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weiße wahr/nehmung - ein resumé

Wissenschaftlicher Aufsatz 2013 20 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

1 erste person ›singuplural‹

10 jahre nach dem ich das erste seminar bei Grada Kilomba besuchte, saß ich wieder in einer ersten sitzung eines seminars zu rassismus, das sie unterrichtet. die meisten fragen, irritationen und verunsicherungen der weißen studierenden waren wortgenau die gleichen. wie kommt das? wie können ›wir‹ uns in dieser hinsicht so ähneln ohne uns je begegnet zu sein? die verwendung der ersten person singular in diesem text, die aus biographischen erfahrungen spricht, ist hier vor allem eine sprechweise, die durch auseinandersetzungen als lernende und lehrende informiert ist über sich wiederholende muster im reden, denken, fühlen und fragen weißer personen. insofern bezieht sich ›ich‹ und ›mir‹ hier auf erfahrungen weiß zu sein, die ›wir‹ oft haben. es ist eine von vielen perspektiven, die irgendwo zwischen der erste person singular und der ersten person plural liegt; ein ›singuplural‹ der irritieren darf und soll, im sinne der verunsicherung als schritt auf dem weg zu veränderung (wachendorfer 2001). die fast durchgängige kleinschreibung bedingt erstmal alles klein zu machen, gegen den strom von gewohnheit und automatischer rechtschreibkorrektur zu schreiben und gegebenenfalls neu zu entscheiden, was durch großschreibung hervorgehoben sein soll. in diesem sinne folgt auch hier die form der funktion des textes: ein-bild-ung und aus-bild-ungen für analysezwecke gegen den strich zu bürsten.

2 fragen

es geht um drei fragen, die aus- und miteinander hervorgegangen sind1:

1. wie bin ich durch rassismus und weißsein geprägt?
2. was ist weiße wahr/nehmung?
3. was bringt die auseinandersetzung?

so manche unbequeme information will ich gerne vergessen, verdrängen. aber so funktioniert es nicht. erst mal schon, aber am ende findet jeder tropfen öl seinen weg an die wasseroberfläche2. so verschieden diese prozesse, die durch mich arbeiten - durch die ich mich lebe - auch sind: unklarheit, verunsicherung und lediglich erzählbare spitzen von eisbergen tauchen immer darin auf. tun wir so, als erzählte ich eine geschichte…

3 eine geschichte, viele geschichten

…es war einmal eine welt durchfurcht von rassismus unter einer dünnen schicht weißen eises. einmal mit der alltäglichkeit von rassismus konfrontiert und sofern sich einEr auf die auseinandersetzung einlässt, bewegen viele fragen und verwirrung das ›helle‹ gemüt… was hat rassismus denn mit mir zu tun? wie jetzt ›weiß‹? mein blick ist kolonial geprägt?! unausweichliche kommerziell motivierte visuelle repräsentationen begegnen den menschen überall. große, bunte bilder, die gefühle, vorurteile, vorstellungen, ängste und phantasien ansprechen. so werben deutsche inneneinrichtungsmärkte mit »trendigen kolonialmöbeln« und der »exotik« des »kolonialstils« »für den verwöhnten geschmack«3. für die meisten von uns ist die botschaft der bilder direkt und emotional zugänglich: gemütlichkeit, genuß und wohlbefinden sollen zum kaufen animieren und lust auf die produkte machen. dann (vielleicht) die irritation: wie kann denn kolonial schön sein? krieg, vernichtung, ausbeutung und... wohlfühlen?! was ist kollektiv und mehrheitlich vorhanden um die botschaft für ein publikum in der masse verstehbar und widerstandslos akzeptierbar zu machen - ohne fragen zu stellen? dieser anfang der geschichte führt auf eine reise von der zeit der europäischen expansion, dem europäischen hochimperialismus, dem deutschen kolonialismus4, dem rassismuserbe von kant und hegel (farr 2005) über ›rassenhygiene‹ weiter zur entwicklung von westlicher wissenschaftlicher evidenz und (kolonialer) fotografie bis zu den heutigen massenmedialen visuellen repräsentationen, aktuellem rassismus und mythen, wie dem, das nur wer weiß sei, deutsch sein könne5. das ist ganz kurz umrissen das spannungsfeld von visueller wahrnehmungsgeschichte und -praxis und weißer wahr nehmung, die wahr macht, was wir für wahr halten, wenn wir es weiter für wahr halten6. visuelle wahrnehmung ist also nicht einfach nur das - z.b. haut in einer bestimmten farbe sehen. schon das beispiel hier schriftlich zu erwähnen ruft mehrere diskurse auf. die visuelle wahrnehmung ist immer schon gleich verknüpft und aufgeladen mit deutungen und kontexten, die wir erlernt haben und tief in uns tragen. in vielen details ist die prägung durch koloniale und rassistische referenzen vorhanden. ohne diese prägung wäre z.b. rassistische werbung völlig unverständlich. das ist gemeint mit weiße wahrnehmung: als sozial-historisch weiß positionierte person verstehen wer weiß und zugehörig ist, also wann ich und wir gemeint sind und wann ‚die anderen ‹. das mir nicht auffällt, wenn alle an der uni, in den medien, im job (…) weiß sind. oder wer alles fehlt und ausgeschlossen wurde, wenn es so ist. oder das mir sehr deutlich auffällt, wenn einEr doch da ist, obwohl sie vermeintlich nicht hin ›gehört‹. und damit sind wir nicht nur bei wahrnehmung und weißer wahrnehmung, sondern auch bei wahr nehmung im sinne von wahr machen7: wenn wir die welt so ›sehen‹, wie wir meinen wie sie ›richtig‹ und ›wahr‹ wäre. dann gibt es zwar immer noch keine menschlichen rassen, aber rassismus in den augen, vorstellungen und gefühlen von menschen die ausschließen und töten können: »race doesn´t exist, but it does kill people« (guillaumin 1995: 107).

