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Freizeit älterer Menschen im Vergleich von Stadt und Land

Diplomarbeit 2001 117 Seiten

Soziologie - Alter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Ältere Menschen und ihre gesellschaftliche Stellung
2.1 Die steigende Anzahl älterer Menschen in hoch entwickelten Gesellschaften
2.2 Die theoretische Auseinandersetzung mit älteren Menschen
2.2.1 Disengagementtheorie
2.2.2 Kontinuitätstheorie
2.2.3 Gegenwärtiger Stand der Theorie

3 Die Bedeutung von Freizeit in hoch entwickelten Gesellschaften
3.1 Die Entwicklung der freien Zeit
3.2 Die Definition von Freizeit
3.2.1 In Abhängigkeit von Arbeit
3.2.2 Als eigener Lebensbestandteil bei Rückgang der Arbeitszeit und im Ruhestand

4 Das Spannungsfeld von Stadt und Land in hoch entwickelten Gesellschaften
4.1 Definition von Stadt in Abgrenzung vom Land
4.1.1 Die Stadt nach Marx
4.1.2 Die Stadt nach Weber und Durkheim
4.1.3 Die Stadt nach der Chicagoer Schule
4.1.4 Die Stadt nach Definition des schweizerischen Bundesamts für Statistik (BfS)
4.2 Die Bedeutung der Stadt in der Gegenwart
4.3 Agglomerationsgemeinden: Gemeindetypus der Zukunft?

5 Anzeichen für einen neuen Umgang mit Freizeit
5.1 Verstädtern die Landgemeinden?

6 Resultate der Untersuchung "Freizeitgestaltung im Alter"
6.1 Hintergrund der Vorläuferuntersuchung
6.2 Untersuchungsgesamtheit
6.3 Rücklauf und Repräsentativität
6.4 Datenaufbereitung
6.5 Gemeindetypen nach dem Bundesamt für Statistik
6.6 Erste Ergebnisse
6.6.1 Demografische Daten
6.6.2 Reisen und Ausflüge
6.6.3 Sport
6.6.4 Vereine und Gruppen
6.6.5 Ehrenamtliche Tätigkeiten
6.6.6 Kursbesuch
6.6.7 Soziale Kontakte
6.6.8 Haushalt
6.6.9 Hobbys
6.6.10 Mediennutzung
6.6.11 Interesse an aktuellen Themen
6.6.12 Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen
6.6.13 Ausbildung und Beruf
6.6.14 Erwerbstätigkeit
6.6.15 Finanzielle Lage
6.6.16 Gesundheit und Mobilität
6.6.17 Selbsteinschätzung

7 Hypothesen
7.1 Individualisierung: Zunahme nichtorganisierter Freizeitaktivitäten
7.2 Individualisierung: Zunahme intrinsisch motivierter Freizeitaktivitäten
7.3 Zukunftsweisendes Freizeitverhalten in Randgemeinden städtischer Ballungsräume

8 Statistische Verfahren
8.1 Faktorenanalyse zur Reduktion der Anzahl zu erklärender Variablen
8.2 Einfaktorielle Varianzanalyse
8.3 Regression

9 Überprüfung der Hypothesen und Resultate
9.1 Faktorenanalyse
9.2 Einfaktorielle Varianzanalyse (ANOVA)
9.3 Regression

10 Diskussion

11 Ausblick

12 Literaturverzeichnis
12.1 Primärliteratur
12.2 Websites
12.3 Methodik
12.4 weitere Quellen
12.5 Sekundärliteratur

Abstract

Diese Arbeit basiert auf drei Teilgebieten der Soziologie: Der theoretischen Beschäftigung mit älteren Menschen (Gerontosoziologie), der Untersuchung von Freizeit als gesellschaftlichem Teilsystem (Freizeit- und Arbeitssoziologie) sowie der Analyse der Beziehungen zwischen Stadt und Land (Stadt- und Landsoziologie). Ausgehend von der Beobachtung, dass immer mehr Menschen nach der Pensionierung immer länger gesund leben, wird die Frage diskutiert, wie diese gewonnene Lebenszeit genutzt wird, wenn ein allgemeiner Wertewandel von einer klar über die Arbeit definierten Gesellschaft zu einer eigentlichen Freizeitgesellschaft stattfindet. Betrifft dieser Wertewandel auch Leute, die heute schon pensioniert sind? Grundannahme ist, dass die neueren Werthaltungen, die es erlauben, Freizeit selbstbestimmt als Zeit mit Eigenwert zu verbringen, sich von städtischen Gebieten aufs Land ausbreiten und demnach in Städten und Agglomerationsgemeinden verbreiteter sind als auf dem Land. Gemessen wird diese Annahme an der konkreten Gestaltung der Freizeit, die in einer schriftlichen Befragung bei Menschen im Alter von 61 bis 75 Jahren erhoben wurde. Es zeigt sich dabei allerdings, dass bei der Freizeitgestaltung kaum Unterschiede hinsichtlich des Wohnorts der Befragten auftreten und das unterschiedliche Verhalten weit stärker durch andere Variablen als den Wohnort erklärt wird, die Werthaltungen in Stadt-, Agglomerations- und Landgemeinden also weit gehend gleich sind

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Variablen zur Reisehäufigkeit

Abbildung 2: Kreuztabelle Reisehäufigkeit und Gemeindekategorien

Abbildung 3: Sportvariablen

Abbildung 4: Kreuztabelle Sport und Gemeindekategorien

Abbildung 5: Vereinsvariablen

Abbildung 6: Kreuztabelle Vereinstätigkeit und Gemeindekategorien

Abbildung 7: Variablen zu ehrenamtlichen Tätigkeiten

Abbildung 8: Kreuztabelle Ehrenämter und Gemeindekategorien

Abbildung 9: Variablen zum gegenwärtigen Kursbesuch

Abbildung 10: Kreuztabelle gegenwärtig besuchte Kurse und Gemeindekategorien

Abbildung 11: Hobbyvariablen

Abbildung 12: Kreuztabelle Hobbys und Gemeindekategorien

Abbildung 13: Mediennutzungsvariablen

Abbildung 14: Kreuztabelle Mediennutzung und Gemeindekategorien

Abbildung 15: Korrelationsmatrix Freizeitvariablen

Abbildung 16: KMO- und Bartlett-Test Freizeitvariablen

Abbildung 17: Anti-Image-Matrizen Freizeitvariablen

Abbildung 18: Screeplot Faktorenanalyse der Freizeitvariablen

Abbildung 19: Kommunalitäten 7 Freizeitvariablen

Abbildung 20: Kommunalitäten 9 Freizeitvariablen

Abbildung 21: durch Faktoren erklärte Gesamtvarianz bei 7 Freizeitvariablen

Abbildung 22: Komponentenmatrix 7 Freizeitvariablen

Abbildung 23: rotierte Komponentenmatrix 7 Freizeitvariablen

Abbildung 24: rotierte Komponentenmatrix 9 Freizeitvariablen

Abbildung 25: durch Faktoren erklärte Gesamtvarianz bei 9 Freizeitvariablen

Abbildung 26: Komponentendiagramm 7 Freizeitvariablen im rotierten Raum

Abbildung 27: Koeffizientenmatrix der Komponentenwerte 7 Freizeitvariablen

Abbildung 28: Q-Q-Diagramme und trendbereinigte Q-Q-Diagramme der Faktoren 1 und 2

Abbildung 29: Test der Faktoren 1 und 2 auf Normalverteilung

Abbildung 30: Normalverteilungsdiagramme der Faktoren 1 und 2

Abbildung 31: Kreuztabelle Faktor 1 und Gemeindekategorien

Abbildung 32: Kreuztabelle Faktor 2 und Gemeindekategorien

Abbildung 33: Test auf Homogenität der Varianzen der Faktoren 1 und 2

Abbildung 34: Varianzanalyse der Faktoren 1 und 2

Abbildung 35: Korrelation zwischen Faktor 1 und Gemeindekategorie Stadt

Abbildung 36: Korrelation zwischen Faktor 1 und Gemeindekategorie Agglomeration

Abbildung 37: Korrelation zwischen Faktor 1 und Gemeindekategorie Land

Abbildung 38: Korrelation zwischen Faktor 2 und Gemeindekategorie Stadt

Abbildung 39: Korrelation zwischen Faktor 2 und Gemeindekategorie Agglomeration

Abbildung 40: Korrelation zwischen Faktor 2 und Gemeindekategorie Land

Abbildung 41: Variablen in der Varianzanalyse mit Faktor 1 als abhängiger Variable

Abbildung 42: Modellzusammenfassung für die Varianzanalyse mit Faktor 1

Abbildung 43: Varianzanalyse mit Faktor 1 als abhängiger Variable

Abbildung 44: Variablen in der Varianzanalyse mit Faktor 2 als abhängiger Variable

