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Frauen und Sucht - Politoxikomanie als posttraumatische Belastungsstörung nach sexuellem Missbrauch

Diplomarbeit 2002 108 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1. Begriffsbestimmung und epidemiologische Grundlagen
1.1.Sucht
1.1.1.Der Suchtbegriff aus semantischer Sicht
1.1.2.Der Suchtbegriff in der Fachsprache
1.1.3.Suchtformen
1.1.3.1.Stoffgebundene Suchtformen
1.1.3.2.Stoffungebundene Suchtformen
1.1.4.Suchtkriterien
1.1.4.1.Merkmale einer physischen Abhängigkeit
1.1.4.2.Merkmale einer psychischen Abhängigkeit
1.1.5.Zusammenfassung
1.1.6.Befunde frauenspezifischer Suchtforschung
1.2.Polytoxikomanie
1.2.1.Definition von Polytoxikomanie
1.2.2.Der neue Mischkonsum
1.2.3.Polytoxikomanie und Frauen
1.2.4.Epidemiologische Grundlagen
1.3.Sexueller Missbrauch
1.3.1.Definition des Begriffs Sexueller Missbrauch
1.3.2. Psychische Folgeerscheinungen
1.3.3.Epidemiologische Grundlagen
1.4.Posttraumatische Belastungsstörung
1.4.1.Definition von Trauma
1.4.2.Definition des Begriffs Posttraumatische Belastungsstörung
1.4.3.Traumabezogene Symptomatik
1.4.4.Chronische Dissoziation bei andauerndem Missbrauch
1.4.5.Epidemiologische Grundlagen

2. Theoretische Grundlagen
2.1.Der frauenspezifische Blick auf die Sucht
2.1.1.Sucht als Mittel zur Realitätsflucht
2.1.2.Sucht als Widerstand
2.1.3.Sucht als Überlebensstrategie
2.2. Missbrauchstheorien
2.2.1.Gesamtgesellschaftliche Ursachen
2.2.1.1.Verteilung der Rollen
2.2.1.2.Geschlechtsspezifische Sozialisation
2.2.1.3.Doppeltes Machtgefälle
2.2.1.4.Bild männlicher Sexualität
2.2.2.Familiendynamische Ursachen
2.2.2.1.Starre Grenzen gegenüber der Gesellschaft
2.2.2.2.Verwischung der intrapsychischen Grenzen
2.2.2.3.Verwischung der Generationsgrenzen
2.2.2.4.Verwischung der interpersonellen Grenzen

3. Datenerhebungs- und Auswertungsmethoden
3.1.Erhebung
3.1.1.Das problemzentrierte Interview nach WITZEL
3.1.2.Vorstellung des Interviewleitfadens
3.1.3.Auswahl der Interviewpartnerinnen
3.1.4.Verlauf der Erhebung
3.2.Datenauswertung: Das „Zirkuläre Dekonstruieren“ nach JAEGGI u.a.

4. Einzelauswertung der Interviews
4.1.Interview Rosa
4.1.1.Zur Person
4.1.2.Postskriptum
4.1.3.Einzelauswertung
4.2.Interview Sonne
4.2.1.Zur Person
4.2.2.Postskriptum
4.2.3.Einzelauswertung
4.3.Interview Aina
4.3.1.Zur Person
4.3.2.Postskriptum
4.3.3.Einzelauswertung

5. Darstellung der Ergebnisse
5.1.Familiensituation
5.1.1.Die gespaltene Familie
5.1.2.Zwischen Verantwortung und Schuld
5.1.3.Normalität
5.2.Belastende Lebensereignisse und Bewältigungsstrategien
5.2.1.Flucht als Bewältigungsstrategie
5.2.2.Selbstheilung und Selbstzerstörung in der Sucht
5.2.3.Polytoxikomanie
5.2.4.Dissoziation
5.3.Weiblichkeitsbild
5.3.1.Ablehnung und Anpassung
5.3.2.Reproduktion von abhängigen Beziehungen

6. Diskussion der Ergebnisse
6.1.Befunde über den Zusammenhang von Sucht bzw. Polytoxikomanie und sexuellem Missbrauch
6.2.Risikofaktoren für die Suchtgenese
6.3.Der Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch, Posttraumatischer Belastungsstörung und Sucht als Überlebensstrategie
6.4.Frauenspezifische Suchtarbeit

7. Zusammenfassung

Literaturliste

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lesehinweis

Konsequente Verwendung der weiblichen und männlichen Form in der deutschen Schriftsprache verträgt sich nicht immer mit der Leserlichkeit des Textes. Die vorliegende Arbeit geht mit diesem Dilemma folgendermaßen um: Entspricht es der Sinnhaftigkeit, verwende ich ausschließlich die weibliche Ausdrucksform. Aus sprachökonomischen Gründen sind im Falle der geschlechtsneutralen Form sowohl Männer als auch Frauen darin eingeschlossen.

Einleitung

„ Lehne es nicht ab, das Negative zur Kenntnis zu nehmen. Weigere Dich lediglich, Dich ihm zu unterwerfen “

(N. V. Peale)

Im Rahmen des Studiums der Sozialen Arbeit habe ich mich viel mit Sucht und sexuellem Missbrauch beschäftigt, die ich für zwei wichtige Themenbereiche halte. Neu für mich ist die Betrachtung dieser Themen im Zusammenhang.

Das zweite Praktische Studiensemester absolvierte ich im Café Seidenfaden, einem Bereich des Vereins zur Hilfe suchtmittelabhängiger Frauen e.V., der seit 1982 der erste und einer der zentralen Suchthilfe-Träger mit frauenspezifischem, suchtmittelübergreifendem, abstinenzoriertem Ansatz in Berlin und bundesweit ist. FrauSuchtZukunft versteht Suchtarbeit als Hilfe zur Selbsthilfe. Frauenspezifische Suchtarbeit heißt, die Sucht von Frauen nicht allein als individuelles Problem sondern immer auch in der gesellschaftlichen Stellung der Frau begründet zu sehen. Diese ist oftmals gekennzeichnet durch ökonomische Abhängigkeit, Verantwortung für gesellschaftlich wenig anerkannte Tätigkeiten, Missbrauchs- und Gewalterfahrungen und eingeschränkte Verhaltensspielräume und Entfaltungsmöglichkeiten, besonders in beruflicher Hinsicht.

