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Schülernachhilfe geben. Ein Leitfaden für Lehrer und Studenten

Fachbuch 2004 158 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

1.Problemlage
Internationale Schulleistungsstudie PISA
Rahmenbedingungen der Halbtagsschule
Ursachen schlechter Noten
Begabung und Intelligenz
Motivation und Misserfolg im Teufelskreis

2. Bestandsaufnahme
Voraussetzungen schulischen Erfolgs
Konzentration
Häusliches Arbeiten
Ist Nachhilfe sinnvoll?
Diagnose von Schwächen und Lücken
Schullaufbahnberatung
Familiäre Probleme
Lernschwierigkeiten
Aufmerksamkeitsstörung (ADS) und Hyperaktivität
Rechenschwäche (Dyskalkulie)
Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie)
Lerntherapie
Förderung von Hochbegabten
Problem: Prüfungsangst und Nervosität

3. Entscheidung für Privatnachhilfe oder Nachhilfeinstitut
Vorab: Können Eltern Nachhilfe geben?
Privatnachhilfe – Selbstständig als Nachhilfelehrer
Unternehmensorganisation und Expansion von Nachhilfeinstituten
Konzept von Nachhilfeinstituten
Gruppen- oder Einzelunterricht
Qualifizierte Lehrkräfte
Vermittlung von Lerntechniken
Kooperation mit Fachlehrer/Elternarbeit
Hausaufgabenbetreuung
Spezielle Angebote
Kursdauer
Finanzielle Berechnungen aus Instituts- und Elternsicht
Qualitätskriterien für Nachhilfeschulen

4. Der Nachhilfeunterricht
Welche Eigenschaften hat ein guter Nachhilfelehrer?
Methodisch-didaktischer Ablauf einer Nachhilfestunde
Fragebogen für die Zielgruppe Nachhilfeschüler
Theoretische Überlegungen
Stichprobe, Methode und Fragestellungen
Der Fragebogen
Auswertung
Resümee
Neu: Onlinenachhilfe

5. Lerntechniken, Lernhilfen und Lerntipps
Vom Teufelskreis zur Erfolgsspirale
Wichtige Lern- und Arbeitstechniken
Voraussetzungen effektiven Lernens
Lernen und Behalten – Regeln der Lernbiologie
Lernmethoden
Tipps für Hausaufgaben
Lernen und Mitarbeit im Unterricht
Vorbereitung auf schriftliche Arbeiten
Ratschläge und Hilfen für einzelne Fächer
Lernhilfen
Vor- und Grundschule
Sekundarstufe I (5.-10. Klasse)
Sekundarstufe II (11.-13. Klasse)
Starke Lerntipps

6. Erfolge & Perspektiven
Erfolgsquoten
Kritische Betrachtung von Nachhilfe
Nachhilfe als zweites Bildungssystem

LITERATUR

SACHREGISTER

ANHANG

Liste von Nachhilfeinstituten (bundesweit)

Internetseiten zu Nachhilfeangeboten

Nützliche Adressen rund um Nachhilfe

Konzepte des "Studienkreises" und der "Schülerhilfe" als Marktführer

VORWORT

Circa 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in den Jahrgangsstufen 7 bis 10 erhalten – unabhängig von der Schulart – Nachhilfeunterricht (Prof. Hurrelmann, Universität Bielefeld, 1995). Dies lässt schon die wachsende Bedeutung und Expansion von Privatnachhilfe und Nachhilfeinstituten vermuten.

Schätzungsweise 120.000 Nachhilfelehrkräfte[1] erteilen in „eigenverantwortlichem Unterricht“ – sozusagen auf sich gestellt – Schülernachhilfe. Daraus entstand die Idee, Informationen bzw. einen Leitfaden für alle diejenigen zu schaffen, die hauptsächlich bezahlte Nachhilfe geben: Lehrer, Referendare und Studenten.

Das vorliegende Buch „Schülernachhilfe geben“ versteht sich als Praxisbuch; wissenschaftliche Aussagen werden allgemeinverständlich erklärt. Eine Vielzahl an Schaubildern, Tabellen und Auflistungen soll die Anschaulichkeit und die Einprägsamkeit der Darstellung erhöhen.

In Kapitel 1 wird zunächst die Problemlage geschildert. Aktueller Anknüpfungspunkt sollen die unterdurchschnittlichen Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler in der internationalen Schulleistungsstudie PISA und die Rahmenbedingungen der Halbtagesschule sein. Dies führt zu einer Übersicht der komplexen Ursachen schlechter Noten und weiter zu Intelligenz und Motivation als Hauptmerkmale schulischen Erfolgs.

Kapitel 2 beschäftigt sich mit einer Bestandsaufnahme zum Nachhilfebedarf. Sind Konzentration in der Schule und häusliches Arbeiten zufriedenstellend gegeben? Auch: Ist Nachhilfe sinnvoll oder nicht? Wie führt man am besten eine Diagnose von Schwächen und Lücken durch? Wie soll eine Beratung in Schullaufbahnfragen für Nachhilfeschüler aussehen? Wie wirken sich familiäre Probleme als persönliche Lernprobleme aus? Welche häufigen Lernschwierigkeiten bzw. Lernstörungen gibt es, z.B. Aufmerksamkeitsstörung (ADS) mit/ohne Hyperaktivität, Rechenschwäche (Dyskalkulie) und Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie)? Wie lassen sich Hochbegabte im Nachhilfeunterricht fördern? Welche Tipps gibt es zum Problem Prüfungsangst und Nervosität?

In Kapitel 3 werden Privatnachhilfeerteiler (z.B. selbständige Nachhilfelehrer) und institutionelle Nachhilfe durch kommerzielle Nachhilfeinstitute angesprochen. Zunächst werden Vor- und Nachteile der Selbstständigkeit als Nachhilfelehrer und das dazugehörige Berufsbild beschrieben. Weiterhin wird auf die einzelnen Elemente der Konzeption von Nachhilfeinstituten bei den Marktführern „Studienkreis“ und „Schülerhilfe“ eingegangen. Es werden auch Qualitätskriterien für Nachhilfeschulen vorgestellt.

Kapitel 4 beleuchtet die wichtigsten Aspekte des Nachhilfeunterrichtes. Wie sind die Eigenschaften eines guten Nachhilfelehrers und wie ist ein methodisch-didaktisch guter Ablauf einer Nachhilfestunde? Zudem beziehe ich noch eine Fragebogenaktion mit Nachhilfeschülern an einem regionalen Nachhilfeinstitut ein, um auch die betroffenen Schülerinnen und Schüler mit ihren Einschätzungen zu Wort kommen zu lassen. Neu auf dem Markt erscheint die sogenannte Onlinenachhilfe von Privaterteilern und Nachhilfeinstituten.

Den Kern des 5. Kapitels bilden Lerntechniken, Lernhilfen und Lerntipps. Denn durch die Verbesserung der Arbeitstechniken der Schüler kann der Teufelskreis des Misserfolgs durchbrochen werden und hin zur Erfolgsspirale korrigiert werden. Eine Übersicht zu Lernhilfen und Kriterien für ihre Qualität sowie eine Auflistung von starken Lerntipps runden dieses Kapitel ab.

Kapitel 6 stellt Erfolge und Perspektiven von Nachhilfe in den Vordergrund. Neben Erfolgsquoten und Zufriedenheitsbefragungen wird eine kritische Betrachtung von Nachhilfe sowie Nachhilfe als zweites Bildungssystem in die Betrachtungen einbezogen.

Im Anhang finden Sie eine Liste von Nachhilfeinstituten (bundesweit), Internetnachhilfeangebote und – gesuche, nützliche Adressen rund um Nachhilfe (z.B. schulpsychologische Beratung oder Interessenverband Nachhilfeschulen) und die Konzepte der Marktführer „Studienkreis“ und „Schülerhilfe“.

Den Aufbau des Buches veranschaulicht die folgende Abbildung:

Problemlage

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bestands- Entscheidung Nachhilfe-

aufnahme für Privatnachhilfe unterricht

oder Nachhilfeinstitut

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lerntechniken/Lernhilfen/Lerntipps

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Verbesserung der Noten

Eine Beschreibung der Problemlage bildet den Rahmen von Nachhilfe. Die gezielte Bestandsaufnahme des Nachhilfebedarfs ist Voraussetzung für die Anwendung effektiver Lerntechniken, Lernhilfen und Lerntipps. Die Entscheidung eines Nachhilfelehrers für Privatnachhilfe oder Nachhilfeinstitut steht noch vor der Verwendung von Lern- und Arbeitstechniken. Nachhilfeunterricht sollte auch auf eine höhere Effizienz der Lerntechniken abzielen, um letztlich eine Verbesserung der Noten des Schülers zu erreichen.

