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Die dritte These des Theaitet - und was dann?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 19 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Platons ‚Theaitet’

III. Rekonstruktion der Diskussion der These ‚Episteme ist wahre doxa verbunden mit logos’
III.1. Die dritte These
III.2. Der Unterschied zwischen Wissbarem und Nichtwissbarem
III.3. Der Begriff ‚logos’
III.4. Das Scheitern der Untersuchungen

IV. Ist die dritte These noch zu retten?

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Gegenstand meiner Arbeit ist Platons Dialog ‚Theaitet’, genauer gesagt Theaitets dritte These [201c-210b] als Antwort auf die Frage des Sokrates „Was ist episteme?“.

Das zweite Kapitel soll einleitend eventuelle Begriffsunklarheiten zwischen zentralen griechischen Worten und deren deutschen Übersetzungen klären und den Verlauf des Dialogs bis hin zur behandelten These kurz darstellen. Im Hauptteil wird die Diskussion der These ‚episteme ist wahre doxa verbunden mit logos’ rekonstruiert und ausgelegt. Schließlich prüft das vierte Kapitel die behandelte Textstelle auf ihre Fehler und versucht deren Korrektur und eine Rettung der dritten These.

II. Platons ‚Theaitet’

Der Dialog ‚Theaitet’ wird in Platons späte Periode (ca. 370-347 v. Chr.), dort in den Zusammenhang zu ‚Sophistes’ und ‚Politikos’, eingeordnet und behandelt die Frage ‚Was ist episteme?’, welche von Sokrates, Theaitet und teils auch von dessen Lehrer Theodoros erörtert wird und in der Aporie endet.

Die erste Schwierigkeit für den Interpreten ergibt sich bereits aus der dem Dialog zugrunde liegenden Was-ist-Frage, denn sie fragt nach der ‚episteme’, die mehrdeutig gebraucht wird. Unter ihr versteht man sowohl Erkenntnis (also das erfolgreiche Ende eines Prozesses) als auch Wissen (einen Zustand), aber auch praktische Fähigkeit und Kompetenz. Das dazugehörige Verb kann entsprechend mit (er-)kennen, wissen oder auch verstehen übersetzt werden. Die vermeintlich korrekte Übersetzung kann von Interpret zu Interpret und von Textstelle zu Textstelle variieren, und da ich weder die griechische Sprache beherrsche, noch in der philologischen Diskussion mitreden kann, bleibe ich in dieser Arbeit möglichst bei dem griechischen Wort episteme. Entsprechend verfahre ich mit anderen zentralen Begriffen, wie ‚doxa’, die zumeist mit Meinung, Ansicht oder Vorstellung übersetzt wird, und ‚logos’, der eine sehr große Bandbreite von Übersetzungen von Wort, sinnvolle Rede, Vernunft bis Definition, Begründung und Erklärung zulässt.

Neben den sprachlichen Problemen, die der Begriff der episteme aufwirft, können auch Verständnisschwierigkeiten auftreten, wenn man den Unterschied zwischen den von G. Ryle auf den Punkt gebrachten Bedeutungsfeldern des Begriffs ‚episteme’ ‚know-how’ und ‚know-that’ nicht beachtet. Bei dem Bereich des know-that geht es nämlich um propositionale Wissensformen (also bivalentes Wissen von Sätzen), bei dem des know-how dagegen um nichtpropositionale Wissensformen (in Relation zu Objekten).

Doch soll dieses Kapitel nicht den interpretatorischen Teil der Arbeit vorwegnehmen, sondern vielmehr den Weg der Dialogpartner bis zur letzten These als Antwort auf die Frage nach der episteme kurz nachzeichnen und auf den Hauptteil dieser Arbeit vorbereiten.

Einleitend [142a-143d] erfährt der Leser aus einer Unterhaltung zwischen Eukleides und Terpsion, dass Theaitet erst kürzlich schwer verwundet aus der Schlacht bei Korinth (369 v. Chr.) heimgekehrt ist, dass also der von Eukleides aufgeschriebene und dessen Sklaven vorgelesene Dialog, der beendet wird, weil Sokrates wegen Metelos’ Anklage zur Königshalle gehen will (Sokrates’ Todesjahr: 399 v. Chr.), bereits knapp dreißig Jahre alt sein muss. Der eigentliche Dialog setzt in 143d ein.

[143d-151d] Auf Sokrates’ Frage, was episteme sei, antwortet Theaitet zunächst mit der Aufzählung von Einzelfällen bzw. Gegenständen derselben, woraufhin Sokrates zwar betont, dass sich jede episteme auf etwas bezieht, dass aber nicht nach ihren Objekten und auch nach keiner zirkulären Erklärung gefragt ist. Theaitet versteht schnell, dass die Suche einem einheitlichen Begriff der episteme gilt, der ihr Wesen und ihre Struktur enthält.

