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Bedeutung der Civil Religion als Integrationsideologie in den Vereinigten Staaten von Amerika

Hausarbeit 2004 21 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: USA

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Annäherung an den Begriff „Civil Religion“
2.1 Prägung durch Jean-Jacques Rousseau
2.2 Prägung durch Alexis de Toqueville
2.3 Modernes Verständnis von „Civil Religion“ geprägt durch Robert N. Bellah

3. „Civil Religion“ in der Alltagskultur der USA
3.1 Gesellschaftlicher und religiöser Pluralismus als Grundlage
3.2 Ausdruck und Erscheinungsformen der „Civil Religion“
3.2.1 „Civil Religion“ in der politischen Rhetorik
3.3 „Civil Religion“ als Wertekonsens und Integrationsideologie einer pluralistischen Gesellschaft?

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die USA fällt durch die starke multikulturelle Durchmischung ihrer Gesellschaft auf. Als klassisches Einwanderungsland hat sich in den USA seit der Landung der Mayflower im Jahr 1620 ein gesellschaftlicher und religiöser Pluralismus entwickelt, der auf der Welt seines Gleichen sucht. Unterschiedlichste ethnische Gruppierungen mit weit über 200 verschiedenen religiösen Glaubensrichtungen unterschiedlichster Art scheinen sich zu einer Nation und einem Staat zusammengefunden zu haben. Bei dieser starken Segmentierung drängt sich natürlich die Frage auf, was diese Nation zusammenhält. Wieso empfindet sich der Amerikaner als Amerikaner und was verbindet ihn mit seinem Mitbürger anderer Herkunft und andersartigem Glauben? Als Integrationsideologie für die Nation kann auf Grund des Pluralismus keine spezifische Glaubensbezeugung herhalten, es entstand der Begriff der „Civil Religion“. „Civil Religion“ als eine Art weltliche Religion, als amerikanische Ideologie, die auf bestimmten Glaubenssätzen, auf Ritualen und Symbolen beruht. Die „Civil Religion“ hat dazu geführt, dass die amerikanische Kultur und Politik durchsetzt ist von religiöser Rhetorik und Symbolik. Ob und in wieweit diese sogenannte „Civil Religion“ als Integrationsbasis, als gemeinsamer Wertekonsens dient und wie sie sich mit dem Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche verträgt, soll in dieser Hausarbeit erörtert werden.

Zunächst wird die Bedeutung des Begriffes „Civil Religion“ näher beleuchtet. Dazu wird zunächst auf Jean-Jacques Rousseau eingegangen, der schon um 1760 in seinem vierten Buch des „Du contrat social“ das Phänomen der „réligion civile“ beschrieb, wobei viele der von ihm beschriebenen Merkmale auch heute noch auf den Begriff „Civil Religion“ zutreffen. Danach wird erläutert, wie Alexis de Toqueville in seinem Werk „De la Démocratie en Amérique“, welches er nach seiner Amerikareise im Jahre 1831 verfasste, als Erster die „Civil Religion“ in den USA beschreibt. Nach der Abhandlung dieser beiden Klassiker soll der Begriff „Civil Religion“ aus heutiger wissenschaftlicher Sicht beschrieben und dargestellt werden. Dabei wird der Aufsatz des amerikanischen Religionssoziologen Robert N. Bellah von 1967 mit dem Titel „Civil Religion“, mit dem der Autor die Thematik in die neuere Diskussion hineingetragen hat, im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Nachdem die Begrifflichkeit des Ausdruckes „Civil Religion“ geklärt sind, wird im folgenden Teil auf den Pluralismus der US-Gesellschaft und insbesondere auf den religiösen Pluralismus eingegangen, der die Grundlage für die Notwendigkeit eines gemeinsamen Wertekonsens und einer gemeinsamen Integrationsideologie darstellt. Anhand von Beispielen soll dann die Erscheinungsform der „Civil Religion“ in der amerikanischen Kultur dargestellt werden, wobei besonders der Einfluss der „Civil Religion“ auf die politische Rhetorik in den USA, unter Zuhilfenahme jüngster Beispiele, erläutert werden soll. Abschließend wird dann die Frage erörtert, ob die vorgestellte „Civil Religion“ als Integrationsideologie zur Überwindung der Segmentierung der US-Gesellschaft dienlich ist oder ob dieser oft gestellte Anspruch nicht zutrifft.