Für suchtmittelabhängige Frauen ist die Abhängigkeit ein Ausweg diesen Strukturen zu entkommen. Daher ist ein wesentlicher Ansatz bei FrauSuchtZukunft Sucht als spezifische Bewältigungs- und Konfliktstrategie zu sehen. Die Auseinandersetzung mit der Suchtproblematik von Frauen zeigte, dass die Wege von Frauen in die Sucht andere sind als die von Männern. Demnach muss es auch andere Wege aus der Sucht geben. Grundsätze der Arbeit sind Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Vertrauen zu süchtigen Frauen und in ihre Fähigkeiten, viel Raum für Individualität, Flexibilität, gemeinsame Entscheidungsprozesse, Arbeiten mit Rückfällen und Mitarbeit von Betroffenen (Vgl. WALCKER-MAYER / KERSCHL 2001, S. 5 f).

Die Arbeit von FrauSuchtZukunft richtet sich an süchtige, suchtgefährdete und ehemals suchtmittelabhängige Frauen als Unterstützung bei der Gestaltung eines suchtmittelfreien Lebens. Der suchtmittelübergreifende Ansatz zielt gleichermaßen auf die Begleitung von alkohol-, medikamenten- und drogenabhängigen Frauen, von Frauen mit Essstörungen, Arbeitssucht und anderen süchtigen Verhaltensweisen sowie von betroffenen Frauen als Angehörige. Frauen in jeder Form von Lebensgestaltung werden parteilich unterstützt. Das Café Seidenfaden bietet Frauen, die seit mindestens sechs Monaten abstinent leben, die Möglichkeit der sozialpädagogisch betreuten Arbeitserprobung in einem alkohol- und drogenfreien Raum. Frauen können sich hier während und vor allem nach einer Therapie in einem relativ sicheren und geschützten Rahmen selbst erfahren und bewähren. Parallel zu der Arbeit im Café besuchen alle Nachsorgemitarbeiterinnen regelmäßig therapeutische bzw. Selbsthilfegruppen, nutzen Einzeltherapie oder Einzelgespräche.

Mir fiel auf, dass viele der Klientinnen von FrauSuchtZukunft Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch bzw. Gewalt haben. So entwickelte ich ein Interesse dafür, ob es eine Beziehung zwischen Sucht und sexuellem Missbrauch gibt. Da die Problematik von Polytoxikomanie bei Frauen in Deutschland noch weitgehend unerforscht ist, sich mir in meinem Praktikum aber als für Frauen typisches und häufig vorkommendes Phänomen darstellte, möchte ich einen möglichen Zusammenhang zwischen Missbrauch und süchtigem Verhalten am Beispiel dieser Suchtform untersuchen. Trotz der Häufigkeit posttraumatischer Belastungsstörungen und nachgewiesener Behandlungsmöglichkeiten sind auch die Kenntnisse über diese Erkrankung noch sehr gering in Deutschland, weshalb ich diese Problematik in das zu behandelnde Thema einfließen lasse. Dazu werde ich die vorhandene Literatur auf bisherige Theorieentwicklungen zum Thema untersuchen und durch die Ergebnisse aus Interviews mit sexuell missbrauchten Frauen, die polytoxikoman sind, verifizieren, ergänzen bzw. widerlegen. Im Vordergrund stehen die subjektiven Theorien dieser ehemals drogenabhängigen Frauen über die Entstehung und Bewältigung ihrer Sucht vor dem Hintergrund traumatischer Erfahrungen.

In der Beschäftigung mit autobiographischem Textmaterial liegt die Möglichkeit Lebensweltbedingungen lebensecht vermittelt zu bekommen. Mich leiteten die Fragen: Welche Umstände, welche Bedürfnisse und Erwartungen haben die Frauen in die Sucht geführt? Welche Funktion haben Drogen erfüllt und welche Gründe gab es für das Konsumieren mehrerer Drogen parallel? Kann ihre Sucht als Widerstand gegen ihre Lebenssituation verstanden werden? Welche Veränderungen gab es, die wichtig für die Entscheidung drogenfrei zu leben, sind? Wie gehen sie mit ihrer Geschichte und damit verbundenen Gefühlen um?

Bei der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Sexuellem Missbrauch und Suchtgenese werde ich zunächst herausarbeiten, was süchtiges Verhalten ausmacht, wo Sucht anfängt und Suchtmittelgebrauch aufhört. Anschließend stelle ich das Phänomen der Polytoxikomanie vor. Sexueller Missbrauch wird nachfolgend näher beleuchtet. Danach werden die Begriffe Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung mit der entsprechenden Symptomatik erläutert. Im Anschluss an jede Definition findet die Darstellung der jeweiligen epidemiologischen Grundlagen statt. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit den Theorieansätzen von Sucht und Sexuellem Missbrauch. Da diese Themen sehr weitläufig sind, beschränke mich auf die für die Arbeit mit süchtigen Frauen relevanten. Im dritten Kapitel stelle ich die verwendeten Erhebungs- und Auswertungsmethoden und deren Anwendung für diese Arbeit vor. Die Einzelauswertung der Interviews wird anhand der gebildeten Kategorien im vierten Kapitel und die Komparation zentraler übergeordneter Konstrukte im fünften Kapitel präsentiert. In der Diskussion des sechsten Kapitels werden die Ergebnisse im Rahmen pädagogischer Praxis und der dargestellten Theorie abgeglichen. Schließlich erfolgt im siebenten und letzten Teil eine Zusammenfassung.

Besonderen Wert habe ich auf eine allgemeine Verständlichkeit und Wortwahl gelegt, mit der Absicht, dass auch Laien den Inhalten leicht folgen können.

1. Begriffsbestimmung und epidemiologische Grundlagen

„ Frei wovon?

Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir Dein Auge künden: frei wozu? “

(Friedrich Nietzsche)

1.1.Sucht

1.1.1.Der Suchtbegriff aus semantischer Sicht

Schon der Versuch einer Definition des Begriffes Sucht zeigt die Komplexität dieser Thematik und die Unmöglichkeit der Aufstellung einer unumstößlichen Wahrheit. Kommt Sucht von „suchen“, ergibt sich die Frage, was die Menschen unserer Gesellschaft zu finden hoffen. Stellt Trinken, Rauchen und Konsumieren von Medikamenten und Drogen eine unbewusste Ersatzbefriedigung unerfüllter Sehnsucht nach Nähe, Geborgenheit und verlorener Werte dar? Ist Sucht eher aus dem Mittelhochdeutschen von „ Siech “ und „ Socht “ abzuleiten und bedeutet so viel wie „ Seuche “, „ krank und schwach sein “ (MERFERT-DIETE 1995, S. 13) wäre zu fragen, ob die Menschheit nur dahinsiecht. Das Wort Sucht kommt aus dem Gotischen, heißt „siukan“, was mit „krank sein“ übersetzt werden kann. Im Mittelalter wurde das Wort gleichbedeutend mit Krankheit verwendet. Heute versteht man darunter ein krankhaftes, zwanghaftes Verlangen bzw. Gier (Vgl. SENATSVERWALTUNG FÜR FRAUEN, JUGEND UND FAMILIE 1990). Lexikalisch gesehen ist Sucht ein „ krankhaft gesteigertes Bedürfnis “ (BERTELSMANN 1996, S. 901).

1.1.2.Der Suchtbegriff in der Fachsprache

In der Sozialen Arbeit und in der Psychiatrie stellt Sucht ein pathologisches Phänomen dar, eine abnorme Verhaltensweise und Erlebenswelt, die aufgrund der süchtigen Fehlhaltung, nämlich dem Bestreben aus der unaushaltbar erscheinenden Wirklichkeit in eine Scheinwelt zu flüchten, entsteht.

Jedoch wird durch Suchtmittelkonsum die Unerträglichkeit der Situation nur für den Moment verdeckt ohne eine reale Verbesserung. „ Nachher kann der Zustand noch weniger erträglich sein. So entstehen unbezwingbares Verlangen nach den Suchtmitteln (craving) und immer gr öß ere Abhängigkeit (Nichtaufh ö renk ö nnen) “ (TÖLLE 1999, S. 145). Suchtverhalten wird als verzögerter Selbstmord, Rausch als vorweggenommener Tod und somit als selbstzerstörerisch interpretiert. Abgesehen von der körperlichen wird auch die zwischenmenschliche und soziale Existenz zerstört (Vgl. ebd.).

Mit der Definition von WANKE wird der Blick auf die sozialpsychologische Bedeutung gelenkt: „ Sucht ist ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Pers ö nlichkeit und zerst ö rt die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums “ (WANKE 1981 zit. n. MERFERT-DIETE 1995, S. 13).

Alle hauptsächlichen Aussagen integrierend lässt sich feststellen, dass es eine gesunde Abhängigkeit, nämlich die Abhängigkeit von sozialen Beziehungen und alltäglichen Gewohnheiten gibt, deren kontrollierter Umgang Selbstentfaltung und -verwirklichung ermöglicht, während die krankhafte, zwanghafte, dauerhafte Abhängigkeit, die Fixierung auf einen einzigen Menschen, ein einziges Mittel, eine bestimmte Verhaltensweise oder Vorliebe persönliches Wachstum verhindert und süchtiges Verhalten darstellt.

Im ICD-10 werden Substanzmissbrauch und -abhängigkeit als voneinander unabhängige Störungen betrachtet und ein Kontinuum von Verhaltensformen, das von Gebrauch über Missbrauch zu abhängigem Gebrauch reicht, zugrunde gelegt:

Gebrauch / Konsum: Sinnvolle und hilfreiche Verwendung zur persönlichen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung

Missbrauch: Übermäßiger, zweckentfremdeter und schädlicher Gebrauch von Substanzen, der wiederholt zu nachteiligen Konsequenzen führt

Gewöhnung: Psychische Bindung an eine Verhaltensweise, die in bestimmten (Problem-) Situationen immer wieder abgerufen wird

Abhängigkeit: Zustand, in dem bestimmte Verhaltensweisen zur dauernden Problemlösung eingesetzt werden, wobei die zunehmende Bindung an das Suchtmittel die Handlungsfreiheit des Betroffenen stark einschränkt

Sucht: Krankhafter Endzustand der Abhängigkeit mit psychischen und physischen Symptomen (Vgl. STARK 2000).

Aufgrund der definitorischen Schwierigkeiten und der Mehrdeutigkeit des Begriffes Sucht empfahl die Weltgesundheitsorganisation (WHO = World Health Organization) 1964 auf den Begriff Sucht im Zusammenhang mit der Einnahme von Drogen zu verzichten und stattdessen den Begriff Abhängigkeit zu verwenden. Damit ist nur die Abhängigkeit von Substanzen definiert und der Blick auf die rein somatische Perspektive gerichtet. Illegale Suchtstoffe stehen im Zentrum der Betrachtung. Legale (Medikamenten-, Alkohol-, Nikotin-, Koffeinabhängigkeit) oder stoffungebundene Süchte werden verschwiegen bzw. bagatellisiert, stellen jedoch eine große Problematik in unserer Gesellschaft dar. Der Suchtbegriff wird mittlerweile inflationär gebraucht und immer noch heftig in der Öffentlichkeit diskutiert, was zur Entstigmatisierung Süchtiger und zum besseren Verständnis süchtiger Verhaltensweisen beitragen kann (Vgl. MERFERT-DIETE 1995, S. 13).

Zwischen Missbrauch, Sucht und Abhängigkeit sind die Übergänge fließend. Deshalb sind die Begriffe nicht scharf voneinander zu trennen. Im Rahmen dieser Arbeit werden die Begriffe Sucht und Abhängigkeit synonym verwendet.

1.1.3.Suchtformen

1.1.3.1.Stoffgebundene Suchtformen

Zu dieser Gruppe gehören alle Süchte, bei denen eine Abhängigkeit von einem bestimmten Rausch- oder Genussmittel vorliegt. Diese Substanzen werden dem Körper zusätzlich zugeführt und haben in der Regel eine stimmungsverändernde und euphorisierende Wirkung. Legale Suchtmittel sind Alkohol, Medikamente, Nikotin und Schnüffelstoffe. Zu den illegalen Drogen gehören z.B. Heroin, Kokain, Amphetamine und Cannabis (Vgl. STARK 2000).

