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Spracherwerb: angeboren oder anerzogen?

Spracherwerb nach Noam Chomsky

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 31 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die Sprache im Überblick
2.1 Die Sprache
2.2 Entwicklung der Sprache und der Spracherwerbsforschung
Die Sprachentwicklung
Der Spracherwerb
Das Sprachlernen

3. Die vier verschiedenen sprachtheoretischen Ansätze
3.1 Der Lerntheoretische Ansatz
3.2 Der Nativistische Ansatz
3.3 Der Kognitivistische Ansatz
3.4 Der Interaktionistische Ansatz

4. Noam Chomsky und sein linguistischer Erklärungsansatz zum Spracherwerb

5. Die Generative Grammatik im Überblick
5.1 Die Geschichte der Generativen Grammatik
5.2 Die Inhalte der Generativen Grammatik
5.3 Die syntaktischen Regeln der Generativen Grammatik
Das Prinzipienund Parametermodell
Das X-bar-Schema
Die Konstituentenstrukturanalyse und ihre Tests
a. Ersetzungsprobe
b. Pronominalisierungstest
c. Weglassprobe
d. Fragetest
e. Koordinationstest
Das Prinzipienund Parametermodell vs. Minimalistisches Programm

6. Zusammenfassung/ persönliche Stellungnahme
6.1 Resümee
6.2 Pro
6.3 Contra

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

Spracherwerb - Angeboren oder anerzogen?

Spracherwerb nach Noam Chomsky

1. Einleitung

Das Thema „wie der Mensch zur Sprache kommt“[1] ist schon seit Ende des 19. Jahrhunderts Forschungsgebiet vieler Wissenschaftler und umfasst weit mehr, als man es vom Titel her vermuten mag. Die vielen Wissenschaftler wetteiferten von Beginn an um die Bezeichnung der Termini für die Lebensphasen und Vorgänge, in denen es zur Sprachentwicklung des Kindes kommt.[2] Demzufolge kam es zu immer neuen Auffassungen, Erfindungen und Spracherwerbstheorien. Ich werde mich in meiner Hausarbeit der Theorie von Noam Chomsky widmen.

Zunächst werde ich jedoch erläutern, was der Spracherwerb beinhaltet. Dabei werde ich auf wichtige Begrifflichkeiten wie „Sprache“, „Sprachentwicklung“, „Spracherwerb“ und „Sprachlernen“ eingehen und diese näher definieren.

Im Anschluss daran erläutere ich kurz die vier sprachtheoretischen Ansätze des Spracherwerbs und der Sprachentwicklung, um die Unterschiede zu Chomskys Theorie herauszukristallisieren und mich dann der zentralen Thematik meiner Hausarbeit widmen zu können. Gleichzeitig werde ich mich dem bedeutenden Sprachwissenschaftler Noam Chomsky zuwenden und die Höhepunkte seiner Karriere vorstellen und mich im Anschluss seinem linguistischen Erklärungsansatz zum Spracherwerb zuwenden.

Der nachfolgende Abschnitt setzt sich dann ausführlich mit der von Chomsky entwickelten Generativen Grammatik auseinander und erläutert im Einzelnen, was diese Grammatik beinhaltet. Außerdem werde ich in diesem Abschnitt auf bedeutende syntaktische Regeln und Modelle wie „das Prinzipien- und Parametermodell“, „Das X-bar-Schema“ sowie auf „die Konstituentenstrukturanalyse und ihre Testmöglichkeiten“ eingehen.

Zum Abschluss werde ich mich mit einigen Ansätzen Chomskys kritisch auseinandersetzen und persönlich Stellung beziehen.

2. Die Sprache im Überblick

2.1 Die Sprache

„Die Sprache wirkt von Natur aus in den Menschen und entfaltet sich dort, und zwar so, daß sie die Natur des Menschen wesentlich mitbestimmt.“[3]

Bereits der antike Philosoph Platon setzte sich mit der Sprache und ihren Funktionen auseinander. Er verstand die Sprache als Natur eines Systems von Werkzeugen.[4] Wir alle sprechen so selbstverständlich eine Sprache, unsere Muttersprache, wie wir atmen und gehen. Humboldt hingegen war der Ansicht, dass die Sprache eine „Tätigkeit (Energeia)“ und demzufolge „kein Werk (Ergon)“ ist, die als „sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedanken fähig zu machen“ in der Lage ist.[5] Der Religionsphilosoph Martin Buber ging sogar noch ein Schritt weiter, denn er war der Auffassung , „Menschwerdung […] und Sprachwerdung sind eins.“[6]

Marco Walter Battacchi, Thomas Suslow und Margherita Renna äußerten sich zu dieser Thematik dahingehend, dass Sprache ihres Erachtens

„als menschliches und soziales Phänomen […], als ein artspezifisch, biologisch determiniertes und hierarchisch strukturiertes System von Zeichen und Regeln angesehen werden“[7]

kann.

