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Das Nationale Innovationssystem der USA

von Maik Meier (Autor) Dimitar Popov (Autor)

Seminararbeit 2004 31 Seiten

VWL - Innovationsökonomik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rahmenbedingungen für das NIS der USA
2.1 Nationale Denk- und Verhaltensweisen
2.2 Technologie
2.3 Forschungsbereiche – Vielfalt oder Spezialisierung?
2.4 Ausgaben für R&D

3. Elemente des NIS der USA
3.1 Bildungssystem
3.2 Wettbewerbsrecht
3.3 Patentsystem und Gesetze zum Technologie-Transfer
3.4 Militärischer Bereich
3.5 Kooperationen
3.6 Venture Capital
3.7 Internationale Zusammenarbeit

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Gegenstand dieser Seminararbeit ist das nationale Innovationssystem der USA. In Kapitel 2 werden Rahmenbedingungen beschrieben, die das NIS der USA beeinflussen bzw. die Grundlage bilden. Dazu gehören die nationalen Denk- und Verhaltensweisen, welchen in den USA eine erhebliche Bedeutung für die Ausgestaltung des NIS zugemessen werden kann. Im zweiten Unterkapitel Technologie wird auf die Grundausstattung an Ressourcen und die Branchen eingegangen. Im nächsten Unterkapitel soll die Struktur der Forschungsbereiche untersucht werden, und danach sollen die langfristigen Ausgaben für R&D betrachtet werden. Im Kapitel 3 werden Elemente des NIS der USA genauer analysiert, die wir für wichtig und interessant halten. Diese Elemente sind: Bildungssystem, Wettbewerbsrecht, Patentsystem, Militärischer Bereich, Kooperationen, Venture Capital und Internationale Zusammenarbeit. Da diese Elemente ein System bilden, beeinflussen sie sich auch gegenseitig und sie sind für den Output des NIS maßgeblich. Zum Abschluss ziehen wir dann ein Fazit.

2. Rahmenbedingungen für das NIS der USA

2.1 Nationale Denk– und Verhaltensweisen

Darunter wollen wir Motive und kollektive Einstellungen verstehen, die die nationale Kultur geprägt haben. An dieser Stelle sollen zwei Motive, die wir für das NIS der USA für bedeutsam halten, erläutert werden. Wichtig ist dabei, dass diese langfristig bestehen, und von der Mehrzahl der Amerikaner getragen werden und dass sie sich auch in deren Verhalten niederschlagen. Das erste Motiv ist „Frontier“ – die Grenze, die sich beim Ausbreiten der Nation über den Kontinent immer weiter nach Westen verschob. Die Siedler mussten ums Überleben kämpfen – gegen die Natur und gegen die Indianer (mit denen sie quasi im Wettbewerb standen). In dieses Bild passen Risikobereitschaft, Optimismus, Tatkraft und Individualismus. Historisch gesehen ist es fragwürdig, in der Zeit des Wilden Westens den Anfang amerikanischer Identität zu sehen, aber dieser Mythos ist im kollektiven Gedächtnis tief verankert. Außerdem wurde dieser auch von Kennedy genutzt, der in der Eroberung des Weltalls eine „New Frontier“ sah. Die aus dem Motiv abgeleiteten Eigenschaften sind nützlich, wenn man die Akzeptanz des Venture Capital oder auch das Ausmaß der militärischen Forschung erklären möchte. Das zweite Motiv ist der amerikanische Traum, der sich in der Unabhängigkeitserklärung widerspiegelt: „Wir halten es für selbstverständliche Wahrheiten, dass alle Menschen gleich geschaffen sind und dass sie von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, zu denen das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“ (Thomas Jefferson, 1776)[1]

Es kommen folgende Werte zum Ausdruck: individuelle Freiheit, Gleichheit verstanden als Chancengleichheit am Start, sowie das Streben nach Glück und Erfolg. Diese teilweise miteinander in Konflikt stehenden Werte kommen z.B. in den Elementen Wettbewerbsrecht und Bildungssystem zum Tragen.

2.2 Technologie

Die USA sind ein technisch hoch entwickelter Staat mit sehr hoher Wirtschaftsleistung und guter Infrastruktur. Es gibt gute Anbaubedingungen für die Landwirtschaft (z.B. für Weizen, Mais, Baumwolle) und eine reichhaltige Ausstattung an Bodenschätzen (z.B. Erdöl, Erdgas, Uran, Erze).[2] Da dieses Potential nutzbar gemacht wurde, kann man den wirtschaftlichen Aufstieg der USA noch gut durch die Neoklassische Theorie erklären.

