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Momente des Plötzlichen - Untersuchung des Phänomens Plötzlichkeit in ausgewählten Werken Heinrich von Kleists

Diplomarbeit 2004 51 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II.1 Zwischen Klassik und Romantik
II.2 Überlegungen zur Modernität
II.2.1 Einbruch der Plötzlichkeit in das Bewusstsein der Menschen

III.1 Die Spontaneität in Ü ber die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden
III.2 Das plötzliche Einbrechen einer Naturgewalt in dem Werk Das Erdbeben in Chili
III.3 „Die gebrechliche Einrichtung der Welt“ in der Novelle Die Marquise von O

IV. Zusammenfassung

Siglenverzeichnis zu den Werken Heinrich von Kleists

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Wahrheit ist, daß ich das, was ich mir vorstelle, schön finde, nicht das, was ich leiste. Wäre ich zu etwas anderem brauchbar, so würde ich es von Herzen gern ergreifen: ich dichte bloß, weil ich es nicht lassen kann. (BR 355)1

Obwohl Heinrich von Kleist sich selber in diesem Zitat sehr kritisch beurteilt, ist er seit gut hundert Jahren aus der deutschen Literatur nicht wegzudenken. Er war einer der bedeutendsten Dichterpersönlichkeiten seiner Zeit. Teils wegen der Themen seiner Dichtung und nicht zuletzt wegen seiner einzigartigen Sprache. Die zentralen Fragen seiner Werke sind der plötzlicher Einbruch des Unerwarteten und die Unerklärlichkeit der Welt. Diese Probleme deren Ursachen teils der Französischen Revolution 1789 und der sogenannten Kant-Krise zuzurechnen sind, begleiteten Kleist durch sein Leben. Die Revolution verursachte einen Bruch in der Zeitwahrnehmung des Menschhen, der die plötzliche und elementare Veränderung der Dinge als Folge hatte. Durch den Einbruch der Plötzlichkeit formte sich die Wahrnehmung der Menschen, indem sie die rationale Urteilskraft der Ereignisse verloren. Nach dem Kleist mit der Philosophie Kants Bekanntschaft machte, formulierte er sich die Frage, welche Möglichkeiten der Erkenntnis zugänglich sind, oder ob es überhaupt einen Weg dazu existiert.

Im Folgenden möchte ich das Phänomen Plötzlichkeit in ausgewählten Novellen von Kleist untersuchen. Wie wir sehen werden beeinflusst in den Erzählungen Kleists die aus den Fugen geratene Welt das Erkenntnisvermögen der Protagonisten und bietet unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten. Ein weiteres Phänomen in Kleists Dichtung ist die Spontaneität, der in Kleists poetologischen Werken neben der Plötzlichkeit und anderen Themen thematisiert wird.

Bevor ich ausführlicher die Werke Kleists unter die Lupe nehme, möchte ich die Zeit um 1800 in der Kleist lebte vorstellen. Um diese zu verstehen, muss man darüber im Klaren sein, welche literarische Richtungen und Ideen ihn beeinflusst haben, welche Umstände dazu geführt haben, dass er sich mit den vorhin erwähnten Problemen beschäftigt hat und wieso er u.a. die Novelle als Form seiner Dichtungen gewählt hat.

An dieser Stelle soll erwähnt werden, dass Kleists Dramen genauso berühmt wurden wie seine Erzählungen. Er ist auch als der größte preußische Dramatiker der deutschen Literatur bekannt. Obwohl seine Dramen während seines Lebens keinen Erfolg hatten, werden seine Werke heute als ein großer Beitrag zur deutschen Literatur betrachtet. Ein Leitmotiv seiner Werke stellt den Konflikt zwischen geltendem Recht und dem persönlichen Rechtsempfinden und moralischen Anspruch der handelnden Individuen dar. Zu seinen großen Werken zählen u.a. die Dramen Penthesilea, Prinz von Homburg, Käthchen von Heilbronn, und das Lustspiel Der zerbrochne Krug.

