Lade Inhalt...

Migrationserfahrungen Deutscher in Österreich

Eine qualitative Studie unter Verwendung der Grounded Theory

von Heinz Piwonka (Autor) Tina Hunstorfer (Autor)

Wissenschaftliche Studie 2013 32 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Theoretischer Forschungsstand

3. Methode

4. Ergebnisse
4.1 Zentrales Modell
4.2 Bedingungsmatrix nach Strauss/Corbin
4.3 Thesen, Fazit und Theorie
4.4 Reflexion des Forschungsprozesses

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang: Offenes Kodieren Gesamt

Tabellenverzeichnis:

Tabelle 1 (finales, axiales Modell)

Tabelle 2 (Bedingungsmatrix)

1. Einleitung

Im Seminar Qualitative Methoden: Grounded Theory an der Universität Wien haben sich die AutorInnen dieser Studie im Sommersemester 2013 mit ebendieser Methode beschäftigt. In unserer Forschungsarbeit, die auf sechs narrativen und problemzentrierten Interviews besteht, haben wir nach der Methode von Anselm Strauss und Juliet Corbin bzw. vereinzelt nach Kathy Charmaz gearbeitet. In den ersten Seminareinheiten wurden neben theoretischen Vorbereitungen auch Arbeitsgruppen gebildet. Ausschlaggebend für die Gruppenbildung waren die Interessensgebiete der Personen. Ein Forschungsthema wurde gruppenintern bestimmt, im Laufe des Seminars bearbeitet und dann in der hier vorliegenden Seminararbeit verschriftlicht. Das Forschungsthema, das uns in dieser Konstellation zusammenführte war die Migration. Innerhalb dieses großen Feldes versuchten wir eine Forschungslücke zu finden, die uns die Möglichkeit bieten würde, neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Die Auswahl fiel auf „Deutsche MigrantInnen in Österreich“, da dieses Thema noch wenig erforscht ist. Deutsche MigrantInnen stellen außerdem die größte Gruppe an EinwanderInnen in Österreich dar (vgl. Statistik Austria 2012). Ein weiterer Faktor, der für die Auswahl unserer Zielgruppe sprach, war, dass wir als Studierende der Universität Wien im Alltag viel Kontakt mit deutschen MigrantInnen haben. Achtundreißig (38) Prozent der Studierenden in Österreich hatten im Wintersemester 2011/12 eine deutsche Staatsbürgerschaft (vgl. Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen 2012). Das Thema „Deutsche in Österreich“ wurde als sehr relevant für die Migrationsforschung eingestuft, der Zugang zum Forschungsfeld stellte sich unkompliziert dar. Die Begründung für diese Themenauswahl liegt also eindeutig in ihrer Aktualität, Zugänglichkeit, aber auch daran, dass dieses Thema in der bisherigen Migrationsforschung noch wenig erschöpfend behandelt wurde. Die eindeutigen Vorteile, die durch eine qualitative Studie erreicht werden, sind in den konkreten, persönlichen Erfahrungen der Personen, sowie deren Einflüsse und Auswirkungen auf die Biographien der Menschen zu sehen.

Begriffsdefinition

In dieser Forschungsarbeit haben wir uns auf die Untersuchung von Migration geeinigt, die der folgenden Definition entspricht:

„In den Sozialwissenschaften werden unter dem Begriff der Migration allgemein solche Bewegungen von Personen oder Personengruppen im Raum (spatial movement) verstanden, die einen dauerhaften Wohnortwechsel (permanent change of residence) bedingen.“ (Han 2010: 6)

In der Migrationsforschung werden verschiedene Formen der Migration unterschieden. Der Gegenstand vorliegender Arbeit ist die „internationale Migration“ (Han 2010: 8). Diese Form der Migration findet dann statt, wenn der/die MigrantIn eine Verlegung des Wohnsitzes dauerhaft oder vorübergehend zwischen den Nationalstaaten vollzieht (vgl. Heer 1992: 984; Kruse 1961: 503 In: Han 2010: 8). Die Auswahl der InterviewpartnerInnen für dieses Projekt erfolgte ausschließlich nach dem Kriterium des deutschen Migrationshintergrundes. Es wurde kein Wert auf die aktuelle Staatsbürgerschaft, Alter, Bildung, Familienstand oder Erwerbsstatus der Personen gelegt.