[151e-186e] Und er stellt sogleich die erste These auf, nach der episteme nichts anderes als Wahrnehmung ist. Die Prüfung dieser These, die mit dem Phänomenalismus des protagoreischen Homo-mensura-Satzes verknüpft und mit der Antithetik zwischen Parmenides und Heraklit in Beziehung gesetzt wird, nimmt den größten Teil des Dialoges ein. Für den Hauptteil der Arbeit ist in dieser Passage unter anderem die Charakterisierung der episteme als untrüglich, also absolut, von Bedeutung. Fallen gelassen wird die erste These schließlich, weil Theaitet herausstellt, dass es die Seele ist, die die vermittels der Sinnesorgane gewonnene Wahrnehmung betrachtet und beurteilt, die Wahrnehmung selbst also nicht Wahrheit oder Falschheit enthält und somit auch keine episteme. Diese entsteht erst durch die Schlüsse, die die Seele aus der Wahrnehmung zieht. Sinneswahrnehmung ist demnach kein ausreichendes, aber in einigen Fällen notwendiges Mittel zur Erfassung der Wahrheit.

[187a-201c] Also wird die episteme nun in der Urteilstätigkeit der Seele gesucht, die Sokrates als ein Gespräch derselben mit sich selbst über den untersuchten, noch nicht gewussten Gegenstand darstellt. Wenn die Seele im Laufe des Selbstgesprächs zu einem Urteil gekommen ist und keinen Zweifel mehr hat, dann sei sie zu der doxa gelangt, die sie subjektiv für wahr hielte, die objektiv betrachtet aber von Natur aus entweder wahr oder falsch sein könne. In der wahren doxa vermutet Theaitet nun die episteme. Diese Bestimmung wirft die Frage nach der Möglichkeit der falschen doxa auf, die ausgiebig untersucht wird, bevor Sokrates feststellt, dass man falsche doxa gar nicht erkennen kann, bevor man erfasst hat, was episteme ist. Dies hätte sofort auf die zweite These erwidert und umgekehrt von der wahren doxa behauptet werden können, denn bevor man das Kriterium für irrtumsfreie episteme gefunden hat, kann man auch nie irrtumsfrei wissen, welche doxa wahr und welche falsch ist. Doch Sokrates geht nicht weiter auf die Tautologie ein und widerlegt die These von der wahren doxa (im Gegensatz zu der vorherigen) empirisch mit dem Verweis auf die Tatsache, dass doxai auch durch Überredung erzeugt und unreflektiert, also ohne episteme übernommen werden können.

[201d-210b] Diese Feststellung führt zu der letzten These, die die wahre doxa um den logos ergänzt, um die Möglichkeit einer unreflektierten Übernahme auszuschließen. Die dritte These, ihre Diskussion und Widerlegung werden im folgenden Kapitel eingehend untersucht.

[210b-210d] Der Dialog endet in der Aporie, keine der drei Thesen hat sich als haltbar erwiesen, aber das Gespräch soll nach Sokrates’ Wunsch am folgenden Tage fortgesetzt werden.

III. Rekonstruktion der Diskussion der These

‚Episteme ist wahre doxa verbunden mit logos’

[201c-210b]

III.1. Die dritte These [201c-201d]

Nach der Widerlegung der ersten zwei Thesen steht für die Gesprächpartner fest: episteme ist weder (nur) Wahrnehmung noch (nur) wahre doxa. Doch Theaitets neuer Vorschlag folgt unverzüglich; er erinnert sich, jemanden sagen gehört zu haben, wahre doxa verbunden mit logos sei episteme. Weiterhin erinnert er sich, dass wahre doxa ohne logos umgekehrt außerhalb der episteme liege. Daraus werde geschlossen, dass dasjenige, wovon es einen logos gibt, wissbar bzw. erkennbar ist, dasjenige aber, wovon es keinen logos gibt, nicht wissbar bzw. erkennbar sein kann.

Von wem diese These ursprünglich stammt, bleibt im Fortgang des Dialogs ungeklärt und ist bis heute umstritten. Einige schreiben sie einem von Sokrates’ oder Platons Zeitgenossen, am häufigsten dem Sokrates-Schüler Antisthenes, zu, andere erkennen in ihr den klassischen Wissensbegriff aus dem ‚Menon’ [98] wieder. Doch reicht es für die Zwecke dieser Arbeit aus, lediglich der Vollständigkeit halber auf die vorhandene Diskussion hinzuweisen, denn die Kenntnis der Quelle der Theorie ist für ihr Verständnis nicht unbedingt notwendig.

