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Unternehmerische Entscheidung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 14 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unternehmerische Entscheidungstheorien
2.1. Präskriptive versus deskriptive Entscheidungstheorie
2.2. Unternehmerische Entscheidungen nach Cyert/March
2.2.1. Ein verhaltenswissenschaftliches Modell
2.2.2. Zusammenfassung und Implikationen
2.3. Dynamische Entscheidungsmodelle
2.4. Prognoseanforderungen für betriebliche Entscheider

3. Fazit

Ehrenwörtliche Erklärung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Ökonom und spätere Nobelpreisträger Herbert Simon wurde 1934 Zeuge eines folgen- schweren Disputs: zwei städtische Vertreter aus Milwaukee stritten über die Vergabe öffentli- cher Mittel zu Gunsten der Schulaufsicht bzw. der infrastrukturellen Instandsetzung. Er fragte sich, warum die beiden Diskutanten nicht einfach die Grenzerträge der beiden Investitionen ermittelten und verglichen.1 Auf diesem Wege hätte das Problem ökonomisch rational gelöst werden können, doch stattdessen verharrten sie weiterhin auf ihren subjektiven Standpunkten.

Die Anekdote verdeutlicht zudem, dass sowohl in der öffentlichen Verwaltung, als auch in Unternehmen Entscheidungen getroffen werden müssen. Diese sind z.T. hochriskant, etwa bei betrieblichen Investitions- oder Produktionsentscheidungen. Schließlich können Fehlentscheidungen die eigene Firma in den Ruin treiben.2

Doch wie lassen sich angesichts dieses Spannungsverhältnisses Entscheidungen wissenschaft- lich untersuchen? Gibt es eventuell kognitive Einschränkungen bei Entscheidungen und ist es trotzdem möglich, diese in ein Modell zu integrieren? Welche Rolle spielen Prognosen in die- sem Prozess?

Die vorliegende Seminararbeit widmet sich diesen relevanten und im Speziellen betriebswirtschaftlichen Fragestellungen. Dabei werden im zweiten Teil zunächst präskriptive und deskriptive Entscheidungstheorien gegenübergestellt. Anschließend wird der Einfluss des menschlichen Verhaltens auf Unternehmen erläutert und dargelegt, warum dynamische Entscheidungsmodelle zur Analyse und Optimierung betrieblicher Entscheidungen benutzt werden können. Abschließend werden die speziellen Anforderungen an Prognosen in diesem Kontext verdeutlicht, bevor im dritten Teil ein Fazit gezogen wird.

2. Unternehmerische Entscheidungstheorien

2.1. Präskriptive versus deskriptive Entscheidungstheorie

Innerhalb der Entscheidungstheorie -der logischen und empirischen Analyse des rationalen oder intendiert rationalen Entscheidungsverhaltens- wird zwischen der präskriptiven und der deskriptiven Entscheidungstheorie unterschieden.

Im Fokus der präskriptiven Entscheidungstheorie steht dabei die Rationalität, also das Vorhan- densein eines in sich widerspruchsfreien Zielsystems. Entscheidungen gelten demnach als op- timal, wenn sie mit dem subjektiv wahrgenommenen Informationen des Entscheiders in Über- einstimmung sind.3 Es wird davon ausgegangen, dass Individuen eine vollkommene Kenntnis ihrer Handlungsoptionen und der damit verbundenen Erträge haben. Sie nehmen anschließend eine Ordnung ihrer Präferenzen anhand der gegebenen Möglichkeiten vor und führen eine Nut- zenmaximierung durch, indem sie die Option mit den höchsten Nutzen wählen.4

Als eine der bekanntesten Ausprägungen der präskriptiven Entscheidungstheorie bei Entscheidungen unter Risiko hat sich die Erwartungsnutzentheorie (auch Bernoulli-Prinzip oder vonNeumann-Morgenstern-Funktion) etabliert, der folgende Annahme zu Grunde liegt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Demnach ist der Erwartungswert (E) bzw. der erwartete Nutzen der Aktion a größer als b, da das zufallsabhängige Ergebnis a größer als b ist.5,6