Ich möchte mich ganz herzlich bei dem regionalen Nachhilfeinstitut „Lernpunkt“ in Bamberg und seinem Team für die Mitarbeit und Unterstützung meiner Fragebogenaktion mit Nachhilfeschülern bedanken.

1.Problemlage

Internationale Schulleistungsstudie PISA

Bei schlechten Schulleistungen ist zumeist Nachhilfe „angesagt“. Die PISA-Studie (Programme for International Student Assessment) vergleicht international in 32 Ländern die Schulleistungen von 15-Jährigen in dreistündigen Tests. Die unterdurchschnittlichen Ergebnisse von deutschen Schülerinnen und Schülern waren für Schulen, Schulbehörden und Bildungsministerien, aber auch für Eltern und Lehrer enttäuschend.

Die PISA-Studie der OECD (Organisation for Economic Co-Operation and Development) gliedert sich in mehrere Zyklen. Im ersten Zyklus (PISA 2000) wurden die Bereiche Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften untersucht – mit Schwerpunkt auf dem Leseverständnis. Dies geschah unter der Federführung des MPIB (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) in Berlin. Der zweite Zyklus (PISA 2003) bezog die gleiche Grundkonzeption mit ein, allerdings stand bei PISA 2003 Mathematik im Zentrum. Die Federführung hatte Prof. Dr. Manfred Prenzel und das IPN (Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften).

Bei PISA 2000 schneiden die deutschen Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich ab. Spitzenplätze belegen Japan, Korea, Finnland und Neuseeland. Im folgenden werden die Ergebnisse der PISA 2000 – Studie ausgewertet.

Besonders bemängelt wird bei den Deutschen die Lesekompetenz. Der Anteil schwacher und schwächster Schüler ist hier erschreckend hoch, ihr Abstand zu den Besten besonders groß. Über 20 Prozent des Jahrgangs sind lediglich in der Lage, sehr einfache Texte zu lesen. Wie gut Schüler mit Texten zurechtkommen, hängt stärker als anderswo von der sozialen Herkunft ab.

Bei der Lesekompetenz[2] erreichten die deutschen Schüler nur Platz 21 von 32 Nationen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine mögliche Ursache für die schwachen Leseleistungen in Deutschland ist darin zu sehen, dass 42 Prozent der 15-Jährigen nicht zum Vergnügen lesen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das unterdurchschnittliche Leseverständnis wirkt sich auch auf die Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften aus. Ein Viertel der deutschen Schüler sind in den letztgenannten Bereichen auf Grundschulniveau. Diese Jugendlichen schaffen kaum eine Berufsausbildung. Erschreckend ist, dass solche Mängel oft nicht erkannt werden. In Mathematik und Naturwissenschaften belegen die deutschen Schülerinnen und Schüler jeweils den 20. Platz von 32 Nationen.

Erstaunlich ist daher nicht, dass Mathematik und Deutsch zu den bevorzugtesten Nachhilfefächern[3] gehören, wie folgende Übersicht aufzeigt:

Nachhilfefächer Prozentzahl aller Nachhilfestunden

Mathematik 31 %

Englisch 31 %

Deutsch 24 %

Latein 8 %

Französisch 5 %

Sonstige 1 %

Auch zählen die 14-16 Jährigen zu den häufigsten Klassenstufen[4] (8.-10. Klasse), die Nachhilfe erhalten. Die 15-Jährigen sind genau die Zielgruppe der PISA-Studie.

Von je 100 Schülern der jeweiligen Klasse erhalten Nachhilfe:

Klassenstufe Anzahl der Nachhilfeschüler

5. Klasse: 22

6. Klasse: 27

7. Klasse: 40

8. Klasse: 45

9. Klasse: 41

10. Klasse: 41

11. Klasse: 36

12. Klasse: 25

13. Klasse: 20

Eine Begleitbefragung der OECD-Studie hat auch Eltern und Lehrer in die Kritik gebracht. So sind auch Eltern gefordert. Denn Lesen und Verstehen hängen stark davon ab, wie gut Kinder reden. Nur etwas mehr als 40 Prozent der deutschen Eltern sprechen regelmäßig mit ihren Kindern über schulische Leistungen. In den Niederlanden sind dies dagegen gut 60 Prozent, in Italien sogar 80 Prozent (OECD-Durchschnitt: 51,2). Ähnliche Ergebnisse erhielt man bei der Frage, ob Eltern regelmäßig Zeit für persönliche Gespräche mit ihrem Nachwuchs finden. Dabei scheint mit 86 Prozent in Italien die Familienbande am festesten zu sein, gefolgt von den Niederlanden (69,5 Prozent) und Großbritannien (61,7 Prozent). In Deutschland bescheinigen dies nur 41,2 Prozent der 15-Jährigen ihren Eltern. Hier sei erwähnt, dass auch der Nachhilfelehrer die Rolle des Gesprächspartners im Rahmen der begrenzten Zeit des Unterrichts mit übernehmen kann.

Deutsche Lehrer schneiden im Urteil der Schüler weitaus schlechter ab als Pädagogen anderer Länder. So glaubt jeder fünfte Schüler, dass die Lehrer „nie“ am Lernerfolg aller Schüler in der Klasse gleichermaßen interessiert seien. Vermisst wird die Hilfe des Lehrers beim Lernen und ein Eingehen auf die individuelle Lern- und Lebenssituation. Eine Aufarbeitung dieser Defizite kann Nachhilfeunterricht durch gezielte individuelle Förderung bieten. Deutsche Schüler beklagen zudem weitaus häufiger Behinderungen des Unterrichts durch Fehlen der Lehrer. Am „pflichtbewusstesten“ schneiden dagegen nach dem Schülerurteil die Pädagogen in Korea ab.

Trotz Kritik an den Lehrern haben beim Thema Schulzufriedenheit und soziale Kontakte mit Mitschülern die Deutschen zusammen mit den Österreichern die besten Umfrageergebnisse erzielt. 37,7 Prozent der deutschen Schüler haben das Gefühl, voll zur Klassengemeinschaft zu gehören (OECD: 22,9 Prozent). Als „Außenseiter“ sehen sich nur 1,9 Prozent (OECD: 2,1 Prozent) und zwei Prozent fühlen sich „einsam“ (OECD: 2,2 Prozent). Kontakt zu Mitschülern und deren Lernproblemen stellt auch einen wichtigen Aspekt im Gruppenunterricht in der Nachhilfe dar.

Die Studie belegt die Berechtigung der langjährigen Befürchtungen und Mahnungen der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Man weist auf schwere Mängel im deutschen Bildungssystem hin. Folgende Ansatzpunkte für Veränderungen werden von den Schulpsychologen nahegelegt:

- Vorschulische Förderung: Die Früherkennung von Kindern mit Defiziten sowie die

Einführung von Förderprogrammen sollte Priorität erhalten.

- Einführung von integrierenden und differenziert fördernden und fordernden pädagogischen

Konzepten

- Absenkung der Klassenfrequenz (vor allem in der Grundschule) und eine auf 12 Jahre beschränkte Schulzeit

- Verbesserung und Umstrukturierung der Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und

Lehrern für grundlegende pädagogische und psychologische Kompetenzen

- Einbindung von Eltern und Schülern in die Verantwortung für Unterricht und Erziehung
-Erstunterricht in Lesen, Schreiben und Mathematik erfordert hochqualifizierte Lehrkräfte.

Eine gezielte individuelle Förderung der Schüler ist im System der Halbtagsschule oftmals nur in privaten Schulen bzw. Nachhilfeinstituten möglich.

Als Konsequenz aus der PISA-Studie haben die Kultusminister der Länder einige Beschlüsse getroffen. Man hat sich unter anderem auf die Förderung der Sprachkompetenz, eine bessere Verzahnung von Vor- und Grundschule, eine bessere Leseförderung, besondere Unterstützung von Ausländerkindern, bessere Lehrerausbildung und den Ausbau der Ganztagsschulen verständigt. Zudem sollen einheitliche Bildungsstandards entwickelt werden. Die Standards sollen festlegen, was ein Schüler an einem bestimmten Bildungsabschnitt können muss. Erste Standards sollen unter anderem für Deutsch, Mathematik, Englisch, Französisch, Biologie und Physik vorgelegt werden. Sprachen und Mathematik sind zugleich auch die wichtigsten Nachhilfefächer.