II.1 Zwischen Klassik und Romantik

Systematisch ist jedoch die Frage nach der Position Kleists im Spannungsfeld von Klassizismus und Romantik bisher noch nicht erörtert worden. (…) Er geht von der Überlegung aus, dass in Kleists Werk die ästhetischen Modelle seiner Zeit (die zugleich die gesellschaftlich drängenden Fragen um 1800 mitreflektieren) sich kreuzen, teilweise überlagern oder vermischen, dass sie in seinen Texten skeptisch erprobt und aber auch verworfen werden.2

In der Zeit, die Gegenstand der Betrachtung ist, bildete sich teils parallel zur Klassik eine neue literarische Strömung, die Romantik heraus. Sie entwickelte sich in der kleinen Universitätsstadt Jena gegen das Ende des 18. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit gab es einige hervorragende Dichter, die man keiner dieser beiden Geistesrichtungen zuweisen kann. Einer der bedeutendsten von denen war Heinrich von Kleist.

(…) Sie [die Forscher] wiesen jedoch drei große und einsame, je in ihrer Art einander ebenbürtige Geister ab, denen Weimar als Forderung und Gegensatz zum Schicksal wurde: Jean Paul, Hölderlin, Heinrich von Kleist. Sie mußten ihren eigenen Weg gehen, eine eigene Welterfahrung in einem bis an letzte Abgründe führenden Ringen und Suchen gestalten. Jean Paul, Hölderlin und Kleist konnten sich nicht dem klassischen Maß beugen und in der klassischen Harmonie Genüge finden; (…) Goethes und Schillers Klassik wurde für sie zu einer Entscheidung, die sie schmerzlich durchlitten und über die sie hinauswachsen mussten. Sie stehen der Romantik nahe und lösen sich zugleich von ihr, weil in die ganze Existenz umfassende Ernst und ihre Größe sie zu der Einsamkeit des eigenen geistigen Schicksals zurückwies. Sie hatten an dem Klassischen und an dem Romantischen teil, ohne darin aufzugehen; ja sie widerlegten die Schöpfungen der Klassik und der Romantik, indem sie dem eigenen Genius gehorchten.3

Es ist deutlich, dass in Kleists Werken klassizistische und romantische Sichtweisen bzw. Anspielungen vorkommen. Dabei wird weder einer klassizistischen noch einer romantischen Poetik der Vorrang gegeben, sondern aus der Vermischung der beiden entsteht im Werk Kleists eine neue, eigenwillige Poetik.

Andere literargeschichtliche Werke haben auch Schwierigkeiten damit, Kleist eindeutig in einer der beiden Kategorien, in die Romantik oder in die Klassik einzuordnen. Man könnte sagen, dass er dort als Romantiker anzusehen ist, wo er den eigenen quälenden Stimmungen nachgibt. Was ihn aber den Klassikern an die Seite stellt, ist die ernste und strenge Auffassung des Lebens und des Dichterberufs, die eindringliche Charakteristik, der fest geschlossene Aufbau der Handlung seiner Werke. Die meisten literaturgeschichtlichen Werke sind in dem Punkt gleicher Meinung, dass es keine eindeutige Klassifikation geben kann, bezüglich Kleists literarisches Schaffen.4

Die Literaturwissenschaft kam zu der Einsicht, dass die beiden Kunstrichtungen einen gemeinsamen Hintergrund haben, dass sie nicht nur Unterschiede, sondern auch Analogien aufweisen. Beide existieren in der Zeit einer enormen Modernisierung, die sich in dieser Zeit in allen gesellschaftlichen Bereichen vollzieht und nicht zuletzt zu tiefen Verunsicherung führt, bzw. das Bedürfnis nach Orientierung und Stabilisierung hervorruft. Beide Systeme sind Erscheinungsformen der beginnenden Moderne.5

Dabei entstehen zugleich diskursive Spannungen und wechselseitige Ausschließungen, z.B. eine Polarisierung zwischen klassischen Formen der Begrenzung und romantischen Strategien der Entgrenzung, zwischen harmonischen Formgesetz und unendlicher Phantasie, zwischen den Prinzipien der Ruhe und der Bewegung, zwischen dem klassischen Humanitätsideal der ‚schönen Seele’ und der unergründlichen Vielfalt der Psyche in der Romantik.6

Die Zugehörigkeit zu der Epoche soll hier nicht entschieden werden, es muss dennoch darauf hingewiesen werden, dass die Probleme der Spontaneität und der Plötzlichkeit, die im Focus der vorliegenden Untersuchung stehen, eher romantische Züge sind.

