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Von Paarsequenz bis Biomacht. Ein kleiner Ausblick auf das weite Feld der Diskursanalyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 31 Seiten

Anglistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Klassische Diskursanalyse
1.1. Konversationsanalyse
1.1.2. Summons-Answer Sequences
1.1.3 Question-Answer Sequences
1.1.4. Turn Taking & Topic
1.2. Verbales Duellieren

2. Kritische Diskursanalyse
2.1. „Ideational Structure“ oder das dialektische Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit
2.2. Van Dijks Untersuchung zu „Prejudice in Discourse“
2.2.1. „Topic Sequencing“ und „Topic Change“ als Rahmen zum Anbringen vorurteilsgeladener Meinungen

3. Michel Foucaults Diskurstheorie
3.1. „Biomacht“

4. Fazit und Vorschlag

5. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Mitte der 50er Jahre trat in Harvard ein Mann namens James L. Austin auf den Plan, um die Geschichte der Linguistik für immer zu verändern. Seine einfache und wegweisende Erkenntnis lautete, „that utterances are actions“ (Stubbs 1983: 1). Die von ihm begonnene und maßgeblich von Searle weitergeführte Sprechakttheorie bereitete das Feld für eine Disziplin, unter deren Namen sich eine nahezu unüberschaubare Menge von Untersuchungen und Wissenschaftlern versammelten und versammeln: die Diskursanalyse.

Diskursanalyse – das bedeutet die Analyse gesprochener und geschriebener Sprache in ihrem Gebrauch und jeweiligem Kontext, die Untersuchung von Sprache auf einem Level auch oberhalb des einzelnen Satzes und die Abkehr von jener maßgeblich von Saussure, Bloomfield und Chomsky betriebenen Sprachwissenschaft, die den tatsächlichen Gebrauch von Sprache ausblendet und sich völlig auf das konzentriert, was sie „langue“ (Saussure 1960: 9ff.) oder „competence“ (Chomsky 1965: 3) nennt: Tiefenstrukturen und laut Chomskys Theorie der „universal grammar“ (vgl. Chomsky 1988) angeborene Sprachfähigkeiten, die uns befähigen, unendlich viele Äußerungen zu generieren, die als bloße „performance“ (Chomsky 1965: 3) nichts an dem grundsätzlichen Funktionieren von Sprache und ihrer Gestalt ändern würden.

Diskursanalyse machte nun völlig kehrt, ließ diese Annahmen hinter sich und suchte nach Strukturen, Regeln und Mechanismen der Sprache im tatsächlichen Gebrauch, stürzte sich auf tatsächlich gesprochene Sprache und Konversationen und arbeitete an der Erkenntnis, dass Sprache Handlung, soziale Praxis und in ihrer Gestalt sehr wohl davon abhängig ist, wann sie wo und wie benutzt wird. Nähert man sich nun diesem Feld und wirft einen unschuldigen Blick auf den weiten Begriff des Diskurses, wird man mit einer Vielzahl verwirrender Strömungen konfrontiert, die allesamt den Begriff aufgreifen. Man gerät an gesprächsanalytische Untersuchen ebenso wie an links-emanzipatorische Unternehmen oder gar an jene Theorie, die seit über dreißig Jahren die akademische Welt fachübergreifend beschäftigt: Michel Foucaults Diskurstheorie.

Die vorliegende Arbeit will einen Beitrag leisten, dieses weite Feld ein wenig zu lichten und drei große Strömungen um den Begriff des Diskurses unterscheiden und exemplarisch vorstellen: die ‚klassische Diskursanalyse‘, die kritische Diskursanalyse und die Diskurstheorie Foucaults. Die hier als ‚klassische Diskursanalyse’ gefasste Strömung soll anhand der Arbeit von Schegloff und Sacks im Rahmen der Konversationsanalyse und einem Beitrag von Labov zum verbalen Duellieren vorgestellt werden. Die kritische Diskursanalyse findet ihre Repräsentation im Beispiel von van Dijks Untersuchung „Prejudice in Discourse“ (vgl. van Dijk 1984) und Foucaults weitgefasste Diskurstheorie soll besonders in seinem Konzept der „Biomacht“ (vgl. Foucault 1999: ) Kontur erlangen.

Im Laufe der exemplarischen Erhellung dieser einzelnen Disziplinen soll zudem die Frage gestellt werden, was sie warum leisten können und inwiefern sie miteinander zu tun haben. In diesem Sinne läuft die Vorstellung der drei Strömungen, die in den frühen Siebzigern mit Schegloffs Konversationsanalyse beginnt, in einen Vorschlag zur ganz aktuellen Anwendung der Disziplinen in der heutigen Gegenwart aus und mag als Grundlage dienen, das Augenmerk auf einen unbehaglichen Diskurs zu richten, der auch und gerade aus Bochum massiv am Leben gehalten wird. Bevor wir jedoch dort angelangen, begeben wir uns an den Start und entfalten den Weg der Diskursanalyse.

