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Das Motiv des Traums bei Christa Wolf in: Kassandra, Kindheitsmuster, Nachdenken über Christa T. und Unter den Linden.

Hausarbeit 1997 31 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALT

1 Einleitung

2 Kassandra: Vier Vorlesungen und eine Erzählung.
2.1 “Kassandra“: Vier Vorlesungen und eine Erzählung
2.2 Die Seherin: Kassandras Prophezeiungen
2.3 Die Traumdeuterin: Funktion und Deutungen der Träume in “Kassandra“
2.4 “Vorlesungen I-IV“: Vorarbeit zur Erzählung
2.5 Erzähltechniken und die Funktion der Traumsequenzen

3 “Kindheitsmuster“ : Träume, und Bezüge zu “Kassandra“
3.1 Einführende Überlegungen zu Fragestellungen und Problemen
3.2 Traumsequenzen und Deutungsvorschläge
3.2.1 Thema: Schwierigkeiten mit dem Erinnerungsprozeß
3.2.2 Thema: Tabuverletzungen
3.2.3 Thema: Glauben und Nichtglauben

4 “Nachdenken über Christa T.“ und “Unter den Linden“
4.1 Vorstellung der Christa T.: Eine Prophezeiung
4.2 “Nachdenken ...“ Die Träume und mögliche Deutungen
4.3 “Unter den Linden“: Eine Traumerzählung

5 Der Traum als Arbeitstechnik bei Christa Wolf im Vergleich der untersuchten Texte

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Schweig still!

Wir wissen, daß du deine Seherkunst verstehst.

Aber wir brauchen keine Prophetie:

Hier nicht !“ (VL, 17)

Kassandra, die Seherin: Sie ‘sieht’ die Zukunft, weil sie die Gegenwart schmerzhaft deutlich wahrnimmt und die Vergangenheit kennt. Vor den Toren Mykenes erinnert sie sich ihres Lebens, in den Stunden vor ihrem Tode will sie ihr Vermächtnis hinterlassen: Erinnern. Doch Erinnern ist ein gefährliches Unternehmen und das Gedächtnis ein schwankender Boden.

Sich Erinnern - dies ist das Motiv der Erzählerinnen in den Werken Christa Wolfs, die ich untersuchen möchte: "Kassandra" , "Kindheitsmuster ", "Nachdenken über Christa T." und die Erzählung "Unter den Linden" . Vier Frauen versuchen, zu ihrem ICH zu finden, ihre Identität zu entdecken. Sie sind getrieben von dem Willen, ja, Zwang, sich zu erinnern, zu deuten, zu berichten. Sie benennen ihre Erfahrungen. Sie geben ihre Geschichte weiter, um so im Gedächtnis erhalten zu bleiben, vielleicht sogar, um ‘unsterblich’1 zu werden.

Sie alle wollen Zeuge sein, und sie alle müssen lernen, daß das Erinnern ein schwieriger, waghalsiger Versuch ist, der Verantwortung fordert, aber auch die Fähigkeit, Zweifel zu ertragen. Ich möchte diesen Prozeß nachzeichnen, die verschiedenen Werke Christa Wolfs vergleichen, Spuren und Muster in ihnen entdecken.

Mein Hauptaugenmerk soll dabei einem Motiv gelten, das eng mit der Figur der Kassandra verbunden ist und sich durch alle genannten Werke zieht: Ich möchte das Motiv des Traumes untersuchen, das mir eine wichtige, wenn auch beim ersten Lesen schwer einzuordnende Funktion zu haben scheint.

Kassandra, die Seherin , die die Zukunft aus Träumen liest, die Erzählerin in Kindheitsmuster, die versucht, sich dem Kind zu nähern, das sie einmal gewesen ist, die Freundin der Christa T. , die die Verstorbene im Gedächtnis weiterleben lassen will und die junge Studentin, die in einem Traum zu sich selber findet, sie alle werden begleitet von ihren Träumen. Ich möchte versuchen, der Funktion dieser Träume auf die Spur zu kommen, sie einzubetten in Muster, die die Texte durchziehen .

