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Gryphius' "Abend" vs. Shakespeares "Sonnet 17": Der Aufbau der Gedankenführung im Vergleich

Hausarbeit 2004 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interpretation des Sonetts ‚Abend’ von Andreas Gryphius

3. Interpretation von Shakespeares ‚ Sonnet 17

4. Zusammenfassender Vergleich der Sonette

5. Bibliographie

1. Einleitung

Zwei Reime heiß' ich viermal kehren wieder
Und stelle sie, geteilt, in gleiche Reihen,
Dass hier und dort zwei, eingefasst von zweien,
Im Doppelchore schweben auf und nieder.

Dann schlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder
Sich freier wechselnd, jegliches von dreien.
In solcher Ordnung, solcher Zahl gedeihen
Die zartesten und stolzesten der Lieder.

(Auszug aus August Wilhelm Schlegels Gedicht ‚Das Sonett’, Z. 1-8)

In seinem Sonett über das Sonett nennt August Wilhelm Schlegel die wichtigsten Strukturmerkmale dieser lyrischen Gattung: Das Sonett besteht aus 14 Versen, die in Oktave und Sextett unterteilt sind. Die Oktave ist in zwei Quartette untergliedert, deren Verse jeweils meist umarmend reimen. Somit ergibt sich für die Oktave die idealtypische Reimstruktur von a b b a – a b b a. Das Sextett ist in zwei Terzette untergliedert, die Reimordnung ist variabler als in der Oktave. Mit der formalen Zweiheit von Oktave und Terzett geht nach Walter Mönch (Mönch 1955: 33) eine inhaltliche Zweigliedrigkeit einher. Sie ist das „wesentlichste innere Gesetz des Sonetts“, Oktave und Sextett sind als Aufgesang und Abgesang zu verstehen, die im Verhältnis von Erwartung und Erfüllung, Spannung und Entspannung, Voraussetzung und Folgerung, Behauptung und Beweis stehen (Mönch 1955: 33). Diese formale Beschreibung des Sonetts gilt für die Literaturen der meisten europäischen Länder einschließlich der deutschen. Eine Sonderform der Strophengliederung hat das Sonett in England angenommen: Die 14 Verse des englischen Sonetts (alternativ: Shakespeare-Sonett) gliedern sich in drei Quartette mit je eigenen alternierenden Reimen und ein abschließendes Verspaar, das couplet (wiedergegeben nach Schlütter 1979: 4).

Wie wirkt sich diese abweichende Struktur des englischen Sonetts inhaltlich aus? Welche Unterschiede in der Gedankenführung lassen sich neben den Abweichungen in der Reimstruktur im Vergleich zu einem deutschen Sonett ausmachen? Ziel dieser Arbeit ist es diesen Fragen nachzuspüren. Um eine Beantwortung zu versuchen, sollen ein englisches und ein deutsches Sonett der frühen Neuzeit exemplarisch miteinander verglichen werden. Dabei wird sich die Analyse hauptsächlich dem Argumentationsgang der Gedichte widmen.

Nun, wer böte sich für die Form des Shakespeare-Sonetts besser an als William Shakespeare selbst? Seinem ‚ Sonnet17 ’, das erstmals 1609 in der Gedichtsammlung ‚ Shakespeare’s Sonetts ’ von Thomas Thorpe in London veröffentlicht wurde, möchte ich das Sonett ‚Abend’ des „größten Sonettist[en] deutscher Sprache im 17. Jahrhundert“ (Fechner 1969: 25), Andreas Gryphius, gegenüberstellen. Dieses Gedicht erschien erstmals in Gryphius’ zweitem Sonettbuch (‚Sonnette. Das Ander Buch.’), das Teil des 1650 von Johann Hütter in Frankfurt am Main veröffentlichten Sammelbandes Gryphius’scher Lyrik ist. Nachdem beide Sonette separat analysiert wurden, soll auf dieser Grundlage ein zusammenfassender Vergleich Antworten auf die eingangs aufgeworfenen Fragen geben.

William Shakespeare, der als einer der größten Dramatiker aller Zeiten gilt, ist der früher geborene von beiden Dichtern. Er kam 1554 als Sohn eines Landwirts und Händlers im englischen Stratford-upon-Avon zur Welt. Hier verbrachte Shakespeare seine Jugend. Mit 18 Jahren heiratete er die ebenfalls bürgerliche Anne Hathaway. Zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt siedelte Shakespeare nach London über, wo er Teilhaber des ‚ Globe Theatre ’ wurde. Er gehörte der Schauspieltruppe ‚ Lord Chamberlain’s Men ’ an und wurde durch seine Tätigkeit am Theater sehr wohlhabend. Hier, im elisabethanischen London, entstanden seine größten Dramen und die Sonette. 1611 zog Shakespeare sich nach Stratford-upon-Avon zurück, wo er 1616 starb. Obwohl William Shakespeare in erster Linie für seine Dramen gerühmt wird, gehören seine Sonette neben denen Spensers und Sidneys zu den besten der frühen Neuzeit in englischer Sprache.

