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Medialisierung der Gesellschaft - Fallstudie Medien und Terrorismus

Seminararbeit 2003 27 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Medialisierung der Gesellschaft
2.1 Theoretische Grundlagen – Medialisierung als Konzept
2.1.1 Medialisierung und die Mediengesellschaft
2.1.2 Interpenetrationsansatz und Handlungssystem
2.2 Medialisierung der Politik
2.2.1 Das politische Kommunikationssystem
2.2.2 Politische Kommunikationskultur
2.2.3 Medialisierung der Politik in Deutschland
2.3 Metaberichterstattung als Konsequenz der Medialisierung

3. Medien und Terrorismus
3.1 Einführung
3.1.1 Terrorismus – eine Definition
3.1.2 Internationaler Terrorismus – medialisierter Terrorismus
3.2 Theater des Terrors – Beispiele für medialisierten Terrorismus
3.2.1 Bombenanschlag auf das King-David-Hotel in Jerusalem, 1946
3.2.2 TWA Flug 847 – Medienspektakel Flugzeugentführung, 1985
3.2.3 Der 11. September 2001 – Katastrophe in Echtzeit
3.3 Terrorvision – Warum Terroristen Medien brauchen

4. Fazit
4.1 Medialisierung und politische Kommunikationskultur
4.2 Terrorismus im Licht von Globalisierung und Medialisierung

5. Literatur

6. Erklärung

1. Einleitung

Kann man von Terrorismus sprechen, ohne daran teilzunehmen?

Iwan Kaliajew, in Albert Camus „Les Justes“

Das Konzept der Medialisierung[1] beschreibt allgemein die zunehmende Bedeutungssteigerung der Massenmedien, vor allem für die politische Kommunikation. Dabei ist zu untersuchen, ob – und wenn, wie weit – die Medien mit ihrer systemeigenen Logik der Selektion, Produktion und Publikation von Themen, Meinungen und Einstellungen mittlerweile den Prozess der politischen Kommunikation bestimmen, wie es zum Beispiel Meyer (2001, 2002) auch für die Bundesrepublik Deutschland beobachtet. Oder ob nicht eher doch die Politik – und die politische Öffentlichkeitsarbeit – die Kontrolle über die publizierten Inhalte besitzt und die Medien für ihre Zwecke instrumentalisiert.

Mit dieser Frage der politischen Kommunikation beschäftigt sich das zweite Kapitel, in dem nach den Grundlagen des Konzepts der Medialisierung ein Vorschlag der Verbindung von System- und Akteurstheorie vorgestellt wird, der vor allem auf Jarren & Donges (2002a, b) zurückgeht und die empirische Untersuchung der Beziehungen zwischen sozialen Systemen ermöglicht . Das zweite Unterkapitel befasst sich zunächst mit dem Konzept der politischen Kommunikationskultur, mit dem die Interaktionen und Einstellungen im etablierten Handlungssystem der politischen Kommunikation beschrieben und untersucht werden können, um dieses dann am Beispiel der Medialisierung des politischen Systems in der Bundesrepublik Deutschland zu konkretisieren.

Dabei zeigt sich, wie anschließend dargestellt werden soll, dass die zunehmende Medialisierung zu einem Rückkoppelungseffekt bei den Medien selbst führt: der „Metaberichterstattung“, d.h. der Berichterstattung über das eigene Metier Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit.

Im dritten Kapitel soll das Konzept der Medialisierung anhand einer Fallstudie zum Phänomen des internationalen Terrorismus konkretisiert werden. Die Hypothese dabei lautet, dass der internationale Terrorismus fundamental auf auf das Zusammenspiel mit der internationalen Medienöffentlichkeit angewiesen ist, weil er durch sie seine eigentliche Wirkung entfaltet. Terroristen legen planen die Anschläge so, dass sie möglichst gut der Medienlogik entsprechen, um die vorhandene Medienagenda zu überlagern und andere Medienereignisse zu überschatten.