Rahmenbedingungen der Halbtagsschule

Im System der Halbtagesschule – also in der Vormittagsschule – sind einige Problemlagen bzw. Defizite aus Sicht der Lehrer und Eltern erkennbar:

- Zu große Klassen haben sich zum Grundproblem der Halbtagesschule entwickelt.
-Eine fehlende Möglichkeit individueller Betreuung und fehlende Förderangebote in der

Schule werden von Lehrern an öffentlichen Schulen am stärksten beklagt.

- Eine schlechte Lehrerversorgung – viele Fehlstunden – wird schon in der

Begleituntersuchung zur PISA-Studie bemängelt.

- Die hohe Stofffülle der Lehrpläne und zu wenig Unterrichtsstunden wirken sich

erschwerend aus.

- Die Unterrichtsmethode, zumeist Frontalunterricht in der Großgruppe, steht in der Kritik.
-Es bestehen wenig Möglichkeiten zur Binnendifferenzierung in der Halbtagsschule bzw.

man kann den individuellen Möglichkeiten des Einzelnen kaum gerecht werden.

- Angekreidet wird auch zu wenig Zeit für Übungs- und Wiederholungs-Phasen im

Unterricht.

Es stellt sich die Frage nach einer Abhilfe der Defizite der Halbtagsschule. Gäbe es dementsprechend als Alternative zur Nachhilfe andere Möglichkeiten der Leistungsverbesserung, die sich Lehrer wünschen?

- Kleinere Klassen
-Häufigeres Wiederholen und Üben im Unterricht
-Schulische Förderkurse
-Hausaufgabenbetreuung der Schüler
-Nachhilfeunterricht durch Schüler oder Lehrer in der Schule
-Selbst fleißiger sein als Schüler
-Arbeit in Kleingruppen
-Stärkeres Engagement der Lehrer.

Eine Möglichkeit der Leistungsverbesserung wird von den Lehrern in erster Linie im Bereich der Rahmenbedingungen der Halbtagsschule (z.B. Klassenstärke, Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfeunterricht in der Schule, Wiederholen und Üben im Unterricht) gesehen. Die Bildungspolitik gibt eine aktuelle Antwort: die Ganztagsschule.

Die Bundesregierung will bis 2008 den Auf- und Ausbau von bis zu 10.000 Ganztagsschulen fördern. Die Investition stellt einen Teil des Programms „Zukunft, Bildung und Betreuung“ dar. Erklärtes Ziel ist es, dass die deutschen Schüler nach dem PISA-Debakel wieder einen Platz unter den besten Fünf in der Welt einnehmen. Dafür soll bis 2008 fast jede dritte Schule eine Ganztagsbetreuung anbieten.

Unabhängig von diesen bildungspolitischen Entscheidungen bestehen entscheidende Vorteile des Nachhilfeunterrichts im Vergleich zum Regelunterricht. Dies zeigte sich in einer Fragebogen-Erhebung[5] bei Lehrern an öffentlichen Schulen. 92,8 Prozent der Lehrer sehen den Vorteil des Nachhilfeunterrichts in einer individuellen gezielten Betreuung.

Vorteile des Nachhilfeunterrichts Prozentsatz der zustimmenden

gegenüber dem Regelunterricht Lehrer

in der Halbtagsschule

Individuelle gezielte Betreuung 92,8 %

Entspanntere Lernatmosphäre 28,8 %

Persönliche Zuwendung 12,4 %

Andere Methoden 2,6 %

Motivierter, weil kostenpflichtiger 1,3 %

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Gegenüberstellung der Begleitumstände von Schulunterricht und Nachhilfe, wie sie die folgende Übersicht aufzeigt:

Begleitumstände Begleitumstände

Schulunterricht Nachhilfe

3 oder 4 Stunden pro Woche 1-2 Stunden pro Woche und nach Bedarf

Räumliche Enge in einer großen Kerngruppe Einzelunterricht oder Minigruppe

Unruhe, Ablenkung, Unaufmerksamkeit Ruhiges, kontinuierliches, konsequentes

Arbeiten

Häufig zu komplizierte Erklärungen, Erklärungen und Übungen bis zum Punkt

oft nicht ausreichend „Verstehen des Sachverhaltes“

Gehemmtes Frageverhalten, Unsicherheit, Aktives Frageverhalten, innere Stärke, Zaghaftigkeit Mitwirkung

Geringe individuelle Zuwendung im Individuell gestaltete Lehr- und Lern-

Unterricht aufgrund der großen Lerngruppe prozesse mit zusätzlichen Übungen

(Binnendifferenzierung bei so vielen nicht (stofflich wie vom Tempo her

möglich) entsprechend den persönlichen Möglich-

keiten)

Folgerung

Im Schulunterricht: Ursachen der Lücken In der Nachhilfe: Grundlage des

und der schlechten Leistungen zunehmenden Erfolges.

Nach der Darstellung der Ergebnisse der PISA-Studie und der Rahmenbedingungen der Halbtagsschule sollen im nächsten Unterkapitel die vielfältigen Ursachen schlechter Schulleistungen ermittelt werden, die für Nachhilfelehrer besonders interessant sein dürften.

Ursachen schlechter Noten

Bevor wir uns den Ursachen schlechter Noten zuwenden, seien einige allgemeine Vorbemerkungen zur Notengebung genannt.

Eine der problematischen Pflichten eines Lehrers in unserem Schulsystem ist es, Zensuren zu erteilen. Dies kann zu Kontroversen zwischen Lehrern einerseits und Schülern und deren Eltern andererseits führen.

Um mehr Klarheit in die Notengebung zu bringen, werden im folgenden die Funktionen beschrieben, die der Notengebung zugeordnet werden:

1. Rückmeldefunktion für den Lehrer: Er soll an der Zensurenverteilung ablesen können, wie

erfolgreich sein Unterricht ist.

2. Rückmeldefunktion für den Schüler: Die Note soll ihn informieren, wo er mit seinen

Leistungen im Vergleich zu seinen Mitschülern steht.

3. Berichtfunktion: Durch Noten soll den Eltern der Schüler über den

Leistungsstand ihrer Kinder berichtet werden.

4. Anreizfunktion: Zensuren sollen Schüler motivieren, sich mit dem ihnen zugedachten

Lerninhalten zu beschäftigen.

5. Disziplinierungsfunktion: Mit Hilfe schlechter Noten werden leistungsunwillige Schüler

bestraft, in der Hoffnung, sie dadurch zu dem erwünschten Leistungsverhalten zu

veranlassen.

6. Sozialisierungsfunktion: Durch Zensuren werden die Schüler mit Leistungsnormen

in Berührung gebracht.

7. Klassifizierungsfunktion: Durch unterschiedliche Noten werden Schüler unterschiedlichen

Bewertungsklassen zugeordnet.

8. Selektionsfunktion: Besonders gute und schlechte Schüler sollen mit Hilfe von Zensuren

ausgelesen werden.

9. Zuteilungsfunktion: Mit ihrer Benotung verteilt die Schule Berechtigungen für einen

weiteren sozialen Aufstieg ihrer Schüler.

10. Chancenausgleichsfunktion: Sie wird von jenen Lehrern wahrgenommen, die besonders

benachteiligten Schülern bessere Zensuren erteilen, als es die objektiven Leistungen

rechtfertigen würden.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob die Notengebung auch allen ihr zugeschriebenen Funktionen nachkommen kann. Insbesondere fragt man sich, ob der einzelne Lehrer sich der Vielfalt dieser Aspekte bewusst ist.

Ergänzend soll ein kritischer Vergleich von PRO- und KONTRA-Argumenten[6] für Noten aufgezeigt werden.

Noten:

PRO und KONTRA

Noten sagen etwas darüber aus, wo ein Noten spiegeln die individuellen

Schüler im Vergleich zur Klasse in Lernfortschritte und den Entwick-

einem Fach bei einem Lehrer steht. lungsstand eines Kindes nicht

wider.

Noten sagen etwas über die Qualität Lehrer schreiben schlechte Durch-

von Unterricht aus. schnittsleistungen gern der fehlen-

den Leistungsfähigkeit einer Klasse zu.

Noten sind objektiv. Eine Eins in Mathematik oder

Deutsch ist noch lange nicht in

jeder Klasse eine Eins.

Noten sollen Leistung belohnen und Von Noten profitieren nur die

zu Leistung motivieren. guten Schüler.