2. Annäherung an den Begriff „Civil Religion“

2.1 Prägung durch Jean-Jacques Rousseau

Der Begriff „Civil Religion“ wurde in der französischen Fassung „réligion civile“ erstmals von Jean-Jaques Rousseau (1712-1778) benutzt.[1] Rousseau erkannte und beschrieb den Konflikt zwischen Staat und Kirche. Die Konkurrenz der unabhängigen Kirche zum Staat führt laut Rousseau zu einem dauerhaften Konflikt, der jede gute Politik verhindere und dazu führe, dass der Mensch im Zwiespalt zwischen Glaube und Gesetz stehe. Dieser Konflikt kann laut Rousseau nur durch eine Verbindung von Glaube und Staat überwunden werden.[2] In seinem Werk „Du Contrat Social“, Buch IV, Kapitel 8 geht er deshalb auf die Bedeutung der „réligion civile“ ein, welche er als ein rein bürgerliches Glaubensbekenntnis sieht und die für ihn die Verbindung zwischen Glaube und Staat darstellt. In der Rousseauschen Staatstheorie bestimmt der législateur (Verfassungsgeber) den Souverän, die Staatsform und die Staatsreligion (réligion civile).[3] Unter der „réligion civile“ versteht man „ - ähnlich wie bei Hobbes – einen gewissen Mindeststandard an einheitlichen staatsbürgerlichen Verhaltensmaßstäben, also die Kanonisierung von Bürgertugenden“.[4] Es handelt sich also nicht um streng religiöse Dogmen sondern viel mehr um „sentiments de sociabilité“, ohne die man kein guter Untertan oder Bürger sein kann.[5] Rousseau führt weiter aus: „Die Dogmen der bürgerlichen Religion müssen einfach, gering an Zahl und bestimmt ausgedrückt sein und keiner Auslegung und Erklärung bedürfen.“[6] Unter anderem gelten hier die Heiligkeit des Gesellschaftsvertrages und der Gesetze sehr viel.[7] „Rousseau sucht nach einem starken Band, das den Bürger an die Gemeinschaft des Staates fesselt. Und hier genügt ihm nun offenbar nicht das Interesse des einzelnen an der Gemeinschaft, der er durch den Gesellschaftsvertrag angehört, es genügt ihm nicht der Solidarismus, der sich aus der Gemeinschaft der Interessen ergibt – es bedarf der Religion [als „Civil Religion“, T.S.].“[8] Das Christentum ist als „Civil Religion laut Rousseau nicht geeignet, da „es aufgrund seiner eschatologischen Ausrichtung jedes existierende Gemeinwesen in Frage“[9] stellt „und zum anderen vermindert das Dogma der Sündenvergebung die Furcht vor einer strafenden Gerechtigkeit und damit das Pflichtbewußtsein des Staatsbürgers“.[10] Rousseau hält die „Civil Religion“ für einen integralen Bestandteil einer Gesellschaft, die auf einem „Gesellschaftsvertrag“ beruht. Die Wirkung der „Civil Religion“ beschreibt er wie folgt: „instead of being a source of disunity within the State, it operates invincibly in the direction of unification, sanctifying patriotism, reinforcing solidarity and ensuring for the obligations of citizenship the ingrained respect which men reserve for the commands of divinity“.[11] Trotz vieler Parallelen zu der heute gebräuchlichen Auslegung des Begriffes „Civil Religion“ gibt es auch einen gravierenden Unterschied, nämlich dass Rousseau „seine réligion civile als eine Religion verstand, der sich jeder Bürger zu unterwerfen hat zum Zwecke der Beförderung staatsbürgerlicher Moral“.[12] Damit ist die „Civil Religion“ im Rousseauschen Sinne eine aufgezwungene bekenntnispflichtige Religion, die als Mittel zur Durchsetzung des „volonté général“ dient.[13]

