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Konsequenzen des Konstruktivismus für die Bildungsreform in Vietnam

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wie wichtig ist das Lernen für die Vietnamesen?
2.1 Vietnamesen in Deutschland
2.2 Kinder in Vietnam

3. Das Lernen in vietnamesischen Schulen
3.1 Die Beeinflussung des Konfuzianismus
3.2 Passivität im Unterricht
3.3 Autorität des Lehrers

4. Neue Definition vom Lernen im Konstruktivismus
4.1 Vertreter des Konstruktivismus
4.2 Empirische Befunde
4.2.1 Aus biologischer Sicht (Maturana/Varela)
4.2.2 Aus informationstheoretischer Sicht (Förster)
4.2.3 Aus psychologischer Sicht (Glasersfeld)
4.2.4 Aus soziologischem Aspekt (Luhmann)
4.3 Grundlagen des Konstruktivismus
4.4 Konsequenzen des Konstruktivismus für das schulische Lehren und Lernen

5. Die Notwendigkeit der Bildungsreform in Vietnam
5.1 Veränderung der Lehrerrolle
5.2 Eigenverantwortung der Schüler
5.3 Wichtigkeit der Vermittlung vom Lernen lernen

6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Vietnam gehört zu den Ländern, wo Bildung eine große Rolle spielt. Elterngeben viel Geld für Bildung aus, schicken Kinder ins Ausland, zur Nachhilfe,usw. Bildung steht ganz oben noch vor dem Auto- oder Hauskauf...Vietnamgehört auch zu den Ländern, in denen Bildung der einzige Weg war, nach obenzu kommen. Schon vor 1000 Jahren, zu Zeiten des Kaisers, gab es für die Menschen nur einen Weg nach oben - durch eine gute Ausbildung und gute Leistungen. “ 1

Als ich noch 4 Jahre alt war, hatte ich schon Privatunterricht in Vietnamesich und Mathematik, um mich auf die Aufnahmeprüfung einer Grundschule vorzubereiten. Während der 12 Jahre in der Schule war es immer beschämend, wenn ich schlechte Noten bekam oder keine gute Leistung am Ende des Schuljahres erwerben konnte. Die Ferien waren nicht die Zeit für Reisen, Exkursionen, etc., sondern für das Lernen zur Vorbereitung auf das nächste Schuljahr. In den vietnamesischen Schulen herrschen überwiegend Frontalunterricht und Auswendiglernen. Wir lernen, was vom Lehrer vorgegeben wird, mit Druck statt Interesse.

Es bestehen große Unterschiede zwischen den Konzepten des Lernens in Vietnam und Deutschland. Im Fokus dieser Arbeit sind Probleme in der Schulbildung Vietnams aufzuzeigen und deren Lösungen durch das konstruktivistische Lernkonzept darzustellen.

Im ersten Teil wird die Wichtigkeit des Lernens für die Vietnamesen dargelegt. Darauf aufbauend wird im zweiten Teil gezeigt, dass das schulische Lernen in Vietnam stark vom Konfuzianismus, die chinesischen Philosophien, die tausende Jahre auf das vietnamesische Gesellschaftsleben sowie Bildungswesen einen starken Einfluss ausübt und geprägt wird. Danach wird die Problematik des Lernens in vietnamesischen Schulen dargestellt. Als eine mögliche Lösung zur Bildungsreform in Vietnam würde ich das konstruktivistische Lernkonzept nehmen. Aus den Merkmalen des Lernens im Sinne des Konstruktivismus werden abschließend die Konsequenzen für das schulische Lernen in Vietnam gezogen, die nämlich die Veränderung der Lehrerrolle, die Eigenverantwortung des Schülers und die Einführung vom Lernen-lernen sind.

2. Wie wichtig ist das Lernen für die Vietnamesen?

Das Lernen in Vietnam hat eine besondere Bedeutung. Nach der traditionellen Kultur glaubt man, dass wer nicht lernt gerät schnell auf Abwege, d.h. verlässt den „rechten Weg“. Das Primat des Lernens geht soweit, dass selbst erstrebenswerte gute menschliche Eigenschaften in Übelstände umschlagen, wenn man nicht das Lernen liebt. Konfuzius sagt: „Lerne, als hättest du es nicht erreicht, und dennoch fürchtend, es zu verlieren.“2

2.1. Vietnamesen in Deutschland

„Bildung statt BMW“3, so lautet der Artikel von Julia Haak in der Berliner Zeitung über die vietnamesischen Kinder in Berlin und Brandenburg.

Durch den Besuch des Barnim-Gymnasiums in Falkenberg hat die Autorin erfahren, dass 17 Prozent der Kinder an der Schule nichtdeutscher Herkunft sind, davon 75 Prozent aus Vietnam. Ihr Anteil steigt jährlich mehr. In der siebten Klasse sind ein Drittel der Kinder vietnamesischer Herkunft. Und diese Schüler sind in der Regel die Besten ihrer Klassen. Für sie ist der Notendurchschnitt 1,9 höchstens Mittelmaß. Die Erwartung ist aber 1,0. Es wird auch aufgezeigt, dass keine andere Einwanderergruppe in der zweiten Generation mit solchen Schulerfolgen aufwarten kann. Etwa 50 Prozent der vietnamesischen Kinder schaffen es in Deutschland aufs Gymnasium, in Brandenburg sind es sogar 74 Prozent.