Noten sorgen für Disziplin, denn wer Noten sind geeignet, unbequeme

unangenehm auffällt, kann sich nicht kritische Schüler zu disziplinieren.

nur schlechter Beurteilungen im

Zeugniskopf, sondern auch der ver-

schärften Aufmerksamkeit der Lehrer

erfreuen.

Noten berechtigen zu Versetzungen Arbeitgeber verlassen sich selten

und Abschlüssen. auf Noten. Sie prüfen die Kompe- tenzen der Bewerber selbst.

Wie sind nun die einzelnen Notenstufen verbal definiert? Dies ist in der Notenfestschreibung[7] der Kultusministerkonferenz zu finden:

- Die Note „sehr gut“ (1) ist zu erteilen, wenn die Leistung den Anforderungen im besonderen

Maße entspricht.

- Die Note „gut“ (2) ist zu erteilen, wenn die Leistung den Anforderungen voll entspricht.

- Die Note „befriedigend“ (3) ist zu erteilen, wenn die Leistung im Allgemeinen den

Abforderungen entspricht.

- Die Note „ausreichend“ (4) ist zu erteilen, wenn die Leistung zwar Mängel aufweist, aber

im Ganzen den Anforderungen noch entspricht.

- Die Note „mangelhaft“ (5) ist zu erteilen, wenn die Leistung den Anforderungen nicht

entspricht, jedoch erkennen lässt, dass die notwendigen Grundkenntnisse vorhanden sind

und die Mängel in absehbarer Zeit behoben werden können.

- Die Note „ungenügend“ (6) ist zu erteilen, wenn die Leistung den Anforderungen nicht

entspricht und selbst die Grundkenntnisse so lückenhaft sind, dass die Mängel in absehbarer

Zeit nicht behoben werden können.

Bei der Notenstufe „mangelhaft“ wird diagnostiziert, dass die Mängel in absehbarer Zeit behoben werden können. Hier setzt eine wichtige Aufgabe von Nachhilfeunterricht an, nämlich bestehende Wissenslücken in einem begrenzten Zeitraum wieder zu schließen. Notenstufe „ungenügend“ stellt Lücken in den Grundkenntnissen fest, die in absehbarer Zeit nicht behoben werden können. Angesagt ist eine längerfristige Nachhilfebetreuung und systematische Diagnose der Schwächen und Lücken – ein hartes Stück Arbeit für Nachhilfeschüler und Lehrer.

Die Ursachen für schlechte Schulnoten sind vielfältiger Natur. Es erfolgt eine Auflistung einer Reihe von Ursachen ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Ursachen im Schulunterricht/in der Schule

- Allgemeine Überforderung durch falsche Schulform oder falschen Schulzweig
-Schul- und Klassenwechsel
-Ungünstige Schulbedingungen (zu große und laute Klassen, Disziplinprobleme,
„Betonbunker“)
-Leistungsfeindliches Klassenklima (bis hin zur Terrorisierung guter Schüler)
-Langeweile im Unterricht (wenig anregende methodische Aufarbeitung des Stoffes)
-Geistige Unter- und/oder Überforderung in einzelnen Fächern
-Fehlende oder nicht ausreichende Mitarbeit im Unterricht
-Fachlich und methodisch schlechte Lehrer
-Ungerechte Notengebung
-Antipathie des Lehrers gegen den Schüler
Schülerbezogene Ursachen
-Zu schwache Allgemeinintelligenz und nicht ausreichende Fachbegabung
-Langsame Auffassungsgabe und schwache Gedächtnisleistungen
-Verspätete intellektuelle Entwicklung
-Nicht ausreichende Motivation und fachliches Desinteresse
-Antipathie gegen einen Lehrer
-Geringes Anspruchsniveau des Schülers
-Fehlende Anpassung an Schulregeln (Schwänzen, notorisches Zuspätkommen, massive Unterrichtsstörungen)
-Antriebsschwäche bzw. fehlende Anstrengungsbereitschaft (unüberwindliche „Faulheit“
und Passivität)
-Fehlende Belastbarkeit aufgrund von Verzärtelung
-Fehlende Selbstverantwortung
-Misserfolgsorientierung, falsches Selbstbild, Minderwertigkeitsgefühle
-Versagens- und Schulangst, Prüfungsängste und –blockaden
-Mangelhafte Konzentration
-Normale Entwicklungskrisen (z.B. Pubertät)
-Verliebtheit, Liebeskummer
-Schwierigkeiten mit der Standardsprache ( „Hochdeutsch“)

Familiäre Ursachen

- „Sekundärer Gewinn“ (die Eltern kümmern sich um mich, wenn ich schlecht in der Schule
bin)
-Schwere Ehekrisen, Trennung, Scheidung der Eltern
-Sonstige schwerwiegende Trennungserlebnisse (Tod eines geliebten Menschen)
-Beruflich und privat überforderte (häufig alleinerziehende) Mütter oder Väter,

Schlüsselkindsituation, Erziehung durch Großeltern

- Neue Elternteile (Stiefväter, Stiefmütter) oder wechselnde Partner des alleinerziehenden

Elternteils

- Bildungsfernes häusliches Milieu, geringe familiäre Anregung

Lernschwierigkeiten als Ursachen

- Lese-Rechtschreib-Schwäche
-Rechenschwäche
-Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität

Lerntechniken als Ursache

- Kein angemessener Lernort zu Hause (Lärm, dauernde Störungen, kein Platz)
-Falsche oder ungeschickte Lern- und Arbeitstechniken

Körperliche Ursachen

- Körperliche und psychische Krankheiten oder deren Folgen
- Chronische Schlafdefizite und Fehlernährung
- Schwere körperliche Belastungen durch Suchterscheinung (Alkohol, Drogen, Tabletten)

Freizeit als Ursache

- Überfordernde Freizeit (vom intensiven Sporttraining bis zu ausgiebigen Discobesuchen), belastende Beschäftigung mit einem Hobby

- Zu viel und falscher Fernseh- und Videokonsum
- Schulfeindliche Freunde (Bandenbildung).

Nehmen Sie sich die Liste als Nachhilfelehrer noch einmal vor und überlegen Sie sich, welcher der genannten Aspekte im Falle ihres Schülers womöglich in Frage kommen könnte.

Die meisten genannten Ursachen werden in diesem Buch angesprochen. So werden Ursachen im Schulunterricht/in der Schule und schülerbezogene Ursachen in den Kapiteln „Problemlage“ und „Bestandsaufnahme“ einbezogen. Familiäre Ursachen und Lernschwierigkeiten sind in dem Kapitel „Bestandsaufnahme“ aufgeführt. Lerntechniken als Ursache widmet sich das Kapitel „Lerntechniken, Lernhilfen und Lerntipps“. Freizeit als Ursache und körperliche Ursachen werden im Rahmen der Schwerpunktsetzung des Buches nicht behandelt.

Begabung und Intelligenz

Ein Hauptkriterium für schulischen Erfolg ist die Intelligenz. Somit sollte man sich als Nachhilfelehrer auch mit diesem Thema auseinandersetzen. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen ist sie für etwa 25 bis 50 Prozent des Schulerfolges verantwortlich. Noch einmal die gleiche Prozentzahl beruht auf der Motivation des Schülers (siehe nächstes Unterkapitel).

Begabung und Intelligenz spielen in der Schule eine herausragende Rolle und sollen näher bestimmt werden.

Begabung ist eher fachspezifisch zu verstehen, als auf ein Tätigkeitsfeld bezogen. So handelt es sich dabei um eine thematisch eingeengte geistige Fähigkeit, wie z.B. Mathematikbegabung, künstlerische Begabung, Sprachenbegabung, usw.

Es ist schwierig, eine allgemein verbindliche, wissenschaftliche Definition für Intelligenz zu finden. Eine Vielzahl unterschiedlicher Theorien und Modelle existieren für Intelligenz. Die meisten Definitionsversuche enthalten zwei Wesensmerkmale:

- Intelligenz als geistige Anpassungsfähigkeit des Menschen
-an neue Aufgaben und Problemsituationen der sozialen Umwelt.

Eine neuere Definition von Groffmann geht von einer Fähigkeit des Individuums aus, anschaulich oder abstrakt in sprachlichen, numerischen und raum-zeitlichen Beziehungen zu denken.