II.2 Überlegungen zur Modernität

Die Dichtung Kleists kann als modern beschrieben werden, wofür sein eigener Stil, die Form seiner Werke, seine Themenwahl und seine sprachliche Leistungen als Beweis stehen. In den nächsten Kapiteln möchte ich erörtern, was „Modernität“ und das Wort „modern“ bedeuten. Das Adjektiv „modern“ wurde schon viel früher benutzt als das daraus abgeleitete Substantiv „Moderne“. Etymologisch kommt sie aus dem Lateinischen „modo“ und bedeutet „eben jetzt, eben erst“. In der Literaturwissenschaft versuchen viele dieses Phänomen zu definieren. In dem Aufsatz von Dirk Kemper finden wir zwei unterschiedliche Erklärungen für den Begriff ‚Moderne’. Es heißt hier nämlich, dass der Begriff ‚Moderne’ in der deutschen Literatur- und Kulturwissenschaft in zwei verschiedenen Verwendungsweisen gebraucht wird, deren unterschiedliche Bedeutungen nicht zu verwechseln sind. ‚Moderne’ wird einerseits als Mikroepoche, anderseits als Makroepoche definiert.7

a) Mit der älteren Verwendungsweise von ‚Moderne’ wird eine abgeschlossene literargeschichtliche Epoche um 1900 bezeichnet; wir sprechen in diesem Zusammenhang von der „Mikroepoche“ der Moderne.

b) Davon grundsätzlich zu unterscheiden ist die seit gut 20 Jahren etablierte, neuere Verwendungsweise von ‚Moderne’, die einen Langzeitzusammenhang beschreibt, der die eigene Gegenwart noch einschließt und historisch dort beginnt, wo Grundprobleme und Strukturen des eigenen Gegenwartsbewusstseins entstehungsgeschichtlich ihre Wurzeln haben. In dieser Verwendungsweise meint ‚Moderne’ einen Langzeitzusammenhang, den wir als „Makroepoche“ bezeichnen, die ungefähr den Zeitraum von 1750/70 bis heute umfasst.8

Wie uns das Zitat zeigt, versucht Kemper die Moderne in eine Art epochale Aufteilung einzuordnen.9

Anders formuliert Hans Robert Jauß in seiner Abhandlung über die Modernität die Problematik der Definition des Begriffs ‚modern’. Die Bedeutung dieses Begriffs zeigt auch auf etwas Neues hin, aber in einem anderen Kontext. Nach Jauß war Modernität immer eine wiederkehrende literarische Konstante seit der Absetzung der Antike, die nicht ohne Schwierigkeiten zu definieren ist. Die Menschen formulierten mit ‚modern’ einen Gegensatz der alten Ideen, Gedanken zu den aktuellen Richtlinien. „ Modern bezeichnet hier die Grenze zwischen den Heutigen und Gestrigen, begreifen, ohne dabei mit relationalen Definitionen im Rückgriff aus einer anderen Epoche arbeiten müssen. (…) Die Umsetzung dieser Möglichkeit bildet die dritte Phase in der Geschichte des Begriffs ‚Moderne’. Deren Beginn lässt sich an der Jahrhundertwende um 1800 festmachen, die sich unter mehreren Aspekten als einschneidende Zäsur in der Begriffs- und Ideengeschichte des Modernen erweist.“

Kemper, D.: 2003 dem jeweils Neuen und dem Alten.“10 Während der Geschichte der Menschen gibt es etliche Beispiele dafür, wie aus etwas Neuem „plötzlich“ das Alte wird. Es wurde auch darüber diskutiert, ob etwas Neues besser ist als das Alte. Die sogenannte „ Querelle des anciens ent des modernes “ (1697), eine Auseinandersetzung zweier Parteien an der Französischen Akademie, war eine Diskussion über die Frage, ob die Antike als das absolute und erstrebenswerte Maß angesehen werden kann oder nicht. Die Alten vertraten die Ansicht, dass die Antike bedeutende Ergebnisse gebracht hat, und dass ihre Kultur dermaßen entwickelt war, dass man es immer anstreben sollte, diese Höchstleistungen zu erreichen. Die Modernen stritten die Errungenschaften der Antike jedoch nicht ab, aber sie behaupteten, dass jede Epoche etwas Neues mit sich bringt, woraus man lernen kann. Eine neue Epoche vereinigt in sich also all das Wissen der anderen. Dieses „ Querelle “ hat schließlich die Partei der Modernen gewonnen.11