Andreas Gryphius, dessen Vater ein protestantischer Geistlicher war, wurde im Jahr von Shakespeares Tod im schlesischen Glogau geboren. Seine Jugend war vom Dreißigjährigen Krieg und mehreren Schicksalsschlägen (unter anderem Tod der Eltern, Vertreibung der Protestanten) geprägt. Nach einem Studium im schlesischen Leiden Ende der 1630er Jahre und dem Erwerb der Magisterwürde und des poeta laureatus verbrachte Gryphius mehrere Jahre in Holland, Frankreich und Italien. Nach seiner Rückkehr heiratete er und ließ sich 1650 als Rechtsberater der Landstände des Fürstentums Glogau nieder. Gryphius blieb bis zu seinem Tod in Glogau, wo er 1664 starb. Neben Gedichten verfasste Andreas Gryphius auch zahlreiche Lieder, Trauerspiele und Lustspiele. Besonders seine Lyrik ist von den konfessionellen Auseinandersetzungen des Dreißigjährigen Krieges sowie leidvollen Erlebnisse seit der Jugend nachhaltig beeinflusst worden: Sie steht ganz im Zeichen der Heilslehre.

Da weitere biographische Details für die Fragestellung unerheblich sind, verzichte ich auf eine ausführlichere Darstellung der Lebensläufe und beginne mit der Interpretation des Gryphiusschen Sonettes, gefolgt vom Sonett Shakespeares.

2. Interpretation des Sonetts ‚Abend’ von Andreas Gryphius

Der Abend markiert das Ende des Tages und läutet den Beginn der Nacht ein. Somit stellt er einen Übergangsbereich zwischen den Gegensätzlichkeiten Licht und Dunkelheit, Aktivität und Passivität dar. Zugleich kann Abend, im metaphorischen Sinne des Lebensabends, auch den letzten Abschnitt des Lebens bezeichnen. An dieser Schwelle zwischen Leben und Tod, Diesseits und Jenseits, Vergänglichkeit und Ewigkeit setzt das Sonett ‚Abend’ von Andreas Gryphius an. Der Titel des Gedichts ist also programmatisch.

Zeile 1 leitet sofort zum Thema des Sonetts hin:

Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /

Mit ‚Der schnelle Tag ist hin’ wird der Schnelllebigkeits- und Vergänglichkeitstopos am Beginn des ersten Verses erstmals eingeführt. Gleichzeitig wird der gegensätzliche Charakter des Abends, nämlich Tag und Nacht vereinend, durch das Metrum gestützt. Der Alexandriner ist besonders gut geeignet, Gegensätze aufzuzeigen. Die Zäsur in der Mitte des Verses trennt Tag und Nacht auch syntaktisch voneinander.

Der Tag ist bereits vergangen, die Nacht hat das Steuer übernommen ‚und führt die Sternen auff.’ Alles weicht der Nacht, die ‚müden Scharen’ der Menschen ebenso wie Tiere und Vögel. Wo eben noch Leben war,

Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit verthan!

Raffiniert führt die letzte Zeile des ersten Quartetts durch die Klage ‚Wie ist die Zeit verthan!’ zur im ersten Vers eingeführten Vergänglichkeitsthematik zurück, was durch die Reimstruktur des umarmenden Reimes akustisch unterlegt ist. So entsteht ein Bild, in dem Menschen, Tiere und Vögel, die Bewohner dieser Welt, von der Vergänglichkeit eingeschlossen sind. Zwar bleibt das erste Quartett auf der konkreten Ebene des Abends, jedoch schwingt an mehreren Stellen Bedeutung mit, die über diese konkrete Ebene hinausgeht. So können Tag und Nacht aus Zeile 1 bereits als Gegenüberstellung von Leben und Tod interpretiert werden. Die Einsamkeit am Ende des Tages könnte für die Einsamkeit am Ende des Lebens stehen, wenn der Tod naht.

Im zweiten Quartett wird der Vergänglichkeitstopos nicht mehr nur auf der Ebene Tag-Nacht, sondern auf einer allgemeineren, abstrakteren Ebene Leben-Tod weiter ausgeführt. Der Abend wird nun explizit zum Lebensabend. Ein beeindruckendes Bild eröffnet diese erweiterte Thematik:

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638270717
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v24128
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Note
sehr gut
Schlagworte
Gryphius Abend Shakespeares Sonnet Aufbau Gedankenführung Vergleich Grundkurs

Autor

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