Intelligenz ist ein hypothetisches Konstrukt, d.h. sie ist direkter Beobachtung nicht zugänglich, und kann in Intelligenztests erfasst werden. In den traditionellen Tests werden hauptsächlich folgende mentalen Fähigkeiten gemessen:

- Sprachverständnis, Ausdrucksfähigkeit
- Wortflüssigkeit
- Gedächtnis
- Denkfähigkeit, Begriffslogik, schlussfolgerndes Denken
- Fähigkeit zur Lösung einfacher Rechenaufgaben
- Raumvorstellung, Umwelterfassung
- Auffassungsgeschwindigkeit
- Ausdauer, konzentrierte Beharrlichkeit
- Praktisch-technische Begabung und Erkennen von Wirkzusammenhängen.

Der sogenannte Intelligenz-Quotient (IQ), das Messergebnis aus den unterschiedlichen Tests, ist auf 100 als dem Durchschnittswert geeicht. Wer über 100 Punkte erreicht, liegt also über dem Durchschnitt, wer unter 100 Punkten bleibt, entsprechend darunter. Rund 48 Prozent Bevölkerungsanteil sind normalbegabt im Bereich zwischen IQ=90 und IQ=109.

IQ Intelligenzgrad Bevölkerungsanteil

über 140 hervorragend 1,5 %

(„genial“)

120 - 139 sehr gut 11,0 %

(„talentiert“)

110 - 119 gut 18,0 %

(„intelligent“)

90 - 109 mittelmäßig 48,0 %

(„normalbegabt“)

80 - 89 gering 14,0 %

(„lernbehindert“)

70 - 79 sehr gering 5,0 %

(„geistig behindert“)

unter 69 äußerst gering 2,5 %

Eine wesentliche Begriffsunterscheidung ist auch die Abgrenzung flüssiger und kristallisierter Intelligenz.

Die flüssige Intelligenz wird verstanden als die Fähigkeit, komplexe Beziehungen in neuartigen Situationen wahrnehmen und erfassen zu können und entspricht der allgemeinen intellektuellen Leistungsfähigkeit. Der Höhepunkt dieser Intelligenz liegt bei circa 18 Jahren, dann fällt sie langsam, aber kontinuierlich ab.

Die kristallisierte Intelligenz steigt dagegen kontinuierlich an. Sie umfasst all das, was der Mensch sich an Wissen und kulturellen Fertigkeiten im Laufe des Lebens angeeignet hat in Elternhaus, Schule und Umwelt.

Auf das Problem schlechter Schulnoten bezogen, ist zu bedenken:

- Allgemeine Intelligenz erklärt zu einem guten Teil den Schulerfolg und mit ihm auch die

Schulnoten. Insbesondere spezielle Begabungen bestimmen zu einem bedeutenden Teil die

Leistungsfähigkeit in typischen Nachhilfefächern wie Mathematik, Sprachen und

Naturwissenschaften.

- Intelligenz ist zwar zu einem gewichtigen Teil angeboren. Dies besagt aber nicht, dass sie

nicht trainierbar und entwicklungsfähig ist. Eltern sollten also dafür sorgen, dass ihr Kind

genügend „geistiges Futter“ bekommt. Auch kann intellektuelles Training über die Schule

hinaus (z.B. Bücher für Denksportler und Testknacker) nicht schaden und macht häufig

auch Spaß.

- Sowohl in Intelligenztests als auch in der Schule werden Faktoren wie soziale und

kommunikative Intelligenz kaum gemessen. Diese zeigen sich vor allem im einfühlsamen

und geschickten Umgang mit Menschen und tragen in nicht geringem Maße zu

Lebenserfolg und Lebensglück bei. Daran sollten Eltern, deren Kinder in der Schule nicht

so erfolgreich sind, immer denken.

- Manche Lehrer halten ihre Kinder für „faul, aber intelligent“. Für den positiven Wert

(Intelligenz) ist man nicht verantwortlich, sehr wohl aber für den negativen (Faulheit). Wer

also „faul“ ist, beraubt sich – so zeigt es die Unterscheidung in flüssige und kristallisierte

Intelligenz – vieler Chancen und Möglichkeiten im Bereich der kristallisierten Intelligenz

(Wissenserwerb, kulturelle Fertigkeiten).

Motivation und Misserfolg im Teufelskreis

Die Motivation des Schülers ist ein äußerst wichtiger Teil des Schulerfolges und übrigens auch des Erfolges von Nachhilfeunterricht. Im folgenden werden die Begriffe Motivation und Motiv bezogen auf das Lernen näher bestimmt.

Unter Motivation[8] verstehen wir den Grund für die Aktivität eines Lebewesens (z.B. beim Lernen), die Antriebskräfte des menschlichen und tierischen Verhaltens. Es folgt eine in der Schule auch wesentliche Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Motivation:

- Primäre (intrinsische) Motivation entsteht aus Neugierde und Interesse an der Sache.
-Sekundäre (extrinsische) Motivation wird von außen angestoßen und/oder zielt auf einen

sachfremden Zweck. Man lernt der guten Noten willen, um Lob, Liebe, Geld zu erhalten.

Nun eine Frage an Sie als Leserin oder Leser: Welche Motive könnten z.B. bei Rätseln und Denksportaufgaben im Vordergrund stehen? Mögliche Antworten:

- Probleme lösen
- das Bedürfnis, Unklarheiten zu beseitigen
- Neugierde usw.

Ursprünglichster und „echtester“ Grund (Motiv) um neues Wissen aufzunehmen ist sicher die Neugier. Besonders ausgeprägt ist dieser Wissensdrang bei kleinen Kindern. Sie wollen die Welt kennen lernen, ihre Tage sind gefüllt mit Forschungen, Entdeckungen und endlosen Fragen.

Der amerikanische Psychologe Maslow hat die wichtigsten Motive in seiner bekannten Bedürfnispyramide zusammengefasst.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um einige Anregungen zur Motivation zu geben, seien folgende Motivationstipps genannt, die Nachhilfelehrer ihren Schülern geben können:

1. Denke Dir lustige Leitsätze/Slogans für Deine Lernaufgabe aus (z.B. „Frisch geplant am

morgen, gibt einen Lerntag ohne Sorgen“).

2. Ganz wichtig: Lache mindestens einmal am Tag herzhaft (Frage nicht, wie Du das schaffen

sollst).

3. Werde Dir anhand der Motivpyramide immer wieder klar über Deine Motive, Wünsche

und Interessen.

4. Reine Fernziele motivieren nicht ständig. Wichtig sind deshalb Zwischenziele (z.B.

mündliche Abfragen, Klassenarbeiten, Zwischenprüfung, selbstgesetzte Lernziele,

Abschlussprüfung).

Fehlende Motivation ist ein Problem. Viele Schüler zeigen zu Beginn des Nachhilfeunterrichtes eine fehlende Motivation in der Schule, beispielsweise weil ihr Selbstwertgefühl durch wiederholte schlechte Schulnoten erschüttert worden ist.

Es sollen drei Beispiele für einen Teufelskreis des Misserfolges, indem sich viele Nachhilfeschüler bei Beginn des Nachhilfeunterrichtes befinden, aufgezeigt werden.

1. Beispiel: Mangelnde Motivation

Lernunlust

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

schlechte Leistungen schlechte Leistungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Beispiel: Probleme des Schülers

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fehlendes Selbstvertrauen

Vermeidungsverhalten

Stellt sich die Frage, was kann man tun, um von einem Teufelskreis des Misserfolges zu einer Erfolgsspirale zu kommen. Lesen Sie dazu das Kapitel „Lerntechniken, Lernhilfen und Lerntipps“. Hier werden Erfolgserlebnisse durch die Verbesserung wichtiger Lern- und Arbeitstechniken im Nachhilfeunterricht beschrieben.

2. Bestandsaufnahme

Voraussetzungen schulischen Erfolgs

Im Kapitel „Bestandsaufnahme“ zum Nachhilfebedarf sollen zunächst die Voraussetzungen schulischen Erfolgs – Konzentration und Häusliches Arbeiten – auf extreme Abweichungen überprüft werden. Nachhilfeunterricht kann beratend helfen, diese Abweichungen wieder zu korrigieren.

Konzentration

Konzentrationsprobleme stellen für viele Lernende die eigentlichen Hauptprobleme dar. Konzentration[1] versteht man als die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit wissentlich und bewusst auf einen Gegenstand, einen Gedanken zu richten. Jeder von uns kennt Momente intensiver Konzentration, in denen die Umwelt hinter einem Vorhang verschwindet und die Tätigkeit reine Gegenwart wird. In konzentriertem Zustand ist man dementsprechend auch zu Höchstleistungen und unvergesslichen Erlebnissen fähig.