Die Sprachwissenschaft definiert die Sprache, die wir als Erstsprache erwerben, als Inventar von Wörtern, das den Menschen als Wortschatz zur Verfügung steht und die grammatischen Regeln für die Kombination der Wörter vorgibt. Sprache ist in der Wirklichkeit dennoch mehr als Wortschatz und Grammatik.

„Sprache ist das wichtigste und ausschließlich spezifisch menschliche Kommunikationsmittel, das einerseits dem Austausch von Informationen dient und andererseits kognitive sowie affektive Funktionen erfüllt.“[8]

Des Weiteren übermittelt die Sprache Gedanken, Emotionen, Fantasien, Normen und Werte unserer Kultur.[9]

Häufig wird die Sprache aus unterschiedlichen Gründen mit dem Sprechen und demzufolge mit der Lautsprache in Verbindung gebracht. Zum Einen liegt die Entstehung der gesprochenen Sprache der Entwicklung der Schriftsprache zeitlich voraus. Zum Anderen dominiert die mündliche Kommunikation quantitativ gesehen vor der schriftlichen Kommunikation. Außerdem setzt die mündliche Kommunikation das Lesen und Schreiben nicht grundlegend voraus. Trotzallem ist eine

„Vergleichbarkeit von Mündlichkeit und Schriftlichkeit […] nicht elementar und unmittelbar gegeben, sondern muss erst in spezifischer Weise konstruiert werden.“[10]

Aber wie kommt es überhaupt zum Spracherwerb und wann kam es zur Spracherwerbsforschung? Viele Sprachwissenschaftler wie Chomsky haben sich damit auseinander gesetzt. Doch um die Spracherwerbstheorie nach Chomsky näher ausführen zu können, ist es zunächst bedeutsam zu klären, was die Begriffe „Spracherwerb“, „Sprachlernen“ und „Spracherwerbsforschung“ beinhalten.

2.2 Entwicklung der Sprache und der Spracherwerbsforschung

Die erste Phase der modernen Spracherwerbsforschung entwickelte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts und hielt ungefähr über einen Zeitraum von 70 Jahren an. Diese Zeit wird auch als „diary studies“ bezeichnet, weil die jeweiligen Forscher zum Teil ihre eigenen Kinder als Gegenstand der Forschung betrachteten.

Fritz Schultze entwickelte die erste explanative Spracherwerbsstudie, die er 1880 veröffentlichte. Darin formulierte er „das Prinzip der geringsten Anstrengung für die Abfolge des kindlichen Lauterwerbs.“[11] Zu den bedeutenden Vertretern dieser ersten Phase gehörten ebenso William und Clara Stern und ihr 1907 veröffentlichtes Werk „Die Kindersprache. Eine psychologische und sprachtheoretische Untersuchung“. Sie befassten sich mit dem Syntaxerwerb und ebneten damit den Weg für verschiedene Perioden des Spracherwerbs.

Die zweite Phase der Erforschung des Spracherwerbs war durch den Behaviorismus geprägt.

Innere Kräfte oder Prozesse ließ man bei dessen Forschung als nicht messbare Größe außen vor und widmete sich ausschließlich beobachtbarem Verhalten.[12] Die Theorien Skinners beendeten diese Phase der Spracherwerbsforschung.

Ende der 1950er Jahre kristallisierte sich die dritte Phase der Spracherwerbsforschung heraus, die noch heute andauert. Zu dieser Zeit entstanden die ersten Langzeitstudien und Chomskys Theorien gehörten diesbezüglich zu den Bedeutendsten.