Abbildung 45: Modellzusammenfassung für die Varianzanalyse mit Faktor 2

Abbildung 46: Varianzanalyse mit Faktor 2 als abhängiger Variable

Abbildung 47: Variablen im Regressionsmodell mit Faktor 1 als abhängiger Variable

Abbildung 48: Modellzusammenfassung der Regression mit Faktor 1

Abbildung 49: Regression mit Faktor 1

Abbildung 50: Variablen im Regressionsmodell mit Faktor 2 als abhängiger Variable

Abbildung 51: Modellzusammenfassung der Regression mit Faktor 2

Abbildung 52: Regression mit Faktor 2

Vorwort

Diese Lizenziatsarbeit zur Freizeit älterer Menschen besteht aus zwei Teilen: aus einem theoretischen und einem empirischen. Die Daten des empirischen Teils entstammen der Vorläuferarbeit "Freizeitgestaltung im Alter", die im Juni 2000 an der Universität Zürich, Philosophische Fakultät I, Soziologisches Institut, von Prof. Dr. François Höpflinger als Forschungsarbeit angenommen wurde. Diese Vorläuferarbeit wurde von den Studierenden Margrit Gmünder, Regula Imhof-Lienert, Ruth Käser Scheller und This Michel Fetzer in Zusammenarbeit mit der Pro Senectute Graubünden im Rahmen des Uno-Jahrs der älteren Menschen erstellt, um die Freizeitgestaltung und Bedürfnisse älterer Menschen im Kanton Graubünden festzustellen. Die Daten dieser ersten Arbeit sollen hier anhand einer konkreteren Fragestellung noch einmal analysiert und vertieft ausgewertet werden.

Der theoretische Teil beinhaltet eine eingehende Diskussion verschiedener Ansätze. Einerseits wird es dabei um die Bedeutung und die Entwicklung der Freizeit selber gehen, andererseits werden auch Theorien aus dem Bereich der Alters- sowie der Stadt- und Landsoziologie mit einbezogen. Weiter von Bedeutung sind die Theorie der Individualisierung und die Diskussion über den Wertewandel. Im empirischen Teil werden die aus den verschiedenen Theorien hergeleiteten Hypothesen zur Freizeitgestaltung älterer Menschen in Stadt und Land empirisch überprüft.

Herr Prof. Dr. François Höpflinger war freundlicherweise bereit, diese Lizenziatsarbeit ebenso wie die vorangehende Forschungsarbeit zu betreuen.

1 Einleitung

In hoch entwickelten Gesellschaften ist in den letzten Jahren immer häufiger von einer Überalterung der Bevölkerung die Rede[1] ; die Lebenserwartung hat im 20. Jahrhundert konstant – von kriegerischen Zeiten abgesehen – zugenommen und lag 1998/1999 beispielsweise für Frauen in der Schweiz bei 82.6 Jahren und für Männer bei 76.7 Jahren (Lebenserwartung bei der Geburt).[2] Eine solche Lebenserwartung gab es in der Geschichte der Menschheit noch nie; einerseits starb stets ein großer Teil der Kinder vor Erreichen des Erwachsenenalters, andererseits war auch die Erwachsenensterblichkeit weitaus größer als heute. Dafür gibt es verschiedene, allgemein bekannte Gründe: schlechtere Hygiene und Ernährung, Krankheiten, Unfälle. Gleichzeitig nimmt heute die Anzahl der Kinder insgesamt und auch pro Frau im gebärfähigen Alter immer weiter ab, so dass die Reproduktion der Gesellschaft immer stärker in Frage gestellt wird.[3] Deshalb muss, was die Bevölkerungspolitik insgesamt angeht, von einem eigentlichen Paradigmenwechsel gesprochen werden: Längerfristig ist in hoch entwickelten Gesellschaften nicht mit einer Überbevölkerung zu rechnen, sondern es wird heute immer mehr betont, dass Zuwanderung nötig sei, um einen starken Bevölkerungsrückgang mit all seinen negativen Folgen zu verhindern. Diese Forderung wird vor allem im Zusammenhang mit der Sicherung der Altersvorsorge durch Menschen, die noch im Erwerbsprozess stehen, geäußert. Hat sich nämlich die Anzahl der Jungen, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen, in letzter Zeit stetig verringert, so steigt demgegenüber die Anzahl der aus dem Erwerbsleben Ausgetretenen nicht nur absolut, sondern auch relativ zur Gesamtbevölkerung immer stärker an.

Ältere Menschen erlangen in den Sozialwissenschaften daher eine stärkere Bedeutung, weil sie rein zahlenmäßig immer bedeutender werden. Früher war die Anzahl der Personen, die das Pensionsalter überhaupt erreichten, klein und die danach verbleibende durchschnittliche Lebenszeit gering; heute dagegen wird die Zeitgestaltung nach der Pensionierung zu einem immer drängenderen Problem, weil immer mehr Menschen immer älter werden. Diese Menschen werden oft gegen ihren Willen aus dem Erwerbsleben gedrängt. Gleichzeitig wird Freizeit weiterhin mehrheitlich als Restzeit nach Abzug der Arbeitszeit von 24 Stunden täglich verstanden. Für viele ältere Leute stellt sich daher verstärkt die Frage, wie sie ihre Zeit gestalten sollen. Als Beispiel: War noch vor 100 Jahren im Regelfall davon auszugehen, dass Eltern bestenfalls das Erwachsenwerden ihrer Kinder erlebten und spätestens kurze Zeit danach starben, so hat sich die nachfamiliäre Phase des Lebens heute enorm ausgedehnt. Ist ein Paar beispielsweise bei der Geburt des jüngsten Kindes 30 Jahre alt, so ist es üblicherweise zwischen 50 und 60 Jahre alt, wenn das letzte Kind aus dem gemeinsamen Haushalt auszieht. Damit geht ein wichtiger Identifikationspunkt im Leben verloren: Eltern in dieser so genannten "Emptynestfamilie" müssen sich wieder vermehrt an sich selber orientieren und ihre Zeit eigenständiger, also von Bedürfnissen anderer unabhängiger gestalten.[4]

Die Individualisierung, wie sie in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts einsetzte, hat ihre weitere Wirkung getan: Früher wurden sehr alte Menschen, so weit es sie überhaupt gab, in die Familie integriert und wohnten im Normalfall bei Familienangehörigen, denen sie nach Möglichkeit im Haushalt und bei der Arbeit halfen. Mit der Individualisierung hat sich in hoch entwickelten Gesellschaften aber auch das Familienbild grundlegend verändert: Familie wird nicht mehr als Arbeits- und Lebensgemeinschaft verstanden, die eigenen Bedürfnisse werden verstärkt betont, "Selbstverwirklichung"[5] ist zum Schlagwort geworden. Gleichzeitig muss sich das Individuum immer stärker am Arbeitsmarkt ausrichten, und traditionelle Identifikationsgruppen wie die klassische soziologische Schicht haben weitgehend an Bedeutung verloren. "Das Marktsubjekt ist in letzter Konsequenz das alleinstehende, nicht partnerschafts-, ehe- oder familien"behinderte" Individuum".[6] Beck[7] sagt zu diesem Gesellschaftswandel innerhalb der Moderne: "(...) in dessen Verlauf die Menschen aus den Sozialformen der industriellen Gesellschaft – Klasse, Schicht, Familie, Geschlechtslage - freigesetzt werden (...)". Diese Entwicklung ist analog anzusetzen zur Entwicklung, bei der im 19. Jahrhundert die Menschen durch die Industrialisierung aus dem integrierten Produktions- und Wohnzusammenhang in die getrennten Erwerbs- und Haushaltszusammenhänge entlassen wurden: Laut Häußermann/Siebel[8] gilt seither die Wohnung als Ort der Nicht-Arbeit, der Privatheit und Intimität, laut Rosenmayr[9] bürgerliche Ideale. Damit wird einerseits die Einbindung alter, außerhalb des Erwerbsprozesses stehender Personen in die Familie immer schwieriger, andererseits dürften sich diese veränderten Anforderungen an die Gestaltungsmöglichkeiten des eigenen Lebens zumindest teilweise auch bei der älteren Bevölkerung schon durchgesetzt haben. So sind denn heute auch ältere Leute oft auf sich allein gestellt; ein Indikator dafür ist, dass alte Leute seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts vermehrt in Heimen leben[10], einer sozialstaatlichen Einrichtung, die es früher in dieser Form kaum gab.

Es ist also festzustellen, dass die zunehmende Lebenserwartung zu einem starken Anstieg der betagten Bevölkerung geführt hat, die zudem immer weniger in traditionellen Lebenszusammenhängen steht und daher für sich allein sorgt und ihre Zeit frei gestaltet, wobei sie auch andere Ansprüche an die eigene Zeit- und Lebensgestaltung stellt als noch vor wenigen Generationen. Der Freizeitbereich nimmt dabei eine sehr wichtige Stellung ein, die in Zukunft noch wichtiger werden dürfte, so lange die Bevölkerung altert und die Individualisierung anhält.