Im ersten Unterkapitel wird der Begriff „Terrorismus“ näher definiert; der internationale Terrorismus erscheint als dessen besonders medialisierte Form.. Kapitel 3.2 stellt einige ausgewählte, Beispiele für internationalen Terrorismus vor und fokussiert sich dabei auf Medienberichterstattung und die Interaktionen – soweit diese möglich waren – von Terroristen und Journalisten. In Kapitel 3.3 wird versucht, auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse den Terrorismus in die System- bzw. Handlungstheorie einzuordnen. Dabei wird konzentriert sich die Arbeit wiederum auf die Beziehungen zwischen den Massenmedien und dem internationalem Terrorismus.

Das letzte Kapitel fasst die Resultate zusammen und wagt einen Ausblick auf mögliche weitere Forschungen.

2. Medialisierung der Gesellschaft

2.1 Theoretische Grundlagen – Medialisierung als Konzept

2.1.1 Medialisierung und die Mediengesellschaft

Medialisierung bezeichnet ganz allgemein den generellen Bedeutungszuwachs der Massenmedien: Die Zahl der Medien hat sich stark erhöht, ihre Inhalte haben sich erweitert, ihre Angebotsformen vervielfältigt. Neue Medienformen (z.B. Zielgruppenzeitschriften, Spartenkanäle oder die Internetmedien) konnten sich neben den herkömmlichen Massenmedien etablieren und die Geschwindigkeit, mit der Informationen übertragen und vermittelt werden können, hat rasant zugenommen. Alle gesellschaftlichen Bereiche werden immer stärker und engmaschiger von den Medien durchdrungen und die Akteure[2] der gesellschaftlichen Teilsysteme müssen mit einer ständigen Medienaufmerksamkeit und -berichterstattung rechnen. Die Medien erlangen zudem aufgrund ihrer hohen Beachtungs- und Nutzungswerte wiederum zusätzliche gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit und Bedeutung. Aufgrund dieser Strukturveränderungen im Verhältnis von Medien und Gesellschaft kann von der Ausbildung einer „Mediengesellschaft“ gesprochen werden (vgl. Jarren & Donges 2002a, S. 30-31).

Medialisierung bedeutet also weiter, dass die von den Massenmedien berichteten Inhalte in der Mediengesellschaft zunehmend von der Medienlogik geprägt, d.h. nach medienspezifischen Selektionsregeln und Darstellungsformen von vornherein ausgerichtet werden. Die Konsequenz dieser Entwicklung zeigt sich in einer wachsenden Prägung der sozialen Wirklichkeit durch die Massenmedien (vgl. Schulz 2003, S. 465; Jarren & Donges 2002a, S. 31; Kepplinger 1998, S. 173). Laut Kepplinger (1990, S. 46ff.) werden Themen und Ereignisse in der Politikberichterstattung bereits im Vorfeld der Berichterstattung medialisiert, d.h. in Hinsicht auf die Medienlogik ausgewählt. Diese Auswahl wird vor allem an Hand von Nachrichtenwertfaktoren getroffen, wie Bedeutsamkeit, Eindeutigkeit, Überraschung, Elitenbezug, Personalisierung, Nähe, Dauer, Konflikt, Schaden, Skandalisierung oder Negativismus.

Dadurch entsteht ein rückgekoppeltes und eigendynamisches System, in dem die Berichterstattung über bereits medialisierte Ereignisse – und damit die Selbstreferenzialität des Systems – zunimmt. Diesen Prozess stellen Altheide & Snow (1991) auch außerhalb der Politik fest.

2.1.2 Interpenetrationsansatz und Handlungssystem

Das eigendynamische, selbstreferenzielle Kommunikationssystem zwischen den Medien und anderen gesellschaftlichen Teilsystemen lässt sich durch eine Verschränkung von System- und Akteurstheorie genauer erfassen.[3] Nach dem Interpenetrationsansatz von Richard Münch kommt es bei Wechselwirkungen zweier Systeme auf Systemebene zu Überlappungen, so genannten Interpenetrationszonen, die von einer starken Durchdringung der Logiken beider Systeme gekennzeichnet sind. Um die Intersystembeziehungen zu ermöglichen, bilden sich Subsysteme aus, die außer der Logik ihres Muttersystems auch die Logik der anderen Systeme in sich aufnehmen (vgl. Münch 1991, S. 341f.; Jarren & Donges 2002a, S. 58ff.; 2002b, S. 133ff.). Als Subsystem kann beispielsweise die PR (oder besser „Publicity“, da dieser Begriff auch die Nicht-PR-Akteure einschließt, die sich als Selbstdarsteller präsentieren) aufgefasst werden, die im Auftrag des Muttersystems eine Verbindung mit dem, für das Muttersystem relevanten Journalismus – also einem Subsystem des Mediensystems – eingeht (Schaubild 1).