Zuerst werde ich mich mit der "Kassandra"-Erzählung und den sie begleitenden Vorlesungen auseinandersetzen, ich möchte die Wurzeln und Motivationen der Wolf´schen Interpretation darstellen und die Träume auf ihre Funktion für die Erzählung untersuchen. Danach will ich versuchen, die Träume in "Kindheitsmuster" zu deuten und in den Roman einzuordnen, ich werde aber auch auf Bezüge zu "Kassandra" eingehen und die Traummotivik in Verbindung zu bringen versuchen. Im dritten Teil der Untersuchung möchte ich den Roman "Nachdenken..." und die Erzählung "Unter den Linden" auf eine ähnliche Weise analysieren und auf die Querverbindungen zwischen ihnen und insbesondere zu "Kassandra" aufzeigen. Ich meine, man kann das Motiv des Traumes bei Christa Wolf als eine spezifische Arbeitstechnik bezeichnen, die zu deuten einen nicht unwesentlichen Teil des Gesamtverständnisses ausmacht. Ich möchte versuchen, eben jene Funktion der Träume zu beschreiben und mögliche Verallgemeinerungen zu erarbeiten. Ich gehe einem Verdacht nach und ich hoffe, ihn im Laufe der Arbeit fassen zu können.

2 Kassandra: Vier Vorlesungen und eine Erzählung.

2.1 “Kassandra“: Vier Vorlesungen und eine Erzählung

Der Name Kassandra hat einen weitverbreiteten schlechten, düsteren, unheilbringenden Ruf: Unglücksbotin, Schwarzseherin. Was sie vorhersagte, trat ein. Sie sprach nur von Unglück. Doch es gab neben ihr auch noch andere Seher: Der Priester Laokoon zum Beispiel, der gleichfalls die Troer vor dem hölzernen ‘Pferd’ der Griechen gewarnt hatte, der auch den Untergang voraussagte. „Wieso also nicht ‘Laokoon - Ruf’ ?“ (VL, 101) , fragt Christa Wolf. Die Fragen, die sie an die Mythologie stellt, zielen auf die Menschen: „Mein Anliegen bei der Kassandra-Figur: Rückführung aus dem Mythos in die (gedachten) sozialen und historischen Koordinaten.“ (VL, 129) Dabei kommt sie unweigerlich zur Grundfrage jeder Überlieferung , „Wer war Kassandra, ehe irgeneiner über sie schrieb ?“ (VL,147). Der Mythos der Kassandra besteht aus unzähligen Schichten von Überlieferungen, Ideologien, auch aus spezifisch männlicher Geschichtsbetrachtung und damit nötigerweise auch Interpretation - wer sonst hat denn Geschichte geschrieben ! Laut der Überlieferung soll Kassandra die ‘Sehergabe’ vom Sonnengott Apollon, dem Gott der Seher und Musen, bekommen haben, doch ist diese Gabe mit dem schlimmsten Fluch belegt, den es für einen Propheten geben kann: Man wird ihr nicht glauben. Dies verhängte der in seiner Eitelkeit gekränkte Gott, weil Kassandra sich ihm nicht als Frau hingegeben hat. Eine ältere Überlieferunge spricht davon, daß nicht nur sie als einzige die Sehergabe hatte, sondern auch ihr Bruder Helenos, der wie seine Schwester von den heiligen Schlangen am Ohr geleckt worden sei. Bei Christa Wolf (C.W.) sind beide Versionen enthalten. Die entscheidende Begegnung mit Apollon findet im Traum statt: „Der Traum die Nacht zuvor kam ungerufen, und er hat mich sehr verstört. Daß es Apollon war, der zu mir kam, sah ich gleich, trotz der entfernten Ähnlichkeit mit Panthoos, von der ich kaum hätte sagen können, worin sie bestand. Am ehesten im Ausdruck seiner Augen, die ich damals noch ‘grausam’, später, bei Panthoos - nie wieder sah ich Apoll ! - nur ‘nüchtern’ nannte. Apollon im Strahlenkranz, wie Panthoos ihn mich sehen lehrte. Der Sonnengott mit der Leier, blau, wenn auch grausam, die Augen, bronzefarben die Haut. Apollon, der Gott der Seher. Der wußte, was ich heiß begehrte: die Sehergabe, die er mir durch eine eigentlich beiläufige, ich wagte nicht zu fühlen: enttäuschende Geste verlieh, nur um sich mir dann als Mann zu nähern, wobei er sich - ich glaubte, allein durch meinen grauenvollen Schrecken - in einen Wolf verwandelte, der von Mäusen umgeben war und mir wütend in den Mund spuckte, als er mich nicht überwältigen konnte.“ (Kass, 195 f) Dieser Traum wird ihr durch Marpessa, ihre Dienerin , gedeutet: „Sie es ja gewesen[...], die mir den Scchlüssel für meinen Traum und für mein Leben in die Hand gab. Wenn Apollon dir in den Mund spuckt, sagte sie mir feierlich, dann bedeutet das: Du hast die Gabe, die Zukunft vorauszusagen. Doch niemand wird dir glauben.“ (Kass, 204) Doch Kassandra ist nicht nur eine vom Gott Auserwählte, sondern sie hat sich selbst für dieses Amt entschieden, sich nichts sehnlicher gewünscht, als Priesterin zu werden. Warum, fragt C.W. , will sie Seherin werden, einen Männerberuf ergreifen (der übrigens erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit von den Männern beherrscht wurde), warum unterwirft sie sich einem männlichen Gott wie Apollon ? „Was will sie denn: unsterblich sein ? Als Frau ? Woran erinnert sich der Grieche dunkel, wenn er solche Frauen schafft ?“ (VL, 25) Hier tut sich der tiefe Abgrund auf zwischen der Kassandra der griechischen Mythologie und dieser tragischen, zweiflerischen, sozial scharf sehenden , distanzierten Figur bei C. W.: Auf der einen Seite die Seherin, wie Männer sie schufen, auf der anderen Seite eine selbstbewußte Frau , die an sich selbst genauso zweifelt - und verzweifelt - wie an der Welt um sie herum. Dazwischen liegt die Erklärung für ihre Unfähigkeit, sich in die herrschenden Muster einzupassen:

„Dieser Beruf, ein Privileg, wird ihr zugeschoben: Sie soll ihn nach dem Herkommen ausfüllen. Genau dies muß sie verweigern - zuerst, weil sie auf ihre Art den Ihren, mit denen sie innig verquickt und verbunden ist, am besten zu dienen meint; später, weil sie begreift, daß ‘die Ihren’ nicht die Ihren sind.[...] Die Gesichte, von denen sie überwältigt wird, haben nichts mehr mit den rituellen Orakelsprüchen zu tun: Sie ‘sieht’ die Zukunft, weil sie den Mut hat, die wirklichen Verhältnisse der Gegenwart zu sehen.“ (VL, 112) Eben diese Fähigkeit, gepaart mit dem Zwang, das herauszuschreien, was sie sieht, wird ihr zum Verhängnis, bringt sie ins gesellschaftliche Abseits, entfremdet sie von ihrem Vater, ihrer Mutter, weil sie nun nicht mehr in eine Welt politischer Berechnung hineinpaßt. Sie sucht neue Verbündete, Freunde, auch neue Werte, die für sie noch gültig sein können . „Unter den heterogenen Gruppen im Palast und um ihn - sozial und ethnisch heterogen - findet Kassandra Anschluß an Minderheiten. Dadurch begibt sie sich bewußt ins Abseits, entledigt sich aller Privilegien , setzt sich Verdächtigungen, Verhöhnungen, Verfolgungen aus: Der Preis für ihre Unabhängigkeit.“ (VL, 112) Christa Wolf entwirft eine Gegenwelt, eine Utopie, fast möchte man sagen, eine naive Wunschvorstellung: Die Möglichkeit des Lebens im Krieg, unter Sklavinnen, einfachen Frauen, Anchises als Vaterfigur. „In die Höhlen am Skalamander. Zwischen Töten und Sterben ein Drittes: Leben. Der Satz der jungen Sklavin traf mich. Sie lebten also. Ohne mich. Sie kannten sich.“ (Kass, 302) Hier findet Kassandra Schutz, kann Kraft sammeln und Zuflucht nehmen vor Troja, der immer kriegerischeren Stadt, in der männliche Raserei endgültig das Sagen übernommen hat.