In derselben Zeitspanne, also im Wesentlichen seit dem Zweiten Weltkrieg, hat in hoch entwickelten Gesellschaften auch in der Hinsicht eine Modernisierung stattgefunden, dass Stadt und Land sich einander immer stärker angeglichen haben. War bis zum Zweiten Weltkrieg eine strikte Trennung von Stadt und Land sowohl in struktureller als auch in kultureller Hinsicht noch eher möglich, so haben verschiedene Faktoren seither die wesentlichen Unterschiede zu einem großen Teil aufgehoben: Die größere Mobilität, sei es durch den öffentlichen oder den Individualverkehr, erschließt den Menschen in den Städten das Land als Erholungsgebiet, während der Besuch kultureller und sportlicher Veranstaltungen wie auch das Einkaufen in Städten für die Landbevölkerung um ein Vielfaches einfacher geworden ist. Die Lebensumstände in Stadt und Land haben sich angeglichen, die soziale Kontrolle auf dem Land hat sich durch das Wachstum der Landgemeinden verringert, die Sozialstruktur in Stadt und Land unterscheidet sich heute um vieles weniger als noch vor 50 Jahren. Das Leben in stadtnahen Landgemeinden für Personen, die in Städten arbeiten, hat an Attraktivität gewonnen, was sogar zu einer Abwanderung aus den Kernstädten führte.[11] Gleichzeitig bringen neue Technologien die Möglichkeit mit sich, dass immer mehr Arbeitsplätze nicht gezwungenermaßen in Zentren mit großer Bevölkerungszahl liegen, sondern fast gänzlich ortsunabhängig sind. Diese Entwicklungen zeigen auch einen großen Einfluss auf das Freizeitverhalten der Bevölkerung.

Mit dieser Arbeit möchte ich zeigen, dass Städte nicht per se eine gesellschaftlich herausragende Stellung haben, sondern die gesellschaftliche Entwicklung – der soziale Wandel – sich sehr wohl auch in andern Siedlungsstrukturen abspielen kann bzw. im konkreten Fall überhaupt nicht an eine spezifische Struktur gebunden ist. Gleichzeitig will ich aber nachweisen, dass die gegenwärtige Individualisierungsphase sehr wohl in den Städten ihren Anfang hatte, ohne jedoch an diese gebunden zu bleiben, wie das auch Krämer-Badoni[12] sagt. Insbesondere bei Menschen, die noch vor der nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Individualisierung geboren und auch größtenteils sozialisiert wurden, dürften sich noch unter-schiedliche Werthaltungen und Verhaltensweisen zwischen Stadt- und Landbevölkerung zeigen. Beck[13] ist denn auch der Ansicht, dass gerade weiterhin wirksame Wirksamkeit von an Landschaften und Ortschaften gebundenen regionalen Kulturidentitäten dem Individualisierungsprozess am meisten entgegenstehen. In Zukunft ist aber zu erwarten, dass diese Unterschiede an Bedeutung verlieren. Anhaltspunkte zu möglichen Entwicklungen im Frei-zeitverhalten der älteren Bevölkerung sind dabei von großer gesellschaftlicher Relevanz in Anbetracht des zu erwartenden stark ansteigenden Anteils älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung, insbesondere wenn Freizeit heute noch grundsätzlich über (Erwerbs-) Arbeit definiert wird, also über etwas, was diesem zahlenmäßig zunehmenden Bevölkerungsanteil im Allgemeinen verwehrt ist. Insgesamt soll so ein Bild vom Umgang mit der eigenen Zeit bei älteren Menschen in Stadt und Land entstehen.

2 Ältere Menschen und ihre gesellschaftliche Stellung

Die Bedeutung älterer Menschen in hoch entwickelten Gesellschaften nimmt heute stark zu, weil der Anteil der älteren Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung steigt und sich gleichzeitig das ihnen zugeschriebene und von ihnen selber wahrgenommene Rollenbild verändert. Damit droht das Alter erstmals in der Geschichte der Gesellschaft zu einem großen sozialen, nicht nur gesundheitlichen Problem zu werden, weil alte Menschen aus traditionellen Bindungen freigesetzt werden und sich in der modernen Gesellschaft neu orientieren müssen. In früheren Gesellschaftszuständen waren ältere Menschen – wie sie es, so zeigt es die Ethnologie[14], in vielen Gesellschaften heute noch sind – anerkannt als Weise, als diejenigen Gesellschaftsmitglieder, die über die größte und für den Fortbestand der Gesellschaft unerlässliche Lebenserfahrung verfügten und Tradition wie auch gesellschaftliche Techniken überlieferten[15]. In dieser Funktion als Älteste und als Weise wurden sie geehrt, was sich am Ahnenkult vieler Gesellschaften nachweisen lässt. Alte Menschen waren in dieser Weise Lehrmeister der Jungen, so etwa in der antiken Schule und Philosophie; sie garantierten die Weitergabe des Wissens. Diese Funktion alter Menschen als Bewahrer des Wissens wird seit vielen Jahrhunderten durch neue gesellschaftliche Techniken unterwandert[16]: Wissen kann heute sehr einfach schriftlich und mit immer neueren Methoden überliefert werden, was alte Menschen als "Wissensspeicher" ersetzlicher gemacht hat. Aber noch bis in die Neuzeit hinein ist diese Funktion etwa in Form alter Menschen als Geschichtenerzähler, die Sagen und Geschichten einer Gesellschaft überliefern, zu erkennen. Erst die allgemeine Alphabetisierung westlicher Gesellschaften im 19. Jahrhundert macht alte Menschen auch hier ersetzbar; dennoch sind Spuren dieser Funktion bis heute sichtbar, etwa wenn alte Menschen als Zeitzeugen für Jüngere, die eine bestimmte Zeit persönlich nicht miterlebt haben, zu Primärquellen werden. (Das zeigt sich gegenwärtig daran, dass die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs das Ende ihrer Lebenserwartung erreichen.)

Nachdem alte Menschen ihre Verehrung als Bewahrer der Tradition zu einem guten Teil eingebüßt hatten, blieben sie gesellschaftlich dennoch relativ konstant in ihrer Bedeutung, so lange die Groß- und Mehrgenerationenfamilie als Haus- und Arbeitsgemeinschaft weit verbreitet war, also insbesondere in der Form der agrarischen Familien, aber auch der städtischen Handwerkerfamilien. Die wenigen Alten, die es gab, nahmen in diesen Haushalten weiterhin eine wichtige Rolle ein: Sie konnten entsprechend ihren Fähigkeiten eingesetzt werden, so lange ihre Kräfte das zuließen, etwa für die Betreuung kleiner Kinder, wenn die Eltern bei der Arbeit waren, oder zur Mithilfe im Haushalt. Solche Funktionen nehmen Großeltern auch heute noch ein; entscheidend ist aber, dass es diese Haushaltsform heute kaum mehr gibt und alte Menschen, wenn sie pflegebedürftig werden, nicht in gleichem Maß von ihrer Familie betreut werden, wie sie sich davor selber für die Familie eingesetzt hatten. Die Normfamilie mit Nachwuchs in hoch entwickelten Gesellschaften ist heute die Zweigenerationenfamilie, nach Beck eine "Verhandlungsfamilie auf Zeit"[17], auch dann, wenn mehr als zwei Generationen gleichzeitig leben. Laut Häußermann/Siebel ist die von dieser Kernfamilie abweichende Familienform schon in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Randerscheinung.[18] Werden nun alte Eltern pflegebedürftig, so können oder wollen die Angehörigen sie nicht einfach aufnehmen; gleichzeitig sind auch ihre Möglichkeiten beschränkt, alte Menschen in deren eigenem Haushalt zu betreuen. Obwohl heute alte Menschen körperlich länger gesund sind, haben durch die stark verlängerte Lebenserwartung und verbesserte medizinische Versorgung insbesondere chronische Krankheiten zugenommen. Alte Menschen können heute jahrelang bettlägrig sein, bevor sie sterben. Dieses Ausmaß an Betreuungsbedürftigkeit ist aus früheren Epochen unbekannt.