1. Klassische Diskursanalyse

Die vorliegende exemplarische Vorstellung dessen, was hier ‚klassische Diskursanalyse’ genannt sein soll, muss sich zwangsläufigerweise auf einen winzigen, elementaren Ausschnitt beschränken. Dabei kann der Abschnitt über Labovs Untersuchungen zum verbalen Duellieren auch als ein Untergebiet der Konversationsanalyse betrachtet werden. Weitere wichtige Untersuchungen und Strömungen innerhalb der klassischen Diskursanalyse waren etwa die Beiträge Sinclair und Coulthards zu Konversation im Klassenzimmer (vgl. Sinclair/Coulthard 1975), die Narrativik (vgl. Bell 1999, Ochs 1997, Hudson/Shapiro 1991, Kozloff 1987 u.v.m.), alle Formen der Ethnographie (vgl. Saville-Troike 1989, Gumperz/Hymes 1972 u.v.m.) oder auch Beiträge zur Bedeutung von Klatsch und Tratsch (vgl. Fine 1985). Wenden wir uns aber nun einigen grundlegenden Gedanken und Schlüsselbegriffen der klassischen Diskursanalyse zu.

1.1. Konversationsanalyse

In einer Debatte zwischen Emanuel Schegloff und Michael Billig um Sinn und Unsinn von kritischer Diskursanalyse und Konversationsanalyse gibt Schegloff als Verteidiger der letzteren eine markante Charakterisierung seiner Arbeitsweise:

I suspect that Billig and many who share his position believe that students of the social world know basically how things work, whereas I and many colleagues who work along conversational-analytic lines believe that basically we do not, and that we need to win it bit by bit from the social world we try to understand, by examine it bit by bit. (Schegloff 1999a: 567)

Dieses geduldige und schrittweise Analysieren empirisch gesammelter Daten geht auf die Überzeugung zurück, dass nahezu alle tagtäglich benutzte Sprache regelhaften Mechanismen folgt. Diese Regeln empirisch und direkt an den transkribierten Konversationen zu belegen und zu erhellen, war und ist die Methode und Aufgabe der Konversationsanalyse.

1.1.2. Summons-Answer Sequences

Ein Beispiel dieser Methode ist die Untersuchung von Eröffnungssequenzen in Telefongesprächen, die Schegloff 1972 vorgelegt hat. Bereits hier erkennt er klare und zwingende Regelhaftigkeiten, die solche Sequenzen lenken und deren bindende Kraft enorm ist.

Zuallererst konstatiert er die sogenannte „distribution role“ (Schegloff 1972: 351), die schlicht und einfach festlegt, dass der Angerufene zuerst redet. Hält man sich an diese Regel und meldet sich mit einem Namen oder einem bloßen „Yeah?“, stellt dies eine Antwort auf eine Aufforderung dar – in diesem Fall das Klingeln des Telefons. Diese Sequenz von Aufforderung und Antwort („summons-answer-sequence“ kurz „SA sequence“, vgl. Ebd.: 357ff.) ist absolut zwingend. Bleibt eine Antwort aus, wird sich die Aufforderung wiederholen. Im Gespräch wird der Auffordernde sich erkundigen, ob er verstanden worden ist, an der Wohnungstür mag auf erfolgloses Klingeln lautes Klopfen folgen und in Bezug auf das Telefon kann somit jedes erneute Schellen nach der vorgegebenen Pause als neue Aufforderung auf eine ausgebliebene Antwort gesehen werden. Bleibt die Antwort auch nach längerer Wartezeit aus, wird das Ausbleiben einer Reaktion als „official absence“ (Ebd.:368) betrachtet. Der Auffordernde wird daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass der Angerufene nicht da ist. Er ist - wie Schegloff Goffmann zitiert – „not interactionally ‚in play‘“ (Ebd.: 368). Dies kontrastiert deutlich mit einer Situation, in welcher der Anrufende weiß, dass der Angerufene da ist und somit das Ausbleiben einer Reaktion (etwa im Falle eines Streits) als bewusste Ignoranz, Eingeschnapptheit usw... interpretieren muss. Hier sind trotz nicht abgeschlossener „SA Sequence“ beide Teilnehmer „in play“.