Diese theoretische Verlagerung der Beziehungen zwischen zwei Systemen auf das Handlungssystem macht vor allem empirisch Sinn, da so die wechselseitige Durchdringung der verschiedenen Systemlogiken auch auf der Mikroebene – also in Hinsicht auf Themen und Akteure – untersucht werden kann.

Schaubild 1: Interpenetration zwischen Mediensystem und anderen Teilsystemen der Gesellschaft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Akteure, welche aus den Subsystemen heraus agieren, sind zwar durch die Logik ihres Muttersystems geprägt, aber nicht vollständig determiniert. Sie sind auch in der Lage, die Logik des korrespondieren Systems zu antizipieren (vgl. Esser 2003b; Jarren & Donges 2002b, S. 135). Durch die ständigen Interaktionen und Austauschprozesse der Akteure beider Systeme institutionalisiert sich mit zunehmender Dauer ein (empirisch beobachtbares) gemeinsames Handlungssystem[4], welches aus formalen (z.B. Pressekonferenzen und Pressemitteilungen) und informellen (z.B. Hintergrundgespräche und Gesprächszirkel) Formen der Interaktion besteht. In diesem Handlungssystem durchdringen sich die Logiken beider Systeme wechselseitig. In Hinsicht auf Handlungssysteme zwischen sozialen Systemen und dem Mediensystem kommt es zu einer „Produktionsgemeinschaft“ von Themen und Medieninhalten, die im Regelfall von den Akteuren beider Systeme im gegenseitigen Austausch erarbeitet werden (vgl. Jarren & Donges 2002b). Pfetsch (2003) spricht in Hinblick auf das politische System von einer „Kommunikationskultur“, die sich beispielsweise im Zusammenspiel von politischen und journalistischen Akteuren etabliert.

Medialisierung kann nun als das „Maß“ angesehen werden, inwieweit dieses Handlungssystem von der Medienlogik im Verhältnis zur Logik des anderen Systems (z.B. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft) bestimmt ist und inwieweit das Subsystem Publicity in seinem Muttersystem an Bedeutung gewinnt, beispielsweise indem das Muttersystem gezwungen ist, Presse-/PR-Stellen auszubauen oder Publicity- und Medienresonanzüberlegungen in seine Entscheidungsprozesse strategisch einfließen zu lassen. Ein hoher Medialisierungsgrad bedeutet damit zum einen eine von der Medienlogik geprägte Interaktionskultur im Handlungssystem und zum anderen ein stetiges „Aufrüsten“ des Subsystems Publicity im interagierenden System (vgl. Esser 2002b).

2.2 Medialisierung der Politik

2.2.1 Das politische Kommunikationssystem

Die Subsysteme der politischen Kommunikation sind einerseits die politische Publicity (Politiker, politische PR, Werbe- und Kommunikationsberater) und andererseits der politische Journalismus (Reporter, Moderatoren, Korrespondenten). Diese formen das politische Kommunikationssystem (vgl. Pfetsch 2003a, S. 399). Die Akteure beider Subsysteme verfolgen bei ihren wechselseitigen Interaktionen in diesem Handlungssystem jeweils bestimmte Interessen und sind zunächst der Logik ihres Muttersystems verpflichtet.

Politiker sind generell am Erwerb und Erhalt von Macht interessiert, für ihre Organisation und/oder für sich selbst. Zudem sind Politiker als Teil des politischen Systems an der Herstellung und Vermittlung allgemein verbindlicher Entscheidungen beteiligt. Um dieses Ziel zu erreichen sind die Politiker auf die Massenmedien zur Vermittlung und Legitimation angewiesen – sowohl nach außen (Wahlbürger) wie auch zunehmend nach innen (Parteibasis). Da auch zum Erhalt von Macht innerhalb der Organisation öffentlichkeitswirksame Aspekte ausschlaggebend sind, bemühen sich Politiker um Publicity für sich und ihre Themen mit der Folge, dass sie ihre Botschaften und ihr Verhalten der Medienlogik anpassen (vgl. Jarren & Donges 2002b, S. 163ff.).

