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Erzieht das Buch „Blickfeld Deutsch“ zur Schriftlichkeit oder zur Mündlichkeit oder zu beidem?

Seminararbeit 2006 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

I Einleitung
1.) Geplante Untersuchungsschritte
2.) Mündlichkeit und Schriftlichkeit als Realisationsformen von Sprache

II Hauptteil
1.) Beschaffenheit und Zielsetzung des Arbeitsbuches „Blickfeld Deutsch“
2.) Erziehung zur Schriftlichkeit oder zur Mündlichkeit oder zu beidem durch Arbeitsanweisungen
3.) Erwerb eines Bildungshorizontes
4.) Die Rolle der Institution Schule bei der Erziehung zur Standardsprache

III Schluß

IV Literaturverzeichnis

I Einleitung

1.) Geplante Untersuchungsschritte

Um diese Frage beantworten zu können, muss man zunächst in einem theoretischen und

analytischen Teil der Arbeit herausstellen, was die Termini Schriftlichkeit und Mündlichkeit der Sprache bedeuten.

Im Anschluß daran wird untersucht werden, welche Aufgabenstellungen in den verschiedenen Kapiteln des Lehrbuches zur Mündlichkeit und welche zur Schriftlichkeit erziehen.

Diese Untersuchung wie auch die Aussagen im theoretischen Teil erfolgen auf der Grundlage der von mir verwandten Forschungsliteratur.

2.) Mündlichkeit und Schriftlichkeit als Realisationsformen von Sprache

Sprachliche Äußerungen sind Elemente menschlichen Handelns. Für die Realisierung von Äußerungen stehen zwei verschiedene Mittel zu Verfügung: das Sprechen und das Schreiben.

Die Sprache ist eine speziell menschliche Erscheinung. Als primäres soziales Zeichensystem ermöglicht sie Denken und Handeln.

Das Sprechen im Alltag ist unmittelbar und geschieht zeitgleich von Sprecher und Hörer. Bei einer schriftlichen Realisation liest beispielsweise der Empfänger eines Briefes diesen zeitversetzt zum Briefschreiber. Es herrscht zeitliche und räumliche Distanz vor. Schon in der Antike ersetzte der Brief das Gespräch von abwesenden Freunden. Somit besteht ein nur mittelbarer Kontakt von Schreiber und Empfänger. Dadurch ist eine schriftliche Äußerung nicht durch andere Mittel wie Gestik, Mimik oder Stimmung des Sprechers modifizierbar. Ein weiterer Unterschied ist, dass das Produktionstempo beim Schreiben langsamer ist, wodurch man mehr Zeit hat, sich Formulierungen oder Gedankengänge länger zu überlegen. Beim Sprechen muss man schneller und spontaner auf eben Gesagtes reagieren können. Allerdings ist bei aktivem Gespräch immer noch eine Korrektur von eben Gesagtem möglich, wohingegen Geschriebenes nicht mehr korrigiert werden kann. Dieses kann aber einen Anspruch auf Gültigkeit dadurch erheben, dass man durch mehrmaliges Lesen zu jedem Zeitpunkt den Inhalt nachhaltiger im Gedächtnis behalten kann.

Gesprochen wird überall da, wo eine rasche und unmittelbare Interaktion der Gesprächspartner erforderlich ist. Geschrieben wird dort, wo es auf Genauigkeit und Reproduzierbarkeit der Nachricht ankommt.[1]

Doch allein die Begriffe Sprechen und Schreiben werden den alltäglichen, unterschiedlichen Situationen kaum gerecht, da sie zu unspezifisch sind. Schreiben und Sprechen beziehen sich ausschließlich auf die mediale Dimension. Hinsichtlich des Mediums sind beide Begriffe dichotomisch. Das Medium der sprachlichen Kommunikation ist also entweder phonisch oder graphisch. Jedoch muss man zur genaueren Unterscheidung der kommunikativen Strategie noch ein weiteres Begriffpaar hinzuziehen: das der konzeptionellen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Dieses wurde durch Peter Koch und Wulf Oesterreicher eingeführt.

