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Bildende Kunst der Wiener Moderne: Die "Wiener Secession" und ihr Organ, die Zeitschrift "Ver Sacrum"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Secession und Jugendstil
2.2 Anfänge der »Wiener Secession«
2.3 »Ver Sacrum«
2.4 Secessionsgebäude und Ausstellungen
2.5 Ende der »Wiener Secession«

3 Schluß

4 Abbildungen

5 Abbildungsnachweis

6 Literaturverzeichnis
6.1 Quellen
6.1.1 Bücher und Aufsätze
6.1.2 Zeitungen und Zeitschriften
6.2 Quellensammlungen und Kataloge
6.3 Darstellungen

1 Einleitung

Die Bildende Kunst in Wien um 1900 ist wesentlich von der »Wiener Secession« geprägt, deren Entstehung im Jahre 1897 für großes Aufsehen gesorgt hatte. Dieser Zusammenschluß von neunzehn jungen Künstlern wollte die Kunst im Sinne des Jugendstils erneuern. Mit ihrem Ausstellungsgebäude errichteten die Secessionisten bereits 1898 ein Aufmerksamkeit erregendes Monument dieser neuen Stilrichtung und schufen gleichzeitig den geeigneten Rahmen für viele erfolgreiche Ausstellungen. Stellvertretend für die Gattung Architektur soll in dieser Arbeit das Secessionsgebäude auf seine damalige Neuartigkeit untersucht werden. Es spiegelt besonders im Hinblick auf die Abgrenzung zum vorherrschenden Historismus in Wien einen deutlichen Standpunkt wider und ist sogleich mit seinen Ausstellungen Teil des von den Secessionisten geforderten "Gesamtkunstwerks".1 In Betrachtung einzelner, herausragender Ausstellungen sollen dann wichtige künstlerische Persönlichkeiten und Ideen der »Wiener Secession« vorgestellt werden. Bei deren Präsentation nahm die Secessionszeitung »Ver Sacrum« eine führende Rolle ein. Sie war wesentlich für die eigentliche Auseinandersetzung mit veralteten Strukturen in der Kunstszene, mit Kritikern und Gegnern. Mit Hilfe dieser Vereins-Zeitschrift, die von 1898 bis 1903 herausgegeben wurde, wollten die Secessionisten ihre Ideen einem größeren Publikum näher bringen. Zu dieser Zeit gab es im deutschsprachigen Raum eine Reihe von Kunstzeitschriften, welche überwiegend in den neunziger Jahren gegründet worden waren. An dieser Stelle seien neben der Wiener »Ver Sacrum«, die Münchener »Jugend« und »Simplicissimus», sowie der Berliner »Pan« erwähnt. Inwieweit sie Vorbildfunktion für »Ver Sacrum« hatten, soll im Laufe der Hausarbeit kurz erläutert werden. Für Einblicke in die Kunstpublizistik dieser Zeit bietet besonders Bernhard Kleinschmidts Veröffentlichung eine gute Arbeitsgrundlage.2

Kunstzeitungen ermöglichten einerseits das Übertragen künstlerischer Ideen in Wort und Bild, andererseits boten sie sympathisierenden Schriftstellern, Architekten und Philosophen die Gelegenheit, sich zu äußern. Besonders die Jugendstilbewegung in Wien war eingebettet in ein reges literarisches, musikalisches und gesellschaftliches Leben. Man hatte Beziehungen zu zeitgenössischer Literatur von Peter Altenberg, Herrmann Bahr, Rainer Maria Rilke oder Arthur Schnitzler. Ebenso war man an der Musik von Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Alban Berg oder Anton von Weber interessiert. Oft waren auch Doppelbegabungen zu finden, wie etwa bei Oskar Kokoschka, der seine Dichtung »Die träumenden Knaben« selbst illustrierte. Zu den engagiertesten Verfechtern der Jugendstilideen gehörten die Kunstkritiker Ludwig Hevesi und Hermann Bahr. Bereits vor Gründung der »Wiener Secession« äußerten sie sich in deren Sinne. Wenige Wochen nach dem Zusammenschluß begrüßte Bahr die Secession mit Aufsätzen, die in den Zeitungen »Die Zeit«, »Neues Wiener Tagblatt« und »Österreichische Volkszeitung« veröffentlicht wurden. Im Jahre 1900 wurden sie in seinem Buch über die Secession erneut publiziert.3 Die von Hevesi 1906 zusammengefaßten Kritiken und Essays »Acht Jahre Sezession« geben Zeugnis von den wichtigsten Jahren des österreichischen Secessionismus.4 In dieser Arbeit liegt der Hauptaugenmerk auf der Secessionszeitschrift »Ver Sacrum« als Organ der »Wiener Secession«. An ihr lassen sich die Entwicklung der Vereinigung, ihre künstlerischen Ideen und die Bedeutung der Literatur, vertreten durch Bahr und Hevesi, nachvollziehen.