Akteure der politischen PR sind dagegen nicht von vornherein und unmittelbar am Erwerb und Erhalt politischer Macht interessiert. Ihre berufliche Karriere ist aber oft eng mit der eines politischen Amts- oder Mandatsträgers verbunden, so dass sie an dessen Erfolg partizipieren. Sie sind mit der Logik des Mediensystems und den Beobachtungs- und Selektionsregeln der Journalisten vertraut, oft handelt es sich um ehemalige Journalisten. Diese Vertrautheit mit dem Mediensystem macht den Wert der PR-Experten für den Politiker aus, da die Medienberichterstattung für ihn und seine Organisation einen großen Unsicherheitsfaktor darstellt.[5] Dieser Unsicherheitsfaktor soll durch gezielte Thematisierungs- bzw. Dethematisierungsstrategien minimiert werden (vgl. ebd., S. 166). Dazu gehören vor allem strategische Kommunikationsmaßnahmen wie Strategisches Agenda Setting (bei dem Themen kontrolliert verfügbar gemacht oder öffentlich inszeniert werden), Strategisches Priming (bei dem nur solche Themen und Botschaften kommuniziert werden, die den Politikern einen Vorteil bringen und über die sie bewertet und definiert werden wollen) und Strategisches Framing (bei dem politische Botschaften in einem sorgsam strukturierten Rahmen präsentiert werden , der eine bestimmte „richtige“ Interpretation nahe legt), (vgl. Esser 2003b, S. 2).

Die politischen Journalisten sind auf der anderen Seite zuvorderst der Funktion des Mediensystems unterworfen, d.h. der Selektion, Produktion und Publikation von öffentlich-kommunikationsrelevanten Themen. Aufgrund der Konkurrenz zwischen den einzelnen Medien und zwischen den Journalisten sind sie auf möglichst exklusive und aktuelle Informationen aus dem politischen System angewiesen. Daher müssen sie sich in ihren formalen und informellen Interaktionen mit den Akteuren des politischen Systems an die Politiklogik anpassen (vgl. Esser 2003b; Jarren & Donges 2002b, S. 165).

2.2.2 Politische Kommunikationskultur

Der Austausch und die Interaktionen zwischen den einzelnen Akteuren innerhalb des Handlungssystems „politische Kommunikation“ werden über ein Set von Einstellungen und Normen geregelt – die „politische Kommunikationskultur[6] “ (vgl. Pfetsch 2003a. S 397). Die empirische Analyse verschiedener nationaler politischer Kommunikationskulturen ermöglicht einen internationalen Vergleich der Medialisierung politischer Kommunikationssysteme, wenn die nationalen politischen Strukturbedingungen angemessen berücksichtigt werden (vgl. Pfetsch 2003a. S. 406ff.).

Pfetsch unterscheidet (ebd., S. 405f.) grob vier verschiedene Typen der politischen Kommunikationskultur:

In der medienorientierten politischen Kommunikationskultur existieren keinerlei soziale Mechanismen – wie persönliches Vertrauen oder Wertschätzung – zwischen den Akteuren beider Subsysteme, es herrscht eine große Distanz. Daher müssen die politischen Sprecher die Regeln der Medienlogik akzeptieren, um überhaupt in der Lage zu sein, ihre Botschaften in den Medien unterzubringen. Eine solche Situation ortet Pfetsch weitgehend in den USA (vgl. ebd., S. 410f.).

Die PR-orientierte politische Kommunikationskultur basiert auf den gegenseitig akzeptierten Vereinbarungen zwischen den Akteuren, dass politische Botschaften nach den Spielregeln der Massenmedien erstellt werden. Soziale Nähe und politischer Konsens zwischen Journalisten und politischen Sprechern stützen diese Vereinbarungen. Als mögliches nationales Beispiel könnte die Bundesrepublik Deutschland angeführt werden (vgl. ebd., S. 411f.).