Trotz zahlreicher Fürsprecher7 haben Experimente jedoch belegt, dass die präskriptive Ent- scheidungstheorie nicht auf alle empirisch zu beobachtenden Verhaltensweisen zu übertragen ist. So scheinen Individuen den erwarteten Nutzen bei Verlusten intuitiv anders einzuschätzen als bei Gewinnen, so dass diese nun risikofreudig anstatt wie postuliert risikoneutral agieren.8 Zudem sind Erwartungen zukünftiger Erträge von übertriebenem Optimismus und einem An- kereffekt geprägt, d.h. Entscheidungsträger sind durch Szenarien und Pläne in ihrer rationalen

Prognosefähigkeit eingeschränkt.9 Des Weiteren ist die Risikopräferenz von Managern von dem Einsatz der Ressourcen abhängig, d.h. sobald sie die Ressourcen des Unternehmens ein- setzen, agieren sie oftmals risikofreudiger als bei eigenen Ressourcen.10 Es wird deutlich, dass vor allem bei Entscheidungen unter Unsicherheit, unvollkommenen Wettbewerb,11 asymmetri- scher Informationsverfügbarkeit und bei Interaktionen in Gruppen die präskriptive Entschei- dungstheorie an ihre Grenzen stößt.12 Vielmehr sind die dargestellten Entscheidungen nur ein- geschränkt rational (bounded rationality) und nicht mit der Erwartungsnutzentheorie vereinbar.

Doch wie lassen sich Entscheidungen von Individuen und Organisationen dann determinieren? Haben sie eventuell eine begrenzte Aufnahme -und Verarbeitungsfähigkeit von Informationen?

Diesen Fragen widmet sich die deskriptive Entscheidungstheorie, deren Fokus auf dem tatsäch- lichen und empirisch überprüfbaren Zustandekommen von Entscheidungen ruht. Dabei werden die kognitiven Prozesse analysiert, die den individuellen Entscheidungs- und Problemlösungs- prozess beeinflussen13 - nicht das was, sondern das wie ist also von Bedeutung.14 Die dabei getroffenen Entscheidungen sind jedoch nicht per se irrational. Vielmehr möchten die Indivi- duen rationale Entscheidungen treffen,15 sind jedoch aufgrund bestimmter -zu meist kognitiver- Einschränkungen dazu nicht in der Lage.16 Simon folgend unterscheiden sich die Prämissen der bounded rationality erheblich von den oben dargestellten Annahmen der präskriptiven Ent- scheidungstheorie: Individuen verfügen demnach nur über begrenztes Wissen und Informati- onsbeschaffung- bzw. Speicherung sind kostenintensiv. Daher ist das ökonomische Verhalten von Trial-and-Error-Prozessen geprägt, bei dem sich Individuen nicht für das optimale, sondern für ein ausreichendes Ergebnis (subgoal identification) entscheiden.17 Diese subgoal identifica- tion ist im Wesentlichen von den Erfahrungen, dem Wissen und der Unternehmensumwelt der entscheidenden Individuen abhängig.18

Es wird ersichtlich, dass sich zur Beschreibung betrieblicher Entscheidungsprobleme deskrip- tive Entscheidungstheorien besser eignen. Dabei ist jedoch fraglich, ob sich die begrenzt ratio-

nale Entscheidungsfähigkeit der Individuen auch auf Organisationen überträgt. Welche Deter- minanten prägen also unternehmerische Entscheidungen und wie lassen sich diese operationa- lisieren?

