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Sparta - Forschung zur Zeit des Nationalsozialismus. Eine Untersuchung über die Relevanz der Arbeiten des Helmut Berve

Hausarbeit (Hauptseminar) 1996 37 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Einführung: Altertumswissenschaft zwischen 1933-1945 in Deutschland
2.1 Die Selbst-Gleichschaltung der dt. Universitäten und das Verhalten der Professoren
2.2 Das NS-Geschichtsbild und seine Auswirkungen auf die Geschichtsforschung 1933-45

3. Helmut Berve
3.1 Helmut Berves Geschichtsauffassung
3.2 Die politische Gesinnung des Helmut Berve
3.3 Der wissenschaftliche Anspruch Helmut Berves
3.4 Forschungsmeinungen zur allgemeinen Beurteilung der Kompetenz des Helmut Berve

4. Sparta
4.1 Vorstellung diverser Artikel Helmut Berves zum Thema Sparta
4.2 Vorstellung des ‘Sparta-Buches’ des Helmut Berve
4.3 Kritische Betrachtung der Auseinandersetzung Helmut Berves mit dem historischen Sparta im ‘Sparta-Buch’ durch Karl Christ
4.4 Eigene Betrachtung und Stellungnahme zum Sparta-Buch des Helmut Berve, bzw.:

Eine Antwort auf Karl Christ

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis und Aufschlüsselung der Fußnoten
6.1 Quellen
6.2 Literatur

7. Bibliographie
7.1 Literatur zum Verhalten der dt. Universitäten 1933-45 (Auswahl)
7.2 Veröffentlichungen Helmut Berves
7.2.1 Werke
7.2.2 Aufsätze und Vorträge
7.2.3 Rezensionen
7.2.4 Lexikonartikel und Nekrologe
7.3 Literatur zu Helmut Berves Leben und Werken

1. Einleitung

Die ernsthafte Auseinandersetzung der Geschichtswissenschaft mit dem Verhalten der eigenen Fachgebiete zur Zeit des Nationalsozialismus ist nicht sehr ausgeprägt. Entweder wird die Beschäftigung mit dieser Problematik insgesamt gemieden und das in einigen Fällen problematische Verhalten mancher Kollegen grundsätzlich ignoriert, oder es findet eine Vorverurteilung aller damaligen Historikergrößen (u.a. Helmut Berve), die in Deutschland tätig waren, statt. Da mir eine derartige Verallgemeinerung unzulässig erscheint, möchte ich mich differenzierter mit der Frage auseinandersetzen, welche Relevanz Helmut Berves Arbeiten zum Thema Sparta für die heutige wissenschaftliche Sparta-Forschung haben können.

Es gilt zum Einen zu untersuchen, ob Helmut Berve seinen Aufgaben mit einer wissenschaftlichen Heran- gehensweise und einem methodischen Anspruch begegnet, der heutigen Normen entspricht; zum Anderen, ob sich dieser Anspruch in seinen Arbeiten tatsächlich widerspiegelt. Zusätzlich ist die politische Situation der Geschichtswissenschaft zu der Zeit als seine Werke entstanden zu beleuchten, da die Einflüsse des Umfeldes für die Arbeit eines Historikers m.E. sehr prägend sein können, bzw. der Versuch sich ihnen zu entziehen beachtet werden muß.

Deshalb soll im zweiten Kapitel eine kurze Einführung in die damalige Situation der Universitäten und speziell der Altertumswissenschaft gegeben werden, die darauf eingeht, welches Geschichtsbild in den Jahren 1933-45 gefördert und welche Beeinflussungen vom NS-Regime ausgeübt wurden.