In der Forschung gilt Kleist unbestritten als einer der innovativsten Erzähler der deutschen Literatur. In seinen Werken wie Michael Kohlhaas (1810), Die Marquise von O..., Das Erdbeben in Chili (1807) vertritt er seine Ansichten, wie kein anderer Schriftsteller seiner Zeit gegen einer automatisierten und gattungskonformen Redeweise. Sein Stil ist durch Paradoxien, Doppeldeutigkeiten und Ironie charakterisiert. Die komplexe Syntax erreicht öfters die Grenze des Verstehbaren. Durch den Kontrast zwischen nüchterner Berichtssprache und der starken Synchronisierung, Zeitraffung und die Dynamisierung des Geschehens wird eine Bildhaftigkeit der Darstellung erreicht, wie sie erst in der Literatur der Moderne wieder erreicht wird.12

II.2.2 Einbruch der Plötzlichkeit in das Bewusstsein der Menschen

Wie die Geschichte uns zeigt, ist es nichts Ungewöhnliches, dass etwas Gegebenes durch etwas Neues abgelöst wird. Nur die Tatsache war dem Menschen fremd, dass sich die Ereignisse in ihrer Umgebung enorm an Schnelligkeit zugenommen haben. Ein wichtiges Datum ist 1789, die Jahreszahl der Französischen Revolution. In den fürchterlichen Jahren des Terrors haben die Menschen sozusagen den Boden unter den Füßen verloren. Nicht nur die Zukunft war unsicher, sondern sogar die Gegenwart. Bei diesem Begriff, also der Gegenwart, ist es interessant, dass sie bis zur Französischen Revolution eine andere Bedeutung gehabt hat.

In der Geschichte der Menschheit spielte die Zeitlichkeit immer eine wichtige Rolle. Die Entdeckung der Gegenwart bedeutete einen großen Schritt. Vor der Französischen Revolution war „Gegenwart“ kein Zeitbegriff, sondern eine räumliche Kategorie. Nach Ingrid Oesterle hat die Gegenwart: „ (…) räumlich-visuelle Bezüge zu Orten und Personen als Anwesenheit (praesentia)“13, sie bedeutet ein „physisch und psychisch gefasstes räumliches Befinden“14. In dem 18. Jahrhundert bildete sich die Auffassung von einer „genuin geschichtlichen Zeit“, einer „fortschreitenden Zeit“, einer „bewegten Zeit“ aus. Jean Paul benutzte dafür den Begriff „Jetztzeit“15. Es scheint,

(…) als sei die zeitliche Bewusstseinskategorie ‚Gegenwart’ erst ein späteres Resultat des Reflexivwerdens der historischen Zeit einerseits und der in Bewegung geratenen und zum Bewegungsbegriff veränderten Geschichte anderseits.16

Die Gegenwart war noch keine zeitliche Bewusstseinskategorie. Erst mit der Französischen Revolution wurden Veränderungen ausgelöst, sie bedeuteten einen Bruch in der Wahrnehmung der Zeit. Die Geschehnisse änderten sich von Tag zu Tag grundlegend, man wusste nicht, was auf einen am nächsten Tag zukommt. Die gewohnten Werte, schönen Ideale verschwanden und alles veränderte sich, entwickelte sich zum Terror. Man stand in einem leeren Raum und hatte keinen Anhaltspunkt. Die Dinge, die früher so offensichtlich erschienen, darauf konnte man sich nicht mehr verlassen. Erfahrungsverlust, Schnelligkeit und „Konsistenzlosigkeit“17 prägten das geschichtliche Zeitverständnis. Die Gegenwart löste sich von ihrer Herkunft, der Vergangenheit und bildete eine Öffnung zur Zukunft. Sie wurde zur Zeit- und Bewusstseinskategorie. Die Gegenwart konnte nicht mehr aus der Vergangenheit erschlossen werden, sie war kein „Dauer verbürgendes Kontinuum“18 mehr.

