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Zur Funktion des Wartens in Franz Kafkas "Das Schloß" und "Vor dem Gesetz"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Warten im Schloß-Fragment
2.1 Warten und Macht
2.1.1 Das Warten auf Klamm
2.1.2 Das Warten der Familie des Barnabas
2.1.3 Warten und Warten lassen
2.1.2 Die Leidenschaft des Wartens
2.3 Das Warten auf Wahrheit

3. Das Warten „[v]or dem Gesetz“

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Literatur

1. Einleitung

Obwohl Zeit immer schon zu den herausragenden Interessenfeldern der Literaturwissenschaft und Philosophie gehörte, gewinnen Zeitbeobachtung und Zeitreflexion in den wissenschaftlichen Diskursen des 20. Jahrhunderts eine besondere Bedeutung.[1] Im Zuge naturwissenschaftlicher, vor allem physikalischer Entdeckungen, insbesondere die der Relativität der Zeit durch Albert Einstein, kommt es zur endgültigen Auflösung der traditionellen Vorstellung von Zeit als einer universalen, homogenen und gleichsam objektiven Größe. Bedingt durch die zunehmende Industrialisierung und die fortschreitende Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft, lässt sich auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene eine erhöhte Aufmerksamkeit und Sensibilisierung gegenüber Zeitphänomenen beobachten.[2] So ist es das erklärte Ziel moderner Philosophen wie Henri Bergson oder Paul Valéry die „Brüchigkeit einer ehemals angenommenen homogenen Zeiterfahrung offenzulegen, die in ontologischen, religiösen oder transzendentalen Denksystemen angesiedelt und durch diese verbürgt war.“[3]

Während das Problem der Zeit in der Forschung immer wieder in Angriff genommen wird, beschränken sich die Untersuchungen zum Warten, der wohl intensivsten Zeiterfahrung, auf eine überschaubare Anzahl an Veröffentlichungen. Dieses Defizit ist durchaus erstaunlich, beschäftigen sich doch eine Vielzahl an Autoren der Moderne mit diesem Phänomen. So schreibt etwa Friedrich Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“, dass „in allen Winkeln der Welt [...] Wartende [sitzen], die es kaum wissen, in wiefern sie warten, noch weniger aber, dass sie umsonst warten.“[4] „Glücksfälle“, so meint er, seien dazu nötig, dass „ein höherer Mensch [...] noch zur rechten Zeit zum Handeln kommt...“.[5] Allein das langwierige Warten auf den richtigen Zeitpunkt zum Handel verhindere, so Nietzsche, das schöpferische Tätigwerden. Ganz anders beurteilt Siegfried Kracauer das Warten. In seinem 1922 erschienenen Essay „Die Wartenden“ konstatiert er, dass dem fortschrittlichen, aufgeklärten Menschen, der in seinem Innersten jedoch an dem „Vertriebensein aus der religiösen Sphäre“[6] und der zunehmenden Vereinzelung leidet, zwischen einem zynischen Skeptizismus und einer ungeduldigen, blinden Flucht in die Religion allein die Haltung des Wartens bliebe. Kracauer beschreibt dieses Warten als ein „zögerndes Geöffnetsein“[7], durch welches ein auf diese Weise Wartender unter Umständen tatsächlich „auf dem einen oder anderen Weg die Erfüllung findet.“[8] Unter den Wartenden seien aber vornehmlich jene Menschen in Betracht zu ziehen, „die nach wie vor heute noch vor verschlossenen Türen harren, die also, wenn sie das Warten auf sich nehmen, jetzt und hier Wartende sind.“[9]

Türen spielen auch im Werk des Prager Autors Franz Kafka eine wichtige Rolle, und auch die vor ihnen Wartenden vermuten zumeist Macht, Erkenntnis oder doch zumindest eine gewisse Art der Wahrheit hinter diesen Eingängen. Doch wird bei Kafka nicht nur auf Zutritt gewartet, vielmehr ist die Haltung des Wartens, wie sich zeigen wird, konstitutiv für eine Vielzahl an Situationen in dessen erzählerischem Werk.