Im dritten Kapitel findet zunächst eine Ausseinandersetzung mit der allgemeinen Geschichtsauffassung des Helmut Berve statt, so wie sie sich in etlichen seiner Artikel abzeichnet. Dabei wird das Augenmerk vornehmlich auf dem von ihm gesehenen Sinn und Zweck der Auseinandersetzung mit der Antike liegen. Der folgende Unterpunkt gibt einen kurzen Versuch der politischen Einordnung wieder, zu dem von verschiedenen Historikern verfaßte Biographien/Nekrologe herangezogen werden. Daraufhin wird der von Helmut Berve geforderte wissenschaftliche und methodische Anspruch behandelt, wobei (wie im ersten Unterkapitel 3.1) nur Selbstzeugnisse berücksichtigt werden sollen - jedoch direkter als auch indirekter Art, d.h. in Vorwörtern eigener Werke formulierten Bekundungen, sowie aus der Kritik in Rezensionen von Arbeiten anderer Historiker herauslesbare Vorstellungen. Abschließend soll auf die verschiedenen Meinungen bezüglich der Kompetenz und der wissenschaftlichen Bedeutung des Lebenswerkes des Helmut Berve eingegangen werden.

Das vierte Kapitel behandelt direkt das Sparta-Bild Helmut Berves, wobei der Empfehlung Karl Christs, „Denn wie schon Berves erste Rezensenten sahen, können abstrakte Inhaltsangaben seiner ungewöhnlichen Einheit von Aussage und Beschreibung, Wertung und Form nicht gerecht werden, lediglich geschlossene Zitate einen angemessenen Eindruck der Darstellung vermitteln.“1, Folge geleistet wird. Erst werden verschiedene Aussagen Helmut Berves in den diversen Aufsätzen und Rezensionen, die dieses Thema berühren, dargestellt. Dann folgt eine Zusammenfassung der Geschichte Lakedaimons, wie sie im ‘Sparta’-Buch von Helmut Berve geschildert wird. Im Folgenden wird Karl Christs Darstellung des ‘Sparta-Buches’ des Helmut Berve wiedergegeben. Dem möchte ich meine eigene Auffassung gegenüberstellen, indem ich die Kritikpunkte Karl Christs hinterfrage und genauer auf Helmut Berves Umgang mit kritischen Quellenfragen und seine Art der Auseinandersetzung mit den Problemen der lakedaimonischen Gesellschaft eingehe.

Im Fazit werden die gewonnenen Erkenntnisse zusammengestellt und daraus abgeleitet, inwieweit die Nutzung der Werke des Helmut Berve bei der Bearbeitung von Fragen zur Geschichte Spartas sinnvoll sein kann.

Zur Bearbeitung dieser Aufgabenstellung werde ich - im Hinblick auf das Thema sicherlich verständlich - keine antiken Quellen benutzen, aber vornehmlich direkt aus den Arbeiten Helmut Berves selbst Erkenntnisse ziehen. Hinzu kommen noch Rezensionen von Helmut Berves Werken, die anläßlich seines Ablebens von anderen Historikern (A. Heuß, F. Hampl) verfaßten Nekrologe und die Arbeiten Karl Christs. Vor allem in Zusammenhang mit dem zweiten Kapitel nutze ich zudem Monographien und Aufsätze Volker Losemanns, Karin Schönwälders, Horst Möllers, Bruno Reimanns und Reinhard Kühnls. Eine genaue Aufstellung der von mir benutzten Quellen und Literatur findet sich unter Punkt 6 im Literaturverzeichnis, indem auch die Fußnotenkürzel aufgeschlüsselt werden. Den Abschluß bildetet eine Bibliographie, die eine Auswahl der Literatur zur Geschichtswissenschaft der NS-Zeit und zu Helmut Berves Leben und Werken enthält, sowie eine um Vollständigkeit bemühte Aufstellung sämtlicher Veröffentlichungen Helmut Berves. Sie wurde mit Hilfe des Fußnotenapperates der verwendeten Literatur und unter Nutzung der ‘International bibliography of historical science, Bd. 1 (1925) - Bd. 44 (1980), Waschington u.a. 1926 - 1984’ erstellt.