2.2 Die Seherin: Kassandras Prophezeiungen

Auf dem Namen Kassandra liegt ein Fluch. Was sie herausschreit, vorhersagt, wird wahr.Ein Schauder erfaßt die Leute, wenn sie ihren Namen hören. Doch ihre Sehergabe ist wohl nichts Übermenschliches, Göttliches, liest sie doch vielmehr aus den Gesichtern um sie herum, was passieren wird. Ist es nicht ihr Gespür für Stimmungen, Nuancen , Entwicklungen, das sie Katastrophen voraussehen läßt: Als sie den Entschluß des Paris vernimmt, sich Helena zu holen, sie zu besitzen, Menelaos herauszufordern, als „...jeder spürte, ein Maß, das bisher gültig war, wurde hier verletzt. So hatte nie ein Mitglied der Familie sprechen dürfen. Ich aber. Ich allein sah. Oder ‘sah’ ich denn ? Wie war es doch. Ich fühlte. Erfuhr - ja, das ist das Wort; denn eine Erfahrung war es , ist es, wenn ich ‘sehe’, ‘sah’ : Was in dieser Stunde seinen Ausgang nahm, war unser Untergang.“ (Kass, 241) Darauf folgt ein Anfall, sie verliert die Kontrolle und die Besinnung. (Vermutung: War Kassandra epileptisch ? Oder wozu dienten ihr diese Anfälle - könnte es nicht auch eine Form der Flucht, der Rettung vor der Verantwortung, vor der Wirklichkeit gewesen sei ? Ihre Anfälle folgen immer auf Situationen, in denen sie Tabus verletzen muß, in Zwangslagen mit starkem psychischem Streß.)

Auch bei der entscheidenden und wohl bekanntesten Szene des Untergangs Trojas, als die Griechen vorgeben, abzuziehen und nur ein hölzernes ‘Pferd’ zurücklassen, wendet sich Kassandra an die Menge: „Jetzt rächte sich, daß sie mich kaum noch kannten. Der Schauder, der an meinem Namen hing, war schon verblaßt. Die Griechen haben ihn mir wieder angehängt. Die Troer lachten über mein Geschrei. Die ist verrückt. Los, brecht die Mauer auf ! Holt doch schon das Pferd ! [...] So wie die Leute, die in irrem Taumel den Götzen in die Stadt befördern, sahn keine Sieger aus. Ich fürchtete das Schlimmste, nicht, weil ich den Plan der Griechen Zug um Zug durchschaute, sondern weil ich den haltlosen Übermut der Troer sah.[...] Jetzt verstand ich , was der Gott verfügte: Du sprichst die Wahrheit, aber niemand wird dir glauben.“ (Kass, 320) Wen jemand so lange systematisch mundtot gemacht wurde, ist es nicht weiter verwunderlich, daß man ihr nicht glaubt, wenn sie schlechte Nachrichten bringt.

Ihre letzte Prophezeiung tut sie in Mykene, wo Klytaimnestra den siegreichen Agamemnon erwartet, um ihn zu ermorden. Sie erkennt, daß die Königin mit dem heimgekehrten, alten Mann nichts mehr anfangen kann, er ihr im Wege steht, ihre Macht bedroht. „Das Lachen dieser Königin, als Agamemnon auf den purpurnen Teppich trat, ging über jeden Beweis.“ (Kass, 188) „Zehn Jahre hat sie Mykene allein regiert; hat miterlebt und dulden müssen, wie ihr Mann, der ‘sehr entschlossene’ Agamemnon, ihr liebstes Kind, die Tochter Iphigenie, der Göttin opfert, von der er dafür günstigen Wind zur Kriegsfahrt seiner Flotte erhofft; hat sich zum Mann genommen den, der ihr gefiel: Aigisthos: Soll sie wegen der Rückkehr des Gatten auf ihre Rechte verzichten ?“ (VL, 47f ) Vor diesem Hintergrund sagt Kassandra den Untergang der Feinde voraus, doch nicht aus Rachsucht . „Wer bin ich, daß ich in euch nur die Sieger, nicht auch die, die leben werden, seh. Die leben müssen, damit, was wir Leben nennen, weitergeht.Diese armen Sieger müssen für alle, die sie getötet haben, weiterleben. Ich sage ihnen: Wenn ihr aufhörn könnt zu siegen, wird diese eure Stadt bestehn. [...] - So ist, wenn Sieg auf Sieg am Ende Untergang bedeutet, der Untergang in unsere Natur gelegt ? Die Frage aller Fragen. Was für ein kluger Mann.“ (Kass, 300) Kassandra spricht damit aus, was die Prämisse Christa Wolfs in den Vorlesungen ist: Die Strategie der Siege ist schon lange nicht mehr zukunftsträchtig, selbst damals bedeutete sie den Untergang.