2.2 Prägung durch Alexis de Tocqueville

Alexis de Tocqueville bereiste im Auftrag der französischen Regierung von 1831 bis 1832 die USA, um die dortigen Verhältnisse in den Gefängnissen zu studieren.[14] Während seines dortigen Aufenthaltes hat er unter anderem auch das besondere Verhältnis von Religion und Politik erkannt und in seinem Werk „De la Démocratie en Amérique“ beschrieben. Bis heute haben Toquevilles Aussagen über die Besonderheiten der amerikanischen Gesellschaft und dem Verhältnis von Religion und Politik in den USA ihre Gültigkeit bewahrt und kaum eine Betrachtung über „Civil Religion“ kommt ohne eine Anlehnung oder Bezugnahme zu Toqueville aus. Toquevilles Haupterkenntnis über die Beziehung von Religion und Politik in den USA läßt sich markant in einem Zitat aus seinem Werk zusammenfassen: „Religion in America takes no direct part in the government of society, but it must be regarded as the first of their political institutions“.[15] Gerade die Trennung von Staat und Kirche, die bis heute Kernelement der amerikanischen Kultur geblieben ist, stärkt laut Toqueville den Zusammenhalt von Politik und Religion. Religion wird laut Toqueville zu einem der „principal causes which tend to maintain the democratic republic in the United States“[16], sie ist fest in das öffentliche demokratische System integriert.[17] Neben diesen Erkenntnissen, die Toqueville zu der Aussage bringen, dass die Verbindung von Religion mit Freiheit möglich ist, hier aber nicht weiter betrachtet werden sollen, beobachtet er das Vorhandensein einer „republic réligion“, die als eine Mischung aus demokratischen Werten und generalisierten Glaubenssätzen zu verstehen ist und die Politik und Kultur beeinflußt.[18] Ähnlich wie Rousseau sieht auch er die Notwendigkeit einer gemeinsamen Überzeugungsbasis, hier als „republic réligion“, die jedem Bürger zu eigen ist. Er sagt: „Damit ein Staat sich bilde, und erst recht, damit er gedeihe, müssen die Bürger immer durch einige Grundideen vereinigt und zusammengehalten werden; dies ist nur dann möglich, wenn jeder von ihnen seine Anschauungen aus derselben Quelle schöpft und eine gewisse Anzahl fertiger Überzeugungen anzunehmen bereit ist.“[19] Die USA als Beispiel eines neu gegründeten Staates mit pluralistischer Bevölkerung diente Toqueville so als ideales Untersuchungsobjekt, um seine Vermutungen über die Entstehung einer Gesellschaft zu belegen, „denn ohne gemeinsame Ideen gibt es kein gemeinsames Handeln, und ohne gemeinsames Handeln existieren zwar Menschen, aber nie ein Gesellschaftskörper“.[20] Toqueville macht auch Beobachtungen über die Macht der von ihm „republic réligion“ genannten „Civil Religion“, sie drängt sich seinen Feststellungen zufolge mit einem ungeheuren Druck von der „Massenseele auf den Einzelgeist“[21] auf. „In den Vereinigten Staaten nimmt es die Mehrheit auf sich, den Individuen eine Menge Meinungen zu liefern, und enthebt sie so der Verpflichtung, sich eigene zu bilden. Eine Fülle von philosophischen, moralischen oder politischen Theorien macht sich jeder so im Vertrauen auf die Öffentlichkeit ungeprüft zu eigen. Sieht man näher hin, so wird man feststellen, daß die Religion viel weniger als geoffenbarte Glaubenslehre herrscht denn als öffentliche Meinung.“[22] Vergleicht man Rousseaus und Toquevilles Interpretationen der „Civil Religion“ so ergeben sich eine Menge Gemeinsamkeiten. Unterschiede bestehen aber darin, dass Rousseau seine „Civil Religion“ auf nur einen Staat begrenzt und zwar auf die Gesellschaft, die den Gesellschaftsvertrag geschlossen hat, Toqueville jedoch keine Begrenzung trifft. Ebenfalls anders als Rousseau sieht Toqueville die Rolle der „Civil Religion“ im Staat. Sie soll den Staat erhalten, allerdings nicht als Selbstzweck des Staates sondern vielmehr als Institution, die dem Menschen seine individuellen Freiheiten garantiert.[23]

[...]


[1] Vgl. Schieder, Rolf, Civil Religion - Die religiöse Dimension der politischen Kultur, Gütersloh, 1987, S. 51.

[2] Vgl. Glum, Friedrich, Jean Jacques Rousseau – Religion und Staat, Stuttgart, 1956, S. 194f.

[3] Vgl. Hartmann, Jürgen/ Meyer, Bernd/ Oldopp, Birgit, Geschichte der politischen Ideen, Wiesbaden, 2002, S.108.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Uhde, Ute, Politik und Religion – Zum Verhältnis von Demokratie und Christentum bei Alexis de Toqueville, Berlin, 1978, S. 92.

[6] Rousseau, J.J., Der Gesellschaftsvertrag oder die Grundsätze des Staatsrechtes – Übersetzung von Heinrich Weinstock, Stuttgart, 1958, S. 193.

[7] Vgl. Withöft, Rainer, Civil Religion und Pluralismus, Frankfurt, 1998, S. 30.

[8] Glum, Friedrich, a.a.O., S. 194.

[9] Schieder, Rolf, a.a.O., S. 51.

[10] Ebd.

[11] Roche, F. Kennedy, Rousseau – Stoic and Romantic, London, 1974, S. 145.

[12] Schieder, Rolf, a.a.O., S. 52.

[13] Ebd.

[14] Ebd., S. 53.

[15] Toqueville, Alexis de, Democracy in America - The Henry Reeve text as revised by Francis Bowen now further corrected and edited with a historical essay, editional notes, and bibliographies by Phillips Bradley -Volume 1, New York, 1954, S. 316.

[16] Ebd., S. 298.

[17] Vgl. Withöft, Rainer, a.a.O., S. 31.

[18] Ebd.

[19] Toqueville, Alexis de, Über die Demokratie in Amerika – Ausgewählt und Herausgegeben von J.P. Mayer, Stuttgart, 1985, S. 219f.

[20] Ebd., S. 219.

[21] Ebd., S. 223.

[22] Ebd.

[23] Vgl. Uhde, Ute, a.a.O.

Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638267434
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23664
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Wirtschafts- und Organisationswissenschaften - Institut für Politikwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Bedeutung Civil Religion Integrationsideologie Vereinigten Staaten Amerika System

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