1.1.3.2.Stoffungebundene Suchtformen

Unter stoffungebundenen Suchtformen wird das zwanghafte Ausüben bestimmter Verhaltensweisen verstanden. Genau wie Rauschmittel dient das Verhalten dazu die Befindlichkeit zu beeinflussen, Problemen auszuweichen und vor der Realität zu fliehen. Menschen mit einer stoffungebundenen Suchtform haben ganz ähnliche Verhaltensauffälligkeiten wie Abhängige stoffgebundener Suchtformen. Es entwickelt sich ein unbezwingbares, sich ständig steigerndes Bedürfnis bestimmte Tätigkeiten immer wieder auszuüben, die schließlich im Exzess betrieben und zum gesamten Lebensinhalt werden.

Praktisch jedes menschliche Verhalten kann zur Abhängigkeit führen. Zu den bekannten stoffungebundenen Süchten zählen Essstörungen, Arbeits-, Internet, Sport-, Spiel-, Kaufsucht und Kleptomanie (Vgl. TÖLLE 1999, S. 145).

Folgende Ausführungen beziehen sich auf stoffgebundene Abhängigkeitserkrankungen.

1.1.4.Suchtkriterien

1.1.4.1.Merkmale einer physischen Abhängigkeit

Eine körperliche Abhängigkeit wird durch Toleranz- oder Entzugserscheinungen nachgewiesen. Es besteht eine pathologische Anwendung des Suchtmittels, die zum Nachlassen der sozialen und beruflichen Leistung führen kann. Toleranz bedeutet, dass zunehmend höhere Dosen erforderlich sind um den gewünschten Effekt zu erreichen. Der Körper hat sich pharmakologisch- physiologisch an die Einnahme der Drogen gewöhnt. Bei Nichteinnahme des Suchtmittels treten körperliche Entzugserscheinungen wie innere Unruhe, Tremor, Übelkeit, Erbrechen auf (Vgl. z.B. KURTH 1992, S. 134 und BECKER / BRÖMER 1997, S. 937) .

1.1.4.2.Merkmale einer psychischen Abhängigkeit

Mit seelischer Abhängigkeit wird ein unbezwingbares Verlangen nach der wiederholten Einnahme einer Substanz um einen lustvollen, positiven Zustand zu erreichen und Unlustgefühle zu vermeiden, beschrieben. Es entwickelt sich ein Kontroll- und Realitätsverlust, sozusagen eine Dominanz der Droge in der Wahrnehmung und im Erleben des Abhängigen. Es kommt zur Zentrierung des Denkens und Handelns auf das Suchtmittel. Andere Interessen, Entwicklungspotentiale und soziale Kontakte gehen verloren (Vgl. z.B. DEUTSCHE HAUPTSTELLE GEGEN DIE SUCHTGEFAHREN 1991a, S. 6).

Die psychische Abhängigkeit von einem Suchtmittel gilt heute als der wichtigste Faktor im Verlauf einer Suchterkrankung, da sie auch nach Entzug oft über Jahre bestehen bleibt und bei allen Suchterkrankungen auftritt, während die physische Abhängigkeit bei manchen nicht vorkommt.

1.1.5.Zusammenfassung

Eine gute Zusammenfassung stellt das folgende Zitat der SENATSVERWALTUNG FÜR FRAUEN, JUGEND UND FAMILIE (1990) dar:

Unter Sucht versteht man „ eine krankhafte, zwanghafte Abhängigkeit von Stoffen; das Verlangen nach einer ständig erneuten Einnahme dieser Stoffe, um ein bestimmtes Lustgefühl zu erreichen oder Unlustgefühle zu vermeiden. Dieser Zustand tritt nach einer längeren Phase der Gew ö hnung ein, wenn ein regelm äß iger oder dauernder Konsum zu einer physischen und / oder psychischen Abhängigkeit geführt hat. Von physischer Abhängigkeit spricht man, wenn der K ö rper den Stoff in seinen Stoffwechsel eingebaut hat und wenn nach Absetzen der Drogen k ö rperliche Entzugserscheinungen wie Schwei ß ausbrüche, Fieber, Muskelschmerzen, Erbrechen auftreten. Der Begriff der psychischen Abhängigkeit wurde eingeführt, weil bei einigen Drogen keine k ö rperliche Abhängigkeit eintritt. Das Verlangen den Konsum fortzusetzen, ist dennoch sehr stark und nicht mehr steuerbar. Wenn das Mittel abgesetzt wird, treten Unlustgefühle und Depressionen auf. Sucht bedeutet in beiden Fällen Unfreiheit. Der Mensch kann mit dem Suchtmittel nicht mehr frei umgehen “ .

1.1.6.Befunde frauenspezifischer Suchtforschung

Schätzzahlen der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren gehen von zwei Drittel Frauen von insgesamt 800 000 Medikamentenabhängigen insgesamt aus (Vgl. FELDMANN-VOGEL 1995, S. 47). 400 000 alkoholabhängige Frauen machen ein Viertel aller Alkoholkranken aus. 600 000 Betroffene von Essstörungen sind fast ausschließlich Frauen.

Laut einer Repräsentativerhebung von 1997 konsumierten ca. 2,2 Millionen, also 5 Prozent der deutschen Bevölkerung zwischen 18 und 59 Jahren, illegale Drogen. In den alten Bundesländern gaben 3,3 Prozent, in den neuen 1,7 Prozent aller befragten Frauen an Drogen zu konsumieren. Von ca. 80 000 bis 100 000 Heroinabhängigen in der BRD sind rund 40 Prozent Frauen. Bei unter 20-jährigen sind vorrangig Mädchen vertreten (Vgl. FRANKE / WINKLER 2001, S. 119).

„ Beim Konsum von Cannabis und den medikamentenähnlichen Designerdrogen, insbesondere Ecstasy, ist einüberproportionaler Anstieg der Prävalenzwerte bei Frauen und Mädchen zu verzeichnen. Diesüberrascht wenig, da in der Ecstasy-Kultur die Grenzen zwischen Arzneimitteln und illegalen Drogen verschwinden - Drogen werden den Arzneimitteln in Aussehen und Wirkungsspektrum immerähnlicher und nähern sich damit immer mehr dem von Mädchen früh gelernten Konsummuster der Medikamenteneinnahme, des Einwerfens von Pillen, an “ (ebd.).

