jugendlichen stattgefunden. Sogenannte „Zivilisationskrankheiten“ bzw. „Individualisierungskrankheiten“ nehmen zu und Gesundheitsstörungen wirken sich entsprechend körperlich, sozial und auch psychisch aus.

Typische Krankheitsbilder und Beschwerden sind grobmotorische und sprachliche Störungen, feinmotorische Probleme, Adipositas[4], Schulbelastungsprobleme (z. B. Konzentrationsmangel) und Probleme mit Allergien und Hauterkrankungen (z. B. Neurodermitis).

[...]


[1] Aaron Antonovsky, 1923 – 1994. Ph. D. in Soziologie. Lebte in Israel.

[2] WHO ist die World Health Organisation

[3] Zusammenhängender Sinn.

[4] Dieses Krankheitsbild wird in Kapitel 3 noch genauer erklärt.

Details

Seiten
118
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638277150
Dateigröße
1001 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v24966
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,7
Schlagworte
Adipositas Sport Möglichkeiten Prävention Therapie Kindern Jugendlichen

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Titel: Adipositas und Sport. Prävention und Therapie von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen