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Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen - Was die Schule tun kann

von Géraldine Haller (Autor) Michele Corbi (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 44 Seiten

Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur begrifflichen Bestimmung des Gegenstandes
2.1 Der Aggressionsbegriff
2.2 Der Gewaltbegriff

3 Diagnostik und Entwicklungsverlauf
3.1 Diagnostische Klassifizierung aggressiven Verhaltens
3.2 Entwicklung aggressiven Verhaltens

4 Ausdrucksformen von Aggression und Gewalt
4.1 Aggressionsarten
4.2 Formen menschlicher Aggression
4.3 Äußerlich-formale Einteilung
4.4 Inhaltlich-motivationale Einteilung

5 Klassische psychologische Erklärungsansätze für Aggression und Gewalt
5.1 Die Triebtheorien
5.1.1 Die dualistische Triebtheorie nach Sigmund Freud
5.1.2 Jüngere Triebkonzepte
5.1.3 Die ethologische Triebtheorie
5.2 Die Frustrations-Aggressions-Hypothese nach Dollard et al
5.3 Das lerntheoretische Modell: Aggression als gelerntes Verhalten
5.3.1 Lernen am Modell
5.3.2 Lernen am Erfolg bzw. Misserfolg
5.3.3 Kognitives Lernen

6 Bedingungen von Gewalt und Aggression
6.1 Außerschulische Einflussfaktoren auf das Gewaltniveau
6.2 Innerschulische Einflussfaktoren auf das Gewaltniveau

7 Gewalt an Schulen

8 Präventions- und Interventionsmöglichkeiten der Schule
8.1 Verminderung aggressiven Verhaltens nach Nolting
8.1.1 ‚Aggressionen abreagieren’ –geht das?
8.1.2 Die Anreger verändern
8.1.3 Die Anreger anders bewerten
8.1.4 Aggressionshemmungen fördern
8.1.5 Alternatives Verhalten lernen
8.2 Der Präventionsrat
8.3 Das Interventionsprogramm ‚Was wir gegen Gewalt tun können‘ nach Olweus
8.3.1 Maßnahmen auf der Schulebene
8.3.2 Maßnahmen auf der Klassenebene
8.3.3 Maßnahmen auf der persönlichen Ebene
8.4 Mediation oder Streitschlichtung
8.4.1 Was ist Mediation und wie funktioniert sie?
8.4.2 Bedingungen des Mediationsverfahrens
8.4.3 Schritte des Mediationsverfahrens
8.4.3.1 Vorphase
8.4.3.2 Das Mediationsgespräch
8.4.3.3 Umsetzungsphase
8.4.4 Die Rolle des Mediators
8.4.5 Grundlegende Methoden der Mediation
8.5 Weitere Präventions- und Interventionsmodelle/-konzepte
8.6 Zusammenfassung der Vorschläge zur Gewaltprävention und –intervention

9 Persönliche Stellungnahme /Schlussbetrachtung

10 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

„Zwei Jahre lang war Johnny, ein stiller 13jähriger, für einige seiner Klassenkameraden ein menschliches Spielzeug. Die Teenager setzten Johnny zu, um an sein Geld zu kommen, sie zwangen ihn, Unkraut zu schlucken und Milch, die mit Waschmittel vermengt war, zu trinken. Sie verprügelten ihn in den Toiletten und legten ihm einen Strick um den Hals, mit dem sie ihn wie ein «Tier an der Leine» herumführten.“(Olweus, 1996, S.21)

Mit derartigen, oft aber auch subtileren Manifestationen aggressiven Verhaltens werden Lehrer im Schulalltag immer wieder konfrontiert. In unserer dreijährigen Lehrerausbildung in Luxemburg wurde die Problematik „Gewalt an Schulen“ nicht ausreichend thematisiert. Da dieses Thema aber in letzter Zeit immer mehr ins öffentliche Interesse gerückt ist und weil wir den Eindruck haben, dass wir in diesem Bereich eine regelrechte Wissenslücke haben, ist es unser Anliegen, uns durch diese Hausarbeit einen Gesamtüberblick über die Thematik zu verschaffen, selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Die vorliegende Arbeit zeigt die theoretischen Erklärungsansätze für Aggression bzw. die verschiedenen Formen von Gewalt auf, fasst den Forschungsstand psychologischer Aggressions- und Gewaltforschung zusammen und beinhaltet wirksame, im schulischen Kontext einfach realisierbare Ansatzpunkte und Handlungsmöglichkeiten zur Prävention, Intervention und Kontrolle schulischer Gewalt.

2 Zur begrifflichen Bestimmung des Gegenstandes

Die Aggressionsforschung ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden und hat all jene Arten aggressiven Verhaltens, denen wir in unserem täglichen Leben begegnen zum Gegenstand und Ziel ihrer Untersuchungen gemacht.

2.1 Der Aggressionsbegriff

Wenn wir uns mit der Thematik ´Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen´ auseinandersetzen, muss zunächst eine terminologische Abgrenzung vorgenommen werden. Es muss u.a. geklärt werden, was unter ´Gewalt´ und ´Aggression´ genau verstanden wird, denn beide Begriffe werden in zunehmendem Maße synonym verwendet.

In der Fachliteratur wird der Begriff der Aggression unterschiedlich weit gefasst. Im engeren Sinne beschränkt sich Aggression auf die zielgerichtete, direkte physische Schädigung. Bei diesem engeren Definitionstyp geht man also davon aus, dass Aggression mit Schädigung und Schmerzzufügung zu tun hat, und dass aber auch die Absicht dabei eine entscheidende Rolle spielt. Im Folgenden wollen wir einige enger gefasste Definitionen des Aggressionsbegriffs geben:

- „Aggression umfasst jene Verhaltensweisen, mit denen die direkte oder indirekte Schädigung eines Individuums, meist eines Artgenossen, intendiert wird.“(Merz, 1965, zitiert nach Nolting, 2002, S.22)
- „Unter aggressiven Verhaltensweisen werden hier solche verstanden, die Individuen oder Sachen aktiv und zielgerichtet schädigen, sie schwächen oder in Angst versetzen.“(Fürntratt, 1974, zitiert nach Nolting, 2002, S.22)
- „Aggression besteht in einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat gerichteten Austeilen schädigender Reize.“(Selg, 1988, zitiert nach Nolting, 2002, S.23)

Wie bereits oben erwähnt, gibt es noch einen anderen, wesentlich weiter gefassten Aggressionsbegriff, welcher für die vorliegende Arbeit jedoch nicht besonders ergiebig ist. „Er [der weiter gefasste Aggressionsbegriff] geht meist vom lateinischen Ursprung des Wortes (aggreddi = herangehen) aus.“(Nolting, 2002, S.24).

„Mit Aggression ist jedes Verhalten gemeint, das im Wesentlichen das Gegenteil von Passivität und Zurückhaltung darstellt.“ In dieser weiter gefassten Definition von Bach & Goldberg (1974)[1] werden die Begriffe ´Aggression´ und ´Aktivität´ gleichgesetzt. Man könnte von dieser Definition ableiten, dass alles, was man in Angriff nimmt (d.h. jede gerichtete offensive Aktivität) zu aggressivem Verhalten neigt. Tatkraft und Destruktion werden somit in einen Topf geworfen.

2.2 Der Gewaltbegriff

Sehr häufig wird auch der Begriff ´Gewalt´ statt ´Aggression´ verwendet. Nach einem geläufigen Sprachgebrauch werden insbesondere körperliche Formen der Aggression als Gewalt bezeichnet. Verbale Formen von Aggression, wie beispielsweise Schimpfen und Verleumdung, fallen in diesem Fall kaum unter den Begriff der Gewalt. Der Begriff ´Gewalt´ ist in diesem Sinne ein noch engerer Begriff als ´Aggression´. Hierzu schreibt Schubarth (2000, S.11): „Obwohl der Gewaltbegriff dem (...) Aggressionsbegriff untergeordnet ist, wird er in letzter Zeit immer häufiger auch als Oberbegriff gewählt.“ Es gibt jedoch auch noch den von Galtung (1975) eingeführten Begriff der ´strukturellen´ Gewalt[2]. Unter diesem Begriff versteht man die stille Unterdrückung durch ein System sozialer Ungerechtigkeit. Sie bringt ähnlich gravierende Beeinträchtigungen mit sich wie andere schwere Aggressionsformen auch[3] - deshalb kann man sie als ´Gewalt´ ansehen. Man sollte, um der begrifflichen Ordnung willen, die strukturelle Gewalt nicht zur Aggression rechnen. (vgl. Nolting, 2000, S.26)

In jeder der von uns aufgelisteten Definitionen von ´Aggression´, kann eine oder mehrere der folgenden drei Komponenten wiedergefunden werden:

1. Zunächst einmal muss als Voraussetzung eine Schädigungsabsicht (Intention) vorliegen, d.h. eine freiwillige und gerichtete Handlung, die nicht zufällig ist, sondern geplant, mit der konkreten Absicht, jemandem zu schaden.
2. Die zweite Komponente ist der eingetretene Schaden, d.h. dass eine Person hierbei tatsächlich psychisch oder physisch geschädigt wurde.
3. Eine weitere Komponente ist die der Normabweichung. Die Norm bzw. das gesellschaftliche Mittelmaß stellt im Prinzip das „Gesunde“ bzw. das „Natürliche“ dar.

3 Diagnostik und Entwicklungsverlauf

Aggression ist der häufigste Grund, im Kindes- und Jugendalter psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

3.1 Diagnostische Klassifizierung aggressiven Verhaltens

Das Klassifikationsschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) - das sogenannte ICD[4] - umfasst alle Krankheiten und Entwicklungsstörungen die es gibt. Gebräuchlich ist die zehnte Fassung, das ´ICD-10´, in welcher die aggressiven Verhaltensweisen zu den ´Störungen des Sozialverhaltens´ zusammengefasst werden. Diese Störungen lassen sich durch ein wiederholendes und andauerndes Muster dissozialen, aggressiven und aufsässigen Verhaltens charakterisieren und in folgende Erscheinungsformen differenzieren:

- „auf den familiären Rahmen beschränkte Störung des Sozialverhaltens“
- „Störung des Sozialverhaltens bei fehlender sozialer Bindung“
- „Störungen des Sozialverhaltens bei vorhandener sozialer Bindung“
- „Störungen des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten“
- „andere und nicht näher bezeichnete Störungen des Sozialverhaltens“

3.2 Entwicklung aggressiven Verhaltens

Die Formen aggressiven Verhaltens hängen entscheidend vom Alter des Kindes bzw. des Jugendlichen ab. Die nachstehende Tabelle[5] verdeutlicht diese Aussage:

Säuglingsalter

(...)

Kleinkindalter

(...)

Vorschulalter und Grundschulalter

Jungen neigen mehr zur körperlichen Aggression, Mädchen eher zu indirekten (relationalen) Aggressionsformen. Nur bei wenigen Kindern kommt es in der Grundschulzeit zu Grausamkeiten gegenüber anderen Kindern und Tieren.

Jugendalter und frühes Erwachsenenalter

Mit wachsender körperlicher Kraft und durch Waffeneinsatz wird aggressives Verhalten massiver, bis hin zu schweren Verletzungen und Todesfällen; Gleichaltrige führen kollektive Gewalttaten durch. Ein kleiner Teil der Jugendlichen wird auch gegenüber den eigenen Eltern und Lehrern aggressiv.

Bestimmte Aggressionsformen sind für das Kindesalter typisch (z.B. oppositionelles Trotzverhalten), andere für das Jugendalter (z.B. dissoziales oder delinquentes Verhalten).

Aggressives Verhalten scheint nicht nur in der Kindheit sehr stabil zu sein, sondern auch delinquentem Verhalten in der frühen bis späten Jugend vorauszugehen. Anhand folgender Tabelle[6] sollen die Entwicklungsverläufe und -ausgänge dissozialen Verhaltens im Jugendalter aufgezeigt werden.

Entwicklung eines aggressiven Verhaltensspektrums

- Betragensstörungen in der Vorschulzeit („früher Start“)
- Aggression und Hinterhältigkeit
- verstärkt auftretende Hyperaktivität
- geringe soziale Fertigkeiten
- wenige Beziehungen zu Gleichaltrigen
- Schulprobleme
- gehäuft, auftretende zusätzliche Verhaltensprobleme
- über die Zeit stabile Verhaltensstörungen

Entwicklung dissozialen Verhaltens

- Beginn in der späten Kindheit oder im frühen/mittleren Jugendalter
- meist nicht-aggressive Betragensstörungen
- keine deutliche Hyperaktivität
- vorhandene soziale Fertigkeiten
- Kontakt mit devianten Gleichaltrigen
- kaum zusätzliche Verhaltensprobleme
- Delinquenz tritt nur vorübergehend auf

Entwicklung zum ausschließlichen Drogengebrauch

- Beginn im mittleren oder späteren Jugendalter
- keine weiteren Betragensstörungen
- internalisierende Verhaltensstörungen (Depression) sind möglich

„Viele Studien belegen die hohe Stabilität aggressiven Verhaltens und zeigen auf, dass nur durch eine frühzeitige Intervention ein Therapieerfolg möglich ist.“(Kusch, zitiert nach Petermann, 1998, S.235) Eine frühe Intervention verhindert also, dass sich aggressives Verhalten stabilisiert und auf diese Weise änderungsresistent wird.

4 Ausdrucksformen von Aggression und Gewalt

Aggression wurde bereits von vielen Autoren in verschiedene Arten, Kategorien, Typen oder Formen eingeteilt, die sich teilweise überschneiden und ergänzen, teilweise jedoch auch widersprechen oder anderen Benennungen folgen, so dass es relativ schwierig ist eine strukturierte und einleuchtende Differenzierung unterschiedlicher Aggressionstypen vorzunehmen.

4.1 Aggressionsarten

Im Allgemeinen wird innerhalb der Aggressionsarten zwischen aktiven und passiven Formen unterschieden. In den Formen selbst unterscheidet man wieder zwischen direkter und indirekter Form. Zudem wird auch noch zwischen physischer und verbaler Aggression unterschieden.

Aus diesen Unterscheidungen ergibt sich dann folgendes Schema[7]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.2 Formen menschlicher Aggression

Petermann und Petermann (1990) unterscheiden zwischen folgenden Ausdrucksformen der Aggression:

- offen-gezeigte vs. verdeckt hinterhältige Aggression
- Körperliche vs. verbale Aggression
- aktiv-ausübende vs. passiv-erfahrende Aggression
- direkte vs. indirekte Aggression
- nach außen-gewandte vs. nach innen-gewandte Aggression
- prosoziale vs. antisoziale Aggression

Im Folgenden fassen wir die aufgeführten Aggressions-Systematisierungen in einem Überblick zusammen.

4.3 Äußerlich-formale Einteilung

Die äußerlich-formale Einteilung beinhaltet all jene Charakteristiken, die man von außen her über den Aggressionsakt wahrnehmen kann und beschreibt demnach die Art und Weise wie Aggression dargeboten wird.

- Offene Aggression: Eine Aggression, die offen gezeigt wird, ist für Außenstehende sichtbar und kann sich auf körperlicher Ebene, auf verbaler Ebene oder auf beiden Ebenen zusammen äußern.
- Verdeckte Aggression: Ist eine Aggression verdeckt, spielt sie sich nur in der Phantasie des Täters ab, ohne in die Tat umgesetzt zu werden. Sie ist also nicht für Außenstehende sichtbar.
- Direkte Aggression: Diese Form von Aggression ist direkt gegen das Opfer gerichtet.
- Indirekte Aggression: Bei diesem Aggressionsakt ist das Opfer vielfach nicht anwesend.
- Verschobene Aggression: Durch verschiedene Umstände, z.B. Bestrafung in Hinblick auf aggressive Handlungen, kann ein aggressiver Akt von seinem direkten Ziel abgelenkt und verhindert werden. Die Aggression erfolgt entweder zu einem späteren Zeitpunkt und kann sich auch auf ganz andere Personen oder Gegenstände verschieben. Es kommt zu einer Verschiebung der Form und des Objekts.
- Einzelaggression: Einzelaggression wird von einem einzigen Täter ausgeführt. Sie geht also von einer einzelnen Person aus.
- Gruppenaggression: Bei der Gruppenaggression besteht eine Mehrzahl an Tätern, die sich zusammenschließen (Straßenbanden oder z.B. Völker während eines Krieges).
- Selbstaggression: Selbstaggression kann auch noch mit dem Begriff „Autoaggression“ bezeichnet werden. Bei diese Art der Aggression richtet der Täter den aggressiven Akt gegen sich selbst.
- Fremdaggression: Fremdaggression charakterisiert das Anwenden von Aggressivität gegenüber einem Anderen als sich selbst.