Die Erwartungen an die Konzentrationsfähigkeit von Schulkindern sollten bei Nachhilfelehrern jedoch realistisch sein, um Enttäuschungen vorzubeugen. Die folgende Tabelle[2] gibt Anhaltswerte für die Konzentrationsfähigkeit, die von Kind zu Kind und je nach „Tagesform“ abweichen können.

Alter Konzentrationsfähigkeit

5 - 7 bis zu 15 min

7 - 10 bis zu 20 min

10 - 14 bis zu 25 min

ab 14 bis zu 30 min

Kommt es zu Konzentrationsstörungen – z.B. immer wieder Abschweifen der Gedanken -, lassen sich die Ursachen in falsche Vorstellungen über die menschliche Leistungsfähigkeit, äußere Ursachen und innere Ursachen einteilen.

Ursachen von Konzentrationsstörungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Falsche Vorstellungen Störungen von innen Störungen von außen

über die menschliche

Leistungsfähigkeit bei

den Schülern

- zu lange Arbeitsetappen - Motivationsprobleme - Lärm
- keine Pausen - Müdigkeit, Krankheit - Musik, Radio
- Zeitdruck - Konflikte, Belastungen - schlechtes Raumklima
- mangelnde Berück- - ungelöste persönliche - schlecht ausgestatteter

sichtigung des Tages- Probleme Arbeitsplatz

rhythmus - Ablenkung durch andere

- mangelnde Berück- Personen

sichtigung der körper-

lichen Bedürfnisse

(Hunger, Durst, Schlaf,

Bewegung)

Falsche Vorstellungen über die menschliche Leistungsfähigkeit sind häufig in zu langen Arbeitsetappen (höchste Konzentration kann man normalerweise nicht über Stunden aufrechterhalten) und keine Pausen (regelmäßig kurze Pausen einschieben) zu sehen. Unter Zeitdruck arbeitet man anders (Stressbelastung) und eine mangelnde Berücksichtigung des Tagesrhythmus (Leistungstiefs zwischen 14.00 Uhr und 16.00 Uhr und nachts 2.00 Uhr und 4.00 Uhr) macht sich ggf. bemerkbar. Eine mangelnde Berücksichtigung der körperlichen Bedürfnisse (Hunger, Durst, Schlaf, Bewegung) führt zu Konzentrationsstörungen.

Zu den Störungen von außen zählen Lärm und Geräusche (z.B. von Bauarbeiten), schlechtes Raumklima und schlecht ausgestatteter Arbeitsplatz (z.B. Schreibtisch zu klein, schlechte Beleuchtung). Ablenkungen durch andere Personen (z.B. Telefon, Geschwister) sollten vermieden werden. Zur Musikberieselung beim Lernen ist anzumerken: Für Routinearbeiten ist leichte Instrumentalmusik in Ordnung, für anspruchsvolle Aufgaben sollte man lieber darauf verzichten.

Störungen von innen sind in Motivationsproblemen, leichter Ermüdbarkeit bzw. in körperlichen und psychischen Krankheiten zu sehen. Am schwersten wiegen ungelöste persönliche Probleme, die z.B. in Konflikten mit der Familie oder mit Freunden oder in Entwicklungskrisen wurzeln. Spannungen, Streitigkeiten, bevorstehende Entscheidungen können den Lernenden stark beschäftigen und seine Gedanken immer wieder in Anspruch nehmen.

Für konzentriertes Verhalten in der Schule bzw. auch im Nachhilfeunterricht sind zwei Prinzipien von grundlegender Bedeutung.

- Ich probiere es aus, gebe ihm eine Chance (=innere Bereitschaft, auch bei Widerständen).
-Ich tue, was ich tue (=Fokussierung der Aufmerksamkeit, Ausschalten störender Einflüsse).

Konkret auf schulisches Arbeiten (wie z.B. Hausaufgaben machen, Vokabeln auswendig lernen, eine Deutschlektüre lesen, sich auf Geschichte vorbereiten) bezogen, ist anzumerken:

- Inneren Widerstand und Frustration abbauen, den Lernstoff akzeptieren und nicht mutlos

werden.

„Ich probiere es einfach aus, ob ich in Englisch nicht doch vorankomme.“

„Vielleicht ist Frau Schulz doch nicht so blöd, wie ich immer gedacht habe.“

- Körperliche Voraussetzungen schaffen, d.h. auf ausreichenden Schlaf und

abwechslungsreich-gesunde Ernährung achten.

- In einem angenehm temperierten, gelüfteten Raum lernen und zwischendurch für kurze

Ruhepausen und körperliche Bewegung sorgen.

- Für ausreichend Arbeitszeit sorgen und vor drängenden Terminen keine schwierigen

Aufgaben erledigen. Morgens rechtzeitig aufstehen und nicht hetzen müssen.

- Unnötige Belastungen vermeiden. In erster Linie sind schwer zu verdauende Filme und

Fernsehsendungen zu nennen.

- Sonst gelten hier auch die bei den Ursachen für Konzentrationsstörungen genannten

Aspekte.

Viele Störungen sind nicht zu umgehen. Dennoch kann man versuchen ihre Auswirkungen zu dämpfen, indem man Ventile schafft:

- Wenn die Eltern selbst – aus welchen Gründen auch immer – nicht der richtige

Gesprächspartner für die Nöte Ihrer Kinder sein sollten, dann kann man sie ermutigen, sich

mit Freunden oder Geschwistern auszusprechen oder auch mit vertrauten Erwachsenen ihrer

Wahl (Nachhilfelehrer, Onkel, Tante, Freunde der Eltern usw.).

- Lächeln Sie als Nachhilfelehrer nicht, wenn Ihr Schüler Tagebuch schreibt, im Gegenteil,

ermutigen Sie ihn dazu.

- Halten die Krisen an und führen sie zu gravierenden Folgen, müsste man professionelle

Hilfe für den Schüler suchen: Vertrauenslehrer, Schulpsychologe, Erziehungsberatung und

Psychotherapeuten.

- Häufig ist auch nützlich, wenn man Krisen körperlich abreagiert (z.B. Jogging,

Tennisspielen als innerer Blitzableiter).

Konzentration kann man auch trainieren. Im folgenden stelle ich Ihnen einige Vorschläge für Konzentrationsübungen vor, die Sie als Nachhilfelehrer selbst ausprobieren können. Regen Sie auch Ihre Schüler zum Mitmachen an. Wie alle Lerntechniken sind Konzentrationstechniken regelmäßig und über einen längeren Zeitraum einzuüben.

- Augen schließen oder auf eine leere Fläche schauen, an nichts denken; da dies

normalerweise kaum gelingt, bedeutet es: Gedanken kommen lassen und wieder loslassen

bzw. wegschicken.

- Sich auf den Strom des eigenen Atems konzentrieren.

- Nicht einfach in der Gegend herumsehen, sondern gezielt und aufmerksam die Dinge der

Umgebung betrachten; seinen Blick verweilen lassen, dabei neue Strukturen und

Schattierungen entdecken und auf sich wirken lassen;

1. Stufe: Nur schauen und nichts dabei denken,
2. Stufe: Das Gesehene lautlos oder auch laut in Sätze fassen.

- Die Dinge der Umgebung in die Hand nehmen und abtasten, dabei den Tastsinn verfeinern.

- Sich bestimmte Erinnerungen wieder ins Gedächtnis rufen, sie in allen Einzelheiten

reaktivieren und schließlich auch ausphantasieren.

- Sich angenehme Phantasiebilder möglichst genau und präzise vorstellen, die dazugehörigen

Gefühle zulassen und sich in sie hineinversenken.

- Alltagsgegenstände betrachten und ihnen neue Funktionen geben.

- Sich in Bilder, Zeichnungen und Fotografien versenken, aber auch in Gedichte, Aphorismen

und kurze Prosatexte, die einem besonders viel sagen.

Bei dauernden und schweren Konzentrationsstörungen hat sich das autogene Training von J.H. Schulz bewährt. Es wird neben subjektiver Entspannung (Übungen zum Schwereerlebnis, Wärmeerlebnis, Herzerlebnis, Atemerlebnis, Beeinflussung der Bauchorgane und Stirnkühlung) auch eine gezielte Konzentration ermöglicht.

Insbesondere für das Ermitteln der Ursachen von Konzentrationsstörungen und die Durchführung von Konzentrationsübungen ist der Nachhilfelehrer ein wichtiger Ansprechpartner für Schüler und Eltern.