Es gibt einen wichtigen Zwiespalt im Bezug auf den Inhalt der Gegenwart. Die Vergangenheit beinhaltet die vergangene Zeit, unsere Erinnerungen, und in der Zukunft verbergen sich die Erwartungen, die Möglichkeiten. Die Gegenwart bedeutet die anwesende Zeit, was sie aber nicht halten kann.19 Sie verspricht ein „Bei-Sich-Sein der Zeit“20, so ruft sie „das Ungleichzeitige, Inkonsistente, die Brüchigkeit der Zeit, die Plötzlichkeit ins Bewusstsein.“21 In der Zeit der Französischen Revolution verschwand das allgemeine Sicherheitsgefühl der Menschen, man konnte sich überhaupt nicht darauf vorbereiten, was in den nächsten Tagen passieren wird. Statt Ordnung und Einheit gab es nur Chaos und Regellosigkeit. Die Linearität, die Kausalität der Zeit wurde von Plötzlichkeit und Augenblicklichkeit aufgehoben. Das Leben schien nicht mehr ein zusammenhängendes Kontinuum zu sein, sondern ein fragmenthaftes Dasein.22 Mit der Französischen Revolution und dem Einbruch der Gegenwart in das Bewusstsein der Menschen, als deren Ergebnis, wurde die Zeitwahrnehmung in der Geschichte verändert. Diese Ereignisse führten auch dazu, dass Heinrich von Kleist das Phänomen der Plötzlichkeit in seinem Werken thematisiert hat. In seinen Erzählungen erleben die Protagonisten tiefgehende Veränderungen, die ihnen bisher vertraute Welt bricht zusammen. Ihr Leben verläuft nicht mehr in der gewohnten Bahn, sondern unerwartete Geschehnisse wühlen es auf, so dass sie kaum Boden unter ihren Füssen fassen können. Als bestes Beispiel ist Das Erdbeben in Chili, in dem Jeronimo und Josephe während des Erdbebens von stürzenden Gebäuden hin- und hergejagt werden. Nachdem sich die Erde schon beruhigt hat, setzt sich der Kampf um ihr Leben in der Kirche weiter fort. Nicht nur in diesem Fall, sondern in der Novelle Die Marquise von O … ändert sich das Leben der Frau grundlegend, und solange sie keine Erklärung von dem Mann, von dem Vater ihres erwarteten Kindes, für ihre rätselhafte Schwangerschaft bekommt, findet sie keine Ruhe. Sie ist, während der Schwangerschaft dem ständigen Auftauchen des Grafen, und den schockierenden und erschütternden Ereignissen ausgesetzt. Dennoch spielte nicht nur die Französische Revolution eine bedeutende Rolle in Kleists Schaffen, sonder auch seine Begegnung mit der Kantischen Philosophie trug dazu bei, wie sich sein Weltbild verändert hat. Kleist war ein überzeugter Anhänger der deutschen Aufklärung, der Vernunftphilosophie. Nach dieser Theorie soll die Vernunft in der Lage sein, die Wahrheiten in der Welt zu erkennen. In einem Brief an seine Schwester Wilhelmine lesen wir, wie er die Begegnung mit der damals neuesten Kantischen Philosophie erlebte. Der Wendepunkt in Kleists Denken wird damit in Zusammenhang gebracht, worüber er in seinem viel zitierten Brief vom 22. März 1801 schreibt.

Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün-und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht, etwas zu ihnen hinzuthut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr- und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das und auch in das Grab folgt, ist vergeblich. (BR 200)

Diese bekannte Stelle mit der Metapher von den „grünen Gläsern“ bezieht sich auf Kants Kritiken. Nach Kant ist die Erfahrung, die Erscheinung der einzige Gegenstand menschlicher Erkenntnis. Es gibt keine Erkenntnis des Ding-an-sich. Es ist Gegenstand einer nicht sinnlichen Anschauung. Kant weist auf die Begrenztheit der menschlichen Erkenntnis hin. Eben diese Entdeckung hat Kleist in dem Brief an seinen Verlobten erklärt. „Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es nur so scheint.“ (BR 200) Diese Einsicht hat Kleist vermutlich am meisten getroffen und hat sein bisheriges Weltbild in Frage gestellt. Der Schein, die Als-ob-Welt und die Frage dennoch, was dahinter steckt ist ein zentrales Problem in den untersuchten Novellen.