Bei der (Partei-)politischen Kommunikationskultur bestimmt die Logik des politischen Systems die Kommunikationsbeziehungen. Durch enge soziale oder politische Beziehungen zwischen politischen Sprechern und Journalisten ist es für die politische PR relativ leicht, ihre Themen und Meinungen in den Massenmedien zu lancieren und das Timing der Berichterstattung zu bestimmen. Eine solche Kommunikationskultur lässt sich laut Pfetsch in der Schweiz ausmachen (vgl. ebd., S. 412f.).

In der strategischen politischen Kommunikationskultur dominiert die politische Logik, bei gleichzeitig großer Rollendistanz zwischen Journalisten und politischen Sprechern. Dies führt zu einer Kommunikationskultur, in der die politischen Sprecher zu

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

strategischen Maßnahmen greifen müssen, um ihre Botschaften kommunizieren zu können. Dabei wird die politische Öffentlichkeitsarbeit als „strategische politische Ressource“ (ebd., S. 405) begriffen und das technische Wissen über die Produktion und die

Wirkung politischer Botschaften für die spezifischen, kurzfristigen Ziele der politischen Elite eingesetzt. Die politischen Sprecher versuchen, die Medien mit deren eigenen

Schaubild 2: Typen der politischen Kommunikationskultur. Aus: Pfetsch (2003a, S. 404).

Spielregeln zu instrumentalisieren, um ihre Ziele zu erreichen. Eine diesem Modell entsprechende Kommunikationskultur vermutet Pfetsch z.B. in Italien (vgl. ebd., S. 414f.).

Als wichtigen Aspekt der Medialisierung hebt Pfetsch (2003a) die soziale oder politische Distanz zwischen den Akteuren im Kommunikationssystem hervor. Je größer diese sei, desto eher müsse sich die Politik der Medienlogik anpassen.

2.2.3 Medialisierung der Politik in Deutschland

Meyer (2001, 2002) sieht die Politik in der Bundesrepublik Deutschland schon völlig den Regeln des Mediensystems unterworfen und spricht von der „Kolonisierung der Politik durch die Medien“. In der „Mediokratie“ – damit meint er die medialisierte Demokratie – unterwerfe sich die Politik dem Inszenierungsdruck und den Regeln der Medien und liefere sich selbst deren Bedingungen aus (Meyer 2001., S. 200). Zudem nehme die Bedeutung der Parteien in dem Maße ab, in dem sich einzelne Spitzenpolitiker oder die Regierung der extrem kurzen medialen Produktionszeit unterwerfen und an der Parteibasis vorbei ihre Politik in den Medien präsentieren (vgl. Meyer 2002, S. 11ff.).

In einer vergleichenden Befragung politischer Sprecher und politischer Journalisten in Deutschland und den USA zeigte Pfetsch (2000, 2003b) auf, dass das politische Kommunikationssystem hierzulande „kulturell“ noch stärker von der Politik- als von der Medienlogik beherrscht ist, in den USA bestimmt dagegen die Medienlogik die politische Kommunikation. Dafür verantwortlich sind Pfetsch zufolge „strukturelle“ Aspekte des Politik- und Mediensystems in beiden Ländern, unter anderem die Stellung der Parteien in der Gesellschaft sowie die Struktur und politische Orientierung der Medien. Von einer „Kolonisierung“ der Politik durch die Medien kann demnach wohl nicht gesprochen werden.

