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DDR-Deutsch in der Presse: Vergleichende Untersuchung am Beispiel der Berichterstattung zur Kuba-Krise

Seminararbeit 2001 15 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

1. Einleitung:

Dass die Errichtung einer Grenze quer durch das deutsche Volk politische, wirtschaftliche und persönliche Konsequenzen hatte, ist unübersehbar. Es kann nicht ohne Folgen bleiben, wenn ein Land willkürlich in zwei Teile gespalten wird. Es entstehen zwei sich getrennt voneinander entwickelnde Systeme, die sich aus politischen Gründen nicht mehr miteinander austauschen dürfen. Die ideologische Trennung geht sogar soweit, dass selbst die Sprache davon betroffen ist: Es entstehen zwei staatliche Varietäten der deutschen Sprache. Im Unterschied beispielsweise zum Österreichisch, das eine nationale Varietät bildet. Hinzu kommt, dass die ideologischen Unterschiede beider Teile Deutschlands eine solche Varietätenbildung förderten. Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik tritt sogar ganz entschieden für eine sprachliche Abgrenzung gegenüber der Bundesrepublik ein. Eine Art DDR-Deutsch sollte sich im Land etablieren. Wortneuschöpfungen entstehen etwa durch eine Konzentration auf systembedingte Wortfelder, wie zum Beispiel den Apparat der Staatssicherheit oder die sozialistische Partei SED. Auch der Einfluss der Sowjetunion zeigt sich in Lehnwörtern. Natürlich muss hierbei zwischen der Amtssprache und der Alltagssprache unterschieden werden. Die Frage, der diese Arbeit nun nachgehen will, ist, wie durchgreifend sind die sprachlichen Unterschiede zwischen Ost und West? Worin unterscheiden sich DDR-Deutsch und BRD-Deutsch überhaupt?

Zu diesem Zweck soll die Sprache der Presse untersucht werden. Gerade dem Massenmedium Presse kommt in einem Staat wie der DDR besondere Bedeutung zu. Es dient der Führung und Lenkung mehr, als der Information des Volkes, und untersteht somit der genausten Überwachung der Regierung. Die Zeitungssprache ist also in hohem Maße ideologisch durchsetzt. Wie noch ausführlicher zu sehen sein wird, belegt auch das Mediensystem in Ost-Deutschland diese Behauptung. Als Beispiele für diese Untersuchung sollen die Zeitungen ‚Neues Deutschland’ (DDR-Presse) und ‚Die Welt’ (westdeutsche Presse) herangezogen werden. ‚Neues Deutschland’ (ND) untersteht als Zentralorgan der SED der direkten Aufsicht des Partei-Zentralkomitees. ‚Die Welt’ soll als große westdeutsche Zeitung aus dem Springer-Verlag einen eher konservativen Gegenpol bilden.

Am besten lassen sich zwei so verschiedene Zeitungen vergleichen, wenn beide über das gleiche Thema berichten. Um möglichst konträre Aussagen in der Presse zu finden, soll die sogenannte Kuba-Krise als Aufhänger dienen. An diesem Fall, der sozusagen über den Köpfen der Deutschen ausgetragen wurde, lässt sich vielleicht verdeutlichen, wie ideologisch die Berichterstattung genutzt wurde. Der untersuchte Zeitraum umfasst die Tage vom 24. bis zum 30. Oktober 1962; die letzten Tage vor der Einigung der USA mit der UdSSR. Im Verlauf finden die Artikel Erwähnung, die im Hinblick auf eine linguistische Untersuchung besonders anschaulich sind. Die Inhalte der Berichte können und sollen nicht näher untersucht werden, sofern dies nicht im Rahmen der Untersuchung notwendig ist. Zugrunde liegt deshalb ein Korpus von 15 Artikeln, wovon sieben der Zeitung ‚Die Welt’ und acht der ‚Neues Deutschland’ entnommen sind.

Doch bevor diese Arbeit sich mit den sprachlichen Beispielen aus der Presse beschäftigt, soll die Presselandschaft der DDR beleuchtet werden. Es ist recht wichtig die organisatorischen Verhältnisse der Presse zu kennen, um zu verstehen, wie das System von Berichterstattung und Manipulation funktioniert. Vor diesem Hintergrund erhellen sich auch manche Zusammenhänge, die beispielsweise die Journalisten der DDR in einem falschen Licht erscheinen ließen.