4.4 Inhaltlich-motivationale Einteilung

Aggression entsteht im Menschen selber. Für diese Entstehung kommen allerdings mehrere Gründe, Gefühle oder Absichten in Frage. Somit kann die folgende Einteilung vorgenommen werden, die beschreibt, warum ein Mensch aggressiv reagiert.

- positive Aggression: Die positive Aggression ist ein von der Kultur gebilligtes Verhalten. Sie wird von der Umwelt akzeptiert.
- negative Aggression: Die negative Aggression ist ein, von der Umwelt verurteiltes Verhalten. Sie wird von der Kultur missbilligt.
- intentionale Aggressionen: Sie haben als Handlungsziel die Schädigung des Gegenübers und können verschiedene Funktionen haben:

1) expressive bzw. Ärger-Aggression: Sie dient der inneren Befriedigung durch Wiederherstellung des Selbstwertgefühls. Ziel ist das Aufheben von bestehender Spannung. Weil diese Art der Aggression auf den Ausdruck von Gefühlen zurückgeht, kann man sie als affektiv-orientiert beschreiben.
2) feindselige Aggression: Durch Schmerz den man dem Opfer zufügt, versucht man sein Selbst zu erhöhen. Die Schädigung des Anderen wird bewusst intendiert und ist alleiniges Handlungsziel.
3) instrumentelle Aggression: Sie zielt auf eine intendierte Schädigung des Gegenübers, welche jedoch nur instrumentell zur Erlangung eines anderen, nicht-aggressiven Handlungsziels besteht. Sie wird meist durch Wetteifer und Besitzwünsche angeregt und zur Erlangung von Vorteilen oder zum Erreichen des bestimmten Zieles eingesetzt. Sie dient somit immer einem Zweck. Durch die zielgerichtete Anwendung, kann sie als kognitiv-orientierte Handlung klassifiziert werden.

- nicht-intentionale Aggression: Sie bedeutet zwar eine Schädigung, aber eine, die nicht angezielt und daher eher ein zufälliges Produkt war.
- spontane Aggression: Sie ist keine provozierte Aggression. Ihr Anlass ist aus der Situation nicht ersichtlich.
- reaktive Aggression: Die Aggression entsteht als Reaktion auf ein vorheriges Ereignis.
- Aggression auf Befehl: Aggression erfolgt auf einen gegebenen Befehl.

Bis hierhin haben wir eine Beschreibung von Aggression bzw. von aggressivem Verhalten gegeben und die verschiedenen Ausdrucksformen aufgeführt. Nun aber wollen wir uns den Ursachen von Aggression zuwenden und uns hierbei auf die klassischen Erklärungsansätze aus der Aggressionsforschung stützen.

5 Klassische psychologische Erklärungsansätze für Aggression und Gewalt

Wir werden uns in diesem Kapitel vertieft mit den klassischen psychologischen Erklärungsansätzen beschäftigen. Die neueren Ansätze, bei welchen die sozialen Bedingungen und das gesamte gesellschaftliche Umfeld (Familie, Schule und Freizeit) im Mittelpunkt stehen, werden wir unter den Punkten 6.1 und 6.2 kurz erläutern. Die verschiedenen wissenschaftlichen Zugänge haben auch unterschiedliche Akzente hinsichtlich der Handlungsperspektiven beim Umgang mit Aggression und Gewalt zur Folge.

5.1 Die Triebtheorien

Eine Möglichkeit zur Erklärung von aggressivem Verhalten ist das trieb- und instinkttheoretische Modell. „Triebtheoretische Konzepte stammen vor allem aus der Psychoanalyse und aus der Tierverhaltensforschung (Ethologie).“(Nolting, 2002, S.52)

Die Grundannahme der Triebtheorie lautet folgendermaßen: „Im Organismus gibt es eine angeborene Quelle, die fortwährend aggressive Impulse produziert. Diese Impulse müssen sich im Verhalten ausdrücken können, sonst führen sie zu seelischen Störungen.“(vgl. Olweus, 2000, S.14)

5.1.1 Die dualistische Triebtheorie nach Sigmund Freud

Sigmund Freud (1856-1939) sammelte während Jahrzehnten Erfahrungen in seiner psychoanalytischen Praxis und entwickelte daraufhin unterschiedliche Vorstellungen über den Ursprung aggressiven Verhaltens. Dabei modifizierte Freud mehrmals sein Ausgangsmodell. Wir werden an dieser Stelle nur auf sein letztes und bekanntestes Aggressionsmodell eingehen.

Freud vertrat die Auffassung, dass dem Sexualtrieb der Menschen (Eros) ein eigen- und selbstständiger Aggressions- bzw. Todestrieb (Thanatos) entgegen zu setzen sei. Das eigentliche Ziel dieses Todestriebs ist die Selbstvernichtung. Der Todestrieb wirkt nie alleine, sondern in einer Mischung mit der Libido, der lebenserhaltenden Energie des Eros. Der Eros lenkt die Energie des Todestriebes (die Destrudo) über das Muskelsystem nach außen und tritt dann als Aggression in Erscheinung. In anderen Worten: um dem Schicksal der Selbstzerstörung zu entgehen, externalisiert der Mensch in der Regel seine aggressiven Impulse, und so kommt es zu auswärtsgerichteten Aggressionen. „Das Lebewesen bewahrt sozusagen sein eigenes Leben dadurch, dass es Fremdes zerstört.“[8]

Wir können an dieser Stelle festhalten, dass der Aggressions- oder Destruktionstrieb somit der abgelenkte Todestrieb des Menschen ist. Diese Theorie erscheint jedoch, abgesehen von der geringen praktischen Verwendbarkeit, als biologisch unverständlich und bleibt im Wesentlichen eine reine Spekulation.

5.1.2 Jüngere Triebkonzepte

Zwar folgt Alexander Mitscherlich prinzipiell der Freudschen Auffassung, dass dem Menschen eine primäre, anlagemäßige Reaktion eigen ist; allerdings räumt er ein, dass der Todestrieb empirisch schwer nachzuweisen ist. Im wesentlichen folgt Mitscherlich, welcher sich mit seinen Stellungnahmen zum Aggressionsproblem v.a. im deutschen Rahmen einen Namen gemacht hat, Freuds dualistischer Theorie, nach welcher ´Libido´ und ´Destrudo´ in ihrem Zusammenspiel alles menschliche Verhalten bestimmen. Außerdem ist Mitscherlich der Meinung, dass soziale Faktoren einen Einfluss darauf haben, in welcher Form die aggressiven Verhaltensweisen umgesetzt werden.

[...]


[1] zitiert nach Nolting, 2002, S.24

[2] Darunter sind alle Formen institutioneller Gewalt, die auf uns einwirken, zusammengefasst.

[3] Nolting (2002, S.26) behauptet, dass Menschen an struktureller Gewalt sogar physisch oder psychisch zugrunde gehen können (Hunger, Slums usw.).

[4] ICD steht für „International Classification of Diseases”.

[5] Altersabhängige Formen des Ärgerausdrucks und des aggressiven Verhaltens. (Loeber und Hay, 1997, zitiert nach Petermann, 2001, S.2)

[6] Entwicklungsverläufe und -ausgänge dissozialen Verhaltens im Jugendalter (Petermann und Kusch, zitiert in Petermann, 1998, S. 238)

[7] Klaus, Skript „Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie“(2001)

[8] Sigmund Freud 1933 in seinem Brief an Albert Einstein zur Frage „Warum Krieg?“(vgl. Nolting, 2002, S.53)

Details

Seiten
44
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638267441
Dateigröße
894 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23665
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1
Schlagworte
Aggression Gewalt Kindern Jugendlichen Schule Hauptseminar Gewaltprävention

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Titel: Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen - Was die Schule tun kann