Es existieren in den USA viele weltweit führende Branchen, z.B. die Bereiche Bio- und Gentechnik (hier wird nicht nur geforscht, sondern es werden bei Unternehmen wie Amgen, Biogen und Monsanto auch schon Gewinne erzielt), Halbleiter, Luft- und Raumfahrt, Software, Pharma und Chemie. Natürlich gibt es auch Problembranchen wie z.B. den Automobilbau und die Unterhaltungselektronik, welche im Wettbewerb gegen die asiatischen Hersteller einen schweren Stand haben.

2.3 Forschungsgebiete – Vielfalt oder Spezialisierung?

Um die Spezialisierung eines Staats in einem Forschungsgebiet zu messen benutzt man in der in Anhang A dargestellten Untersuchung die wissenschaftlichen Publikationen. Ein Wert deutlich über 100 bedeutet dabei eine relative Spezialisierung eines Staats in einem Forschungsgebiet. Für die USA zeigt sich eine viel gleichmäßigere Verteilung, als für die meisten anderen Staaten. Es gibt also keine ausgeprägte Spezialisierung auf nur wenige Forschungsgebiete, sondern es herrscht eine große Vielfalt an unterschiedlichsten Forschungsgebieten. Dieses Ergebnis überrascht nicht, wenn man die Forschung eines Staats als Unterstützung der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Branchen versteht. Deshalb ist die Vielfalt der Forschung ein Spiegelbild der Vielfalt der Branchen bzw. Technologien, und da die USA über die dafür notwendigen finanziellen Mittel verfügen, ist diese Vielfalt möglich. Ein positiver Nebeneffekt hierbei ist, dass Rückschläge in einem Forschungsbereich durch Erfolge in anderen Bereichen kompensiert werden können, so dass die Entwicklung der Volkswirtschaft nicht geschädigt wird.

2.4 Ausgaben für R&D

Anhang B zeigt die Ausgaben für Forschung und Entwicklung im internationalen Vergleich in Prozent des jeweiligen BIP. Es lässt sich feststellen, dass in den USA ca. 2,6 % des BIP für Forschung und Entwicklung ausgegeben werden. Dieser Prozentsatz bleibt im Zeitverlauf relativ stabil und er ist höher als der OECD-Durchschnitt, denn nur Japan gibt prozentual mehr für R&D aus. Dieses Ergebnis kann mit dem investitions- und innovationsfreundlichen Klima in den USA in Verbindung gebracht werden und es deutet auf eine große Leistungsfähigkeit des NIS der USA hin.

3. Elemente des NIS der USA

3.1 Bildungssystem

Das Bildungssystem ist ein sehr wichtiges Element, da sowohl diejenigen, die Inventionen erzeugen, als auch diejenigen, die Innovationen aufnehmen müssen (also ein Faktor für die Diffusionsgeschwindigkeit sind), das Bildungssystem durchlaufen müssen und so geprägt werden. Betrachtet man den Bildungsstand der Erwachsenenbevölkerung im internationalen Vergleich (siehe Anhang C) stellt man fest, dass die USA der Staat mit dem höchsten Anteil an Menschen, die mindestens den Sekundarabschluss 2 besitzen, sind. Dieser Schulabschluss gilt als Mindestanforderung für den erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben. Auch beim Anteil der Menschen mit einem tertiären Abschluss liegen die USA in der Spitzengruppe. Dies sind aber nur Aussagen über die Quantität, nicht über die Qualität des Bildungssystems.

Die Struktur des Bildungssystems (siehe Anhang D) soll nun skizziert werden. Die Schulerziehung beginnt in einer Elementary School, die 6 Jahre dauert. Dann folgt die High School, die durchschnittlich im Alter von 17 Jahren abgeschlossen wird. Die verschiedenen Schultypen sind gleichrangig und es herrscht grundsätzlich eine hohe Durchlässigkeit. Es gibt in den USA keine Lehre, stattdessen können 2-jährige berufsbezogene Colleges besucht werden, die dann mit einem Associate Degree enden. Der universitäre Bereich ist aufgeteilt in einen Undergraduate- und einen Graduate- Bereich. Der Undergraduate-Bereich endet nach 4 Jahren mit dem Bachelor: das ist der reguläre Universitätsabschluss, der keinesfalls mit einem deutschen Vordiplom gleichgesetzt werden sollte. Nur eine Minderheit setzt mit einem 2-jährigen Master oder einem 4-jährigen Doktorandenstudium die akademische Laufbahn fort.

Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf den Sekundarbereich. Die Schulen sind Ganztagsschulen und es gibt keine festen Klassenverbände sondern ein Kurssystem. Im Schulsystem wird Chancengleichheit angestrebt, zumindest existiert keine Selektion wie im deutschen 3-gliedrigen Schulsystem. Es existiert aber ein qualitativer Unterschied zwischen den öffentlichen und den privaten Schulen. Die Finanzierung des Schulwesens ist Aufgabe der jeweiligen Bundesstaaten, deshalb können die Ausgaben ziemlich differieren. Ein internationaler Vergleich der Ausgaben für den Sekundarbereich (siehe Anhang E) zeigt, dass die USA der absoluten Höhe nach mehr Geld ausgeben, als die Wettbewerber Japan und Deutschland, aber wenn man das hohe BIP zugrunde legt, sind die Ausgaben eher etwas unterdurchschnittlich. Um die Qualität der Schulbildung zu ermitteln, wurde beim PISA-Test 2000 die Lesekompetenz von 15-Jährigen bewertet. Die USA erreichten nur Rang 15 von 31, waren also nur Mittelmaß (siehe Anhang F). Dies legt die Vermutung nahe, dass die hohe Abschlussquote mit Qualitätseinbußen erkauft worden ist. Außerdem besagt die Untersuchung, dass die Varianz innerhalb von Schulen und zwischen den Schulen in den USA über dem OECD-Durchschnitt liegt.[3] Als mögliche Gründe hierfür sind unter anderem die unterschiedlichen sozialen Verhältnisse der Schüler sowie ethnische Probleme zu nennen. Diese Probleme sind natürlich schon seit geraumer Zeit bekannt und Ansätze wie das Head- Start-Programm (Kinder aus einkommensschwachen Familien erhalten eine Vorschulerziehung) konnten auch nur begrenzt positive Wirkungen entfalten.

Universitäten & Colleges werden als „gemeinnützige Dienstleistungsunternehmen“[4] angesehen. Demzufolge bieten Hochschulen nur solche Studiengänge an, für die sich genügend zahlende Kunden finden und die Studenten wählen danach aus, ob sich diese Investition rechnet. Deshalb werben auch viele Unis mit dem Einkommen ihrer Absolventen.

Haupteinnahmequellen der Hochschulen[5] sind: Studiengebühren in sehr unterschiedlicher Höhe, private Forschungsaufträge und staatliche Forschungszuschüsse, Mittel aus Steuergeldern, private Schenkungen (Hochschulen versuchen Absolventen mit Alumni-Netzwerken zu binden, um so Spenden zu sammeln) und Einkommen aus Stiftungsfonds (z.B. verfügt die University of Texas über Ölquellen[6] ; andere Universitäten haben Einnahmen aus Grundbesitz und Wertpapieren). Im internationalen Vergleich sind die Ausgaben der USA für den Tertiärbereich sehr hoch, sowohl der absoluten Höhe nach als auch im Vergleich zum BIP (siehe Anhang G). Scharfer Wettbewerb herrscht zwischen den Hochschulen um: Mittel für die Forschung, hochqualifiziertes Lehrpersonal (das zum Teil auch abgeworben wird), Studierende, öffentliches Ansehen und Spendengelder. Ein wichtiges Marketinginstrument sind deshalb die Ergebnisse von Hochschul-Rankings, die die Güte eines Fachbereichs ermitteln sollen.

Der Anteil der Wissenschaftler an der Zahl der Erwerbstätigen beträgt in den USA 0,74 Prozent, das kann nur Japan übertreffen (siehe Anhang H). Für die Qualität der Wissenschaftler spricht, dass ca. 60 Prozent der Nobelpreisträger aus den USA stammen. Diese Dominanz lässt sich auch im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften feststellen.

3.2 Wettbewerbsrecht

Vor dem Jahr 1890 war es in den USA für Unternehmen legal, Absprachen über Preise und Mengen zu treffen. Dementsprechend gering war die Wettbewerbsintensität und es entstanden viele Monopole und Oligopole. Darin erkannte man eine Gefahr für die individuellen Freiheitsrechte, weil diese wettbewerbsfeindlichen Maßnahmen die Konsumenten schädigen, denn Monopolisten bieten bekanntlich geringere Mengen zu höheren Preisen an und es existiert kein Wettbewerbsdruck, der Innovationen forcieren könnte. Deshalb wurden zwei wichtige Antitrust Gesetze erlassen, um wettbewerbsfeindliche Maßnahmen zu unterbinden, nämlich 1890 der Sherman Antitrust Act (das weltweit erste Antitrust-Gesetz) und 1914 der Clayton Act. Die Antitrust Division und die Federal Trade Commission sind zwei Behörden, die für die Einhaltung dieser Gesetze zuständig sind.[7]