Forschungsfrage und Forschungsverlauf

Basierend auf dem Alltagswissen, der theoretischen Sensibilität und persönlichen Migrationserfahrungen der AutorInnen erfolgte die Annahme, dass MigrantInnen immer wieder von Diskriminierungen betroffen sind. Daher wurde im Team beschlossen, die Forschungsfrage vorerst in diese Richtung zu formulieren. Somit ergibt sich eine erste Fragestellung: nehmen deutsche MigrantInnen in Österreich eine Diskriminierung auf Grund ihrer Herkunft wahr?

Mit dieser anfänglichen Forschungsfrage wurde jedoch zu sehr auf einen bestimmten Aspekt bzw. eine Folge der Migration fokussiert. Natürlich waren wir uns im Vorhinein darüber bewusst, dass sich diese erste Forschungsfrage im Laufe der Untersuchung ändern kann, wenn das Phänomen „Diskriminierung“ nicht der Relevanzsetzung der InterviewpartnerInnen entspricht. Tatsächlich stellte sich schon während der ersten Interviews heraus, dass die Diskriminierung für die befragten Personen ein nur wenig relevantes Thema war. Vielmehr wurden die persönlichen Migrationsmotive von den InterviewpartnerInnen ins Zentrum gestellt. Daher wurde die Forschungsfrage folgendermaßen umformuliert: welche persönlichen Erfahrungen haben deutsche MigrantInnen gemacht? Den interessierten LeserInnen werden in dieser Studie auch ein theoretischer Background, sowie methodische Details der Grounded Theory geboten.

2. Theoretischer Forschungsstand

Populistisch ausgedrückt ist jede Person „ein Fremder“, außer im Herkunftsland. Manchmal aber auch dort. Dies legt nahe, dass man es nicht nur mit einem politischen, sondern einem sozialen Phänomen zu tun hat, das unserer Gesellschaft immanent ist. Was macht also diesen „Fremden“ aus? Der renommierte Soziologe Georg Simmel sieht das Wandern als Gelöstheit von jedem gegebenen Raumpunkt und charakterisiert im Unterschied zum Gast „den Fremden“ als jemand, der heute kommt und morgen bleibt. Somit werden die Fremden zum Teil der Gruppe selbst (vgl. Simmel 1992: 764ff). Nach Definition der UN sind internationale MigrantInnen: „any person, who changes his or her country of usual residence“ (UN 1998). Diese internationale Migration ist mehr als eine physische Neuansiedlung und bedeutet für die Betroffenen auch einen Wechsel der rechtlichen Position, die mit einer Neudefinition der Zugehörigkeit und einem Ausschluss aus einer Gesellschaft verbunden ist (vgl. Parnreiter 2000: 34).

Das Thema der Migration ist seit langem wesentlicher Bestandteil der Sozialforschung, bietet jedoch nach wie vor ein breites Betätigungsfeld. Häufig beschäftigen sich Studien mit Arbeitsmigration. Eine in Deutschland durchgeführte Studie kommt zu dem Schluss, dass viele MigrantInnen in der Regel über geringere Bildungsabschlüsse verfügen, aus unteren Einkommensschichten kommen und oft sprachliche Barrieren im Zielland zu überwinden haben (vgl. Bender/Seifert 1996: 492f). Kurz gesagt, sie verfügen über geringeres Humankapital und geringeren, sozialen Status im Vergleich zur einheimischen Population. Die Theorie der Arbeitsmarktsegmentation nimmt primär an, dass MigrantInnen auf Grund von Vorurteilen qualifizierte Segmente des Arbeitsmarktes systematisch verschlossen bleiben und nur Zugang zu unstrukturierten Beschäftigungssegmenten finden. Diese kennzeichnen sich durch schlechte Bezahlung, geringe Beschäftigungsstabilität und schlechte Arbeitsbedingungen. Dabei sind Frauen deutlich schlechter gestellt als Männer (vgl. ebda: 474). Zum selben Ergebnis kommt eine Untersuchung zum Thema Vorurteile und Diskriminierung, die den sozialen Status der MigrantInnen wesentlich niedriger ansetzt, als den der Einheimischen (vgl. Han 2010: 293). Entgegen dieser Erkenntnisse kommt eine andere Studie zu dem Schluss, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts hauptsächlich Dienstleistungsbeschäftigte aus verschiedenen Regionen Europas nach Deutschland migrieren, die oft auch hohe Qualifikationen mitbringen (vgl. Verwiebe/Müller 2006: 96). Abgesehen von den teilweise unterschiedlichen Ergebnissen, die ihre Ursache in verschiedenen, untersuchten MigrantInnengruppen haben, wird eine wesentliche Forschungslücke deutlich: das empirisch untersuchte Gebiet ist die Bundesrepublik Deutschland. Wie sieht aber die Auswanderung Deutscher nach Österreich aus? Nicht nur, dass ähnliche Studien mit Österreichbezug schwer zu finden sind (vor allem in der qualitativen Sozialforschung), auch die MigrantInnengruppe der Deutschen hat ihre Spezifika, denen Rechnung getragen werden muss. Allgemein wird ihnen im Gegensatz zu MigrantInnen aus Süd-Ost-Europa ein höheres Bildungsniveau und mehr kulturelle Nähe zu Österreich unterstellt. Auch sprachliche Barrieren sollten aufgrund einer gemeinsamen Sprache (gibt es die tatsächlich?) wegfallen. Somit ist anzunehmen, dass sich strukturelle und integrative Bedingungen, die deutsche MigrantInnen in Österreich vorfinden von anderen MigrantInnengruppen unterscheiden, was sich in den Migrationserfahrungen der Personen niederschlagen müsste, jedoch in dieser Arbeit keinen Fokus darstellt und weiteren Forschungsarbeiten vorbehalten bleibt.

