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Randgruppen im Mittelalter

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 25 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Der Versuch einer Definition des Randgruppenbegriffs

II. Die verschiedenen Randgruppen im Mittelalter
1. Unehrliche Berufe
1.1. Bettler
1.2. Henker
1.3. Prostituierte
1.4. Gaukler und Spielleute
2. Körperlich und geistig Signifikante
2.1. Lepra als gesellschaftliches Todesurteil
2.2. Geistig und körperlich Behinderte
3. Ethnisch-religiös Verschiedene
3.1. Juden
3.2. Zigeuner
4. Hexen und Sodomiter
4.1. Hexen
4.2. Sodomiter

III. Das Phänomen der Stigmatisierung und Marginalisierung
1. Vorurteile und Zuschreibungsprozesse
2. Der Prozess der Marginalisierung
3. Die sozialregulative Notwendigkeit (der Konstruktion) von Randgruppen

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit untersucht die verschiedenen Randgruppen mittelalterlicher Gesellschaften unter soziologischen Gesichtspunkten. Der dieser Arbeit zugrunde liegende Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom Beginn des 11. Jahrhunderts bis etwa zum Ende des 16. Jahrhunderts, also auf das Spätmittelalter.

Im Zentrum der Betrachtung stehen städtische mittelalterliche Gesellschaften, die das deutsche Reichsgebiet umfassten, wenngleich an einigen Stellen auch ein Vergleich zu anderen Ländern Europas angestrebt wird.

Aufgrund der zahlreichen und teils sehr unterschiedlichen Auffassungen, die zum Thema Randgruppen schriftlich überliefert sind, ist eine exakte Definition und Differenzierung sicherlich nicht immer leicht zu treffen, wenn nicht an manchen Stellen sogar unmöglich. Daher soll im ersten Teil der Arbeit herausgestellt werden, inwiefern sich der Begriff ‚Randgruppe’ überhaupt definieren und differenzieren lässt. In weiteren Verlauf soll erörtert werden, welche Personengruppen anhand welcher Kriterien als Außenseiter bezeichnet werden können. Dabei spielen vor allem die Art und Weise einerseits sowie Gründe und Ursachen der Marginalisierung andererseits eine wichtige Rolle.

Im Anschluss an die Einzelbetrachtungen der verschiedenen Randgruppen soll zusammenfassend herausgestellt werden, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Bezug auf das soziale Leben und die gesellschaftliche Stellung der Randgruppen bestanden. Des weiteren soll aufgezeigt werden, welche Gründe für die Stigmatisierung, also das buchstäbliche Sichtbarmachen sowie für die Marginalisierung der Betreffenden Personenkreise verantwortlich waren.

Es wird der Versuch unternommen anhand verschiedener Indikatoren wie allgemeine Akzeptanz, Kleidung, Religionszugehörigkeit, Aussehen, Gruppenstruktur, Gruppenghettoisierung, obrigkeitliche Stigmatisierung und weiteren Indikatoren gesellschaftlicher Integration herauszustellen, wo die Ursachen der Stigmatisierung und Marginalisierung der zu betrachtenden Personenkreise zu finden sind.

Im Laufe der Vorstellung jener Gruppen soll sich vor allem herausstellen, worauf sich die Ablehnung der damaligen Gesellschaft den Außenseitern gegenüber begründet und welche Parallelen, aber welche auch Unterschiede sich zwischen den einzelnen Gruppen in Bezug auf die spätmittelalterliche Gesellschaft ziehen lassen. Hierbei sei angemerkt, dass vorhandene Sozialstrukturen innerhalb der Randgruppen, die Subkulturen, in dieser Arbeit weitgehend keine Beachtung finden, wenngleich dies sicherlich einen sehr interessanten Aspekt der Randgruppenforschung darstellt.

Es sei angemerkt, dass diese Arbeit lediglich die wichtigsten, in diesem Fall die zahlenmäßig größten Randgruppen zum Betrachtungsgegenstand hat, da sonst der Rahmen weit überschritten würde. Sicherlich gab es im Mittelalter, vor allem im Bezug auf unehrliche Berufe, zahlreiche weitere Randgruppen, beziehungsweise Personenkreise, bei denen man bis heute darüber streitet, ob sie in der Gesellschaft eine Außenseiterrolle einnahmen oder nicht. Bereits in Kapitel I wird sich zeigen, dass eine Randgruppenkategorisierung sehr subjektiv ist.

Letztlich sei darauf verwiesen, dass die Betrachtung der einzelnen Randgruppen vorwiegend synchron stattfindet; das Gros der Arbeit widmet sich dem eingangs erwähnten Untersuchungszeitrum und verlässt diese Epoche in Richtung Vergangenheit selten und nur im Falle von verständniselementaren Aspekten.