2. Zur Einführung: Altertumswissenschaft zwischen 1933-1945 in Deutschland

2.1 Die ‘Selbst-Gleichschaltung’ der dt. Universitäten und das Verhalten der Professoren

Die kritische Aufarbeitung des Verhaltens der Geschichtswissenschaft zur Zeit des Nationalsozialismus ist bestenfalls als dürftig zu bezeichnen. Erst Mitte der 60er Jahre kam es - nach heftigen Forderungen von Seiten der Studentenschaft - zu einer Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex. Aber noch immer überwiegen in der geschichtlichen Selbsterforschung der deutschen Universitäten von 1933 bis 1945 Ausklammerung, Verdrängung und beschönigende Interpretation, wie es auch B. W. Reimann in seinem Aufsatz ‘Die «Selbst-Gleichschaltung» der Universitäten’ bemängelt.2 Er sieht den Grund hierfür darin, daß die Universitäten relativ konservative Institutionen darstellen, deren Selbstbild von Verfolgung altehrwürdiger Traditionen durch realistische Betrachtung dieser Traditionen getrübt würde.3

Die eigentliche Frage, ob es sich bei der Gleichschaltung der Universitäten unter der NS-Diktatur um eine Gleichschaltung durch Regressionsmaßnahmen des NS-Regimes oder eher um einen Akt der inneren ‘Selbst- Gleichschaltung’ handelte, ist in der Forschung heute kaum noch umstritten. Fast alle Wissenschaftler, die sich ernsthaft damit auseinandersetzten, kamen zu dem Ergebnis, daß beide Aspekte eine Rolle spielten. Es existieren verschiedene Erklärungsansätze, wie es zu der ‘Selbst-Gleichschaltung’ kam, sie unterscheiden sich jedoch hauptsächlich in Bezug auf die Gewichtung der einzelnen Faktoren. So beschreibt Horst Möller in seinem Aufsatz ‘Nationalsozialistische Wissenschaftsideologie’, wie „[d]ie Nationalsozialisten versuchten ihre Wissenschaftsideologie mit einer ganzen Reihe organisatorischer Maßnahmen durchzusetzen“4. Einige der Maßnahmen (‘Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums’ vom April 1933; die neue ‘Rehabilitationsordnung’ vom Dez. 1934) erläutert er beispielhaft und kommt im Fazit zu dem Schluß: „Daß eine ganze Reihe dieser Gängelungsmaßnahmen erfolgreich sein konnte, lag allerdings nicht ausschließlich an der Gewaltsamkeit mit der das Regime vorging, [...]. Es lag auch [unterstr. vom Verf. dieser Arbeit] daran, daß sich der Nationalsozialismus der Verführung bediente, daß ideologische Anfälligkeit in großen Teilen des Lehrkörpers, die der Weimarer Republik ablehnend bis feindlich gegenübergestanden hatten, die nationalsozialistische Revolution mit konservativer Restauration verwechselte [...].“5 Dem zweiten Teil würde sich Reinhard Kühnl sicherlich anschließen, da er zwar davon ausgeht, „[...] daß die meisten Historiker keine Nationalsozialisten in einem engeren parteipolitischen oder rassenideologischen Sinn gewesen sind“6, aber es unzweifelhaft so ist, daß gerade die Historiker „[...] den Boden bereiten halfen, auf dem der Faschismus gedeihen konnte.“7 Volker Losemann dagegen verfolgt in seinem Buch ‘Nationalsozialismus und Antike’ einen anderen Gedankengang. Er versucht nachzuweisen, daß die Regressionsmaßnahmen des NS-Regimes zwar dazu führten, daß oberflächlich ihren Forderungen entsprochen ( z.B. Teilnahme an weltanschaulich-politischen Schulungen während der akademischen Laufbahn; oberflächliche Anpassung der Formulierungen und Fragestellungen der Veröffentlichungen), die Substanz der wissenschaftlichen Arbeit dadurch aber höchstens am Rande berührt wurde.8 So findet er in den Schriften jener Zeit sowohl Ausdrucksformen im Sinne der Parolen der NS- Geschichtsideologen, als auch „[...] Zeugnisse unbeirrten Festhaltens an den unverzichtbaren Normen wissenschaftlichen Arbeitens.“9 Dieses entspricht auch der Grundtendenz in Karin Schönwälders Untersuchung ‘Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus’, deren Aufgabe es daher nicht sein konnte, die Kontinuität wissenschaftlichen Forschens in Frage zu stellen, sondern die Bedeutung der damals veröffentlichen Äußerungen der Historiker für die Legitimation des nationalsozialistischen Herrschaftssystems genauer zu betrachten.10