Im Hinblick auf Wanderungsgründe von Personen bestehen ebenfalls mehrere Theorien. Während neuere Ansätze (Theorie des dualen Arbeitsmarktes, Weltsystemtheorie) versuchen, Migrationsmotive mit erhöhtem Statuserwerb im Zielland bzw. mit einer fortschreitenden Globalisierung zu begründen, bleibt die neoklassische Ökonomie mit ihrem Erklärungsmodell der Ungleichzeitigkeit von Angebot und Nachfrage weit verbreitet (vgl. Parnreiter 2000: 27). Zusätzlich bestimmen Faktoren wie räumliche Distanz, Stadt-Land-Verhältnis, technologischer Standard und vor allem die Dominanz ökonomischer Motive eine Rolle (vgl. Ravenstein 1889 zit. n. Lee 1966: 48). Den Herkunftsländern werden Push-Faktoren wie etwa schlechte Arbeitsmarkt- bzw. Studienchancen oder eine politisch instabile Lage zugeordnet, welche in den Zielländern in positiver Ausprägung als Pull-Faktoren angesehen werden. Eine vor allem qualitativ angelegte, empirisch-prospektive Studie über qualifizierte, deutsche MigrantInnen in Europa kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass ökonomische Motive bei der Auswanderung führend sind. Dagegen spielen soziale Netzwerke eine sekundäre Rolle (vgl. Verwiebe et. al. 2010: 273). Aus dieser Studie wird ebenfalls deutlich, dass die Anzahl der Deutschen ImmigrantInnen in Österreich im Zeitraum von 1985 bis 2007 stetig anstieg, was einen wesentlichen Grund zur gegenständlichen Studie darstellt. Eine interviewte Person, die von Deutschland nach Österreich migriert, unterstellt, dass die Mentalität in Österreich der deutschen sehr ähnlich sei (vgl. ebda: 284). Offen bleibt eine detaillierte, qualitativ-retrospektive Analyse. Wie empfinden das Personen nachdem sie nach Österreich immigriert sind? Lässt sich diese Erwartungshaltung aufrecht erhalten? Welche sonstigen Migrationsgründe gibt es noch? Welche Erfahrungen haben in Österreich lebende Deutsche gemacht?

Diese offenen Fragen haben das Autorenteam in der Wahl des Forschungsgegenstandes geleitet und sensibilisiert, ohne dabei den explorativen Charakter gegenständlicher Studie zu vernachlässigen.

[...]

Details

Seiten
32
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656496854
ISBN (Buch)
9783656497172
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233296
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Grounded Theory GT Deutsche Österreich Piwonka Hunstorfer Migration qualitative Sozialforschung Strauss Corbin Charmaz Migranten Interviews narrative problemzentrierte Migrationserfahrungen Bedingungsmatrix Soziologie qualitative Sozialforschung europäische Migration internationale Migration Heinz Tina qualitative Studie Methode methodologisch

Autoren

Teilen

Zurück

Titel: Migrationserfahrungen Deutscher in Österreich