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Anakreontik - die verkannte Lyrik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definition Anakreontik

2. Literaturhistorische Einordnung:
2.1 Die Bewertung des deutschen Rokoko in der Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts
2.1 Die beginnende Anerkennung der Rokokolyrik und ihre Renaissance

3. Anakreontik – eine politische Bewegung?
3.1 Anakreontische Lyrik als Gegenbewegung zum Pietismus
3.2 Anakreontische Lyrik als Gesellschaftskritik

4. Gedichtinterpretation
4.1 Johann Ludwig Gleim: Anakreon
4.2 Johann Peter Uz: An Chloen
4.3 Christian Felix Weisse: An die Muse

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis:

Einleitung

Was henker soll ich machen

Daß ich ein Dichter werde?

Gedankenlose Prose,

In ungereimten Zeilen,

(...)

Von Trinken und von Küssen,

Von Küssen und von Trinken,

Und wieder Wein und Mägdchen,

Und wieder Kuß und Trinken,

(...)

Und nichts als Wein und Mägdchen,

Und nichts als Kuß und Trinken,

Und immer so gekindert,

Will ich halbschlafend schreiben,

Das heißen unsre Zeiten

Anakreontisch dichten

Dieser Ausschnitt aus einem Gedicht von Gotthelf Kästner stammt aus dem Jahr 1755 und stellt die Parodie einer lyrischen Bewegung dar, die im 18. Jahrhundert großen Anklang fand: Die Anakreontik.

In der folgenden Arbeit soll untersucht werden, was an der anakreontischen Lyrik dran ist.

Wie kam es, daß bereits Zeitgenossen Parodien über sie schrieben?

Wieso wurde anakreontische Lyrik von der Literaturgeschichtsschreibung bis weit ins 19. Jahrhundert hinein als ‚seicht und läppisch’ beschrieben?

Ist die anakreontische Lyrik eine Dichtung, die sich ‚halbschlafend schreiben’ läßt?

Oder handelt es sich um gesellschaftskritische Lyrik?

Oder womöglich um eine Gegenbewegung zum Pietismus?

Ist die Anakreontik eine verkannte Lyrik?

Um diesen Fragen nachzugehen, wird in der folgenden Arbeit zuerst die Frage geklärt, was Anakreontik ist. Der zweite Schritt wird sein, die Anakreontik in ihrer literaturhistorischen Einordnung zu sehen, mit einem Schwerpunkt auf der Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts. Im dritten Schritt wird untersucht, inwieweit die Anakreontik politisch, sprich gesellschaftskritisch war, beziehungsweise inwieweit sie eine Gegenbewegung zum Pietismus darstellt. Im letzten Kapitel werden einige Gedichte in Hinblick auf die in den ersten Kapiteln vorgestellten Thesen hin kurz untersucht und interpretiert.

In der Forschungsliteratur werden die Begriffe anakreontische Lyrik und Rokokolyrik synonym verwendet, was auch in der folgenden Arbeit der Fall ist.

1. Definition Anakreontik

Im 18. Jahrhundert treffen mehrere literaturhistorische Strömungen aufeinander. Eine davon ist das Rokoko. Die Dichtung des Rokoko wird auch Anakreontik genannt. Darunter versteht man die Lyrik jener Dichter, die im Stil von Anakreon dichteten, einem griechischen Lyriker, der im 6. Jahrhundert vor Christie in Athen lebte. Die Hauptthemen Anakreons waren Wein, Liebe, Gesang und Geselligkeit. Er wählte einfache und klare Worte für seine Dichtkunst.

Das Ursprungsland des Rokoko ist Frankreich. Rokoko kommt von rocaille, was auf Deutsch Muschel heißt. Der Begriff fand zuerst Einlaß in die Kunst, bis er später Einzug in die Literatur erhielt.

2. Literaturhistorische Einordnung:

Die Dichtung Anakreons fand in Europa bereits im 16. Jahrhundert großen Anklang, als seine Lyrik von Henricus Stephanus, einem französischen Humanisten und Philologen ins Lateinische übersetzt wurde. Rund 60 Lieder übersetzte Stephanus, von denen nur einige von Anakreon selbst sind. Die restlichen Gedichte stammen von Nachahmern. Die Anakreontea, wie diese Lieder in anakreontischer Art genannt werden, stammen größtenteils aus römischer Zeit.

Nachahmer der Lyrik Anakreons gab es zu allen Zeiten. Auch in die Barocklyrik fließen leise anakreontische Töne ein. Zu finden unter anderem bei Georg Rudolf Weckherlin (vgl. Große 2001).

Die große Zeit der Nachahmer begann allerdings erst im 18. Jahrhundert. Ausgehend von Frankreich wurde anakreontische Lyrik zu einer Modewelle, die auch nach Deutschland überschwappte.

In Deutschland sind es unter anderem vier Studenten, die sich zusammen-schließen und später den 2. Halleschen Dichterkreis begründen sollen. Ihre Namen: Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Johann Nikolaus Götz, Johann Peter Uz und Paul Jakob Rudnick.

Ihre Hauptthemen: Wein, Liebe und Gesang. Ihr Vorbild: Anakreon. Andere Vertreter sind Friedrich von Hagedorn und Christian Felix Weisse.