2.2 Das NS-Geschichtsbild und seine Auswirkungen auf die Geschichtsforschung 1933-45

Karin Schönwälder geht davon aus, daß es zur Zeit des Nationalsozialismus kein real vorhandenes Konzept - im Sinne eines logisch zusammenhängenden Systems - zur völligen inhaltlichen Neugestaltung der Geschichts- wissenschaft gab.11 Dennoch kann sie einige Charakteristika der nationalsozialistischen Geschichtsauffassung nennen, die zwar selten gemeinsam in einem Text auftreten, aber nichtsdestotrotz typisch für die Schriften jener Zeit waren: „[...] eine simplifizierende Gesamtschau der Geschichte als Entwicklung hin zum national- sozialistischen Reich, die Betrachtung der Weltgeschichte als Lebenskampf von Rassen um Raum, die generelle Idealisierung von Kampf und Krieg, der Chauvinismus und die Hierachisierung der Völkerbeziehungen bis hin zur Auffassung von einem - bedingt durch die Rasse - unterschiedlichen bzw. erst durch Kampf zu erwerbenden Lebensrecht und des Vorranges einer deutschen ‘Herrenrasse’, die Verknüpfung des ‘Ostens’ mit Bedrohung, minderwertigen Völkern und Eroberungsraum, die Verherrlichung der Macht, des Machtstaates und der ‘Führer’ und schließlich der Voluntarismus in der Bestimmung geschichtswirksamer Kräfte.“12

Volker Losemann dagegen geht ausführlich auf das große Interesse Adolf Hitlers an der Antike ein, die in ‘des Führers Vorstellungswelt’ ein dauerhaftes Element darstellte und zu einer Prägung des NS-Geschichtsbildes führte. So kann man aus Adolf Hitlers Buch ‘Mein Kampf’ einiges über sein Verständnis der Kulturgeschichte erfahren, welches er durch die Geschichtswissenschaft bestätigt wissen wollte: Der Arier ist der Kulturbegründer, von dem der Anstoß zu allen kulturellen Schöpfungen ausging. Er unterwarf fremde Völker, ‘deren Menschen niederer Art’ waren, und brachte ihnen die Kultur, die immer nur geringfügig an die Verhältnisse des gerade eroberten Gebietes angepaßt wurde, und so zumindest im Wesentlichen erhalten blieb. Zum Niedergang der Kulturen kam es erst, wenn die Eroberer nachlässig in der Unterscheidung zwischen sich und den Unterworfenen wurden und so eine Vermischung eintrat. ‘Reinhaltung des Blutes’ war also die Hauptvoraussetzung für das Bestehen eines Reiches.13 An anderer Stelle stellt Volker Losemann dar, wie unbrauchbar diese ‘Lehren der Antike’ - welche zudem schon Hitler, Rosenberg und Himmler in uneinheitlicher Weise erkannten - für ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen waren. Seiner Meinung nach begnügten sich die Wissenschaftler z.gr.T. daher mit eindeutigen Bekenntnissen zum Nationalsozialismus in ihren repräsentativen Auftritten, während ihre Arbeiten, abgesehen von der Übertragung grobmaschiger Interpretationsmuster der NS-Ideologie, größtenteils unbeeinflußt blieben.14