Alte Menschen werden damit heute mehr und mehr als Problem empfunden, und zwar nicht nur in der Betreuung, sondern auch durch ihr demografisches Gewicht. Schlagworte in der Diskussion sind häufig das politische Übergewicht älterer, oft konservativer[19] Bevölkerungsgruppen oder die Last der Altersvorsorge, die für immer mehr Pensionsberechtigte auf immer weniger Jungen im Arbeitsprozess liegt. Neben diesen mehr "technischen" Schwierigkeiten mit der zunehmenden Anzahl älterer Menschen kommt die emotionale Überforderung dazu: Die Individualisierung der westlichen Gesellschaft hat dazu geführt, dass Personen unabhängig von ihren zeitlichen und körperlichen Ressourcen immer weniger bereit sind, für alte Menschen zu sorgen: Die Solidarität hat innerhalb von Großfamilien ebenso abgenommen wie innerhalb klassischer sozialer Schichten; modernere Sozialmilieus zeichnen sich durch viel größere Flexibilität in den Beziehungen und damit geringere Solidarität aus. So sieht das auch Beck, wenn er sagt, dass die moderne hochdifferenzierte Arbeitsteilung zu einer allgemeinen Verantwortungslosigkeit führt.[20] Wer sich verstärkt auf sich selber konzentrieren muss, um sein Leben zu gestalten, wer sich stärker am Arbeitsmarkt ausrichten muss und sich selber verwirklichen will und nicht mehr bereit ist, in erster Linie Teil einer Gemeinschaft zu sein, hat nicht die Ressourcen, Angehörige intensiv zu betreuen, zumal Individualisierung auch bei älteren Menschen selber zu erhöhten Ansprüchen an die Pensionszeit führt. Das gilt auch, wenn die Gesundheit älterer Menschen insgesamt besser wird, wie in den letzten Jahrzehnten konstatiert wird.[21] Nach Jahrhunderten der relativen Konstanz wandelt sich die Bedeutung älterer Menschen für die Gesellschaft heute damit tief greifend.

2.1 Die steigende Anzahl älterer Menschen in hoch entwickelten Gesellschaften

Die volkstümliche Empfindung, dass es immer mehr ältere Menschen gebe, lässt sich für hoch entwickelte Gesellschaften statistisch eindeutig belegen. Dabei nehmen im Moment sowohl die absolute Anzahl als auch der relative Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung stark zu. Diese Tendenz wird sich in Zukunft noch verstärken, weil die geburtenstarken Jahrgänge der ersten zwei Nachkriegsjahrzehnte, die so genannten "Babyboomer", in den nächsten zwanzig Jahren ins Pensionsalter kommen, während ihnen weitaus geburtenschwächere Jahrgänge nachfolgen. Das hat in erster Linie Auswirkungen auf die Pensionssysteme verschiedener Staaten.

Für die Schweiz gilt: Die Lebenserwartung bei der Geburt lag 1998/1999 für Frauen bei 82.6 Jahren, für Männer bei 76.7 Jahren. Dieser Wert hat seit 1970/1971 für Frauen um 6.4 Jahre, für Männer um 6.6 Jahre zugenommen.[22] Verschiedene Prognosen gehen von unterschiedlichen Zunahmen der Lebenserwartung für die nächsten Jahrzehnte aus; selbst wenn davon ausgegangen wird, dass die Lebenserwartung nach jahrzehntelanger Zunahme in den nächsten Jahrzehnten konstant bleibt, ist aufgrund der bereits lebenden Bevölkerung, die in dieser Zeit ins Pensionsalter eintreten wird, klar, dass sich der Anteil der älteren Bevölkerung vergrößern wird, während gleichzeitig der Anteil der unter 20-Jährigen kleiner wird. Zum Vergleich: 2001 kommt auf drei Erwerbstätige nur eine Person, die bereits aus dem Erwerbsprozess ausgetreten, also pensioniert ist. Für das Jahr 2040 wird für die Schweiz mit einem Verhältnis von zwei nicht Erwerbstätigen auf drei Pensionierte gerechnet. Gleichzeitig ist aber davon auszugehen, dass der Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung im Erwerbsalter mit 83 Prozent heute und 85 Prozent 2040 praktisch gleich bleibt. Die "Alterslast" nimmt also immer mehr zu, der so genannte Altersquotient verschiebt sich immer mehr zu Ungunsten der Bevölkerung im Erwerbsprozess.[23]

Für andere hoch entwickelte Staaten gelten im Einzelnen abweichende, aber prinzipiell vergleichbare Zahlen und Tendenzen. Die Bedeutung des Alters wird damit in nächster Zeit in diesen Staaten zunehmen, ohne dass bereits ein festes Altersbild zur Verfügung stünde, wie es oben geschildert jahrhundertelang existierte. Alter wird damit auch zu einer Phase der Unsicherheit, was für viele Alte selber gerade darum zu einem Problem wird, weil dieser Umstand neu ist und sie sich nicht im Lauf ihres Erwerbslebens darauf vorbereiten konnten.

2.2 Die theoretische Auseinandersetzung mit älteren Menschen

Die Anfänge des oben dargestellten Wandels der Bedeutung älterer Menschen für westliche Gesellschaften reichen weit zurück. Auch in der theoretischen Auseinandersetzung mit Alter schlägt sich dieser Wandel nieder. Vordergründig ist Alter in erster Linie ein medizinisches Problem, ausgelöst insbesondere durch die medizinische Entwicklung, die zu einer Verlängerung der Lebenserwartung geführt hat. Das medizinische Wissen entwickelt sich größtenteils nicht altersspezifisch; so hat die verbesserte Hygiene in westlichen Ländern seit dem 19. Jahrhundert dazu geführt, dass die Sterblichkeit in allen Altersgruppen stark zurückgegangen ist. Wohl hat sich so die Lebenserwartung stark erhöht; diese Erhöhung hat aber nur zu einem Teil dazu geführt, dass mehr Leute sehr alt werden. Vielmehr ist insbesondere die Kindersterblichkeit und auch die Sterblichkeit bei Geburten sehr stark zurückgegangen. Daneben hat die medizinische Entwicklung auch zu einer Lebensverlängerung bei alten Menschen geführt. Dabei waren jene Entwicklungen besonders stark, die vorhandene Erkrankungen und gesundheitliche Probleme abschwächen oder verzögern, also zu einer Lebensverlängerung mit gesundheitlicher Einschränkung führen. So sind heute viele Krankheiten, die es bis vor Kurzem noch waren, nicht mehr innert kurzer Zeit tödlich. Das hat dazu geführt, dass ein immer größer werdender Teil älterer Menschen chronisch krank ist. Der Dekonstruktivismus spricht auch von der Erfindung neuer Krankheiten durch die Medizin, die diese als Krankheiten diagnostiziert, ohne sie heilen zu können.[24] In diesem Zusammenhang ist in der Medizin die Gerontologie entstanden, die sich mit Krankheiten im Alter befasst. Viele Krankheiten betreffen gerade ältere Menschen, weil ihr Immunsystem geschwächt ist und mit der Alterung allgemein Fehlleistungen des Körpers begünstigt werden. So steigt das allgemeine Risiko einer Krebserkrankung mit zunehmendem Alter erheblich an. Zu erwähnen ist dabei allerdings, dass medizinisch-gerontologische Untersuchungen der letzten Jahrzehnte belegen, dass der allgemeine gesundheitliche Zustand der alten Bevölkerung sich eher verbessert, was zumindest zum Teil auch darauf zurückzuführen sein dürfte, dass immer weniger Menschen in gesundheitsschädigenden Berufen beschäftigt sind und das Gesundheitsbewusstsein in der westlichen Welt seit dem Zweiten Weltkrieg stark angestiegen ist. Wenn trotzdem der Eindruck entsteht, ältere Menschen seien immer kranker, so dann, weil immer mehr Menschen sehr alt werden und damit zeitlich einem immer größeren Erkrankungsrisiko ausgesetzt sind. Bei Vergleichen etwa der 60-Jährigen 1970 und heute ist eine Zunahme ihrer Gesundheit feststellbar.[25]

Die sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit alten Menschen ist bedeutend jünger als die medizinische. Dabei sind verschiedene Phasen erkennbar, die durch je eigene Theorien dominiert werden. Im Folgenden sollen die hauptsächlichen Theorien für die Gerontosoziologie kurz aufgezeigt werden.