Drogengebrauch ist also geschlechtsspezifisch. Auch sammeln Frauen früher als Männer erste Erfahrungen mit Drogen; bereits im Alter von 15 Jahren konsumieren 60 Prozent der später drogenabhängigen Frauen Medikamente und Cannabis, mit 16 Heroin und / oder Kokain (Vgl. ebd.). Der Einstieg in die Drogenabhängigkeit ist bei Frauen fast immer durch das soziale Nahfeld geprägt. Frauen fangen oftmals durch den Partner an Drogen zu konsumieren. Im Vergleich zu Männern geben Frauen signifikant häufiger an über die Partnerschaft mit Drogen in Kontakt gekommen zu sein (Vgl. DOBLER- MIKOLA 2000). 65-80 Prozent der heroinabhängigen Frauen wurden als Kind oder Jugendliche sexuell missbraucht (Vgl. MERFERT-DIETE 1995, S. 19).

1.2.Polytoxikomanie

1.2.1.Definition von Polytoxikomanie

Die Schwierigkeiten Sucht zu definieren, setzen sich bei der Polytoxikomanie fort. Zunächst ist auch hier zwischen Missbrauch und Sucht zu unterscheiden: Polyvalenter Missbrauch liegt bei schädigendem Konsum von mehr als einem Suchtmittel vor; Polytoxikomanie besteht bei Missbrauch von mindestens zwei suchterzeugenden Stoffen in abhängiger Weise (Vgl. DEUTSCHE HAUPTSTELLE GEGEN DIE SUCHTGEFAHREN 1991b, S. 50). „ Polytoxikomanie meint den gleichzeitigen Konsum von illegalen und legalen Drogen und dadurch den Konsum verschiedenster chemischer Wirkstoffe inklusive Alkohol zur Beeinflussung seelisch-k ö rperlicher Befindlichkeiten “ (SOLTAU 1995, S. 196). Nach dieser Definition stellt sich die Frage, ob weder eine Tabletten schluckende, rauchende Alkoholikerin noch eine kiffende, koksende Fixerin polytoxikoman ist.

Im ICD-10 wird Polytoxikomanie lediglich als Störung durch multiplen Substanzgebrauch bezeichnet. „ Diese polyvalente Sucht (Polytoxikomanie) ist einerseits auf die wechselnde Verfügbarkeit zurückzuführen, andererseits darauf, da ß ein Mittel gegen Nebenwirkungen oder Entzugserscheinungen eines anderen Mittels eingesetzt wird... “ (TÖLLE 1999, S. 163). Bei Mehrfachabhängigkeiten sind meist stoffgebundene und nicht stoffgebundene Abhängigkeiten verknüpft (Vgl. ebd., S. 145).

Doch wann sind Menschen von mehreren Stoffen abhängig, wenn man davon ausgeht, dass jeder mehrfach Drogenabhängige seine Hauptdroge hat und die anderen Substanzen nur regulierend dazu genommen werden? Irritierend ist die Übersetzung des Begriffs Polytoxikomanie mit „Mehrfachabhängigkeit“, denn meistens wird lediglich von einem „Mehrfachkonsum“ ausgegangen. In dieser Arbeit werden polyvalenter Missbrauch und Polytoxikomanie deshalb parallel verwendet.

1.2.2.Der neue Mischkonsum

Noch nie wurde so verantwortungslos konsumiert wie in der letzten Zeit. Vor allem Jugendliche setzen immer häufiger psychotrope Substanzen entweder wahllos durcheinander oder gezielt gemixt ein. 60 Prozent der abhängigen Jugendlichen konsumieren mehrere Drogen zugleich (Vgl. TÖLLE 1999, S. 173). „ Das klassische Wochenende kann so aussehen: ,Ecstasy zum Draufkommen, Kiffen zum Wieder-Runterkommen, am nächsten Abend das Gleiche noch mal und Montagmorgen Speed, um rechtzeitig im Büro zu sein', wie Andreas Gantner, Leiter des Therapieladens, sich ausdrückt. Dazu Alkohol getrunken wird sowieso “ (GODDAR 2002, S. 18). Die gesellschaftlichen Ursachen haben sich gewandelt. Wolfgang Heckmann, ehemaliger Landesdrogenbeauftragter von Berlin konstatiert, dass aus „ Aussteigern “ „ Einsteiger “ geworden sind, also im Gegensatz zu früher, Jugendliche sich nicht in die Drogen flüchten um aus der Gesellschaft rauszukommen sondern ohne Drogen in der Gesellschaft nicht mehr mithalten können (Vgl. ebd.).

1.2.3.Polytoxikomanie und Frauen

Polytoxikomanie ist gerade für Frauen sehr typisch; sie neigen bei vorliegender Abhängigkeit dazu mehr zu konsumieren als Männer, wobei vor allem Substanzen mit beruhigender, schmerzstillender Wirkung gemischt werden (Vgl. FRANKE / WINKLER 2001, S. 119). Neben dem Medikamentenmissbrauch von Alkoholkranken und Drogenabhängigen zur Steigerung der Wirkung oder zur Vermeidung unerwünschter Nebenwirkungen und Entzugserscheinungen oder als Ersatz, führte nicht zuletzt die Zunahme der medikamentösen Behandlung Drogenabhängiger im Bereich der Substitution und die Vermehrung von Medikamenten in der Drogenszene zu dieser Entwicklung. Das legale permanent verfügbare und preiswertere Abgebot von Medikamenten und das Ansehen von Substitutionsmitteln als therapeutische Maßnahme läßt psychosoziale Angebote in den Hintergrund treten und die Motivation zu einer abstinenzorientierten Behandlung sinken.

Diese internalisierte Bewältigungsmethode und Integration der Frauen in das legale ärztliche und auch soziale System führt zwar einerseits zu geringerer Kriminalität und reduzierten Angst- und Unsicherheitsgefühlen, andererseits jedoch zu einer größeren Unauffälligkeit bezüglich der Suchtmittelabhängigkeit und von Problemlagen wie Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch und Gewalt (Vgl. SOLTAU 1995, S. 196 ff).