3. Helmut Berve

3.1 Helmut Berves Geschichtsauffassung

Helmut Berve sieht die Antike als eine ‘gemeinsame Lehmeisterin’ aller europäischen Menschen , da „[..] sie alle teilhaben an jenem abendländischen Geist, der in Hellas geboren von Rom weitergetragen und dem Westen über- mittelt wurde [...]“15. Seiner Meinung nach ist „[...] die Beschäftigung mit der antiken Geschichte von großem praktischen Nutzen und hohem bildenden Werte [...]“16, denn „[w]ohl scheinen dem flüchtigen Blick andere historische Bezirke gegenwartsnäher, doch gewahrt das tiefer dringende Auge bald, daß keine Periode der Geschichte so klar und reich einer jeden Zeit auf ihre großen Lebensfragen Antwort zu geben vermag wie die seit anderthalb Jahrtausenden versunkene Welt der Antike, in der die Grundprobleme der europäischen Menschheit nicht bloß aufgeworfen, sondern bis zum guten oder schlimmen Ende durchgekämpft worden sind.“17 Auf diese Weise können wir „[...] Gleichzeitiges schauen, aber über unseren Daseinspunkt hinaus in der Zukunft seiner Entwicklung.“18

Mit dem reinen Schauen will sich Helmut Berve allerdings nicht zufrieden geben. Er fordert die Stärkung der humanistischen Bildung. Diese Forderung kommt vor allem in seinem Aufsatz ‘Antike und nationalsozialistischer Staat’ zum Ausdruck, in dem er zunächst aufführt, welche Werte in den Bereichen Rassegedanke, Sport, Kunst und Zucht die Antike zu bieten hat und dann zu folgendem Schluß kommt : „Echte humanistische Bildung erzieht nicht zum Individualisten, zum geistigen Privatmann, sondern zum politischen Menschen - [...] - und überhaupt zu Einordnung in Form und Gesetz. Sie erzieht, wenn sie richtig betrieben wird, zu den Tugenden, die der nationalsozialistische Staat braucht.“19 Die Geschichte ist für Helmut Berve folglich nicht bloßes Anschauungsmaterial, sondern nacheiferwürdiges Vorbild.

3.2 Die politische Gesinnung Helmut Berves

Die politische Gesinnung des Helmut Berve aus seinen Taten und Schriften zur Zeit des Nationalsozialismus herauszulesen, ist ein schwieriges Unterfangen, denn wie es Volker Losemann treffend ausdrückt, läßt es sich im Einzelfall nur schwer abschätzen, „[i]n welchem genauen Verhältnis hier opportunistische Überlegungen und tatsächliche Überzeugung zueinanderstehen [...].“20

Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen ist Alfred Heuß überzeugt, daß Helmut Berve dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber stand, aber - wie so viele andere auch - der Illusion erlag, „[...] sich und die von ihm vertretene Sache nur unter Signalisierung eines positiven Verhältnisses zu ihm [dem Nationalsozialismus] behaupten zu können“21. So wurde Helmut Berve schon im April 1933 Mitglied der NSDAP22. Ähnliches gilt vermutlich auch für seine Unterschrift unter das ‘Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat’23, welches von den meisten seiner Kollegen unterschrieben wurde, sowie für sein Engagement im Bereich ‘Kriegseinsatz der Altertumswissenschaften’. Daß er den Rektorposten in Leipzig nicht aufgrund seiner politischen Gesinnung, sondern in Folge seiner wissen- schaftlichen Arbeit erhalten haben muß, wird an Hand seiner Berufung nach München deutlich, in deren Verlauf sich die Parteiinstanzen deutlich gegen ihn als Kandidaten aussprachen.24 Wie man den Ausführungen Alfred Heuß entnehmen kann, brachte ihn gerade das Rektorat - welches ihm so oft als Beweis seines guten Verhältnisses mit der NSDAP angelastet wird - in Konflikt mit der Partei, da er es vermochte die Leipziger Volkshochschule größtenteils von Indoktrination zu bewahren, kompetente Professoren trotz aller politischer Bedenken berief und sogar ein Kolloquium einrichtete, in dem eine für damalige Verhältnisse liberale Atmosphäre herrschte.25