2.2.1 Disengagementtheorie

In der frühesten sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Alter wird davon ausgegangen, dass sich ältere Leute insbesondere nach ihrer Pensionierung immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen und ihr allgemeines Aktivitätsniveau stark abnimmt. Laut Karl/Tokarski[26] wurde in dieser Phase davon ausgegangen, dass alte Leute allenfalls noch mit Spielen u.Ä. unterhalten werden können. Diese Entwicklung wird als notwendige Vorbereitung auf den Tod angesehen und angesichts der schwindenden Kräfte alter Menschen als natürlich empfunden. Die Disengagementtheorie ließ sich verschiedentlich durch empirische Untersuchungen stützen. So wurde festgestellt, dass alte Menschen bedeutend weniger Sozialkontakte haben als Personen, die noch im Erwerbsprozess stehen. Sie konzentrieren sich gemäß dieser. Individuen versteht diese Theorie in erster Linie als Marktwesen, die ihre Arbeit getan haben und prinzipiell keinen "Eigenwert" haben, die also eigentlich auf den Tod warten bzw. nur noch Aufgaben übernehmen, die sie noch bewältigen können, beispielsweise die Betreuung von Kleinkindern in der Familie oder die Unterstützung der jüngeren Generationen ganz allgemein. Diese Theorie stammt aus einer Zeit, in der auch Freizeit ausschließlich negativ als "Regenerationszeit der Abwesenheit von Erwerbsarbeit" definiert wurde. Alte Menschen, die nicht mehr arbeiten, verfügen nicht eigentlich über Freizeit, weil sie sich von keiner Arbeit im Sinn von Erwerbsarbeit zu erholen brauchen. Demnach können alte Menschen Freizeit auch nicht für eigene Bedürfnisse und Interessen nutzen. Tatsächlich entstammt dieses theoretische Verständnis einer Zeit, in der alte Menschen in der Mehrheit gesundheitlich stark beeinträchtigt waren bzw. so lang arbeiteten, wie sie überhaupt konnten. Es sei hier daran erinnert, dass etwa die Schweizer AHV als Altersvorsorge erst 1948[27] eingerichtet wurde und das Bezugsalter (62 für Frauen und 65 für Männer) ungefähr der damaligen Lebenserwartung entsprach; tatsächlich wurde die AHV auch nicht primär eingeführt, um alten Menschen den Ruhestand zu ermöglichen, sondern um genügend Arbeitsplätze für junge, auf den Arbeitsmarkt nachdrängenden Arbeitende zu schaffen, was laut Lehr[28] und Naegele[29] zu einer Abwertung älterer Menschen mit sich brachte. Der Ruhestand wurde also allenfalls als verdienter Lebensabend nach geleisteter Lebensarbeit verstanden, aber keineswegs als eine Zeit, in der es möglich sein sollte, neue Interessen zu entwickeln. Der Übergang ins Pensionsalter wird in diesem Ansatz kaum als Problem verstanden, weil er eine Befreiung aus der Arbeitslast bedeutet. Die Alten werden damit noch nicht so sehr aus ihrem sozialen Umfeld gelöst wie bei nachfolgenden Theorien: Sie bleiben in die Familie als primärem Sozialumfeld integriert.

Die Disengagementtheorie ist heute stark umstritten. Sie gilt nicht mehr als angemessen für die Beschreibung der Situation älterer Menschen, weil sich das Selbstverständnis und die Rollenzuschreibung alter Menschen in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt haben.

2.2.2 Kontinuitätstheorie

Unter den oben beschriebenen Voraussetzungen wurde in der Forschung anerkannt, dass der so genannte Ruhestand – und auch dieser Begriff ist heute in der Wissenschaft umstritten – mehr ist als ein allmählicher Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben und eine Vorbereitung auf den Tod. Mit der Kontinuitätstheorie wird viel mehr davon ausgegangen, dass ältere Menschen mit der Pensionierung Fähigkeiten und Kenntnisse aus ihrem Beruf sowie private Interessen mit in die Pension nehmen und weiter einsetzen.[30] Die Zeit nach der Pensionierung kann so also aktiv genutzt werden und dient nicht mehr nur der Ablösung vom früheren Leben. In dieser Phase der Theoriebildung kommt der Begriff des "Pensionierungsschocks" auf: Betroffene werden – nicht immer nach ihrem Willen – pensioniert und damit eines erheblichen Teils ihres Lebens beraubt. Gleichzeitig fühlen sie sich nicht alt und krank und sind daher auch nicht bereit, auf ihr bisheriges Leben zu verzichten, sind dazu aber zumindest zu einem gewissen Teil gezwungen, etwa weil ein großer Teil ihrer Sozialkontakte über das berufliche Umfeld ablief, aus dem sie abrupt herausgerissen worden sind. Obwohl sie also noch über die Ressourcen verfügten, genau so, weiterzuleben wie bisher, wird dieses Leben von der Gesellschaft teilweise eingeschränkt. Dieser Pensionierungsschock lässt sich in Studien allerdings kaum nachweisen.[31] Tatsächlich wird in der Kontinuitätstheorie auch davon ausgegangen, dass Interessen aus der Zeit des Erwerbslebens nach der Pensionierung weiter verfolgt werden, etwa Hobbys, die schon während der Erwerbstätigkeit ausgeübt wurden.[32] Weniger wichtig ist der Übergang ins Pensionsalter ohnehin für Personen, die nicht im Erwerbsleben standen, also insbesondere für einen großen Teil der weiblichen Bevölkerung. Ansatzweise wird mit der Kontinuitätstheorie bereits die Ansicht vertreten, dass Freizeit auch einen Wert für sich allein haben und sinnvoll, in der Weiterentwicklung des Ansatzes sogar zu einem guten Teil genussvoll genutzt werden kann, wobei eine weiterhin starke Integration in die Familie nicht ausgeschlossen sein muss. Mit diesem Theorieansatz können auch soziale und ehrenamtliche Einsätze von Personen im Pensionsalter gut erklärt werden: Nach der Marktarbeit bleibt den Pensionierten Zeit für soziale Engagements, also für Aufgaben, die vom Markt nicht wahrgenommen werden.[33]

2.2.3 Gegenwärtiger Stand der Theorie

Der gegenwärtige Stand der theoretischen Diskussion lässt sich aus dem Kontinuitätsansatz ableiten: Die Pensionszeit ist prinzipiell keine Zeit, die in jedem Fall von einem Kräfteverlust gezeichnet sein muss und in der ein Rückzug aus dem Gesellschaftsleben unerlässlich ist. Interessen, die vor der Pensionierung vorhanden waren, werden im Normalfall weiter gepflegt, bisweilen auch stark ausgebaut. Dieser Ansatz trägt auch der Tatsache Rechnung, dass immer noch ein großer Teil der Bevölkerung, insbesondere der Frauen, nie im bezahlten Erwerbsleben stand und damit keinen abrupten Übergang zum Pensionsalter kennt. Gerade für Frauen sind andere Einschnitte im Leben bedeutender: Der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus oder auch die Pensionierung des Ehemanns, der fortan mehr Zeit zu Hause verbringt. Neu in der gegenwärtigen Diskussion ist, dass Freizeit auch als Wert für sich allein verstanden werden kann: Freizeit muss nicht in jedem Fall nach der Kategorie "sinnvoll" beurteilt werden, was ja in erster Linie gesellschaftlich, auch marktwirtschaftlich sinnvoll bedeutet. Der gegenwärtige Stand der Theorie berücksichtigt mit seiner Offenheit auch, dass die weit reichende Individualisierung das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung stark erhöht hat. Heute wird davon ausgegangen, dass ältere Menschen nicht nur Interessen von früher weiter verfolgen, sondern auch neue Interessen dazugewinnen.[34] Es ist bekannt, dass viele Seniorinnen und Senioren das Reisen für sich entdecken, also eine Tätigkeit verfolgen, die früher, während der Berufs- und Familienarbeit, oft stark eingeschränkt war. In die gleiche Richtung weisen Seniorenuniversitäten, die in den letzten Jahrzehnten von verschiedenen Universitäten eingerichtet wurden. Hier studieren ältere Menschen, was sie interessiert, ohne dies im Hinblick auf spätere Erwerbsarbeit zu tun. Diese Art der Betätigung ist zwar einem relativ kleinen Teil der älteren Bevölkerung vorbehalten[35] und wird auch bei diesem Bevölkerungsteil nicht umfassend genutzt, stellt aber dennoch neben der Teilnahme an regulären Studiengängen oder Volkshochschulen eine qualitativ neue Art der Aktivität dar.

Die gegenwärtige sozialwissenschaftliche Diskussion des Alters greift erstmals einen sich ebenfalls wandelnden Freizeitbegriff auf. Selbst wenn Freizeit heute noch in den meisten Fällen als Restzeitkategorie verstanden wird, als Zeit also, in der nicht der Erwerbsarbeit oder dem Haushalt und notwendigen Verrichtungen wie Schlaf und Nahrungsaufnahme nachgegangen wird, ist es unabdingbar, der Freizeit über diese Regenerationsfunktion hinausweisende neue Bedeutungen zuzuschreiben. Die weiter fortschreitende Individualisierung und die Zunahme der Freizeit[36], insbesondere der Freizeit nach Abschluss der Erwerbsarbeit, verlangen, die Freizeit von dieser linearen Erholungsfunktion zu lösen und ihr weiteren Wert zuzugestehen.[37] Systemtheoretisch wird in diesem Zusammenhang davon gesprochen, dass sich Freizeit von einem Subsystem der Arbeitswelt zu einem weit gehend unabhängigen und selbstständigen System ausdifferenziert hat.[38] Tatsächlich wird heute Freizeit immer noch oft im Kontext mit Arbeitszeit gesehen, gleichzeitig ist Freizeit aber auch jene Zeit, in der Selbstverwirklichung möglich ist. Diese Entwicklung der Aufwertung von Freizeit muss nicht zwingend einen Bedeutungsverlust der Arbeit nach sich ziehen, wie empirische Studien belegen: Die Selbstdefinition und Identifikation über die Arbeit hat mit dem Ausbau der Freizeit als eigenständigem Sozialsystem kaum abgenommen, vielmehr hat sich die Freizeit als eigenes Identifikationsfeld etabliert, auch wenn diese Entwicklung im Bewusstsein der Gesellschaft noch nicht gefestigt ist.[39]

Festzuhalten ist also, dass die gegenwärtige Theoriediskussion den Begriff Freizeit sehr offen fasst: Freizeitgestaltung im traditionellen Sinn, also marktwirtschaftlich und sozial sinnvolle Freizeit, ist nicht ausgeschlossen, die Gestaltung der Freizeit in nur subjektiver Sinnhaftigkeit wird aber ebenso zugelassen. Eine Zunahme an ichzentrierten Freizeitaktivitäten ist daher durchaus zu erwarten, ohne dass notwendigerweise traditionellere Formen der Freizeitbetätigung zurückgehen müssten, zumal ja wie bereits erwähnt die Zeit, die für Freizeitaktivitäten zur Verfügung steht, in hoch entwickelten Gesellschaften im Allgemeinen zunimmt.