I. Der Versuch einer Definition des Randgruppenbegriffs

Zunächst sollte man zwischen Unterschichten (Arme, unterste Steuerklassen etc.) und den Randgruppen unterscheiden. Diese beiden Kategorien sind zwar eng aufeinander zugeordnet, sind aber dennoch sachlich voneinander zu trennen. Der Unterschied liegt darin, dass Randgruppen keine ökonomische, sondern eine soziale Kategorie bilden; sie verbindet die unterschiedlichsten Steuerklassen und Gesellschaftsschichten durch das Medium der Entehrung, das sich auf allgemein verbindliche Normzwänge beruft. „Außenseiter wurden vor allem als Menschen verstanden, die gewollt oder ungewollt von den sozialen Normen abwichen.“[1]

Zwar spricht nichts dagegen, ökonomisch Mittellose ‚am Rande der Gesellschaft’ anzusiedeln, jedoch muss beachtet werden, dass es problematisch ist, jene Gruppen als Randgruppen zu bezeichnen. Für den Zweck dieser Arbeit bleibt festzuhalten, dass mittelalterliche Randgruppen dadurch charakterisiert waren, dass ihre Ehre und ihr Recht eingeschränkt oder gänzlich zerstört wurden.

„Randgruppen gibt es nicht. Randgruppen werden konstruiert, dekonstruiert und rekonstruiert.“[2] Auf diesen Nenner lässt sich Hergemöllers Definition des Randgruppenbegriffs bringen. Somit bezeichnet auch er die Randgruppen als eine soziale Kategorie. Die Hauptursache der Marginalitätskonstruktion liegt nicht in Kriminalität, moralischer Abweichung oder körperlich-geistiger Defizienz der Betroffenen, sondern im Zuschreibungswillen der Entscheidungsträger.

Die Marginalitätskonstruktion ist zu einem großen Maß auf Subjektivität und damit auf Willkürlichkeit und Diskriminierung gegründet. Dies macht die Differenziertheit des Begriffs ‚Randgruppe’ deutlich und zeigt, dass eine exakte und allgemeingültige Definition kaum möglich ist.

Im Folgenden soll deutlich werden, welche Personenkreise von der Obrigkeit und von der Gesellschaft als Außenseiter befunden wurden. Vor allem die zwei Aspekte ‚abweichende Körpermerkmale’ sowie ‚abweichendes Verhalten’ waren für den Zuschreibungswillen der Obrigkeit hauptverantwortlich.

In diesem Sinne werden im Folgenden die Außenseiter, analog zu Hergemöller[3], unter den folgenden vier Aspekten subsumiert: unehrliche Berufe, körperlich und geistig Signifikante, ethnisch-religiös Verschiedene und letztlich Hexen und Sodomiter. Sicherlich kam es zu Überschneidungen unter den einzelnen Gruppen. So entstehen zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten, die hier allenfalls angedeutet werden können; dies verdeutlicht abermals die Differenziertheit der verschiedenen Randgruppen.

Es bleibt festzuhalten,

„dass Randgruppenangehörige trotz der auffälligen Nähe zur Mittellosigkeit nicht schichtenspezifisch gebunden sind, sondern grundsätzlich alle Bereiche des gesellschaftlichen Ensembles umgreifen können; dass ferner nicht jede gesellschaftliche Minorität als Randgruppe zu definieren ist – obgleich jede Randgruppe eine Minderheit darstellt – sowie dass drittens ein kategorialer Unterschied zwischen allgemein minderberechtigten Personenkreisen und randständigen Gruppen besteht, weil im Mittelalter nur ein relativ kleiner Personenkreis im realen Besitz der vollbürgerlichen Rechte war.“[4]

II. Die verschiedenen Randgruppen im Mittelalter

1. Unehrliche Berufe

Mit der Entstehung größerer Städte entsprach die ständische Dreiteilung der Bürger in Adel, Klerus und Bauern[5] immer weniger der Realität. Der Beruf gewann in der ständischen und städtischen Gesellschaft immer mehr an Bedeutung.

Die Unehrlichkeit des Berufs kann keineswegs als Einheitsgröße betrachtet werden, „sondern vielmehr als ein ‚mit variabel gestufter Intensität’ ausgrenzend wirkendes ‚soziales Stigma’.“[6] Jenes Stigma schloss materiellen Wohlstand keineswegs aus.