Gelingt nun aber eine komplette Eröffnungssequenz und der Angerufene meldet sich nach dem Klingeln, schließt er mit dieser Antwort die „SA Sequence“ ab und es öffnet sich das Feld für den Fortgang der Konversation. Dieser Fortgang ist ebenso zwingend, da auf eine „SA Sequence“ etwas folgen muss und in der alternierenden Logik von „two-party conversations“ (Ebd.: 350) nun wieder der Auffordernde an der Reihe ist. Diesen Mechanismus nennt Schegloff „nonterminality of SA Sequences“ (Ebd.: 359).

Die „SA Sequence“ dient somit als Mittel, mit dem beide Sprecher ihre „Availability to Talk“ (Ebd.:370) signalisieren können. Der Kanal zwischen beiden ist nun geöffnet und wird im weiteren Verlaufe des Gesprächs durch „assent terms“ (Ebd.: 379) offengehalten, die Aufmerksamkeit signalisieren, ohne zwangsläufig einen Sprecherwechsel provozieren zu müssen. Diese hierzulande auch als Hörrückmeldungen bekannten Äußerungen wie „mmhmm“ signalisieren dem Sprecher, dass er fortfahren und sich der Aufmerksamkeit des Zuhörers sicher sein kann. Diese reziproke Dynamik hält den Kanal zuverlässig offen – „Availability may, in this way, be ‚chained‘“ (Ebd.: 379).

1.1.3 Question-Answer Sequences

Frage-Antwort-Sequenzen („QA sequences“, vgl. Ebd: 359ff.) sind hingegen weniger zwingend strukturiert. Hier kann der Fragende nach Erhalt einer Antwort noch mal sprechen, muss aber nicht. Er kann auch dem Antwortenden einen langen „Turn“ (zur genaueren Definition des Sprecherbeitrags „Turn“ bei Schegloff vgl. Ebd 1972:350ff) überlassen und einfach nur zuhören oder eine weitere Frage stellen, wie in folgendem Beispiel:

(1) A: Weißt Du, was Michael mittlerweile macht?

B: Ach, der studiert Maschinenbau in Flensburg. (lacht) Ist extra dorthin gezogen, damit er nebenher schön Surfen kann.

A: Nebenher?

B: Naja... (hüstelt)... wohl eher hauptberuflich.

A: (lacht)

Wenn hier auch die einzelnen Turns in längeren Abständen (die Antwort auf eine Frage erlaubt mehr Zeit als die Reaktionen in Eröffnungssequenzen von Telefongesprächen, die unmittelbar erfolgen müssen) und in freierer Gestaltung (ein Turn kann hier viel mehr sein als das bloße „Hallo“ beim Abnehmen des Hörers) erfolgen können, so erkennt Harvey Sacks in dieser Sequenz doch auch wieder eine „chaining rule“ (Sacks 1972: 343), die auf jede Antwort eine neue Frage und umgekehrt folgen lässt. Diese Sequenz (Q-A-Q-A-Q-A...) interessiert ihn nun besonders in Hinblick auf den Aspekt, dass in der Regel immer der Fragende die dominierende Kraft in dieser Art von Konversation ist: „A person who has asked a question can talk again, has, as we may put it, ‚a reserved right to talk again‘.“ (Ebd.:343). Hier schleicht sich langsam eine Frage in die Konversationsanalyse, die später die kritische Diskursanalyse als ihre Domäne abzustecken gedenkt – die Frage nach Machtstrukturen in der Konversation. Die dominierende Rolle des Fragenden in der Konversation, „his reserved right to talk again“, ist dabei ein ganz entscheidender Faktor – denn hat der Fragende die Macht im Gespräch, kann ihm diese Macht immer da genommen werden, wo es dem Befragten gelingt, die Rollen zu tauschen. Rhetorisch versierte Politiker oder Sportstars nehmen auf diese Weise mit plötzlichen Gegenfragen dem Interviewer das Heft aus der Hand, indem sie die Frage-Antwort-Kette einfach durchbrechen und sich in die Position des Fragenden bringen. Und nicht umsonst ist die Verteilung von Fragesteller und Befragtem vor Gericht institutionell unumkehrbar festgelegt und auch mag es kein Zufall sein, dass grimmige Cops in Hollywood-Verhören mit der Faust auf den Tisch schlagend immer wieder ihre Position mit dem gleichen Spruch klarstellen: ‚Ich stelle hier die Fragen, damit das klar ist!‘