Eine gute Arbeitsgrundlage bietet Christian Nebehays Zusammenstellung über die Zeitschrift »Ver Sacrum«.5 Sie beinhaltet ein sehr hilfreiches Register sämtlicher in »Ver Sacrum« vorhandener Illustrationen und Abbildungen. Ferner gibt es im Anhang ein Verzeichnis sämtlicher Künstler, die in jenen Jahren im Secessionsgebäude ausgestellt haben. Dies erleichtert die Aufgabe, sich bei der Fülle des Materials einen ersten Eindruck und Überblick zu verschaffen, zumal vollständige Exemplare der Originalausgaben von »Ver Sacrum« nur in sehr wenigen Bibliotheken weltweit existieren. Für die vorliegende Hausarbeit war das Verzeichnis aller literarischen Beiträge, die in der Zeitschrift veröffentlich wurden, von großem Nutzen.

2 Hauptteil

2.1 Secession und Jugendstil

Seit Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich beinahe gleichzeitig Secessions- Bewegungen in verschiedenen europäischen Kunstzentren, besonders in Deutschland und Österreich. Secession (Sezession) bezeichnet in der Kunst die bewußte und programmatische Abspaltung von Künstlergruppen von herkömmlichen, meist offiziellen und akademischen Künstlervereinigungen. Ziel dieser neu entstandenen Gruppierungen war es, modernere Vorstellungen von Kunst umsetzen zu können. Aus der Undenkbarkeit, sich mit Altem, Traditionellem arrangieren zu wollen, bedurfte es einer klaren Abgrenzung. Nur ein radikaler Neubeginn konnte die entscheidende Veränderung bringen und die neu gewonnenen Erkenntnisse und Forderungen umsetzen. Die erste Secession in Deutschland wurde am 4. April 1892 in München durch Franz von Stuck, Wilhelm Trübner und Wilhelm Uhde gegründet. Viele der Mitglieder arbeiteten für die Zeitschriften »Jugend« und »Simplicissimus«. Von dieser Gruppierung spalteten sich im Laufe der Jahre wiederum andere Secessionen ab. Erwähnt seien die »Phalanx«, die 1901 unter der Leitung Wassily Kandinskys entstand, die »Neue Künstlervereinigung München« aus dem Jahre 1909 und die »Neue Sezession« von 1913, auf deren ersten Ausstellung vor allem Oskar Kokoschkas Bild »Die Windsbraut« (1914, Basel, Kunstmuseum) Aufsehen erregte.

In Berlin kam es anläßlich einer Evard-Munch-Ausstellung 1892 im »Verein Berliner Künstler« zu einem Skandal, infolge dessen die »Berliner Sezession« gebildet wurde. Bevorzugtes Publikationsorgan dieser Vereinigung war die Zeitschrift »Pan«. Wegen interner Zwistigkeiten spalteten sich von ihr 1906 die »Freie Sezession« und 1910 die »Neue Sezession« ab, der ein Teil der »Brücke«-Maler angehörte. Dieser 1905 in Dresden gegründeten expressionistischen Künstlergemeinschaft gehörten unter anderem die Maler Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Max Pechstein an. In Österreich konzentrierte sich das Kunstgeschehen auf Wien, wo 1897 eine Gruppe von Künstlern unter Leitung von Gustav Klimt die »Wiener Secession« gründete. Ihr Hauptanliegen war die Verbreitung von Jugendstilideen mittels ihrer Ausstellungen und Zeitschrift »Ver Sacrum«.