In der gegenwärtigen Diskussion wird daher davon ausgegangen, dass ältere Menschen mit dem Eintritt ins Pensionsalter keinen Kontinuitätsbruch erleben müssen[40], sondern Interessen, die sie schon vor der Pensionierung hatten, weiter ausleben, zum Teil intensivieren und sich auch neue Interessenfelder erschließen können.[41] Kenntnisse aus früheren Tätigkeiten, insbesondere der Erwerbstätigkeit, können dabei transformiert und in neuen Interessensfeldern eingesetzt werden. Denkbar ist dies insbesondere in der Freiwilligenarbeit, bei der Kenntnisse aus früheren Tätigkeiten auch sozial sinnvoll eingesetzt werden können. Selbst wenn derartige Aktivitäten quantitativ nicht stark ins Gewicht fällt, so ist doch eine Veränderung absehbar; Institutionen wie "Leihgroßeltern" oder Programme, in denen Pensionierte als Fachverständige Schülerinnen und Schüler, Lehrlinge oder Kolleginnen und Kollegen in weniger entwickelten Ländern in ihrem Fachgebiet unterstützen ("peer counseling"[42] ), sind Entwicklungen neuerer Zeit.

3 Die Bedeutung von Freizeit in hoch entwickelten Gesellschaften

Freizeit ist heute ein wichtiger Begriff sowohl in wissenschaftlicher als auch populärer Diskussion; das Bewusstsein für die Bedeutung der Freizeit ist mittlerweile so groß, dass manchmal in Anspielung auf die Zunahme ihrer Bedeutung sogar von einer Freizeitgesellschaft, einer Gesellschaft, die sich über die frei verfügbare Zeit ihrer Mitglieder definiert, gesprochen wird. Dem war nicht immer so, und möglicherweise spielt sich hier gegenwärtig ein Paradigmenwechsel von der Arbeits- zur Freizeitgesellschaft ab.[43]

3.1 Die Entwicklung der freien Zeit

Ohne die komplexe Frage nach der individuellen und gesellschaftlichen Bedeutung und damit letztlich der Definition von Freizeit zu beantworten, soll hier kurz ein geschichtlicher Abriss über die Entwicklung der arbeitsfreien Zeit festgehalten werden. Um klar zwischen der Definition von Freizeit und dem historischen Abriss zu unterscheiden, soll hier für die historische Darstellung der Terminus "freie Zeit" im Gegensatz zu "Freizeit", die eine klar begrenzte Zeitform meint, verwendet werden. Im letzten Jahrhundert hat die Zeit, die jedes Mitglied einer hoch entwickelten Gesellschaft zur freien Verfügung hat, also jene Zeit, die nicht für Erwerbsarbeit sowie notwendige Verrichtungen wie Schlaf, Körperpflege, Haushaltsführung und Nahrungsaufnahme aufgewendet wird, stark zugenommen, wie verschiedene empirische Untersuchungen bestätigen. Diese individuell empfundene Zunahme an Freizeit verleitet zum Glauben, dass Freizeit quasi grenzenlos wachsen kann. Gleichzeitig postuliert dieser Glaube einen Nullpunkt, an dem es gar keine Freizeit gab. Tatsächlich entstanden moderne Freizeitkonzeptionen erst mit dem technologischen, kulturellen und sozialen Wandel, wie er insbesondere seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden hat. Freie Zeit in der genannten Minimaldefinition als Zeit, die nicht für Erwerbsarbeit und notwendige Verpflichtungen aufgewendet werden muss, gab es aber in allen Epochen der Menschheitsgeschichte in unterschiedlichem Ausmaß, wie verschiedene sozialhistorische Untersuchungen belegen. So behauptet eine Zusammenstellung, dass in der griechischen und römischen Antike die Anzahl der Arbeitstage pro Jahr mit 190[44] bedeutend geringer war als in der gesamten seither vergangenen Zeit, ja sogar als in der Gegenwart, die gemeinhin als die Zeit gilt, in der die Freizeit endgültig die Arbeitszeit überrundet (232 Arbeitstage 1984 in der Schweiz). Dieselbe Untersuchung will auch nachweisen, dass dieser hohe Anteil an freier Zeit nicht etwa nur den freien Bürgern der Antike zur Verfügung stand, sondern dass auch Sklavinnen und Sklaven über freie Zeit verfügten, dass also anscheinend die antike Volkswirtschaft mit bedeutend weniger Arbeitsleistung pro Person funktionierte als die gegenwärtige. In der Folge nahmen sowohl die Anzahl Arbeitstage pro Jahr als auch die Anzahl Arbeitsstunden pro Tag bedeutend zu, wobei das Mittelalter immer noch sehr viele kirchliche Feiertage kannte, an denen die Arbeit ruhte. Was heute irrtümlicherweise als "Urzustand" der Arbeitsgesellschaft gilt, aus der sich die moderne Freizeitgesellschaft ableitet, entstand dann erst im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung, die den Einsatz aller verfügbaren Arbeitskräfte verlangte und zu einem sprunghaften Anstieg der täglichen Arbeitsstunden und der jährlichen Arbeitstage führte, so dass sich die Lebensarbeitszeit gegenüber der Antike wohl annähernd verdoppelt haben dürfte. Seither nehmen sowohl die Arbeitsstunden pro Tag als auch die Arbeitstage pro Jahr und die Lebensarbeitszeit insgesamt wieder stark ab, sowohl in Arbeitsstunden pro Tag als auch in Arbeitstagen pro Jahr oder in Arbeitsjahren in der Lebenszeit gemessen. Um die oben beschriebene verzerrte Wahrnehmung zu vermeiden, spricht Stamm[45] spricht von einer Zerstörung der klassischen Freizeit durch die Industrialisierung und eine nachfolgende Wiedereroberung dieses Freiraums, die bis heute andauert. Diese Rückeroberung ist dabei nicht einfach natürliche Folge der Überproduktion einer industrialisierten Gesellschaft, sondern das Resultat eines Kampfes zwischen Arbeit-nehmer- und Arbeitgeberseite. Als Folge eines tief greifenden kulturellen und sozialen Wandels durch technologische Innovation wird die bäuerliche Familie als Arbeits- und Lebensgemeinschaft durch die bürgerliche Kleinfamilie abgelöst. Im nun bedeutend kleinern Haushalt steigt der Aufwand für die Hausarbeit stark an und es kommt zu einer Arbeitsteilung in Haus- und Erwerbsarbeit. Verschiedene soziale Funktionen können in dieser neuen Haushaltsform oftmals nicht mehr von der Familie getragen werden, was nach gesellschaftlichen Kämpfen zur Einrichtung der sozialstaatlichen Institutionen wie Rentenversicherung, Mutterschaftsversicherung, aber auch Kinderkrippen und Altersheimen führt. Gleichzeitig entsteht das Bewusstsein für Freizeit[46], die eben nicht mehr im ganzheitlichen Familien- und Arbeitskontext der vorindustriellen Bauernhöfe verbracht wird, so dass Feiertage und Ferienansprüche garantiert werden müssen. Der Trend zu kürzerer Lebensarbeitszeit hält seit Anfang des 20. Jahrhunderts in den meisten westlichen Ländern an[47], wobei nationale Unterschiede bestehen und beispielsweise die Schweiz in Westeuropa immer noch eine der längsten Arbeitszeiten aufweist. Gegenwärtig scheint sich außerdem – entgegen der volkstümlichen Erwartung – die Tages- und Wochenarbeitszeit nicht mehr weiter zu verkürzen[48]. Trotzdem spielt die abnehmende Lebensarbeitszeit für das Empfinden der Freizeit eine herausragende Rolle, zumal die Lebenserwartung in westlichen Nationen weiter ansteigt und also nach der Pensionierung immer mehr Zeit bleibt, die als Freizeit eingestuft werden kann. Auch während Erwerbslosigkeit kann Zeit nicht durch Erwerbsarbeit gefüllt werden, weshalb ein Wandel im Empfinden von Freizeit tatsächlich in Gang ist: wie oben angetönt wird mit der Entwicklung von der Arbeits- zur Freizeitgesellschaft die Freizeit nicht mehr negativ über Arbeit definiert.[49]

3.2 Die Definition von Freizeit

Für die eingehende Beschäftigung mit Freizeit als gesellschaftlich relevantem Thema ist es unerlässlich, Freizeit zu definieren. In der Literatur finden sich sehr verschiedene Definitionen von Freizeit und ihre Unterschiedlichkeit erklärt sich in Abhängigkeit von den strukturellen Bedingungen zum Zeitpunkt ihrer Formulierung.[50] Freizeit wird daher während ihres Wandels auch immer wieder neu definiert, um den neuen Ansprüchen an die Freizeit selber und an den theoretischen Umgang mit ihr gerecht zu werden. Im Folgenden sollen die wichtigsten Freizeitdefinitionen kurz dargestellt werden, um die historische Entwicklung des Begriffs und den jeweils zeitgemäßen Umgang mit ihm aufzuzeigen.