Das spektakulärste Urteil, bei dem der Sherman Act Anwendung fand, wurde sicherlich im Fall Standard Oil gefällt. Die Firma John D. Rockefellers wurde nämlich 1911 in 34 Einzelgesellschaften zerschlagen. Als nächstes soll der Fall des Telekommunikations-unternehmens AT&T genauer betrachtet werden.[8] Alexander Graham Bell entwickelte 1875 das erste funktionsfähige Telefon, bündelte die Patente in der Bell Patent Association, gründete Unternehmen in vielen US-Bundesstaaten, die unter dem Dach der Holding AT&T zusammengefasst wurden. Um nach Ablauf der Grundpatente nach 20 Jahren die Monopolstellung zu behalten, wurden hauptsächlich zwei Mittel eingesetzt, nämlich Fusionen und Patenthortung. Dies soll bedeuten, dass sehr intensive Forschung nach allem was auch nur im Entferntesten mit Telekommunikation zu tun hat, betrieben wurde. So haben die Bell Laboratorien im Laufe der Zeit z.B. Lautsprecher, Radar, Solarzellen und Laser erfunden. Außerdem wurden sehr viele Patente erworben. Ziel war die Verhinderung des Markteintritts neuer Wettbewerber, deshalb wurde auch nur etwa die Hälfte aller Patente genutzt. Andere Patente wurden erst viel später genutzt, z.B. dauerte es über 40 Jahre, bis eine Technologie gegen Rückkoppelungen eingesetzt wurde. Diese Praktiken sorgten für Kritik und es gab desöfteren Ermittlungen durch die genannten Behörden. 1956 kam es zu einer Art Vergleich mit der Konsequenz, dass AT&T Patente für andere zugänglich machen musste. Damit sollte eine schnellere Innovationsdiffusion erreicht werden. Beispiel ist das Betriebssystem Unix: dieses musste nun gegen geringe Gebühren an Universitäten lizenziert werden. Trotzdem wurde AT&T 1984 zerschlagen, und zwar in ein Unternehmen für Ferngespräche, (das weiterhin unter dem Namen AT&T firmiert) und in sieben regionale Telefongesellschaften.

Seit der Präsidentschaft von Ronald Reagan gibt es unseres Erachtens einen Trend zu einer weniger rigorosen Anwendung der Gesetze, vor allem was Fusionen betrifft.[9] Begründet wird dies damit, dass Unternehmen sich wegen der Globalisierung auch verstärkt internationaler Konkurrenz stellen müssen. Als Konsequenz durften z.B. einige der Firmen, die aus der Zerschlagung von Standard Oil hervorgegangen waren, vor kurzem wieder fusionieren.

Unter Reagan wurde auch der National Cooperation Research Act verabschiedet. Dieser erlaubt die Zusammenarbeit von Unternehmen bei der Grundlagenforschung. Ziel war die Vermeidung von mehrfachen Forschungskosten. Dieses Gesetz ist auch eine Reaktion auf Erfolge der Japaner in diesem Bereich.

Zum Abschluss sei noch der relativ aktuelle Fall Microsoft erwähnt.[10] Microsoft wurde schuldig gesprochen, versucht zu haben den Markt für Webbrowser zu monopolisieren. Microsoft konnte im Berufungsverfahren eine Zerschlagung verhindern und man einigte sich auf einige Zugeständnisse, wie z.B. die teilweise Offenlegung von Quellcode, Entkopplung von Windows von anderen Microsoft- Produkten, sowie Schadenersatz.

Insgesamt kommen wir zu der Feststellung, dass das Wettbewerbsrecht großen Einfluss auf die Marktstrukturen hatte und immer noch hat, die positiven bzw. negativen Auswirkungen auf das NIS der USA jedoch schwer empirisch zu belegen sind.

[...]


[1] für Kapitel 2.1 vgl. Gelfert, 2002, S. 24ff. 19ff.

[2] vgl. Gelfert, 2002, S. 31

[3] vgl. OECD Bildung auf einen Blick , 2002, S. 95

[4] Littmann, 1996, S. 14

[5] Hummel, 1988, S. 84

[6] vgl. Uthmann, 1988, S. 132

[7] vgl. Lange et al, 1972, S. 58ff.

[8] vgl. Lange et al, 1972, S. 760ff.

[9] vgl. Adams, 1990, S. 553

[10] vgl. z.B. Bantle/ Ernst, 2000

Details

Seiten
31
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638275804
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v24795
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Lehrstuhl für VWL-Politik
Note
1,0
Schlagworte
Nationale Innovationssystem

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