Wenn sich in Helmut Berves Veröffentlichungen etliche Passagen finden, deren Phrasen der NS-Ideologie entsprechen (z.B. „[...] der wachgewordene Rasseinstinkt unseres Volkes läßt die beiden Völker der Antike, jedes in seiner Weise, als unseres Blutes und unserer Art empfinden; er schließt sie in den Kreis seiner Wesens- verwandtschaft ein.“26 ; „Geistige Schulung, so wie sie heute gewollt und gebraucht wird, Z uc h t nämlich, des allzu zuchtlos gewordenen Geistes zu Klarheit, Ordnung, Haltung und Form [...]“27 und „Wie stets in der Geschichte hat auch hier die den traditionellen Mächten abgerungene Anteilnahme des gesamten, bewußtgewordenen Volkes am Staate aus dem Volk, [...], eine Nation gemacht“28 ), kann es sich dabei durchaus um die Reaktion eines übervorsichtigen Wissenschaftlers auf die Zeichen seiner Zeit handeln. Ausschlaggebend für die Bestimmung seiner Gesinnung können daher nur Zeugnisse der Personen sein, die ihn persönlich kannten und keine Zweifel an seiner Integrität hatten29, als auch offizielle Beurteilungen von Seiten der Partei. So findet sich in den Aufzeichnungen des Kulturpolitischen Archivs folgende Äußerung zu seiner Person und Arbeit:

‘weltanschaulich nicht eindeutig und klar’30

3.3 Der wissenschaftliche Anspruch Helmut Berves

Helmut Berve, der eine starke Verbundenheit mit der antiken Welt der Griechen und Römer empfindet und darin eine wichtige Voraussetzung für seine Arbeit sieht („[...] daß der Mensch nur erkennen kann was er liebt.“31 ), distanziert sich deutlich von denjenigen seiner Kollegen, die versuchen die Bewegungen der Gegenwart um jeden Preis in die Entwicklungen der Antike hinein zu interpretieren („Denn es bedarf keines Beweises, daß die Beschäftigung mit Geschichte Sinn und Wert verlieren würde, wenn sie im Vergangenen nur Gegenwärtiges wiederfinden oder gar von Natur Fremdartiges dem eigenen Wesen anähneln wollte.“32 ) oder zu grob simpli- fizieren („[...] denn so einfach, daß alles Positive indogermanisch oder gar, wie man vielfach sehr unbekümmert sagt, nordisch sei, während alles andere etwa der Mittelmeerrasse angehöre, liegen die Dinge wahrlich nicht.“33 ).

Stattdessen fordert er, daß man sich zu aktuellen Fragen und Problemen an die Geschichte wenden sollte, „[...] ohne ihr bestimmte, uns genehme Antworten in den Mund zu legen, vielmehr überzeugt, daß sie selbst sprechen muß, so wie sie wirklich war, und daß des Geschichtsforschers Aufgabe nur sein kann, sie in ihrer wahren Eigenart zum Worte kommen zu lassen.“34 Sein Ziel ist es, „[...] gerade deshalb, weil die Fragestellung unserer Gegenwart entstammt, nicht billig zu aktualisieren, sondern ihre geschichtliche Einmaligkeit herauszustellen [...]“.35

Aus diesen Gründen lobt er die Versuche, die „[...] sich durch ein ernstes Streben nach tiefer Einfühlung in den Gegenstand auzeichnen und rationale Kritik mit feinem historischen Empfinden [...] verbinden“36 und verdammt die, die einfach vom modernen Standpunkt aus aburteilen.37

Die Gefahr der ‘Vergewaltigung’ historischer Erscheinungen, sieht er neben der obenerwähnten ‘Modernisierung’ noch durch zwei weitere Ursachen auslösbar: Zum Einen durch vorgefaßte Meinungen, welche zu einseitigen Interpretationen der Quellen und zu wertenden Äußerungen in der Darstellung führen38, zum Anderen durch die gezielte Belegung allgemeingültiger Ideen durch ‘reales Geschehen’39.