3.2.1 In Abhängigkeit von Arbeit

Seit Freizeit zu einem sozialwissenschaftlichen Forschungsgegenstand geworden ist, wurde Freizeit meistens negativ definiert als die Zeit, in der keiner Erwerbsarbeit nachgegangen wird oder in erweiterter Form als Minimalvariante als Zeit, die nicht für Erwerbsarbeit sowie notwendige Alltagsverrichtungen verwendet werden muss.[51] Die verschiedenen Definitionen unterscheiden sich dabei im Detail von einander, indem je nachdem auch für soziale Aufgaben aufgewendete Zeit zu den Alltagsverpflichtungen gezählt wird. Kolland[52] etwa unterscheidet zwischen Freizeit, die auch physische Notwendigkeiten wie Essen und Schlafen umfasst, und freier Zeit als Restzeitkategorie. Im Prinzip lassen sich unter diesem Gesichtspunkt die verschiedenen Freizeitdefinitionen im Einzelfall kaum objektiv begründen. Allen diesen Definitionen ist aber gemeinsam, dass sie Freizeit in erster Linie als Regenerationszeit verstehen und von Arbeitszeit abhängig machen. Gleichzeitig wird als Arbeit meistens nur definiert, was unmittelbar mit Geldverdienen im Zusammenhang steht.[53]

Eine solche Definition wird dem Umgang mit Freizeit aber nicht in jedem Fall gerecht. So zeigt Stamm[54], dass Freizeit in der römischen und griechischen Antike nicht einfach das war, was an Zeit nach getanen Verpflichtungen übrig blieb, sondern Freizeit war eigentlicher Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Das lässt sich unter anderem daran festmachen, dass das lateinische Wort für Freizeit[55] "otium" ist[56], das sich auch mit Musse, Ruhe übersetzen lässt, während die Negation davon, "negotium", für Geschäftstätigkeit steht, die in dieser Formulierung der markierte Sonderfall ist, der sich vom unmarkierten Normalfall der Freizeit ableitet. Selbst wenn die üblichen Tätigkeiten im "otium", nämlich Politisieren und Philosophieren, nur den freien Männern offen standen, zeigt sich daran doch, dass die freie Zeit in der Antike einen andern Stellenwert hatte als in späterer Zeit, insbesondere seit der Industrialisierung und auch nach einem Paradigmenwechsel weg von der Arbeitsgesellschaft hin zur Freizeitgesellschaft: Freizeit auch als Verpflichtung sich selber gegenüber.

Weniger eindeutig definiert war Freizeit im Mittelalter, was sich auch daran zeigt, dass der Begriff Freizeit in der modernen Bedeutung viel jünger ist; er wurde nämlich erst im 19. Jahrhundert gebildet.[57] Diese Tatsache entspricht den mittelalterlichen Lebensumständen: Die Mehrheit der Bevölkerung lebte auf bäuerlichen Höfen in Arbeits- und Lebensgemeinschaften, in denen es fast gar keine Arbeitsteilung gab, also Familie und Arbeit nicht getrennt waren, was bedeutet, dass die Zeit nach Bedürfnis eingeteilt und fast durchgehend mit andern Menschen verbracht wurde. Entsprechend fehlte auch ein individualistisches Selbstverständnis; das Individuum war Teil einer Gemeinschaft, für deren Wohl gesorgt werden musste. Gleichwohl existierte, wie ebenfalls sozialhistorische Untersuchungen belegen[58], freie Zeit, auch wenn diese nicht eigentlich als Freizeit empfunden wurde. So kann für das Mittelalter noch eine Vielzahl kirchlicher Feiertage nachgewiesen werden, an denen nicht gearbeitet, sondern der Gottesdienst besucht und gefeiert wurde.

Mit Aufkommen des Frühkapitalismus erfuhr die Freizeit einen weiteren grund-legenden Wandel, wie Weber das in seiner Protestantismustheorie aufzeigt. Als sehr folgenreich sollte sich die protestantische Konzentration auf die Arbeit als Beweis gottes-gefälliger Lebensführung erweisen.[59] Damit wurde der Grundstein gelegt für die Ächtung jeglichen Vergnügens, am deutlichsten in zwinglianischen und kalvinistischen Städten, die etwa Tanzveranstaltungen verboten, teilweise mit Auswirkungen bis heute.[60] In der Folge wurde Arbeit zum eindeutigen Lebenszentrum aller kapitalistischen Gesellschaften[61], und erst damit lässt sich erklären, wieso heute Freizeit immer noch in den meisten Fällen als von Arbeitszeit abhängig definiert wird. Am deutlichsten zeigte sich der Wandel im Verständnis von freier Zeit, als Freizeit erstmals als solche auftrat: nach der Industrialisierung, als große Teile der Bevölkerung aus der traditionellen Haus- und Arbeitsgemeinschaft herausgelöst wurden. Wer in der Fabrik arbeitete, arbeitete einerseits meistens täglich sehr lange Zeit und mit kaum je einem freien Tag, andererseits brauchte er Erholung umso mehr, als der ganzheitliche Zusammenhang des Arbeitslebens mit der Industrialisierung entfiel, die Arbeit geteilt und dem Menschen entfremdet wurde. Seit dem 19. Jahrhundert dauern die Bestrebungen an, die tägliche, jährliche und lebenslange Arbeitszeit von Arbeiterinnen, Arbeitern und Angestellten zu verkürzen. Dieser Kampf führte u.A. zum Entstehen und Ausbau des Sozialstaats; als wichtige Meilensteine dabei seien hier nur die Einführung von gesetzlichen Höchstarbeitszeiten, von Rentenversicherungen und von Wochenarbeitszeiten genannt.

Die freie Zeit, die in dieser gesellschaftlichen Phase zur Verfügung stand, wurde erstmals als eigentliche Freizeit empfunden, und erst ab diesem Zeitpunkt wurde sie für die Sozialwissenschaft überhaupt relevant.[62] Daher erklärt sich, dass Freizeit bis heute meistens als arbeitsfreie Zeit definiert wird: Die Zeit, die nach der täglichen Arbeit noch zur Verfügung stand, wurde nach der Industrialisierung fast vollständig benötigt, um sich zu erholen; dass sie von den Arbeitgebern überhaupt gewährt wurde, war weniger auf Großzügigkeit zurückzuführen als vielmehr auf die Abhängigkeit der Arbeitgeber von den Arbeitnehmenden und auf die Einsicht, dass Angestellte, die Zeit haben, sich zu erholen, die bessere Leistung erbringen. Freizeit in dieser Phase hatte also wenig zu tun mit dem "otium" der Antike, das als eigentlicher Lebensmittelpunkt gelten konnte, um dessentwillen überhaupt gearbeitet wurde; die Relation war genau umgekehrt: Erholung diente nur zur Sammlung der Arbeitskraft, denn Arbeit galt als gottgefälliger als so genanntes Nichtstun.[63] Nichtstun ist bis heute tabuisiert und stigmatisiert geblieben, Erholung gönnt man sich bestenfalls im Schlaf, ansonsten muss die Freizeit "sinnvoll" ausgestaltet sein.[64]

Die Definition von Freizeit als Zeit, die nach Abzug der Erwerbsarbeitszeit (und allfälliger weiterer Verpflichtungen) von den 24 Stunden eines Tages übrig bleibt, wird aber immer schwieriger zu legitimieren, je weniger Arbeitszeit tatsächlich verbleibt.