…die geschichte könnte auch mit einer von vielen weißen frauen beginnen8, die mit einem abi eines

fast ausschließlich weißen gymnasiums (auf grund des hochfunktionstüchtigen selektionsmechanismus des sogenannten ›bildungssystems‹) aus einem fast ausschließlich weißen vorort (auf grund des hochfunktionstüchtigen selektionsmechanismus des sogenannten ›immobilienmarkt‹) zum studium in eine universitätsstadt zieht (die ist nicht überproportional weiß, genauso wenig wie das land, aber die plätze der lehrenden und studierenden, die sind wieder überproportional weiß belegt - das interessiert und kümmert die frau zu dem zeitpunkt aber nicht). denn sie will ja gender studies studieren, um sich, die welt und deren herrschaftsstrukturen besser zu verstehen. bestimmt auch um über bildung einen weg der ermächtigung zu finden. dann liest sie Audre Lorde und versteht, das sie nicht eine form von unterdrückung ›los werden‹ kann (hetero/sexismus), solange noch andere formen von unterdrückung bestehen (rassismus, klasse, bildung, ableism…). und wirkliche veränderung bedarf nicht nur der veränderung der unterdrückenden situation, sondern auch der veränderung der verinnerlichten herrschaft und dominanz (freire 1970).

zehn jahre und einen wissenschaftlichen genickbruch später - nach persönlicher, intellektueller und politischer aus- und um-einander-setzung mit diesem ›rassismus-weißsein-kolonialismus- strukturelle-herrschaft-komplex‹ als lernende, schreibende und lehrende - fragt sie sich: »was hat es gebracht?«

was kann die auseinandersetzung mit rassismus und weißsein für eine weiße frau bringen? sich weniger von der eigenen unterdrückung erdrückt zu fühlen? verunsicherung. allianzen eingehen können, die sonst nie und nicht so entstehen. gespräche die sonst nie geführt worden wären. gespräche die ich nie wieder führen will. verunsicherung. konflikte mit weißen autoritäten. selbsterkenntnis. verunsicherung. föderung als progressive studierenden. streit. wut. trauer. scham. enttäuschung. hoffnung. inspiration. verunsicherung. die frage, was das bringt….

was kann sich wirklich verändern im sinne von rassismus verlernen? zunächst die fragestellung. von: wie werde ich rassismus los? zu: wie kommt es, das es so schwer ist ihn ›loszuwerden‹? wo und wie ist er überall drin? wie kommt es das er mir, das er uns so tief in die augen, die köpfe und unter die haut geschrieben ist?

4 nicht bilder

der rassistische gehalt visueller repräsentationen in form von fotografien, werbung und bildern ist schon vielfach besprochen worden9. eine große schwierigkeit dabei ist mit der intendierten reflexion nicht doch am ende wieder in der reproduktion von herrschaftsverhältnissen zu landen. denn es ist so leicht doch noch mal mit einem bild das thema anschaulicher zu gestalten zu wollen. noch einmal an einem beispiel zu zeigen… nur selten gelingt es jedoch den rassistischen gehalt soweit zu dekonstruieren, das sich seine gewalt in etwas konstruktives verwandelt. viel leichter ist es in die gewohnheiten kolonialer spektakel10 zu fallen.

dieser text hat seinen umgang mit der problematik darin gefunden für die auseinandersetzung mit weißen wahrnehmungsmustern sprachlich auf bilder zu verweisen ohne sie selbst abzubilden. diese reduktion soll auch eine fokussierung auf die wirkmächtigkeit der (kollektiven) imagination(en)11 hinter und in den visuellen artefakten begünstigen.

5 blick macht geschichte

the amalgamation of photography and racial science was brought to its greatest pitch perhaps, in the early twentieth century. amongst the most striking examples are fetzer and fischer, who used […namibia] as a field site for the development of later notorious theories on european racial superiority. the former studied the bodies of 17 nama prisoner who had perished on shark island, after rebelling against german rule in 1907. these were decapitated, including the guerrilla leader cornelius fredericks; a published photograph of three heads supposedly provides visual evidence in support of the scientific argument for german racial superiority over the nama (fetzer 1907) (hartmann, silvester and hayes 1998, 12).

[...]


1 …im rahmen von rassismuskritik, intersektionalitätsanalyse (nach Audre Lorde) und hegemoniekritischer auseinandersetzungen mit gender studies und postcolonial studies, die der disziplinäre rahmen des vorliegenden beitrags sind.

2 in anlehnung an ein portugiesisches sprichwort, das Grada Kilomba in einem seminar an der humboldt universität berlin zitierte.

3 beispielhafte werbebeilagen von obi (2005), möbel höffner (2006) und domäne (2007).

4 vgl. z.b. ha (2005), zantop (1998).

5 vgl. im einzelnen z.b.: hartmann (1998), hill collins (2000) und eggers (2005).

6 ausführlich in: strohschein, juliane (2007): weiße wahr-nehmungen - der koloniale blick, weißsein und fotografie, Magisterarbeit, Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät III , publiziert am 11.12.2007, urn:nbn:de:kobv:11-100207920

7 ›weiße wahr/nehmung‹ soll diese verschiedenen dimensionen in einem begriff nennen.

8 ausführlich in: strohschein (2005).

9 vgl. z.b. hooks (1992), mcclintock (1995), hall (1997), maxwell (1998).

10 vgl. »spektakel der ›anderen‹« in hall (1997) und ›spektakel des weißseins‹ in strohschein (2007).

11 vgl. anderson (1983).

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656508632
ISBN (Buch)
9783656508687
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233616
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note

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