1.2.4.Epidemiologische Grundlagen

Aufgrund der relativen Unerforschtheit ist es schwierig, epidemiologische Daten über polytoxikomane Frauen ausfindig zu machen. „Ü ber die heimliche Sucht bei Frauen - sowohl Medikamentenabhängigkeit als auch Polytoxikomanie - stehen bis heute wissenschaftliche Langzeituntersuchungen aus “ (FELDMANNVOGEL, S. 46). Deshalb werden diesbezüglich Daten des Vereins zur Hilfe suchtmittelabhängiger Frauen FrauSuchtZukunft herangezogen, welcher, wie einleitend beschrieben, mit polytoxikomanen Frauen arbeitet:

Rund 24 Prozent aller Klientinnen bei FrauSuchtZukunft im Jahre 2000 sind abhängig von harten Drogen, ungefähr 49 Prozent von Alkohol und ca. 13 Prozent sind essgestört, medikamentenabhängig bzw. co-abhängig. Im Vergleich dazu gab es rund 14 Prozent Mehrfachabhängige, also nicht ganz ein Viertel der alkoholabhängigen Frauen und annähernd soviel wie essgestörte, medikamentenabhängige oder co-abhängige Frauen. Im Café Seidenfaden setzt sich die Verteilung der Suchtmittelabhängigkeiten beeindruckender Weise anders zusammen: Hier sind etwas mehr Klientinnen polytoxikoman (19 Prozent) als alkoholabhängig (rund 17 Prozent). Außerdem sind rund 22 Prozent drogenabhängig und etwa 41 Prozent essgestört, medikamentenabhängig oder co-abhängig, also doppelt soviel wie polytoxikoman (Vgl. WALCKER-MAYER / KERSCHL 2001, S. 12).

1.3.Sexueller Missbrauch

1.3.1. Definition des Begriffs Sexueller Missbrauch

Zu sexuellem Missbrauch an Kindern (englisch: Childhood Sexual Abuse) gibt es keine einheitliche Definition, da jeder Autor andere Aspekte als wichtig hervorhebt.

Zu den Definitionskriterien zählt das Fehlen des „ wissentliches Einverständnisses “ . Kinder wissen nichts über Sexualität, aufgrund emotionaler und kognitiver Entwicklung haben sie nicht die Möglichkeit die Bedeutung einer sexuellen Beziehung zu verstehen geschweige denn ihr freiwillig zuzustimmen (Vgl. LERCHER u.a. 1995, S. 15 f).

Auch Missachtung des kindlichen Willens und Zwang und Gewalt spielen eine Rolle. Sexueller Missbrauch stellt immer Gewalt dar, auch wenn keine Gewaltanwendung zur Durchsetzung der Interessen des Täters vonnöten ist. Bei innerfamiliärem Missbrauch reicht die Vertrauensbeziehung und enge emotionale Bindung zwischen Täter und Opfer oft aus um Kinder zu sexuellen Handlungen und zur Geheimhaltung zu zwingen (Vgl. ebd., 15 ff). Deshalb suchen sich Missbraucher oft Mädchen aus dem nahen sozialen Umfeld um das Vertrauensverhältnis auszunutzen (Vgl. ebd., S. 27).

Bei sexuellem Missbrauch werden durch einen Erwachsenen das strukturelle Macht- oder Kompetenzgefälle zum Schaden des Kindes missbraucht, Kinder als Objekt zur Lustverschaffung benutzt, ihre Grenzen überschritten und ihre Gefühle nicht geschützt. Sexueller Missbrauch ist die bewusste, geplante Handlung eines Erwachsenen zu seiner eigenen sexuellen Erregung (Vgl. ebd., S. 17). Oft werden sexuelle Übergriffe durch den Täter als Spiel, Zuwendung oder gemeinsames Geheimnis getarnt, wodurch dem Mädchen eine aktive Rolle und schließlich Mitschuld suggeriert wird und die Möglichkeit genommen wird sich jemandem anzuvertrauen (Vgl. STEINHAGE 1989, S. 49). Nicht nur körperliche Handlungen, sondern auch Worte und Blicke, die Kinder zu Sexualobjekten herabwürdigen, werden als sexueller Missbrauch gewertet. Aus den genannten Kriterien leiten LERCHER u.a. folgende Definition ab: „ Unter sexuellem Missbrauch ist jede Handlung - inklusive Worte und Blicke - zu verstehen, die ein Erwachsener oderälterer Jugendlicher zur Befriedigung eigener Bedürfnisse unter Ausnützung seiner Autoritätsposition an oder vor einem Kind (einer/m Jugendlichen) gegen dessen Willen vornimmt und/oder denen das Kind aufgrund seiner k ö rperlichen, emotionalen, sozialen, kognitiven und sprachlichen Unterlegenheit nicht zustimmen kann “ ( LERCHER u.a. 1995, S. 18).

1.3.2.Psychische Folgeerscheinungen

Jeder Missbrauch hat selten wieder gut zumachende Auswirkungen auf das weitere Leben der Betroffenen und kann Entstehungsbedingung verschiedener psychischer Störungen sein, die sich z.T. erst im Erwachsenenalter herausstellen. Dabei bestimmt einerseits die Intensität des Missbrauchs und andererseits die Persönlichkeitsstruktur, das Alter des Kindes, die Reaktion der Umwelt, der Bekanntschaftsgrad zum Täter und Hilfe für das Kind nach der Tat, wie stark sich das Erlebte auf die Opfer auswirkt (Vgl. TÖLLE 1999, S. 68) .

„ Das Verhaltensspektrum reicht von v ö lligem Rückzug und depressivem Verhalten bis zum offenen Ausagieren und massiven Aggressionen sich selbst und anderen gegenüber. Als Mädchen missbraucht worden zu sein, bedeutet einen systematischen Angriff auf die Pers ö nlichkeit. Gefühle der Hilflosigkeit, der Einsamkeit, des Ausgebeutetwerdens, der Zwang des Schweigens und die Erfahrung, der Ergebnislosigkeit aktiver Gegenwehr begleitet ihr weiteres Leben “ (LERCHER u.a. 1995, S. 30). Für missbrauchte Mädchen sind diese Störungen oft die einzige Möglichkeit, die traumatischen Übergriffe zu überleben. Sie entwickeln entsprechend ihrer Persönlichkeit Überlebensstrategien, welche die Funktion haben, die Wahrnehmung der ausgelösten Gefühle zu blockieren. Mit der Zeit verselbstständigen sich diese Strategien und entwickeln sich zu Störungen, die das Leben der Frauen auf vielfältige Art beeinträchtigen (Vgl. KURTH 1984, S. 53).