Deren Forschungsleistung war es, Otto Behaghels Gedankengang fortentwickelt zu haben.[2] Sie stellten heraus, dass eine Doppelunterscheidung der konzeptionellen von der medialen Dimension der Sprache notwendig sei. Das bedeutet, dass man die Konzeption des Textes für die geschriebene oder gesprochene Kommunikation zu berücksichtigen hat. Man muss feststellen, welche Ausdrucksweise für die Äußerung gewählt wird.

Die Bezeichnung ´konzeptionell` zielt somit auf die Aspekte der sprachlichen Variation. Bei der Konzeption ist kein Medienwechsel möglich wie etwa beim Vorlesen, da diese die Endpunkte eines Kontinuums bezeichnet.

Beide Dimensionen ergänzen sich sinnfällig und stehen nicht in Widerspruch zueinander. Ist die mediale Frage oft einfach zu entscheiden, bieten sich bei der konzeptionellen Dimension Feinabstufungen der Äußerungsformen. Koch/Oesterreicher betonen das besondere Interesse, welches gerade die gegenläufigen Kombinationen bieten, also medial graphisch/konzeptionell mündlich und medial phonisch/konzeptionell schriftlich. Die Autoren nennen in diesem Zusammenhang noch zwei weitere wichtige Fachbegriffe, nämlich Verschriftung und Verschriftlichung. Der erste Begriff bezieht sich auf den bloßen Medienwechsel vom phonischen ins graphische Medium. Verschriftlichung meint die rein konzeptionelle Verschiebung in Richtung Schriftlichkeit, d.h. ein Text nimmt Züge einer gehobeneren Schriftsprache an.

Koch/Oesterreicher schufen zur Verdeutlichung dieser verschiedenen Kommunikations-situationen ihr Mündlichkeits- und Schriftlichkeitsmodell.[3]

Die beiden entgegengesetzten Pole der konzeptionellen Schriftlichkeit und der konzeptionellen Mündlichkeit umschließen die rein medialen Ausdrucksformen. Diesen beiden Polen ordnen Koch/Oesterreicher[4] nun noch zusätzlich das Begriffspaar der raumzeitlichen Nähe und Distanz zu. Diese sollen über die Beziehung der Kommunikationsspartner Aufschluß geben.

Beispielsweise wird ein wissenschaftlicher Vortrag öffentlich gehalten und ist medial phonisch. Doch ist er aufgrund des wissenschaftlichen Themas und der gründlichen schriftlichen Ausarbeitung in anspruchsvollem Sprachstil konzeptionell schriftlich. Weitere Argumente für die schriftliche Konzeptionalität sind außerdem noch die monologische Vortragsweise eines fixen Themas. Nach Koch/Oesterreicher liegt eine soziale, emotionale und referentielle Distanz zwischen Vortragendem und Hörern vor.

Ein Gesetzestext ist noch eindeutiger konzeptionell schriftlich als der wissenschaftliche Vortrag. Medial schriftlich ist er sowieso, konzeptionell schriftlich ist er einmal wegen seines hohen Sprachniveaus, vor allem ist er aber auch distanziert, weil es keine Interaktion zwischen Abfasser und den zahlreichen Lesern geben kann, da sie sich nie begegnen werden. Gesetzestexte sind allgemeingültig und unpersönlich konzipiert.

Zwei Äußerungsformen, die nun konzeptionell mündlich sind und sich wiederum nur hinsichtlich ihrer medialen Dimension unterscheiden, sind einmal das familiäre Gespräch und der Privatbrief.

Das familiäre Gespräch ist medial phonisch und konzeptionell mündlich. Die Gesprächspartner sind in ihrem unmittelbaren, spontanen Gespräch situations- und handlungsgebunden. Es findet im privaten Raum statt. Die Familienmitglieder zeichnen sich durch gegenseitige Emotionalität aus.