Allerdings gibt es eine Schwierigkeit. Die Mehrheit der vietnamesischen Eltern können kaum oder gar nicht Deutsch sprechen, sodass die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern behindert wird. Die Kinder bekommen kaum Unterstützung für das Lernen von ihren Eltern. Darüber hinaus ist die große Differenz zwischenden Kulturen auch eine Hürde für die Integration.

Aus unzähligen Integrationsdebatten folgte immer wieder die Erkenntnis, dass gute Deutschkenntnisse im Elternhaus mitverantwortlich für die Schullaufbahn der Kinder sind. In diesem Fall ist eine Frage zu stellen: Warum sind die vietnamesischen Schüler dann so gut?

Es kommt von der Einstellung der meisten vietnamesischen Eltern, dass „nur wenn man gut lernt, kann man mehr erreichen.“Alle möchten, dass ihre Kinder gut in der Schule sind. Sie haben die Meinung, um ein besseres Leben zu haben, muss das Lernen unbedingt in erster Stelle stehen.

Schuleiter Schmidt-Ihnen hält die Eltern und ihre Einstellung tatsächlich maßgeblich für den Erfolg ihrer Kinder verantwortlich. „Bildung hat einen hohen Stellenwert bei vietnamesischen Eltern. Sie sind unheimlich hinterher, dass ihre Kinder gebildet werden. Der Lehrerberuf ist hoch angesehen in Vietnam“4, sagte er.

„Was für Deutsche das dicke Auto vor der Tür ist, ist für Vietnamesen der Schulerfolg. Dafür wird der letzte Cent investiert“5, sagt Karin Weiss, Brandenburgs Integrationsbeauftragte, eine Expertin für vietnamesische Familien. Also: Bildung statt BMW. Dass zeigt es, dass die Familie sowohl bildungsfördernd als auch -fordernd ist.

Allerdings führt es auch zu einem großen Bildungsdruck. Nach vietnamesischer Vorstellung muss Schule mit Druck einhergehen. Die Kinder lernen für ihre Eltern - aus Dankbarkeit. Es ist gewissermaßen der größte Unterschied in der Einstellung vom Lernen zwischen Vietnam und Deutschland.

2.2 Kinder in Vietnam

In Vietnam wird das Lernen nicht anders angesehen. Hier sind die Kinder auch einem großen Leistungsdruck ausgesetzt.

Die schulische Laufbahn jedes Kindes in Vietnam beginnt mit der fünfjährigen Grundschule. Nur für diese fünf Jahre besteht eine Schulpflicht. Daran schließt sich eine vierjährige Mittelschule an. Es gibt Bestrebungen, die Schulpflicht bis zur 9. Klasse auszuweiten. Wer Abitur macht und später studieren möchte, muss sich nach der 9. Klasse einer Aufnahmeprüfung an einem Gymnasium stellen, wo er nach insgesamt 12 Schuljahren die Abiturprüfungen ablegen kann. Nur wenige Wochen nach der Abiturprüfung findet die Aufnahmeprüfung an den Universitäten und Hochschulen statt.

In Vietnam wird erwartet, dass die Kinder aus Dankbarkeit ihren Eltern gegenüber nur gute Noten nach Hause bringen, auch wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, gar nicht in der Lage dazu sind. Zusätzlicher Unterricht (auch in den Ferien) und Nachhilfestunden, die dann natürlich noch extra bezahlt werden müssen, sind für viele die Regel. Sie sitzen oft noch bis spät in die Nacht hinein über ihren Büchern. Oft kommt es auch vor, dass Eltern den Lehrern zu bestimmten Anlässen kleinere oder größere Geschenke machen, um die eine oder andere bessere Note für ihre Kinder herauszuschlagen.

Der Drang zur Bildung und der Stellenwert der Bildung sind in Vietnam immer groß, sofern sich die Familien es leisten können. Egal welchen Bildungsstand die Eltern besitzen, schicken sie ihre Kinder immer zur Schule und ermutigen sie kräftig. Es gibt viele Eltern, die ihre Kinder weitertreiben, noch mehr zu lernen, noch mehr Nachhilfeunterricht zu nehmen, noch mehr Fächer zu belegen und noch mehr Hausaufgaben zu machen. Und wozu das? Nur weil sie möchten, dass ihre Kleinen mal „Stars“ werden, völlig gleichgültig, welche Bedürfnisse das Kind eigentlich wirklich hat.

Schule in Vietnam kostet Geld und für viele Familien in Vietnam ist es nicht leicht das Geld aufzubringen. Schüler aus armen Familien sind da klar benachteiligt. Trotzdem ist der Drang nach Bildung ungebrochen. Eltern sparen sich das Schul- und Büchergeld für ihre Kinder vom Munde ab, um ihnen die bestmöglichste Ausbildung zu ermöglichen. Für sie ist ein guter Bildungsabschluss ganz sicher der beste Weg, dem Teufelskreis der Armut zu entkommen.