Während er einerseits die leichtfertige Haltung einiger seiner Kollegen in quellenkritischen Fragen kritisiert, da sie entweder Anekdoten und Mythen - ohne sie als solche zu kennzeichnen - in die Darstellung mit aufnehmen40 oder antike Zeugnisse wahllos und ohne die gebührende Vorsicht und Auswertung benutzen41, rät er andererseits von allzu radikalem Skeptizismus ab. Die quellenkritische Methode für die Bearbeitung historischer Ereignisse für unerläßlich haltend, warnt er vor Übereifer, denn wirklich radikal betriebener Skeptizismus führt konsequenterweise zum Verbot jeglichen positiven Bildes.42

Er selbst versucht die beschriebenen methodischen Fehler zu vermeiden und zudem nicht nur der Dürftigkeit der überlieferten Quellen gerecht zu werden, die leicht zu haltlosen Konstruktionen verleitet43, sondern auch der Tatsache, daß man bei den überlieferten antiken Zeugnissen zusätzlich den Blickwinkel der Autoren im Auge behalten sollte, der sich durch Einseitigkeit und fehlende Detailkenntnis bemerkbar macht.44

3 .4 Forschungsmeinungen zur allgemeinen Beurteilung der Kompetenz des Helmut Berve

Die fachliche Kompetenz des Helmut Berve wird allgemein anerkannt. Schon die gedruckte Zusammenfassung seiner Dissertation stellte für eine Erstlingsarbeit eine ungewöhnliche Leistung dar, die von breiten Kreisen gewürdigt wurde.45 Die auf seine Studien aufbauende zweibändige Habilitationsschrift ‘Das Alexanderreich auf prosopographischer Grundlage’ ist - zumindest nach den Erfahrungen von Alfred Heuß und Karl Christ - ein bis heute unentbehrliches und fundamentales Werk für jede vertiefte Beschäftigung mit jener Epoche, da sich in ihr mit höchster Akribie und Ausdauer bewältigte Quellenarbeit findet.46 Damit hat Helmut Berve gezeigt, daß er zu sorgfältiger und anspruchsvoller Vorgehensweise fähig und gewillt war, die sich auch in seiner Tätigkeit als Professor in Leipzig niederschlug, da er selbst die Ausarbeitung seiner Vorlesungen (mit genauen Quellen- und Zitatangaben) außerordentlich ernst nahm und hohe Anforderungen in Bezug auf Sauberkeit der Methodik an seine Studenten stellte.47

Seine 1931-1933 erschienen Bücher zu ‘Griechischer Geschichte’ fanden keine so einhellige Zustimmung in der Fachwelt wie seine Erstlingswerke. So schreibt zwar Franz Hampl: „Kaum je vorher und nachher erschien eine Darstellung der Geschichte der alten Griechen, in der die wissenschaftliche Durchdringung des Stoffes mit einem so glänzenden Stil, der auch dem Außenstehenden die Lektüre des Werkes zu einem Erlebnis machte, gepaart war.“48 und auch Alfred Heuß lobt diese ‘Griechische Geschichte’.49 Doch Johannes Hasebroek kritisiert, daß sich Helmut Berve bei dem Bemühen die Einmaligkeit der Griechen herauszuarbeiten, allzu oft in Gemeinplätzen verliert, ohne zum Wesentlichen vorzudringen, und zu viel unbegründet hineininterpretiert.50 Dementsprechend führt Karl Christ aus, daß Helmut Berve es in diesem Werk nicht schafft seinen eigenen hohen Ansprüchen (siehe Kapitel 3.3) zu entsprechen.51

Seine anderen Arbeiten der Leipziger Zeit (mit Ausnahme der eher populärwissenschaftlichen Schriften ‘Sparta’ und ‘Thukydides’) stießen wieder auf allgemeine Anerkennung, da es sich bei ihnen um anspruchsvolle Arbeiten mit umfassender quellenkritischer Fundierung und größtenteils nüchterner Herangehensweise handelte, wenn auch Berves Argumentationsgang im ‘Kaiser Augustus’ zu Kontroversen führte.52

Helmut Berves letzte große Arbeit, das zweibändige Werk ‘Die Tyrannis bei den Griechen’, basierte wieder auf der rein prosopographischen Methode und verfolgte den Anspruch der Vollständigkeit. Es wurde - wie seine Studie zu Alexander dem Großen - zu einem unersetzlichen, zuverlässigen Instrument der althistorischen Disziplin.53

[...]