Häusliches Arbeiten

Sobald ein Kind zur Schule geht, muss es sich wohl oder übel mit häuslichem Arbeiten bzw. mit den Hausaufgaben auseinandersetzen. Leider fällt das Lernen nicht allen Kindern gleich leicht. Es gibt in jeder Klasse einige Schüler, die Nachmittag für Nachmittag am Schreibtisch verbringen und sich durch den Schulstoff quälen.

Dies bestätigt auch eine Repräsentativumfrage[3] des Meinungsforschungsinstituts Allensbach unter circa 2000 Eltern schulpflichtiger Kinder zum Thema Hausaufgaben. Rund 39 Prozent aller Erwachsenen haben das Gefühl, dass Schüler sowohl vom Stoffinhalt, als auch von der Quantität des Stoffes her überfordert werden. Von den Eltern, die ihren Kindern regelmäßig bei den Hausaufgaben helfen, sind sogar 62 Prozent dieser Meinung.

Im Idealfall sind Hausaufgaben von Schülern selbstständig durchgeführte Reproduktionsleistungen. Dementsprechend muss der Stoff in der Schule 100 prozentig verstanden sein, sonst ist keine erfolgreiche Reproduktionsleistung mehr möglich. Viele Nachhilfeschüler führen als Grund für die Nachhilfe an, dass der Lernstoff in der Schule zu schnell erarbeitet wird, also nicht voll und ganz erfasst worden ist.

Hausaufgaben haben im Allgemeinen den Zweck einer Nach- oder Vorbereitung des Unterrichtsstoffes. Sie sollten durch die Schüler ohne außerschulische Hilfe in angemessener Zeit bewältigt werden. Umfang und Schwierigkeit sollen dem Alter und Leistungsvermögen der Schüler angepasst sein. Die tägliche Gesamtbelastung der Schüler sollte beim Stellen der Hausaufgaben berücksichtigt werden.

Richtzeiten[4] für die Dauer der täglichen Hausaufgaben (in Minuten)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkungen: x = Behutsame Einführung; xx = Anleitung zu Hausaufgaben

Rheinland-Pfalz hat keine Richtzeiten.

Die neuen Bundesländer sind nicht berücksichtigt.

Hausaufgaben müssen sorgfältig in die Unterrichtsplanung einbezogen sein bzw. sich aus dem Gang des Unterrichts ergeben. Sie dürfen den Schülerinnen und Schülern nicht am Ende jeder Stunde als notwendiges Übel auferlegt werden.

Es sollte eine altersgemäße Kontrolle der Hausaufgaben (evt. Vorkontrolle durch die Eltern, Endkontrolle durch den Lehrer), aber in der Regel keine Zensur stattfinden. Im folgenden werden Hinweise beschrieben, die Sie als Nachhilfelehrer den Eltern zum Thema Hausaufgaben geben können.

So betreuen Sie die Hausaufgaben[5] richtig

- Schaffen Sie einen guten Rahmen für die Erledigung der Hausaufgaben:
- Achten Sie darauf, dass der Arbeitsplatz Ihres Kindes aufgeräumt ist.
- Vermeiden Sie Störungen durch Geschwister.
- Lassen Sie sich im Hausaufgabenheft zeigen, wie die Hausaufgabe lautet.
-Unterstützen Sie Ihr Kind bei der selbstständigen Erledigung der Hausaufgabe:
- Zeigen Sie sich zuversichtlich, dass es die Aufgaben bewältigen wird.
- Lassen Sie sich die Aufgabenstellung erklären.
- Fragen Sie, wie die Aufgaben in der Schule bearbeitet wurden.
- Zu achten ist auf einen Arbeitsstil, der unnötige Fehler vermeidet und einen optimalen

Lerneffekt erzielt. Also lieber langsam und genau als rasch und flüchtig vorgehen.

- Geben Sie einen Lösungsschritt vor, wenn Ihr Kind blockiert ist.
- Es gilt: So viel Hilfe wie nötig, aber so wenig wie möglich.
- Helfen Sie Ihrem Kind, die Aufgaben am Schluss durchzusehen:
- Halten Sie Ihr Kind zur Selbstkontrolle an.
- Bieten Sie Ihrem Kind die Durchsicht der Hausaufgaben an.
- Die mündlichen Hausaufgaben sind nicht weniger wichtig als die schriftlichen, aber

weniger leicht zu kontrollieren. Fragen Sie reine Lernaufgaben (Vokabeln, Stammformen,

Formeln, Geschichtszahlen usw.) ab.

- Loben Sie Ihr Kind für seine Mühe.
- Brechen Sie die Erledigung der Hausaufgaben ab, wenn Sie feststellen, dass es viel zu

lange dauert. Sprechen Sie mit der Lehrkraft, wenn dies häufiger vorkommt.

Vor allem zu Beginn der Grundschule und dann wieder nach dem Übertritt in eine weiterführende Schule müssen die Eltern die sinnvolle Organisation der Hausaufgaben anleiten und überwachen. Diese Phasen sind für das Kind Zeiten der Neuanpassung und Umstellung, nicht nur in Bezug auf die Leistungsanforderungen. Auch während der Pubertät scheint eine intensivere Kontrolle angebracht, obwohl sie speziell in dieser Zeit am wenigsten erwünscht ist und auch zu heftigen Konflikten führen kann.

Sollten die Eltern Ihrem Kind fachlich nicht mehr helfen können, gibt es auch professionelle Hausaufgabenbetreuung in Nachhilfeinstituten. Hier werden die Schüler in kleinen Gruppen 1-2 Stunden an jedem Werktag von einer Lehrkraft bei den Hausaufgaben begleitet.

Eine weitere Möglichkeit der Bewältigung der Hausaufgaben stellt die Lerngruppe dar. Viel zu wenig wird das gemeinsame Arbeiten mit Mitschülern gefördert. Regen Sie Ihre Schüler an, sich zusammenzutun mit Klassenkameraden, die in der Nähe wohnen, ihnen sympathisch sind und nach Möglichkeit schulisch ebenso gut sind, wenn nicht besser. Die Gruppe sollte aus nicht mehr als vier oder fünf Personen bestehen. Voraussetzung ist ein ruhig gelegener Raum, der gemeinsames Arbeiten erlaubt. Und: Es muss den Schülern klar sein, dass sie gemeinsam zu arbeiten haben und nicht gegenseitig abschreiben dürfen.

Eine Reihe von Aufgaben sollten die Schüler vor dem Zusammentreffen allein erledigen, damit man sich dann in Zweiergruppen abfragen kann. Dazu gehören folgende Aufgaben:

- Die „Paukstoffe“: Vokabeln, Geschichtszahlen, Auswendiglernen von Gedichten

(anschließend sich gegenseitig abfragen).

- Grammatikregeln und Formeln (anschließend sich gegenseitig abfragen und erklären).

- Erste Bekanntschaft mit einem Lernstoff, auch Lektüren und ähnliches (anschließend

Diskussion, Verständnisfragen).

- Aufsatzschreiben (anschließend vorlesen, diskutieren, ergänzen).

Mit Lerngruppen kann man bereits ab der 7./8. Klasse anfangen, wenn die Schüler die nötige Selbstständigkeit und Ernsthaftigkeit mitbringen. Die Vorteile der Lerngruppe überwiegen bei weitem die Nachteile. Hier sind zu nennen:

- Mehr Anstrengung durch unterschiedliche Kenntnisse und Meinungen
- Der Zwang, sich auszudrücken und zu formulieren
- Die Korrektur der Fehler
- Die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen
- Gemeinsames Wissen und damit mehr Solidarität
- Verstärkung der Lernmotivation
- Selbstsicherheit
- Effizienz und Zeitersparnis.

Nicht verschwiegen werden sollen auch gewisse Nachteile der Gruppenarbeit. So fördert diese bei manchen Schülern die Passivität. Sie verlassen sich auf die anderen und setzen darauf, jeweils mitgeschleppt zu werden. Meistens selektiert die Gruppe diese Kandidaten von selbst.

Speziell für schwächere Schüler stellt eine Lerngruppe, in der leistungsstarke Klassenkameraden sind, eine große Hilfe dar. Sie kann in einigen leichteren Fällen auch die Nachhilfe ersetzen.

Ist Nachhilfe sinnvoll?