Diese um 1900 einsetzende Bewegung in der Bildenden Kunst und im Kunstgewerbe stützte sich auf die englische »Arts-and-Crafts-Bewegung«, die auf Erneuerung des Kunsthandwerks abzielte. In Abgrenzung zum vorherrschenden Historismus forderte man einen von Schnörkeln befreiten, von Linien und Flächen dominierten Ornamentstil. Dieser trägt je nach Land verschiedene Namen. Die französische Bezeichnung »Art Nouveau« nach der gleichnamigen Pariser Galerie des Hamburger Kunsthändlers Salomon Bing wurde international gebräuchlich. Im deutschen Sprachraum hat sich, seit 1887 zunächst zögernd, dann ab 1900 allgemein die Bezeichung »Jugendstil« eingebürgert.6 Der Begriff der 'Jugend' steht dabei für die positive Kraft des Neuen, welche in der Lage ist, Altes und Überkommenes zu ersetzen. Besonders Hermann Bahr hat diesen Begriff häufig benutzt. In seinem 1890 erschienenen Aufsatz »Die Alten und die Jungen« wird die überkommene Schriftstellergeneration mit den »Jungen der Literatur« konfrontiert.7

1893 folgte »Das junge Oesterreich«8, 1908 dann eine Essaysammlung mit dem programmatischen Titel »Buch der Jugend«.9 Ein der 'Jugend' verwandter und für die Kunst der Jahrhundertwende oft verwendeter Begriff ist der des 'Frühling'. Er inspirierte die Secessionisten 1898 bei der Namensgebung ihrer Zeitschrift »Ver Sacrum«, übersetzt heiliger Frühling. Bahr verwendet den Begriff des 'Frühling' bereits in den 1894 erschienenen »Studien zur Kritik der Moderne«. Er schreibt darin in stark romantisierender Weise:

"Es keimt überall wie ein Frühling einer neuen Romantik, und der Glaube an das Glück, der lange verstummt war, treibt junge Sprossen, von denen ein wunderlich Rauschen durch alle Herzen ist."10

Geprägt hatte den 'Jugend'-Begriff der deutsche Verleger Georg Hirth (1841-1916).11 1875 hatte er zusammen mit seinem Schwager die Buchdruckerei Knorr & Hirth in München gegründet und, mitgerissen »von der allgemeinen Begeisterung der deutschen Renaissance«, viele Publikationen veröffentlicht.12 Er war Herausgeber der Zeitschrift »Jugend«, die nach finanziellen Anfangsschwierigkeiten die erstaunliche Auflage von 30 000 Exemplaren im ersten Jahr, kurze Zeit später sogar von über 100 000 erreichte.

Dies mag vor allem an ihrem knapp kalkulierten Preis von 30 Pfennigen pro wöchentlich erscheinender Nummer gelegen haben.13 Die Umschläge der Hefte waren stets von Künstlern gestaltet und mit wechselnden Titelschriften versehen. Im Inneren gab es Farbdrucke nach Werken von Künstlern aus dem Münchener Künstlerkreis wie Julius Diez (1870-1957), Otto Eckmann (1865-1902) und Fritz Erler (1868-1940).

Nach Ansicht Hofstätters14 ist die Zeitschrift »Jugend« Vorbild für das secessionistische »Ver Sacrum« gewesen. Angesichts der abweichenden Qualität der verwendeten Bilder, die auf ein breites Publikum hin ausgerichtet war, und des wenig modernen Stils der »Jugend« halte ich dies für wenig wahrscheinlich. Viel schlüssiger scheint mir die Vorbildfunktion der Zeitschrift »Pan« für »Ver Sacrum « zu sein.15 Diese Zeitschrift erschien vierteljährlich in den Jahren 1895 bis 1900 für einen kleinen Kreis von maximal 700 Kunstkennern und Kunstfreunden. Die Idee ging von einem Stammtisch der Berliner Bohême aus, an dem sich unter anderem August Strindberg (1849-1912), Evard Munch (1863-1944), Julius Meier-Graefe (1867-1935) und Otto Julius Bierbaum (1865-1910) beteiligten.16 Ziel war die »allseitige Pflege der Kunst im Sinne einer organischen Kunstauffassung, die das [!] gesamte Bereich des künstlerischen Schönen umfaßt und ein wirkliches Kunstleben nur im starken Nebeneinander aller Künstler sieht«.17 Die Umschläge der einzelnen Jahrgänge zeigten einen von Franz Stuck (1863-1928) entworfenen Pan-Kopf, der in jeweils verschiedenen Farben gedruckt wurde.18 Es gab drei Ausgaben der Zeitschrift: Eine normale, eine luxuriöse und eine künstlerische, letztere in einer Auflage von 30 Exemplaren. Mit dem 5. Jahrgang wurde der »Pan« eingestellt.