Ziel dieser Arbeit ist eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Motiv des Wartens, wie Kafka es in dem 1922 begonnenen Romanfragment „Das Schloß“ und der 1914 entstandenen Erzählung „Vor dem Gesetz“ thematisiert. Dabei soll zunächst nach der Autorität gefragt werden, welche im Schloß die Bedingungen kreiert und legitimiert, unter und nach denen die Figuren Kafkas warten. Dabei soll vor allem erläutert werden, was für eine Funktion das Warten für die einzelnen Romangestalten hat. In einem zweiten Schritt geht es um das Warteverhalten der weiblichen Figuren der Dorfgemeinschaft im Schloß -Roman. Daran anschließend soll das Problem des Wartens auf Wahrheit besprochen werden. Dabei soll die Frage diskutiert werden, warum gerade Briefe, Botschaften und Protokolle einen solch hohen Stellenwert bei der Dorfgemeinschaft im Schloß einnehmen. Warum der Mann vom Lande gleich sein ganzes Leben vor dem Eingang zum Gesetz verwartet, wird Gegenstand des letzten Kapitels sein.

2. Warten im Schloß -Fragment

2.1 Warten und Macht

Der Zusammenhang zwischen Warten und Macht scheint offensichtlich: mittels seiner anerkannten Autorität ist es dem Mächtigen möglich, den von ihm Beherrschten warten zu lassen, sowie die Dauer und den Ort des Wartens festzulegen. Nun mangelt es an Mächtigen im Schloß scheinbar nicht, und die unreflektierte Akzeptanz dieser Autoritäten gehört fast schon zum Charakterbild der Dorfbewohner. Schon ihr Äußeres suggeriert diese widerstandslose Unterwürfigkeit, so fallen der Perspektivfigur K. bereits am zweiten Tag seines Aufenthaltes im Dorf die „förmlich gequälten Gesichter“[10] der Bauern auf: „...der Schädel sah aus, als sei er oben platt geschlagen worden, und die Gesichtszüge hatten sich im Schmerz des Geschlagenwerdens gebildet...“.[11] Da ständiges Verhörtwerden zur sozialen Praxis des Dorflebens gehört, hoffen diese Dorfbewohner gegen Ende des Romans sogar ernstlich darauf, dass „gegenüber dem Herrenhof ein Gebäude aufgeführt werde, in welchem die Partein warten könnten.“[12] Langes Warten wird also, angesichts der erhofften Hilfe von Seiten der Beamten, durchaus bereitwillig in Kauf genommen. Der Wert des ersehnten Beistandes scheint das lange Wartenmüssen zu legitimieren.

Auch der Zugereiste K. stellt die etablierte Machtordnung der Schlosswelt nicht in Frage, trotzdem scheint er gekommen zu sein, um einen Kampf mit ihr aufzunehmen und die von ihm aufgebrachten Anstrengungen lassen auf ein bedeutsames Ziel schließen. Glaubt man Michael Müller, so ist der Grund für K.s Mühen in dessen Streben nach der Ausnahmestellung, seinem Drang nach Erhöhung zu suchen: „K. hat sich Klamm und das Schloß zum Feind erkoren, um durch den Kampf mit diesem Gegner zum Größten zu werden – oder zumindest zu jemandem, der größer ist als die Mitmenschen.“[13] Dieser Interpretation ist auf den ersten Blick durchaus zuzustimmen, insbesondere, wenn man sich K.s Kindheitserinnerung von der triumphalen Mauerbesteigung vergegenwärtigt. An diesem Tag werden seine ehrgeizigen Pläne zum ersten Mal belohnt, er ist seinen Kameraden überlegen, er kann sie besiegen: „...niemand war jetzt und hier größer als er...“.[14] Auch K.s zwielichtige Ankunft im Dorf und sein widersprüchliches Gespräch mit dem Schlossangestellten Schwarzer bestätigen die Deutung Müllers. Schon in diesem ersten Dialog wird deutlich, dass es sich bei K. um keine vollkommen integre Person handeln kann. So gibt er zunächst vor, von einem Schloss nichts zu wissen („Ist denn hier ein Schloß?“[15]), nur um dann einige Augenblicke später Schwarzer zu belehren: „Daß es jetzt zu spät war im Schloß mich zu melden, wußte ich schon aus Eigenem...“.[16] Überdies behauptet er ein vom Grafen beauftragter Landvermesser zu sein, doch der Text enthält genügend Hinweise, die den Leser an dieser Behauptung zumindest zweifeln lassen.[17] Kurz erwähnt er auch „Frau und Kind“[18] die er in der Heimat zurückgelassen hat, doch von denen ist später nie wieder die Rede und auch die angeblich nachkommenden Gehilfen werden niemals im Dorf erscheinen.