Nur eine im wahrsten Sinne des Wortes ‚kleine‘ Gruppe von Menschen kann

aus der Position des Fragenden keinen Vorteil ziehen – die Kinder. Denn diese Regel des „reserved right to talk again“ gilt nur für Menschen mit gleichen Rechten im Gespräch, die Kinder a priori nicht haben. Auf eine konkrete Frage können sie jederzeit mit Floskeln wie ‚Dafür bist du noch zu klein‘ oder ‚Nicht jetzt!‘ abgewimmelt werden und mittels ihrer unterlegenen Position nichts daran ändern. Außer sie wenden den Trick an, den Sacks in seinem Artikel darlegt und bringen sich in die Position eines Antwortenden. Eines Antwortenden, der auf eine Frage antworten muss, die derart offen und allgemein ist, dass sie alles sagen können, was sie wollen und sich somit ein freies Redefeld eröffnen. Dies erreichen sie mit einer Frage wie „You know what, Daddy?“ (Ebd.: 343), die von ihrem Wesen her zwingend die Gegenfrage „What?“ provozieren muss. Dieses „What?“ hat nun die Kette umgekehrt und bringt sie in die Position des Antwortenden. Sie sind nun verpflichtet, zu antworten und können diese Verpflichtung in vollsten Zügen und in ihrer Themenwahl ausnutzen...

1.1.4. Turn Taking & Topic

Wir sehen also, dass es kleinste, untrennbar verbundene Paare in Gesprächen gibt: die unmittelbare Reaktion auf eine Aufforderung wie etwa das Abheben des Hörers und die Nennung des Namens (oder eines Diskursmarkers wie „Hallo?“) als unabdingbare Reaktion auf das Klingeln des Telefons („SA Sequence“) oder eine Antwort als unabdingbare Reaktion auf eine Frage („QA Sequence“). Diese kleinsten Paare nennt Sacks „adjacency pairs“ (Sacks u.a.: 1974:), bestehend aus zwei „pair parts“ (Ebd.:), deren erster den zweiten zwingend bedingt. Wir haben bereits gesehen, dass diese Sequenzen theoretisch zwar untrennbar sind und ihre feste Bindung entscheidend dafür sorgt, dass wir überhaupt so sicher und automatisiert miteinander reden können, dass die Abfolge der Sequenzen, die Rollenverteilung von Sprecher und Hörer, Fragendem und Befragten, aber durchaus beeinflusst und geändert werden kann. Gespräche sind somit auch ein ‚Kampf um den Turn‘, ein Gerangel um das ‚an der Reihe sein‘ – und spätestens da, wo wir uns aus der Zwei-Personen-Konversation hinausbewegen, erreichen wir das Feld der weitläufigen Studien um „Turn Taking“ (vgl. Coulthard 1975: 52ff.) und „Topic“ (vgl. Ebd: 75ff.), um die Art und Weise, wie Turns eingeleitet und erlangt werden und wie es möglich ist, während eines Sprecherwechsel zugleich auch das Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen, wann und warum das gelingt und wann und warum nicht.

Sacks unterscheidet in diesem Sinne unter „talking topically“ und „talking about ‚a topic‘“, wie Coulthard in seiner Einführung zur Diskursanalyse anschaulich darstellt (Coulthard 1977: 77). „Talking topically“ beschreibt dabei die Geschicklichkeit, mit der ein Sprecher im Rahmen seines Turns ein neues Thema einführt. Er muss es schaffen, sein Thema, das inhaltlich gar nichts mit dem vorangegangenen zu tun haben mag, sauber an den Gesprächsverlauf anzubinden. Oder wie Coulthard schreibt: „Turns must display ‚why that know‘“ (Ebd.: 77). Ein geschickter Gesprächspartner kann somit jedes Thema, das sein Gegenüber einzuführen versucht, als Anknüpfungspunkt für ein völlig anderes benutzen. Dies hat vor allem damit zu tun, dass nahezu jede Äußerung einen paradigmatischen Rahmen für strukturell gleiche Äußerungen aufmacht. Beabsichtigt beispielsweise Sprecher A, über seine Erlebnisse beim Weihnachtseinkauf zu berichten, ist die grundsätzliche Äußerung, die er tätigt: ‚Ich habe gestern X gemacht.‘ X mag in diesem Fall der Weihnachtseinkauf gewesen sein, doch eignet sich die Grundstruktur dieser Äußerung perfekt für eine Anknüpfung wie: ‚Und ich war gestern joggen. Trotz der Kälte!‘ Sprecher B hat somit sauber vom Thema ‚Weihnachtseinkauf‘ zum Thema ‚Sport‘ übergeleitet. Er hat „topically“ gesprochen, aber eben nicht über das von Sprecher A gewünschte Thema.

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Details

Seiten
31
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638276627
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v24894
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Paarsequenz Biomacht Ausblick Feld Diskursanalyse Thema Diskursanalyse

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