Kant wendet sich in seiner Kritiken sowohl gegen den Rationalismus als auch gegen den Empirismus. Für die Empiristen ist die Metaphysik unmöglich, da die Erfahrung für das Übersinnliche keine Grundlage bietet.23 Die Kantische Philosophie erschüttert Kleist zutiefst und der einzige Gedanke, der ihm seither „unaufhörlich, mit glühender Angst“ umtreibt, ist die Erkenntnis, „daß hienieden keine Wahrheit zu finden ist“, „daß wir hienieden von der Wahrheit nichts, gar nichts wissen […]“ (BR 202). Wahrheit, Bildung, Streben nach Vollkommenheit, nach Unsterblichkeit, das Wissen um den Endzweck, alle diese Grundannahme Kleists hatte Kant in Frage gestellt: „Mein einziges und höchstes Ziel ist gesunken, ich habe keines mehr.“ (BR 202)

Nach Kant kann die Vernunft, das menschliche Erkenntnisvermögen nicht entscheiden, was die absolute Wahrheit ist, denn der menschlichen Vernunft sind Grenzen der Erkenntnis gesetzt. Für Kleist gab es bis dahin einen göttlichen Endzweck, eine Verbindung zwischen Physik und Metaphysik, zwischen Naturerkenntnis und Gotteserkenntnis.24 Über die Wahrheit schlechthin, über die absolute Wahrheit, über den Endzweck lässt sich nach Kant nichts sagen. Mit Sicherheit zu wissen, was wahr ist, mit Sicherheit zu wissen, was Gott ist, mit Sicherheit, seiner und der eigenen Vollkommenheit näher zu kommen, all das stellt Kant in Frage und Kleist sieht erschüttert ein: „Selbst die Säule, an welcher ich mich sonst in dem Strudel des Lebens hielt, wankt - Ich meine, die Liebe zu den Wissenschaften.“ (BR 194) Nicht nur das Vertrauen Kleists in die Wissenschaften geriet ins Wanken sondern sein Vertrauen in Gott wurde auch in Frage gestellt. Durch die In-Frage-Stellung der Wahrheit und des wissenschaftlichen Erkenntnisses bebt auch unter Kleists Füßen die Erde. Die Pfeiler seines bisherigen Weltverständnisses stürzen wie eine Kartenburg zusammen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sowohl die Französische Revolution, mit dem Einbruch der Plötzlichkeit, als auch die Philosophie Kants die Dichtung Heinrich von Kleists weitgehend beeinflusst haben. Nachdem der literaturgeschichtliche und geistesgeschichtliche Hintergrund erörtert wurde, setze ich den Schwerpunkt meiner Untersuchungen auf das Phänomen Plötzlichkeit und seine Wirkung in den zu untersuchenden Werken.

[...]


1 Im Folgenden wird aus Werke und Briefe. Briefe unter der Sigle BR und Seitenzahl in Klammern im fortlaufenden Text zitiert.

2 Lubkoll, Ch. / Oesterle, G. / Waldow, S.: 2001: 9.p.

3 Martini, F.: 1991: 58.p.

4 Die Literaturforschung ist sich in dem Punkt nicht einig, zu welcher literarischen Epoche Kleist gehört. Trotzdem gibt es Forscher, die diese schwierige Frage zu lösen versuchen. „Der Versuch, den Erzähler K. [Kleist] der Romantik zuzurechnen, ist ebenso umstritten wie das Bemühen zu Beginn des 20 Jh.s., den Dramatiker K. zum ‚dritten’ Klassiker zu erheben. K. bewegte sich zwar in Kreisen der Berliner Romantik. Deren ästhetischen und gesellschaftspolitischen Reflexionen stand er jedoch eher kritisch gegenüber, (…). K.s Erzählungen sind aus heutiger Sicht innovative Leistungen. In ihnen wird die romantische Identitätsproblematik ästhetisch und thematisch so weit radikalisiert, dass die ersehnte Versöhnung mit der Natur, der Geschichte oder der Kunst versagt bleibt. Am deutlichsten zeigt sich K.s Originalität in der Sprache. Wie kein anderer Schriftsteller seiner Zeit verhielt er sich subversiv gegenüber einer automatisierten und gattungskonformen Redeweise. Sachlichkeit wird durch Paradoxien, Doppeldeutigkeit und Ironie unterlaufen. Diese Stilmittel werden wiederum von einer Syntax getragen, die die Grenzen des Verstehbaren erreicht. Durch den Kontrast wird eine Synchronisierung, Zeitraffung, Dynamisierung des Geschehens und eine Plastizität des Dargestellten erreicht, wie sie erst in der Literatur des 20 Jh.s. wieder gelingen sollte. Die Stellung K.s außerhalb der Literaturströmungen seiner Zeit ließ seinem Wer den Zeitgenossen weitgehend verschlossen bleiben. Harenbergers Lexikon der Weltliteratur: 1989: 102.p.