1 CHRIST I, S. 142

2 REIMANN, 38

3 ebd., 39

4 MÖLLER, S. 71

5 MÖLLER, S. 74

6 KÜHNL, S. 104

7 ebd., S. 104

8 LOSEMANN, S. 84 f. u. 174 ff.

9 LOSEMANN, S. 178

10 SCHÖNWÄLDER, S. 82

11 ebd., S. 82

12 SCHÖNWÄLDER, S. 81

13 LOSEMANN, S. 18

14 ebd., S.174 ff.

15 BERVE A III, S. 720

16 BERVE A II, S. 259

17 BERVE W II, S. 5

18 BERVE A II, S. 258 mit Bezug auf Spengler

19 BERVE A II, S. 270

20 LOSEMANN, S. 179

21 HEUSS, S. 784

22 SCHÖNWÄLDER, S. 24

23 ebd., S. 40 (mit Bezug auf einen Beitrag von Gauobmann A.Göpfert)

24 LOSEMANN, S. 80 f.

25 HEUSS, S. 785

26 BERVE W II, S. 6 f.

27 BERVE A II, S.270

28 BERVE A I, S. 204

29 HEUSS, S. 784

30 LOSEMANN, S. 80

31 Berve-Zitat gefunden in CHRIST I, S.169

32 BERVE A III, S. 720

33 BERVE A II, S. 268

34 BERVE A III, S. 720

35 BERVE W II, S. 10

36 Helmut Berve: Ehrenberg: Neugründer des Staates: Ein Beitrag zur Geschichte Spartas und Athens im VI. Jahrhundert, Gnomon 1 (1925), S. 21

37 Helmut Berve: Forrest: A History of Sparta 950 - 192 B.C., Gnomon 44 (1972), S. 726

38 ebd.

39 Helmut Berve: Ehrenberg: Neugründer des Staates. Ein Beitrag zur Geschichte Spartas und Athens im VI. Jahrhundert, Gnomon 1 (1925)

40 Helmut Berve: Lorenz: Alexander der Große. Bildnis eines Führers und Menschen, Gnomon 14 (1938), S. 54

41 Helmut Berve: Sieglin: Die blonden Haare der indogermanischen Völker des Altertums, Gnomon 13 (1937), S. 571-573

42 Berve, Helmut: 1. Meier: Das Wesen der spartanischen Staatsordnung, 2. John: Vom Werden des spartanischen Staatsgedankens, 3. Lüdemann: Sparta. Lebensordnung und Schicksal, 4. Roussel: Sparta, Gnomon 17 (1941), S. 2

43 ebd., S. 3

44 BERVE A I, S. 195

45 CHRIST I, S. 126 f.

46 ebd. I, S. 127 ff. und HEUSS, S. 779 f.

47 HAMPL, S. 413 f.

48 ebd., S. 414

49 HEUSS, S. 781 f.

50 HASEBROEK, S. 344 ff.

51 CHRIST, S. 147

52 ebd., S. 153 und 158 ff.

53 CHRIST I, S. 181 f. und HEUSS, S. 786 f.

Details

Seiten
37
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783638264754
Dateigröße
696 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23333
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Geschichte
Note
1
Schlagworte
Sparta Forschung Zeit Nationalsozialismus Eine Untersuchung Relevanz Arbeiten Helmut Berve

Autor

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Titel: Sparta - Forschung zur Zeit des Nationalsozialismus. Eine Untersuchung über die Relevanz der Arbeiten des Helmut Berve