Folglich kam es im Laufe der Zeit zu vielen verschiedenen Ansätzen zum Erwerb der Sprache und dennoch ist die sprachliche Entwicklung bei Kindern bis heute nicht genau geklärt. Unterschiedlichste Theorien setzten sich mit dieser Thematik auseinander, wobei man sich stets vor Augen führen muss, dass immer nur an Hypothesen und mit diesen gearbeitet wird und Theorien keinesfalls eindeutig sind.[13]

Mit dem Beginn des Spracherwerbs als Forschungsgebiet seit Ende des 19. Jahrhunderts standen die Bezeichnungen „Sprachentwicklung“, „Spracherwerb“ und „Sprachlernen“ für unterschiedliche Begriffe und Konzepte der Spracherwerbstheorie.

Die Sprachentwicklung

„Unter Sprachentwicklung wird man (eher) einen Prozess verstehen, bei dem eine biologische Disposition bzw. eine artspezifische Anlage nach und nach zur Entfaltung bzw. zur Reife gebracht wird.“[14]

Der Spracherwerb

Der Terminus Spracherwerb beinhaltet eine allmähliche Übernahme spezielle Fertigkeiten und Instrumentarien der Gesellschaft.

„Mit diesem Begriff wird der Akzent stärker auf das aktive, selbsttätige Moment gelegt: die eigene, produktive Aneignung durch das Kind bekommt das größere Gewicht gegenüber dem von der Gesellschaft angebotenen sprachlichen ,,Input".[15]

Das Kind nimmt Sätze auf und bildet auf induktive Weise Regeln, wobei das vom Kind Produzierte das “Output” darstellt.

Das Sprachlernen

Bei dieser Begrifflichkeit

„würde das Kind betrachtet als „tabula rasa“, dessen sprachliche Repertoires ausschließlich durch Lernprozesse angeeignet und weiterentwickelt werden.“[16]

Das Kind wird demzufolge bei der Geburt als eine ungeschriebene Tafel gesehen, wobei das soziale Umfeld dabei eine spezielle Rolle einnimmt, weil es dem Kind ein gewisses „Input“ an Äußerungen zur Verfügung stellt.

Der am weitesten verbreite Terminus ist heute der Spracherwerb. Die Spracherwerbstheorie gliedert sich wiederum in vier unterschiedliche sprachtheoretische Ansätze, denen ich mich im Folgenden zuwenden werde, um die umfassende Bedeutung der menschlichen Sprache zu veranschaulichen.

3. Die vier verschiedenen sprachtheoretischen Ansätze

3.1 Der Lerntheoretische Ansatz

Der Ausgangspunkt des Spracherwerbs im Behaviorismus ist ein “Reiz-Reaktions-Schema”. Dabei wird die Sprache der Erwachsenen vom Kind imitiert, vom Gehörten ein eigener Katalog angefertigt und dieser anhand von Memorisierung gebraucht.

Der behavioristische Ansatz des Spracherwerbs, die operante Konditionierung, ist hauptsächlich durch Burrhus F. Skinner geprägt worden und wurde 1957 in seinem Werk „Verbal behavior“ veröffentlicht. Seines Erachtens wird Sprache durch Imitation und Verstärkung erworben.

„Wollen wir einem Kind Lesen, Singen oder ein Spiel beibringen, so müssen wir einen pädagogischen Verstärkungsplan ausarbeiten, in dem sich angemessene Reaktionen häufig bezahlt machen (Skinner, 1973 [1953], 77). “[17]

Die Umwelt reagiert nach Skinner auf richtige Lautäußerungen mit positiver Verstärkung, die sich als „stimulus“ für das Kind erweisen, und auf verkehrte Lautäußerungen bleibt eine Reaktion entweder aus oder sie gestaltet sich negativ. Das Kind produziert in Folge dessen verstärkt die Laute, sobald die Erwachsenen positive Reaktionen zeigten, was als „response“ bezeichnet wird. Die Sprache des Kindes verfestigt sich demnach durch die Reaktionen der Umwelt und legt nach und nach ein Sprachrepertoire im Kind an.

„Offensichtlich entnehmen sie der Sprache, die sie hören (dem Input) nicht nur die Wörter und Sätze, sondern leiten auch grammatische Regeln daraus ab.“[18]

Die Regeln werden zeitweise jedoch zu grob und allgemein angewandt, sodass zum Beispiel sowohl schwache, als auch starke Verben mit dem Präfix „ge-„ und Suffix „–t“ gebildet werden:

„vorgelest statt vorgelesen, rausgelasst statt rausgelassen“

Mit der Zeit verfeinern die Kinder ihre Regeln bis hin zur Erwachsenensprache, die jedoch zeitweise auch unvollständige und ungrammatische Sätze formen. Außerdem nimmt das Kind zu wenig sprachliche Daten zur Zeit des Spracherwerbs, im Alter von ungefähr 3 bis 4 Jahren, auf. Dennoch können Kinder nach dieser Zeit Wörter aussprechen, die sie nie zuvor gehört haben.[19] Dazu kommt außerdem, dass Erwachsene ihre Kinder kaum korrigieren oder die Kinder den Belehrungen keine Aufmerksamkeit schenken.[20]

Meiner Meinung nach setzt dieses Modell jedoch voraus, dass das Kind in jedem Falle zunächst spontane Laute von sich geben muss, die dann in Folge erst von der Umwelt verstärkt werden können.

[...]


[1] Vgl. Buchtitel von Zimmer, Dieter E.: So kommt der Mensch zur Sprache. Über Spracherwerb, Sprachentstehung, Sprache & Denken. Zürich: Taschenbuch Heyne 1986.

[2] Vgl. Volmert, Johannes: Grundkurs Sprachwissenschaft. 5. Aufl. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag & Co. KG 2005. S. 207.

[3] Schnelle, Helmut: Die Natur der Sprache: die Dynamik der Prozesse des Sprechens und Verstehens. Berlin: de Gruyter 1991. S. 1.

[4] Vgl.: Schnelle, Helmut: Die Natur der Sprache: die Dynamik der Prozesse des Sprechens und Verstehens. Berlin: de Gruyter 1991. S. 9.

[5] Humboldt, W. v.: Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbauens und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts. In: Wilhelm von Humboldt. Gesammelte Schriften. (Hrg.) Leitzmann, Albert. Berlin: 1907. S. 46.

[6] Buber, Martin, zitiert nach Butzkamm, Wolfgang; Butzkamm, Jürgen: Wie Kinder sprechen lernen. Kindliche Entwicklung und die Sprachlichkeit des Menschen, Tübingen: Francke Verlag 1999. S. 3.

[7] Battacchi, Marco Walter; Suslow, Thomas; Renna, Margherita: Emotion und Sprache. Zur Definition der Emotion und ihren Beziehungen zu kognitiven Prozessen, dem Gedächtnis und der Sprache. Frankfurt am Main: 1996. S.53.

[8] Günther, Britta; Günther, Herbert: Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache: Eine Einführung. Weinheim und Basel: Beltz Verlag 2007. S. 31.

[9] Vgl.: Günther, Britta; Günther, Herbert: Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache: Eine Einführung. Weinheim und Basel: Beltz Verlag 2007. S. 37.

[10] Fiehler, Reinhard; Barden, Birgit; Elstermann, Mechthild; Kraft, Barbara: Eigenschaften gesprochener Sprache. Studien zur Deutschen Sprache: Forschungen des Instituts für Deutsche Sprache. Tübingen: Narr Verlag 2004. S. 113.

[11] Klenn-Delius, Gisela: Spracherwerb. Stuttgart/ Weimar: Metzler Verlag 1999. S. 10.

[12] Vgl.: Klenn-Delius, Gisela: Spracherwerb. Stuttgart/ Weimar: Metzler Verlag 1999. S. 13.

[13] Vgl.: Günther, Britta; Günther, Herbert: Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache: Eine Einführung. Weinheim und Basel: Beltz Verlag 2007. S. 88.

[14] Volmert, Johannes: Grundkurs Sprachwissenschaft. 5. Aufl. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag & Co. KG 2005. S. 207.

[15] Volmert, Johannes: Grundkurs Sprachwissenschaft. 5. Aufl. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag & Co. KG 2005. S. 207.

[16] Volmert, Johannes: Grundkurs Sprachwissenschaft. 5. Aufl. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag & Co. KG 2005. S. 208.

[17] Eckardt, Georg: Kernprobleme in der Geschichte der Psychologie. Wiesbaden: Springer Verlag 2010. S. 130.

[18] Philippi, Jule: Einführung in die generative Grammatik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG. 2008. S. 13.

[19] Vgl.: Philippi, Jule: Einführung in die generative Grammatik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG. 2008. S. 14.

[20] Vgl.: Philippi, Jule: Einführung in die generative Grammatik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG. 2008. S. 14-15.

Details

Seiten
31
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656504610
ISBN (Buch)
9783656504719
Dateigröße
680 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233470
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Deutsche Philologie
Note
1,6
Schlagworte
spracherwerb noam chomsky

Autor

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