Nach der Einsicht, dass episteme von der wahren doxa verschieden ist (wahre doxa scheint zwar notwendig, ist aber nicht hinreichend), findet sich also ein weiteres Kriterium, der logos. Da dieser Begriff im Griechischen eine Vielzahl von Bedeutungen hat und in vielfacher Weise gebraucht wird, bedarf er weiterer Erläuterung, welche der Leser in 206c-210a findet. Außer dem epistemologischen Punkt, den die dritte Theorie macht, dass nämlich episteme in mit einem logos verknüpfter wahrer doxa besteht, wird sie auch direkt mit einer vermeintlichen ontologischen Konsequenz verbunden. Denn Theaitet referiert, dass es laut Theorie einerseits wissbare (weil ihrer Natur nach mit einem logos verknüpfbare) und andererseits nicht wissbare (weil mit keinem logos verknüpfbare) Dinge gibt und macht somit einen Gegensatz im Bereich des Seienden auf. Auf diese Weise macht er die gesuchte episteme von den Eigenschaften ihrer Objekte abhängig. Doch die Definition von episteme impliziert gar keinen ontologischen Gegensatz zwischen wissbaren und nicht wissbaren Dingen. Bei der These, die im Folgenden [202d-206b] widerlegt wird, handelt es sich erstmal auch nur um die ontologische, nicht um die epistemologische.

III.2. Der Unterschied zwischen Wissbarem und Nichtwissbarem [201d-206b]

[201d-202d] Da Theaitet die referierte These nicht weiter erläutern kann, gibt Sokrates seine Version (seinen „Traum“) wieder: Die Elemente (Einfaches), aus denen alles zusammengesetzt ist, haben keinen logos, sind also nicht wissbar; man kann sie zwar wahrnehmen und benennen, aber nichts weiter von ihnen aussagen. Denn so würde man ihnen etwas hinzufügen, das von ihnen verschieden ist (jegliche Prädikation), Einfaches dürfe aber nur ohne die Zufügung anderer Ausdrücke benannt werden. Das aus den Elementen Zusammengefügte (Komplexe) hingegen sei durch die Verknüpfung der Namen erklärbar und somit auch wissbar, denn ein logos sei wesentlich eine Verknüpfung von Namen. Zudem sei Komplexes im Gegensatz zu Einfachem „durch wahre Meinung vorstellbar“ [202b].

In Sokrates’ Traum stehen als Antwort auf die epistemologische Frage nach der Wissbarkeit und Nichtwissbarkeit das logisch-semantischen Gegensatzpaar Name-logos und analog das Gegensatzpaar Einfaches-Komplexes als ontologische Unterscheidung nebeneinander. Was man sich unter den Elementen genau vorzustellen hat, bleibt unklar, doch scheint es vorerst um konkrete Einzeldinge zu gehen, da sie als wahrnehmbar charakterisiert werden. Doch ist es äußerst schwierig, sich Einzeldinge zu denken, die tatsächlich nur mit Namen benennbar, nicht aber analysierbar sind. Die Analyse von Komplexem auf seine Elemente hin gilt ja als logos. Eine doxa, die sich laut Traumtheorie genau wie ein logos lediglich auf Zusammengesetztes beziehen kann, dürfte dann die unanalysierte Präsentation eines Komplexes sein. Auf der ontologischen Ebene haben wir also einen logos als Analyse eines Komplexes auf seine Elemente hin, auf der logisch-semantischen Ebene einen logos als Verknüpfung von Namen, wodurch offensichtlich ein Satz entsteht. Doch wird Sokrates mit dieser Definition des logos nicht lediglich den Satz gemeint haben, denn dann unterschiede den logos nichts mehr von der doxa. Der Unterschied dürfte in der Art der Verknüpfung zu finden sein. Doch eines steht fest: wahre doxa und logos gelten als notwendige Bedingungen für episteme, „denn wie sollte es auch ein Wissen ohne Erklärung und wahre Meinung geben?“ [202d].

[202d-203c] Theaitet ist mit der oben beschriebenen Auslegung zufrieden, doch Sokrates zweifelt daran, dass Einzelnes unerkennbar, Zusammengesetztes hingegen erkennbar sein soll und zieht als Beispiel Silben (laut Traumthese erkennbar) und Buchstaben (nicht erkennbar) heran. Er fragt, ob mit einer Silbe all ihre Buchstaben gemeint sind, oder ob sie durch die Zusammensetzung der Buchstaben zu einer einzigen Gestalt geworden ist.

Den durch Analyse ihrer Bestandteile erkennbaren Silben stehen die Buchstaben gegenüber, die bei der obigen Definition von logos als Analyse von Komplexen nicht erkennbar sind. Dass ein alternatives Verständnis von logos auch Buchstaben erkennbar machen würde, zeigt Theaitet unbewusst, als er das ‚s’ durch Angabe von unterscheidenden Merkmalen (eine relationale im Gegensatz zur analytischen Erklärungsmethode) erklärt, um zu zeigen, dass es nicht erklärbar ist. An dieser Stelle sei auch angemerkt, dass das Beispiel von Silben und Buchstaben ein Beispiel für nichtpropositionale Wissensformen ist. Dass die bloße Analyse der Silbe ‚So’ durch die Auflistung ihrer Elemente ‚s’ und ‚o’ noch keine hinreichende Erklärung ist, weil sie genauso auf die Silbe ‚os’ zutreffen würde, ist zwar offensichtlich, wird aber durchgehend ignoriert.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638273701
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v24512
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Philosophisches Seminar
Note
1
Schlagworte
These Theaitet

Autor

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