Das politische Kommunikationssystem in Deutschland hat sich jedoch seit dem Befragungszeitraum der Studie Anfang der 1990er-Jahre strukturell stark verändert. Mit dem Umzug von Bonn nach Berlin wuchs auch der Medialisierungsgrad im politischen Kommunikationssystem, die Medienlogik hat als Handlungsorientierung an Einfluss gewonnen. Dieser gestiegene Medialisierungsgrad zeigte sich u.a. im Wahlkampf 2002, der stark durch die Übernahme von Elementen aus der amerikanischen Wahlkampfkampagnen-Technik geprägt war: So gab es erstmals TV-Duelle der Kanzlerkandidaten von SPD und CDU, erstmals gab eine deutsche Tageszeitung eine explizite Wahlempfehlung ab und beide großen Volksparteien ließen ihren Wahlkampf aus professionell organisierten Wahlkampfzentralen steuern, dies selbst in aller Öffentlichkeit agierten. So gehörte es zur Kommunikationsstrategie, Berichte über die Wahlkampfführung als solche zu lancieren (vgl. Esser 2003b). Von einem Trend zur „Amerikanisierung“ und Medialisierung der deutschen Politik zu sprechen, scheint also nicht ganz abwegig.

[...]


[1] Der ebenfalls oft benutzte Terminus „Mediatisierung“ (engl. „mediation“) wird hier nicht verwendet, da er in dreifacher Hinsicht missverstanden werden kann. Erstens bezeichnet er die Aufhebung der Reichsunmittelbarkeit eines weltlichen Reichsstandes durch den Reichsdeputationsausschuss und dessen territoriales Aufgehen in einem anderen Reichsstand des Heiligen Römischen Reiches zu Beginn des 19. Jhd. und ist somit schon belegt (hier irrt Schulz (2003, S. 465), da er von der „Herstellung der Reichsunmittelbarkeit“ spricht). Zweitens besteht die Gefahr der Verwechslung mit dem phonetisch ähnlichen Begriff „Mediation“, d.h. die Konfliktlösung durch Einschalten einer neutralen Instanz. Drittens wird der Begriff in der Systemtheorie bei der Modellierung demokratischer Prozesse zur Unterscheidung von Vermittlungssystemen verwendet, zu denen Parteien, Interessengruppen und vielfach auch die Massenmedien gezählt werden. (vgl. Schulz 2003, S. 465).

[2] Akteure sind Personen oder Personengruppen, die nicht vorrangig individuell und privat handeln, sondern stellvertretend, zumeist im Auftrag von sozialen Gruppen, einzelnen Organisationen oder für ganze Organisationseinheiten handeln (vgl. Jarren & Donges 2002a, S. 61).

[3] Die Grundlage für die Verbindung von system- und akteurstheoretischen Erklärungsansätzen, der auch die vorliegende Arbeit folgt, haben Otfried Jarren und Patrik Donges (2002a, 2002b) ausgearbeitet.

[4] Handlungssysteme sind hochflexible, jedoch stabile Formen von Organisationen, die strukturbildend wirken, weil in ihnen norm- und regelgeleitet interagiert wird. Sie gewinnen dadurch ein gewisses Maß an Eigensinn bzw. Autonomie. Handlungssysteme vermitteln zwischen der Mikro- und der Meso-Ebene (Rolleninhaber – Organisation) und stellen zugleich auf der Makroebene auch den funktionalen Bezug zwischen zwei Systemen her. (vgl. Jarren & Donges 2002b, S. 147, S. 158).

[5] Zentrales Problem von PR-Experten ist, dass die Interaktion zwischen Journalisten und Politikern nicht zwingend und ausschließlich über sie vermittelt werden müssen, sondern Journalisten und Politiker auch direkt miteinander in Kontakt treten können. Daher ist ein zentrales Ziel in der Arbeit der PR-Experten, die Relevanz ihrer Arbeit und ihre Unverzichtbarkeit im politischen System zu untermauern.

[6] Der von Pfetsch verwendete Begriff von „Kultur“ hat nur wenig mit der üblichen Semantik von Kultur als Einheit der geistigen und künstlerischen Ausdrucksformen einer Gesellschaft zu tun, sondern bezieht sich in der Hauptsache auf die empirisch beobachtbaren Normen und Regeln, die die Interaktion von gegenseitig voneinander abhängigen Akteuren in einer Beziehung regeln .

Details

Seiten
27
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638267038
ISBN (Buch)
9783638648059
Dateigröße
782 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23613
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Publizistik
Note
1,3
Schlagworte
Medialisierung Gesellschaft Fallstudie Medien Terrorismus Klärung Konzepts

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Titel: Medialisierung der Gesellschaft - Fallstudie Medien und Terrorismus