Nachhilfeunterricht ist mit zusätzlichem Zeit- und Geldaufwand für Nachhilfeschüler und Eltern verbunden. Die Frage, ob Nachhilfe sinnvoll ist, kann in folgenden Fällen bzw. Situationen eindeutig mit „ja“ beantwortet werden:

- Nach einer längeren Krankheit
- Bei vorübergehender persönlicher Belastung (z.B. Mobbing in der Klasse)
- Bei familiären Problemen (z.B. Scheidung, Krankheit der Eltern, Umzug)
- Bei schulischen Engpässen (z.B. Unterrichtsausfall, Lehrerwechsel)
- Empfehlung der Schule oder anderer Eltern
- Es ist zu ermitteln: Woher kommen die schwachen Leistungen? Ist Nachhilfe der richtige

Weg oder sind andere Maßnahmen (z.B. Lerntherapie bei gravierenden

Lernschwierigkeiten) nötig?

- Zur Vorbereitung auf eine Nachprüfung
-Bei einer großen Abneigung einer einzelnen Lehrerin/einem Lehrer gegenüber
-Bei Wissenslücken in einzelnen Themenbereichen
-Zur gezielten Vorbereitung der nächsten Klassenarbeit.

Weitere Gründe für die Abfrage von Nachhilfe werden in einer Studie von M. Rudolph[6] genannt:

- Verbesserung der Zensur
- Schulwechsel
- Faulheit
- Zur Bewältigung der Hausaufgaben
- Zu wenig Übung in der Schule
- Zu schnelle Bearbeitung des Lernstoffes in der Schule
- Anspruch/Erwartungen der Eltern zu hoch
- Gute Betreuung, weil Eltern berufstätig sind
- Unkonzentriertheit
- Mangelnde Arbeitstechniken.

Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass Nachhilfeunterricht einige „Risiken und Nebenwirkungen“ mit sich bringen kann.

- Wird bereits in der Grundschule mit Nachhilfe begonnen, besteht die Gefahr der

Gewöhnung daran. Schüler erfahren, dass sie den Lernanforderungen selbstständig gar nicht

genügen können und entwickeln kein Selbstbewusstsein als kompetente Lerner.

- Nachhilfe führt zwangsläufig (Zeit- und Geldaufwand) auch zu einer erhöhten

Erwartungshaltung der Eltern. Für prüfungsängstliche Kinder erwächst daraus eine

zusätzliche Belastung.

- Nachhilfe kann träge machen. Manche Kinder verlassen sich bald ganz auf die Stunden am

Nachmittag und passen in der Schule nicht richtig auf, schalten ab.

- Eine Nachhilfe, die nur den Lernstoff vermittelt, taugt nicht viel. Es sollte eine Vermittlung

von Lern- und Arbeitstechniken hinzukommen, um längerfristig wieder zum selbstständigen

Lernen anzuleiten.

- Manche Kinder belastet die Erkenntnis: „Ich schaffe es nicht alleine!“ Hier hilft ein

Gespräch über die Notwendigkeit der Nachhilfe und der Hinweis auf deren Charakter als

Übergangslösung.

Zusammenfassend soll festgehalten werden: Zweck von Nachhilfe ist es, Schwächen und Lücken zu diagnostizieren, Anschluss an die Klasse wieder zu erreichen und über eine schwierige Phase, die jeder einmal zu überstehen hat, hinwegzuhelfen. Nachhilfe sollte zeitlich begrenzt werden. Sie sollte vom Schüler gewünscht, zumindest akzeptiert sein; sonst bleibt sie in aller Regel erfolglos. Der Nachhilfelehrer sollte dem Schüler nicht unsympathisch sein und von ihm akzeptiert werden. Emotionale Barrieren würden sonst den Lernhilfeeffekt aufheben oder zumindest stark einschränken.

Diagnose von Schwächen und Lücken

Unerlässlich für gezieltes Arbeiten ist eine Diagnose der Schwächen und Lücken entweder in den ersten Nachhilfestunden oder vielleicht schon im Vorfeld der Nachhilfe.

Eine erste Diagnose der Schwächen und Lücken kann anhand einer Zensurenkurve[7] für das Problemfach/die Problemfächer erfolgen, die der Schüler in Zusammenarbeit mit den Eltern oder dem Nachhilfelehrer erstellen kann. Hier ist ein Beispiel für das erste Schulhalbjahr:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Zensurenkurve hat sich als Überblick über die schriftlichen Zensuren (vor allem Schulaufgaben) in Problemfächern bewährt. Sollten die Noten unter die Notenstufe 4 absinken, sollten die Eltern aktiv werden bzw. einen guten Nachhilfelehrer suchen, wenn Nachhilfe sinnvoll ist. Aus der Zensurenkurve können auch mögliche Ursachen für schlechte Noten festgestellt werden – z.B. lassen sich familiäre Ereignisse, persönliche Lernprobleme oder Krankheit zeitlich einordnen.

Eine weitere Möglichkeit der Diagnose von Schwächen und Lücken ist in Fehlerstrichlisten zu sehen, die der Schüler in Zusammenarbeit mit dem Fachlehrer oder dem Nachhilfelehrer erstellen kann. Nicht selten macht man genau den gleichen oder ähnlichen Fehler immer wieder. Genau hier setzen Fehlerstrichlisten an. Sie sollen helfen, bestimmte Fehler in dem Problemfach zunächst zu bestimmen und dann systematisch auszumerzen. Im folgenden werden Beispiele[8] für Fehlerstatistiken in Mathematik und Englisch – den bevorzugten Nachhilfefächern – aufgezeigt, die ein weites Feld von Fehlerquellen im jeweiligen Fach abstecken. Diese Listen können nach den individuellen Erfordernissen abgeändert oder auch für ein anderes Fach aufgestellt werden. Beim Erstellen von neuen Fehlerstrichlisten kann dem Nachhilfelehrer neben dem Lehrplan auch das Inhaltsverzeichnis des jeweiligen aktuellen Schulbuches von Nutzen sein. Sollten sich die Eltern fachlich in der Lage dazu sehen, können selbstverständlich auch sie bei der Aufstellung der Fehlerstrichliste behilflich sein.

[...]


[1] vgl. Schräder-Naef, R.: Rationeller Lernen lernen. Weinheim, Basel; 1994. S. 84 ff.

[2] aus: Schmeing, U./Meyer-Krahmer, H.-J.: Schulerfolg trotz Lernschwierigkeiten. Weinheim, Basel; 1999. S. 61

[3] vgl. Hüholdt, J.: Wunderland des Lernens. Bochum 2001. S. 204 f.

[4] aus: Schmeing, U./Meyer-Krahmer, H.-J.: Schulerfolg trotz Lernschwierigkeiten. Weinheim, Basel; 1999. S. 79

[5] vgl. Kowalczyk, W./Ottich, K.: Nachhilfe? Berlin 2002. S.79

[6] vgl. Rudolph, M.: Nachhilfe – gekaufte Bildung? Bad Heilbrunn/Obb. 2002. S. 169 ff.

[7] vgl. Kowalczyk, W./Ottich, K.: Nachhilfe? Berlin 2002. S. 19

[8] aus: Endres, W. u.a.: So macht lernen Spaß. Weinheim, Basel; 2000. S. 113 ff.

[1] vgl. Rudolph, M.: Nachhilfe – gekaufte Bildung? Bad Heilbrunn/Obb. 2002.
(Marktführer Studienkreis + Schülerhilfe = 2000 Filialen x 15 Lehrkräfte
beide zusammen ¼ Marktanteil, also: x 4
= 120.000 Nachhilfelehrkräfte)

[2] Vgl. Internet: www.mpib-Berlin.mpg.de/pisa/

[3] aus: Kowalczyk, W./Ottich, K.: Nachhilfe? Berlin 2002. S.30

[4] aus: Kowalczyk, W./Ottich, K.: Nachhilfe? Berlin 2002. S. 29

[5] vgl. Rudolph, M.: Nachhilfe – gekaufte Bildung. Bad Heilbrunn/Obb. 2002. S. 178 f.

[6] aus: Rebitzki, M: Noten: Kein Grund zur Panik. Berlin 2003. S. 9

[7] aus: Rebitzki, M.: Noten: Kein Grund zur Panik. Berlin 2003. S. 12

[8] vgl. Schräder-Naef, R.: Rationeller Lernen lernen. Weinheim, Basel; 1994. S. 75 ff.

Details

Seiten
158
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638270786
ISBN (Buch)
9783656562252
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v24138
Note
Schlagworte
Schülernachhilfe Leitfaden Lehrer Studenten

Autor

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Titel: Schülernachhilfe geben. Ein Leitfaden für Lehrer und Studenten