2.2 Anfänge der »Wiener Secession«

Während der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts dominierte die »Genossenschaft bildender Künstler Wiens« unter ihrem Präsidenten Eugen Felix das dortige Kunstgeschehen. 1861 gegründet, eröffnete sie mit dem »Künstlerhaus« sieben Jahre später ihr eigenes Ausstellungsgebäude. Wer in dieser Genossenschaft die Leitung innehatte, bestimmte das Kulturprogramm. Die Mehrheit bildeten in den Versammlungen nicht die künstlerisch orientierten Mitglieder, sondern solche, die am Verkauf und Markt orientiert waren. So dominierte eine konservative Grundeinstellung.19 Werke von Künstlern, die dem Vorstand allzu modern erschienen, plazierte man in den Ausstellungen der Genossenschaft gezielt unvorteilhaft. Andere Kunstströmungen außerhalb Österreichs wurden dem Publikum bewußt vorenthalten. Künstler, die nach Auslandsreisen ihre dort gesammelten Eindrücke in ihre Werke miteinfließen lassen wollten, wurden abgelehnt. Theodor von Hörmann beispielsweise bekam dies nach einigen Jahren Aufenthalt in Frankreich deutlich zu spüren.20 Diese Programmpolitik führte bei vielen jungen, progressiven Künstlern zu wachsender Unzufriedenheit. Im Dezember 1896 erschien ein anonym veröffentlichter Artikel in der »Neuen Freien Presse«, der "von einem Maler" unterzeichnet und mit dem ironischen Titel "Geselliges aus dem Künstlerhause" versehen war. "Seit Jahrzehnten" herrsche im Künstlerhaus ein "gemüthliches Hindämmern" und "völliges Verkennen des Zeitgeistes" einerseits und ein "egoistisches Ausnützen der Situation" andererseits; diese "Schläfrigkeit" habe sich auch dem Publikum mitgeteilt, was letztlich zum Schaden der Kunst und aller Künstler ausschlagen werde.21 Der Artikel endet mit einem offenen Aufruf zur Spaltung:

[...]


1 Toman, Rolf (Hrsg.): Wien. Kunst und Architektur. Köln 1999, S. 359

2 Kleinschmidt, Bernhard: Die »gemeinsame Sendung«. Kunstpublizistik der Wiener Jahrhundertwende. In: Münchener Studien zur literarischen Kultur in Deutschland. Hrsg. von Renate von Heydebrand, Georg Jäger u. Jürgen Scharfschwerdt. Bd. 8. Frankfurt a. M. / Bern / New York / Paris 1989

3 Bahr, Hermann: Secession. Wien 1900, S. 6-10

4 Hevesi, Ludwig: Acht Jahre Secession. Wien 1906; er veröffentlichte seine Kritiken vor allem im »Wiener Fremdenblatt« und im »Pester Lloyd«

5 Nebehay, Christian M.: Ver Sacrum. 1898 - 1903. München 1979; vom Autor für die Taschenbuchausgabe im Bildteil gekürzte Fasssung

6 Nebehay, S. 9

7 Bahr, Hermann: Die Alten und die Jungen. In: Wunberg (Hrsg.), Das Junge Wien, S. 53 (zuerst in: Moderne Dichtung, 1890)

8 Bahr, Hermann: Das junge Oesterreich.In: Wunberg(Hrsg.), Das Junge Wien, S. 64 (zuerst in: Deutsche Zeitung, 1893)

9 Kleinschmidt, S. 46

10 Bahr, Hermann: Studien zur Kritik der Moderne. Frankfurt a. M. 1894, S. 7

11Koreska-Hartmann,Linda: Jugendstil. Stil der ›Jugend‹. München 1969, S. 26

12 Ebd., S. 20 ff.

13 Nebehay, S. 9

14 Hofstätter, Hans Helmut: Jugendstil, Druckkunst. Baden-Baden 1973, S. 125

15 Vgl. dazu: Thamer, Jutta: Zwischen Historismus und Jugendstil. Zur Ausstattung der Zeitschrift "Pan" 1895-1900). Diss., Frankfurt a. M. u.a. 1980

16 Nebehay, S. 13

17 zitiert nach Nebehay, S. 13, vgl. Pan, 1. Jahrgang, Heft 1

18 Nebehay, S. 15

19 Waissenberger, Robert: Die Wiener Moderne. Wien / München 1971, S. 25

20 Toman, S. 358

21 zitiert nach Kleinschmidt, S. 56 f. , vgl. Neue Freie Presse, Nr. 11600, 8. Dez. 1896, S.6

Details

Seiten
24
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638269636
ISBN (Buch)
9783638648172
Dateigröße
668 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23971
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien
Note
1
Schlagworte
Bildende Kunst Wiener Moderne Secession Organ Zeitschrift Sacrum

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