Wie ihr Vorbild Anakreon dichten die deutschen Anakreontiker über Wein, Liebe, Gesang und Geselligkeit. Die Themenwahl ist begrenzt und wird vielfältig variiert. In der Bevölkerung findet diese Art der Dichtung großen Anklang. Die einfache Wortwahl macht sie verständlich, der Inhalt bedarf keiner langwierigen Interpretation, der liedhafte Charakter der Dichtung ist einprägsam. Auch nach 1800 finden die Werke der deutschen Anakreontiker reisenden Absatz in der Bevölkerung, wie die Verkaufszahlen der Buchhändler belegen.

So sehr die anakreontische Lyrik zu ihrer Zeit und noch bis ins nächste Jahrhundert hinein beliebt war, so sehr wurde sie in der Literaturgeschichts-schreibung ignoriert, vor allem in der des 19. Jahrhunderts. Bis heute findet anakreontische Lyrik Beachtung nur am Rande, in einem kleinen Kapitel, in wenigen Forschungsberichten. In der Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts herrscht die Meinung, anakreontische Lyrik sei „zu seicht, zu läppisch, gefühlsarm, (...) unwahr durch und durch, (...) ebenso langweilig wie geil, lasziv, obszön“. (Anger 1963: 3)

Mit der „Bewertung des deutschen Rokoko in der Literaturgeschichts-schreibung des 19. Jahrhunderts“ hat sich Alfred Anger in einem gleichnamigen Kapitel seines Aufsatzes ‚Deutsche Rokoko-Dichtung’ aus dem Jahr 1963 beschäftigt.

2.1 Die Bewertung des deutschen Rokoko in der Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts

Die Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts hat sich wenig mit der Rokokodichtung beschäftigt. Aufgrund der Vielzahl an literarischen Strömungen im 18. Jahrhundert bevorzugt sie die Untersuchung jener Poesie, die „relativ unvermischt in die klassisch-romantische Dichtung“ mündet (Anger 1963: 2). So zum Beispiel die Lyrik der Empfindsamkeit, geprägt durch Kloppstock und die Werke des jungen Goethe, dem Hauptvertreter des Sturm und Drang.

Als Grund für diese Ignoranz nennt Alfred Anger Geringschätzung, die sich in den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts mit zunehmender Popularität der Romantiker und deren Kritik an der anakreontischen Lyrik entwickelt hat.

Aus der Begeisterung des 18. Jahrhunderts wurde Gleichgültigkeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts, aus Gleichgültigkeit wurde Geringschätzung und Verachtung (vgl. Anger 1963: 4).

Als Beispiel dient die Literaturgeschichte Albert Kösters. Er bezeichnet die Rokokodichtung als „unerträglich“, als „eine Epoche sittlicher Zerrüttung und erschreckenden Tiefstandes“ (ebd.: 3).

Für August Vilmar ist sie „so widerlich süß, daß ein gesundes Gemüt sich sehr bald mit Widerwillen wegwendet“ (ebd.: 3).

Eine Ausnahme bildet zunächst Wolfgang Menzel in seinem 1836 erschienenem Werk ‚Die deutsche Literatur’. Menzel vergleicht die Rokokolyrik mit dem Minnesang. Auch der Minnesang bedient sich lediglich einer geringen Themenwahl, die er in zahlreichen Variationen behandelt. Menzel zieht eine direkte Verbindungslinie von Christoph Martin Wieland über Goethe bis hin zur Romantik. Den Vorwurf der Französelei, die den Rokokodichtern oft vorgeworfen wurde, entkräftet Menzel, indem er die gemäßigte und den Deutschen angepaßte Adaption der französischen recht frivolen Rokokodichtung Wielands in seinen Werke hervorhebt (vgl. ebd.: 5).

In Menzels 1859 erschienenem Werk ‚Deutsche Dichtung von der ältesten bis auf die neueste Zeit’ ändert er seine Meinung. Fortan ist für ihn die Rokokodichtung „steif und pedantisch, unnatürlich gekünstelt, widrig, frivol“ (ebd: 5/6). Wieland ist nicht länger der Vorläufer der Romantik, er ist nur noch „die tiefste Herabwürdigung des deutschen Nationalcharakters“

(ebd.: 6).

Lediglich eine geringe Anzahl an Forschern, wie zum Beispiel Carl Leo Cholevius in seinem Werk ‚Geschichte der deutschen Poesie nach ihren antiken Elementen’ (1854) oder Adolf Bartels gewinnen der Rokokodichtung positive Aspekte ab.

In einem sind sich sämtliche Forscher jedoch einig. Ob frivol oder gesellig, ob gefühlsarm oder treffend, die Lyrik des Rokoko ist bedeutungslos.

Als Gründe für die ablehnende Haltung der Literaturgeschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts gegenüber der Anakreontik nennt Anger zum einen den Vorwurf der Französelei.

Was hat es mit der Französelei auf sich?

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638265089
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23373
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Neuere Literatur
Note
2,0
Schlagworte
Anakreontik Lyrik

Autor

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Titel: Anakreontik - die verkannte Lyrik