3.2.2 Als eigener Lebensbestandteil bei Rückgang der Arbeitszeit und im Ruhestand

Die Enttraditionalisierung nach dem Zweiten Weltkrieg führte, so Beck[65], zur weiteren Entwicklung des Begriffs Freizeit. Nachdem ein Großteil der Bevölkerung schon seit der Industrialisierung aus der traditionellen Haus- und Lebensgemeinschaft herausgelöst worden war und die Großhaushalte zugunsten der Zweigenerationen- und Kleinfamilie aufgegeben waren, wurde die Bedeutung dieser traditionellen Bindungen und Sozialnetze nach dem Zweiten Weltkrieg weiter zurückgedrängt. Diese Entwicklung war auch ein Ziel bürgerlicher Sozialpolitik zur Verhinderung von Großhaushalten, die die Gefahr der Unkontrollierbarkeit in sich bargen, während die Kleinfamilie, basierend auf der Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann, und die staatliche Sozialpolitik eine verstärkte Kontrolle versprachen.[66] Exemplarisch dafür sei hier noch einmal die Einführung einer Rentenversicherung in der Schweiz als einem der letzten westlichen Länder 1948 erwähnt. Das Individuum wird seither in Problemsituationen immer mehr durch sozialstaatliche Institutionen gestützt.[67] Die gleichzeitig einsetzende Individualisierung führt dazu, dass das Individuum verstärkt für den Markt lebt, auf dem es für sich selber sorgen muss. Es kann sich nicht mehr als Teil einer übergeordneten Haus- oder Lebensgemeinschaft fühlen; es ist auf sich allein gestellt und damit auch stärker krisen-anfällig. Beck spricht hier von einem Entscheidungszwängen bei der Individualisierung[68]: Alle müssen sich in ihrem Leben selber verwirklichen, was beim Individuum erhebliche Unsicherheit auslösen kann.

Diese Entwicklung zeigt große Folgen für das Freizeitverhalten: Freizeit kann erstmals eine eigenständige Bedeutung erhalten, weil sie nicht mehr nur der Erholung von der Arbeit dient. Dabei kann sie unter verschiedenen Aspekten betrachtet werden. Bleibt die Arbeit weiterhin dominierend, so wird Freizeit zur Kompensation, zur Zeit, in der all das nachgeholt wird, was in der Arbeit, die oft als nicht befriedigend empfunden wird, versäumt wird. In dieser Art wird Freizeit auch heute noch von vielen Betroffenen empfunden. Freizeit kann aber auch eine viel eigenständigere Bedeutung haben, wenn das Bewusstsein des Individuums dafür stärker wird; Freizeit wird dann losgelöst von primär wirtschaftlichem Nutzen betrachtet und hat ihren eigenen Wert; im Extremfall führt das dazu, dass von einer Freizeitgesellschaft gesprochen werden kann, in der Arbeit mehr und mehr bedeutungslos wird, während Freizeit zentral ist und sehr viel mehr Zeit einnimmt als die Arbeit.[69] Beck geht denn auch davon aus, dass selbst Industriearbeiter sich nicht in erster Linie über ihre Arbeit definieren, sondern über ihre Familie, die ja nach älterer Definition zum Freizeitbereich gehört.[70]

[...]


[1] Höpflinger/Stuckelberger (1999, S. 25)

[2] Bundesamt für Statistik (1999, Tabelle A8)

[3] Tages-Anzeiger, Nr. 98, 7. April 2001

[4] Opaschowski (1994, S. 140)

[5] Beck (1986, S. 156 f.)

[6] Beck (1986, S. 191)

[7] Beck (1986, S. 115)

[8] Häußermann/Siebel (1991, S. 73f.)

[9] Rosenmayr (1983, S. 137)

[10] Wobei allerdings eine Trendwende bemerkbar ist, vgl. Gatzweiler/Strubelt (1988, S. 204f.) für Deutschland: Die Aufrechterhaltung des eigenen Hausstands ist heute die Norm.

[11] Häußermann/Siebel (1988, S. 79)

[12] Krämer-Badoni (1991, S. 15)

[13] Beck (1983, S. 60)

[14] Rosenmayr (1983, S. 36)

[15] Höpflinger/Stuckelberger (1999, S. 57)

[16] Rosenmayr (1983, S. 41)

[17] Beck (1986, S. 118)

[18] Häußermann/Siebel (1991, S. 76)

[19] Rosenmayr (1983, S. 196)

[20] Beck (1986, S. 43)

[21] Höpflinger/Stuckelberger (1999, S. 39): Für 65-Jährige in der Schweiz hat zwischen 1981/1982 und 1988/1989sowohl die Lebenserwartung als auch der Anteil der behinderungsfreien Restlebenszeit in Prozenten der gesamten Restlebenszeit zugenommen.

[22] Bundesamt für Statistik (1999, Tabelle A8)

[23] Alle Daten Bundesamt für Statistik, zit. nach Tagesanzeiger (2001, S. 7).

[24] Foucault (1976, S. 248 f., und S. 290 f.), der darin einen sozialen Kontrollmechanismus erkennt.

[25] Vgl. Fußnote 18.

[26] Karl/Tokarski (1992, S. 16)

[27] Bundesverwaltung (2001)

[28] Lehr (1988, S. 29)

[29] Naegele (1988, S. 218f.)

[30] Karl/Tokarski (1992, S. 16f.)

[31] Höpflinger/Stuckelberger (1999, S. 110) und Attias-Donfut (1988, S. 60)

[32] Opaschowski (1994, S. 157f.) erwähnt außerdem, dass ein großer Teil der Pensionierten Kontakt zu den ehemaligen Kollegen hält.

[33] Höpflinger/Stuckelberger (1999, S. 181)

[34] Karl/Tokarski (1992, S. 18) sprechen vom Alter als eigenständiger Lebensphase; Attias-Donfut (1988, S. 64) berichtet über eine Ausweitung der Freizeitbeschäftigung nach der Pensionierung.

[35] Rosenmayr (1988, S. 220)

[36] Messbar etwa daran, dass laut Tokarski/Schmitz-Scherzer (1985, S. 85) seit 1965 die Anteile der Freizeitausgaben am privaten Verbrauch ständig angestiegen sind.

[37] Karl/Tokarski (1992, S. 9)

[38] Stamm (2000/2001)

[39] Hahn (1989, S. 655) und Rosenmayr/Kolland (1988, S. 9)

[40] Höpflinger/Stuckelberger (1999, S. 19) sprechen von paradigmatischen Wandlungen in der Altersforschung..

[41] So Amann (1989, S. 18).

[42] Karl/Tokarski (1992, S. 33)

[43] Tokarski/Schmitz-Scherzer (1985, S. 12) und Stamm (2000/2001)

[44] Stamm (2000/2001)

[45] Stamm (2000/2001)

[46] Engholm et al. (1987, S. 52)

[47] Höpflinger/Stuckelberger (1999, S. 309), Rosenmayr/Kolland (1988, S. 6f.) und Bruckmann (1988, S. 52)

[48] Trotzdem aber durch steigende Lebenserwartung die Lebensfreizeit.

[49] Opaschowski (1994, S. 30) erwartet den Wandel von der Arbeits- zu einer Freizeit-Arbeitsgesellschaft bis spätestens 2010; von der Freizeit-Arbeits-Gesellschaft spricht auch Pichler (1991, S. 86).

[50] Engholm et al. (1987, S. 5) und Schmitz-Scherzer (1969, S. 7)

[51] Tokarski/Schmitz-Scherzer (1985, S. 65)

[52] Kolland (1988, S. 76)

[53] Pichler (1991, Vorwort)

[54] Stamm (2000/2001)

[55] Wobei wie bereits in Kap. 4.1 erwähnt nicht von einer wirklichen Gleichsetzung mit dem modernen Freizeitbegriff ausgegangen werden kann.

[56] Opaschowski (1994, S. 26)

[57] Duden (1989, S.204)

[58] Stamm (2000/2001)

[59] Pichler (1991, S. 1)

[60] In der Stadt Zürich beispielsweise sind Tanz- und Vergnügungsveranstaltungen an hohen kirchlichen Feiertagen erst seit 2000 erlaubt.

[61] Tokarski/Schmitz-Scherzer (1985, S. 20)

[62] Eine erste Beschäftigung damit ist Lafargue (1977); die Originalausgabe erschien 1880.

[63] Engholm et al. (1987, S. 21)

[64] Engholm et al. (1987, S. 16 und S. 61), Opaschowski (1994, S. 13f. und S. 17) und Tokarski/Schmitz-Scherzer (1985, S. 34)

[65] Beck (1986, S. 142f.)

[66] Häußermann/Siebel (1991, S. 92f.)

[67] Zapf et al. (1987, S. 138)

[68] Beck (1986, S. 190)

[69] Pichler (1991, S. 63)

[70] Beck (1986, S. 155)

Details

Seiten
117
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638101783
Dateigröße
752 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v234
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Soziologisches Institut der Universität Zürich
Note
1,5
Schlagworte
Freizeit Menschen Vergleich Stadt Land

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Titel: Freizeit älterer Menschen im Vergleich von Stadt und Land