Doch die Lesart Müllers ist nicht ohne weiteres auf den ganzen Roman anwendbar, denn im Laufe der Handlung erschöpft sich der Kampfgeist K.s zusehends, seine Pläne werden bescheidener. Spricht er anfänglich noch von den „gefürchteten Folgen des Untergeordnetseins, des Arbeiterseins“,[19] bekennt er Olga gegenüber später, dass er nunmehr nur noch „heiraten und Gemeindemitglied werden“[20] will, und als Pepi ihn gegen Ende des Romans den „womöglich [...] Allergeringsten“[21] nennt, weist er diese Einschätzung schon gar nicht mehr zurück. Einen entscheidenden Rückschlag haben K.s Bemühungen nach einer Phase des intensiven Wartens erfahren.

2.1.1 Das Warten auf Klamm

Im Gegensatz zum bloßen passiven Warten impliziert die Haltung des Erwartens eine Gerichtetsein auf ein Ziel, ein richtungsbestimmtes Streben. Zu Anfang des Kapitels „Das Warten auf Klamm“ orientiert sich das Warten K.s an solch einem konkreten Ziel: den Ratschlägen und Mahnungen Friedas und der Brückenhofwirtin zum Trotz sind K.s Bemühungen ganz auf den Schlossbeamten Klamm gerichtet, sein Ziel ist es, „frei vor einem Mächtigen“[22] zu sprechen. Zu diesem Zweck kehrt er nochmals in den Herrenhof zurück und nachdem er vom neuen Ausschankmädchen Pepi erfahren hat, dass Klamms Schlitten auf dem Hof für dessen Abfahrt bereit steht, wähnt er sich seinem Ziel schon sehr nahe und hastet „ohne eine Wort der Erklärung“[23] auf den Hof.