2.2. Unternehmerische Entscheidungen nach Cyert/March

2.2.1. Ein verhaltenswissenschaftliches Modell

Nach Cyert und March sind unternehmerische Entscheidungen wesentlich von den kognitiven Einschränkungen ihrer Entscheider geprägt. Dies stellt einen erheblichen Unterschied zur da- maligen Theorie der Unternehmung dar, die unter der Annahme eines vollkommenen Marktes, gegebenen Preisen und einer technologisch determinierten Produktionsfunktion von rationalen Entscheidungen zur Maximierung des Nettoeinkommens ausgeht.19 Stattdessen ist nach Ansicht der Autoren die betriebliche Entscheidungsfindung von Quasi-Lösungen von Konflikten, Ver- meidung von Unsicherheit, problembezogener Suche und organisationalem Lernen dominiert.

Demnach entstehen Konflikte innerhalb eines Unternehmens, da sich diese aus verschiedenen Mitgliedern mit subjektiven Zielvorstellungen zu unterschiedlichen Zielen, z.B. in Form von Gewinn-, Absatz-, Produktions- oder Lagerhaltungszielen, zusammensetzen. Die daraus resul- tierenden Entscheidungsprobleme werden gemäß dem Prinzip der lokalen Rationalität in Teil- probleme zerlegt und durch Delegation und Spezialisierung durch die jeweiligen Fachabteilun- gen gelöst. Dabei ist es weiterhin möglich, dass durch eine sequentielle Beachtung von Zielen ein Zeitpuffer zwischen unterschiedlichen Zielen aufgebaut wird und dadurch eine schrittweise Problemlösung erfolgen kann.20

Weiterhin müssen sich Unternehmen in der betrieblichen Praxis mit vielfältigen Formen von Unsicherheiten auseinandersetzen, z.B. in Bezug auf das Marktverhalten, Lieferantenlieferun- gen und dem Verhalten von Aktionären oder Konkurrenten. Anders als die Erwartungsnutzen- theorie nahelegt, vermeiden Unternehmen jedoch die Berechnung dieser Unsicherheiten, indem sie kurzfristige (Markt-)Reaktionen anstatt langfristiger Prognosen in den Fokus rücken.

[...]


1 Simon, H.: Rational Decision Making in Business Organizations, S. 500.

2 Hammond, J. u.a.: The Hidden Traps in Decision Making, S. 1.

3 Bamberg, G. u.a.: Betriebswirtschaftliche Entscheidungslehre, S. 1-4.

4 Tisdell, C.: Bounded Rationality and Economic Outcome, S. 4.

5 Eisenführ, F. u.a.: Rationales Entscheiden, S. 248-249.

6 Bamberg, G. u.a.: Betriebswirtschaftliche Entscheidungslehre, S. 75-76.

7 Eisenführ, F. u.a.: Rationales Entscheiden, S. 2-3.

8 Kahneman, D.: Schnelles Denken, langsames Denken, S. 342-345.

9 Kahneman, D./Lovallo, D.: Timid Choices and Bold Forecasts: A Cognitive Perspective on Risk Taking, S. 17. Hammond, J. u.a.: The Hidden Traps in Decision Making, S. 3.

10 March, J./Shapira Z.: Variable Risk Preferences and the Focus of Attention, S. 172.

11 Simon, H.: Rational Decision Making in Business Organizations, S. 497.

12 Tisdell, C.: Bounded Rationality and Economic Outcome, S. 6.

13 Bamberg, G. u.a.: Betriebswirtschaftliche Entscheidungslehre, S. 4-6.

14 Simon, H.: Rational Decision Making in Business Organizations, S. 498.

15 Jones, B.: Bounded Rationality, S. 298.

16 Dillon, S.: Descriptive Decision Making: Comparing Theory with Practice, S. 3.

17 Tisdell, C.: Bounded Rationality and Economic Outcome, S. 6.

18 Simon, H.: Rational Decision Making in Business Organizations, S. 500.

19 Cyert, M./March, J.: Eine verhaltenswissenschaftliche Theorie der Unternehmung, S. 5-7.

20 Ebd., S. 157-159.

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656501947
ISBN (Buch)
9783656501879
Dateigröße
815 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233620
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Staatswissenschaftliche Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
unternehmerische entscheidung

Autor

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Titel: Unternehmerische Entscheidung