5 Die Einteilung Kleists in einer der beiden Epochen, Klassik oder Romantik, ist problematisch, weil es oft Überschneidungen zwischen den Merkmalen der Epochen geben. Einige der gemeinsamen Charakteristika werden in den Folgenden aufgezählt. „Neben den Traditionsbezug treten aber auch gemeinsame Perspektiven der Emanzipation bzw. der Innovation (z.B. das Autonomiedenken, verbunden mit dem idealistischen Subjektkonzept; die Reflexion über den Naturbegriff, die Entwicklung des ästhetischen Bewusstseins im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Modellen; die Nationalidee; aber auch die Erprobung neuer Lebensstile und Kommunikationsformen, die bis hinein in die Alltagskultur wirken) auf.“ Lubkoll, Ch. / Oesterle, G. / Waldow, S.: 2001: 10.p.

6 Ebd.

7 An einer anderen Stelle schreibt er über eine andere, dreifache Aufteilung, wo die ‚Moderne’ durch den Bezugspunkt Gegenwart in 3 Kategorien eingeteilt wird. Dirk Kemper nennt sie die Drei-Phasen-Theorie. „In dem hier vorgeschlagenen Drei-Phasen-Modell der Begriffsgeschichte der Moderne lässt sich also die Aufklärung als die zweite Stufe beschreiben: Während ‚modernus’ und ‚moderni’ in der ersten Phase von der Spätantike bis zur Renaissance strikt rational auf ‚antiquus’ beziehungsweise ‚antiqui’ bezogen blieben, das Moderne immer als Differenzqualität zu etwas Vorgängigem verstanden wurde, werden in der zweiten Phase der Begriffsgeschichte, in der Aufklärung, Möglichkeiten vorbereitet, Moderne gleichsam autonom, aus ihrer Eigenqualität heraus zu

8 Ebd.

9 Es gibt in der Literaturwissenschaft noch weitere Annäherungen zu diesem Begriff. Wir können eine „Pluralität von Modernen“ feststellen. Die deutsche Literaturgeschichte kennt eine Moderne in Berlin oder aus einem anderen Betrachtpunkt spricht man auch über einer Wiener oder Prager Moderne. Die Moderne wird primär jedoch nicht als Epochenbegriff verwendet, sondern als Stil-und Programmbegriff. Vgl.: ebd.

10 Jauß, H. R.: 1970: 14 .p., Hervorhebung im Original

11 Vgl.: ebd. 11.pp.

12 Vgl.: http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/kleist.htm

13 Oesterle, I.: 1995: 152.p.

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Ebd: 153.p.

17 Vgl.: ebd. 156.p.

18 Vgl.: ebd.

19 Vgl.: ebd

20 Ebd.

21 Ebd.: 157.p.

22 Vgl.: ebd. 156.p.

23 Vgl.: http://germanistik.rwth-aachen.de/kleist/Seminar/referate/KleistundKant.html

24 Vgl.: ebd.

Details

Seiten
51
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638268721
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23842
Institution / Hochschule
Pécsi Tudományegyetem
Note
sehr gut
Schlagworte
Momente Plötzlichen Untersuchung Phänomens Plötzlichkeit Werken Heinrich Kleists

Autor

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Titel: Momente des Plötzlichen - Untersuchung des Phänomens Plötzlichkeit in ausgewählten Werken Heinrich von Kleists