Innerhalb der spätmittelalterlichen Gesellschaft gab es jedoch recht klare Vorstellungen darüber, welche Berufe, welche Tätigkeiten unehrlich waren und welche nicht. Diese bildeten einen Teil des Werte- und Normensystems, durch die das Leben in den Städten und auf dem Land geregelt wurde. Neben der beruflichen Stellung bedeutete gesellschaftliche Integration im Mittelalter ebenfalls Haus- und Grundbesitz, Mitgliedschaft in einer Zunft oder Bruderschaft, feste Nachbarschaftsbeziehungen, gemeinsames Auftreten bei Festen, sowie militärische und finanzielle Leistungen für die Gemeinschaft.

Die meisten Berufe, die tabuisiert oder verachtet wurden, besaßen durchaus eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Im Folgenden soll dargelegt werden, inwiefern dies der Fall war und aus welchen Gründen jene Berufe trotzdem als unehrlich bezeichnet wurden.

Schließlich sei angemerkt, dass im Spätmittelalter eine Vielzahl unehrlicher Berufe existierte. Die hier vorgestellten Berufsgruppen haben lediglich exemplarischen Charakter und stellen die bekanntesten und zum Teil am meisten verachteten Berufsgruppen vor. Allgemein lässt sich formulieren, dass sämtliche Berufe, die mit dem Abtragen von Toten, Aas oder anderem unsauberen Material zu tun hatten, wie zum Beispiel der Henker, Totengräber, Abdecker, Schinder, Kloakenreiniger, Gassenkehrer und Kaminfeger als unehrlich bezeichnet wurden. Dies galt ebenso für Berufe, die mit körperlicher Reinigung zu tun hatten, wie etwa Bader, Bademägde und Barbiere sowie für asoziale Berufe, die die Betreffenden vom gemeinschaftlichen Leben absonderten, also Schäfer, Hirten und Feldhüter. Von Berufswegen vagierende Gruppen wie Gaukler, Spielleute und Musikanten sowie letztlich eine Reihe von Gewerbetreibenden wie Weber, Töpfer, Gerber und Kesselflicker können als eine weitere Kategorie der ‚unehrlichen’ Berufsgruppen bezeichnet werden.

1.1. Bettler

Zunächst stellt sich die Frage, ob man die Gruppe der Bettler tatsächlich in die Kategorie der unehrlichen Berufe einordnen sollte. Da sowohl im Mittelalter als auch zur heutigen Zeit die beiden Lexeme Beruf und Broterwerb in den meisten Fällen synonym verwendet werden, wird hier der Bettel als Beruf bezeichnet, schließlich ist das Betteln eine Art des Broterwerbs.

Den meisten überlieferten Armenordnungen und sonstigen Schriften zufolge unterschied man im Mittelalter zwei Kategorien von Bettlern: ‚Rechtmäßige’ und ‚Falsche’; als letztere stufte man solche ein, die vermeintlich zu faul waren, einem rechtmäßigen Broterwerb nachzugehen. Bei dieser Einteilung stellt sich jedoch die Frage, ob es überhaupt für alle ausreichende Arbeitsmöglichkeiten mit Löhnen, die nicht unterhalb des Existenzminimums lagen, gab. Diese Frage wird in den meisten Aufzeichnungen nicht beantwortet. Ebenso wenig werden solche wirtschaftlichen und sozialen Mechanismen erwähnt, die zur Verarmung und als Folge zum Bettel führten. Es ist daher höchst fragwürdig ob es gerechtfertigt war Bettler, die keine körperlichen oder geistigen Gebrechen hatten, per se als ‚falsche’ Bettler beziehungsweise als Schmarotzer zu verurteilen.

[...]


[1] Scribner, Bob: Wie wird man Außenseiter?, in: Fischer, Norbert und Kobelt-Groch, Marion (Hrsg.): Außenseiter zwischen Mittelalter und Neuzeit, Köln 1997, S. 22.

[2] Hergemöller, Bernd-Ulrich: „Randgruppen“ im späten Mittelalter, in: Goetz, Hans-Werner (Hrsg.): Die Aktualität des Mittelalters, Bochum 200, S. 165.

[3] Vgl. Hergemöller, Bernd-Ulrich: „Randgruppen“ im späten Mittelalter, in: Goetz, Hans-Werner (Hrsg.): Die Aktualität des Mittelalters, Bochum 200, S. 169ff.

[4] Hergemöller, Bernd Ulrich (Hrsg.): Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, Warendorf 2001, S. 15.

[5] Vgl. Boochmann, Hartmut: Einführung in die Gesellschaft des Mittelalters. 6. Auflage, München 1996, S. 46ff.

[6] Hergemöller, Bernd Ulrich (Hrsg.): Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, Warendorf 2001, S. 162.

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638275583
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v24763
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Seminar für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Randgruppen Mittelalter Sozialstruktur Kultur Gesellschaften

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