Der Privatbrief, medial graphisch und konzeptionell mündlich, ist ebenfalls von emotionaler Nähe zu den Briefpartnern geprägt, wenngleich aber kein direkter Kontakt besteht. Diese Briefart ist informell und mittelbar.

In die gleiche Richtung geht die Grußkarte. Diese ist zwar medial schriftlich, doch konzeptionell mündlich, da man in ihr Emotionalität, Spontaneität und Nähe zum Adressaten erkennen kann.

Die anderen Äußerungsformen im Feld medialer konzeptioneller Mündlichkeit/ Schriftlichkeit finden sich zwischen den Polen der Mündlichkeit (Nähe) und der Schriftlichkeit (Distanz).

Christa Dürscheid[5] hingegen ist mit den von Koch/Österreicher stammenden Begriffen der Nähe und Distanz nicht einverstanden. Mir selbst leuchtet ein, warum sie diese Begriffe ausgetauscht haben will, so dass ich mich ihrer Meinung anschließe.

Dürscheid ist der Auffassung, dass diese Begriffe für die Beschreibung mancher Kommunikationssituationen nicht ausreichend seien, da sie sich lediglich auf die raum-zeitlichen Kommunikationsbedingungen bezögen.

Als Beispiele führt sie Beratungsgespräche, Gespräche in Talkshows und Chatkommunikation an. Beratungsgespräche seien weder öffentlich noch privat. In Talkshows redet man öffentlich mit nicht privaten Personen. Obwohl man ihnen räumlich nah ist, existiert keine Vertrautheit. In einer Chatkommunikation sind sich die Partner räumlich entfernt, verwenden aber doch eine Ausdrucksweise, die nahe an die konzeptionelle Mündlichkeit kommt, obwohl sie sich meist nicht kennen. Bei einer Predigt gibt es keine raumzeitliche Distanz, doch ist die Predigt konzeptionell schriftlich.

Dürscheid führt für die Unterscheidung der Pole stattdessen das Stichwort „Versprachlichungsstrategien“ ein.[6] Für sie sind allein die sprachlichen Merkmale für die Zuordnung zum Mündlichkeits- bzw. Schriftlichkeitspol entscheidend.

Im Folgenden sollen nun Merkmale konzeptionell mündlicher und schriftlicher Sprache genannt werden.

Konzeptionell schriftliche Texte weisen typische Merkmale wie Partizipialkonstruktionen, Nominalisierungen, Funktionsverbgefüge und hypotaktische Konstruktionen auf. Sie sind sprachlich elaboriert und haben oftmals unpersönliche Konstruktionen und präpositionale Attribute. Weiter kennzeichnen solche Texte eine hierarisch komplexe, durchstrukturierte Textgliederung mit unterordnenden Konjunktionen statt Reihungen, Verwendung von indirekter Rede statt direkter und Regularisierung von Tempus- und Modusgebrauch.

[...]


[1] Rolf Bergmann, Peter Pauly, Stefanie Stricker: Einführung in die deutsche Sprachwissenschaft, 3. Auflage, Heidelberg 2001, S. 35f.

[2] Christa Dürscheid: Einführung in die Schriftlinguistik, Wiesbaden 2002, S.47f.

[3] Christa Dürscheid: Einführung in die Schriftlinguistik, Wiesbaden 2002, S. 49.

[4] Peter Koch, Wulf Osterreicher: Funktionale Aspekte der Schriftkultur. Schriftlichkeit und Sprache, in: Schrift und Schriftlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung, hrsg. von Hartmut Günther und Otto Ludwig, 2. Halbband, Berlin, New York 1996, S. 588.

[5] Christa Dürscheid: Einführung in die Schriftlinguistik, Wiesbaden 2002, S.51f.

[6] Interessanterweise stammt dies allerdings ebenfalls von Koch/Oesterreicher aus dem Jahre 1985.

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656504542
ISBN (Buch)
9783656506904
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233511
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,5
Schlagworte
erzieht buch blickfeld deutsch schriftlichkeit mündlichkeit

Autor

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