3. Das Lernen in vietnamesischen Schulen

Fast jeder in Vietnam kann lesen und schreiben, fast jedes Kind geht 9 Jahre zur Schule. Mit einer Alphabetisierungsrate von über 90 Prozent hat Vietnam im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz. Rund 17 Prozent des Staatshaushalts gibt Vietnam jährlich für den Bildungsbereich des Landes aus - und damit mehr als doppelt soviel wie Deutschland. Allerdings ist Vietnam trotzt aller Bemühungen im südostasiatischen Vergleich immer noch eines der ärmsten Länder in der Region.6 Daher ist es notwendig, eine Frage nach der Bildungsqualität in Vietnam zu stellen. Zu dieser Thematik möchte ich einen Blick auf das Lehren und Lernen in vietnamesischen Schulen werfen.

3.1 Der Einfluss des Konfuzianismus

Konfuzianismus ist der Begriff für Philosophien und politische Vorstellungen, die sich in die Tradition des Konfuzius und seiner Schüler stellen. Er prägt seit vielen Jahrhunderten die chinesische Kultur und Gesellschaft und beeinflusst den Alltag in China, Japan, Korea, Singapur, Taiwan und Vietnam.

Als Vietnam 1000 Jahre lang unter chinesischer Herrschaft stand, wurde der Konfuzianismus in das Land von den Chinesen eingeführt und gefestigt. Bis heute übt die konfuzianische Vorstellung noch einen großen Einfluss auf das Gesellschaftsleben und Bildungswesen in Vietnam aus. Für die konfuzianische Tradition in Vietnam sprechen vor allem folgende Merkmale, nämlich die überragende Bedeutung von Erziehung und Leistung, ein starkes Bedürfnis nach Harmonie; die Orientierung des Verhaltens an Zielen der Gruppe; die untergeordnete Rolle individueller Selbstentfaltung und ein ausgeprägtes Hierarchiedenken (große Bedeutung der Eltern, der Älteren, der Lehrer, der Vorgesetzten usw.)7

Bis heutzutage ist der Konfuzianismus für die Art des Lehrens und Lernens in Vietnam noch prägend. Lernen im Sinne des Konfuzianismus beinhaltet folgende Standpunkte:8

- Lernen ist wertvoll: Schüler müssen das Lernen lieben, neugierig sein und bereit zum
Lernen sein.
- Lernen ist respektvoll: Der Respekt ist auf den Lehrer anzuwenden. Diese sind respektierte Experten, Elternfiguren und Freunde. Lehrer kümmern sich um den Lerner und helfen ihm.
- Lernen ist reziprok: Lehrer und Schüler haben eine gegenseitige Verpflichtung und Verantwortung. Beide lernen akademisch und moralisch voneinander.
- Lernen ist sozial: Die Persönlichkeitsentwicklung erfolgt in der Gesellschaft. Das wichtigste Ziel ist Harmonie und nicht Missstimmung.
- Lernen bedeutet denken und machen: Lernen ist unvollständig ohne tiefes Nachdenken und praktische Anwendung. Deshalb sollen Schüler sich auf das Produkt und Ergebnis konzentrieren.
- Lernen ist Ausbildung: Lernen bedeutet lebenslanges fleißiges Lernen zum späteren Nutzen. Lernen bedeutet, den Meister in Rat und Tat zu folgen.
- Lernen ist Erleuchtung: Lernen bedeutet Memorieren und Anhäufen von Wissen. Was jetzt memoriert wird, dient der Entwicklung des weiteren Verständnisses.
- Lernen ist Memorieren: Memorieren (ja, auswendig lernen) ist Achtung für die in der Vergangenheit angehäufte Erfahrung und das Wissen der Meister. Memorieren ist Teil des Lernprozesses.

Insbesondere die Merkmale Respekt, Hierarchie und Status, familiäre Atmosphäre des Unterrichts und gegenseitige Verpflichtung und Verantwortung, Lehrer als Elternfiguren, elementare Bedeutung des Lernens, Memorieren, Harmonie sind fundamentale Begriffe der vietnamesischen Gesellschaft.

[...]


1 Vgl. Koppen 2006.

2 Vgl. Krüger/Grunert 2002, S. 491.

3 Haak, Berliner Zeitung 03/2009.

4 Zitat von dem Artikel (Berliner Zeitung, 03/2009).

5 Zitat von dem Artikel (Berliner Zeitung, 03/2009).

6 http://www.dw-world.de/popups/popuppdf/0,,1927393,00.pdf (28. Dez. 2011).

7 Helmke/Schrader 1999, S.85.

8 Jin/Cortazzi 1998, S.113.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656508625
ISBN (Buch)
9783668102842
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233630
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Schulpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
konsequenzen konstruktivismus bildungsreform vietnam

Autor

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