Autoaggressives Verhalten: Die Aggressionen, die sich aufgrund der Missbrauchssituation aufstauen, richten die Mädchen meist gegen sich selbst. Gründe dafür können sein, dass sich die Mädchen selbst bestrafen oder ihrem inneren Schmerz äußere Realität geben wollen. Sie lassen ihren Körper zum Objekt werden und können sich dann nicht mehr damit identifizieren. Der Körper ist lediglich eine Hülle. Schlimmstenfalls kann das zu Suizidversuchen führen (Vgl. LERCHER u.a. 1995, S. 34).

Suchterkrankungen: Sucht zählt auch zu den aggressiven Verhaltensmustern, allerdings mit eigener Dynamik (Vgl. ebd.).

Essstörungen (Esssucht, Anorexia nervosa und Bulimie): Mädchen entwickeln auch oft Essstörungen um Kontrolle über den Körper auszuüben, angenehme Gefühle zu bekommen oder den Körper zu entstellen. Beim Hungern versuchen sie weibliche Kennzeichen, wie Po oder Brust, die dem Täter attraktiv erscheinen könnten verschwinden zu lassen, beim “Anfressen” von Fettpolstern versuchen sie unattraktiv zu erscheinen. Ebenso soll die Kinder dieser “Fettpanzer” schützen (Vgl. BESTEN 1995, S. 46 f).

Störungen des Körpererlebens, des Körperbildes und der Sexualität: „ Wenn Mädchen keine offensiven Handlungsperspektiven gegen sexuelle Ü bergriffe entwickeln k ö nnen, wenden sie Wut, Ekel und Scham nicht gegen den Täter, sondern gegen sich selbst (LERCHER u.a. 1995, S. 37). Der missbrauchte Körper wird gehasst, Körpergefühle werden abgespalten. Dabei kann eine Ablehnung der eigenen Geschlechterrolle und Angst, Abscheu vor Sexualität und Intimität entwickelt werden (Vgl. ebd., S. 35).

Psychosomatische Reaktionen: Die psychische Problematik wird auf physische Symptome verlagert, seelische Schmerzen werden so leichter ertragen. Dazu gehören unter anderem Hauterkrankungen, Bauch- und Kopfschmerzen, Kreislauf-, Verdauungs-, Konzentrations-, Schlaf- und Sprachstörungen und Lähmungen (Vgl. ENDERS 1990).

Wahrnehmungsstörungen: Durch die Manipulation des Täters wird die Wahrnehmung des Mädchen systematisch getäuscht oder gestört, was zu einer Unfähigkeit Situationen mit eigenen Gefühlen wahrzunehmen, führen und Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, am eigenen Warnsystem, hervorrufen kann. Daraus kann eine Insuffizienz Grenzen zu setzen und die Vertrauenswürdigkeit eines Menschen einzuschätzen entstehen, was missbrauchte Mädchen zu potentiellen Opfern prädestiniert. Auf einen möglichen Zusammenhang von sexueller Missbrauchserfahrung und späterer Viktimisierung weist bereits eine Studie aus dem Jahre 1976 hin, die ergab, dass 80 Prozent der befragten Frauen mit Missbrauchserfahrungen später vergewaltigt worden waren (Vgl. MEBES 1989, S. 35).

Allgemeiner Vertrauensverlust: Opfer sexuellen Missbrauchs haben gelernt, dass Vertrauen gleichbedeutend mit Missbrauch ist, woraufhin sie ihrer gesamten Umwelt misstrauisch gegenübertreten (Vgl. ENDERS 1990, S. 48). Daneben sind erlebte Emotionen Sprachlosigkeit, Ohnmacht, Scham- und Schuldgefühle, diffuse und tatsächliche Ängste und emotionale Ambivalenzen (Vgl. WIRTZ 1989, S. 88). Missbrauchte Kinder weisen ein reduziertes Selbstwertgefühl und geringeren beruflichen Ehrgeiz auf, was in totalen Rückzug münden kann (Vgl. BESTEN 1995, S. 46 f).

Persönlichkeitsveränderungen, Depressionen, Zwangsstörungen, Psychosen und Borderline-Störungen (Vgl. ebd.).

Dissoziation (s.u. 1.4.3.Traumabezogene Symptomatik, S. 27 f).

Bei all diesen möglichen Störungen ist aber zu betonen, dass sie Hinweise auf vergangene oder gegenwärtige Missbrauchssituationen sein können, aber nicht sein müssen (Vgl. ebd., S. 48).

1.3.3.Epidemiologische Grundlagen

Aufgrund unterschiedlicher Definitionen, der Tabuisierung des Themas und der Scham- und Schuldgefühle der Opfer ist es schwierig Aussagen über das Ausmaß sexuellen Missbrauchs zu treffen. In der Bundesrepublik gibt es verschiedene Untersuchungen zum Ausmaß sexuellen Missbrauchs, die allerdings in ihren Ergebnissen so unterschiedlich ausfallen, dass hier nur die wesentlichsten genannt seien. Meist zitierte Zahlen beruhen auf Hochrechnungen von Kriminalstatistiken:

Laut Statistik des BKA wurden im Jahre 1998 15.000 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs zur Anzeige gebracht. Die Opfer sollen zu 97 Prozent weiblichen Geschlechts sein, während zu 99 Prozent Männer unter Tatverdacht stehen (Vgl. TEEGEN 2001, S. 258 f). Wenn man davon ausgeht, dass in die Kriminalstatistik nur die angezeigten Fälle aufgenommen werden, ist das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs an Kindern also nochmals um ein Vielfaches größer. Durchschnittlich wird mit Einbeziehung dieser Dunkelziffer von rund 300.000 Opfern sexueller Missbrauchshandlungen jährlich ausgegangen (Vgl. 15 UHR AKTUELL 1999, S. 5).

Zehn Prozent der bekannten Fälle sind Fremdtäter; der Großteil der sexuellen Übergriffe findet in der vermeintlich geschützten Privatheit von familiären Beziehungen statt. In einer Untersuchung wurde festgestellt, „ dass sich unter biologischen Vätern nur 2 Prozent Missbraucher, unter Stiefvätern aber 17 Prozent befanden ” (HEILIGER / ENGELFRIED 1995, S. 39), was zu der Vermutung führt, dass biologische Vaterschaft die Inzestgrenzen wahrt. Doch je enger der Kontakt zwischen Täter und Kind ist, desto stärker wirken Geheimhaltungsstrategien, weshalb die größte Dunkelziffer sexueller Gewalt wahrscheinlich im Bereich der biologischen Vaterschaft besteht.