Doch warum konnte Kassandra solch einen klaren, distanzierten Blick auch auf ihre eigene Umgebung haben ? Wodurch hat sich die Kassandra bei C.W. schuldig gemacht, an sich selbst und an ihrem Volk ? In der Mythologie wird ihre Schuld als ihr Schicksal verstanden: „Ebendies war ja Kassandras ‘Schuld’, [...] daß sie mit ihren Prophezeiungen das Unglück erst herbeigerufen hat. Man darf ihr nicht glauben, das ist ein Gesetz, solange man nichts, vor allem nicht sich selbst, verändern kann.“ (VL, 128) Dies entspricht der antiken Vorstellung einer Schicksalsergebenheit, in der es keine individuellen aktiven Entscheidungen gibt, sondern nur eine Erfüllung des von den Göttern vorbestimmten Weges. „Doch eine andre Schuld mag ihr zu schaffen machen: daß sie imstande war, sich soweit außerhalb des eigenen Volkes zu stellen, daß sie sein unheilvolles Schicksal ‘sah’; der in den Kampf bedingungslos Verstrickte sieht ja nichts.“ (VL, 23) Die Angst vor Kassandra - denn anders kann man es wohl kaum nennen - ist die Angst des Mächtigen vor dem Schwachen, des Besitzenden vor dem, der nichts zu verlieren hat, des Siegers vor dem Besiegten. Sie alle müssen diese Stimme zum Schweigen bringen: „Schweig still ! Wir wissen , daß du deine Seherkunst verstehst. Aber wir brauchen keine Prophetie . Hier nicht !“ (VL, 17) Ist es von den Göttern verfügt , daß die Menschen ihr nicht glauben ? Dazu braucht es keine Götter, daß die Menschen sie nicht hören wollen !

2.3 Die Traumdeuterin: Funktion und Deutungen der Träume in “Kassandra“

Doch es ist nicht nur die Sehergabe, die Kassandra auszeichnet, sondern auch ihre Träume. In ihnen zeigen sich, sowohl in der Mythologie als auch bei C.W., die Voraussage von Ereignissen, Deutung von Persönlichkeiten, aber bei C.W. auch persönliche Ängste und innere Konflikte.

Einige Träume sind in die mythologische Fabel, die der Erzählung zugrunde liegt, deutend und voraussagend eingeflochten. Der Gott Apollon der klassischen Überlieferungen ist bei C.W. mit älteren Mythen verquickt. George Thomson versuchte Anfang des 20. Jahrhunderts, den Ursprung der antiken Göttergestalten im Totemkult der Clans zu begründen[1]. Danach war Apollon Lykeios ein Wolfsgott, dessen dunkle Geschichten für Kassandra durch die alte Amme Parthena zugänglich sind: „Daß dieser zwiespältige Gott der gleiche sei wie unser unanfechtbarer Apoll im Tempel, das hätte ich nie gedacht.“ (Kass, 196) Kassandra wird also zur Priesterin eines strahlenden Gottes, der aber für sie in Wolfsgestalt erscheint und von dem sie auch immer diese Wolfsgestalt vor Augen hat. Sie ist Priesterin eines Gottes, der versucht hat, sie zu überwältigen, der sie begehrte und zum Gegenstand seiner Begierde machte, der ihr Gewalt antun wollte, ein Mann-Gott. (Hier schon deutet sich an , welche Rolle Kassandra bei C.W. übernimmt: Sie ist der Prototyp für das Frauenschicksal der nächsten 2000 Jahre: Mißbraucht, benutzt, zum Objekt der Männerwelt degradiert.)

„Nicht ich, nicht du sein dürfen, sondern ‘ es’ : Objekt sein fremder Zwecke.“ (VL, 149) „Sie erfährt bis auf den Grund, was es heißt, zum Objekt fremder Zwecke gemacht zu werden.“ (VL, 137)

[...]


1 Christa Wolf spricht dieses Motiv Kassandra zu: „Was will sie denn: unsterblich sein ? Als Frau ?“ (VL, 25)

[1] Christa Wolf bezieht sich in ihren Ausführungen in den Vorlesungen auf Thomson (VL, 115)

Details

Seiten
31
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638266383
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23534
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,3
Schlagworte
Motiv Traums Christa Wolf Kassandra Kindheitsmuster Nachdenken Unter Linden Zeitgeschichte Erinnerungsprozeß

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Titel: Das Motiv des Traums bei Christa Wolf in: Kassandra, Kindheitsmuster, Nachdenken über Christa T. und Unter den Linden.