Doch sein demütig-petitives Warten wird nicht belohnt, obwohl er zunächst vom Kutscher die Erlaubnis erhält, in den Schlitten zu klettern, um von dort eine Flasche Kognak herauszureichen. Das Innere dieses Gefährts entspricht wohl ganz und gar den Erwartungen K.s. vom Inneren der Macht: „Man wußte gar nicht, ob man auf einer Bank saß, so sehr lag man in Decken, Pölstern und Pelzen; nach allen Seiten konnte man sich drehn und strecken, immer versank man weich und warm.“[24] Das Gefühl des Geborgenseins, der Wärme, des Wohlbehagens und der inneren Zufriedenheit überwältigen K., nur vage wird ihm bewusst, „daß er in seiner jetzigen Lage von Klamm lieber nicht gesehen werden sollte.“[25] Was K. während der Zeit dieses Wohlgefühls allerdings nicht bewusst wird, ist, dass das unter Umständen tatsächlich die Machtmittel der “Mächtigen“, die “Inhalte“ der Macht sein könnten: ein wenig Wohlgefühl vermittelnder Pelz und natürlich Rauschmittel, die sich bezeichnenderweise zuhauf in den Seitentaschen des Schlittens befinden. Der lieblich-schmeichelnde Geschmack des Alkohols erinnert K. an „Lob und gute Worte“,[26] bei denen man „gar nicht genau weiß, um was es sich handelt und es gar nicht wissen will und nur glücklich ist in dem Bewußtsein, daß er es ist, der so spricht.“[27] Erkenntnisvermögen und Denkkraft werden zu Gunsten eines trügerischen, aber fast ohne jede Anstrengung zu habenden Wohlbefindens eingetauscht und die Verantwortung für die eigene Existenz einem „mächtigen“ Zweiten übertragen. Doch schnell wird K. auch wieder aus diesem Urbehagen herausgerissen, und ein Herr informiert ihn: „Sie verfehlen ihn auf jeden Fall ob Sie warten oder gehn...“,[28] doch dieser endgültig erscheinenden Auskunft kann sich K. nicht fügen, er wartet weiter, als ob es etwas zu erwarten gäbe: „Dann will ich ihn lieber beim Warten verfehlen...“.[29] Das zielgerichtete Erwarten Klamms ist zum trotzigen Verhaaren geworden, zum sinnentleerten Nicht-von-der-Stelle-Kommen. Dennoch erscheint K. die Haltung des Wartens zunächst wohl immer noch die günstigere Option, müsste er sich sonst doch die Sinnlosigkeit all seines Strebens eingestehen. Wenn er sich schon demütig in die Haltung des Wartenden begibt, so glaubt er, muss der Erwartete doch auch die Mühe wert sein.

[...]


[1] Vgl. etwa die umfangreiche Studie von Annette und Linda Simonis (Hg.): Zeitwahrnehmung und Zeitbewußtsein der Moderne. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2000. Vgl. auch: Ernst Wolfgang Orth (Hg.): Studien zum Zeitproblem in der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Freiburg, München: Alber 1982.

[2] Linda und Annette Simonis: Einleitung. Moderne als ’Zeitkultur’. In: Zeitwahrnehmung und Zeitbewußtsein der Moderne. S. 7-29.

[3] Ebd., S. 19.

[4] Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. Stuttgart: Reclam 1988. (=UB 7114). S. 204f.

[5] Ebd.

[6] Siegfried Kracauer: Die Wartenden. In: ders.: Schriften. Hg. v. Inka Mülder-Bach. Frankfurt: Suhrkamp 1990. S. 161.

[7] Ebd., S. 168.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Franz Kafka: Das Schloß. Stuttgart: Reclam 1996 (=UB 6978). S. 28.

[11] Ebd.

[12] Ebd., S. 258.

[13] Michael Müller: Das Schloß (1). In: Text und Kritik. Franz Kafka. Hg. v. Heinz Ludwig Arnold. München: Edition Text und Kritik 1994. S. 237.

[14] Franz Kafka: Das Schloß. S. 35.

[15] Ebd., S. 8.

[16] Ebd., S. 9.

[17] Die Frage ob K. Landvermesser ist, wurde in der Forschung ausführlich besprochen. Eine detaillierte Zusammenstellung von Argumenten, die beweisen, dass K. kein Landvermesser ist, gibt Michael Müller: Das Schloß (2). In: Franz Kafka. Romane und Erzählungen. Hg. von ders. Stuttgart: Rec

[18] Franz Kafka: Das Schloß. S. 11.

[19] Ebd., S. 40.

[20] Ebd., S. 214.

[21] Ebd., S. 315.

[22] Ebd., S. 57.

[23] Ebd., S. 110.

[24] Ebd., S. 112.

[25] Ebd.

[26] Ebd.

[27] Ebd.

[28] Ebd., S. 114.

[29] Ebd.

Details

Seiten
26
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638266475
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23543
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Funktion Wartens Franz Kafkas Schloß Gesetz Kafka

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