80 Prozent der Täter sind zwischen 25 und 30 Jahre alt und entstammen aller sozialen Schichten. Zwei Drittel der Opfer sind zwischen sieben und dreizehn Jahren, der Missbrauch beginnt bei 22,7 Prozent im Alter unter fünf Jahren. Erfahrungsgemäß kann man sagen, dass der tatsächliche Beginn sexueller Übergriffe weit vor dem von Mädchen erinnerten Beginn liegt. (Vgl. STEINHAGE 1992, S. 10).

Bei 28 Prozent der Opfer ist der sexuelle Missbrauch einmalig, stammt der Täter jedoch aus der Kernfamilie, erstreckt sich der Missbrauch oft über Jahre. Errechnet man eine durchschnittliche Missbrauchsdauer aus den verschiedenen Untersuchungen, beträgt diese ungefähr drei Jahre. Nicht selten missbraucht der Täter dabei mehrere Kinder gleichzeitig. Seine Strategien werden mit zunehmender Dauer gewalttätiger: zu 40,8 Prozent kommt es zu Drohungen und Einschüchterungen, zu 36,7 Prozent zur Anwendung körperlicher Gewalt. Auch die Form des Missbrauchs verändert sich mit zunehmender Dauer; sie geht in immer intimere Arten über (Vgl. STEINHAGE 1989, S. 31 ff).

1.4.Posttraumatische Belastungsstörung

1.4.1.Definition von Trauma

Traumatische Ereignisse sind „ dadurch charakterisiert, dass sie die Betroffenen mit existentiellen Grenzerfahrungen konfrontieren, die lebenstragende Grundannahmenüber das eigene Selbst, die Sinnhaftigkeit der Welt und die Vertrauenswürdigkeit von Menschen tiefgreifend erschüttern, die Bewältigungsfähigkeit kurz- oder langfristigüberfordern und zu schweren Belastungsst ö rungen führen k ö nnen “ (TEEGEN 2001, S. 262).

Im ICD-10 werden traumatische Stressoren als Ereignisse eminenter Bedrohung oder katastrophalen Ausmaßes, die bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen würden, definiert (Vgl. DILLING 1999, S. 169). Im DSM- IV wird in der Traumadefinition auch auf die besondere Vulnerabilität von Kindern durch sexuelle Traumatisierung eingegangen: „ ...bei Kindern sind auch ihrem Entwicklungsalter unangemessene sexuelle Erfahrungen ohne angedrohte oder tatsächliche Gewalt oder Verletzung als sexuell traumatische Erfahrungen zu werten “ (APA 1996, S. 487, zit. n. TEEGEN 2001, S. 263).

In jedem Fall kommt es bei einem Trauma zur Durchbrechung der körperlichseelischen Integrität durch ein Ereignis. Aber: „ Nicht jedes Trauma macht eine Traumast ö rung “ (KÖLLER 2002).

1.4.2.Definition des Begriffs Posttraumatische Belastungsstörung

Menschen bringen nach dem Erleben ganz unterschiedlicher Traumen strukturell ähnliche Symptome wie bedrängende Erinnerungen, Vermeidungsverhalten, erhöhte Erregung hervor. Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD = englisch: Posttraumatic Stress Disorder) ist die langanhaltende Reaktion auf sehr schwere Belastungen und Bedrohungen (Vgl. TÖLLE 1999, S. 69).

1.4.3.Traumabezogene Symptomatik

Bedrängende Erinnerungen: Typisch ist das ungewollte Wiedererleben des traumatischen Ereignisses, besonders des ursprünglichen Gefühls von Schock, Furcht und Schrecken in wiederkehrenden Albträumen, Sinnestäuschungen oder lebensechte Rückblenden, die als sehr quälend empfunden werden (Vgl. ZIMBARDO 1992, S. 485). Die Symptome sind oft verknüpft mit dem Gefühl die Kontrolle zu verlieren und verrückt zu werden (Vgl. TEEGEN 2001, S. 266 f).

Affektstörungen: Symptome eines erhöhten Erregungsniveaus, d. h. einer gesteigerten Schreckhaftigkeit und Wachsamkeit für sicherheitsgefährdende Reize sind bei der Diagnostik von Bedeutung: „ Patientinnen mit einer Posttraumatischen Belastungsst ö rung zeigen ein erh ö htes autonomes Erregungsniveau in Ruhe, eine erh ö hte Reagiblität auf traumabezogene Reize sowie St ö rungen bei der Modulation von Aktivierungs- und Erregungszuständen “ (ebd.). Typisch dafür sind Reizbarkeit, Schwierigkeiten im Umgang mit Wut und Ärger, Affektdurchbrüche, Aggressivität, dissoziales Verhalten, emotionale Labilität, impulsives Risikoverhalten, Konzentrationsschwierigkeiten, Ein- und Durchschlafstörungen und Übervigilanz (Vgl. GURRIS 2001).

Veränderungen des Bewusstseins: Neben Paranoia und Agoraphobie kommt es zur Spaltung der Beziehung zu anderen Menschen (schizoide Störung). Traumatisierte erleben das ständige Gefühl der Betäubtheit und eine emotionale Abstumpfung gegenüber alltäglichen Ereignissen, was mit Gefühlen der Entfremdung von anderen Menschen zusammenhängt, sind unfähig sich selbst und anderen zu vertrauen und der Umgebung gegenüber teilnahmslos. Das alles mündet in sozialen Rückzug (Vgl. DILLING u.a. 1999, S. 169 f).

Verwirrte Selbstwahrnehmung: Traumatische Erlebnisse können zu einer veränderten Sicht des Selbst und der Welt führen mit begleitenden Gefühlen von Schuld, Scham und Wertlosigkeit (Vgl. GURRIS 2001).

Details

Seiten
108
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638265416
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23416
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Frauen Sucht Politoxikomanie Belastungsstörung Missbrauch

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Titel: Frauen und Sucht - Politoxikomanie als posttraumatische Belastungsstörung nach sexuellem Missbrauch