2. Die Presselandschaft im Osten

2.1 Zahlen im Vergleich

Betrachtet man die reinen Zahlen, ist die DDR zum Zeitpunkt 1989 ein sehr lesefreudiges Land. Die Zeitungen und Zeitschriften erfreuen sich regen Verkaufs und die Auflagenzahlen sind vergleichsweise gut. In diesem Jahr existieren 39 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von rund neun Millionen Exemplaren. Außerdem erscheinen 30 Wochenzeitschriften und 500 (!) Fachzeitschriften, deren Auflage die 30 Millionen erreicht. Eine Zeitung kostet etwa 0,15 DM und ein Abonnement höchstens 3,50 DM. Diese Preise können nur mit finanzieller Unterstützung der Regierung bestehen – Zeitungen waren „Gegenstände des täglichen Bedarfs“[1]. Es herrschen zudem keine Marktverhältnisse, da es keine Konkurrenz, keine Anzeigen und somit keine kommerziellen Absichten gibt. Dem Leser bietet sich scheinbar eine wünschenswerte Printmedienlandschaft. Doch bei einem Blick auf die Herkunft der Publikationen wird eines klar. Wenn allein 15 der 39 Tageszeitungen der SED gehören, das sind zwei Drittel der Gesamtauflage, dann trügt der Schein der freien Wahl. Die Zeitungen der Blockparteien machen nur etwa 835 000 Exemplare aus. Hintergrund dessen ist ein sehr striktes und einseitiges System in der Berichterstattung, worauf das nächste Kapitel eingehen wird.

2.2 Zensur ohne Zensor

Schon ein erster vergleichender Blick auf die Meinungsfreiheit in der Verfassung zeigt den Unterschied zwischen Ost und West. Wo die deutsche Verfassung die Freiheit der Berichterstattung garantiert, besagt Artikel neun der DDR-Verfassung von 1949 nur, eine Meinungsäußerung sei „den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß“ möglich[2]. Ein Zusatz stellt fest: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Diese Verfassung verlangt jedoch von seinen Bürgern, eine „uneingeschränkte Anerkennung der führenden Rolle der SED und des Prinzips des demokratischen Zentralismus“. Eine grundsätzliche Kritik nicht gestattet. Die Grenzen einer Verfassung steckt das Strafgesetzbuch, das in diesem Fall der Pressefreiheit mit dem interpretierbaren Begriff der „Staatsfeindlichen Hetze“ begegnet – es verbietet also de facto eine oppositionelle Meinungsäußerung[3]. Zudem erwähnt die Verfassung mit keinem Wort die Informationsfreiheit.

Und diese ist in der Tat eingeschränkt durch die Medienpolitik der SED. Durch mehrere Eingriffe erreicht sie tatsächlich ein System, das Zensur ohne Zensor ausüben kann. Zunächst ist die Veröffentlichung aller regelmäßig erscheinender Publikationen lizenzpflichtig. Unliebsame Produkte können überdies durch das geringe Papierkontingent von dem Erscheinen abgehalten werden. Ein dritter Schritt ist der Vertrieb, den nur die Deutsche Post ausführen darf. Sie kauft die Produkte und verkauft sie an den Leser. Ein anderwärtiger Verkauf ist untersagt. Doch auch die Mitarbeiter der schon bestehenden Zeitungen werden mit Bedacht ausgewählt. Die erste Hürde ist die Ausbildung zum Journalisten, die nur parteikonformen Anwärtern möglich ist. Ein Großteil dieser durchlaufen noch einmal das sogenannte „rote Kloster“, die Sektion Journalismus der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Und auch die Staatssicherheit hatte Informelle Mitarbeiter (IM) in den Redaktionen.

[...]


[1] Smith: 11.06.01.

[2] im Folgenden: Holzweißig 1989: 10 - 18.

[3] Paragraph 106 Abs. 1: „4. [...] Widerstand gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung der DDR zu leisten; ... wird mit Freiheitsstrafe von einem bis zu acht Jahren bestraft“.

Details

Seiten
15
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638115216
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v2491
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Inst. f. Dt. Philologie I
Note
gut
Schlagworte
DDR DDR-Deutsch Kuba-Krise Presse

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